Manche Tage

haben´s in sich, alles Gute und alles Blöde, was Alltag zu bieten hat

Der vergangene Donnerstag war so ein Tag.

Ich schreibe ihn erst jetzt nieder, weil, seit wieder alles volle Suppe läuft – Schule, Vereine, Jugendgruppen, Kultur und Gedöns – ich wie vor Coronazeiten das Gefühl habe, die Tage und Wochen sind mir zu kurz. Ich komme zu nichts mehr abseits des aktuell Notwendigen.

Früh morgens ging es noch. Der Große sollte von der Schule zuhause bleiben. Er hustete, dass es zum Fürchten war. Und ich dachte, ausschlafen hilft auch. Also nur die Kleine geweckt, sie sanft aus dem Familienbett bugsiert. Auf dem Weg zum Bus klagte sie über Ohrenweh. Ohje. Ich dachte, das bekommen wir jetzt im Moment nicht geregelt – es wird schon werden. Das Klagen war auch ein sehr zurückhaltendes.

Zuhause mich gerichtet um zur Arbeit zu gehen. Ich hatte bereits eingekauft und vorbereitet – ich wollte mit der Wohngruppe kochen. Und dann war ich schon halb in den Schuhen, als der Große, den ich schlafend wähnte, „ich habe Nasenbluten!“ rief und vor mir stand. Ihm schoß eine Fontäne aus der Nase, wie ich sie noch nie gesehen habe, und er sah aus wie nach einem Massaker. Erster Schreck, erstes Putzen, Kind versorgen, das Bluten hörte auf – bis er nieste und es wieder anfing und er in Panik geriet – und ich bei der Arbeit absagte.

Zwei Stunden später rief die Schule an, die Kleine käme heim – das Ohrenweh.

Nach dem Essen und den Schulaufgaben ging es allen wieder ordentlich. Und das war gut so. Ich hatte in der Woche zuvor das alte Auto der verstorbenen Tante verhökert, zwischen Tür und Angel, nebenbei und geschwind, was stets eine zuverlässige Quelle für Ungemach ist. Ich hatte nur mal eben unser Zeug raus- und den zweiten Satz Felgen reingetan, das war´s. Es war kein Kaufvertrag vorbereitet, und das Auto war noch angemeldet. Kann er ja selbst machen, dachte ich. Am Straßenrand im Schein der Laterne sudelten wir das Wichtigste auf die Rückseite des frischen Tüvgutachtens, ich machte ein Foto davon, das Papier nahm er mit – und weg waren Käufer und Auto – und ich hörte nichts mehr und bekam auch keine Ummeldebescheinigung oder dergleichen, und langsam war mir bang geworden, und auf Nachfragen kamen die Antworten erst beschwichtigend und auf Zeit spielend, dann unwahr. Und entgegen seiner Versicherung „alles längst geschehen“ beharrte die Zulassungsstelle, das Auto sei nicht umgemeldet. In mir schrillten sämtliche Alarmlampen. „Nie verkaufen ohne abzumelden“, sagten die Damen vom Landratsamt. Da war´s schon zu spät. Ich solle mit dem Kaufvertrag vorbeikommen, dann würden sie den Herrn anschreiben. Ich versuchte den Kaufvertrag auszudrucken – ging nicht; also zum Copyshop; da ging es erst auch nicht – Panik – dann ging´s doch, und also schnell um die Ecke zur Zulassungsstelle gerannt. Und die Frau an Schalter 10 guckte in den Computer und sagte erst „ist noch angemeldet“ und dann „halt, nein, nein, halt, jetzt kommt was rein!“ , es war 16.10 Uhr. „Um 16.02 Uhr ist umgemeldet worden.“ Eine Lawine rollte vom Herzen. „Danke, Sie haben meinen Tag gerettet!“, (und die Nacht auch), ich verabschiedete mich. Zurück aufs Rad, in die Pedale getreten, heim und die Schulsachen für den Folgetag gerichtet. Der Große war verärgert, auch sein Tag lief nicht wie erhofft, und die Mitfahrgelegenheit zur Jugendgruppe der Kleinen war geplatzt. Wir organisierten eine neue. Dann schnell zur Oma, zu der die Fußpflege kommen sollte – der Opa war nicht da. Auch die Oma war übellaunig und wollte gar keine Fußpflege, und überhaupt wollte sie eigentlich gar nichts, nichts als ihre Ruhe. Und ich komm da und mach im Haushalt rum und was soll das??. Und ich musste mich verteidigen und rechtfertigen, und die Fußpflege kam nicht und ich trug alten Salat nach draussen zu den Schildkröten, um die ich mir Sorgen mache, weil ich denk, denen ist doch bestimmt kalt? Und als ich reinkam, war es viel später als einkalkuliert, dabei sollte ich längst daheim sein – die Kinder, das Abendessen, und außerdem war ich eingeladen zu einem Konzert in der Stallhalle. Ich habe den Elternabend dafür sausen lassen. Man muss Prioritäten setzen. Und jetzt dies Warten, ich zählte Minuten und rechnete, „noch 5 Minuten, maximal, dann geh ich – Fußpflege hin oder her“. So stand ich in der Küche, und es dauerte bis ich es zuordnen konnte: was riecht hier so? Nach Kacke! Dann merkte ich, es ist mein Schuh. WTF. Wie kommt da verkackt nochmal Hundeschiß an meinen Schuh? Wo??

Mir war nach Ausrasten. Aber das bringt auch nichts. Hat das jetzt sein müssen? Scheiße am Schuh. Das ist, als ob der Tag einem den Stinkefinger zeigt und einen auslacht. Ein Tag läuft alles wie geschmiert, der nächste zeigt dir, was eine Harke ist.

Es gibt geeignetere Methoden, Hundekacke abzuwischen, sag ich mal, aber es musste schnell gehen. Gepfiffen auf hygienische Standards – die jucken oder jucken nicht; und ich steh ja eh auf verlorenem Posten mit allem, was ich dafür tun will. Am Ende war die Kacke weg, und die Fußpflege kam und ich schwang mich aufs Rad. Später bereute ich, dass ich im Trubel der Dinge die Oma nicht zum Abschied nochmal in den Arm genommen habe. Man sollte nie ohne innige Verabschiedung auseinandergehen. Nie! Daheim schnell Vesper gerichtet, das Bett, die Nachthemden und Schlafanzüge, Wärmflaschen, einen Film eingelegt, die Nachbarin nochmal instruiert, dann wurde ich abgeholt.

Lisa Simone. Das Konzert war klasse. Zwischendurch fragte sie mal, ob jemand nicht wüsste, wer ihre Mutter gewesen sei. Ein paar Hände gingen hoch, nicht viele. Ich weiß zweifelsfrei, dass es mehr hätten sein müssen. Es ist nicht leicht , sich als Kulturbanause zu outen. Eh egal. Ihre Mutter war Nina Simone, und Lisa sang einen Song über ihr Vermissen. Ich trauerte mit. Außerdem war ich am „Beach“, ihrem und auch meinem Lieblings-und Sehnsuchtsort, wo alles von einem abfallen kann und Frieden ist. Ich sah die von ihr besungenen „falling leafs“ , tanzte sitzend zur Leichtigkeit des Blues, der eigentlich die Schwere des Daseins zum Thema hat. Ich hätte gerne mehr und richtig getanzt, aber es war gestuhlt , und auch wenn man an den Seiten hätte tanzen können – meine FreundInnen saßen, also saß ich auch – weit hinten, was ein wenig schade war, denn Lisa Simone sah wunderschön aus und sie bewegte sich so anmutig, dass ich gerne näher dran gewesen wäre. Am Ende jubelte ich von ganz hinten ihnen allen begeistert zu, als das Schlagzeug (famos!) verstummt war und Lisas letzter Ton gar nicht mehr aufhören wollte . Hammer! Ein letztes Glas Wein im Außenbereich am Feuer. Drumherum war ein hoher Zaun, aber wir hatten eine Stimme aus Amerika gehört, und hatten in unserer Runde Wurzeln im Irak, in Kanada, in Neuseeland, wir redeten über den Schwarzwald, England, Afrika, Persien und Zaratustra. Ich habe in drei Stunden eine Weltreise gemacht.

Das war ein ziemlich geiler Ausklang eines ziemlich bescheuerten Tages.

Betrachtungen aus dem Paradies

„Wie kommt Ihr mit all den Krisen klar?“ Eine Frage auf Twitter. Tja, was soll ich da antworten. „Gar nicht! Eigentlich.“ Ich würde gerne besser damit zurechtkommen. Ich ringe um ein Gefühl von Normalität, sehne mich nach festen Rahmen und Strukturen, und weiß doch, dass das in dieser Zeit der Krisen und Umbrüche eigentlich unmöglich ist. Bestenfalls kann es einzelne Momente des Friedens geben. Im Urlaub zum Beispiel. Das Rheindelta ist ein wunderbarer Ort dafür. Aber dann – manche Päckchen nimmt man mit, egal wie viele Kilometer man zurücklegt. Und im Grunde ist es auch einerlei: wenn der Kopf zur Ruhe kommt und sich sortiert anfühlt, genieße ich das, egal, wo ich bin. Da ist das Rheindelta so gut wie der Balkon der Nachbarin, deren Wohnung und Katze ich jetzt hüte, und der Sessel im eigenen Wohnzimmer taugt sowieso. Es geht nichts über Ohrensessel.

Es geht mir wie vielen Leuten derzeit: ich befinde mich in einer Art konstantem Krisenmodus. Auf Dauer ist das ungemein anstrengend. Corona, der Klimawandel mit all seinen Katastrophen, Kriege, Hunger und Not überall auf der Welt, all das kombiniert mit diversen Veränderungen im eigenen Leben, ob großer oder kleiner Natur wird sich weisen, das ist zusammen genommen happig. Nichts bleibt, wie es war. Um auszuhalten braucht es Pausen zwischendurch. Man kann sich nicht ununterbrochen das komplette Gewicht des Daseins auf die Schultern laden. Immer geht irgendwo die Welt unter. Aber es ist nicht leicht, unbeschwert zu sein, wenn man nicht ignorant sein und die Welt nicht ganz aus dem Blick verlieren will. So habe ich ganz nebenbei und ungewollt die Ängste und Nöte mit eingepackt, ganz obenauf, mit dem Handy im Tagesrucksack. Wegschieben fiel mir schon immer schwer, und seit ich Twitter auf dem Handy habe, ist es praktisch unmöglich. Sämtliche Katastrophen dieser Welt auf einen Blick, fast in Echtzeit, mitunter ziemlich überhitzt diskutiert und mit viel Aggression unterlegt. Ich überlege, es wieder zu löschen. Ich finde es sehr spannend, aber ich verstehe sowieso nicht, wie das funktioniert mit den Hashtags und wie man einen Tweet so postet, dass er auch gefunden wird.

Dass mir die Ruhe schwerfallen wird, hatte ich vorher schon gewusst und darum Bastelsachen eingepackt. Die Kinder wünschen sich mehr Pflanzen in der Wohnung, und weil wir wenig Stellplatz haben, sollen es nun Blumenampeln sein, die machen auch Spaß zu knüpfen. In den 80ern war das hip. „Da kannst Du überflüssige Gefühle, sowie Wünsche und Gedanken hineinweben“, sagte eine Freundin. Ich war mir nicht sicher, ob ich den richtigen Knoten drauf habe dafür, aber was soll´s – ein Versuch ist´s wert. Wieso nicht mal die esoterische Ader bemühen. Das Rheindelta am österreichischen Bodenseeende ist ein Paradies ……..

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Mußestunden

Ich sehe noch immer das spiegelglatte Meer in der Abendsonne, den Seehund zwanzig Meter entfernt. Wir schwimmen Seite an Seite ins offene Meer hinaus. Das schrägliegende Boot liegt einsam im Watt, wir befinden in einer anderen Dimension. Wir sind die einzigen Menschen in dieser Welt. Wir sind Han Solo, Chewbacca und Prinzessin Leia.. Ich rieche das Salz in der Luft, spüre das samtweiche, warme Watt unter den Sohlen, die Sonne auf der Haut und den Wind in den Haaren. Das ist das Bild, das ich als erstes sehe, wenn ich mich erinnere. Obwohl der Rest der Reise ganz anders war. Wir haben uns so gut gefühlt, dass wir in unserer Fantasie die Kajüte wie unser Heim eingerichtet haben….

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Frauen an die Macht

Für eine neue Bau- und Wohnpolitik

Die *Innen

Wie ich mir die Realität hinterm Sternchen vorstelle

Nichts geht, noch immer kein Biergarten, kein Freibad, kein Kino, kein Theater, aber es wird gebaut und gewerkelt, was das Zeug hält. In Hausen ist der Boden offen; da gibt’s ein ganz neues Wohngebiet am Ortsanfang. Es ist nicht die Sahneschnitte unter den Wohnlagen, nicht wie am Klosterbach ein Stück Natur, um welches das Herz blutet, aber weh tut´s allemal. Das Flächenversiegeln ist ein weiterer Teil Fußabdruck, der ohnehin schon viel zu groß ist, ein Stempel ´Mensch´. Mensch versus Natur. Gestern spazieren gewesen in der Stadt, Richtung Tannstraße hoch, Stadtrand, „Speckgürtel“, manche mögen´s appetitlich finden. Ich weiß nicht – Schottervorgärten und gestutzte Buchsbäume, Rindenmulch mit traurig grünen Einsprengseln. Es ist schon viel, wenn in einem eng begrenzten, ausgesuchten Rasenabteil ein paar Gänseblümchen blühen dürfen. Dafür Dekozeug vor der Tür, an dem noch unsichtbar das Preisschild hängt – „teuer“. Gruslig. Ich würde Schottergärten auch verbieten. Was soll das denn? Wer keine Lust auf Garten hat, wäre mit einer schicken Eigentumswohnung doch besser bedient. Diese Haltung „hier Mensch-dort Natur, dort Tier“, die haut halt nicht hin.

Wir müssen unseren Platz teilen und der Natur ihren berechtigten Raum geben. Ich habe schon lange nicht mehr ´grün´ gewählt; mir sind die Grünen viel zu konservativ und selbstgerecht geworden, dabei viel zu wenig ´grün´. Bei der nächsten Bundestagswahl mag das anders aussehen. Mir gefällt die Kanzlerkandidatin, und mir gefällt die Vorstellung eines Wechsels. Trotz Nachmeldung von Nebeneinkünften. Dumm gelaufen, muss man schon sagen. Aber im Vergleich zu den teils hanebüchenen Nebeneinkünften der CDU/CSU und den mitunter illegalen Zahlungen innerhalb anderer Parteien nimmt sich das schon deutlich bescheidener aus – und am Ende ja doch ehrlich; wie viele die hier schreien, melden selbst noch nicht mal nach?  Im Netz hyperventilieren sie schon. #baerbockverhindern. Die Afd hat Schaum vor dem Mund. Da regt man sich außerdem auf über Frau Baerbocks Gendern, als wäre das Makel und Sakrileg. Mit dem Gendern ist es ein bisschen wie mit dem Impfen. Im offiziellen Sprachgebrauch wäre es gut weit verbreitet, um einen bestehenden Missstand anzugehen, im Privaten soll es jede/r halten, wie er-sie-es für richtig empfindet. Es ist eine Haltung, eine von mehreren möglichen. Es hängt nicht die Welt davon ab. Die Grünen gelten als ´Verbotspartei´ und viele, die selbst so engstirnig sind, dass sie nur ein einziges Richtig dulden und in der Vielfalt sofort um die eigene Identität fürchten, schreien nach Freiheit, die zum Synonym für assiges Benehmen verkommt; ´nach mir die Sintflut´. In den Fünfzigern sah man das Ende der chemischen Industrie, als Wasserfilter verlangt wurden, in den Siebzigern das Ende der Freizügigkeit, als die Gurtpflicht kam und innerorts Geschwindigkeitsbeschränkungen… Als die Grünen in BaWü an die Macht kamen, wollte Seehofer, damals noch bayerischer Ministerpräsident, die Unternehmen nach Bayern holen, als Wirtschaftsflüchtlinge sozusagen. Es war gar nicht nötig. Jede Zeit hat ihre Freizügigkeit und ihre Verbote. Ich würde das gerne ´Lernen´ nennen; wir verbessern unsere Bräuche da, wo wir erkennen, dass etwas verkehrt läuft.

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Familiengeschichten

Vielleicht ist auch dies irgendwie coronabedingt – dass ich so sehr mit Familiärem befasst bin. Immerhin lenkt es mich effektiv ab von diesem heillosen Drama um steigende Inzidenzen und Änderungen von Infektionsschutzgesetzen, um diverse Lockdowns und teils schrägen Protest dagegen und um Impfstoffe, die nicht zu haben oder nicht risikolos oder wirkungslos oder wasweißich sind. Ich spiele ein bisschen Vogel Strauss und stecke den Kopf in den Treibsand der familyaffairs. Obwohl es das davor selbstverständlich auch schon gab – familyaffairs. Trotzdem sehe ich mittlerweile fast alles nur noch durch die Coronabrille, als zwängte sie mir ihren Fokus auf, ob ich will oder nicht. Alles lodert auf unter diesem Brennglas, das Kleine wie das Große, das Nahe wie das Ferne.

Das Thema ´offene Türen´ ist nach wie vor präsent. Es ist jemand hereingekommen, mit dem wir uns schwer tun, und es stellt sich die Frage, wie offen die Türe sein soll, und wie wir sie, so es denn notwendig erschiene, wieder schließen ohne sämtliche Ideale des Anstands und der Nächstenliebe zu verraten. So wie ich keinen Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen will, will ich auch niemanden  fortschicken, der keine Bleibe hat. Verträglich benehmen sollte er sich freilich schon. Das Eigene will auch geschützt sein. Früher war das ganz einfach….

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Milch

Eine Frau. Sie hat einen guten Mann. Er säuft nicht, schlägt nicht, er liebt seine Kinder  – eines ist noch ein Baby  – und er verrichtet seine Arbeit. Das soll SIE auch tun, sagt er, und er sagt auch, was ihre Arbeit ist. Schließlich ist er der Mann im Haus. Sagt er.  Was immer das bedeuten soll. Völlig wurscht, was in der Hose ist. 2021, aber so was gibt es. In Deutschland. Nicht zu fassen. Immerhin, er kocht, und das nicht schlecht. Sie soll viel und reichhaltig essen. „Für die Milch“, sagt er. Es geht ums Baby. Das wird gestillt. Sie ist immer daheim, ob mit Lockdown oder ohne. Daheim und Mutter-sein – das muss zum Glück genügen.  Sagt er. Lockdown ist quasi der natürliche Daseinszustand im Haus.

Aber dies ist keine Coronageschichte. Es ist zumindest teilweise eine afrikanische Geschichte.

Da ist eine andere Frau. Aus Afrika. Bei ihnen, erzählt sie, ist keine Mutter alleine. Die Familien sind groß und beisammen, und in der Gemeinschaft gibt es immer mehrere Mütter, die gerade stillen. Wenn eine zum Markt geht, dann kann sie das stressfrei und bequem tun ohne Baby, denn sie weiß, wenn es schreit, ist eine Frau da, die es anlegen wird.  So hat jedes Kind zig Geschwister und ein halbes Dutzend Mütter. Die helfen sich auch aus, wenn die Brust einer Frau leergetrunken ist. „Hat jemand Milch?“ kann es durch einen Bus rufen, und dann wird ein Baby über die Köpfe durchgereicht zu einer Frau, die noch hat.

Das kann ich mir bildhaft vorstellen. Es passt zu einer Geschichte, die meine Mutter gerne erzählt. Es ist eine ihrer Lieblingsgeschichten. Sie und unser Vater waren in Afrika an der Elfenbeinküste zu Besuch bei einem Freund unseres gerade erst verstorbenen Bruders. Auf dem Rückflug saßen sie im Flughafen von Abidjan und warteten auf den Aufruf zum Boarding. Mit ihnen wartete eine Gruppe Touaregs; große, dunkle Menschen, stolz und schön wie Statuen, die Frauen in prächtige Farben gehüllt und goldbehangen. Meine Mutter saß und bewunderte – und bekam plötzlich ein Baby in den Arm gedrückt. Die Touaregmutter bedeutete ihr, sie müsse mal. Und meine Mutter wiegte das Baby und war selig und beglückt. Vielleicht hat die Frau ihr angesehen, dass man dieser weißen, älteren Dame guten Gefühls sein Herzblatt anvertrauen kann. Hätte meine Mutter gekonnt, sie hätte auch gestillt.

Unsere Familien in Mitteleuropa sind – zumindest oftmals – zu klein und zu schlecht aufgestellt für die Vielfalt der Aufgaben, und das auch dann, wenn Kitas und Schulhorte mithelfen und einen Teil übernehmen sollen. Wo´s schwierig wird, werden Verantwortungen hin und her geschoben und man steht sich gegenseitig im Weg mit seinen unterschiedlichen Definitionen von Erziehung und Konsequenz.

Ich finde auch, es liegt etwas durchaus Ambivalentes in diesem ´Konsequenz´. Freilich, jeder muss wissen, dass unterschiedliches Verhalten unterschiedliche Folgen nach sich zieht – je nachdem. Schon Kinder müssen das erfahren. Aber so ein „wer nicht hören will, muss fühlen“ ist auch nicht zwangsläufig die Lösung aller Probleme, auch dann nicht, wenn „Be-greifen“ von „Greifen“ kommt. Ich wünsche mir ja ohnehin Köpfe, die VORHER verstehen, VOR der schlimmen Konsequenz. Verstehen und Lernen ohne didaktisch eingebaute Eskalationen. Ist langsam und zäh und voller Verwirrungen. Aber es soll ja der Planet nicht kippen müssen, bevor man versteht, man muss was ändern. Nur ein Beispiel. Manche Konsequenzen kann und will man sich einfach nicht leisten.

Ich weiß nicht –

Die Kinder sind noch klein, und sie müssen noch so viel lernen. Manchmal bin ich ganz entzückt und denke, sie haben schon so viel verstanden – das werden sie auch weiterhin und stetig zunehmend, und ich kann Vertrauen haben und gelassen bleiben. Bis es sich wieder irgendwo verhakelt und ich an der glatten Wand hochlaufen will, weil zwei und zwei partout nicht vier ergeben will.

Ich habe das Rezept noch nicht entschlüsselt. Mir fehlen einfach ein paar Zutaten. Ich komm noch drauf!

Gutes, neues Jahr!

Überall finde ich Konfetti – unterm Sessel, unter Schränken und Kommoden, im Bett, im Waschbecken, unterm Christbaum. Dort mischen sie sich mit den Knicklichtern, die nur noch müde vor sich hin leuchten. Knicklichter, zuhauf und quietschend bunt. (Knicklichter waren in der Vergangenheit im selben Freundeskreis auch schon heftig umstritten: https://beatekalmbach.home.blog/2019/06/29/knick-es/) . Geselligkeit ist eine wichtige Zutat von Festlichkeiten, Musik – sogar Krach ist erlaubt, wenn´s übermütig werden darf – und Sauerei, die auch. Verzicht ist das Eine, ein Fest das andere, beides zusammen geht nicht.  „Wir haben noch mehr zum Sauerei-machen“, sagte eines der Kinder und holte eine Packung Luftschlangen. Die Sauerei war schließlich flächendeckend.

Es war ein schöner Jahreswechsel. Früh ausgemacht, schon zu Zeiten, als der Lockdown kein Thema war, als es nur um Personen – und Haushaltsanzahl ging. Das war hinzubekommen – zwei Erwachsene aus zwei Haushalten, Kinder unter 14 zählen nicht – passt. Dann kam die Ausgangssperre dazu und die Überlegung, ob es das jetzt wohl war mit Silvester-feiern. Man könne ja auch mal ganz intim – so jeder für sich. Kann man schon. Natürlich kann man das. Wir können auch gut für uns sein. Aber das sind wir derzeit viel genug, und ein Fest ist nunmal schöner mit mehreren. Wir haben ein Kinderzimmer zum Gästezimmer erklärt, und die Gäste blieben über Nacht. Den nichtzählenden Kindern gefiel das prima.

(Die Knicklichter erwiesen sich als äußerst hilfreich. Großzügig verteilt gaben sie das nächtliche Notlicht für die Wohnungsfremden.)

Wir haben Pizza gegessen und getanzt zu den Toten Hosen, „Das Mädchen aus Rottweil“. Die Knicklichter steckten in Socken und Hosenbünden, in Haaren und Händen und gaben die Lichtshow. Und wir haben gemalt, jeder ein Bild, was er sich vom kommenden Jahr erhofft. Ein Krankenwagen, Figuren mit Mundschutz, die diesen im nächsten Bild nicht mehr tragen, durchgestrichene Viren – alle wünschen sich ein Ende der Pandemie. (Niemand ist Impfgegner. Persönlich bin ich durchaus geneigt, schon aus gesellschaftlicher Solidarität. Aber wir Großen haben offene Fragen. Dies nebenbei. Hier ein Link zu einer Bloggerin, die das meines Erachtens nach ziemlich anschaulich zusammengestellt hat: https://ichlachemichgesund.blog/2020/12/29/meine-personlichen-fragen-an-die-impfung/ ). Mädchen wünschen sich Babys, als Kind und/oder Geschwister. Feste und Treffen mit vielen FreundInnen werden gemalt. Kein Haushaltszählen mehr. Alle auf einmal treffen. Abgesehen davon, dass das sehr effektiv ist, was das soziale Miteinander angeht, macht es halt auch Spaß, wenn man gemeinsam alles Schwere von sich schiebt, die Dinge mal eben leicht nimmt. Das ist geradezu verpönt in diesen Zeiten und wird oft als Merkmal von Verwöhntheit und Egoismus abgetan. Aber das finde ich unfair. Party-machen darf man schon vermissen und also sich wünschen. Und alle malen Schwimmen, geöffnete Bäder, Strand und Meer. Jaaa. Das vermissen wir. Das Schwimmbad. Ein Bild zeigt das Kino. Und eines den Besuch des Europaparks. Ein Kind will mal Rockstar sein und auf großer Bühne stehen – Nicht ausgeschlossen, aber im kommenden Jahr schwer zu erreichen. Man müsste erstmal anfangen ein Instrument zu lernen und Freude am Singen zu entwickeln. Schneeflocken gibt es hellblau dahingestreut aufs Papier, nächstes Mal bitte weiße Weihnachten. (Ich bin erstmal froh, dass wir dieses geschafft haben). Eine Erde mit einem Schutzmantel, „1,5°“ – ein Klima, das sein darf, wie es von sich aus ist. Ein Herz und ein Friedenszeichen, und Yin und Yang – Harmonie.  Ein Daumen für viele Likes. Schöne neue Welt. Ein Buch lesen. Na, wenn sich das nicht machen lässt, dann wäre es wirklich schlecht bestellt um uns. Ein Buch lesen – aber bitte doch.  Überhaupt besteht durchaus Anlaß zur Zuversicht. Lesen geht. Kinderkriegen auch; das ist ohnehin ´Prinzip Hoffnung´ – also hoffen wir und unternehmen alles Notwendige, (die, die sich das wünschen). Auch Baden wird es geben in irgendeiner Form. Es ist Wasser in der Welt und es wird wieder Sommer sein, und also geht auch Baden. Und Schneeflocken, ja, noch gibt es sie, weniger als früher, aber es gibt sie. Einen Schutzmantel für die Erde – das wäre was. Es ist Wahljahr – man kann auch hierfür wählen. Fürs allgemeine Klima.

Nächstes Jahr um diese Zeit nehmen wir die Bilder wieder raus und gucken, was aus den Wünschen geworden ist. Und bis dahin verlieren wir nicht die Hoffnung.

Allseits gutes neues Jahr.

Und es kommt doch

Unsere Sorgen ums Christkind

„Kommt es oder kommt es nicht?“ „Kann es überhaupt?“ Wochenlang trieb die Kinder die Sorge um, ob das Christkind dieses Jahr kommen kann. Und wochenlang sagte ich „natürlich! Ganz sicher! Das Christkind kommt!“ Ich habe konsequent Vorbereitungen getroffen, damit das dann auch stimmt. Ich habe für die Großen, die es zu beschenken gilt, ein paar Kleinigkeiten im örtlichen Einzelhandel und auf der abgespeckten Version des Weihnachtsmarktes gekauft, support your locals,  aber das meiste,  die Hauptgeschenke für die Kinder, das Oberste der Wunschliste – die es in einem Faller oder Merz hätte geben können, die  jetzt, da es keinen Faller oder Merz mehr gibt, in der Stadt heuer aber ohnehin nicht zu bekommen sind  – bestellt. Frühzeitig. Es war ja leicht sich auszumalen, dass Versandhandel und Lieferservices mehr als ausgelastet wären. Ich dachte, ein paar kleine Sächelchen noch und alles ist beisammen. Das Christkind kommt! 

Letzte Woche, da war die ursprünglich verkündete Lieferzeit bereits um ein Mehrfaches ausgeschöpft, hätte das Paket kommen sollen, dann Anfang dieser. Da kam eine Mail, „morgen“ und tags darauf nochmal „morgen“, und dann kam da auch nichts, und abends war da eine Mail – „zugestellt!“ Hä? Ich ging runter, kein Paket, guckte in den Briefkasten, keine Karte, fragte die Nachbarn, die hatten nichts. Das war nun also doch Anlass zur Sorge. Eine unruhige Nacht. Am andern Morgen beim Lieferdienst angerufen, mich mit diversen automatischen Hotlines herumgeplagt, die, sobald die Sendungsnummer eingegeben war, behaupteten „zugestellt“, daraufhin online mich über einen automatischen Chatpartner geärgert, der freundlich fragte „was ist dein Problem?“. „Ich habe kein Paket erhalten.“ „Ich lerne noch. Bitte benutze andere Worte.“ “Kein Paket.“ „Bitte benutze andere Worte.“ „Es hat keine Zustellung stattgefunden.“ “Bitte benutze andere Worte.“ „Keine Zustellung.“ „Bitte benutze andere Worte.“ „Depp!“

Bei so was weiß ich immer überhaupt nicht wohin mit meiner Wut. Megafrustig. Man ist so komplett aufgeschmissen. Ich will das Telefon an die Wand schmettern, aber das trifft mich nur selbst. Ich will den Chat aus der Steckdose ziehen und die Worte aus ihm schütteln, mit denen er was anfängt. Sonst zeig ICH IHM, womit ICH was anfange. Eine Frechheit. Wie kann man „zugestellt“ behaupten, wo nichts ist? Geht’s noch? Mittags die Paketshops abgeklappert, da lag nichts, aber ich bekam einen Tipp, wie eine echte menschliche Stimme an die Strippe bekomme. Tatsächlich daraufhin eine echte Frau gesprochen, Trost und Hoffnung erfahren, „wir kümmern uns drum!“. Wiederum eine Mail erhalten, „Bearbeitungszeit zwischen einer und drei Wochen“! Endgültig Zeter und Mordio geschrieen. Und so was will Götterbote sein. In der Not aufs Küchenbuffet gedonnert. Die Hand tat mir weh. In Panik geraten. Und das in diesem Lockdown. Alles ist zu. Was jetzt? Dem Götterboten eine Mail geschickt. ….“Machen Sie Witze? In einer Woche ist Heilig Abend. Die Bestellung liegt 4 Wochen zurück. Ich habe keine Ahnung, wie es geschehen kann, dass eine Sendung als zugestellt gilt, die nirgends liegt, bzw ein Vermerk dazu. Seriös ist das nicht, auch nicht in ´diesen Zeiten´, in denen Sie, das ist mir bewusst, extrem viel zu tun haben. Es macht es nicht einfacher und schneller, wenn solche Verwicklungen geschehen. Gerade wenn viel los, muss es korrekt laufen. Klar, nicht wahr?…“ Die Logik stimmt zwar, es waren nun zwei Kundenservices mit dem Paket befasst, plus Anfragen in drei Paketshops inklusive Gespräche mit diversen Fahrern, die es auch eilig hatten. trotzdem ist mir diese krätzige Ansprache im Nachhinein doppelt peinlich. Die folgende Nacht nahezu schlaflos verbracht, im Geiste Briefe  des Chriskinds an die Kinder formuliert, es tue ihm so leid, es sei leider doch nicht gegangen, hier Lieferengpass, da Quarantäne, dort geschlossene Grenzen und Überlastung, selbst das Christkind scheitert an Corona. Das von der Tante kommt zu OmaOpa, hoffentlich, und die Freundin hat´s mir auch schon gegeben, ausserdem habe ich stets ein paar Sächelchen deponiert, Übrigbleibsel irgendwelcher früherer Bestellungen, die dann doch aussortiert wurden, oder Second-Hand-Zeug, das unangemeldet ins Haus kam und für ein Geschenk taugt. „Hier ein paar Kleinigkeiten, ihr Lieben, damit ihr wenigstens was zum Auspacken habt, aber seid gewiss, Eure Wünsche sind gehört und sollen in Erfüllung gehen“. Irgendwie so. Und Schokoladenfondue statt ausgiebiger Bescherung, oder ein neues Spiel. Aber selbst die beste Idee wäre eine Notlösung, und dies freudige Aufwachen am ersten Weihnachtsfeiertag, wenn alles noch unterm Baum liegt und jetzt also ausgiebig bespielt werden kann, das würde fehlen. Ich war übermüdet und übellaunig. Kein Funke adventlicher Vorfreude. Es fehlte nicht viel, und ich wäre bereit dieses Fest aus dem Kalender zu streichen für dieses Jahr.

Es geht ja nicht bloß um die Geschenke. Da ist die kranke entfernte Verwandte, die verdreht und planlos von Hochrisikogebiet zu Hochrisikogebiet durch die Lande zieht, ohne Vorstellung davon, was an Vorsichtsmaßnahmen weshalb wie wo eingehalten werden soll, die einen Platz zum Leben sucht, überhaupt ihr Leben sucht, das ihr unter den Füßen zerronnen ist, und die immer wieder bei den alten Eltern eincheckt. Die hatten für Leute in Not stets eine offene Türe, und das ist gut so, aber das Abwägen der Risiken muss man mittlerweile für sie mitübernehmen – im Alter verändert sich der Blick  – und dann wäge ich ab und habe es doch nicht in der Hand.

Da ist der Job, den ich so gerne mache. Kaum einmal hat es einen Tag gegeben, da ich ungern hingegangen bin. Ich bin gerne mit den Leuten ´meiner´ Wohngruppe zusammen. Und jetzt will ich eigentlich dort sein, um die Lage etwas aufzuhellen, und will doch nicht, weil es so deprimierend ist und ich mit dem Gefühl heimgehe, ich kann keinem mehr gerecht werden. Wer sich ´draussen´, im ´normalen´ Leben, aufregt über Coronaregeln und Einschränkungen, der hat keine Vorstellung davon, was ´Besuchs – und Ausgangssperre´ und ´Quarantäne´ bedeuten fürs Dasein in einem psychiatrischen Pflegeheim, und wie es die trifft, die von ihrer Verfassung her ohnehin nicht die Möglichkeiten haben, mit denen wir ´Normalos´ uns so über die Runden retten. Das Wort ´Fest´ nimmt man schon gar nicht in den Mund, es wird keines geben. Und sie werden sehr alleine sein.

Es ist niederschmetternd. Dieses Kack-Virus. Man straft die, die man schützt. Es gibt überhaupt kein ´richtig´.

Ein Rechtstaat braucht Regeln, damit funktioniert er, mit Rechten, und deren Kehrseite, gegen die man auch klagen kann. Das kann ich verstehen, das finde ich auch gut. Um dauerhaft akzeptiert zu werden, braucht es trotzdem Spielraum und Mut – damit Platz ist für gute Geschichten.

Ich habe einen alten Freund wieder getroffen. Jahre, Jahrzehnte her ist das letzte Treffen. Rottweil ist ein guter Ort zum Zurückkommen. Ich bin nicht die Einzige, die das entdeckt hat. Dieser Freund stand mir nah, die ersten Ausflüge und später Urlaube ohne die Eltern unternahm ich mit ihm. Ein Mal waren noch eine Freundin und ein weiterer Freund dabei, der immerzu sagte „in der Ruhe liegt die Kraft“. Der sagte das so oft, dass wir es aufgriffen, es zum geflügelten Wort wurde, bei jeder Gelegenheit wiederholt, was den Verursacher mitunter furchtbar aufregte – das war einer, der alle Mühe hatte mit der Ruhe und deren innewohnenden Kraft.  In der Ruhe liegt die Kraft. Das sag ich mir jetzt auch. Tief durchatmen.

Ich sinne auf Notlösungen, in denen freilich so viel ´Not´ drin ist, dass sie als Lösung kaum mehr durchgehen. An Heilig Abend gibt es also auch in der Wohngruppe eine kleine Bescherung, und Musik aus der Konserve, und süße Düfte. Und am zweiten Weihnachtsfeiertag rücke ich mit Punsch und Bredle und Vorlesegeschichten an. Besser als nichts. Auch für die Verwandte habe ich ein Domizil gefunden, wo ich sie zur Not unterbringen kann. Die Tante sagt unseren Besuch bei ihr ab, das ist sehr schade, kommt aber nicht unerwartet. „Ihr mit Euren Zahlen!“, in Rottweil, sagt sie, das klingt wie eine Schuldzuweisung. Nachvollziehen kann ich die Absage, als sinnvoll ansehen auch. Der Kreis Rottweil hat derzeit die höchste 7-Tage-Inzidenzrate im Land. Im Ranking der besuchfähigen Landkreise haben wir damit den Schwarzen Peter. Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Der Landrat sagt das, was alle sagen, die sich an hohen Zahlen stören: das hängt mit den vielen Tests zusammen. Finde ich großartig.

Und dann gibt es doch noch Platz für eine gute Geschichte:

Mittlerweile war ich im Schwarzwald-Baar-Center gewesen. Dort, hatte eine Bekannte mir gesagt, der ich das Desaster mit dem Götterboten geschildert hatte, habe der Supermarkt eine gut sortierte Spielwarenabteilung. Ich verstehe den Frust des Einzelhandels, das ist voll unfair. Das ist voll fies – ich bin trotzdem hin, war froh, dass dieser Bereich nicht abgesperrt war, und habe eingekauft, jedem ein kleines und ein etwas größeres Geschenk und war beruhigt. Das Fest ist gerettet. Und dann telefonierte ich mit dem Opa wegen des Christbaums, und der sagte ganz nebenbei „hier steht übrigens noch ein Paket für Dich.“ Oh. „Von wem?“ „Mieiehtoohiehs“, in Zeitlupe. „Mytoys!“ Das ist es! Und da fiel´s mir ein. Ich hatte vom selben Unternehmen vor Jahren mal zu ihnen schicken lassen. Das Christkind ist ein zauberhaftes Wesen, das es schafft, in einer Nacht überall gleichzeitig zu sein. Aber von diesen Lieferungen sollten die Kinder nach Möglichkeit erstmal nicht wissen,  damit sie nicht vor der Zeit entdecken, dass  das Christkind eben auch Menschen aus Fleisch und Blut ist. Das muss man erstmal zusammenbringen. Jetzt hab ich Geschenke zuhauf und noch was übrig für den Osterhasen. Dem Lieferdienst habe ich eine weitere Mail geschickt: „Tut mir sehr leid. Jetzt hab ich alle jalous gemacht und an anderer Leute Seriosität und Korrektheit gezweifelt, wo ich selbst es versemmelt habe. Wenn man mal ein Beispiel braucht für ´peinlich´- das wäre eins. Ich bitte um Entschuldigung, bade in Asche und wünsche schöne Weihnachten.“

Das Christkind kommt. Und Oma und Opa werden kommen. Das Krippenspiel machen wir wieder selbst und OmaOpa geben die weisen Könige.Und statt zum gemeinsamen Singen vor dem Rathaus werden wir zusammen auf den Friedhof gehen und Kerzen anzünden. Und wenn wir wieder da sind, werden wie von Zauberhänden, die dem Nachbarn gehören, die Geschenke unterm Baum liegen, und es wird ganz bestimmt ein frohes Fest.

In diesem Sinne – allseits schöne Weihnachten. Machen wir das Beste draus.

„Dick ist doof“

Und diese Gleichung ist das eigentlich Doofe

Ich war ein dickes Kind. Und damit hatte ich eigentlich keine Probleme. Ich  habe mich wohl gefühlt in meiner Haut, hatte Spaß an Bewegung und habe zwar gerne Süß und Wurst und Pommes gegessen, aber auch viel Obst und Käsebrot und Spinat und Co. Mein Problem war nicht mein Speck, mein Problem war das Problem, das andere mit meinem Speck hatten. Mein Problem war, dass alle so taten, als sei irgendwas völlig aus dem Ruder, gefährlich und verkehrt. Das war es nicht. Ich war nur nicht schlank. Das Einzige, das ich so gelernt habe, war, dass ich meinem  eigenen Gefühl nicht trauen sollte. Wenn ich mich wohl fühle, während alle anderen warnen, dann müssen die wohl Recht haben, ob ich das nun verstehe oder nicht. Ich hab´s nicht verstanden, und deshalb habe ich mich nicht nur dick gefühlt und das als anstößig gelernt zu empfinden, sondern auch doof. Und so, glaube ich, kommt das, dass irgendwann irgendwelche schlanken Arschgeigen daherkommen und über Dicke vom Leder ziehen, als seien sie selbst besser, nur weil sie weniger auf den Rippen haben, und schließlich gilt dick gleich doof.

Alles schreit nach Individualität und Freiheit. Alles darf man sein. Weiß schwarz grün rot blau, getreadet, behaart, rasiert oder bemalt, gepierct, geburnt, rechts links oben unten oder voll daneben, alles, bloß nicht dick. So kommt´s mir vor.

Es gibt Leute, die essen gerne und viel und auch Süß und Junk und nehmen halt nicht zu. Die haben Glück. Dann gibt es Leute, denen ist Essen nicht so wichtig. Die haben entweder andere Leidenschaften oder aber gar keine, was ich auch bedauerlich finde. Und dann gibt es Leute, die essen gerne, und bei denen setzt es an.  Die machen Speckröllchen draus. So what.

Wer sagt, dass Dick nicht schön sein soll und kann? Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Es gibt Leute, die beurteilen Schönheit anhand von irgendwelchen Ästhetiktheorien: zwei unterschiedliche Mischungen von Rot passen nicht zusammen, unterschiedliche Muster kombiniert gehen nicht, Leute mit Krampfadern dürfen keine Shorts tragen, in Sandalen dürfen keine Socken. Und Dicke sollen ihre Formen überspielen. Kein Minirock, keine Spaghettiträger, kein enges Top. Weil der Kopf vielleicht ja noch geht, Masse da, wo andere keine haben, aber anscheinend nicht.

Das ist eine bodenlose Unverschämtheit! Rottöne gehen bestens in Kombination, geblümtes Oberteil und gestreifte Hose mit gepunktenen Strümpfen ist klasse, Socken  – naja – wer´s mag, ist ja eher so eine Gefühlssache – und überdies kenne ich sehr viele dicke Leute, die sehr schön sind, schöner als manch Schlanke, und das auch und gerade da, wo man die Masse fett sieht. Irgendwer behauptet, dick sei nicht gut, sei nicht schön, und nicht gesund, und alle folgen? Fettsucht und Essstörungen gehören behandelt. Freilich. Aber nicht Speckröllchen. Das ist Polster, auch für schlechte Zeiten, und ist der Gesundheit durchaus nicht abträglich.

Es sind die wenigstens kleinkarierten Gefühle der Mahner, die das Problem sind. Bloß weil die ihren Blick nicht wohlwollend weiten können, sollen andere neurotisch anfangen Kalorien zu zählen und eine intime Beziehung mit der Waage eingehen. Und jeden Bissen, den sie zu sich nehmen, sollen sie mit schlechtem Gewissen kauen. Das ist fies und niederträchtig und schafft bloß blöde Stimmung.

Natürlich ist man bis zu einem gewissen Maß Herr über seinen Körper, und auch Dicke können abnehmen und schlank sein. Aber wozu? Viele haben´s probiert und gefunden, dass die Selbstkasteiung, die sie betreiben müssen, um auch schlank zu bleiben, zu sehr auf die Lebensfreude drückt. Nur um es ein paar Leuten recht zu machen, deren Sinn für Schönheit nicht vom Herzen, sondern von Lehrbüchern kommt? Pah! Es böte sich genauso an, die Muskulatur der Mittelfinger zu trainieren und diese öfter mal kraftvoll in die Höhe zu recken, wenn sich wer mokiert.

In diesem Sinne – lassen wir einander und vor allem die Kinder in Ruhe und es uns einfach allen schmecken!

(Die obigen Bilder sind Ausschnitte und gemalt von Sabine Kalmbach, eine Auftragsarbeit nach Foto. Nachfragen an s-kalmbach@live.de)  

„Die zweite Welle“

Coole Schlagzeile, cooler Titel. Raunt einem entgegen von jeder Straßenecke und hört sich an wie aus einem Spielfilm, und im Geiste sehe ich Sturmfluten und Zivilisationen, die von tosendem Grau verschlungen werden. Und gleich darauf sehe ich die Ostsee, die Kinder hinter den Wellenbrechern, wie sie sich fröhlich hineinwerfen, kurz verschwinden, wieder auftauchen, und ich weiß, sie können locker stehen, wo sie sind, aber im Auge behalten will ich´s doch. Ich bin noch immer nicht ganz zurück von der Reise, noch immer ein wenig dort, die Füße im Sand, vor mir weites, glitzerndes Blau, und die Themen vermischen sich, die Wellen und Corona, die Reise und die Demos, das Rauschen am Ufer und die Diskussionen um Weihnachtsmärkte.

Die Demo. Es gibt immer wieder welche, aber keine hat so eingeschlagen wie diese eine Ende August in Berlin. Ich weiß nicht – ein bisschen war das wie in den Achtzigern die Menschenkette. Es gab unzählige Aktionen damals gegen den Nato-Doppelbeschluß, aber keine war so bewegend wie die Menschenkette. Schon davor beherrschte sie jedes Gespräch, wer geht hin, wer nicht, und noch heute freue ich mich, wenn ich jemandem begegne, der auch dort war, und dann tauscht man sich aus an welcher Stelle man gestanden hat, ob die Reihe doppelt oder dreifach war, und das Lied geht mir wieder durch den Kopf – „die Zeit ist reif für ein Nein“, ein simpler Text, aber eine eingängige Melodie, als Kanon gesungen; ich habe damals erst aufgehört zu singen als ich längst wieder daheim war, die Euphorie hat mich begleitet bis zum Zähneputzen. Gebracht es nichts, die Waffen sind stationiert worden, der Kalte Krieg nahm seinen Gang. Das tut mir heute nicht mehr weh, was  eigentlich nicht passt, weil nach wie vor viel zu viele Waffen an viel zu viele Orte verteilt sind. Aber die Menschenkette war klasse, ich spüre sie heute noch.

Vielleicht verhält es sich mit der Demo am 29. August ähnlich – ich weiß es nicht, ich war nicht dabei. Nicht in Berlin. Aber auch diese Demo war davor Bestandteil sehr vieler Gespräche und man unterschied in die, die hingingen, und jene, die das nicht taten, und wer weshalb und weshalb nicht. Egal auf welcher Seite, jeder war in Rechtfertigungsnot. Ich habe Leute getroffen, die hingehen wollten und im Vorfeld bereits empört waren, man werfe sie mit Nazis in einen Topf. Ja wen wundert´s – auch wenn´s wenige waren, die Nazis waren laut und gaben den Ton mit an, und man marschierte Seite an Seite damit. Natürlich kann man sich davon nicht einfach distanzieren, diesen Pakt ist man eingegangen, diese Brücke hat man geschlagen.

Die AHA-Regeln leuchten mir prinzipiell vollkommen ein, und ich folge ihnen weitestgehend. Den Mundschutz trage ich so nebenbei, dass ich manchmal  vergesse, dass ich ihn trage. Abstand ist auch gebongt, wobei ich auch keine Haken schlage; ich will nicht, dass wir einander wie einer Gefahr begegnen. Außerdem braucht jeder Leute für konsequentes  Brechen dieses Gebots. Trotzdem ist vermutlich gerade  tatsächlich nicht die Zeit für Massenveranstaltungen in großen Hallen, wo man sich gegenseitig den Atem ins Genick pustet. Ich empfinde mich als kritisch, aber nicht als ´dagegen´. In manchen Überlegungen konnte ich  mich dennoch mit den Demonstrierenden verständigen. Infektionszahlen hin oder her – das Gesundheitssystem ist gerade beileibe nicht überlastet, also sehe ich keinen Grund für schärfere Maßnahmen. Ganz im Gegenteil. Zwar sehe ich, dass Corona weit mehr ist als eine leichte Grippe und mitunter lange und echt fiese Schäden nach sich zieht. Aber man muss ja tatsächlich abwägen zwischen Infektionsschäden und den Schäden, die die Beschränkungen mit sich bringen. Und die sind auch nicht ohne. Ich verstehe den Zweifel an der zwingenden Notwendigkeit so mancher Maßnahme. Manche Regel, bzw deren Handhabung, ist bisweilen hirnrissig und eine bloße Zumutung, und aus einigen Plexischeiben  spricht die reine Hilflosigkeit. Ich würde mir mehr situativ angepasstes Entscheiden wünschen. Und an einem Sterbebett soll egal sein, wer aus welchem Haushalt kommt, dasselbe beim Gebären. Kinder werden in der Wohnung nicht Quarantäne-isoliert, im Zweifel bleiben die Geschwisterkinder und die Eltern auch daheim – krankgeschrieben. Solche Sachen.                        Ich verstehe den Verdruss über dies Von-oben-herab-bestimmen, das ganze Themenfelder ausklammert. Auch  erschrecke ich über Größenordnungen und Prioritäten. Große Konzerne bekamen viel Geld und fingen nach dem Lockdown scheinbar einfach da wieder an, wo sie aufgehört hatten, so als wäre nichts gewesen. Eltern von schwerbehinderten Kindern jedoch, die nicht mehr betreut werden konnten wie zuvor, die also von den Eltern rundum versorgt wurden, die bekamen nichts, und Künstler darben bis heute, weil es nicht lohnt, vor halbbesetzten Hallen zu spielen.

Ich wäre dafür, Wege zu finden, wie mit der Seuche zu leben ist. Ich gehe davon aus, sie wird uns lange bleiben, denn noch ist weder Therapie noch ein Impfstoff gefunden und auch wenn es den gibt – ich kenne kaum jemanden, der schreit ´ich zuerst´. Und in der ganzen Zeit wird geboren und gestorben, geheiratet, Jubiläum gefeiert, uswusf, und es wird kreativ geschafft und gesponnen. Außerdem wird es nicht die letzte Seuche sein.  Es wäre ein guter Zeitpunkt um nachzudenken über eine neue Form des gesellschaftlichen Zusammenhalts und des verträglichen Wirtschaftens. Dazu liest man bisweilen kluge Abhandlungen im Feuilleton und Gesellschaftsteil, aber in der politischen Debatte kommt das nicht vor, und eigentlich auch nicht in den Gesprächen allerorten. Diese Sau wird nicht geschlachtet, die will jeder weiter mästen.

Wir saßen am 28. August im Zug nach Berlin. Dort stiegen wir um in den IC nach Rügen. Der Zug war voll, die reservierten Plätze waren doppelt reserviert gewesen, jemand saß schon in ´unserem´ Familienabteil, so mussten wir im Großraumwagon Plätze suchen, die also nicht beisammen und auch nicht sehr bequem waren. Die Nacht war kurz, und früh am Morgen lockerten wir die Glieder beim Spaziergang zum Bordrestaurant. Die Demo war spürbar. Hinter uns saßen zwei Schwaben,  die hingingen und sich schon mal einstimmten. Merkel sei an allem Schuld, die allermeisten Wissenschaftler hätten nicht alle Tassen im Schrank, AKK sei eine ´Hackfresse´, und Verteidigungsminister sollte ein General sein, und sowieso – „wie kann die Merkel bestimmen über unsere Kinder, die hat ja selbst keine“. Nichts in Gespräch oder Ausstattung deutete darauf hin, dass die beiden selbst welche hatten. Und echt – WENN sie welche hätten, dann wären die zu bedauern; denn reflektiert wäre diese Vaterschaft eher weniger. Für gesichert aber halte ich, dass ihre Fantasie nicht ausreicht, sich vorzustellen, dass andere mehr Fantasie haben könnten. Mir ist eine Verteidigungsministerin, die sich die Schrecken des Krieges vorstellen kann, lieber als ein General, der zeigen will, was er draufhat. Und ob eigene Kinder oder nicht – niemand muss Mutter sein, um Verantwortung für andere zu spüren. Und dann diese Wortwahl. ´Hackfresse´. Garstiger geht´s kaum. Wir ließen die Demo erstmal rechts liegen und fuhren weiter.

Sie war Thema gleich des ersten Abends auf Rügen. Wer war, wer nicht, und wieso und weshalb. Ein paar waren in Berlin gewesen, aber „nicht dort!“. Einer hatte keine Zeit gehabt, einer zeigte Sympathie, einige nicht. Der Mann meiner Nachbarin am Lagerfeuer war dort; „manche Maßnahmen gehen einfach zu weit“, verteidigte sie. Und da konnte ich zustimmen, das finde ich ja auch. Sie samt und sonders für obsolet zu erklären, wie dies Querdenkengedöns das tut, das allerdings geht nur mit Geringreden bis Leugnen und wird der Situation genauso wenig gerecht wie überzogene Verbote und Schließungen. Ein Mal grob quer drüber ist dies Querdenken – gegen jegliche Beschränkung, gegen das Gros der Wissenschaftler, gegen staatliche Macht an und Regeln an und für sich – differenziert und komplex gedacht dünkt mich das nicht.  Corona hat unter Bevölkerungen, Politikern, Wissenschaftlern und sämtlichen Entscheidern global Verunsicherung ausgelöst. Jeder weiß ein bisschen was, aber keiner genug um Sicherheit behaupten zu können. Und einfach die eine Hälfte wegsperren, damit die andere Hälfte sich in nichts beschränken muss, das kann´s auch nicht sein. Also IST Vor – und Rücksicht geboten, und darin agiert man hierzulande beileibe nicht am schärfsten, wenn man mal so in andere Länder schaut. Die Strategie ist strittig, aber zumindest klar und nachvollziehbar. (Vergleich https://www.zeit.de/arbeit/2020-08/corona-krise-israel-protest-gastronom-tel-aviv)  Es geschieht, auch hier, eine Menge Mist, auch tragischer Mist. Trotzdem plädiere für eine gewisse Fehlertoleranz. Und Wut macht sowieso nichts besser. Und das ist es auch, das mich so stört an ´der Demo´. Die Verachtung und der Hass, die da mitschwingen. Auch in den Achtzigern gab es Beleidigungen; Kohl hatte alle möglichen Schimpfnamen, und Strauß beflügelte die Schmähfantasie. Diesem war das schnurzegal, und Kohl drückte sich einen Klops Butter rein, damit glitt alles Weitere geschmeidig an ihm ab. Allem Schimpf und aller Schande zum Trotz – ihre Gültigkeit aber hatten sie, und man stellte nicht die Position in Frage, die sie bekleideten. Staatliche Macht muss sich rechtfertigen, immer wieder, auch da gehe ich mit. Aber ich stelle sie nicht grundsätzlich in Frage.  So gesehen empfinde die Verachtung, die aus dieser Demo mir entgegenwaberte, eher als Voraussetzung für den Protest denn als Folge einer konkreten, ungehörten Forderung.

Ich hab da freilich gut reden – ich kann leicht vertrauen. Ich habe gegen staatliche Institutionen prozessiert, auch gegen Verwaltungsgerichte, die den Staat mit ausmachen. Manche Regeln sind komisch und manche Handlungen strittig. Aber Staat als solches habe ich noch nie als feindlich wahrgenommen. Ich musste noch nie Angst haben an einer Grenze erschossen zu werden oder weil irgendwem meine Hautfarbe oder Herkunft nicht passt. Das ist global betrachtet durchaus keine Selbstverständlichkeit, sondern sogar ziemlich klasse. Und eben weil das eigentlich klasse ist, weigere ich mich, irgendeine braune, blaue, quergedachte oder sonst eine Verachtung zu übernehmen.

„Der Osten hat nach der Wende drei Jahrzehnte im Schnelldurchlauf aufgeholt und ist sehr kreativ geworden“, beschrieb mir einer der Rügener WG die Gemütslage im Land, „mit dem Lockdown und den Auflagen ist diese Kreativität auf Eis gelegt. Damit kommt man nur schwer klar“. Das verstehe ich. Im Osten scheint die Wirtschaft etwas kleinteiliger, Großkonzerne, die ganze Landstriche prägen, fehlen weitestgehend, stattdessen sieht man überall verstreut charmante Oasen der Selbstbehauptung, kleine Werkstätten und Läden, Kooperativen und Initiativen. Da ist leicht vorstellbar, wie übel es aufstößt, wenn dieser Kreativität der Boden entzogen wird. Und das gilt für Rügen und für den Osten und für Berlin und für den Rest der Welt genauso.

In der WG wohnt auch eine Frau, die hauptberuflich bastelt, wunderschöne Mobile aus Treibgut zum Beispiel. Eines hängt jetzt in der Wohnung unter uns fürs Katerpflegen. Sie verbringt die Sommer auf Rügen, die Winter in Gengenbach, wo der Weihnachtsmarkt vier Wochen lang dauert. Dieses Jahr muss sie sich Sorgen machen. Findet der Weihnachtsmarkt nicht statt, fehlt ihr die Hälfte ihres üblichen Jahreseinkommens. Ein bisschen glich ich vorab aus und kaufte ihr so viele Souvenirs ab, wie ich vorhatte zu verschenken.

Ein paar Abende später war der Mann meiner Lagerfeuernachbarin zurück aus Berlin und man saß wieder am Lagerfeuer.  Ich verstand, was sie an ihm fand. Er war nicht unattraktiv, wirkte kühn und verwegen, und noch Meter entfernt war das Feuer zu fühlen, das in ihm brennt. Er erinnerte mich an Che Guevara; dabei war er Sachse und sah ganz anders aus – brünetter Seitenscheitel, die Haare glatt und halblang, 70er-Jahre-Look, und vielleicht war es genau dieser – der durch nichts zu erschütternde, selbstbewusste Esprit der 70er, der ihm anhaftete wie Che Guevara halt auch, (der einen durchaus ambivalenten Nachruf geniest)., Er habe sich selbst ein Bild machen wollen, sagte der sächsische Che; die Informationen der Mainstreammedien reichten nicht aus – wobei ich nicht recht wusste, wovon er sprach, denn Radio oder Fernsehen sah ich nicht und auch keine Zeitung, und also schätze ich, war das Informationsmedium das Internet, und so große Verdienste dies auch hat – als Quelle der Wahrheit würde ich es nicht propagieren.  Gute Reden seien das gewesen, gute Infos. Und eine Menge Leute habe er getroffen, alle total gut drauf, ein Friedensfest sei das gewesen.  Ein paar Krawallos, okay, die auch, aber im Übrigen sei es eine tolle Stimmung  gewesen auf der Demo. Nachts ein Hin und Her mit der Polizei, ob man nun ein Camp errichten dürfe auf der Straße oder nicht, am Ende habe er sich in einen Park gelegt und sei am Morgen aufgewacht  zwischen lauter Leuten, die wie er irgendwann einfach genug gehabt hatten.

Früher, führte er aus, sei er härter drauf gewesen. Da habe er so eine Todesverachtung gehabt für seine Umwelt, es alles so scheiße gefunden, dass er dafür gewesen sei, rundum die Welt in Grund und Boden zu bombardieren, so lange, bis sie unterginge in einem einzigen gigantischen großen Feuerball. „Hait bin isch ooch a bissi milde“, meinte er. Der totale Overkill ist es nicht mehr, aber „ääne Monarschie wär et schon“, mit ihm als König, und er befreite letztendlich und entließe alle in die selbstverantwortete Eigenständigkeit.  

Ich war froh am Feuer zu sitzen, mich fröstelte.

Dann stand er auf, der sächsische Che, und ich dachte, jetzt hält er eine Rede und bläst zur Revolution, zu Klassenkampf und Sturz der Eliten, für Freiheit und Future, aber er verabschiedete sich, er war müde. Auch Helden brauchen ihren Schlaf, gerade die.

Da bin ich echt froh, dass Che milde geworden ist, und nicht König. Scheint ja doch immer schwierig mit diesen alleinherrschenden Mächtigen, die sich einen Plan machen für die Menschen ´unter ihnen´ und beleidigt sind, wenn die sich nicht dran halten. Und bisschen blöde ist das ja eigentlich auch. Keine Macht den Misanthropen. Es gibt ein paar Wesenszüge, mit denen, meine ich, sollte man nicht regieren dürfen; Selbstüberhöhung und Menschenverachtung gehören dazu. Der sächsische Che hat eine nette Familie – soll er sie genießen und glücklich sein.

Ich würde gerne demonstrieren. Mit Künstlern, die Rahmenbedingungen wollen, innerhalb derer sie  auftreten können. Mit Angehörigen und Bewohnern von Pflegeheimen, damit Angebote und Verbindungen zur Außenwelt nicht ersatzlos gestrichen, sondern Alternativen geschaffen werden. Mit Hebammen, die Müttern und deren Babys intensiver beistehen wollen. Mit Sterbebegleiterinnen, die Sterbende besser begleiten wollen. Mit Passagieren, die Platz und Frischluft in Zug und Bus wollen. Mit Reiseveranstaltern, die ihre Reisen verkaufen wollen. Mit Artisten, die Zirkus machen wollen. Mit Schaustellern, die ihre Fahrgeschäfte aufbauen wollen. Und mit Bastlerinnen, die auf Weihnachtsmärkten verkaufen wollen. Ich will unbedingt, dass der Weihnachtsmarkt in Gengenbach stattfindet. Ich will hin, und ich will eine Freundin mitnehmen, die quasi-heimatliche Gefühle mit der Stadt verbindet. Wir würden Mundschutz tragen und Abstand halten, am Stand, in der Achterbahn, im Zirkuszelt, im Konzert, überall, das Ding tut nicht weh, und wir würden uns hinterher die Hände waschen.

Außerdem würde ich für nachhaltige Politik und Gemeinwohlökonomie demonstrieren.  Und wenn´s Verzicht bedeutet. Wir sind die Babybommer, wir sind die Generation, die grad maßgeblich entscheidet. Die meisten von uns kennen Verzicht, Dinge, die man denken, aber nicht haben kann. Hat sich deshalb wer unfrei gefühlt? In den 70ern ist kaum jemand in den Urlaub geflogen; Schuhe mussten gepflegt werden, damit sie lange hielten, Schnitzel gab es an Sonntagen, und weggeworfen wurde nur Müll, nicht Sachen, die extra dazu gemacht und gekauft wurden. Wir sind ja völlig meschugge, alle zwei Jahre ein neues Handy, ein neues Tablet, einen neuen PC zu brauchen. Wir sind völlig meschugge, stapelweise Tshirts für drei Euro das Stück zu kaufen, nur um sie nach dem dritten Waschen zu entsorgen. Wir sind meschugge, jeder ein eigenes Häuschen mit Doppelgarage und eigenem Spielplatz und zwei bis drei Autos je Haushalt zu brauchen. Und wenn die Wirtschaft das braucht – dass alle haufenweise Sachen kaufen, die keiner braucht – dann muss sich die Wirtschaft ändern, auch wenn wer arbeitslos wird. Was würde denn passieren? Es gäben mehr und schneller Firmen auf, als neue geschaffen werden. Vermutlich. Manche kämen gut durch. Viele andere würde vermutlich Stütze benötigen. Der Lebensstandard sänke, aber flächendeckend und gemeinsam, was es erträglich machte. Und es müsste umverteilt werden, was einigen sicher nicht passt, aber was soll´s. Von einer Welt, die am Stock und zugrunde geht, hat auch der volle Geldsack nichts. Was ist denn so schlimm an Veränderung und Umbruch und Krise und Verzicht? Woher dieser horrende Schiß? Noch nie eine Krise erlebt? Nie gescheitert? Ging immer alles geradeaus?  

Ich will nicht kleinreden. Das ist schon starker Tobak. Aber er ist nicht stärker als der, den man vor einigen Jahren Griechenland und anderen Ländern zumutete, als man von ´Hausaufgaben machen´ sprach, von ´Geschäftsmodellen ändern´; ganze Länder sollten, mussten das tun, mal eben Land, Leute und Wirtschaft umkrempeln.  

Auch wenn man schreit, was das Zeug hält – es hilft nicht, und Schreien kostet viel Puste, die man anderweitig nötiger braucht. So wie´s die letzten Jahrzehnte ging, kann´s halt nicht weitergehen, so schön es auch wäre. Hat man wirklich geglaubt, das ginge – immer mehr, immer besser? Hat man das wirklich geglaubt? Dass es immer bergauf, nie bergab geht, immer nur in eine Richtung?  Raus aus der Wohlfühlblase. Es geht erstmal runter, aber dann geht es auch wieder rauf. Arschbacken zusammen, einander Hände gereicht  und Schritt für Schritt beherzt durch. Das Beste draus machen, jeden Tag neu. Es muss schon seeehr dicke kommen, damit man einem Tag so gar nichts Positives abgewinnen kann, und diese Tage stehen meist unter einem ganz anderen Stern und haben mit wirtschaftlichen oder politischen Rahmenbedingungen wenig zu tun. Wir reden hier nicht von ´Existenz´, und wenn, dann fälschlich. Wir reden hier von Broterwerb und Konsum, und das geht auch anders. Und keiner muss verhungern, erfrieren oder verzweifeln. Es mag rumpeln in der Kiste und auch mal wehtun, aber das geht vorbei, und hinterher ist die Lage eine andere. Die Dinge besser machen – dafür würde ich demonstrieren, mit Lied und Friedensfest und Camp und Kette.

Aber auch wenn das nicht geschieht oder zu wenige es tun – es ändert nichts daran, dass es ganz bestimmt so kommen wird, dass die Schuhe wieder gepflegt werden und Fleisch Luxus ist, dass man Klamotten aufträgt und weiterreicht, dass nicht jeder ein Eigenheim baut und Autos uncool sind. Es wird so kommen, bin ich überzeugt, denn wie soll es anders sein. Es kommt zwangsläufig. Weil die Erde bald nicht mehr hergibt und die Gesellschaften auch nicht. Dann kommt der Wandel, vielleicht etwas später, aber brutaler. Den, den man selbst einläutet, den hat man auch souveräner in der Hand.

Eine globale Menschenkette wäre schöner.