Kinderwünsche

Kindergeburtstage. Rosa Fotoapparate und schwer bewaffnete Lego-Kämpfer, angegessene Kuchen und auf dem Teppich klebende Gummibärchen. Und Hoopsie-poopsie-cutie: Schleim kackende Püppchen.

Die Tochter wurde sechs und hatte sich das gewünscht, und die Freundin des Hauses und quasi Tante war gewillt den Wunsch zu erfüllen.

„Wo geht’s denn hier zum Schleim?“ hatte sie im Spielzeugwarenhandel gefragt.

„Junge oder Mädchen?“

Das gibt es geschlechterspezifisch! Als Experimentierkasten in blau, oder eben rosa Glitzerschleim in bunten Einhörnern, oder zum Selber-anrühren im einem Eiswagen nachempfundenen Plastikwägelchen; versteht sich von selbst – auch dies in Rosa. Und Tütchen mit Pulver, das Badewasser in rosa oder aber blauen Glibber verwandelt. Man bekommt schon von der Vorstellung Hautausschläge.

Nach dem Fest mit dem Sohn Thema für Thema, Punkt für Punkt die mit der Regelmässigkeit des Murmeltiers wohlbekannten Diskussionen durchgegangen: Hausaufgaben sind eine Zumutung, gegen die man mit stets demselben hitzigen  Trotz rebellieren muss. Der Unterschied zwischen Können und Können-wollen ist Ansichtssache und also auch die daraus folgende Notwendigkeit des Lernens und Übens. Tabletzeiten zu begrenzen gehört verboten.  Einen Unterschied zwischen richtigem Essen und Junk gibt es nicht; Essen ist, was schmeckt und satt macht. Ins Bett gehen müssen ist blöd, Zähne putzen auch, die Liste ließe sich fortsetzen. So viele Müssens.

Manche Müssens fallen mir schwer zu erklären. Weshalb fängt die Schule so früh an, dass man, zumindest im Winter, das Gefühl hat, man steht mitten in der Nacht auf? Ich bin nicht der Schulminister, sage ich dann. Wäre ich es, sähe Schule anders aus. (Eine Schulpflicht gäbe es nichtsdestotrotz; ich halte sie für eine Errungenschaft,  nicht für eine Keule.) Müssens generell, meine ich, gibt es halt; nicht alles, was so ansteht, ist immer auch ein Herzenswunsch. Vieles gehört dazu, zum Dasein, also Augen zu und durch. Es ist auch nicht jede Rebellion es wert, durchexerziert zu werden.

Manchmal sind die Verlockungen der Zeit stärker als ich. Glibber und Schleim und Spielzeugwaffen mit Schaumstoffpatronen; Fernsehen und minecraft; Süßigkeiten und Nudeln mit Ketchup;  so viel Junk ist so allgegenwärtig, dass er sich kaum draußen halten lässt. (Meine Kinder halten Apotheken für Gummibärenläden). Und so sehr ich dagegen anrenne, so sehr verlieren wir uns in täglichen Reibereien, die auch keinem guttun. Freilich stelle ich mich denen, das gehört zu meinen Müssens anscheinend dazu, aber das bedeutet nicht, dass ich immer gewinne. Ich kann einen Stecker ziehen, aber ich kann weder Salat zwangsfüttern noch in den Schlaf zwingen. Und ich will auch nicht das Gefühl vermitteln, es ginge immer nur um Nachgeben oder Sich-durchsetzen, und um Wollen contra Müssen. Manche Müssens stellen sich ohnehin manchmal als Chance heraus. Aber um das dann zu sehen, darf man nicht zu verhärtet dagegen Sturm laufen. Am Verträglichsten erscheinen mir in diesem Zusammenhang die lebensbejahenden, freudvollen Leute, und die, die differenziert betrachten und bereit sind, im Blöden auch das Gute und andersrum zu sehen. Nicht die, denen es zuallererst um Funktion und womöglich nur eine einzige Vorstellung von ´richtig´ geht. Wobei sich das freilich auch nicht akkurat auseinanderhalten lässt, Asche auf mein Haupt – ich liege auch gelegentlich daneben und vertrete meinen Irrtum mit aller Vehemenz, zu der ich fähig bin. Ich weiß jedenfalls nicht, wie man das an Kinder wirklich und erfolgreich hinbekommt und operiere trotzdem am offenen Herzen.

Manchmal finde ich Eltern-sein auch eine ziemliche Zumutung.

Zwei Geburtstage, zwei Jahre älter. Das ist immerhin ein Trost. Sie werden Argumenten zugänglicher. Mein Sohn wünschte sich zum ersten Mal KEIN Lego-Set,  nicht wenig Material mit viel Schnickschnack für viel Geld, sondern Klötze zum Bauen. Halten Jahrzehnte und Generationen von Kindern aus. Fürs Tablet hat er eine Regelung vorgeschlagen, die wir beide gut finden können. Und meine Tochter hat mit Dreck und Matschepampe am Ende sowieso mehr Spaß als mit rosa Glitzerschleim.

Was mich erinnert an ein altes Thema: ein Spielplatz mit Wasserlauf zum Bauen und Matschen wäre klasse! Fehlt in der Stadt, absolut. Wäre im Ringen mit dem Quatsch des Konsumierwahns ein echter Fortschritt.

Mein Narrentag

Ein ähnlich betitelter Text existierte bereits im Dezember. Und dann gefiel er mir nicht mehr. Für manche Witze und Blickwinkel muss man sich gut kennen, sonst tritt man auf Schlipse. Und die darf man irgendwann in diesen aktuellen Tagen anscheinend reihenweise abschneiden, darauf treten aber sollte man nicht. Will ich auch nicht. „Jedem zur Freude, niemand zum Leid“ darf von mir aus gerne generell, immer und für alle Motto sein.  Ich bin sowieso für ein bisschen mehr Narrertei auch unterm Jahr. Ausserdem ist Vorsicht die Mutter der Porzellankiste, und das gilt auch und gerade für Elefanten.

Ich hatte im Dezember Überlingen besucht. Um den Weihnachtsmarkt war es gegangen, den ich schräg fand.  Um das coole Kino, das selbst dann cool ist, wenn gar kein Film läuft. Um die Freundlichkeit aller. Um den See, um den ich Überlingen glühend beneide. Um den Vollmond über See und Stadt, was wie gemalt aussah. Überhaupt um die schöne Stadt und um den Kirchturm vor dem Giebelfenster, der aussah wie ein Leuchtturm, und zum ersten Mal fiel mir auf, dass das ja eventuell und überhaupt Gott weiß wie zusammenhängen könnte – von wegen ´ in der Not´ und so. Die hatte ich freilich nicht. Der Wein damals hätte besser sein können, aber das schwitzt sich raus – die Überlingentherme können mich mit so ziemlich allem versöhnen. Es war ein echt schöner Ausflug gewesen.

Ich war mir sicher gewesen, zum Narrentag nicht gehen zu können und hatte meinen eigenen deshalb also damit vorgezogen angesehen. Und dann hat es doch geklappt. Und in Überlingen wollte ich nachholen, was ich am Narrentag 2017 in  Rottweil nicht gekonnt hatte – auf den Wackel gehen  mit meiner Gästin, die ich an jenen Tagen beherbergt hatte. Die Rottweiler Stadtverwaltung hatte damals gebeten, privat Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. Und so kam eben sie samt Freundin in unser Haus, sowie ein Hänsel aus Überlingen. Eben jener, bei dem also nun  ich heuer eine Bleibe bekam. Kurz zuvor hatte der mich mit einem Wahlspruch irritiert, in dem es um Hechte und ihre Lebensgewohnheiten ging, vor allem in Bezug um das Zusammenkommen mit anderen Fischarten. Wahrscheinlich muss man am See aufgewachsen sein, um das zu verstehen. Ich befand es für besser, mich nicht weiter dafür zu interessieren. Der Hänsel und seine Frau erwiesen sich jedenfalls als überaus charmante Gastgeber. Und noch im Nachhinein freue ich mich über den kleinen mitgebrachten Federahannes, der jetzt also in Überlingen neben einem Hänsel unter einem zum Narrenbaum gewordenen Christbaum steht.  

Wir gingen zum Bus, der eine kam nicht, der andre war voll, und also liefen wir weiter zum Shuttle und vertrieben uns Wartezeit  und Fahrt mit drei Federahannes aus Dietingen. Und ohne mein Zutun kam die Rede auf ´Bollahannes´, ein bis dato von mir nicht gekannter Begriff für  Frauen im Federahannes. Holà. Ich fühle mich in solchen Momenten immer ein wenig aus der Zeit gefallen, als müsste ich 100 Jahre nach der Einführung noch das Frauenwahlrecht verteidigen (auch das gab es schon). JA – Frauen narren im Hannes, und JA, das sieht man manchmal auch. Ich fragte freundlichst, was denn daran so stört, gewillt, die Antwort nicht zu wichtig zu nehmen. Am Ende macht es eh jede/r, wie er´s will. Und  in diesen Belangen ist die Rottweiler Zunft offenbar mitunter toleranter als ihre Narren. Solange also keiner mit dem Maßband am Tor steht, soll es schnuppe sein.  Es folgte ein Parfümtest. (Die Kalbsschwänze an den Steckenenden des Federahannes sind parfümiert). Manchmal können halt nicht beide gleich gut sein, manchmal ist eins besser. „Am Hals gerochen sei das ganz bestimmt anders!“ . Zu einer Überprüfung kam es nicht, auch weil Schuttig in den Bus stiegen, mit Saubloddern, die aussahen, als wären sie noch warm, und die so infernalisch stanken, dass ich auf meine Nase auch gerne mal verzichtet hätte. Lustig war´s trotzdem. Und außerdem nicht weit.  Ich passierte das Weinhaus Renker, das war in der langen Liste der Empfehlungen, die ich nach meiner Frage nach netten Lokalen auf fb erhalten hatte, gleich mehrmals erwähnt.  Und wirklich wirkte es ganz so, wie man sich ein Weinlokal an der Fasnet vorstellt – eine Kapelle und singende, schunkelnde Gäste, und eine volle Bude, an der alles am Platz und irgendwie aufgeräumt ist. Und eine 1a Toilette. In der Stadt standen Zuschauer in Fünferreihen. Meine Freundin stand irgendwo, und sie hatte auch meinen Elefanten dabei, aber  es bestand eh keine Chance auf ein Durchkommen.   Ich kletterte auf einen Müllverschlag und wollte erst einmal zusehen.  Die Orangen verliehen dem Oberndorfer Schantle eine ziemlich fokussierte Aufmerksamkeit. Meine Müllverschlagsnachbarn und ich waren bald ganz Auge um sie heranfliegen zu sehen. Brezeln sind halt doch weicher, und sie hauen auch nicht vom Sockel. Ihrer Großzügigkeit machten die Oberndorfer alle Ehre. (Trotzdem will ich nicht unerwähnt lassen, dass ich später an einem Vater mit Kind vorbeilief und aufschnappte, wie das Kind sagte „am besten haben mir die Rottweiler gefallen. Da gab´s die meisten Bonbons.“ Dies nebenbei zur Ehrrettung der Rottweiler, denen man auch schon Sparsamkeit in diesen Dingen nachgesagt hat). In Ermangelung eines Porzellanladens schlug meine Freundin vor sich in der Stangenbar zu treffen, was ich adrett fand. Im Rottweiler Lido war ich zum ersten Mal, als es eben an einer Fasnet zum ´Stangenhannes´ geworden war, und so hatte ich einen mir bislang fremden Ort entdeckt, an den auch frau gut und gern gehen kann. Der Weg zur Stangenbar gestaltete sich indes alles andere als einfach. Ich lief erst zum Franziskanertor, da wurde zu Walzer geschunkelt, die Gesichter und alles waren in rotes Licht getaucht. Das hatte eine ergreifende Stimmung. Weiter  aussenrum, das Tor von oben. Da stand ich auf einer Treppe,  die Hänsel schnellten, die Musik spielte, das Spektakel ist wunderschön. Neben mir feierten etliche Junge, die abgesehen davon, dass sie zum Teil die Flaschen fallen ließen, wo sie grad standen, ihre eigene Musik dabei hatten und diese dem Treiben des Umzugs vorzogen. Und kurz fragte ich mich, ob es dann nicht sinnvoller wäre, überhaupt eine eigene Party an einem anderen Ort zu feiern, so dass die zwei Musiken sich nicht so gruslig überlappen müssten.  Aber egal.  Im Zweifel immer für Großmut und Gemeinsamkeit. Dann dreht halt auf. Auch hier kein Durchkommen zur Stangenbar. Von mir aus hätt´s auch ein leichter zugänglicher Besen sein können.  Also weiter.  Den Berg hinauf, an einer alten Mauer entlang, Schnellen und  Musik klangen gedämpft und es wurde duster. Eine Ahnung Mittelalter flog mich an. Zwei Schuttig kamen mir entgegen.  Mir gefällt, dass sie die Larven immer unten haben. Immer. Noch nie habe ich das Gesicht eines Schuttig gesehen. Das ist in Rottweil anders, wo sich die meisten zwar daran halten, wenigstens im Stadtkern auf der Hauptstrasse die Larven nicht zu heben, es mit dem ersten Schritt in die Seitenstrasse aber sofort anders halten. Und im selben Augenblick ist der Zauber weg.  Der Verlauf des  Dialoges mit den Schuttig  lässt sich unschwer erahnen. Wohin des Wegs. Stangenbar.  Wir trinken einen. Wer braucht schon eine Stange. Andere Verabredung gibt es nicht. Feuer und Glut,…uswusf. Ein Hu-hu-hu, und jeder zog seines Weges, wir waren schließlich nicht zum Spaß da. Ich kam zu den Schuttig wo sie sich sammelten. Die Fackeln ließen die Häuser tanzen. Als ob Dämonen spukten. Und das war absolut  schauderhaft und zwar  in bestem Sinn – ein großartiger Schauder!  Ich schloss mich ein paar Zunfthonoratioren an, die, so nehme ich das jetzt zumindest an,  in allen Zünften an einer Art Wadelkappe zu erkennen sind, und schlängelte mich mit ihnen an Schuttig und Publikum vorbei und  endlich hinab zur Stangenbar. Es war kurz vor neun. Ich war pünktlich und jetzt doch  entzückt über den Treffpunkt. Ich war viel unterwegs gewesen und hatte die halbe Stadt umrundet,  aber doch richtig viel gesehen. Meine Freundin kam mit Freund, beides Elefanten, und ich bekam den meinen. War nicht ganz einfach ihn mir aufs Haupt zu drapieren. Ein Bauernkittel wäre sicher bequemer und tanzfreudiger gewesen.  Aber das habe ich keinen und will auch keinen, und sowieso wollte der Elefant in mir auch mal raus. Ein erster Sekt, jeder brachte jeden auf den neuesten Stand, ein paar Besen auf dem Weg. Im Hafen trommelte eine Frauencombo in roten Jacken. Die Elefantenherde stampfte begeistert im Takt. Weiter aufs Schiff. Da traf ich eine Freundin seit Rottweiler Kindertagen. Wir haben einander schon sehr nahe gestanden, uns jetzt aber ewig nicht gesehen. „Mein ganzen Leben träume ich davon, nach Überlingen zu fahren, auf einem Schiff zu tanzen und dabei dich zu treffen!“ lachte ich, und wir fielen einander in die Arme, und ich hatte das Gefühl, es stimmte. Ein paar Neuigkeiten ausgetauscht. Und weiter. Im Galgenhölzle  abgefahren eng.  Im hinteren Bereich war etwas Luft, aber um zum Beispiel aufs Klo zu gehen, musste man durch den ganzen Laden. Enger geht´s nicht mehr, was so schlimm aber nicht war, alle hatten ein so flirtbereites Strahlen im Gesicht, eine Zugewandtheit, die entschlossen schien, es für heute gut sein zu lassen, und mehr braucht es auch nicht, und es verblüfft, aber tatsächlich klingt, was unterm Jahr nur Kopfschütteln auslöst, in dieser Szenerie absolut adäquat. Ein Lachen links, ein Schäkern rechts, ein leichtes ´später´, das unausgesprochen ´nie´ heißt. Ich musste wohin, ich hatte eine Mission und ich wollte auch zurück zu meinen Elefanten.  Ein Kapitän und ein Matrose, der aussah wie Popeye tanzten mit zwei schmucken Hafenmädel. Die Kellnerin bugsierte die Drinks drum herum ohne irgendwas zu verschütten. Es wurde bedient!  Fand ich Hammer. Ich ziehe den Hut. Eine letzte Runde, ´Tschüß´ und ´wir sehen uns wieder´, und der Heimweg am See entlang.  Der Dunst überm Wasser verschluckte die Geräusche, und Baumgerippe lösten sich im Nebel auf; es wurde langsam leise und dunkler.  In Nussdorf  war der Spuk vorbei.

Überlingen, das war toll.

Allen eine glückselige Fasnet

Huhuhu

Fördern und Fordern

Zum Mittagessen über die Buschbrände in Australien gelesen. Zum Dessert ging es im Radio um das Artensterben.  Ausserdem war gestern der 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Und eine rechtextreme Vereinigung ist  verboten worden. Ich sollte froh sein darüber, nicht  ´warum jetzt erst? ´ fragen;  aber es konnten nun alle mit viel Geruhsamkeit alles in Sicherheit bringen, was man da gerne haben wollte. Egal – 54rf vermutlich ist es eh gehopst wie gesprungen – diese Ärsche lösen sich wegen eines Verbots ja nicht in Luft auf. Es bleibt zum Kotzen.

Ich bereite  derweil die Fasnet vor und genieße die Banalitäten des Alltags. Narrentag in Überlingen. Das Gastgeschenk steht auf der Kommode und riecht nach Alte-Tanten-Parfum.

Es gibt immer wichtigere Themen. Wo es um alles geht, gibt es immer wichtigere Themen. Trotzdem geht mir diese Messerattacke im Jobcenter nicht aus dem Kopf. Ich hatte mit dieser Einrichtung auch schon Kontakt und bekam solche ´Vorladungen´. Kann gut sein, ich kenne die niedergestochene Frau.

Im Schwabo lese ich, der Täter soll ´psychisch krank´ sein und es sei ´schockierend´, dass er sich sozial engagiert habe. Verstehe ich nicht. Was soll denn daran schockierend sein, wenn einer sich sozial engagiert. Auch Ärsche engagieren sich.  Und weshalb psychisch krank? Aus den Zitaten konnte ich das nicht herauslesen. Anders – ja. Voll schräg. Meinetwegen  nicht ´normal´.- Aber ´nicht normal´ ist doch nicht gleich ´krank´, will ich mal wagen zu behaupten. Nur weil jemand eine Norm definiert, ist nicht alles, was diese sprengt, krank. Dieser Mann gehört nicht in die Psychiatrie – er gehört entwaffnet. Ich würde sagen, er ist einfach ´scheiße drauf´, richtig richtig scheiße. Nichts ist verlockender und einfacher als der eigenen schlechten Laune zu folgen. Nichts befriedigt schneller.  Kommt dann noch eine Prise Eitelkeit dazu, wird´s verschwurbelt. Krank ist das noch lange nicht. Nur eklig und ätzend.

Ich habe keine schlechte Erfahrungen mit dem Jobcenter an der Steig gemacht. Über die Schreiben – ´Einladungen´ an ´Kunden´ – habe ich mich gleichwohl auch schon geärgert. Man heißt ´Kunde´, aber die Wortwahl gefällt nur denen, die nichts damit zu tun haben. Der Rest weiß, was Sache ist. Im internationalen Vergleich kann sich das deutsche Sozialsystem sicher sehen lassen. Ideal ist es trotzdem nicht. Und das spürt, wer es beansprucht. Ich würde lieber  von ´Klient´ sprechen. Klient, das klingt nach Anwaltskanzlei, nach schwerem Schreibtisch und dem Duft von Leder und Papier, und es lässt davon träumen, dass einem da jemand zur Seite steht. Unser Sozialsystem lebt aber gefühlt davon, dass der Kunde sich scheiße fühlt. Scham macht gefügig. Und wenn es stimmt, dass auch in Deutschland das reichste Prozent mehr besitzt als fast 90 % der ärmeren, (sagt Oxfam) und wenn man sich ganz problemlos vorstellen kann, wie Kriminelle wie die Beteiligten bei CumEx ganz nonchalant Kassen plündern, und wie der Justizapparat das so irritierend vorsichtig verfolgt und ahndet, und wenn man überdies ahnt, wie effektiv reiche Lobbyarbeit wirklich und wahrhaftig funktioniert, und wie arschig die Arschkarten der Anderen dadurch werden, weil wo die Trümpfe so lässig aus dem Ärmel flattern, die Arschkarten dem entsprechen müssen, weil  das Spiel so funktioniert – da wirken manche Schreiben der Sozialbehörden  dann schon sehr provokant. Es hängt ja doch zusammen.  Man könnte den Korb auch niederer aufhängen. Nicht in jedem Schreiben eine Liste der Drohungen, und das selbst dann, wenn  der ´Kunde´  seinen Aufgaben durchaus nachkommt. Und vielleicht  doch mal ein Hinweis darauf, dass eine persönliche Situation irgendwie eine Rolle spielen darf. Stattdessen – nichts dergleichen. Krankheit und Tod. Oder Unfall mit Totalschaden. Sonst hat man gefälligst zu erscheinen. Punkt und Basta. Rechtshilfebelehrungen 2 DinA4 Seiten.  Und Vorwürfe. „Sie haben zu Unrecht bezogen“ – wenn das Jobcenter sich verrechnet hat oder man mehr verdient hat als kalkuliert.  Unrecht! Hab ich betrogen oder was? Da frage ich mich dann auch „geht´s noch?“ . Und ich habe das auch schon die Dame am anderen Ende der Telefonleitung oder auf der anderen Seite des Schreibtisches gefragt, und die weisen diese Art Sprache dann von sich und das völlig zu Recht. SIE haben das nicht geschrieben. SIE haben das nicht so formuliert. Sie sind nur gezwungen umzusetzen. Mit ihrer Intention hat das wenig zu tun.

Ich habe Interviews gelesen und ´Expertenratschläge´ über mehr und bessere Sicherheitsvorkehrungen bei den Sozialbehörden. Mag alles stimmen. Ich würde andere Schreiben aufsetzen. Mehr und bessere Textbausteine anbieten. Individueller bearbeiten. Und generell darüber nachdenken, ob es nicht auch hilfreich wäre, wenn der Kunde sich nicht systematisch so scheiße fühlen müsste.

Herrje. ´Normal´ ist eine Illusion. Weshalb nicht auch die Unnormalen mitnehmen.  Selbst dann, wenn sie nicht schillernd und witzig daherkommen, selbst dann, wenn sie dem eigenen ästhetischen Empfinden spotten.  Nur weil sie da sind mitnehmen. Alle mitnehmen. Einfach nicht so kleinlich sein.

Ich verteidige nicht. Der Angreifer gehört in den Knast. Der hat Übles im Sinn. Auf diese Art Rebellion wartet nichts Gescheites. Wer einen Funken Liebe im Herzen hat, die weiter fühlt als bis zu ´ich´ und ´Vaterland´ und so´n Scheiß, der hat dafür kein Verständnis. Trotzdem  wünsche ich mir, dass auch die Anschreiben an diese anders  aussähen .

Ich wünsche der Frau des Jobcenters gute Besserung. Ich hoffe nicht, dass ich sie wiedersehe. Aber ich will ihr gerne sagen, dass sie bestimmt einen guten Job gemacht hat, und dass es nicht an ihr liegt.

„Die Stimme von Eva Cassidy“, ins Baguette geritzt

Frohsinn in die Innenseite von Senfglasdeckeln geschrieben

All das Schöne, auf gelben Zetteln, auf Listen, und auf allem, worauf sich irgendwie etwas festhalten lässt

All das Schöne, von Duncan Macmillan, im Zimmertheater.

Hingehen! Unbedingt hingehen!  Es ist klasse.

Ich war mit meiner Chefin und einigen Bewohnern ´meiner´ Wohngruppe vom Pflegeheim drin. Abends ausgehen, das hat Seltenheitswert. Wir waren alle aufgeregt.

Der Auftakt war etwas holprig, im wahrsten Sinn. Mit dem Rollator durch die Baustelle, den Aufzug hoch, durch den Hintereingang rein.  Cooler Auftritt. Wir waren früh dran und sicher, wir bekämen gute Plätze. Aber einige der Bewohner sind motorisch eingeschränkt, und so stürmte die Menge an uns vorbei in den Saal. Die Stühle waren ringsum aufgestellt, der Platz vorne und in der Mitte blieb frei, aber weil wir nicht wussten, wo sich das meiste abspielt, mindestens eine der Bewohnerinnen ein stark eingeschränktes Sichtfeld hat und man überdies keiner zumuten wollte, lange zur Seite hin zu blicken, hätten wir sehr gerne eine der Sitzreihen belegt mit Frontalsicht. Aber die unteren Reihen waren schnell belegt, und auch eine der oberen, die meine Chefin vorauseilend noch schnell reserviert hatte, musste fast vehement verteidigt werden. Zu zweit versuchten wir der Bewohnerin mit Rollator nach oben zu verhelfen, (freilich dabei ohne diesen).  Drei Frauen, die sich anstrengen, zwei flache Stufen zu erklimmen.  Es dauerte. Und klappte nicht. Und keiner der Zuschauer der unteren Reihen war auf die Idee gekommen, Plätze zu tauschen. Ich war schockiert über so viel Unhöflichkeit. Wir setzten uns nach unten in die Reihen seitlich dessen, was als Bühne wenigstens angedeutet war.

Die Schauspielerin, Stefanie Smailes, man muss sie lieben, verteilte Zettel, jede von uns bekam auch einen. Darauf Nummern  und Begriffe für ´schön´. ´Vogelgesang´ stand auf meinem. Nummer 31.

Mit dem ersten Satz hatte sie alle im Bann.

Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt. Die Mutter der Protagonistin leidet unter Depressionen und begehrt den ersten Selbstmordversuch. Die Protagonistin beginnt eine Liste all des Schönen, das das Leben lebenswert macht.

Wir begleiteten die Protagonistin durch etliche Jahre. Sie sang, (zum Dahinschmelzen!), sie tanzte, (beneidenswert), sie lachte, (herzerfrischend),  sie trauerte, (zum mitweinen), und manchmal war sie so allein, dass man sie umarmen wollte.

Ein Zuschauer wurde Tierarzt, einer Vater, und erst dachte ich, „oh je, das ist eine harte Nuss, die da zu knacken ist“. Der Mann, der den Vater geben sollte, wollte partout nicht, und sein Aber war mit Händen zu greifen. Die großartige Stefanie Smailes aber ließ sich nicht beirren. Sie bat um den Schal einer Dame in der ersten Reihe, die diesen nur ziemlich widerwillig hergab. Der Schal spielte auch mit.  Und dann wir mit unseren Zetteln und Nummern und Eigenheiten – und würden wir das auch wirklich so packen, dass es ins Stück passte?  Der unwillige Zuschauer gab den Vater, und es war gut. Und wir packten´s auch alle. Es gab eine überaus glaubwürdige Lehrerin mit Sockenhund, und ich wurde Dozentin, die mit Aufmerksamkeit verlangendem Blick den Werther hochhalten sollte.

In der Bibliothek begegnet die Protagonistin der Liebe ihres Lebens. Smailes fragte das Publikum nach zwei Büchern. Und ich war so dabei, so im Stück – ich hatte mein Notizbuch in der Tasche und reichte es ihr. Ich dachte, ein Buch ist das auch. Ein Zuschauer hatte eines unterm Stuhl. Und da erst verstand ich, das Buch sollte Buch sein; es ging darum, dass zwei sich über Bücher austauschen, und hatte ich vordem noch eine Bewohnerin, die gerne mal mitredet, gebremst „psssst! Nicht hineinreden!“, rief ich jetzt „es ist ein Notizbuch“.  „Vielleicht  finde ich ja was Interessantes“. Au backe. Das kann schon sein. Ich dachte, mein Vorteil ist, dass man meine Schrift kaum lesen kann, ich selbst tue mich häufig schwer. Und dann erfand sie eine Geschichte. Ich hatte das Notizbuch geschenkt bekommen von meinem Bruder, der bei Solarmarkt arbeitet, und also hieß das Buch so. Die Sonne wird verkauft, aber es war auch eine Liebesgeschichte, und die Bücher wurden getauscht und die Liebenden kamen zusammen, und das Publikum freute sich mit, sie sang und tanzte und rockte den Saal. Alle waren verliebt wie sie. Und die Liste wurde länger und länger.

Wir Mitspieler wurden eingeladen, und der Vater, der erst gar nicht Vater sein wollte, hielt frei eine Rede; die Frau, die den Schal so ungern hergab, lächelte, und der Ärger über die mit Frontalsicht, die keinen Platz angeboten hatten – vergessen; vergessen auch, dass wir an der Seite saßen – es war völlig schnuppe; wir gehörten zusammen, und alle waren versöhnt. Keinen Augenblick, an dem Stefanie Smailes nicht restlos alle mitgenommen hätte. Es war eine wunderbare Reise.

Am Ende gab es eine Million Gründe das Leben lebenswert zu finden. Und der Schmerz hatte seinen Schrecken verloren, so arg er gewesen war. Wer nie einen hatte, „hat nicht genug hineingefühlt“. Auch das, finde ich, stimmt.

Eine Bewohnerin, die öfter mal was verliert, brachte mir mein Buch, das ich vergessen hätte. Und die Bewohnerin, die gerne hineinredet, sich im Alltag aber bisweilen ungern korrigieren lässt, bedankte sich für jedes „Psst“. Dieser Abend hatte Konzentration und Benimm verdient. Eine Bewohnerin bestand darauf, sich persönlich bei der Schauspielerin zu bedanken. Dann fuhren wir zurück, alle zutiefst berührt und begeistert.

Manchmal beglückwünsche ich mich selbst zu meinem Job. Samstagabend war es so. Und ich beglückwünsche mich zu allem Schönen, was mein Leben so ausmacht. Ins Theater gehen, Nummer 1 000 002. Nachts bei Vollmond heimradeln, 1 000 003. Die Kälte an den Beinen, 1 000 004.

Vorstellungen sind noch am 31. Januar und 1. Februar, jeweils 20 Uhr, und am 2. Februar, um 11 Uhr.

Ich bekenne. Ich habe es auch getan.

Ich habe original Rottweiler Kleidle nicht originalen Rottweilern ausgeliehen, mehrmals. Und ich bereue nicht.

Beim einen ist es viele Jahre her, und der wohnt heute in just dem Haus, in das wir damals gingen zum Aufsagen. Der, kann man sagen, ist heute Rottweiler.  Einer Frau aus dem Badischen habe ich Mutters Schantle ausgeliehen; die Frau ist ihrer alten Heimat nach wie vor eng verbunden, aber die Tochter wächst in Rottweil auf und wollte so gerne mal – aber nur mit Mama.  Und dann ein Verwandter. Das entzieht sich meiner Zuständigkeit, aber ich würd es auch nicht  streitig machen. Wegen des familiären Friedens, und weil ich nicht so pienzig sein will. Der hat enge familiäre Beziehungen nach Rottweil, hat indes nie selbst in Rottweil gelebt. Trotzdem erlebte er eine original schwäbisch-alemannische Fasnet aus mehr als nur dem Zuschauerblickwinkel und erfuhr die Magie, die sich unter der Larve entfaltet. Und ich stelle mir vor, die festigt nicht nur  familiäre Bande, die nimmt er mit, wird Botschafter eben dieser Magie und trägt sie hinaus, auf dass sie auch in der Ferne blüht.

Was will man mehr?

Ich würde das keinen Bruch eines Brauchtums nennen, und auch keinen Ausverkauf eines Kulturguts, sondern Integration und Weltoffenheit.  Die Fasnet gehört nach Rottweil, gehören tut sie niemandem. Gehören tut sie sich selbst. Und sie macht mir nicht den Eindruck, als täte sie sich sonderlich schwer damit, sich je nach Lage der Dinge anzupassen.

Meine Eltern kamen in den später 60ern hierher, ich war eineinhalb Jahre alt.  Als meine Mutter in den fortgeschrittenen 70ern das erste Kleidle, einen wunderschönen Schantle,  zur Zulassung anmeldete, wurde sie von etlichen Bekannten angefeindet, das stehe ihr nicht zu.  Dem Schantle folgten andere, wenigstens zwei Kleidle wurden in der Zeit gekauft, in der diese mehr oder weniger meistbietend versteigert wurden. So kam das Gschell ins Haus. Es war sündhaft teuer, aber das Glück war groß. Ich sehe meinen Bruder noch, wie er von der Schule heimkam, den Wäschekorb im Flur sah, auf die Knie ging und es heraus und glückselig in Arm nahm. Sein Jubel durchdrang das ganze Haus. Im ersten Jahr ging er zum Abstempeln mit den Riemenverschlüssen auf dem Rücken. Vor dem Klo des Café Lehre hat eine Freundin den Faux-pas korrigiert. Gschellnarr mit Leib und Seele war er trotzdem.

In Rottweil Aufwachsen ist mit Fasnet aufwachsen. Wenn´s Heimat sein soll. Um diesen derzeit etwas determinierten Begriff zu verwenden. Ich finde es ein gutes Gefühl – Heimat. Selbst in der Fremde bewegt man sich sicherer, wenn man im Herzen diese Wurzeln hat. So habe ich das zumindest erfahren. Für Rottweiler ist die Fasnet identitätsstiftend und wurzelbildend. Aber wer bestimmt, wer sich als Rottweiler fühlen darf und wer nicht? Es gibt Rottweiler mit Stammbaum bis ins 15. Jahrhundert, und Zugezogene, alte und neue, Teilzeitrottweiler und Temporärrottweiler, innerstädtische und auswärtige, und ich behaupte, jedem steht es frei, sich dieser Stadt verbunden zu fühlen, so wie es ihm gut tut. Wer sagt, er ist ein Berliner, ist ein Berliner. Wer sagt, er ist Rottweiler, ist Rottweiler. So einfach sehe ich das.

Ich verstehe, dass man Tradition bewahren will und muss und jeder Wandel Fragen aufwirft. Ich verstehe, dass es mitunter neue Regeln brauchen kann, damit die Tradition nicht auseinanderfällt. Aber vielleicht ließe sich nicht nur das Bewahren, sondern  auch der Wandel wohlwollend denken. Die schiere Menge der Narren ist jedes Jahr aufs Neue Thema. Die Narren werden mehr, die Zuschauer weniger, und der Sprung hat bisweilen eine Länge, die schwer zu lenken ist. Und jedes Jahr werden mit Grusel und Schauder in der Stimme Geschichten erzählt, oder kolportiert, von Narren, die nach dem Beginn des ´Umzugs´ fragen, und keine Ahnung haben, was gemeint ist mit der Mahnung, während des Sprungs in jedem Fall die Larve unten zu lassen. Und manche können nicht mal Schwäbisch. Man stelle sich vor.

Ungeheuerlich?

Ich meine nicht.

Abgesehen davon, dass ich manche Geschichten für übertrieben halte, finde ich vieles auch nicht so schlimm. Die Welt ist heute eine andere als die vor 50 Jahren. Auch im Ländle spürt man die Folgen von Völkerwanderungen und zunehmender Mobilität. Rottweil ist Ausflugsort und lädt Touristen zu sich ein. Das verlangt der Stadt etwas Offenheit ab. Wer selbst schon gereist ist, weiß, wie großartig und inspirierend es ist, wenn man als Tourist nicht nur Zaungast bleibt, sondern teilhaben darf, wenn eine Tür zu einer anderen Kultur sich so öffnet, dass die sich hautnah erfahren lässt. Manch einem Gast will es eventuell nicht genügen, nur die Bonbons aus dem Rinnstein zu klauben und teures Geld für Souvenirs und mittelmäßige  Schorle auszugeben. Manch einer will erleben.

Und wie die Welt heute eine andere ist, so verändert sich halt auch die Fasnet. Herrje. Dann IST der Sprung halt lang. Dann wird auch mal hochdeutsch gejuchzt. Das hält sie aus, die Fasnet, da bin ich sicher. Sie hat schon sehr viel ausgehalten und sehr viele Gesichter gehabt. Tradition bewahren heißt nicht zwangsläufig einen Status-quo einfrieren zu müssen.

Früher durften Frauen nicht narren. Heute undenkbar. Weitestgehend. Von der Unmöglichkeit, als Frau auch mal Treiber im Rössle zu sein oder der ewigen Stammtischdiskussion, wieviel Oberweite als Federahannes noch schicklich ist mal abgesehen. Reichlich schräg! Wovor hat man denn da Angst? Was muss man denn da schützen? Dass die Fasnet einer anderen Zeitrechnung unterliegt, mag wohl sein. Aber in ihre Zeit passen darf sie schon.

Obwohl es ja noch Zünfte gibt, in denen Frauen nach wie vor als Narr verboten sind. Da schlucke ich und staune. Wenn ich mich zum Beispiel an die Schuttig erinnere, die sich 2017 abends vor dem Schwarzen Tor versammelten und zum (geringen) Teil so sturzbesoffen waren, dass sie am eigenen Kleidle hinabkotzten und den Platz in der Reihe nur mit Mühe und viel Unterstützung fanden, dann stelle ich mir vor, wäre so ein intergeschlechtliches Korrektiv vielleicht gar nicht so übel.

Nichts gegen Schuttig –sie sind toll!

Ich find´s nur komisch, dass alles, was an Narrentypen irgendetwas Wildes, Ungestümes, Triebhaftes an sich hat, Männern vorbehalten ist, sei es bei den Hänseln, den Schuttig, den Treibern, und eben den Federahannes, die zwar weiblich sein dürfen, aber bitte nicht zu offensichtlich. Versteh ich nicht. Wieso? Weil das früher so war? Früher war der Schantle im Anzug und mit Besen unterwegs. Ist er heute nicht mehr. Offenbar verändern auch Narrentypen sich und gewinnen Facetten hinzu. Ich empfinde das gerade NICHT als Verfall der Sitten sondern als Bereicherung.

Mein Verwandter kann zwar durchaus schwäbisch, aber das Auswärtige hört man. Er ist trotzdem ein toller Federahannes. Er springt toll, und er flirtet sehr charmant mit dem Publikum. Es gebe zu viele Federahannes, heißt es. Und das mag stimmen. Aber auch das ist kein Drama. Flirtende Federahannes sind noch lange nicht das Schlechteste.  Und wenn ein Gschell, Biß oder Fransenkleidle, oder Schantle, narrt, und kaum ein Rottweiler Gesicht und niemanden in den Zuschauerreihen kennt, aber einen netten Spruch drauf hat und wahllos und zufällig ausgewählt schnupfen lässt – die Chance, dass ein Fremder so auch mal zum Zug kommt, ist groß. Und was wäre dann Schlimmes passiert?

Der Sprung ist länger. Aber es haben auch mehr Leute Freude dran. So what.

Ich will nicht einem endlos ausufernden Sprung das Wort reden. Aber ich finde dies Jammern und Klagen und den Teufel an die Wand malen übertrieben.  Die Fasnet ist noch immer sehr schön, auch wenn sie sich verändert hat.

Mein Verwandter ist jetzt ein junger Mann, und irgendwann wird er vielleicht nicht mehr kommen. Aber wer weiß, vergessen wird er die Fasnet in Rottweil nicht, und in zwanzig Jahren hat er vielleicht Jahrgangstreffen und die Frage steht an, was man tut, und er organisiert den Bus nach Rottweil, mit Führung und Turm und Kuchen im Schädle. Es ist nicht unbedingt  schlimm, wenn auch Auswärtige eine Bindung zur Stadt bekommen.

Bei aller verständlichen Sorge um Brauchtum  und Wandel – ich kann diesen Geist des krampfhaften und/oder reflexartigen Draussenhalten-wollens einfach nicht besonders leiden. Meine Horrorgeschichten sind andere. Ich habe von Leuten gehört, die sich mehr oder weniger mit Stammbaum und Lebenslauf um ein Kleidle bewarben – und es am Ende doch nicht bekamen. Andere hatten mehr Glück, mussten das erhaltene Kleidle aber im Schutz der Dunkelheit zu später Stunde abholen und versprechen, absolutes Stillschweigen zu bewahren.

Ich habe auch keinen Rottweiler Stammbaum. Und wir hatten keine Kinderkleidle, sondern haben uns als Narrensamen stoisch und tapfer Füße und Finger abgefroren. Und unsere Larven stauben wir jedes Jahr selbst ab. Hab ich überhaupt kein Ding damit.

Und jetzt steht also wieder die Frage im Raum, wer wann in welchem Kleidle.

Für die Großen ist gesorgt. Aber das mit dem Narrensamen ist anders geworden. Kinder wachsen heute praktisch ins Kleidle hinein. Für den Buben haben wir einen Federahannes machen lassen; darauf sind wir stolz wie Bolle; er ist jetzt im zweiten Jahr mit Plakette und Fug und Recht dabei. Das Mädel will dies Jahr auch. Sie singt zwar mit Begeisterung und nicht nachlassender Energie ´Narro kugelrund´ und ´Ohjerum´ und hat das auch dieses Jahr wieder vor, sie liebt Bonbons, aber wenigstens ein Mal will sie dabei sein.  Für sie fehlt noch ein Kleidle. Sie ist sechs und einen starken Meter groß. Und ich meine, sie ist ein Fransenkleidle. Außerdem will das Mädchen mit der badischen Mutter wieder; diesmal getraut sie sich ohne Mama. Sie ist ca. 1,50 groß und war letztes Jahr mit großer Freude ein kleines Gschell. Wir freuen uns über Angebote. Wir leihen auch inkognito. Übergabe wenn gewünscht auf einem Autobahnparkplatz, wenn´s sein muss Sonntagmorgens um sechs, da ist garantiert keiner.  

Sorry. Kleiner Scherz 🙂

In diesem Sinne – allseits eine glückselige Fasnet – Huhuhu.

Eine Weihnachtsbotschaft

Sie gehört ´Zum Fest´ dazu,  zu DEM Fest, diesem so bedeutsamen.  Nur Schmücken und Schenken und die Geschichte weglassen gilt irgendwie nicht. Es ist ja auch eine sehr schöne Geschichte.

Deshalb sag ich gerne „ein Mal im Jahr kann man in die Kirche“, wenigstens an Weihnachten. Zugegeben, ich halte mich selbst nicht daran. Mit den Kindern habe ich mich aufs heimische Krippenspiel verlegt und finde, das gilt auch. Dieses Jahr ist es für mich sogar beides geworden – Krippenspiel und Gottesdienst.

Dass der zweite Weihnachtsfeiertag zuallererst als Stephanitag gefeiert wird – vielleicht wusste ich das mal. Präsent war es mir nicht mehr.  Aber es ist der Gedenktag des heiligen Stephanus. Der hat in den ersten Jahrzehnten nach Christus gelebt und war Diakon in der Urgemeinde in Jerusalem, bis er vor den Hohen Rat gezerrt wurde mit der Anschuldigung, er kehre sich gegen das Judentum, gegen deren Stätten und Gebräuche. Stephanus habe die längste verzeichnete Verteidigungsrede gehalten – geholfen hat sie ihm nicht – er wurde gleich im Anschluß gesteinigt.

Das ist schlimm und bitter und tragisch und alles. Aber die Schlüsse daraus finde ich auch starken Tobak.

Stephanus gilt als der Erzmärtyrer, als ´Protomärtyrer´, was dann wohl der Prototyp des Märtyrers ist. Sagt Wikipedia. Sagte so oder so ähnlich auch der Pfarrer. Und er zitierte  Matthäus 10: „Denn ihr seid es nicht, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet. Es wird aber ein Bruder den andern zum Tod überantworten und der Vater den Sohn, und die Kinder werden sich empören wider die Eltern und ihnen zum Tode helfen. Und ihr müsset gehaßt werden von jedermann um meines Namens willen. Wer aber bis an das Ende beharrt, der wird selig.“

Zwar darf nach kirchlichem Verständnis – so habe ich jetzt gelesen – als Märtyrer nur bezeichnet werden, wer seine Überzeugung nicht gewaltsam durchsetzt. Aber trotzdem – das  wird hochgehalten? Das ist doch wider den Frieden. Oder verstehe ich das falsch? Der Glaube über alles,  und zwar ganz ausschließlich, mit einer einzig wahren Form, bis zum bitteren Ende durchgezogen, und zerbrechen noch so viele Familien, Freundschaften, Nachbarschaften, Dörfer, Gesellschaften. Alles egal, es zählt nur der Glaube. 

Auch Gewissenskonflikte können gewaltig sein – wenn man zwischen Glaube und Liebe oder Zuneigung oder Loyalität steht. Und wenn da einer ist, der sagt, wofür man sich zu entscheiden hat. Und da soll immer der Glaube gewinnen, egal wie groß die Not ist, egal wie groß der Schaden?  Eltern gegen Kinder, Kinder gegen Eltern, Eheleute, Freunde, alle gegeneinander, Gesellschaften gespalten, weil jeder die Wahrheit für sich reklamiert?  Ich dachte es ginge um Liebe, um Nächstenliebe, um Großmut und Vergebung. Und dann so eine Nummer? Geht’s noch?

Am ersten Weihnachtsfeiertag mit den Kindern ´Merida´ gesehen, ein Animationsfilm, in dem es um ein schottisches Burgfräulein geht, das lieber reiten und Pfeil-und-Bogen-schießen will als heiraten, und das im Zorn über den Zwang eine Prinzessin sein zu müssen eine Zauberin bemüht. Doch der Zauber hat schlimme Nebenwirkungen, und die Prinzessin hadert mit sich, wie sie so egoistisch war und so viel Leid über die Familie gebracht hat. Ich verstehe sie voll und ganz in ihrem unbeugsamen Willen, ihr Geschick selbst bestimmen zu wollen. Und genauso gut verstehe ich, dass sie mit sich hadert und ihr Gewissen sie fürchterlich plagt.  Wollen ist erlaubt. Der Flurschaden, den der eigene, durchgesetzte Wille aber bisweilen anrichtet, der gehört halt mit dazu. Abwägen ist kein Fehler. Natürlich geht der Film gut aus.

Ohne Witz – ich schreibe das mit eigenartigem Gefühl in den Fingern – da liegt mir Disney näher als die Bibel.  Bei aller Liebe – ´Glaube über alles´, und sei der Schaden noch so groß – das ist einfach nicht mehr angesagt. Das ist erwiesenermaßen käse. Und wenn es 100 Mal in der Bibel steht – das mit dem Bruder gegen Bruder usw. wird tatsächlich an mehreren Stellen wiederholt – es wird trotzdem nicht besser.

Im Gottesdienst erst Stephanus und die gesellschaftlichen Brüche, dann  die Weihnachtsbotschaft. Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Ich krieg´s nicht zusammen.

Die Münstersängerknaben waren da, und das versöhnte doch etwas. Ich weiß nicht mehr zu welchem Lied – einer dieser evergreens, von denen man die ersten drei Worte hört und die ganze Strophe weiß -und die Gemeinde sang und die Sängerknaben mischten sich mit glockenhellem Halleluja hinein – das war schön.

Anmerkung: wer und was das auf dem Bild ist, weiß ich nicht. Das hat mit Stephanus vermutlich nicht das Geringste zu tun. Fiel mir nur so ins Auge.

Rock around the christmastree

Party in der Apo. Ich war zum Geburtstag einer ehemaligen Chorfreundin  eingeladen, sie ist Lehrerin. Im Nebenzimmer spielte eine Band, anscheinend ebenfalls alles Lehrer. Die Lehrerdichte  war an diesem Freitag, dem letzten Schultag, in der Apo enorm hoch.  Die Band war prima, spielte geübt und souverän Rock und Pop aus mehreren Jahrzehnten, ich würde dafür eine glatte Eins-bis-Zwei geben, ohne pienziges Gemaule wofür die halbe Note Abzug. Eins-bis-Zwei ist super, die kann man so stehen lassen, das weiß ich von meinem Sohn, der darauf auch besteht. Und vom anderen Ende aus gedacht geht die Überlegung nicht um Abzug vom Ideal, sondern vom Gewinn gegenüber des kompletten Nichtkönnens. Eh viel sympathischer.

Tanz- und Raucherraum waren eins, die Luft war zum Schneiden, die Band klagte dezent und auch ich dachte „wäre das geil, wenn man jetzt noch frei atmen könnte “. In der Diskussion um ein erweitertes Rauchverbot in Kneipen stehe ich zu meiner eigenen Überraschung diesmal nicht eindeutig und  klipp und klar auf der Seite der Gegner.  Ich rauche nicht, aber ich will auch nicht gerne verbieten.

Wie auch immer es kommt – erstmal  musste frau durch, und hin und wieder ging es eh zum Luftschnappen.

Die Schlange vor dem Frauenklo war lang, es gibt mehr Lehrerinnen als Lehrer.  Aber das kann ja sehr unterhaltsam sein. Während des Wartens unterhielt ich mich mit einer Peruanerin, die seit zwei Jahren in Seedorf wohnt, wo der Peruaneranteil offenbar aussergewöhnlich hoch ist, was ich nett finde, und ich erfuhr, dass ´Cholà´ – so oder so ähnlich – das ´Ch´ kratzig im Hals gesprochen – ´Schlange´ heisst und auch auf Spanisch für Warten steht. So zumindest habe ich das verstanden.

Gestaunt habe ich, als aus einem der Kloabteile – es gibt zwei – zwei Mädchen herauskamen. Okay.  Kenn ich von früher. Und ich dachte, „jetzt aber!“ –  aber dann dauerte es und dauerte, und ich stand so und wartete und wunderte mich, und dann kamen nochmal zwei, und ich war baff, wie viele Mädchen in ein so enges Abteil  passen  und wie sie sich so halten – die Freuden des  Mädchengemeinschaftspieselns.

Ich bleibe dabei – ich weiß ich weiß ich weiß, keine Verallgemeinerungen – trotzdem – Ausnahmen sind stets  gerne gesehen – Frauen machen die bessere Party. Männer rauchen und blockieren mit breiten Rücken und aufgestellten Ellbogen den Weg zur Theke. Es tanzen  die Frauen, und wenn ein lautes Lachen die Musik durchdringt, dann ist es ein weibliches.

Das heißt –  nicht ganz. Zu später Stunde tanzten drei junge Männer ähnlich wie die Mädels zusammen im Kreis, hielten sich bisweilen an den Händen, umarmten sich und genossen sichtlich ihre  Nähe und Verbundenheit. Bei den jungen Jungen geht das offenbar mittlerweile.

Ich tanzte mich müde. Als ich daheim war, war es deutlich später als geplant. Aber egal. Das war ein toller Auftakt in den Weihnachtszauber.

Allseits frohe Weihnachten. Merry X-mas. And don´t forget to rock around the  christmastree.