Hundert Jahre Einsamkeit

oder „Liebe in den Zeiten der Cholera“

zwei wunderbare Bücher von Gabriel Garcia Marquez.

Am Ende wird alles gut, ob nun die Ameisen übernehmen und die Natur zurückholt, wo in sie hineingehaust worden war, oder ob einer ein halbes Jahrhundert um die Liebe ringt und sie erst gewinnt, wenn er fast schon mit einem Bein im Grab steht.  Ich liebe Bücher, die epische Gerechtigkeit walten lassen, denen es gelingt, selbst dem Schlimmen Tröstliches abzugewinnen. In „Hundert Jahre Einsamkeit“ sind die Geschichten der menschlichen Protagonisten tragisch.  Trotzdem bin ich am Ende versöhnt, weil das Leben an sich weitergeht. Am Ende wird alles gut, und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.  Mit diesem Gedanken kann ich mich über ziemlich viel hinwegtrösten.

Ich muss mal weg von Corona.  Das ist freilich leichter gesagt als getan. Corona durchdringt jeden Lebensbereich, so scheint´s.

Und doch hat immer alles zwei Seiten. Der Himmel ist ohne Kondensstreifen, die Luft ist sauberer, das Wasser klarer. Auch die Stille gefällt mir, es brummt und hämmert und lärmt nicht mehr so. Ein paar Monate Shut-down, und die Welt ist eine andere, ich hoffe eine bessere. Dass ein schnelles Umstellen möglich ist, sieht man gerade. Es ist möglich, regional zu agieren und global an einem Strang zu ziehen.

Das ist ein Thema, das mich auch schon vor Corona umtrieb.

Wenn der Natur immer mehr Gebiete weggenommen werden, kommen Tiere und Menschen einander näher. Manche Tiere können sich nicht so weit anpassen, die sterben aus. Andere – die, so habe ich jetzt gehört , sogenannten  Generalisten – passen sich an und bringen ausser ihren Gewohnheiten auch ihre Krankheitserreger mit – die ebenfalls anpassungsfähig und flexibel sind, und also sich auch so verändern können, dass sie auf den Menschen überspringen.

Es empfiehlt sich daher auch als Seuchenprophylaxe, der Natur und allem was darin kreucht und fleucht ihren Raum zu lassen. Vielleicht wäre dies sogar ein Argument für Politik und Wirtschaft endlich umzudenken, wo doch deren Panik vor Rezession und ´Weniger´ die der Klimaschützer vor einer unumkehrbaren Erderwärmung um ein Vielfaches übersteigt.

Ich wäre dafür, der Natur verfassungsrechtlichen Schutz einzuräumen.  Natürlich kann die Natur nicht klagen. Aber Menschen, die sich für den Bereich, der bedroht ist, engagieren, können das tun. So ist das in zb Bolivien und Neuseeland möglich.

Ich habe nie verstanden, dass die Natur erst beweisen muss, dass etwas ihr schadet. Chemikalien gelangen auf Böden, in Gewässer, in die Luft, und die Hersteller produzieren unter der Prämisse, solange nicht bewiesen ist, dass ihr Tun schadhaften Einfluss hat, dürfen sie. Es ist derzeit tatsächlich rechtlich am Staat, als dem Stellvertreter der Interessen der Allgemeinheit, und auch der Natur, nachzuweisen, dass etwas giftig und schadhaft ist, um es dann verbieten zu können.  Das finde ich krass. Es muss am Produzenten liegen, nachzuweisen, dass etwas ungiftig ist.  Und wenn er eine einmal erlangte Genehmigung hat, (die er auf Grundlage nicht naturentsprechender Tests erlangte), und es stellen sich im realen Gebrauch Zweifel, muss damit aufgehört werden. Sofort. Und solange er den Bewies nicht erbringen kann, dass seine Produkte unschädlich sind, darf er sie nicht mehr produzieren. Fertig aus. So herum wird ein Schuh draus. Die Wirtschaft soll den Menschen dienen, nicht anders herum. Gepfiffen auf entgangene Gewinne.

Es ist nicht wie in der Kriminalistik – die Schuld muss bewiesen sein. Sonst müsste man die Produzenten und ihre Komplizen behandeln wie Verbrecher, dann wäre der Herbizidproduzent, der nebenbei auch den Bienen zusetzt, ein Massenmörder. Kann auch keiner wollen. Und wie soll die Natur beweisen, was ihr schadet? Soll die Biene ein Gutachten unter Einhaltung wissenschaftlicher Standarts  anstrengen?

Wer einen Eingriff in die Natur vornimmt, belegt, dass dieser kein Schaden entsteht, oder der wird ernsthaft und glaubwürdig  ausgeglichen. Man muss die realen Kosten rechnen, auch die, welche die Natur treffen, plus die Entsorgungskosten, die Spätfolgen, alles- . Ja, dann wird´s schwieriger für die Menschen und ihr Wirtschaften. Dann müssen sie sich mit weniger Platz und weniger Produzieren und Mobilität begnügen. Auch das ist nur recht. Die Erde gehört uns nicht. Wir dürfen darauf sein. Das ist alles.

Eine Million Arten von insgesamt acht bis zehn Millionen sind in den nächsten Jahrzehnten vom Aussterben bedroht. Wenn es so weiter geht, ist eine davon der Mensch. Steht im Globalen Zustandsbericht zur Biodiversität. Radikal. Ja. Aber weshalb nicht.  Wenn das Problem groß ist, muss es auch die Lösung sein. Dass das geht, sehen wir gerade. Irgendwelche Dumpfbacken schreien immer. Lasse man sie schreien – wenn´s ihnen hilft.

Ich habe Diskussionen verfolgt, in denen Leute sich mokierten, dass der Ausbau einer Landstrasse nur deshalb so teuer war, wie er war, weil Wildübergänge oder Froschpassagen miteingebaut wurden. Und ein Ton schwingt mit – was für eine Vergeudung von Steuergeldern. Vergeudung. Ja klar! Man kann doch nicht einfach so tun, als wären die Tiere nichts wert, in dem Stil „dann sind die Frösche halt platt, so what. Quakt kein Mensch danach“. Das geht doch nicht. Und wenn es der Juchtenkäfer ist, der einem Bahnhof im Weg steht, oder die Gelbbauchunke einem Gefängnisneubau, dann ist das so. Dann haben Juchtenkäfer und Gelbbauchunke Recht, wenn sie sagen „nicht hier!“.

Mit was für einer Anmaßung man sich bislang über alles Hinderliche hinweg gesetzt hat.  Mit was für einer Verve man zB. die AKWs gebaut und behauptet hat, die seien sicher. Mit Material, das zum Teil Millionen von Jahre strahlt. Und man hatte und hat NULL Plan, wie man das wieder abbaut und entsorgt und endlagert, geschweige denn, dass man für solche Zeiträume Endlagerplätze sich überhaupt vorstellen kann.  Tut man einfach. Nach uns die Sintflut. (Und kommt die, sind´s idiotische Verschwörungstheorien, die am Werk sind). Ich denke immer, man muss anfangen, das jetzt wirklich abzuschalten, abzutragen und aufzuräumen, bevor man ganz andere Probleme hat.

Das muss aufhören! Die eigene Freiheit hört da auf, wo die des andern anfängt. Das gilt auch für den Juchtenkäfer und die Gelbbauchunke, und für den Regenwurm und für die Stechmücke, für Wald und Wiese, Wasser und Luft, Erde und Gestein.

22.03., Coronazeit

Sonntagmorgen. Das Fenster steht offen. Ich mag diese Stille.

Ich hab´s eh schnell mit den Ohren und habe oft einen Druck darin. Dann halte ich mir die Nase zu und puste hinein, bis es in den Ohren Plopp macht. Das darf man jetzt nicht tun, zumindest nicht in der Öffentlichkeit, und das kommt mich herb an. Ich weiß ja, man darf alles, bloß nicht ins Gesicht fassen. Nur Niesen ist schlimmer. Gesichtfassen nur daheim im Bad, mit Händewaschen davor und danach. Das geht. Aber sobald ich unterwegs bin und daran denke, beißt´s irgendwo.

Ein bisschen Internet. Irgendwo wettert einer, weil eine andere sich für einen Obdachlosen interessiert, den sie schon ein paar Tage nicht mehr gesehen hat, gegen Asylanten. Weil es offenbar so gut tut, bei jedem Thema, bei dem es sich iirgendwie anbietet, auf diese einzuprügeln. Weil immer Not gegen Not ausgespielt wird.

Und dann lese ich von 21.000 Infektionen in Deutschland. (Etwas über 300 in Indien, wo man auch sofort reagiert. Herrje – in diesem Milliarden-Menschengewimmel so ein Virus – Indiens Götterwelt möge sich zusammentun und es helfen zu verhindern. Und wer jetzt noch in Kasten denkt, bei dem weiß ich gar nicht mehr, was ich ihm an den Hals wünschen soll). Irgendwie verstehe ich es immer noch nicht ganz mit diesen Infektionsketten und dem Testen, und bei eingehender Betrachtung noch nicht mal das mit diesen zwei Imperativen, die da nebeneinanderstehen und so tun, als gingen beide gleichzeitig. „Stillgestanden!“ und „Move it!“ Für jemanden, der in einem systemrelevanten Bereich arbeitet und sich nicht sicher ist, ob er infiziert ist oder welches Risiko er mit sich führt, ist es gar nicht so einfach, zu wissen, was nun das Richtige ist. Wie man´s macht, kann´s falsch sein.

Ich habe eine Bekannte, die in der Pflege arbeitet und eine Patientin betreute, deren Sohn, mit dem die Patientin im gemeinsamen Haus lebt und da auch zu Mittag isst, mit positiv getesteten im Skiurlaub war. Die Bekannte konnte sich weder testen lassen, noch erstmal zu Hause bleiben, bis die Lage geklärt ist.

Das verstehe ich nicht. Und ich wünschte, ich kennte mich besser aus in Epidemiologie und der damit verbundenen Verhaltensforschung.

Die Tests sind anscheinend nicht sicher. Wer positiv getestet ist, ist sicher positiv, aber bei wem ein Negativ herauskommt, kann durchaus auch positiv sein. Trotzdem könnte ich mir vorstellen, würde ein vermehrtes Testen helfen, auch außerhalb des ´Risikobereichs´, der mittlerweile ja gar nicht mehr klar umrissen ist. Jeder kennt einen, und hatte auf Umwegen über diesen und jene Kontakt zu einem aus einem Risikogebiet oder gar Infizierten. Wenn nur die getestet werden, bei denen es wahrscheinlich ist, dass sie positiv sind, dann weiß man doch gar nicht, wie weit das Virus schon verbreitet ist? Wenn nun flächendeckender getestet würde, dann kämen eventuell ganz andere Zahlen raus an Infektionen. Wenn ich derzeit von 3000 in Baden-Württemberg ausgehe, dann neige ich dazu zu denken „ach, das müsst´s schon dumm dahergehen, dass ich in diesem 11-Millionen-Ländle grad auf einen treffe und mich dann auch gleich anstecke“. Wenn ich negativ getestet wäre, würde ich denken, „ok, kann sein, es stimmt, dann ist´s gut. Kann sein, es stimmt nicht, dann ist Vorsicht die Mutter der Porzellankiste und ich nehm´s mal unter Vorbehalt“. Ich hätte dann aber trotzdem ein bessres Gefühl im Job.

In Rottweil sitzt oft eine ganz dünne Frau am Norma, mit mittlerweile Naturtreadlocks und einem pastellfarben gemusterten Anorak. Sie lebt in einem Haus ohne Strom und Heizung und ging bislang ab und an in einen Imbiss oder dergleichen, um etwas Warmes zu trinken und sich aufzuwärmen. Das kann sie jetzt nicht mehr. Gestern hab ich sie wieder gesehen am Markt. Aufwärmen geht nicht mehr. Aber ein paar Euro für einen Tee am Fensterverkauf tun ihr sicher gut.

21.03., Coronazeit

Es kam so schnell, dies Corona. Grad war es noch weit weg, war irgendwo – eine etwas andere Grippe, um die ein mir eher hysterisch anmutender Zinober gemacht wurde. Durchaus berührend, aber fern wie die Feuer in Australien, die apokalyptisch waren, aber von denen ich auch nicht annahm, dass sie bis hierher brennen.  Gefühlt war es nun eine Woche, vielleicht eineinhalb,  dass Corona die Macht übernahm.  Und noch da dachte ich „naja, wird schon alles nicht so wild werden“, dann wurde das ´naja´ zu „holà!, was um Himmels Willen…?“, und jetzt schließlich zum tiefen Schlucken.

Ok. Das ist  ernst. In der Tat. Und es rechtfertigt alle Maßnahmen und Einschränkungen. Ich war nicht bei den Ersten, die den Ernst der Lage begriffen haben, aber wenigstens – irgendwann

Am Dienstagnachmittag noch mal leichthin das Glück genossen, ein Spaziergang (allein), ein offener Biergarten, ein Tisch ganz für mich – Sicherheitsabstand  satt gewahrt – das Bier alkoholfrei, der Moment zum Schwelgen schön. 

Das wird es wohl für einige Zeit nicht mehr geben.

Ich halte mich  durchweg an die Verhaltensmaßregeln. Auch keine heimlichen Umarmungen mehr. Diese eine am Wochenanfang hatte es gebraucht, so quasi als Selbstvergewisserung, eine Art Gelübde – „ich will das nicht vergessen!“. So hat halt jeder seinen Weg, die Flamme in sich am Leben zu halten. Ich  bewege mich jetzt anders, ich schaue anders, ich plane anders. Alles ist anders. Und doch bleibt immer ein Zweifel, ´was ist notwendig´.  Muss ich wirklich einkaufen? Kommende Woche sind die Kinder da, ich kann nicht bei allem sagen ´gibt´s nicht, geht nicht´. Ich ging, bekam weder Salz noch Toilettenpapier, was beides regulär und turnusgemäß hätte aufgefüllt werden sollen, bekam dafür was zum Basteln.  Und Eis. Salz aus privaten Beständen, und im Klo liegen jetzt Waschlappen. Auf dem Markt Äpfel gekauft, und Blumen für den Friedhof. Notwendig hin oder her. Auch beim Koriander hätte ich sagen können, in den Laden geh ich jetzt nicht auch noch rein. Und dann hätt ich auch keine Melone dort bestellt. Die ich nächste Woche hole.  Aber dann würde die Tochter statt der Melone Kekse essen oder systematisch die Reste aus der Fasnetsschatztruhe niedermachen, und das ist mir dann aus anderen gesundheitlichen Aspekten nicht recht. Also doch notwendig. Dann zu den  Eltern gegangen.  Natürlich könnte man anders Kontakt halten, aber sie haben keinen Umgang mit Internet, und ein Telefonat ist keine Suppe und erst recht kein frisch bezogenes Bett.  Wer weiß, wann ich das nächste Mal hinkomme. Lieber jetzt.

Wo Leben ist, ist Bewegung, und ist Kontakt.  Es lässt sich runterbremsen und entzerren, (dem kann ich durchaus etwas abgewinnen), aber es lässt sich nicht auf Null setzen. Dann ist´s tot.

Corona ist schrecklich. Für mein Empfinden schrecklich genug, da braucht es nicht noch dieses Bashing, in dem einer die Bewegungen des anderen kontrolliert und immer besser weiß, was notwendig ist und was nicht.

Das Internet ist voll davon.

Einer regt sich auf über Mütter mit kleinen Kindern, die er schwatzend beisammenstehen gesehen hat. So was habe ich diese Woche auch mal gesehen, durchaus nicht dicht an dicht, aber zwei Meter Abstand waren´s auch nicht, und bei den Kindern schon gar nicht. Und ich hab´s verstanden. Ich kann mich noch gut an den Schock nach der ersten Geburt erinnern, wie abgeschnitten ich mich gefühlt habe, und das ganz ohne Geburtstraumata oder postnatale Depressionen und eigentlich trotz einem doch recht intakten und reichen sozialen Umfeld. Trotzdem fühlte ich mich isoliert und die einzige auf dem Planeten, der das Muttersein  nicht sofort und ganz natürlich und souverän aus dem Busen und von der Hand floss. Ich habe diese Mütter-Kinder-Treffen gebraucht. Sie waren notwendig und systemrelevant, genauso wie die Hebammen, für die die Glocken auch läuten sollen und für die auch geklatscht werden soll. Jungen Müttern Kontakt zu untersagen kann unterlassener Hilfeleistung gleichkommen.

Zu einem ähnlichen Fazit kam ich am Donnerstag, als ich private Post austrug und an der Ruhe-Christie -Kirche vorbeikam. Es war das erste Mal, dass ich da reinging. Es war die ´blaue Stunde´, und  die Fenster leuchteten so  warm und golden. So ist das wohl – es sind dies Zeiten, in denen das Betreten einer Kirche einem aller Warnungen zum Trotz eben doch näher liegt als sonst.

Was für eine schöne Kirche! Bescheiden, schlicht und ein wenig gedrungen, der Chor duster, nur ein kleiner Schrein war hell erleuchtet.  Ich sah fünf alte Häupter und gebeugte Rücken, einer gehörte dem Geistlichen, der vorbetete und das Lied nannte, das gesungen werden sollte. Das war wirklich berührend. Ich schätze, die Ruhe-Christie-Kirche ist ein guter Ort, um sich der Schwere des Daseins zu ergeben.  Der Sicherheitsabstand betrug so pi mal Daumen einen Meter, nicht mehr, und das ohne Not – es hätte Platz gehabt für zwei Reihen Abstand. Aber mir schien, man saß gerade so, dass jeder der Betenden die Anwesenheit der anderen noch spürte. So erträgt jeder das Gewicht besser, und keiner trägt allein.

Ich hätte nicht hingehen wollen und sie auseinandersetzen.

Und vielleicht ist das bei den ganz Jungen gar nicht so viel anders. Am Mädelesbrunnen saßen zwei , die sonst vielleicht gerade aufs Abi büffeln würden.  Biertrinkend, Abstand zum ins Ohr flüstern. Das war keine Coronaparty, aber auch kein vorsichtiges, vernünftiges Verhalten.

Sie sollen das nicht tun. Freilich nicht. Sie dürfen nicht. Aber jetzt hinzustehen und sie beschimpfen als die Schuldigen, die den anderen all diese Restriktionen einbrocken, das stimmt auch nicht. Es sind nicht sie, es ist das Virus.  Und so hat nunmal jeder sein eigenes Tempo des Begreifens und jeder seinen eigenen Zugang.

Ich habe eine Freundin, die im häuslichen Pflegedienst arbeitet, eine derer, die an vorderer Front stehen. Es gibt nur wenige, die mir so am Herzen liegen wie sie. Und doch streiten wir grad übers Handy, weil sie sich aufregt und alle der Verantwortungslosigkeit bezichtigt, die sich nicht im selben Maß einschränken, wie sie das vermutlich täte, wenn sie´s könnte, und wie sie das als ideal ansähe. Und ich sage dann, alle strengen sich an. Alle tun ihr Bestes.

(Okay – nich alle. Mich erinnert diese Leere bisweilen an 1986, an Tschernobyl, als nach nach einem langen, trostlosen Winter endlich der Frühling kam, und ich mich so nach Sonne sehnte, und dann ging´s nicht, und es war ganz fürchterlich, wieder im Haus eingesperrt zu sein. Auch damals haben die einen schnell, die anderen langsam begriffen, und ein paar wenige nie, die gingen dann in den Wald und dachten ´au geil alle Pilze für mich´.  Ich hoffe, sie haben sie überlebt).

Und die Freundin regt sich dann auf. Wenn Bomben fielen, würde jeder kapieren. Nur, weil man´s nicht sieht, denken jetzt manche, es ist nicht da. Stimmt. So ist das. Bombenhagel und Sirenengeheul wäre eindringlicher. Bei einer stillen, unsichtbaren Gefahr ist das Verstehen anders.

Manchen Leuten genügt ein Zuruf, bei manchen braucht´s einen Erlaß oder ein angedrohtes Bußgeld, bei manchen ein Referat mit einem Dutzend Skizzen und Tabellen, und bei manchen braucht´s Erfahrung. Bei ein paar ist Hopfen und Malz verloren.

Es ist halt nicht so, dass da einer die Parole ausgibt, und dann gehorchen alle und folgen. Und es gibt auch nicht den einen Schalter, den man nur umlegt, und dann hat man´s drauf. Ich hab jetzt auch satte eineinhalb Wochen gebraucht. Einfach mit den Finger schnipsen und dann läuft die Nummer – das mag der Traum einer jeden Macht sein. Auch ich hatte den schon. Wenn ich mit meinem Sohn Hausaufgaben mache und mir die Haare raufe wegen seiner Blockade, dann denk ich, ich hab´s jetzt so oft erklärt – ich weiß, dass du das verstehen könntest, wenn du nur wolltest. Aber er ist auf diese Art halt nicht zugänglich. Und also läuft es nicht so. Und bei meiner Tochter läuft es auch nicht so, wenn es ums Kämmen geht, oder ums Schlecken, um dies, um jenes.  Dieses Zollstockgeschimpfe bringt nichts.

Es braucht offenbar einfach eine Ausgangssperre – dann soll es halt so sein. Aber es ist niemandes Schuld. Das hat niemand eingebrockt, niemand anders als Corona selbst.

Natürlich soll und darf niemand eine Coronaparty feiern.  Das ist zynisch und verantwortungslos und daneben.  Aber die das feiern, die sind in dem Alter, in dem alles möglich ist,  und in dem es naheliegt, sich unverwundbar zu fühlen. Und seltsamerweise geht diese Unverwundbarkeit einher mit Todesverachtung und Übermut. Ich selbst denke manchmal, ich habe Glück gehabt, dass ich diese Phase meines Heranwachsens  überlebt habe; ich habe mir bisweilen irrwitzige Nummern geleistet.

Außerdem, und das finde ich nicht unwichtig, sind es genau  diese Unverwundbarkeit und Todesverachtung, die es so leichtmachen, die junge Generation in den Krieg zu schicken. Das ist nicht mein eigener Gedanke, der ist von Simone de Beauvoir, und ich finde ihn gut.  Er ist aus „Alle Menschen sind sterblich“ – wo es überall um Buchtipps für häusliche Stunden geht – dieses kann ich sehr empfehlen.  Jedenfalls ist das halt die Kehrseite einer zugegeben zweifelhaften Medaille.

Und noch was:  was will man jemandem vorwerfen, der  damit aufwächst, dass es nur und ausschließlich um die eigene Party, das eigene Wohlergehen, den eigenen Luxus geht, der das millionenfach vorgelebt sieht,  und der mitnimmt, dass Elend und Sterben, solange es unsichtbar und anderswo geschieht, einen nichts angehen.  Jahrzehntelang war das die Parole. Gut, wenn die sich ändert. Aber es sitzt nicht über Nacht und fällt auch nicht vom Himmel.

Wir sind im Katastrophenmodus. Es geht ans Eingemachte. Aber wenn wir dabei noch kleinlich sind, dann wird´s erst richtig scheiße. Jeder tut, was er kann, so gut wie er´s kann. Ein paar sind doof – da kann man nix machen. Die gibt´s immer und überall. Aber der Rest  ist dran, jeder auf seine Weise. Und  ab und zu folgen Leute einer eigenen Not und setzen die Priorität anders. Dann ist das so.  Dann üben wir uns in Großmut. Zum ´Gemeinsam schaffen wir das´ gehören auch sie.  „Für eine bessere Welt nach Corona!“ , das fände ich mal eine gute Parole! 

Mit dieser ließe sich noch viel mehr schaffen bestimmt. Man könnte Leute aus den Flüchtlingslagern und dem Niemandsland holen.  Zum Beispiel. Die sind da jetzt völlig verloren.

Das kann´s doch nicht sein!  

Es geht nicht nur darum, eine Krise hinter sich zu bringen und eine Katastrophe zu überleben.  Wir könnten den Ehrgeiz entwickeln daran zu wachsen und  besser zu werden.  Dann macht es danach auch mehr Freude, sich im Spiegel anzusehen.

In der Lagune von Venedig tanzen jetzt Delfine. Hab ich gehört, nicht gesehen. Wäre doch schön, sie tun das auch danach. 

Coronazeit. Keiner weiß so recht, wie lange sie dauert. Wochen, Monate. Vielleicht sind beim nächsten Biergartenbesuch die Blätter schon bunt und in der Vase stecken Astern. Ach nee – so lange geht’s bestimmt nicht. Vielleicht sind  die Bäume dunkelgrün und das Grass ein bisschen verdorrt, und in Kästen und Kübeln leiden Geranien Durst. Auch ziemlich spät. Ach – vielleicht blüht in der Vase eine Margerite und das Grün der Bäume ist fluoreszierend hell und frisch.

Man soll die Hoffnung nicht aufgeben.

(Ein Traum wäre, es wäre geschafft, wenn der Magnolienbaum am unteren Ende des Stadtgrabens, der bei dieser nackten, schönen  Bronzefrau, die so anmutig die Haare auf dem Kopf zusammenhält –   man müsste ihn vom Biergartentisch gerade so sehen – wenn der in voller Pracht steht. Das wäre  echt ein Traum).  

Ausnahmezustände

Es ist Corona-Zeit

Ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus. Das ist neu. Boah.  Ich kenne keinen, der einen kennt, der einen kennt, der sowas schon mal erlebt hat.

Das Leben ist lahm gelegt.

„Vermeiden Sie unnötige Kontakte!“

Fällt mir einigermaßen leicht.  Ich bin gerne mit mir und meinen Kindern allein. Und es gibt ja social media, und streaming, und allerhand häusliche und familiäre Vergnügungen. Es war auch schon anders – es gab schon Zeiten, da hätte mir diese erzwungene Isolation schwer zu schaffen gemacht, und ich kann gut nachvollziehen, dass es das heute bei vielen tut.

Was heißt schon ´nötig´? Das gehen die Definitionen weit auseinander.

Meine Kinder empfinden es als schier unfassbaren Einschnitt, wenn sie keine Freunde mehr treffen können. Und ich verstehe sie. Die Großen, die gehen arbeiten, nach wie vor, sie gehen einkaufen, reden hier und machen da – nur das Nötigste, freilich, aber sie haben Kontakt zu ähnlich gestellten. Den haben die Kleinen nun nicht mehr. Mitunter gar nicht mehr. Das ist nicht leicht zu nehmen, auch mit Spazierengehen, Spielzeug und Internet nicht. Irgendeine Form des Austauschs und Abgleichs braucht´s auch für die, die zu klein sind zum Chatten und dergleichen, zum kontaktlosen Kontakt.

Mit den Kindern war ich am Wochenende noch auf dem Spielplatz. Diese Woche dürfen wir schon nicht mehr. Letzte Woche traf der Sohn noch den Nachbarsbuben. Ob er das nächste Woche noch kann, kann ich ihm nicht versprechen.

Ich war alleine spazieren. Mache ich eh am Liebsten, dann kann ich ungestört meinen Gedanken nachhängen. Von der Haustüre weg brauchte es ein paar Straßenecken, bis ich den ersten Mitmenschen sah. Die Stadt oberhalb des schwarzen Tores war wie ausgestorben, in der oberen Hauptstraße schließlich war es ruhig wie an einem Sonntag im August.  Und überall Schilder ´geschlossen´.

Ich traf ein paar Bekannte, drei Leute, die sich ebenfalls zufällig getroffen hatten und sich unterhielten. „Wenn jetzt noch zwei dazukommen, stehen wir so weit auseinander, dass wir Platz brauchen bis auf die andere Straßenseite!“ Irgendwann rufen wir uns nur noch aus der Ferne zu.  (Oder wir singen wie die Italiener – das ist wundervoll!)

Bei entgegenkommenden Spaziergängerpaaren tritt eins hinter den anderen und man läuft Kolonne, so dass man beim aneinander-Vorbeikommen den nötigen Sicherheitsabstand einhält. 

An der Kasse wurde ich heute dagegen gerügt. Ich hatte mich nicht vordrängeln wollen. Ich hatte die Dame, die so weit weg stand, nur nicht als das Ende der Schlange erkannt.

„ Flatten the curve!“  Vorweg – ich verstehe den Sinn all dieser Maßnahmen und befolge sie, ergeben, aber nicht gerne, bisweilen zähneknirschend.  Aber ich befolge sie – weitestgehend. Es gibt immer eine gewisse Spannbreite, in der Regeln ausgelegt werden können. In den diversen Diskussionen in Whatsapp-Gruppen und Chats liege ich schnell im Clinch mit den Hardlinern, deren Kontakte außerhalb des direkten familiären Umfeldes auf Null gefahren sind. Null. Niemand. Nichts mehr  Alles  darüber Hinausgehende gilt als ´unnötig´. Damit  tu ich mich zugegeben schwer. Vorauseilender Gehorsam ist mir kaum gegeben. Immer hat es ein doppeltes und dreifaches ´Nein´ und eine gute Begründung gebraucht, damit ich folgen konnte. Und ´Einschränken´ ist nunmal nicht ´Streichen´. 

Das Gesundheitssystem muss die Erkrankungen auch verschaffen können. Das leuchtet ein. Es soll niemand mit einem ernsten Verlauf dieser oder einer anderen Krankheit auf Hilfe verzichten müssen, weil das System überlastet ist. Aber deshalb kann ich doch zum Beispiel die alten Eltern nicht auf Wochen und Monate hinaus ihrem Schicksal überlassen. Das wäre das Gegenteil von Zusammenhalt. 

Auch Isolation hat ihre Grenzen.

Ich habe  beim Gesundheitsamt angerufen. Die sagten nicht „Sie dürfen“, aber sie sahen die Problematik – und überlassen die Entscheidung mir. Immerhin. Und ich entscheide, ich gehe. Ich war nicht in einem Risikogebiet, habe keine Symptome, war nicht mit einem Menschen in Kontakt, der welche hatte oder gar positiv getestet  wurde, und wenn ich darüber hinaus ein paar hygienische goldene Regeln berücksichtige – dann kann ich – eingeschränkt – das auch tun.

´Systemrelevant´.  Ein Wort, bei dem ich ein komisches Gefühl bekomme., weil ich nichts als irrelevant einstufen will., und weil es viele Systeme gibt, die am Laufen gehalten werden wollen. Systemrelevant für unser gesellschaftliches, als Staat organisiertes Leben ist vieles. Nach den Eltern gucken empfinde ich als absolut systemrelevant.

Und mein Sohn würde sagen, Kinder treffen ist absolut systemrelevant, für sein System ist es das.

Zum Teil stellt uns die gesamtgesellschaftliche Quarantäne vor durchaus  auch vor willkommene Aufgaben. Kino ist zu, Freizeitpark ist zu, Schwimmbäder, Indoorspielplätze – alle diese Sachen, die regelmäßig gewünscht werden und ein Vermögen kosten, sind zu, und es ist nicht Mutters Schuld und Kleinlichkeit, sondern mit guten Gründen verordnet. So gesehen perfekt. Das Angebot wird bescheidener, und gleichzeitig vielfältiger, weil Tätigkeiten in Betracht kommen, die im sonstigen Angebot meist den Kürzeren zogen.

Oder homeschooling. Ein interessanter Versuch, vor allem mit dem Jungen, der alle Müssens, die mit der Schule üblicherweise zusammenhängen, verabscheut. Letzt geht´s ums reine Lernen und die Bereitschaft dazu. Ich bin gespannt, wie wir das hinbekommen.

Aber allzu lange können wir auf Kinderkontakte nicht verzichten. Eine Ausgangssperre gar wäre ein Horror. Und da fängt bei mir die Unsicherheit an. „Zwei bis drei Wochen“ „hieß es. Aber  abgesagt werden Veranstaltungen bis in den Sommer hinein, und wappnen tut man sich für eine Erkrankungswelle, deren Zenit noch lange nicht überschritten ist.  Wie lange soll diese Isolation denn anhalten?

Kinder, so habe ich gelesen, stecken sich eher bei Erwachsenen an als ihrerseits diese anzustecken, und eine Infektion überwinden sie in aller Regel leicht.

Ein großes Problem in diesem „Was darf man alles nicht“ und was überhaupt noch, ist ja, dass es so schwierig ist, sich testen zu lassen. Man wolle die Infizierten UND  gleichzeitig Gefährdeten weil Vorerkrankten oder Schwachen möglichst schnell herausfiltern – getestet wird nur, wer Symptome aufzeigt und auf irgendeine Weise risikobehaftet ist. Und das verstehe ich nun nicht.  So geschieht es doch gerade, dass viele infiziert sind, es nicht wissen, und andere anstecken, ohne dass einer einer Risikogruppe angehört hat. Von irgendwoher kommen die täglichen Infektionen, und ich schätze mal, aus dem ganz normalen Umfeld.  Wenn aber jeder rätseln muss – war mein Hüsteln und das Kratzen im Hals heute früh vielleicht ein Anzeichen, habe ich nur einen sehr schwachen Verlauf? Oder wie war das gestern mit meiner Müdigkeit und dem Kopfweh? –  dann kann man auch nicht vernünftig entscheiden, wie man sich verhalten soll, und es gehen Leute zur Arbeit, die das nicht sollten, und die andererseits aber auch nicht unkollegial sein wollen, und andere, wie eben Kinder oder Alte, werden in die völlige Isolation gezwungen, und ein Großteil des öffentliches Diskurses kommt zum Erliegen .

Es gibt diese Tests. Und sie sind bezahlbar. Das habe ich in der Welt gelesen, die ja nun als konservativ und seriös gilt. Die Tests würden nicht zuletzt wegen föderaler Unstimmigkeiten  ungeschickt verteilt bzw eben nicht verteilt. Keine Ahnung. Wenn das stimmt, plädiere ich in diesem Zusammenhang für eine Neuordnung!

Echt! Das mit diesen Tests, die nicht zu bekommen sind, ist sehr daneben.

Da liegt ist eine wunderbare, beeindruckende Entschlusskraft in dieser Zeit. Die finde ich großartig! Die würde ich mir in manch anderen Zeiten und Krisen auch wünschen, beim Umweltschutz etwa, beim Klimawandel und bei der Bekämpfung von Fluchtursachen. Kollektiv die Notbremse ziehen – Geht doch!

Und so beherzt, wie da jetzt entschieden und gehandelt wird – wenn man mit etwas mehr Ehrgeiz auch dafür sorgte, dass sich, wer unsicher ist, auch testen lassen kann, dann würde es das Ganze leichter verdaulich machen.  Sicherheit hilft zur Selbstverantwortung. Auch das empfinde ich als systemrelevant. Es soll ja eben  „nicht leichtfertig, und nur temporär“ auf die Lebensqualität gedrückt werden   – so waren Frau Merkels Worte. 

Ich vertraue den Bestimmenden durchaus. Ich bin sicher, sie wissen, was sie tun und haben gute Gründe. Manchmal verstehe ich nicht. Der Ablauf der Geschehnisse  und die Informationen verwirren mich bisweilen und werfen mehr Fragen auf als sie beantworten. Dabei gestehe ich zu, dass die Situation für alle neu ist und man auf nicht sehr viel Erfahrung zurückgreifen kann.  Und ich stelle zur Debatte und lasse mich aufklären. Aber erst einmal vertraue ich und halte es nicht mit Verschwörungstheorien. Lesen tu ich sie allerdings manchmal – schon wegen des Unterhaltungswertes:  die Pharmaindustrie war´s. Die wollen mehr Umsatz. Oder ein in China entwickelter, versehentlich entwichener Virus. Oder das war in Russland, oder in den USA, oder in Israel. Oder er ist eingeschleppt und angehängt – dazu eine Liste aller derer, die immer die Ersten sind, auf die man zeigt und die man ausgrenzt. Und – auch nicht ohne – die Finanzindustrie steckt dahinter: weil man nämlich ein neues Finanzsystem einführen will, und dazu müssen die Zentralbanken abgeschafft werden, und weil das nicht so mir nichts dir nichts geht, muss man einen Notstand ausrufen und das wird also jetzt eingetütet, und dann kommt ein crash, und ein neuer Goldstandart, und ein Schuldenschnitt, und mit dem kommt dann auch der Frieden überall.  Nur die EU wird noch zerschlagen und es wird zwangsgeimpft und jeder bekommt einen Chip. Aber dann ist alles wieder gut.

Uff. Da muss man auch erst drauf kommen.

(Ich habe das von jemandem, den ich ausgesprochen lieb habe, dessen Thesen ich gleichwohl mit allerhöchster Vorsicht genieße. Demnach wäre auch die Erde eine Scheibe. Also – bei aller Liebe…)

Ich stelle nur fest, dass keiner mehr über die zwischen der Türkei und Griechenland feststeckenden Flüchtlinge spricht. In diesen ganzen Krisengesprächen der EU-Spitzen war das offenbar nicht mehr Thema. Die Leute sind einfach immer noch dort. Und hier gilt die Parole „Abschotten“, und jeder findet es völlig in Ordnung und vernünftig und angebracht und richtig. „Vermeiden Sie unnötige Kontakte“ und „Grenzen zu“ – das macht Corona mit uns, und wir beschwören den Gemeinsinn und die Solidarität  und den Schutz unserer Lieben.

Und Ostern fällt aus und wenigstens nageln wir keinen ans Kreuz.

Ein Trost – Es wird ein Leben nach Corona geben.

Ich habe eine Freundin umarmt.  Ohne Küsschen, und auch nur ganz schnell und flüchtig  und mit nur homöopathischem Haut-an-Haut-Kontakt. Und heimlich, nach Blick links und Blick rechts. Wir WOLLTEN einfach. (Getrauen sich eigentlich Liebespaare noch einander zu küssen und so? Ich bin nicht betroffen, aber ich wüsste es gern). 

Eins steht fest, nach dem „Vermeiden Sie!“ muss was andres kommen. Vielleicht besteigt statt Frau Merkel Lena Meyer-Landrut den Ring, mit pinken, zum Turm auftoupierten Glitzerhaaren und verkündet trollsmässigen Knuddelalarm. Und die Glücksbärchis gehen Streife und überprüfen, dass er auch eingehalten wird. Muss ja keiner übertreiben. Make it, but make it safe.

Ich habe auch über die spanische Grippe gelesen. Die hat nach dem ersten Weltkrieg ein Mehrfaches an Toten gefordert als es sie in diesem gab, wo die Überlebensdauer an der Front im Schnitt 14 Tage betrug – dann musste der Nachschub anrollen. Das muss man sich mal vorstellen. Es war von bis zu 50 Millionen Toten weltweit die Rede. Das muss ein übler Virus gewesen sein, und er traf auf von vornherein dezimierte, erschöpfte, gequälte Bevölkerungen und darniederliegende Gesundheits – und Versorgungssysteme. Man wundert sich ja, dass es keine zwanzig Jahre später wieder genug Leute für einen neuerlichen Krieg gab. Die goldenen Zwanziger. Nicht nur in den schillernden Städten – anscheinend hat man es sich allerorten ein bisschen nett gemacht.

Nach der Pest, die die Bevölkerung glatt halbiert hat, erzählt eine Freundin, ist sie wiederum explodiert, und die Lebensfreude feierte neue Blüten. Damals – es hat wohl jemand als übertrieben empfunden – entstanden die Polizey –Ordnungen.

Nach Corona. Man darf gespannt sein. Ob bloß ein wenig geläutert und um eine Erfahrung reicher. Oder gechipt und geimpft und neu verstaatlicht und alle mit Nuggets in der Börse. Oder wir staunen wieder, weil gar nichts zusammengebrochen ist wie befürchtet, und weil man ganz neue Qualitäten entdeckt hat. Vielleicht wird auch einfach nur wieder mehr geküsst.

Gedanken zum und am 8. März

Bin ich also ein Gutmensch.

Manchmal lasse ich mich auf Facebook -Diskussionen ein. Meist vermeide ich es oder blockiere solche Posts.  Weil sie so ätzend sind und das Diskutieren darüber so müßig. Und weil es sich halt auch scheiße anfühlt. Manchmal mach ich´s. Weil ich etwas nicht so stehen lassen will und den Nerv übrig habe, meine Wohlfühlblase zu verlassen.

Diesmal war es eine Fotomontage,  eine auf den Betrachter zu fliehende Menschenmenge und darüber der Spruch, bald müsse man selbst flüchten.  Darunter zig Kommentare, bei denen einem übel werden konnte.  ´Wir´ und  ´die´. Die nichts schaffen wollten, die kriminell seien, und wir, die wir so fleißig seien, es verdient besser hätten, die wir nichts zu sagen hätten – dieser ganze Rotz. Mir dreht sich da der Magen rum, und ich will eigentlich bös werden. Aber das bringt auch nichts. Also deutlich, aber höflich gehaltene Kommentare und Richtigstellungen meinerseits. In dem Zusammenhang eben dann der ´Gutmensch´ und ob ich einen Teddy wollte.

Danke. Ich habe einen.

(Eben wollte ich ein Foto von diesem Kommentar  machen, so eine Art Auszug aus einem screenshot. Da war der ganze Post weg. Ich habe nachgefragt und erfahren, dass er auf Mahnung von Facebook entfernt wurde).

Also einmal ´wir´.

Wir haben in all diesen globalen Deals Vorteile auf unserer Seite und nutzen und genießen sie.  Wir  genießen Wohlstand und Frieden und eine Gesellschaft, die uns weitestgehend sein lässt was wir sein wollen. In Kriegen wird geraubt und vergewaltigt, und das systematisch,  das machen alle Kriegführenden so, und je länger jemand damit lebt oder aufwächst, je mehr lernt er das. Und wir produzieren fleißig die Waffen, mit denen anderswo Krieg geführt wird.  Wir machen Profit und halten den Wohlstand für verdient. Ja haben denn die, die da in Not sind, ihr Los ebenfalls verdient? Das unterstellen wir damit doch. Nein!  Und  wir drehen uns weg, wenn wir mit den Folgen  unserer Privilegien konfrontiert werden und bilden uns noch ein, was Bessres zu sein.

Das ist absolut ekelhaft.  

Und es sind nicht nur die krätzigen Rechten, die sich daran noch laben. Wir sehen alle zu wie Leute an der Grenze zur EU um ihr Leben ringen. Wir sehen zu und getrauen uns nicht das Richtige zu tun. Aus Angst vor den krätzigen Rechten. Oder aus Feigheit, weil wir Angst haben was zu verlieren.

Verlieren kann man immer was. That´s life. Deshalb müssen wir uns doch aber nicht vor Angst in die Hosen machen. Wir sind doch fleißig, und schlau! Außerdem haben wir im Überfluss und können abgeben, ohne dass irgendwer hier Not leiden müsste. Und wer sagt überhaupt, dass immer dieselben die Reichen sind? Oder die Mächtigen. Gibt es da ein göttliches Recht oder was?

Das ist rassistisch, wenigstens feudal. Wie dieser abgebrührte Kaiserenkel, der Besitztümer zurückfordert und Wohnrechte und ernsthaft denkt, das wäre ehrlich erworben und stünde ihm zu, als ´Enkel von´, einem wohlgemerkt, der am Drücker war, als ein ganzer Kontinent und eine ganze Generation dem Erdboden gleich gemacht wurde, und als Neffe von einem, der beim nächsten noch schlimmeren Kriegen und Treiben auch auf der Seite der Macht war. Dieser Enkel lässt sich noch als kaiserliche Hoheit anreden und will Schlösser zurück. Geht’s noch? Soll dankbar sein, dass es ihm noch so gut geht, dass es zu goldenen Wasserhähnen und diesem ganzen restlichen herrschaftlichen Luxus  reicht.

Solche Machtfülle und solcher Reichtum ist NIE ehrlich verdient. Kann es nicht sein. Es gibt keine Stundenlöhne, mit denen man es aus eigener Kraft zu Milliarden bringen. Das ist immer auch Ellbogen und Hartherzigkeit, und  die Rücken anderer. Und wenn man am Schreibtisch sitzt und Geld aus Geld macht, dann auch. All das ist Schläue, keine reale Leistung.

Schlau darf man sein, zweifellos. Das ist eine Gabe. Aber wer sagt, dass sie berechtigt alle anderen aufs Kreuz zu legen, Leute, die andere Talente haben?

Teilen. Einfach helfen.

Hier wird gefastet. Und bis in ein paar Wochen gedenkt man Kreuzigung und Auferstehung und so, für den, der für uns gestorben ist. So heißt´s. Ich will überhaupt nicht, dass wer für mich stirbt. Keiner, damals nicht und heute nicht.  Ich will meine Nächsten lieben und auch die weiter weg und überhaupt den ganzen Planeten. Jawohl, so ein Gutmensch bin ich. Weil – was ist denn das Gegenteil davon? Wie lautet das? Und ist das etwas, das man ernsthaft und guten Grundes wollen kann?

Ich sähe gerne, wenn Rottweil  zum sicheren Hafen würde. Ich bin sicher, wir hätten gewonnen. Weil man einfach das Richtige tut und nicht verkorkst das Egoistische verteidigt.

Einfach das Richtige tun. Weshalb tut man sich damit so schwer? Und weshalb mitunter gerade die, die Recht und Ordnung und Werte und all das so plakativ vor sich hertragen?

Frieden wollen heißt nicht nur, aber auch, bereit sein zu teilen.

Und zum internationalen Tag der Frauen

In Portugal ist der ganz klasse. Da ist Feiertag und der ganze weibliche Teil einer Familie, alle Generationen und Verwandtschaftsgrade, feiern miteinander.  

Ich war gestern mit den Freundinnen weg.

Wir haben einander Neuigkeiten erzählt und allerhand beratschlagt. Es ging unter anderem  um Frauen im Job, und Männer dazwischen, die streiten, und Frauen, die den Streit übernehmen und einander nicht beistehen. Und es ging darum, welche davon als Feministin gelten und weshalb. Es ging um die Frage „Was ist für uns Feminismus“.

Selbstbestimmung, klar. Und Gleichheit aller. Und Solidarität. Feminismus bedeutet, dass Frauen einander beistehen.

An der Grenze zu Griechenland sitzen auch Frauen fest, im Matsch, und Mädchen, und Mütter, die ihre Kinder auch in Frieden und Geborgenheit großziehen wollen, Frauen, die jetzt auf offenem Feld schlafen, zwischen Männern, die auch nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht.

Seien wir solidarisch. Helfen wir.

Wie die alt Fasnet, so kommt´s daher

Eine Woche seit Aschermittwoch. Die Kleidle sind noch nicht wieder alle beisammen, und das Leergut türmt sich im Trolley. Aber der Kopf ist wieder klar, die Füße haben Bodenhaftung, und das Fahrrad ist umdekoriert. Die Vorräte sind weitestgehend aufgebraucht. Und das ist freilich noch ein Problem – wie es aussieht, gibt es die nächsten Wochen keine Spaghetti und keine passierten Tomaten mehr zu kaufen, und Mehl ist auch Mangelware. Ich habe überhaupt keine Angst vor Corona und keinen Drang für Hamsterkäufe. Aber echt – die nächsten Nudeln und Tomatenkonserven, die ich entdecke, sind meine, und Mehl wird gekauft ob ich gerade backen will oder nicht. Hamsterkaufen ist ansteckend, ansteckender als Corona, wie´s scheint. Das habe ich auch nicht gewusst. Ich weiß wirklich nicht, ob diese Panik sein muss – sie kommt mir recht närrisch vor, ganz ohne Fasnet.

Schön war sie, die Fasnet; vollgestopft mit Eindrücken, und aufgewühlt und aufregend. So was muss ich sortieren. Das kann ich nicht einfach so stehen lassen. Zeit für einen ausgiebigen Rückblick.

Den Schmotzigen im Job begonnen, Donnerstag ist Kochtag auf der Wohngruppe. An diesem Tag mit Verkleidung und einer kleinen Rede.

Jedem Bewohner ein Verslein als Vorspeise. Dann gab es Selbstgekochtes.

…………

„Ihr liabe Leit, des gilt für mih wie für dih,…

lassets Verzweifla und feiret wie ih.

Die Fasnet in Rottweil, die sagt, worum´s goht,

fast jeder Dag hat sei schees, wenn mer´s nu loht.

Jedem zur Freud und niemand zum Leid, so heißt das Brevier.

Drum gibt´s heut Gulasch on Kiachle zu euerm Plaisir…“

Das mochten auch die Nichtschwaben.

Danach schnell heim und umgezogen. Der Lippenstift, der die Nase rot angemalt hatte, hat einen Ausschlag dahin gezaubert; die Nase war originalrot und geschwollen, und ich brauchte viel Creme und Schminke, um das zu übertünchen. Das sind so die Details, mit denen man nie rechnet. Schnell noch den Schminktopf in die Handtasche gepackt. Um zwei trafen sich die Cops zu Lagebesprechung, letzter Probe und zum Einsatz.  Ich watete durch ein Meer von Scherben und leeren Flaschen zum alten Kaufhaus.

Der Schmotzige abends in den Sälen und Wirtschaften – das ist schon ein rechtes Spektakel, im positiven Sinn, ein Stadtfest der besonderen Art.

So was kann mich schon mal erschlagen mit Eindrücken.

Jetzt kenne ich also beide Seiten. Die letzten Jahre war ich zusammen mit den geliebten ´Vielen Damen´ mal hier mal da im Publikum, mottogekleidet. Als schwarze Witwen waren wir nicht die liebreizendsten – das waren wir als Stewardessen – aber die attraktivsten, fand ich. Seit ich einmal als Putzfrau mit Piratinnen unterwegs war, achte ich auf stimmige Mottobekleidung. (Damals hat eine Freundin den Mann ihres Lebens kennengelernt, zum Heiraten jedenfalls hat´s gereicht).

Dies Umherziehen mit Gruppe war neu. Vor vielen vielen Jahren mal, da war ich als Lambada-Tänzerin im Backgrounddabei. Ich hatte mich damals mit tubenweise Selbstbräunungscreme eingeschmiert und habe noch lange nach der Fasnet ausgesehen wie gerade von den Malediven zurückgekehrt.

(Bei der Wiederholung solcher Cremegeschmiergeschichten innerhalb von zwei Absätzen fällt mir auf, dass ich über meinen Gebrauch von Kosmetika nachdenken sollte).

Polizistin war ich ebenfalls noch nie. Gefiel mir nicht schlecht. Und tatsächlich ist es ganz naheliegend, die uniformelle Autorität auszunutzen und frischfrommfrei reihum ein paar verbale Knöllchen zu verteilen.

In jeder Lokalität war´s anders, jede hatte ihre ganz eigene Stimmung, in jeder wurde an anderer Stelle gelacht, frei, bedenklich, mit schmalen Lippen, oder auch mal gar nicht, und Verse, denen ich das gar nicht zugetraut hätte, erweckten mitunter ein Raunen. Eine ganze Stadt an- und besingen und ihr zusammen gedichtete Verse entgegen schmettern, ´vegan und spaßfrei´, und im Zweifel völlig losgelöst von der Realität, das ist schon ein mega Spaß.

After hour im Schwarzen Lamm. Ich war so voll Eindrücken, dass nichts mehr hineinpasste und es noch nicht mal für smalltalk reichte. Canale grande ohne Betrunkensein. Beim Tanzen ist man aufgeräumt. Bis auch dazu die Energie fehlt. Dann kann man sich festhalten am Tresen, und damit ist man nie allein. Immer gibt es wen, der oder die sich noch mehr festhalten muss, aus ganz eigenen Gründen. So ziehen Stunden dahin, mit Tanzen und Festhalten, und Gesprächen, an die sich eine Stunde später keiner mehr erinnert, und einer Pause auf dem Sofa. Bis zum Frühstück im Café Herz, wo sich die ganze Einsatztruppe sammelte bei Kaffee und Brezeln. Lagebesprechung. Manche gingen heim, andere auf ein letztes Glas Homebrewn zurück ins Lamm. Ich auch. Tresenhanging, das aber ziemlich souverän. Hinter uns zog unentwegt  ein Typ durch mit einer Art Bauchladen-Mischpult und ließ in Dauerschleife Demis Roussos laufen, „Good bye my love good bye“. Um diese Stunde nimmt man so was ungerührt zur Kenntnis.

Um zehn war ich daheim, schlief etwas, und verbrachte den Nachmittag dann zusammen mit dem Kater, (das Felltier auf vier Pfoten), am offenen Wohnzimmerfenster, von der Sonne beschienen, von Vögeln bezwitschert, und von Trompeten beschallt, die vom Narrenmarsch nur jeden dritten Ton fanden.  Im Laufe des frühen Abends mehrten sich Nachrichten, wonach ein Copkollege von der Familie als vermisst gemeldet wurde. Zuletzt gesehen worden war er nachmittags im Lamm. Anderntags meldete er sich wohlbehalten zurück zum Dienst; er habe bis in die Nacht hinein im Russ versucht den Bären einzufangen, der da los war, und dabei leider seine Muttersprache verloren. Es freute mich sehr zu erfahren, dass sie mittlerweile wieder aufgetaucht war.

Am Samstag mussten alle Vorbereitungen zugleich geschehen, die Bajasse bügeln, Kleidle holen und richten, mehr Süßis kaufen und Gulasch kochen, den Bollerwagen schmücken, das Gästebett richten. Ich war froh um Hilfe. Man kennt sich aus Kindertagen, schon die Eltern haben zusammen gefeiert, sein Opa hat Mutters Schantle genäht. Ein Mann, der bügeln kann und gute Suppen zu schätzen weiß. So ergab es sich ganz im Fluß, dass man von dieser Fasnet viel miteinander verbringen würde. Als Schneiderenkel hatte er ein paar gute Tricks auf Lager, wie die letzten Federn geschwind an den Hannes kamen, und so war am Abend tatsächlich alles fertig, und ich lud ein auf ein Feierabendschorle in einem Besen seiner Wahl; wir gingen zu den Suppen. Es kann kein Zufall sein, dass ausgerechnet dahin auch die Nudeln kamen – eine Gruppe junger Frauen, verkleidet als Nudeln – Farfalle – überdimensional aus Moosgummi geformt  und umgehängt. Ich sprach sie an und bewunderte auch den Kopfschmuck – Pesto bei der einen, Tomate bei der anderen, und ich stelle mir frutti di mare vor und spinaci-mozzarella. Großartig.

Sonntag früh die Kinder geholt. Zum Bajassumzug ging auch der Opa nochmal mit. Das macht er wie ein Junger, echt cool. Man traf sich zum Schminken bei uns, einer konnte aus familiären Gründen nicht mit, also wurden spontan Bajasse getauscht, außerdem suchten Halskrausen ihren Besitzer und Wedel ihren Duft. Wem welches Sektglas gehört war schnell unerheblich. Ein Foto, dann endlich vor zum Tor.

Bajassnarren ist ein bisschen wie Tanzen, so leicht und beschwingt. Der Sultan in unserer Runde verwies darauf, ein Sultan müsse großzügig sein, und so waren seine zwei Flaschen ´Geist des Ostens´ bereits am Spital unten leer und er kehrte heim in seinen Palast. Wir Bajasse bemühten uns, es an Großzügigkeit ebenfalls nicht fehlen zu lassen und verteilten Clownweiß und Bonbons in alle Richtungen. es ist wie tanzen, und es macht genauso müde. Am Friedrichsplatz Pommes zur Stärkung, kurzes Sitzen am Bordstein, und dann eine sterneverdächtige Suppe in einer privaten Narrenstube.

Und dann geht´s Schlag auf Schlag. Ein Mal kurz die Augen zugemacht und schon ist´s Montagmorgen acht Uhr.

Narren ist immer anders. Immer neu.

Ich weiß jetzt einen guten Grund, weshalb es miiindestens genau so schön ist, Fremden aufzusagen: sie lachen bei der Pointe genauso, und sie haben niemanden zum Erkennen. Jedes Mal denke ich „SO erkennt mich aber keiner!“ Mistbimbam. Einer schafft es halt doch immer. Wenn nicht mehr. Die Dunkelziffer ist da nicht abzuschätzen.

Ein Besuch bei der Narrenmutter. Dann war erstmal gut. Runter mit allem und in Zivil als Sheriff, Prinzessin und Zigeunerin in die obere Hauptstrasse. Bei solchem Wetter ist das ein wunderbares Fest. Die Kinder lieben das Umherstromern und Singen. Trotzdem war da eine neue Scheu, die meine Unterstützung verlangte. Oder war´s nur das Bedürfnis nach Mamanähe. Egal. ´Narro kugelrund´ verlernt man ja nicht. Eine Gruppe Narren baute  sich vor uns auf wie die Jury bei ´Voice of Germany´ und hat uns richtig schaffen lassen, nochmal von vorne und noch lauter, und nochmal und noch mehr, und wenn so ein halbes Dutzend Narrenwürste es verlangt – was will man tun – wir gaben alles. Das waren hart verdiente Guzle. Wir sangen vor schönen Uralten, die aussahen, als hätten sie schon im Kaiserreich schnupfen lassen, und vor ganz kleinen, die grad so den Korb halten konnten, und so gekonnt singen ließen und die Hand hoben, dass es ans Herz rührte. Die Kinder trafen einen alten Freund in Uniform und waren davon so begeistert, dass sie hernach auch ohne mich mit Inbrunst loszogen. Der Bettelnarr war unterwegs, und meine kleine Tochter gab ihm von ihrer Beute ab. Und das gefiel ihr so gut, dass sie fortan sang und verteilte und singen ließ und verteilte, und alles mischte, eine kleine Prinzessin war, die sich bewegte wie ein Narrole und singen ließ und mitsang und Bonbons schenkte.

Abends eine kleine Runde im Esszimmer zu ein paar immer wieder letzten Gläsern, Fasnet ohne Trubel und ein spontanes Vesper, das die Tochter brachte, weil sie eh Hilfe brauchte mit der Salami. Ein Blick aus dem Fenster. Die Stadtmusikanten spielten auf. In der Strasse wurde geschunkelt und getanzt. Und bei uns wurden wieder Kleidle hin und her gekarrt. Neuer Tag, neue Narren.

Den Dienstag ließen wir geruhsamer angehen und kamen erst spät an den Friedrichsplatz. Es war kalt und klamm, aber Singen geht immer – so wird schnell der Beutel voll. Im Kinderbesen dann family affairs,  die Kinder spielten in der Ecke und waren zufrieden mit Waffeln und Apfelschorle, bei den Großen wurde ein Faß aufgemacht ´was läuft wie und wieso und wie ginge es besser. Und  wer sagt hü und wer hott´.  

Ich stieg aus. „Das kann ich nicht“. Das stimmte. Völlig überfordert. Das war too much, auf jeden Fall für diesen Tag.

Zum Mittag sollten Oma und Opa zum Gulaschessen kommen, aber dann kam der Opa alleine, die Oma habe nicht gewollt. Waaas? Kann nicht sein!

Sie weiß das allererste Narren noch und wem sie was aufgesagt hat. Das ist vierzig Jahre her. Dass jedes Jahr Fasnet ist und sie, solange es noch geht, dazu will, vergisst sie dagegen leicht. Aber ich weiß, wie ich sie an dieser Stelle kitzeln kann.

Als ich dort ins Haus ging und rief „Taxi! Die Spätzle sind schon im Wasser und der Sekt ist kalt gestellt, der Sprung fängt bald an“ stand sie auf und hatte schon die Schuhe an. In dem Alter fahren die Kräfte mitunter Achterbahn, kommen und verschwinden wie es ihnen gerade einfällt, aber man kann sie auch am Wickel packen und ihnen ein Schnippchen schlagen.

Sie kam mit, überzeugt davon, nie etwas anderes im Sinn gehabt zu haben, aß mit Appetit und sah dann den Sprung von einem Fenster am Friedrichsplatz aus. Sie setzte sich auch mal, dachte zurück und vergoß eine Träne, aber sie fing sich wieder und stand auf und kam ans Fenster.

Bajasse warfen Bonbons hoch und machten Zielübungen, da musste der Große runter und es ihnen nachtun, und bald flogen uns die Bonbons nur so um die Ohren. Er fragte nach einer kurzen, ruhigen Runde über den Bockshof, der zum Rüberspucken nah war, Dort war der Narrensprung ein fernes Klingen, und wir sortieren die Lage und träumen uns in Häuser. Wir kamen gerade rechtzeitig zum Abschluss zurück und sahen von oben wie von einer Tribüne  die Kapellen noch einmal gemeinsam aufspielen. Schön war das.

Dann brachte ich die Eltern nach Haus und die Kinder nach Hausen zum Spaghettikehraus im Adler, kam zum letzten, verregneten Narrenmarsch zurück ans Rathaus und verfolgte später, wie die Rössle heim getrieben werden. Das war toll. Das war mir neu, wie mir überhaupt dies ganze Rössletreiben bislang recht verborgen geblieben war. Später landeten wir wieder im Nudel-Suppen-Besen. Da war ich baff. So muss es am Ballermann sein. Die Texte sind nicht zum Wiedergeben. Ich klebte am Tresen und war einigermaßen erschüttert. Ein Gefühl wie bei Gerhard Polt in ´Kehraus´ erfüllte mich. Ich war durchaus nicht blau, kein bisschen, aber viel zu belämmert, um die ganze Dimension dieses Dramas zu erfassen. Das ganze Elend des Daseins johlte sich mir freudetrunken ins Hirn. Krass. Megakrass. Nach einem Schorle hatte ich genug.

Ein letztes letztes Glas in der Kanne. Das Gespräch war müde. Am Fenster ein paar ältere Herren im Bauernkittel, die einander frauenfeindliche Witze erzählten. Und ich wäre  gerne treffsicherer Oberndorfer Schantle gewesen mit einem Korb voll saftiger Orangen.

Ich ging aufs Klo, und obwohl nicht zum ersten Mal in diesem Haus fand ich es nicht. Ein freundlicher Küchenmitarbeiter, oder der Koch, ich weiß es nicht, wies mir den Weg. Auf dem Rückweg machte ich mich bemerkbar, „zahlen bitte!“; man war schon am Aufräumen.

Der Heimweg war zum Glück überschaubar. Ich fiel in den Sessel und bewegte mich lange nicht mehr. Geschafft.

Jetzt geht’s wieder.