Aus dem Nähkästchen

Es ist Herbst, ein sehr schöner zwar, aber unzweifelhaft Herbst. Danach ist lange Winter. Da trösten auch die marmorierten Kastanien und bunten Blätter nicht ganz darüber hinweg. Es steckt immer „Ende“ im Herbst, und weil im Herbst das neue Schuljahr anfängt und mit ihm viel Neues, auch Anfang. Zeit zum Sortieren und Ordnen, was will ich und was will ich nicht. Und was packe ich wie in die Beziehungskiste, und will ich überhaupt eine haben? Sich als Teil eines Paares zu fühlen ist so schlecht nicht, schon, weil damit ein geeigneter Rahmen für ein paar Grundbedürfnisse wie Nähe und Körperwärme geschaffen ist. Und für jemanden mit-zuständig zu sein, ist auch schön. Aber egal, wie man es angeht – es vermischen sich Leben, und der eine wird irgendwie Teil vom anderen. Das sollte schon einigermaßen passen. Und ohne ist auch nicht schlecht. Ich habe nicht das Gefühl, dabei auf Liebe verzichten zu müssen. Mit der Liebe verhält es sich, glaube ich, ziemlich konsequent wie mit dem Echo – so wie man ruft, ruft es zurück. Da kann Liebe aus allen Ecken und Nischen kommen, völlig frei von Beziehungskisten und Geschlechterrollen, und das, ganz ohne dass wer sein Lebensgefühl einem anderen anpasst und sich früher oder später eventuell komisch damit fühlt. Und ohne dass Schmetterlingsschwärme die Sicht vernebeln. Und ohne dass das C zwangsläufig nach dem B und dies nach dem A kommen muss und schon im Voraus festgelegt ist, was B und C und alle ihre Kompagnons beinhalten. Wenn ich so um mich sehe, finde ich das A oft vielleicht noch ganz nett, manche Bs und Cs aber wenig erstrebenswert. Und das ist nicht Rosinenpicken. Freundschaft und Liebe dürfen mir durchaus etwas abverlangen, zweitweise auch viel, zeitweise darf es auch weh tun -jemanden leiden können hat durchaus aus mit es-leiden zu tun – aber ich lege doch Wert darauf, mitbestimmen zu können, was und wie sie das tun.

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„Lieben heisst loslassen können“

So ein Schmarrn

Vielleicht sind es diese trüben Herbsttage, die solche Abschiedsgedanken mit sich bringen. Ich lasse den Sommer nur ungern dahinziehen. Ihn würde ich gerne festhalten, am Liebsten bis kurz vor Weihnachten. Aber es geht nicht, und so bemühe ich mich nach Kräften, den Zauber eines nebligen Herbstmorgens zu fühlen, das bunte Laub zu genießen und den Geruch nach nasser Erde. Glühwein riecht auch nicht schlecht, und abends für Freunde zu kochen ist ein guter Ersatz fürs Draussensitzen. Es ist wieder so früh dunkel, und auf dem Friedhof brennen die Kerzen.

Lieben heißt loslassen können. War mal ein Buchtitel eines viel gelesenen Buches. (Vielleicht hätte ich es lesen sollen, aber ich mochte schon damals den Titel nicht). Natürlich muss ich loslassen – den Sommer, Gewohnheiten, die mir nicht guttun, Emotionen, die im Weg stehen, Menschen, die es nicht gut mit mir meinen. Kann und darf ich alles loslassen.  Und natürlich darf ich andersrum keinen an die kurze Leine nehmen. Jeder bewegt sich wie er will, solange dadurch nicht grobfahrlässig Leid geschieht.

Ich kenne eine Frau, die tatsächlich nicht loslässt. Die heult jedem Mann ihres Lebens jahrelang hinterher, dem letzten und dem vorletzten und auch dem vorvorletzten – wir sind nicht mehr ganz jung – es gab mehr als einen. Die trauert und hadert und weint und lässt sich schließlich auf ein Neues ein, und dies Neue guckt man an und denkt, das wird wieder so eine Heulgeschichte. Da ist das Heulen praktisch schon hineingewoben. („Er liebt mich, aber er weiß es nicht, und er kann nicht, und etwas hindert hin“, und sie muss diese Blockade aufbrechen, zu seinem eigenen Besten, so in dem Stil). So viele unerfüllbare Erwartungen. Vielleicht müsste sie diese mal loslassen, dann sähe sie den Menschen besser, mit dem sie es zu tun hat. Ich weiß nicht. Aber ich glaube, es sollte beim Lieben nicht zu sehr um die eigenen Hoffnungen gehen, jedenfalls nicht in Abhängigkeit davon.

Mit den Kindern hoffe ich, aber ich kann nur bedingt lenken und schon gar nicht festhalten. Will ich auch nicht. Sie werden größer und bewegen sich selbständiger, und manchmal gefällt mir das Wie, manchmal nicht. Aber es ist prima, denn darum geht es doch – dass sie lernen, souverän ihr Leben in die Hand zu nehmen.

Ich lege auch da ´Beistand´ großzügig aus. Es heißt, man solle bei den Hausaufgaben bestenfalls und maximal auf Anfrage helfen, sie aber nicht mitmachen. „Es sind nicht Ihre Hausaufgaben!“, fette Mahnung der Lehrerin. Ich rede trotzdem manchmal von ´jetzt machen wir-´. Es sind Hausaufgaben, und wir sind alle zuhause, und irgendwie ist es ja doch eine Familienangelegenheit, das irgendwie geregelt zu bekommen, also weshalb sollten wir es nicht auch so angehen. Ich habe das Gefühl, sie brauchen diese Art von Beistand. Wir machen das zusammen.

Die Eltern werden älter und neigen sich der eigenen, inneren Welt zu. Auch die kann ich nicht aufhalten. Et kütt wie et kütt un so kütt et ooch. Steht auf dem Grabstein einer Kölnerin, die es ins Ländle verschlagen hat und die ich mal betreut habe. So ist es. Es kommt wie´s kommt. Das allermeiste kann ich eh nicht aufhalten. Aber deshalb loslassen? Die Hand zurückziehen? No way!

Einer, den ich noch immer liebhabe und der mir nahesteht, ist vor vielen Jahren gestorben. Das weiß ich wohl. Ich stehe regelmäßig am Grab. Aber losgelassen habe ich ihn nie und habe das auch nicht vor. Ich spüre bis heute seine Präsenz, er ist Teil meines Lebens, und das ist gut so.

Ich habe – auch vor vielen Jahren – mal eine Ausbildungsstelle nicht bekommen, weil man mir unterstellte, ich machte mir die Probleme meiner Mitmenschen zu Eigen. Hab ich damals ziemlich blöd gefunden und sehe es auch heute anders – ich verfüge über einen verlässlichen und stark aufgestellten Selbstschutzmechanismus. Und selbst wenn es stimmen sollte, dann sehe ich das Problem nicht: das ist Anteilnahme. Die Hand reichen. Das Päckchen tragen helfen.

Da ist einer, dem hat´s den Boden unter den Füßen weggezogen. Unter dem hat sich ein Abgrund geöffnet, und der zieht ihn runter und runter und immer weiter runter, und er ist schon so weit unten, dass er zwar weiß, irgendwo über ihm gibt´s noch Licht – aber nicht für ihn. (Ich stelle fest, ich hatte bis jetzt keine Ahnung, was ´Depression´ ist. Ich hatte immer so ein ´mimimi´ von sich selbst bemitleidenden Leuten im Ohr, die die eigenen Wunden nicht aufhören zu beweinen, anstatt diese mal heilen zu lassen. Es geht nicht um die Wunden. Es geht um einen Zustand, um einen Sog, der mit Nachdruck und ohne Erbarmen echt massiv daherkommt, und dem der, der ihm ausgesetzt ist, kaum Paroli bieten kann.) Der ist mich schon angegangen, müsste mich jetzt vielleicht gar nichts mehr angehen, weil er zu seinem eigenen Schutz anderswo ist, wo andere zuständig sind, und das kann ich frank und frei respektieren und gutheißen. Aber ich will die Hand nicht zurückziehen. Erst konnte er sie noch halten, sie annehmen und sich freuen. Jetzt spüre ich, wie er loslässt. Das sagt er auch so. Bedankt sich für die Hand und sagt, sie hilft nicht mehr.  Ich ziehe trotzdem nicht zurück. Ich kann nicht, und ich will auch nicht. Ich streck sie ihm weiter hin und manchmal greife ich seine, desinfiziert versteht sich, aber ich nehme sie. Wer wäre ich, wenn ich einfach losließe?  Ich will mir das überhaupt nicht vorstellen.

Ich bin mit offenen Türen aufgewachsen. Meine Mutter erzählt heute noch – täglich mehrmals – wie schön es war, wenn sie vorne die Türe aufmachte und die nach hinten genauso, damit mehr reinkonnten und auch Keller und Garten noch voller Gäste waren. Die meisten kamen zum gemütlichen Beisammensein, aber es waren auch ein paar schräge Vögel in Not dabei. Ein Flüchtling aus Ägypten, der sich dort dem Christentum zugewandt hatte, weil er sich von diesem mehr Freiheit versprach. Den hab ich mal abends mit in die Disco genommen, wo er fand, ich tanzte zu schnell. Mir dann egal woher und wieso – wer meint, mein Tanzen beurteilen zu müssen, der kann mich mal. Er schien ein verwöhntes Bürschchen aus wohlhabendem Hause, und ich hoffe, er hat einen Weg gefunden. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Dann gab es einen Sizilianer auf der Flucht vor den Verwandten seiner Frau, die er sitzen gelassen hatte. Den brachten wir in einer Pizzeria unter, von der aus er eine Odyssee durch die italienischen Restaurants Süddeutschlands antrat, wodurch wir häufig in den Genuss von prima Pizza kamen. Der hat meine Eltern lange besucht. Wie auch ein recht Durchgedrehter, der sich von allem möglichen und dem Teufel höchstpersönlich verfolgt gefühlt hatte. Der kam regelmäßig und hielt auf dem Laufenden, wer ihm gerade wie mitspielte, und bekam eine warme Mahlzeit und eine Dusche. Irgendwann hat er Platz und Weg gefunden es auszuhalten.  Keinem hat man die Türe vor der Nase zugemacht, keinem die Hand weggezogen. Ein ganz Junger kam, der völlig heimatlos und verlassen war, und der so viel Grund für Angst und Misstrauen hatte, dass er schließlich wissen wollte, wie weit er gehen muss, um wieder fortgeschickt zu werden. War starker Tobak. Er wurde nie weggeschickt und ist heute ein ganz Toller.

Manchmal hat es meine Eltern bestimmt viel Kraft gekostet, oft viel Geld, und ganz sicher hat es viel Unruhe mitgebracht und sogar bisweilen in den Grundfesten erschüttert, dies Nicht-Loslassen. Aber am Ende, glaube ich, hat es mehr gegeben als genommen. Meine Mutter zehrt heute noch davon. Das ist großer Bestandteil der Schatztruhe ihrer Erinnerungen – die in Bildern und Worten entschwinden. Die Wärme aber, bin ich überzeugt, die bleibt. Wenn ich schon nicht festhalten kann, und auch nicht darf, dann soll das Letzte, das wer mitnimmt, eben die Wärme einer gereichten Hand sein. Wenigstens dies. Desinfiziert, aber nicht entzogen.

Eine Weihnachtsbotschaft

Sie gehört ´Zum Fest´ dazu,  zu DEM Fest, diesem so bedeutsamen.  Nur Schmücken und Schenken und die Geschichte weglassen gilt irgendwie nicht. Es ist ja auch eine sehr schöne Geschichte.

Deshalb sag ich gerne „ein Mal im Jahr kann man in die Kirche“, wenigstens an Weihnachten. Zugegeben, ich halte mich selbst nicht daran. Mit den Kindern habe ich mich aufs heimische Krippenspiel verlegt und finde, das gilt auch. Dieses Jahr ist es für mich sogar beides geworden – Krippenspiel und Gottesdienst.

Dass der zweite Weihnachtsfeiertag zuallererst als Stephanitag gefeiert wird – vielleicht wusste ich das mal. Präsent war es mir nicht mehr.  Aber es ist der Gedenktag des heiligen Stephanus. Der hat in den ersten Jahrzehnten nach Christus gelebt und war Diakon in der Urgemeinde in Jerusalem, bis er vor den Hohen Rat gezerrt wurde mit der Anschuldigung, er kehre sich gegen das Judentum, gegen deren Stätten und Gebräuche. Stephanus habe die längste verzeichnete Verteidigungsrede gehalten – geholfen hat sie ihm nicht – er wurde gleich im Anschluß gesteinigt.

Das ist schlimm und bitter und tragisch und alles. Aber die Schlüsse daraus finde ich auch starken Tobak.

Stephanus gilt als der Erzmärtyrer, als ´Protomärtyrer´, was dann wohl der Prototyp des Märtyrers ist. Sagt Wikipedia. Sagte so oder so ähnlich auch der Pfarrer. Und er zitierte  Matthäus 10: „Denn ihr seid es nicht, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet. Es wird aber ein Bruder den andern zum Tod überantworten und der Vater den Sohn, und die Kinder werden sich empören wider die Eltern und ihnen zum Tode helfen. Und ihr müsset gehaßt werden von jedermann um meines Namens willen. Wer aber bis an das Ende beharrt, der wird selig.“

Zwar darf nach kirchlichem Verständnis – so habe ich jetzt gelesen – als Märtyrer nur bezeichnet werden, wer seine Überzeugung nicht gewaltsam durchsetzt. Aber trotzdem – das  wird hochgehalten? Das ist doch wider den Frieden. Oder verstehe ich das falsch? Der Glaube über alles,  und zwar ganz ausschließlich, mit einer einzig wahren Form, bis zum bitteren Ende durchgezogen, und zerbrechen noch so viele Familien, Freundschaften, Nachbarschaften, Dörfer, Gesellschaften. Alles egal, es zählt nur der Glaube. 

Auch Gewissenskonflikte können gewaltig sein – wenn man zwischen Glaube und Liebe oder Zuneigung oder Loyalität steht. Und wenn da einer ist, der sagt, wofür man sich zu entscheiden hat. Und da soll immer der Glaube gewinnen, egal wie groß die Not ist, egal wie groß der Schaden?  Eltern gegen Kinder, Kinder gegen Eltern, Eheleute, Freunde, alle gegeneinander, Gesellschaften gespalten, weil jeder die Wahrheit für sich reklamiert?  Ich dachte es ginge um Liebe, um Nächstenliebe, um Großmut und Vergebung. Und dann so eine Nummer? Geht’s noch?

Am ersten Weihnachtsfeiertag mit den Kindern ´Merida´ gesehen, ein Animationsfilm, in dem es um ein schottisches Burgfräulein geht, das lieber reiten und Pfeil-und-Bogen-schießen will als heiraten, und das im Zorn über den Zwang eine Prinzessin sein zu müssen eine Zauberin bemüht. Doch der Zauber hat schlimme Nebenwirkungen, und die Prinzessin hadert mit sich, wie sie so egoistisch war und so viel Leid über die Familie gebracht hat. Ich verstehe sie voll und ganz in ihrem unbeugsamen Willen, ihr Geschick selbst bestimmen zu wollen. Und genauso gut verstehe ich, dass sie mit sich hadert und ihr Gewissen sie fürchterlich plagt.  Wollen ist erlaubt. Der Flurschaden, den der eigene, durchgesetzte Wille aber bisweilen anrichtet, der gehört halt mit dazu. Abwägen ist kein Fehler. Natürlich geht der Film gut aus.

Ohne Witz – ich schreibe das mit eigenartigem Gefühl in den Fingern – da liegt mir Disney näher als die Bibel.  Bei aller Liebe – ´Glaube über alles´, und sei der Schaden noch so groß – das ist einfach nicht mehr angesagt. Das ist erwiesenermaßen käse. Und wenn es 100 Mal in der Bibel steht – das mit dem Bruder gegen Bruder usw. wird tatsächlich an mehreren Stellen wiederholt – es wird trotzdem nicht besser.

Im Gottesdienst erst Stephanus und die gesellschaftlichen Brüche, dann  die Weihnachtsbotschaft. Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Ich krieg´s nicht zusammen.

Die Münstersängerknaben waren da, und das versöhnte doch etwas. Ich weiß nicht mehr zu welchem Lied – einer dieser evergreens, von denen man die ersten drei Worte hört und die ganze Strophe weiß -und die Gemeinde sang und die Sängerknaben mischten sich mit glockenhellem Halleluja hinein – das war schön.

Anmerkung: wer und was das auf dem Bild ist, weiß ich nicht. Das hat mit Stephanus vermutlich nicht das Geringste zu tun. Fiel mir nur so ins Auge.

Ladies first

Herr Schulz leitet eine Firma. Er ist ein sehr wichtiger Mann. Er hat auch eine Sekretärin, das ist die Frau Maier. Sie ist die tollste Sekretärin, die sich ein Herr Schulz nur wünschen kann – blond, drall und wohlgeformt, und sie kocht den besten Kaffee der Welt. Herr Schulz steht auf sie. „Frau Maier, haben Sie Wasser in den Beinen?“ fragt er deshalb eines Tages. „Nein. Wieso?“ „Meine Wünschelrute schlägt aus!“

Aua! Das tut weh! Mir auch. Und es ist ziemlich fies, ich gebe es zu, dies nun so vorne an zu stellen. Das ist wie einen miesen Ohrwurm weitergeben. Sorry. Ich kann mir Witze nicht merken, besser gesagt, immer nur einen zur Zeit, und die lösen einander ab. Lieber hätte ich den davor wieder, in dem es darum ging, dass zwei aus dem Gefängnis ausbrechen wollen und hundert Mauern zu überwinden haben. Diesen hier hatte ich nun im Kopf seit der Seniorenkirbe im Oktober in der Stadthalle, wo ich mit den Bewohnern des psychiatrischen Pflegeheims, in dem ich arbeite, zu Gast war. Dort hat ein Mitglied der Blaskapelle ihn zum Besten gegeben, und ich war kurz davor „Buh!“ zu rufen, habe es aber mit Rücksicht auf die Tatsache, dass Chefin und Kolleginnen mit anwesend waren und es sich vermutlich nicht schickt, im Beisein der Bewohnern die Konventionen zu sprengen, unterlassen. Das bereue ich heute noch.

Den Spruch, den einer meiner Whatsappkontakte in seinem Profil angibt, getraue ich mich jetzt kaum nachschieben. Das ist zu arg. Es geht darin um Hechte, die Karpfen anbumsen. So scheiße. Ich wollte einen Ausflug unternehmen und um eine Übernachtungsmöglichkeit bitten, habe dann aber lieber über airbnb gebucht. 

Lustiger war der Gast auf dem Weihnachtsmarkt.  Ich half ein paar Stunden in einer der Hütten aus, die alle derselben Machart waren, jedoch unterschiedlich dekoriert. Bei ´meiner´ standen Dekoartikel aus Holz vorne aufgereiht, Kerzen, Engel, solche Sachen. „Bei Ihnen kann man doch jetzt aber wirklich und wahrhaftig sagen, Sie haben Holz vor der Hütte. Oder?“  Stimmt! Ohne Rütteln ohne Kritteln – so war´s. Ich musste lachen, da konnte die Feministin in mir schreien so laut sie wollte.

Und die schreit grad. Ich rege mich auf. Über Männer. Über Sexismus und Blödheit. Und über die Unverfrorenheit, die durch nichts aber auch rein gar nichts gerechtfertigt ist, und mit der dennoch immer noch männlicher Führungsanspruch praktiziert wird. Wenn Frauen ihren Instinkten folgen, birgt das oft eine Menge Spaß. Bei Männern wird´s schnell gewaltig. Und eine alte Beate rührt sich in mir, vielmehr, eine ganz junge, die aus Jugendtagen, die in Lila gewandet war und stets irgendein Frauenzeichen an sich trug, als Kettenanhänger, Brosche, Aufnäher oder Handtasche – ein kleiner Kreis mit Kreuz untendran war immer dabei. Frauenpower kommt irgendwie besser. Und ich stelle fest, ob ich es will oder nicht, ich glaube an ´den kleinen Unterschied´, dem ich sogar unterstelle, ein ziemlich großer zu sein. Man ist unterschiedlich gebaut, ist unterschiedlichen Hormonen ausgesetzt, Stoffwechselvorgänge laufen verschieden – ich kann mir nicht vorstellen, dass das nichts mit uns machen sollte. Freilich, überbewerten muss man´s auch nicht.

Neulich war ich mit meinen Kindern in einem Imbiss, und jedes von uns musste mal. Als das Mädchen ging, musste ich mit, und weil es dauerte, kam der Bub dazu. Und weil ich mit dem Buben auch mitsollte, musste man ebenfalls ins Frauenklo. Und dann musste ich, und da wollten sie beide vor der Türe warten.  Und so entspann sich die Frage, weshalb der Bub, der eigentlich ins Männerklo sollte, nun also aufs Frauenklo geht, weshalb ich als Mama nicht mit ihm ins Männerabteil kann, und weshalb das eigentlich so strikt getrennt ist. Gute Frage. Wegen Schicklichkeit und Schamgefühlen. Zwingende Gründe gibt es nicht.

Ich habe nichts gegen Gendertheorien und nichts dagegen,  die  Mauern zwischen den Rollen einzureißen. Ist ein Zipfel untendran, ist´s ein Junge, fehlt der, ein Mädchen, manche sind beides, das ist auch cool. Und wenn jemand aus dem Zipfel keinen macht oder aus dem keinen einen, ist´s mir auch recht; wer will der soll. Darüber hinaus steht es allen frei, was und wie sie sein wollen. Ich selbst habe mich zwar nicht immer gleich stark, aber nie nicht über mein Geschlecht definiert. Ich finde das Frau-sein ziemlich klasse. Ich finde Frauen klasse.

Manchmal spüre ich, wie sehr ich aus Wasser bin. Wenn sich irgendwas wie in Wellen in mir bewegt. Themen, die kommen und gehen und kommen und gehen und jedes Mal ein bisschen anders sind. Bis sie, und dann ist aber endlich gut, im Sand auslaufen.

So geht das mit zerbrochenen Freundschaften. Wenn sie sehr am Herzen lagen, dauert ´s, und wenn das Ende heftig war, auch. Und solch ein heftiges Ende gab es nun also dies Jahr. Dass das mit dem Paar-sein nichts wird, war mir bald klar und das war auch in Ordnung, muss ja nicht, aber dass die Freundschaft auch nicht hat bleiben sollen, das fand ich schwer zu nehmen. Ich wollte halten, noch wenigstens ein paar Trümmer daraus retten, aber es ließ sich nicht. Das wellt noch. Das war völlig unerwartet volle Breitseite.  ´Es sei nicht besser gegangen´ wird mir zugetragen, man habe es nicht besser gekonnt. Das klingt, als sollte ich Mitleid haben. Aber das scheint mir nun auch übertrieben.  Das ist wie ´es hat nichts mit DIR zu tun´. Auch so eine Floskel. Mit wem denn sonst wenn nicht mit einem selbst hat so ein Bruch zu tun. Natürlich würde es besser gehen! Mit offenen, ehrlichen Gesprächen würde man gemeinsam einfach einen anderen Weg einschlagen, einen, der den Befindlichkeiten besser gerecht wird und ein bisschen was übriglässt. Muss ja nicht immer alles restlos in Grund und Boden getreten sein.

Aber das scheint, zumindest zwischen Männern und Frauen, ein schieres Ding der Unmöglichkeit – Offenheit und Ehrlichkeit, und Respekt auf Augenhöhe. Viel eher kommt  Rumgeeiere und am Ende ein Zerriss, der mit Schuld und Fehlern erklärt werden muss.  Und irgendwie ist immer die Frau schuld. Sie hat zu viel gewollt, oder zu wenig getan, oder das Falsche, irgendwas halt; die gemeinsame Zeit eine Aneinanderreihung von Unzumutbarkeiten.

Sei´s drum. Jetzt ist es so, ein paar Wellen noch,  und dann soll´s gut sein. Ich habe ja nichts gegen sich verändernde Lebenssituationen. Das ist nicht die schlechteste Art durchs Leben zu gehen. Ich brauch es  gar nicht, dies ´für immer´. Dafür habe ich Freundinnen.  Frauen durch und durch.  Das sind tatsächlich dauerhafte Liebesgeschichten.

Meine Freundinnen und ich begleiten einander. Wir helfen einander über die Klippen hinweg, die es im Dasein so zu überwinden gilt. Wir reden darüber und stellen uns den Draufsichten der Vertrauten, und manchmal tragen wir einander ein Stück weit. Manchmal kann ich den Gedanken der Anderen gleich folgen, manchmal erst später, wenn ich vielleicht schon gar nicht mehr dran denke, manchmal nie, dann ist das auch okay. Natürlich KANN jede von uns alleine. Und tut auch. Einige kennen beides, Zweisamkeit wie Trennung und Alleinsein, einige sind glücklich gebunden, und trotzdem souverän. Aber keine kommt daher mit so einem bescheuerten ´ das macht man mit sich alleine aus´. Wer so drauf ist, ist wohl allein – und sollte das auch bleiben.

Freundschaft hat unzählige Gesichter – dies ist freilich eine sehr tief gehende Art. Es gibt andere, die ebenfalls einen Raum im Herzen einnehmen, größer oder kleiner, mal mehr mal weniger. Diese legen sich wie ein Mantel darum. Und alle zusammen machen mich zu einem glücklichen Menschen.

Es wäre schoofel, einer Freundschaft ihre Wichtigkeit vorzuenthalten. Ein bisschen Trauern darum darf im Fall schon sein. Schade ist es allemal. Das finde ich immer noch. Aber es ist unnütz, sie weiter so wichtig zu nehmen, wenn sie gar nicht mehr besteht. Ich habe die besten Vorsätze!

Und da plätschert´s dahin, und ich gehe am See, und ein schöner Mann kommt mir entgegen und lächelt mich an, und ich fühle mich gleich ganz großartig.

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