Frauen an die Macht

Für eine neue Bau- und Wohnpolitik

Die *Innen

Wie ich mir die Realität hinterm Sternchen vorstelle

Nichts geht, noch immer kein Biergarten, kein Freibad, kein Kino, kein Theater, aber es wird gebaut und gewerkelt, was das Zeug hält. In Hausen ist der Boden offen; da gibt’s ein ganz neues Wohngebiet am Ortsanfang. Es ist nicht die Sahneschnitte unter den Wohnlagen, nicht wie am Klosterbach ein Stück Natur, um welches das Herz blutet, aber weh tut´s allemal. Das Flächenversiegeln ist ein weiterer Teil Fußabdruck, der ohnehin schon viel zu groß ist, ein Stempel ´Mensch´. Mensch versus Natur. Gestern spazieren gewesen in der Stadt, Richtung Tannstraße hoch, Stadtrand, „Speckgürtel“, manche mögen´s appetitlich finden. Ich weiß nicht – Schottervorgärten und gestutzte Buchsbäume, Rindenmulch mit traurig grünen Einsprengseln. Es ist schon viel, wenn in einem eng begrenzten, ausgesuchten Rasenabteil ein paar Gänseblümchen blühen dürfen. Dafür Dekozeug vor der Tür, an dem noch unsichtbar das Preisschild hängt – „teuer“. Gruslig. Ich würde Schottergärten auch verbieten. Was soll das denn? Wer keine Lust auf Garten hat, wäre mit einer schicken Eigentumswohnung doch besser bedient. Diese Haltung „hier Mensch-dort Natur, dort Tier“, die haut halt nicht hin.

Wir müssen unseren Platz teilen und der Natur ihren berechtigten Raum geben. Ich habe schon lange nicht mehr ´grün´ gewählt; mir sind die Grünen viel zu konservativ und selbstgerecht geworden, dabei viel zu wenig ´grün´. Bei der nächsten Bundestagswahl mag das anders aussehen. Mir gefällt die Kanzlerkandidatin, und mir gefällt die Vorstellung eines Wechsels. Trotz Nachmeldung von Nebeneinkünften. Dumm gelaufen, muss man schon sagen. Aber im Vergleich zu den teils hanebüchenen Nebeneinkünften der CDU/CSU und den mitunter illegalen Zahlungen innerhalb anderer Parteien nimmt sich das schon deutlich bescheidener aus – und am Ende ja doch ehrlich; wie viele die hier schreien, melden selbst noch nicht mal nach?  Im Netz hyperventilieren sie schon. #baerbockverhindern. Die Afd hat Schaum vor dem Mund. Da regt man sich außerdem auf über Frau Baerbocks Gendern, als wäre das Makel und Sakrileg. Mit dem Gendern ist es ein bisschen wie mit dem Impfen. Im offiziellen Sprachgebrauch wäre es gut weit verbreitet, um einen bestehenden Missstand anzugehen, im Privaten soll es jede/r halten, wie er-sie-es für richtig empfindet. Es ist eine Haltung, eine von mehreren möglichen. Es hängt nicht die Welt davon ab. Die Grünen gelten als ´Verbotspartei´ und viele, die selbst so engstirnig sind, dass sie nur ein einziges Richtig dulden und in der Vielfalt sofort um die eigene Identität fürchten, schreien nach Freiheit, die zum Synonym für assiges Benehmen verkommt; ´nach mir die Sintflut´. In den Fünfzigern sah man das Ende der chemischen Industrie, als Wasserfilter verlangt wurden, in den Siebzigern das Ende der Freizügigkeit, als die Gurtpflicht kam und innerorts Geschwindigkeitsbeschränkungen… Als die Grünen in BaWü an die Macht kamen, wollte Seehofer, damals noch bayerischer Ministerpräsident, die Unternehmen nach Bayern holen, als Wirtschaftsflüchtlinge sozusagen. Es war gar nicht nötig. Jede Zeit hat ihre Freizügigkeit und ihre Verbote. Ich würde das gerne ´Lernen´ nennen; wir verbessern unsere Bräuche da, wo wir erkennen, dass etwas verkehrt läuft.

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Empören wir uns

Das Reden über den Impfstatus ist so allgegenwärtig wie der Smalltalk übers Wetter. „Bist du schon oder machst du noch?“  fehlt in kaum einem Gespräch. Und meistens verläuft das auch so nonchalant wie Wettergespräche – den einen stört der Regen, der andere beschwört dessen segensreiche Wirkung, jeder geht halt irgendwie damit um, und es ist vollkommen schnuppe, wen was stört und was nicht. Es ist, wie´s ist. Und so könnte man es eigentlich auch sein lassen.

Ich bin frisch geimpft und freu mich richtig. Das finde ich lustig, weil ich Impfen so noch nie erlebt habe. Es war immer Nebenbeisache: weil die Stiko es empfahl und ein Rückblick in die Geschichte zeigte, dass Impfen da Gutes bewirkt hatte, oder weil ich verreisen wollte, oder weil ich Leute kannte, die an just der Krankheit litten, gegen die ich mich also nun impfen ließ und in der Risikoabwägung das Impfen gewonnen hatte. Ein Pieks, ein Stempel und fertig – Impfbuch zurück in die Kiste, und irgendwann ist das Pflaster weg und keiner denkt mehr dran. Noch nie war das ein so heiß gekämpfter Glaubenskrieg gewesen. Plötzlich ist Impfen eine Riesenkiste. Gestern kurz vor knapp ein Anruf, „es klappt doch“, und ich fuhr los, keine Zeit, das Fahrradschloß zu suchen. Die Reinigungskräfte machten schon sauber und schleppten Mülltüten, da bekam ich noch geschwind meine erste Dosis in den Arm. Am Ende war´s mir jetzt ganz egal, welcher Impfstoff es ist.  Der, den ich am Liebsten gehabt hätte, Novavax, den gibt es noch eine ganze Weile nicht, und diese Corona-Geschichte läuft weiter, und so hab ich mich umentschieden  – „ich mach doch“  – und jetzt nahm ich, was es gab. Ich bin ein Herdentier und habe was übrig für Herdenschutz. Und ich bin ein Individuum von robuster Gesundheit. Mir haben weder Krankheiten noch Impfungen bis jetzt groß was anhaben können. Und so, denke ich, wird das auch bleiben. Das Altern wird das seine halt bringen, da kann ich mich jetzt schon drauf einstellen. Wenigstens weiß ich, ist auch mein Immunsystem nicht mehr ganz jung und unerfahren; es wird wissen, was es zu tun hat. Keine große Sache also. Eigentlich. Ist es aber doch. Vorgestern bekam ich Emojis mit klingenden Sektgläsern, und tatsächlich war mir zum Feiern. Und ich bekam andere, empörte und abfällige Nachrichten. Es gibt Whatsapp – und Facebookkontakte, die haben mich jetzt blockiert, entfreundet und sich verabschiedet. Das finde ich krass. Ich habe keinen Druck gespürt, mich impfen zu lassen; keine ChefIn hat gedrängt, keine Angehörige,  keine Freundin. Ich hab´s mir nur anders überlegt. Die ganze Sache verläuft halt auch anders als erwartet. Der Druck, den manche Impfgegner ausüben, den empfinde ich dagegen als ungemein aggressiv, mehr als alles andere. Was soll das denn jetzt! Da ist wer mutwillig am Spalten.

………

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Gefühlsbäder – ein Aufguß

Nordschwarzwald. Regen am Fenster, das Prasseln der Tropfen auf dem Dach, leises Vogelgezwitscher. Ansonsten Stille. Und das ist gut so. Es ist der erste Mai, der Tag der Arbeit, und ich war die Woche so müde, dass ich mich jeweils gleich nach dem Aufstehen aufs Bett-gehen freute. Heute ist der Tag dafür. Wenigstens. Eigentlich wäre es der Tag nach überschwänglichem Tanz. Den gab´s heuer nicht. Es ist noch lange hell, aber wenn man die Vorhänge zuzieht, stört das nicht.

Eine Schicksalsergebenheit macht sich breit in mir, von der ich nicht weiß, ob ich sie gut finden soll. So manche Ungerechtigkeit und in unserem Coronadasein manche Regel, die ich für uneffektiven Quatsch halte, regen mich ungeheuer auf. Diese Allesdichtmachen-Aktion war wohl ziemlich missglückt, dennoch halte ich auch so manche Maßnahme  für nicht ganz dicht. Ich nehme dennoch hin und kooperiere. Weitestgehend halt. Da geschieht etwas, das größer ist als das bisher Gewesene, und ich begegne dem mit einigermaßen Respekt. Zum Teufel wünschen tu ich´s trotzdem. Ich würde gerne mal wieder schöne Pläne schmieden, von Reisen und rauschenden Festen, von Badefreuden und mit dem ganzen Kreis der Freundinnen durchzechten Nächten. Was Schule ist, was Ferien wäre klar, und ´Daheim´ wäre wieder der Ort, an den wir spät abends fröhlich zurückkehren, nachdem wir uns den Tag tosend um die Ohren gehauen haben. Hach, wäre das schön.

Stattdessen…….

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#reclaimthesestreets

In London dauern die Proteste wegen der Ermordung einer jungen Frau namens Sarah Everard an. Sie war auf dem Nachhauseweg entführt und ermordet worden. 

Männer werden öfter Opfer von Gewaltverbrechen. Aber ich glaube, sie werden anders behandelt: wer Opfer, wer Täter ist, ergibt sich aus Hergang und Schaden und ist weniger eine Frage von Moral und Inanspruchnahme persönlicher Freiheiten.  Unter dem Hashtag #reclaimthesestreets rumort es jetzt in England auf Straßen und Plätzen, an Küchentischen und in den sozialen Netzwerken. Man redet über Gewalt an Frauen und wie die Gesellschaft damit umgeht. Und ich meine, das ist gut so.

Was mich aufstört, ist weniger der Umstand, dass Sarah Everards Mörder Polizist ist. Er hätte auch Bäcker, Nerd oder Steuerberater sein können. Überall gibt es solche und solche. Polizisten sind keine besseren Menschen. Was mich aufstört ist, wie die Polizei gegen die demonstrierenden Frauen vorging. Es hätte um die Durchsetzung von Coronaregeln gehen können, ums Abstandhalten und Mundschutz tragen. Aber dazu muss man nicht auf den Boden drücken und gewaltsam abführen. Nein, es war gegen die Frauen gegangen. Und diese Gewalt ging leicht von der Hand – das Feindbild lag nahe. Die, die ihre Verbundenheit mit dem Opfer demonstrierten, weil jede wie Sarah Everard Opfer hätte sein können, die waren plötzlich die Schuldigen. Und das ist eine Erfahrung, die Frauen als Opfer immer wieder machen. Vielleicht kam die Härte der Polizei daher, dass der Täter ein Kollege war und man sich persönlich auf den Schlips getreten fühlte. Damit man selbst nicht am Pranger steht, stellt man andere hin. Angriff als Verteidigung, ein gängiges Prinzip. Ich weiß es nicht, und es ist auch egal.  Es kann nicht Aufgabe der Opfer sein, die Motivation der Täter zu begründen. Sicher weiß ich, dass in der Abwehr die Londoner Polizei so manches verkannte, und ganz bestimmt, dass das Verhältnis zwischen Polizei und Frauen kein unbelastetes, von Lauterkeit getragenes Terrain ist, sondern ganz im Gegenteil eine schwierige Geschichte. Und deshalb wäre in heiklen Momenten deutlich mehr Vorsicht geboten. Das ist so in London, und in Deutschland, und in Rottweil auch. Das weiß ich aus eigener Erfahrung……

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Good vibrations – eine Sammlung

Ich bin noch immer befasst mit meiner Übung, gute Momente zu sammeln, jeden Tag mindestens einen festzuhalten.  Es gibt Tage, da gelingt das ganz locker. Wenn ich morgens aufwache, und das Erste, das ich höre, ist „ich liebe dich“. Ist mir vergangene Woche passiert. Kann ein Tag besser beginnen? So eindeutig ist es freilich selten. Neulich habe ich lange gegrübelt und wusste am Schluss wenigstens, was ich NICHT wollte – es ging um Zwischenmenschliches. Vielleicht gilt auch das als ´gut´. Schlecht und Gut liegt ja mitunter verblüffend nah beisammen. Mal wieder die Stadt von oben gesehen. Das war gut. Zum arabischen Essen eingeladen gewesen und im Gespräch auf Weltreise gegangen. Auch gut. In einer Situation ruhig und überlegt geblieben, in der ich schon aus der Haut gefahren bin. Super! Bin ich stolz drauf. An anderen Tagen muss ich mich sehr anstrengen. An Tagen wie diesem heute zum Beispiel, wenn ich alleine aufwache und die komplette Trostlosigkeit des Daseins zuschlägt, mit Schneeregen im März, wo das Herz nach Frühling verlangt, und stattdessen eine Wettervorhersage die Sonne auf Tage hinaus hinter die Wolken verbannt….

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Die Fasnet, die nicht war

Doch, am Ende, so im Nachhinein, meine ich doch, fühlte sie sich an wie ausgefallen. Abgesagt und ausgefallen. Was war, war keine neue Form von Fasnet, eine der Pandemie angepasste. Ja, es war noch nicht mal eine Notlösung. Es war eher eine Art Ehrbezeugung, a tribute to -, als würde halt irgendwie der Umstand, dass sie gewesen wäre, gewürdigt.

Die Clips mit der Schmotzigengruppe und mit den Kindern waren schön zu machen. Da war kurz Fasnet. Außerdem waren just in diesen Tagen diverse Kindergeburtstage, verkleidete natürlich. Wenn so ein Kind sich ein ganzes Jahr auf seinen Geburtstag freut, und dann ist der und es darf aber nur ein einziges weiteres Kind einladen, dann macht das die Sache nicht einfacher, wenn das Ganze  dennoch eine Party geben soll. Wir hingen uns also ziemlich rein, und am Abend des Schmotzigen hing die Krone denn auch schief und war die Schminke verschmiert. Fürs Zoomtrinken anschließend hatte ich kaum mehr Energie. So weit so gut. Am Samstag eine Freundin auf einen Fasnetssekt besucht, am Abend die Küche geputzt. Am Sonntag wäre normal der Bajassumzug gewesen, da waren die Kinder heuer nicht mal da. Stattdessen die Eltern besucht und abends Schulsachen sortiert. Stapelweise Arbeitsblätter versucht einem Wirrwarr von Schnellheftern zuzuordnen, deren Inhalt bestimmt einem System unterlag, aber keinem, das ich verstand. Jetzt ist alles irgendwo drin, und es sind neue Ordner gekauft. Künftig will ich aufmerksamer Schulranzen aufräumen. Alles ist zu was gut. Ich bin näher dran jetzt. In viele Hefte hatte ich kaum je wirklich hineingeguckt. Am Montag wurde ich um sechs Uhr wach, weil eine kleine Prozession, ein mageres, trauriges, herzanrührendes Orchester in noch stockfinstrer Nacht, das erste  Morgengrauen war noch weit, am Fenster vorüberzog und „Oh-jerum“ spielte, in Moll. Dazu defilierte ein langer Mann vorüber, der mir aus dieser Perspektive fremd vorkam – der Kopf riesig, und so harte, kantige Züge; ausserdem schien der Körper geschrumpft. Ich kannte den langen Mann eher aus Kinderperspektive, die eigenen Augen irgendwo auf Kniehöhe, darüber bis zum fernen Kopf hoch oben viel wallendes Blau. Komisch. So sieht der aus? In diesen Zeiten ist sogar der lange Mann nicht mehr das, was er mal war.

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„Dick ist doof“

Und diese Gleichung ist das eigentlich Doofe

Ich war ein dickes Kind. Und damit hatte ich eigentlich keine Probleme. Ich  habe mich wohl gefühlt in meiner Haut, hatte Spaß an Bewegung und habe zwar gerne Süß und Wurst und Pommes gegessen, aber auch viel Obst und Käsebrot und Spinat und Co. Mein Problem war nicht mein Speck, mein Problem war das Problem, das andere mit meinem Speck hatten. Mein Problem war, dass alle so taten, als sei irgendwas völlig aus dem Ruder, gefährlich und verkehrt. Das war es nicht. Ich war nur nicht schlank. Das Einzige, das ich so gelernt habe, war, dass ich meinem  eigenen Gefühl nicht trauen sollte. Wenn ich mich wohl fühle, während alle anderen warnen, dann müssen die wohl Recht haben, ob ich das nun verstehe oder nicht. Ich hab´s nicht verstanden, und deshalb habe ich mich nicht nur dick gefühlt und das als anstößig gelernt zu empfinden, sondern auch doof. Und so, glaube ich, kommt das, dass irgendwann irgendwelche schlanken Arschgeigen daherkommen und über Dicke vom Leder ziehen, als seien sie selbst besser, nur weil sie weniger auf den Rippen haben, und schließlich gilt dick gleich doof.

Alles schreit nach Individualität und Freiheit. Alles darf man sein. Weiß schwarz grün rot blau, getreadet, behaart, rasiert oder bemalt, gepierct, geburnt, rechts links oben unten oder voll daneben, alles, bloß nicht dick. So kommt´s mir vor.

Es gibt Leute, die essen gerne und viel und auch Süß und Junk und nehmen halt nicht zu. Die haben Glück. Dann gibt es Leute, denen ist Essen nicht so wichtig. Die haben entweder andere Leidenschaften oder aber gar keine, was ich auch bedauerlich finde. Und dann gibt es Leute, die essen gerne, und bei denen setzt es an.  Die machen Speckröllchen draus. So what.

Wer sagt, dass Dick nicht schön sein soll und kann? Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Es gibt Leute, die beurteilen Schönheit anhand von irgendwelchen Ästhetiktheorien: zwei unterschiedliche Mischungen von Rot passen nicht zusammen, unterschiedliche Muster kombiniert gehen nicht, Leute mit Krampfadern dürfen keine Shorts tragen, in Sandalen dürfen keine Socken. Und Dicke sollen ihre Formen überspielen. Kein Minirock, keine Spaghettiträger, kein enges Top. Weil der Kopf vielleicht ja noch geht, Masse da, wo andere keine haben, aber anscheinend nicht.

Das ist eine bodenlose Unverschämtheit! Rottöne gehen bestens in Kombination, geblümtes Oberteil und gestreifte Hose mit gepunktenen Strümpfen ist klasse, Socken  – naja – wer´s mag, ist ja eher so eine Gefühlssache – und überdies kenne ich sehr viele dicke Leute, die sehr schön sind, schöner als manch Schlanke, und das auch und gerade da, wo man die Masse fett sieht. Irgendwer behauptet, dick sei nicht gut, sei nicht schön, und nicht gesund, und alle folgen? Fettsucht und Essstörungen gehören behandelt. Freilich. Aber nicht Speckröllchen. Das ist Polster, auch für schlechte Zeiten, und ist der Gesundheit durchaus nicht abträglich.

Es sind die wenigstens kleinkarierten Gefühle der Mahner, die das Problem sind. Bloß weil die ihren Blick nicht wohlwollend weiten können, sollen andere neurotisch anfangen Kalorien zu zählen und eine intime Beziehung mit der Waage eingehen. Und jeden Bissen, den sie zu sich nehmen, sollen sie mit schlechtem Gewissen kauen. Das ist fies und niederträchtig und schafft bloß blöde Stimmung.

Natürlich ist man bis zu einem gewissen Maß Herr über seinen Körper, und auch Dicke können abnehmen und schlank sein. Aber wozu? Viele haben´s probiert und gefunden, dass die Selbstkasteiung, die sie betreiben müssen, um auch schlank zu bleiben, zu sehr auf die Lebensfreude drückt. Nur um es ein paar Leuten recht zu machen, deren Sinn für Schönheit nicht vom Herzen, sondern von Lehrbüchern kommt? Pah! Es böte sich genauso an, die Muskulatur der Mittelfinger zu trainieren und diese öfter mal kraftvoll in die Höhe zu recken, wenn sich wer mokiert.

In diesem Sinne – lassen wir einander und vor allem die Kinder in Ruhe und es uns einfach allen schmecken!

(Die obigen Bilder sind Ausschnitte und gemalt von Sabine Kalmbach, eine Auftragsarbeit nach Foto. Nachfragen an s-kalmbach@live.de)  

Frauenpower im Bockshof

Fünf Frauen im Netz

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Man darf nicht, ich weiß, aber meine Kinder haben die Tribüne vom Sommertheater manchmal zum Klettern benutzt, und auch die Bühne war von ihnen häufig abwechselnd bespielt. Eines ließ sich eine kleine Sing-Tanz-oder-Kampf-Clownerie einfallen, das andere filmte mit dem Handy. Ich saß auf einer der oberen Reihen und gab das Publikum. Dieses Jahr nun also ohne Tribüne.

„Fünf Frauen im Netz“.

Ein paar Worte vom Vereinsvorsitzenden Fröhlich zur Premiere.  Dank, dass sie überhaupt stattfinden kann, nach den langen Wochen, in denen das erst unvorstellbar schien, sich dann im Wochen – oder Tagesrhythmus die Regeln änderten. So war bis vor Kurzem noch nicht mal klar, ob überhaupt mehr als eine Person auf der Bühne sein darf. Es ist daher schon eine Leistung an sich, dass es diese Premiere gab, und dann noch eine von dreien. Das finde ich auch.

„Wie – weshalb spielen denn da so viele mit?“ Die Dame neben mir wunderte sich. ´Das kunstseidene Mädchen´, fragte sie mich, die spielt doch allein? Wir kippten beide fast vom Stuhl als wir feststellten, dass sie in der falschen Vorstellung saß.

Apropos Stühle – die Sitzordnung war prima.

Die Geschichte ist toll. Die Schauspielerinnen haben sie mitentwickelt, meine ich gelesen zu haben, und die Figuren sind so, dass auch ich ganz nah bin. Ich kenne sie alle, die Themen, die sich abspielen: eine demente Mutter, ihre Töchter, die sich uneins sind, welche ihr eigenes Leben besser auf die Reihe bekommt, die sich allerdings  einig sind darin, dass keine von ihnen Zeit hat, sich um die Mutter zu kümmern, und die das so weit auslagern und sich buchstäblich von der Backe halten, wie es nur geht. Für liebevolle Zuwendung ist eine zufällige Bekannte, gerade so gelitten, so lange sie sich nicht zu weit einmischt. Hauptsächlich soll sich eine ausländische Haushalts – und Pflegekraft kümmern, von der nicht klar wird, woher sie kommt. Kroatien vermuten die Damen, aber sie scheren sich auch nicht darum. Mit feudaler Überheblichkeit erwarten sowohl die bedürftige Mutter als auch deren Töchter klagloses Dienen und Rundum-Verfügbarkeit. Ihre Anmaßung ist stellenweise schwer erträglich, gerade weil sie so real ist; genau so spielt sich das in der gelebten Wirklichkeit ab. Die Verzweiflung der Pflegekraft und die Unverschämtheit ihrer Arbeitgeberinnen sind  bodenlos. Die Mutter soll – die Seuchenregeln drängen das trefflich auf – ans Netz angeschlossen werden. So könnten die Töchter allzeit bei ihr sein. Aber die Mutter will nicht. Die will nicht face-to-face, die will Arm um Arm, das aber ist, Corona sei Dank, sowieso verboten. Als die Töchter sich verabschieden, quält man sich an einer Umarmung ab und kommt gerade so mit den Fingerspitzen zusammen. Abstandsregel, Kontaktverbot und statt Körperwärme Chats und Videotreffs – die zudringliche Bekannte hat Recht – man muss nicht dement sein, um davon verwirrt zu werden.

Manche Szenen sind herzzerreißend, manche witzig, klug, wütend, verzweifelt, ratlos.

Was ist Familie noch, was verlangt sie ab und was gerade nicht. Wie sieht ein selbstbestimmtes Frauenleben aus, und was ist realer, digital oder unplugged. Zum Geburtstag der Mutter wird gesungen, gedichtet und vorgetragen, und jede gibt etwas preis. Ein schwieriges Frauenbild tritt da zutage, und es ist gut, dass die Schauspielerinnen selbst an ihren Figuren mitentwickelt haben. sonst müsste ich mir den Autor mal zur Brust nehmen. Nicht, dass unwahr wäre, was da zu Leben, Lieben und Selbstverständnis der Frau gesagt wurde, aber es gilt nicht, wenn es von einem Mann so formuliert wird. (Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: das war ein Gag.)

Die Mutter verfällt am Ende der totalen Verwirrung, allerdings nicht alleine. Verschwörungen und Monstrositäten – das Leben im Netz hat sich gerächt.

Absolut überzeugend gespielt, super inszeniert, musikalisch grandios begleitet.  Die Begeisterung im Publikum ist ansteckender und aufbrausender, wenn man näher beisammen sitzt, Jubel gab es trotzdem, aber am Ende vermisste ich die Tribüne doch, weil ich zum Klatschen gerne gestampft und getrampelt hätte. „Das kunstseidene Mädchen war´s nicht, aber klasse allemal“, bestätigten meine Nebensitzerin und ich einander. „Fünf Frauen im Netz“ im Bockshof – das ist zu empfehlen!

Wir rückten die Stühle in einen Halbkreis und blieben sitzen, bis das Licht aus und alles abgeräumt war, und redeten über dies seltsam aufgewühlte Gefühl, das uns kollektiv befallen hat, das Gefühl des Kippens. Der Satz kommt im Stück vor; ´kippt der Kahn, setz ich mich in die Mitte´. Alles kippt, die Gesellschaft, das Klima, der Frieden – ob mit Demenz oder ohne – es gruselt vor dem Irrsinn, der um sich greift. (Demenz scheint ein adäquater Weg, damit umzugehen.) Kippen und Auflösung waren das Gefühl mit dem –  nicht direkt, aber irgendwie doch – das Stück aufhörte, zumindest für mich tat es das. Man kann dieses Stück ganz sicher auf viele verschiedene Arten empfinden. Ich glaube, jeder empfindet es anders, jeden berührt es anderswo. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden NICHT berührt. Es ist voll drin, in den Themen, die mich bewegen.

Weitere Vorstellungen sind am Sonntag, dem 12.07., Dienstag, 14.07., Mittwoch 15.07., Donnerstag 16.07., Freitag 17.07., Donnerstag 23.07., Freitag 24.07., Mittwoch 29.07., Freitag 31.07., Samstag 01.08.

Das kunstseidene Mädchen wollen meine Nebensitzerin und ich auf jeden Fall auch noch sehen! Und wer weiß, vielleicht schaff ich´s sogar noch zu ´Malala´, wollen würd ich schon.

Gedanken zum und am 8. März

Bin ich also ein Gutmensch.

Manchmal lasse ich mich auf Facebook -Diskussionen ein. Meist vermeide ich es oder blockiere solche Posts.  Weil sie so ätzend sind und das Diskutieren darüber so müßig. Und weil es sich halt auch scheiße anfühlt. Manchmal mach ich´s. Weil ich etwas nicht so stehen lassen will und den Nerv übrig habe, meine Wohlfühlblase zu verlassen.

Diesmal war es eine Fotomontage,  eine auf den Betrachter zu fliehende Menschenmenge und darüber der Spruch, bald müsse man selbst flüchten.  Darunter zig Kommentare, bei denen einem übel werden konnte.  ´Wir´ und  ´die´. Die nichts schaffen wollten, die kriminell seien, und wir, die wir so fleißig seien, es verdient besser hätten, die wir nichts zu sagen hätten – dieser ganze Rotz. Mir dreht sich da der Magen rum, und ich will eigentlich bös werden. Aber das bringt auch nichts. Also deutlich, aber höflich gehaltene Kommentare und Richtigstellungen meinerseits. In dem Zusammenhang eben dann der ´Gutmensch´ und ob ich einen Teddy wollte.

Danke. Ich habe einen.

(Eben wollte ich ein Foto von diesem Kommentar  machen, so eine Art Auszug aus einem screenshot. Da war der ganze Post weg. Ich habe nachgefragt und erfahren, dass er auf Mahnung von Facebook entfernt wurde).

Also einmal ´wir´.

Wir haben in all diesen globalen Deals Vorteile auf unserer Seite und nutzen und genießen sie.  Wir  genießen Wohlstand und Frieden und eine Gesellschaft, die uns weitestgehend sein lässt was wir sein wollen. In Kriegen wird geraubt und vergewaltigt, und das systematisch,  das machen alle Kriegführenden so, und je länger jemand damit lebt oder aufwächst, je mehr lernt er das. Und wir produzieren fleißig die Waffen, mit denen anderswo Krieg geführt wird.  Wir machen Profit und halten den Wohlstand für verdient. Ja haben denn die, die da in Not sind, ihr Los ebenfalls verdient? Das unterstellen wir damit doch. Nein!  Und  wir drehen uns weg, wenn wir mit den Folgen  unserer Privilegien konfrontiert werden und bilden uns noch ein, was Bessres zu sein.

Das ist absolut ekelhaft.  

Und es sind nicht nur die krätzigen Rechten, die sich daran noch laben. Wir sehen alle zu wie Leute an der Grenze zur EU um ihr Leben ringen. Wir sehen zu und getrauen uns nicht das Richtige zu tun. Aus Angst vor den krätzigen Rechten. Oder aus Feigheit, weil wir Angst haben was zu verlieren.

Verlieren kann man immer was. That´s life. Deshalb müssen wir uns doch aber nicht vor Angst in die Hosen machen. Wir sind doch fleißig, und schlau! Außerdem haben wir im Überfluss und können abgeben, ohne dass irgendwer hier Not leiden müsste. Und wer sagt überhaupt, dass immer dieselben die Reichen sind? Oder die Mächtigen. Gibt es da ein göttliches Recht oder was?

Das ist rassistisch, wenigstens feudal. Wie dieser abgebrührte Kaiserenkel, der Besitztümer zurückfordert und Wohnrechte und ernsthaft denkt, das wäre ehrlich erworben und stünde ihm zu, als ´Enkel von´, einem wohlgemerkt, der am Drücker war, als ein ganzer Kontinent und eine ganze Generation dem Erdboden gleich gemacht wurde, und als Neffe von einem, der beim nächsten noch schlimmeren Kriegen und Treiben auch auf der Seite der Macht war. Dieser Enkel lässt sich noch als kaiserliche Hoheit anreden und will Schlösser zurück. Geht’s noch? Soll dankbar sein, dass es ihm noch so gut geht, dass es zu goldenen Wasserhähnen und diesem ganzen restlichen herrschaftlichen Luxus  reicht.

Solche Machtfülle und solcher Reichtum ist NIE ehrlich verdient. Kann es nicht sein. Es gibt keine Stundenlöhne, mit denen man es aus eigener Kraft zu Milliarden bringen. Das ist immer auch Ellbogen und Hartherzigkeit, und  die Rücken anderer. Und wenn man am Schreibtisch sitzt und Geld aus Geld macht, dann auch. All das ist Schläue, keine reale Leistung.

Schlau darf man sein, zweifellos. Das ist eine Gabe. Aber wer sagt, dass sie berechtigt alle anderen aufs Kreuz zu legen, Leute, die andere Talente haben?

Teilen. Einfach helfen.

Hier wird gefastet. Und bis in ein paar Wochen gedenkt man Kreuzigung und Auferstehung und so, für den, der für uns gestorben ist. So heißt´s. Ich will überhaupt nicht, dass wer für mich stirbt. Keiner, damals nicht und heute nicht.  Ich will meine Nächsten lieben und auch die weiter weg und überhaupt den ganzen Planeten. Jawohl, so ein Gutmensch bin ich. Weil – was ist denn das Gegenteil davon? Wie lautet das? Und ist das etwas, das man ernsthaft und guten Grundes wollen kann?

Ich sähe gerne, wenn Rottweil  zum sicheren Hafen würde. Ich bin sicher, wir hätten gewonnen. Weil man einfach das Richtige tut und nicht verkorkst das Egoistische verteidigt.

Einfach das Richtige tun. Weshalb tut man sich damit so schwer? Und weshalb mitunter gerade die, die Recht und Ordnung und Werte und all das so plakativ vor sich hertragen?

Frieden wollen heißt nicht nur, aber auch, bereit sein zu teilen.

Und zum internationalen Tag der Frauen

In Portugal ist der ganz klasse. Da ist Feiertag und der ganze weibliche Teil einer Familie, alle Generationen und Verwandtschaftsgrade, feiern miteinander.  

Ich war gestern mit den Freundinnen weg.

Wir haben einander Neuigkeiten erzählt und allerhand beratschlagt. Es ging unter anderem  um Frauen im Job, und Männer dazwischen, die streiten, und Frauen, die den Streit übernehmen und einander nicht beistehen. Und es ging darum, welche davon als Feministin gelten und weshalb. Es ging um die Frage „Was ist für uns Feminismus“.

Selbstbestimmung, klar. Und Gleichheit aller. Und Solidarität. Feminismus bedeutet, dass Frauen einander beistehen.

An der Grenze zu Griechenland sitzen auch Frauen fest, im Matsch, und Mädchen, und Mütter, die ihre Kinder auch in Frieden und Geborgenheit großziehen wollen, Frauen, die jetzt auf offenem Feld schlafen, zwischen Männern, die auch nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht.

Seien wir solidarisch. Helfen wir.

Ich bekenne. Ich habe es auch getan.

Ich habe original Rottweiler Kleidle nicht originalen Rottweilern ausgeliehen, mehrmals. Und ich bereue nicht.

Beim einen ist es viele Jahre her, und der wohnt heute in just dem Haus, in das wir damals gingen zum Aufsagen. Der, kann man sagen, ist heute Rottweiler.  Einer Frau aus dem Badischen habe ich Mutters Schantle ausgeliehen; die Frau ist ihrer alten Heimat nach wie vor eng verbunden, aber die Tochter wächst in Rottweil auf und wollte so gerne mal – aber nur mit Mama.  Und dann ein Verwandter. Das entzieht sich meiner Zuständigkeit, aber ich würd es auch nicht  streitig machen. Wegen des familiären Friedens, und weil ich nicht so pienzig sein will. Der hat enge familiäre Beziehungen nach Rottweil, hat indes nie selbst in Rottweil gelebt. Trotzdem erlebte er eine original schwäbisch-alemannische Fasnet aus mehr als nur dem Zuschauerblickwinkel und erfuhr die Magie, die sich unter der Larve entfaltet. Und ich stelle mir vor, die festigt nicht nur  familiäre Bande, die nimmt er mit, wird Botschafter eben dieser Magie und trägt sie hinaus, auf dass sie auch in der Ferne blüht.

Was will man mehr?

Ich würde das keinen Bruch eines Brauchtums nennen, und auch keinen Ausverkauf eines Kulturguts, sondern Integration und Weltoffenheit.  Die Fasnet gehört nach Rottweil, gehören tut sie niemandem. Gehören tut sie sich selbst. Und sie macht mir nicht den Eindruck, als täte sie sich sonderlich schwer damit, sich je nach Lage der Dinge anzupassen.

Meine Eltern kamen in den später 60ern hierher, ich war eineinhalb Jahre alt.  Als meine Mutter in den fortgeschrittenen 70ern das erste Kleidle, einen wunderschönen Schantle,  zur Zulassung anmeldete, wurde sie von etlichen Bekannten angefeindet, das stehe ihr nicht zu.  Dem Schantle folgten andere, wenigstens zwei Kleidle wurden in der Zeit gekauft, in der diese mehr oder weniger meistbietend versteigert wurden. So kam das Gschell ins Haus. Es war sündhaft teuer, aber das Glück war groß. Ich sehe meinen Bruder noch, wie er von der Schule heimkam, den Wäschekorb im Flur sah, auf die Knie ging und es heraus und glückselig in Arm nahm. Sein Jubel durchdrang das ganze Haus. Im ersten Jahr ging er zum Abstempeln mit den Riemenverschlüssen auf dem Rücken. Vor dem Klo des Café Lehre hat eine Freundin den Faux-pas korrigiert. Gschellnarr mit Leib und Seele war er trotzdem.

In Rottweil Aufwachsen ist mit Fasnet aufwachsen. Wenn´s Heimat sein soll. Um diesen derzeit etwas determinierten Begriff zu verwenden. Ich finde es ein gutes Gefühl – Heimat. Selbst in der Fremde bewegt man sich sicherer, wenn man im Herzen diese Wurzeln hat. So habe ich das zumindest erfahren. Für Rottweiler ist die Fasnet identitätsstiftend und wurzelbildend. Aber wer bestimmt, wer sich als Rottweiler fühlen darf und wer nicht? Es gibt Rottweiler mit Stammbaum bis ins 15. Jahrhundert, und Zugezogene, alte und neue, Teilzeitrottweiler und Temporärrottweiler, innerstädtische und auswärtige, und ich behaupte, jedem steht es frei, sich dieser Stadt verbunden zu fühlen, so wie es ihm gut tut. Wer sagt, er ist ein Berliner, ist ein Berliner. Wer sagt, er ist Rottweiler, ist Rottweiler. So einfach sehe ich das.

Ich verstehe, dass man Tradition bewahren will und muss und jeder Wandel Fragen aufwirft. Ich verstehe, dass es mitunter neue Regeln brauchen kann, damit die Tradition nicht auseinanderfällt. Aber vielleicht ließe sich nicht nur das Bewahren, sondern  auch der Wandel wohlwollend denken. Die schiere Menge der Narren ist jedes Jahr aufs Neue Thema. Die Narren werden mehr, die Zuschauer weniger, und der Sprung hat bisweilen eine Länge, die schwer zu lenken ist. Und jedes Jahr werden mit Grusel und Schauder in der Stimme Geschichten erzählt, oder kolportiert, von Narren, die nach dem Beginn des ´Umzugs´ fragen, und keine Ahnung haben, was gemeint ist mit der Mahnung, während des Sprungs in jedem Fall die Larve unten zu lassen. Und manche können nicht mal Schwäbisch. Man stelle sich vor.

Ungeheuerlich?

Ich meine nicht.

Abgesehen davon, dass ich manche Geschichten für übertrieben halte, finde ich vieles auch nicht so schlimm. Die Welt ist heute eine andere als die vor 50 Jahren. Auch im Ländle spürt man die Folgen von Völkerwanderungen und zunehmender Mobilität. Rottweil ist Ausflugsort und lädt Touristen zu sich ein. Das verlangt der Stadt etwas Offenheit ab. Wer selbst schon gereist ist, weiß, wie großartig und inspirierend es ist, wenn man als Tourist nicht nur Zaungast bleibt, sondern teilhaben darf, wenn eine Tür zu einer anderen Kultur sich so öffnet, dass die sich hautnah erfahren lässt. Manch einem Gast will es eventuell nicht genügen, nur die Bonbons aus dem Rinnstein zu klauben und teures Geld für Souvenirs und mittelmäßige  Schorle auszugeben. Manch einer will erleben.

Und wie die Welt heute eine andere ist, so verändert sich halt auch die Fasnet. Herrje. Dann IST der Sprung halt lang. Dann wird auch mal hochdeutsch gejuchzt. Das hält sie aus, die Fasnet, da bin ich sicher. Sie hat schon sehr viel ausgehalten und sehr viele Gesichter gehabt. Tradition bewahren heißt nicht zwangsläufig einen Status-quo einfrieren zu müssen.

Früher durften Frauen nicht narren. Heute undenkbar. Weitestgehend. Von der Unmöglichkeit, als Frau auch mal Treiber im Rössle zu sein oder der ewigen Stammtischdiskussion, wieviel Oberweite als Federahannes noch schicklich ist mal abgesehen. Reichlich schräg! Wovor hat man denn da Angst? Was muss man denn da schützen? Dass die Fasnet einer anderen Zeitrechnung unterliegt, mag wohl sein. Aber in ihre Zeit passen darf sie schon.

Obwohl es ja noch Zünfte gibt, in denen Frauen nach wie vor als Narr verboten sind. Da schlucke ich und staune. Wenn ich mich zum Beispiel an die Schuttig erinnere, die sich 2017 abends vor dem Schwarzen Tor versammelten und zum (geringen) Teil so sturzbesoffen waren, dass sie am eigenen Kleidle hinabkotzten und den Platz in der Reihe nur mit Mühe und viel Unterstützung fanden, dann stelle ich mir vor, wäre so ein intergeschlechtliches Korrektiv vielleicht gar nicht so übel.

Nichts gegen Schuttig –sie sind toll!

Ich find´s nur komisch, dass alles, was an Narrentypen irgendetwas Wildes, Ungestümes, Triebhaftes an sich hat, Männern vorbehalten ist, sei es bei den Hänseln, den Schuttig, den Treibern, und eben den Federahannes, die zwar weiblich sein dürfen, aber bitte nicht zu offensichtlich. Versteh ich nicht. Wieso? Weil das früher so war? Früher war der Schantle im Anzug und mit Besen unterwegs. Ist er heute nicht mehr. Offenbar verändern auch Narrentypen sich und gewinnen Facetten hinzu. Ich empfinde das gerade NICHT als Verfall der Sitten sondern als Bereicherung.

Mein Verwandter kann zwar durchaus schwäbisch, aber das Auswärtige hört man. Er ist trotzdem ein toller Federahannes. Er springt toll, und er flirtet sehr charmant mit dem Publikum. Es gebe zu viele Federahannes, heißt es. Und das mag stimmen. Aber auch das ist kein Drama. Flirtende Federahannes sind noch lange nicht das Schlechteste.  Und wenn ein Gschell, Biß oder Fransenkleidle, oder Schantle, narrt, und kaum ein Rottweiler Gesicht und niemanden in den Zuschauerreihen kennt, aber einen netten Spruch drauf hat und wahllos und zufällig ausgewählt schnupfen lässt – die Chance, dass ein Fremder so auch mal zum Zug kommt, ist groß. Und was wäre dann Schlimmes passiert?

Der Sprung ist länger. Aber es haben auch mehr Leute Freude dran. So what.

Ich will nicht einem endlos ausufernden Sprung das Wort reden. Aber ich finde dies Jammern und Klagen und den Teufel an die Wand malen übertrieben.  Die Fasnet ist noch immer sehr schön, auch wenn sie sich verändert hat.

Mein Verwandter ist jetzt ein junger Mann, und irgendwann wird er vielleicht nicht mehr kommen. Aber wer weiß, vergessen wird er die Fasnet in Rottweil nicht, und in zwanzig Jahren hat er vielleicht Jahrgangstreffen und die Frage steht an, was man tut, und er organisiert den Bus nach Rottweil, mit Führung und Turm und Kuchen im Schädle. Es ist nicht unbedingt  schlimm, wenn auch Auswärtige eine Bindung zur Stadt bekommen.

Bei aller verständlichen Sorge um Brauchtum  und Wandel – ich kann diesen Geist des krampfhaften und/oder reflexartigen Draussenhalten-wollens einfach nicht besonders leiden. Meine Horrorgeschichten sind andere. Ich habe von Leuten gehört, die sich mehr oder weniger mit Stammbaum und Lebenslauf um ein Kleidle bewarben – und es am Ende doch nicht bekamen. Andere hatten mehr Glück, mussten das erhaltene Kleidle aber im Schutz der Dunkelheit zu später Stunde abholen und versprechen, absolutes Stillschweigen zu bewahren.

Ich habe auch keinen Rottweiler Stammbaum. Und wir hatten keine Kinderkleidle, sondern haben uns als Narrensamen stoisch und tapfer Füße und Finger abgefroren. Und unsere Larven stauben wir jedes Jahr selbst ab. Hab ich überhaupt kein Ding damit.

Und jetzt steht also wieder die Frage im Raum, wer wann in welchem Kleidle.

Für die Großen ist gesorgt. Aber das mit dem Narrensamen ist anders geworden. Kinder wachsen heute praktisch ins Kleidle hinein. Für den Buben haben wir einen Federahannes machen lassen; darauf sind wir stolz wie Bolle; er ist jetzt im zweiten Jahr mit Plakette und Fug und Recht dabei. Das Mädel will dies Jahr auch. Sie singt zwar mit Begeisterung und nicht nachlassender Energie ´Narro kugelrund´ und ´Ohjerum´ und hat das auch dieses Jahr wieder vor, sie liebt Bonbons, aber wenigstens ein Mal will sie dabei sein.  Für sie fehlt noch ein Kleidle. Sie ist sechs und einen starken Meter groß. Und ich meine, sie ist ein Fransenkleidle. Außerdem will das Mädchen mit der badischen Mutter wieder; diesmal getraut sie sich ohne Mama. Sie ist ca. 1,50 groß und war letztes Jahr mit großer Freude ein kleines Gschell. Wir freuen uns über Angebote. Wir leihen auch inkognito. Übergabe wenn gewünscht auf einem Autobahnparkplatz, wenn´s sein muss Sonntagmorgens um sechs, da ist garantiert keiner.  

Sorry. Kleiner Scherz 🙂

In diesem Sinne – allseits eine glückselige Fasnet – Huhuhu.