Mitbringsel

Ich sitze im Zug, auf dem Weg zu einem Verwandtschaftstreffen und denke, dies ist ein adäquater Ort den begonnenen Text endlich zu Ende zu bringen. Es ist noch nicht lange her, als wir so in den Urlaub reisten, 15 Stunden diagonal durch die Republik. Ich war begeistert wie die Kinder das wegsteckten. Zugfahren ist toll, jede Fahrt eine Reise, auch jetzt eben fühle ich mich verreisend.

Die Koffer standen bis vor drei Tagen noch teils unausgepackt in der Diele, der Esstisch war begraben unter einzupackendem Zeug für die Schultüte, und in der Küche türmten sich die Einkäufe  fürs Einschulungsfest. Von der Reise gerade erst zurückgekommen, ging’s holterdipolter in Schule und Alltag. Ziemlich abrupt, und das, wo ich mir gerade täglich neu vornehme, weniger in den Plan zu packen und jedem Tag ´freie´ Stunden zu lassen. Multitasking und der Drang nach Effizienzsteigerung stressen, das geht mir auf Dauer ans Gemüt. Eigentlich freuen wir uns auf den Schulstart, aber wir waren gefühlt so lange und so weit fort, dass uns das bloße Heimkommen erstmal schon Aufregung genug war. Dabei waren es gerade mal zwei Wochen, eine auf Rügen, eine in Berlin.  Ich hatte die Reise noch gar nicht richtig abgeschlossen – schriftlich, was bei mir der Knopf drunter ist, der Punkt am Ende, mit dem es dann auch gut ist. Und jetzt bin ich schon an der Retrospektive – „was bleibt“.

Wenig Bilder jedenfalls – uns wurde der Rucksack geklaut mit Kamera, Handy, Geldbeutel, Brille, Schal, Schmusetuch, allem. Das drückte kurz heftig auf die Laune, aber wir haben´s überstanden wie andere Widrigkeiten auch. „Das ist jetzt so“, war ein Satz, den der Sohn häufig gesagt hat, er, der bis vor kurzem Abweichungen von seinen ureigenen Vorstellungen nur schwer ertragen hatte.  Der geklaute Rucksack, der Ärger, dass der Gewinn des Einen dabei in einem so miesen Verhältnis steht zum Verlust des Anderen, Heimweh, Ängste, Mucken und Übellaunigkeiten, Regenwetter – egal –  wir  waren ein klasse Team; wir haben immer gute Wege gefunden und aus jedem Tag einen schönen gemacht. Wenn wir das behielten, das wäre ein großartiges Mitbringsel.

Alle Urlaubsbilder weg, nur noch ein paar per whatsapp verschickte zurückerhalten. das ist mir das Ärgste.

(Das obige Foto hatte ich auf instagram geladen. Weil unsere Unterkunft an der Südküste war, die schönen Seebäder aber an der Ostküste sind, fuhren wir öfter mit dem Rasenden Roland, einer alten Dampflok, dahin, bepackt unter anderem mit Sandelsieb und dem Wedel aus dem hauseigenen Garten, die beide im Grunde nur hin und her geschleppt wurden, damit sie auch mit dabei waren).

Vielleicht ist es ja ganz gut, das Bedürfnis, immer alles fotografisch festhalten zu wollen mal beiseite zu schieben. Ich glaube, ich habe sowieso viel zu oft den Finger am Auslöser. Wir haben viele Ratschläge erhalten, wie wir mit dem Diebstahl umgehen sollen, unter anderem eben diesen – es als Anregung nehmen. Ich gebe zu, manche Tipps haben mich genervt. Heieiei – wie man mit Übel, das ins Leben platzt, umgeht, diese Tricks und Kniffs kenne ich zur Genüge. Deshalb gibt es doch aber trotzdem ein Bedürfnis, und ein Recht, auch mal wütend und stinkig zu sein und Zeter und Mordio zu schreien. Soll ich vom ersten Moment an dankbar sein, „Danke guter Dieb, dass du uns diese Erfahrung beschert hast?“ Ppff.

Ich habe ihn gesehen; wir waren auf dem Flugfeld Tempelhof und haben – es war windig und kühl und kaum einer war da – auf einem Mountainbiketrail Fangen und Verstecken gespielt und währenddessen den Rucksack in eine der vielen Mulden gestellt; man kam ja im Spiel immer wieder daran vorbei. Ja, und dann war da dieser junge, gestriegelte Markenklamottenschnösel mit Miet-E-scooter und verschlagenem Gesichtsausdruck – und dann war der Rucksack weg. Blöder A….! Und überhaupt diese Miet-E-Scooter – die fördern assiges Verhalten! Sie werden – so hat mir eine Frau, die fürs Müllsammeln zuständig ist – anscheinend nicht selten als ´Fluchtfahrzeug´ benutzt. Die Frau fand den leeren Geldbeutel mit Ausweis und Führerschein drin und ließ ihn uns zukommen, samt Sammel-Ottifanten, was ich ganz bezaubernd fand. Solche Kontakte können mit der Welt versöhnen. Dankeschön! Überall in der Stadt sausen diese Mietscooter alles aufscheuchend an einem vorbei und stehen dann mitten im Weg rum, nicht einen Zentimeter zur Seite gerückt, Frauen mit Doppelkinderwagen drücken sich seitlich dran vorbei und alte Leute mit Einkaufstrolley ziehen Bögen. Und so kleine Mistgestalten mieten sie, klauen Handtaschen, die man ausgeräumt auch überall liegen sieht, wenn man dann mal drauf achtet, und zischen flink und flott ab und bezahlen mit dem Diebesgut gleich die nächste Tour. Und das soll man nicht Oberkacke finden dürfen?

Und dann ist da noch Felicitas, genannt Fee, ein elfjähriges Mädchen, das wir an der Megarutsche im Görlitzer Park kennengelernt haben, mit dem die Kinder einen solchen Spaß hatten, dass keines nach Hause wollte und wir erst in der anbrechenden Dunkelheit so weit es ging zusammen den Rückweg antraten. „Seid ihr schon mal gemobbt worden?“ hatte Fee, noch an der Rutsche, ganz unvermittelt gefragt. „Was ist das – mobben?“ wollte meine Tochter wissen. Klärende Gespräche und Erzählungen. Die Familie war gerade erst aus dem Umland nach Berlin hinein gezogen. Am Schluss Telefonnummern getauscht, man wollte sich nochmal treffen, zwei Tage darauf würde Fee zwölf, ich hatte schon über ein kleines Geschenk nachgedacht. Und auch daran trägt dieser blöde Dieb Schuld – dass irgendwo in Berlin ein Mädchen ist, das sich vielleicht wundert und traurig ist, weil nach dem so netten Kontakt so rein gar nichts mehr kam. Ich bleibe dabei – der Blitz soll ihn beim Scheißen treffen.

Wir fuhren schwarz und ohne Maske zurück in unser Kurzzuhause bei einer Freundin, haben uns erst gegrämt, dann besonnen, einen lustigen Film geguckt, uns Geld geliehen, (und zurückgezahlt), sind ins nächste Spaßbad gefahren und außerdem shoppen gegangen. Das erste Mal im Leben im H&M und mit übervoll beladenen Armen vor der Anprobe gestanden. Der Batmananzug ist eigentlich zu klein, zwei Nummern größer wäre besser. Aber die Schaumstoffpolster sind beeindruckend, damit hat der Bub Muckis wie Arnold Schwarzenegger. Wir haben den Kauf nicht bereut, der Anzug blieb gleich an. „Hast du das schon mal gemacht, bist du schon mal mit Batman durch Berlin gelaufen?“, fragt der Sohn. Nein, noch nie. Aber es fühlte sich klasse an, mit Batman im thailändischen Imbiss, im Bus, beim abendlichen Spaziergang, beim Wettrennen. Er fühlte sich unbesiegbar und die Tochter war beruhigt – was soll mit Batman an der Seite schon passieren.

Aber auch das haben wir erfahren – hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Nicht mal mit Batman im Team. „Man muss schon selbst auch vorsichtig sein und mitdenken“ mahne ich meine Tochter, die das als Zumutung empfindet. Da war der Finger schon so tief in die Getränkedose gesteckt, dass er nicht mehr herauszubekommen war, vielmehr schließlich nur unter Inkaufnahme eines Schnittes in der Haut. Schuldfragen – wer hat das zu verantworten – sie?, der Finger?, ich? die Dose? Fragen über Fragen. „Weshalb muss es das überhaupt geben, so scharfe Sachen, an denen man sich wehtun kann?“ klagte sie. Naja, Dosen braucht es oder braucht es nicht, prinzipiell kann man auch aus was anderem trinken, aber selbst ohne Dose – mit Scharf, Spitz, Heiß, usw muss man umzugehen lernen, wie mit vielen anderen Gefahren und Risiken auch.  Wenigstens ist der Finger schnell verheilt. Nicht auszudenken, was gewesen wäre, wenn die Wunde am Baden gehindert hätte. Baden! Meer! Der Sehnsuchtsort, der uns so weit hatte reisen lassen –

Wir haben erfahren, dass die Quallen in der Ostsee harmlos sind und sich anfühlen wie Glibber, und außerdem, was das rote oder pinke Kleeblatt in deren Kuppel ist – „der Magen“, wie der Sohn des Hauses, in dem wir wohnten, erklärte, ein sechs Jahre junger Mensch, der Wert darauf legt, nicht als ´klein´ zu gelten. (Er hat mich öfter verblüfft.)  Das ´grüne Zimmer im bunten Haus´, das selbst durchaus nicht riesig ist, war unseres, und bunt war es da – noch Tage nach der Ankunft entdeckten wir Türen zu verborgenen Wohneinheiten; wie in Hogwarts fanden sich unter Treppen und hinter Verschlägen urplötzlich neue Welten, und begegneten wir Leuten, die auch da wohnten – Reisende, Ölbohrer, Berufstaucher, Grafiker, Retterinnen, Musiker, bastelnde Händlerinnen, Schüler, und solche, die das gerade nicht sind; allerhand Leben zwischen den Mauern, und eins so unkonventionell wie´s andere.

Und was dem einen ein Müssen ist, ist dem anderen bloße Option. Man kann sich mehr aussuchen, als man meinen möchte. Freilich hat alles seinen Preis, aber welchen man bezahlt, bestimmt man mitunter selbst. Das Thema ging mir durchaus nahe. ´Schule´, erkenne ich an, ist ein Müssen, mit dem ich mich bewusst arrangiere, was ich auch meinen Kindern abverlange. Wir haben Leute getroffen, die das anders angehen, und das mit sehr sympathischen Herangehensweisen.

Ich entdecke, dass ich anders erkläre. „Alles hat zwei Seiten“ sage ich – ich weiß nicht – alles – jedenfalls alles, das ich kenne, und zumindest, soweit ich es im Moment erfassen kann. Keine Reise ohne Heimweh, kein Anfang ohne Ende, keine Begegnung ohne Abschied, keine Wunde ohne Trost, kein Frust ohne Freude,…,  so und andersherum. Und auch kein Urlaub ohne Alltag. So ist das ´in unserer Welt´, ein Satz, den ich vor allem in Berlin öfter gehört habe in dieser oder abgewandelter Form. So gibt es da zum Beispiel eine Welt, in der die Butterdose unbedingt! für mich verkehrt herum benutzt wird, das heißt, die Butter sitzt auf der Unterseite des Bodenteils, während ich sie in die Vertiefung setze, was im unbenutzten Zustand den Deckel satter sitzen lässt. Dann aber, erklärt mir die Herrin dieser anderen Welt, muss man das Messer schräger ansetzen und kann nicht waagrecht abschneiden. Okay. Mir auch egal. Und so adrett ich diese Idee eigentlich finde, dass jeder sich so ein bisschen seine eigene Welt bastelt, so seltsam mutet es mich an. Derzeit wäre mir lieber, es würde uns vermehrt bewusst, dass es doch eine einzige, gemeinsame ist, auf die wir achtgeben und die wir teilen sollen.

´In unserer Welt´ also gibt es Urlaub und Alltag, und das Eine ist vom Andern ziemlich strikt getrennt. Das geht auch anders, das weiß ich wohl, und auf dieser Reise, bei der die Wohnmobile vor dem Haus standen und täglich grüßten, bin ich ihm wieder begegnet, diesem ´anders´, und es sprang mich wieder an und schlüpfte unter die Haut und kitzelte. Vielleicht fallen besagte Grenzen auch im ´anders´  nicht unbedingt weg – ich bin über die Jahrzehnte sehr unterschiedlichen Gestaltungen begegnet – aber sie verschieben sich und fühlen sich weit durchlässiger an.

Nein. Bei uns würde es so nicht passen, und ich könnt´s auch nicht, nicht als Familie. „Learning by doing“ gilt für jedes Leben – wir wollen lernen, mit Müssens wie Schule und der Unterscheidung ´Fest- und Alltag´ klarzukommen. Die, bei denen es mich so anspringt, die, bei denen mir die Aufhebung des Gegensatzes so gefällt, die haben alle eine andere Konstante, eine feste – die ich nicht habe. Und ich mag unseren Alltag auch, ich habe ihn gern, und das selbst dann, wenn ich jetzt, und zukünftig mehr, verzichten muss. Das ist ein bisschen wie mit dem Multitasking – ´eins nach dem anderen´ fällt mir leichter. Vielleicht ist das die schwäbische Kleinstadt, die drin steckt, und das Beamtenkind, das eine saubere Einteilung mag. Erst das Eine, dann das Andere, und immer wissen, woran ich gerade bin und was ich tue. Sonst kommt´s durcheinander und wird konfus und ich will zuviel zugleich und verzettle mich. Und ich will, da ich mir ja nun vornehme, den Tag weniger zu verplanen, dem Alltag ja ohnehin auch mehr ´Frei-Momente´ lassen – das geht sicher, und dann passt das wieder. Das mag alles etwas kindisch anmuten. Aber warum nicht. Auch darauf stieß ich täglich – Kinder sind mitunter verblüffend schlau und haben erwachsene Erkenntnisse auf Lager. So traf ich ein Kind, das keine Schulbank drückt, obwohl in dem Alter dafür – jung, nicht klein – das mir bis dahin Unbekanntes erzählte über Länder, in denen ich selbst schon war und das mich beim Qwirkle – ein großartiges, durchaus logisch anspruchsvolles Gesellschaftsspiel – über Stunden hochkonzentriert und immer wieder satt abzog. Ich habe tatsächlich keine Ahnung, was für so ein Kind in der Schule spannend sein könnte.

Und meine eigenen Kinder klärten mich auf über die Zusammenhänge zwischen Arm und Reich.

Von Rügen nach Berlin. Hipster in Altbauwohnungen, die unter-unter-unter- vermietet werden, und kleine Hochbeete in Hinterhöfen, die von einer Familie gepflegt und von allen geerntet werden. Berlin ist super kinderfreundlich. Mitten in der Alltagswoche werden in Parks Kinderfeste gefeiert, und man kann Tage mit Spielplatzhopping verbringen. Und überall finden sich Wagenburgen und Zirkuszelte und allerhand Wohnen und Treiben in irgendwelchen ausrangierten Bauten – überall sprüht es vor Ideen.

Bloß – „Berlin ist so voller Menschen“ – der Sohn vermisste das Alleinsein. (Deshalb der Trip zum stillgelegten Flughafen). Gefallen hat es ihm, aber noch während der Reise fanden wir, dass unsere schwäbische Kleinstadt ja doch ein ganz guter Ort zum Leben ist.

Wir haben, in diskretem Abstand, ´arm´ gespielt. In Berlin ist längst Herbst, die Bäume dort verfärbten sich bereits, und Wiesen und Gehwege waren voller Kastanien. Und wir im Sommerurlaub – das fühlte sich seltsam an. Am Kanal durch Treptow hatten am gegenüberliegenden Ufer unter Planen und gelbwerdenden Trauerweiden Leute ihr Lager aufgeschlagen. „Was machen die da?“ wollten die Kinder wissen. „´Weiß nicht, ich schätze – Wohnen“, sagte ich, und erklärte, dass es Leute gibt, die keine Wohnung mehr bekämen und aus jedem tragenden System fielen. Ich will mir selbst gar nicht vorstellen, wie das für sie im nahenden Winter wird. Die Kinder wollten ´arm´ spielen, und ich sollte die Reiche sein, und böse!, auf jeden Fall böse. Das verlangte die Dramaturgie, gut gegen böse, arm gegen reich. Ich hätte meine , Rolle gerne anders angelegt  – „sonst kann ich mich selbst nicht leiden“, sagte ich – aber ich habe trotzdem mitgespielt und bin sie herb angegangen, von wegen wie sie aussehen und hausen und was sie da treiben und weshalb sie nicht ordentlich wie andere auch…, diese Tour halt, und habe sie angemotzt und ihnen Platz und Sachen streitig gemacht, und ich konnte mich nicht leiden und war gleichzeitig entzückt, wie gut sie sich wehrten und argumentieren, und wie gut sie erfassten, dass ich, die Reiche, mitschuld war an ihrer Lage und es gemein von mir war, sie so anzugehen. Manche Zusammenhänge verstehen sie ganz gut. Hatte mich erst geschämt und war dann doch stolz.

Ein Rezept für Tomatenbutter habe ich mitgebracht, das unserer Einschulungsfeier zugutekam und ausserdem gesehen, wie schön grüne Wände sein können, und dass ausgediente Schubladen sich hervorragend als Bilderrahmen eignen. Wir wissen jetzt, dass ´cool´ nicht eine große Klappe ist, derweil man sich weigert, das Butterbrot selbst zu schmieren, sondern seine Schwester in Seenot zu retten. Wir wissen neuerdings, dass die Tochter ganz tadellos Fahrrad fahren kann und die Vorstellung, dass Zeit gleichmäßig vergeht, ein ziemlich verrückter Irrglaube ist. In der Überfüllung ist Zeit immer zu wenig. Mit etwas Muse aber kann ein Tag kurz oder lang sein und eine Woche weg wie nix oder nahezu ewig. Und dabei ist es durchaus nicht so, dass das Unangenehme immer länger dauert. Ganz im Gegenteil, diese Reise war soo lang und soo weit – Welten lagen darin und Erkenntnisse aus und für viele Leben.

Corona. Wir hatten gefühlt eine Pause, aber mitgereist ist es, Corona mischt überall mit. Und zurück sind wir gesund, nicht infiziert, aber ärmer, und auch nicht unbedingt ausgeruht, aber um viele Erfahrungen reicher, und um ein Batmankostüm, einen Glitzerrock, einen Paillettenpulli, Porzellanquallen von der Bastelfrau, einer Bluse aus dem ´Zu Verschenken-Schrank´ in Neukölln,…. Schön war´s.

Und auch ´DIE Demo´ ist verarbeitet, die ebenfalls mitgefahren war.

Hier folgt in Kürze der Link zum Blogbeitrag.

Summerfeeling 2020

„Wann, wenn nicht jetzt“

…….. sagt Arbeitsminister Heil, sollen die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie verbessert werden. Die Fleischindustrie selbst ist natürlich dagegen und prophezeit einen Preisanstieg von bis zu zwanzig Prozent. (Ich hätte gar nichts dagegen). Mit Summerfeeling hat das freilich nichts zu tun. Aber dies Jahr fühlt sich alles anders an als sonst, sogar der Sommer.

´Fleischindustrie´. Ich mag schon das Wort nicht. Es wird schließlich nicht Kunststoff hergestellt oder Zement gebrannt.  Da geht es um lebende Wesen und um deren Lebens – und Sterbensbedingungen. Natürlich müssen die Arbeitsbedingungen der Leute, die das  mittragen, auch verbessert werden. Erfährt man selbst keinen Respekt, geht man mit denen, mit welchen man zu tun hat, entsprechend mies um. Ich schätze, ein Tier erfährt die schlechte Laune des Schlachters mit seinen letzten Atemzügen. Schlecht leben, elend sterben und für einen despektierlichen Preis an der Theke verhökert werden – das ist dann die Würdelosigkeit, die wir uns wiederum reinstopfen.

Wann, wenn nicht jetzt… Aber ich habe keinen Kopf mehr für das Thema.

Wie ich auch keinen Kopf mehr habe für den Plastikmüll – auch ein Text, der angefangen und in Zetteln rumliegt, zusammen mit etlichen anderen Themen. Ich habe eine Reportage gesehen, eine andere als letztes Mal, als das Thema mich schon mal umtrieb – aber wieder  war darin ´mein´ Frühlingsquark am malaysischen Strand, und außerdem gezeigt wurde eine Demonstration, wieviel Mikroplastik in zB Peelings steckt, eine satte Messerspitze spüle ich jedes Mal in den Abguss, und was Weichmacher mit uns machen, (zB zeugungsunfähig, was mann ja nun nicht unbedingt will). Im Jahr 2050 werden in den Ozeanen mehr Kunststoffteile sein als organisches Material. Das ist so schrecklich wie unvorstellbar. Wir werfen´s auf die Deponie oder verschippern nach irgendwohin und nennen´s recycelt. Weil eine Zahl dann in diese Rubrik der Statistik darf. Das ist „außen hui, innen pfui“ – bloßer schöner Schein. Ich sortiere falsch, weiß ich jetzt. Ich muss Deckel und Gefäß voneinander trennen und die Stoffe so in den gelben Sack stecken, dass sie maschinell oder mit einfachen Handgriffen sortiert werden können. Oder am besten gar kein Plastik mehr kaufen. Ich bin zurück am Kistenschleppen,  Quark, habe ich entdeckt, gibt es auch in Pfandgläsern, und die neuen Vesperdosen für die Kinder sind aus Metall, es wird offen gekauft, was es autounabhängig offen gibt, und was Reinigungs – und Hygieneartikel betrifft, mache ich mich nochmal schlau, was sich wie umweltschonend gestalten lässt. Ich kann auch nicht ewig aufschieben –

Das tue ich genug, und bisweilen purzelt´s dann übereinander. Im Moment ist der Kopf so voll, dass die Koffer mehrfach umgepackt werden, als hätte das eine direkt mit dem andern zu tun. Ein bisschen geht es mir wie Candide, der stets sicher war, in der besten aller Welten zu leben und immer wieder mit der Nase darauf stieß, dass dem nicht so war. Ich neige dazu, die Worte und Vorhaben der Politik mit ihrem Handeln gleichzusetzen und anzunehmen, dass es für alle Abläufe, um die es geht, die betreffenden Regeln gibt. Um später festzustellen, dass es wieder bloß eine Idee war, oft noch nicht mal um eine einzuschlagende Richtung. Nichts verändert sich, und nichts darf sich verändern, weil sofort irgendwer aufschreit, grade sowieso, wo jeder der Wichtigste ist. Vielleicht geht es alles auch gar nicht. Vielleicht ist es wirklich zu viel Wirtschaftstreiben, das da reglementiert und kontrolliert und gelenkt werden müsste. Und vielleicht ist Solidarität auch nur so eine Idee, ein schönes Wort.

Es scheint zu viel für die Welt, zu viel für die Regierenden, zu viel für mich. Zumindest im Moment. Familyaffairs, volle Pulle. Die Kinder werden groß, die Eltern alt und jedes der Geschwister geht anders damit um. Bisweilen bin ich froh, wir schaffen es, die Dinge so zu regeln, dass sich alle noch liebhaben können.

Ich bin an Einschulungsthemen. Manche Schulsachen sind bereits ausverkauft. Zum Glück ist wenigstens die Schultüte jetzt fertig. Wie das mit dem Fest wird, lassen wir auf uns zukommen. Und so halten wir´s auch mit der Fasnet, um die sich bereits gesorgt wird. Das juckt mich noch überhaupt nicht. Ich denke, es gab Ostern trotz Corona, Pfingsten und sogar Freibad und Sommerferien, es wird einen Advent geben und Weihnachten, und eine Fasnet bestimmt auch, anders halt und bestimmt unvergesslich.

Dann natürlich Corona. Die große Demo in Berlin diesen Samstag ist verboten worden. Ich könnte mir vorstellen, den Organisatoren kommt das Verbot mitunter entgegen. So können sie ´trotzdem´, und das ist eigentlich viel geiler. Mir scheint ja, es sind gar nicht so sehr die einzelnen Coronaregeln der Stein des Anstoßes. Abgesehen davon, dass man Regeln nicht gut finden, sondern sich an sie halten soll – in der Tempo-30-Zone kann man auch fünfzig fahren wollen, und Steuertricksereien gelten vielen als schlau –  scheint mir, ist es nicht die Maske, die, wer sie nicht mag, ohnehin unterm Kinn trägt, und auch nicht der eineinhalb-Meter-Abstand, den man überall im Land brechen kann, ohne dafür nach Berlin reisen zu müssen. Dies zu tun ist in der Masse allerdings, friedlich und doch provokant, bei Weitem öffentlichkeitswirksamer. Es geht dort auch weniger, könnte ich mir vorstellen, um die Künstler, die wieder auftreten wollen oder um Reiseveranstalter, die ihre Reisen verkaufen wollen, und vielleicht noch nicht mal um die Angehörigen von Patienten und Bewohnern in Krankenhäusern, Hospizen und Pflegeheimen, die ihre Lieben besser begleiten wollen. Es geht hauptsächlich um die Frage „wer ist der Staat, und darf der das überhaupt“, mit Verweis auf die deutsche Geschichte, die in der Tat eine besondere Verantwortung mit sich bringt. Die Frage nach staatlicher Macht muss  jeder regelmäßig neu beantworten. Aber dabei muss man eben auch abwägen. Eine Regel, die die Freiheit einschränkt, ist nicht zwangsläufig ein Unterdrückungsinstrument. So darf ja auch nicht jeder einfach bauen, wo und wie es ihm passt, nicht mal, wenn ihm das Land gehört. Ökosystemen sind Grundbucheinträge egal. Deshalb gibt es Flächennutzungspläne und Vorschriften. Nur ein Beispiel – es gibt unzählige. Man muss schon differenzieren. Wo Menschen zusammenleben, gibt es Regeln. Und es mag nicht jeder dieses Virus einfach vom Tisch wischen. Nun soll es da also einen großen Aufmarsch geben, die, die durchweg ´nein´ sagen gegen die Staatsmacht. Na prima. Das ist genau, was das Land jetzt braucht. Ich meine, Corona ist eine Krise, die ihre Härten mit sich bringt und ihre Antworten braucht, aber  – da gebe ich den Zweiflern Recht – wir leben nicht im Mittelalter und haben es nicht mit der Pest zu tun – sie ist vergleichsweise handelbar und noch lange nicht die ärgste Krise, in der wir stecken. Wenn wir diese nicht packen, einigermaßen geeint als Gesellschaft, wie dann erst die anderen, für die man sich noch viel mehr einschränken muss, denen man viel geeinter begegnen muss. DA wird mir bang.

Mit Macht umzugehen hat man hierzulande noch immer nicht gelernt. „Nein“ und „nicht mit mir“zu skandieren  ist nicht per se ein Zeichen souveräner Aufgeklärtheit. Aber es will halt jeder ein bisschen König sein.

Ich auch. Ich muss aber meistens die Böse spielen. Da fällt mir ein, ich habe die Krone vergessen. Das Prinzessinnenkleid ist eingepackt, der Zauberstab auch, die Krone fehlt. In unseren Spielen sind die Rollen klar verteilt; der Plot wird besprochen, im Konjunktiv, dann geht’s los, irgendwann sagt eins ´Spielstopp´. Das haben sie so im Kindi gelernt und es gefällt mir gut. Danach geht´s real weiter, Diskussionen um Notwendigkeiten und Müssens inklusive, immer wieder neu abgewogen. Es muss für alle passen.

Koffer nochmal auf. Krone rein. Und wieder zu. Jetzt ist´s aber gut. Nix wie los ans Meer. Ich habe Angst um die Zukunft der Kinder. Aber erstmal wollen wir genießen, so gut wir können. Ferien, Sommer, Meer. So schlecht ist alles vielleicht auch gar nicht. Maske auf und zum Zug – yeah

Eine Verschwörungsgeschichte und ein perfider Plan

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Perfidie

Wikipedia: „Als Perfidie, auch Perfidität,   (lat.  perfidus = treulos, wortbrüchig, niederträchtig), beziehungsweise mit dem davon abgeleiteten Adjektiv perfide, werden Handlungen einer Person oder Personengruppe bezeichnet, die vorsätzlich das Vertrauen oder die Loyalität einer anderen Person oder Personengruppe ausnutzen, um beispielsweise in geschäftlichen Beziehungen oder in militärischen Auseinandersetzungen einen Vorteil zu erlangen. Das bewusste Erzeugen eines solchen Vertrauens durch entsprechende Maßnahmen ist dabei oft ein wesentlicher Teil einer perfiden Handlung….“

Passt! Ich habe ein Gefühl dafür, aber keine Worte. Diese treffen´s exakt.

 

Ich habe mich dem ausgesetzt, nachdem ich von einem, der mir nahe steht, einen Link per Whats-app erhalten hatte, “ Der perfide Plan des World-economic-forum“, versehen mit dem Zusatz „ ANSEHEN! HAMMER! RIESEN-SCHWEINEREI!“ Ich hatte das Gefühl, ich sollte Stellung beziehen. Mich verlangt nicht danach dergleichen Geschichten, aber ich tat´s. Da war eine Frage, die eine Antwort wollte.

Ein Clip – der Text gesprochen von einer dunklen, fast sanften, aber penetrant eindringlichen Frauenstimme – die in einer Mischung aus Nachrichtenduktus und Dozentin den „perfiden Plan des Weltwirtschaftsforums“ erklärte. Ein paar einführende Worte zu den Widersprüchlichkeiten des Virus-Geschehens, die Ankündigung, bald werde jede Form von Selbständigkeit der Vergangenheit angehören, Corona sei keine Pandemie, sondern eine Plandemie, und mit diesem Plan würde die digitale Transformation betrieben – die Ermordung der Schöpfung!, sagt sie, das Ganze nachzuverfolgen auf der Seite des World-economic-forums, Wef, anschließend folgte ich ihren Anweisungen und klickte mich durch dessen Seite.

Ich landete schnell bei einer Grafik, der ´Covid19 transformation map´, die, so verstehe ich das, auf verschiedenen Ebenen die diversen Aufgaben, die Corona global mit sich bringt, aufzeigt, und  – es geht diesem Forum um die Wirtschaft – sämtliche Wirtschaftsbereiche zuordnet.  Ich werde zu ´global governance´ gelotst – ´seht ihr, da ist sie, die Weltregierung´ – , zu ´human enhancement´, wo es um die ´Verbesserung der menschlichen Leistungsfähigkeit´ geht.  Die eindringliche Dozentinnenstimme erwähnt 5G, ohne Link auf der Grafik,  – „wir alle wissen, diese Strahlen sterilisieren“ – , ´in 10-15 Jahren werden wir feststellen, dass eine Massensterilisation stattgefunden hat. Dann werden wir unsere Elternschaft bestellen müssen, bekommen ein industriell, mit genom engineering optimiertes Wesen, ein Industrieprodukt, wir werden schließlich alle Eigentum einer Firma sein, es wird keine Schöpfungskinder mehr geben.´ Ich guckte auf die Leiste unten am Bildschirm, die anzeigt, wie lange der Clip noch geht, ich war kurz davor in die Tischkante zu beißen. Gleich geschafft. Weiter. Am Ende ´die Zerstörung des Seelenbaumes Avatar, die Digitalisierung ist die antichristliche Agenda, wir werden entmenschlicht, wir müssen aufstehen, wir müssen wie Sophie Scholl werden´.

Puh. Das ist starker Tobak. Dicker auftragen und ärger verdrehen geht nicht.

Ich habe beim Klicken durch die Grafik nichts gesehen, was diesen Plan belegen würde. Angeklickt habe ich Themenfelder. Das Wef spricht von Multistake-holders, ich hatte diesen Begriff nicht gekannt, googelte und stieß auf eine Diplomarbeit der Uni Graz über die Wirkweise von solchen Multistakeholdern.

https://unipub.uni-graz.at/obvugrhs/240266

„Die Zusammenarbeit von unterschiedlichen Stakeholdern spielt in der Global Governance eine immer wichtigere Rolle und hat die althergebrachte Form der Zusammenarbeit zwischen Regierungen abgelöst. Die staatlichen Gesetzgebungsorgane haben ihre Monopolstellung in der der internationalen Rechtsetzung verloren. Internationale Organisationen, zivilgesellschaftliche Akteure und Vertreter aus dem Wirtschaftssektor wirken nun mit ihnen zusammen in der Global Governance und tragen mit ihren speziellen Eigenschaften und Fähigkeiten zur Bewältigung globaler Schwierigkeiten bei…..“

Corona ist, daran hege ich keinerlei Zweifel, eine globale Aufgabe und Herausforderung. ´Global governance´ ist nicht ´die Weltregierung´ sondern der Oberbegriff dafür, dass globale Aufgaben global gelöst werden müssen und es dafür mehrere Institutionen braucht, Regierungen, zivilrechtliche, sozialwissenschaftliche Einrichtungen, wirtschaftliche, …, keiner ist allein am Drücker. Durchaus wünschenswert. Wenn´s richtig funktioniert, meine ich, ist das Machtkontrolle. In der Grafik, wird zu jedem Themenfeld auf eine Universität, eine Organisation, ein Institut verwiesen, das in diesem Bereich die Forschung betreibt, vielleicht führt und bündelt, Ideen entwickelt, die das ist, was man wohl Thinktank nennt, so stelle ich mir vor. Zu keinem der Themen steht da eine Ausgestaltung, eine bestehende Denk-oder gar Handlungsrichtung. Was die eindringliche Dozentinnenstimme darüber sagt, ist frei hineininterpretiert, ist nur den Begriff benutzt und etwas daraus gesponnen. Man kann die Themen anklicken, aber um zu den sich dort entwickelnden Überlegungen zu kommen, müsste man sich einloggen. Der Clip ist so weit nicht gegangen, und ich tue es auch nicht, ging auch nicht, ´keine Berechtigung´. Schade.

Ich stehe manchen der aufgelisteten Themen auch kritisch gegenüber. Bei ´Optimierung´denke ich nicht an Veränderung des Erbguts. Ich tue mich schwer mit 5G und der Digitalisierung, deren Verdienste ich anerkenne, die mir aber zu aggressiv in ihrem Tempo und ihren Versprechungen ist. Ich finde unbedingt, dass Macht kontrolliert und begrenzt sein muss. Aber diesem Teufel-an-die-Wand-malen kann ich nicht folgen. Und das tut die sanfte Dozentinnenstimme – da wird der Teufel an die Wand gemalt. Es ist diese Verdrehung  von Bedeutungen und Begrifflichkeiten, die so fies und niederträchtig ist, die mich so ärgert. Die anderen mit dem Dreck bewerfen, in dem man sich selbst suhlt. Und einer, den ich mag, und der aus Gründen, die er eigentlich nur selbst wissen kann, offen dafür ist, dem verdreht´s die Rübe. Der Antichrist, gute Güte, drunter geht’s nicht – und natürlich ist es der andere, der den fiesen Plan hat. Der da gar nicht steht. Das einzige Wort, das stimmte in der Überschrift, war das Wort ´perfide´. Nur trifft es nicht auf einen existierenden Plan zu, den es also nur in den Köpfen derer gibt, die ihn so behaupten.

Ich habe versucht das nachzuvollziehen.

Der youtubekanal wird im Wesentlichen von einem Reichsbürger und einem, der mit Neonazis abhängt, betrieben, außerdem stieß ich beim ersten Suchen noch auf einen  Journalisten, (den ich bei der zweiten Suche nicht wiederfand, weil ich mir die Wege nicht gemerkt hatte), der behauptet, einen Bestseller über die dritte Generation der RAF gelandet zu haben, das kein Enthüllungsbuch wurde, sondern eine Verschwörungserzählung beinhaltet, dennoch wurde es preisgekrönt verfilmt – als Thriller.

Und darum geht´s – alles ist reine Fiktion. Man nehme ein paar Fakten und Eckdaten und spinne eine abgefahrene Geschichte daraus, gut und spannend zu lesen, und wenn man es geschickt anstellt, kann am Ende keiner Wahrheit von Fiktion unterscheiden. Solche Thriller kann man ja schreiben, weshalb nicht, keine schlechte Idee –  aber das dann als Wahrheit zu verkaufen – DAS ist perfide.

Und das sind dann die, die ´Lügenpresse´ schreien.

Und dann wird stets der ausbleibende Dialog beklagt. Okay –  wenn´s unbedingt sein müsste – ich verweigere nicht. Aber der wäre schnell erledigt – mit „bullshit“ ist man durch. Worüber will man sich denn unterhalten, bei diesem Plan, den es nicht gibt?

Wie kommt man darauf, dass 5G sterilisiert?  „Wir alle wissen“, hatte es im Text geheißen. Nein, ich wusste das nicht. Woher wissen DIE das? Das wäre vielleicht eine Frage. Und auch – weshalb tut man das? Weshalb erzählt man solche Lügengeschichten? Wie sieht der geheime Plan dahinter aus?

Löschen – diese Verdreher beklagen Zensur, und ich weiß nicht – ich kann´s und will´s nicht beurteilen – der Clip ist niederträchtig und gelogen, er ist manipulativ, und den Wunsch zu löschen kann ich zumindest nachvollziehen. „Shut up as….le!“ –  das würde ein Löschen dann bedeuten. Sagt man aber nicht. Ich weiß. Tu ich also auch nicht, nicht wirklich.  Aber wenigstens eine Warnung bräuchte es, „Vorsicht, nicht belegte Behauptungen´, und eine Art Hotline, bei der man´s melden kann, damit so mieses Zeug mit einem Verweis gekennzeichnet wird –  ´Fiktion´. Wenigstens.

Widerstand II

Über die Demo in Berlin am 01. August gegen die Coronamaßnahmen

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Es waren anscheiend viele Schwaben dort. Wutbürger schwätzen schwäbisch. Die Zahlen, wie viele Demonstranten es insgesamt waren, schwanken zwischen 20.000 (Polizei) und 1,8 Millionen (Veranstalter und diverse Medien).  Zwei wenigstens sind aus dem Kreis und kommen in der nrwz zu Wort.

Der Eine mit diesem Beitrag:

Antwort eines Demo-Teilnehmers: „Wir wollen lediglich den uns verweigerten Dialog aufnehmen“

Daraufhin habe ich folgenden Leserbrief geschrieben;

 

Lieber Roman,

in einem gebe ich Ihnen unumwunden Recht: „Für ein Leben in Liebe, Frieden, Freiheit, Bewusstheit, Dankbarkeit und im Einklang mit der Natur.“ Ihr Motto. Dafür stehe ich auch, und ich wünsche mir, dass dafür ein weit überwiegender Teil der Menschheit steht.

Ich war trotzdem nicht auf der Demo. Ich sehe auch nicht, dass Meinungen unterdrückt werden. Es wird sehr sehr viel gesagt und sehr sehr viel verbreitet, in allen möglichen Medien, auf allen möglichen Plattformen und Kanälen, es wird demonstriert und protestiert und das ohne, dass es irgendwelche negativen Konsequenzen für irgendwen hätte. Es kommen nur einfach viele Meinungen und Haltungen nicht zum Tragen. Und auch ein wissenschaftlicher Diskurs findet statt. Nur wird nicht allen Wissenschaftlern gefolgt. Mir scheint, dies ständige Beleidigtsein, ´ich werde nicht gehört´, ist Teil des Problems unserer Gesellschaft. Jeder will den Ton angeben und ist beleidigt, wenn es grad ein andrer tut. Demokratie ist auch, Mehrheiten auszuhalten. – Solange sie auf dem Boden des Grundgesetzes sind, freilich. Schön, wenn dies eine solche Würdigung erfährt. Das Grundgesetz aber sehe ich persönlich durch die derzeit beschränkenden Seuchenschutzgesetze nicht in Gefahr, eher dadurch, dass es ad absurdum geführt wird von Leuten, denen es um anderes geht.

´Nicht Spaltung, sondern Gemeinschaft, und einen Konsens für das Wohl der Gesellschaft´ wünschen Sie sich, wenn ich das richtig zusammengetragen habe. Das wünsche ich mir auch. Und viele Demonstranten würden das sicher genau so unterschreiben. Einigen aber, es mögen wenige sein, doch die sind in der Organisation dieser Demos stark vertreten, geht es durchaus um Spaltung.

In den Thinktanks der Rechten werden Strategien gelehrt, wie Begriffe so verdreht werden, dass stets der Angreifer das Opfer ist und der Verursacher der Verwirrung ihr Ankläger. So sind für diese Strategen zB. stets die Anderen die Freiheitsbeschneider und Meinungsdiktatoren, während sie selbst es sind, die ein ganz klar umrissenes Bild davon haben, für wen welche Rechte und Freiheiten gelten und für wen nicht.

Nein, da muss ich Ihnen widersprechen – ich finde, es gibt durchaus Haltungen, die keine Bühne bekommen sollen. Kein Pakt mit Rechtsaußen.

Nichtsdestotrotz finde ich die Energie, die aus diesen Demos spricht, durchaus ermutigend, wie mir auch die Entschlußkraft der Politik gut gefällt. Und da wiederum gebe ich Ihnen Recht – sie zeigt sich mitunter nur an der falschen Stelle.

Ja, es gibt bedrohlichere Krisen als Corona. Aber die heißen nicht Mund-Nasen-Schutz. Die heißen Klimawandel und Umweltzerstörung. Und da sieht es mit der Demonstrationsfreude doch ziemlich anders aus, und mit der Entschlußkraft der Politik auch, und es werden von Klimawandelleugnern, -skeptikern, und – relativierern wieder nur diejenigen Wissenschaftler anerkannt, die die Bälle flach halten und abwiegeln, ´alles nicht so wild, kein Grund irgendwas zu verändern´. Und drum beschleicht mich das Gefühl, dass es in Wahrheit um etwas ganz anders geht. Es wird ja nirgends so viel von Panik gesprochen wie auf den Demos gegen die Corona-Maßnahmen. Und ich glaube, in Wirklichkeit ist ebendiese Panik vieler eine vor einem Ende der Party und die größte Motivation für ein solches kollektives ´Dagegen´.

Die Freiheit des einen hört da auf, wo die des andern anfängt. Und das liegt ziemlich dicht beisammen.

Unsere Kenntnisse über Corona sind allesamt begrenzt, und ja, auch ich sehe mehr Kollateralschäden als tatsächliche Erkrankungen.  Ich sehe aber auch, dass es anderswo auch andersherum stattfindet. Der schwedische Umgang mit Corona gefiel und gefällt auch mir. Allerdings sei hinzugefügt, ist dort  nicht nur die Politik anders und setzt auf mehr Eigenverantwortung, dort reagiert auch die Bevölkerung verständiger und weniger missmutig.

Ich wünsche mir größere Flexibilität und großzügigeres Abwägen in einzelnen Abläufen, Einrichtungen und Detailfragen. Darin stimme ich Ihnen zu. Ich sehe aber auch, dass, wo die Virenlast hoch genug ist, es schnell eskaliert und das Gesundheitssystem sprengt, und so lange das so ist, trage ich Mundschutz und umarme ausgewählter, was auch etwas für sich hat, und halte mich weitestgehend an die Regeln –  denn – eben – keine Panik! Es gibt Schlimmeres.

„Für ein Leben in Liebe, Frieden, Freiheit, Bewusstheit, Dankbarkeit und im Einklang mit der Natur.“ Das bedeutet Rücksicht, Selbstbeschränkung, Verantwortung und Nachhaltigkeit.

Würde mich freuen, man träfe sich auf einer Demo, auf der es genau darum geht.

Herzliche Grüße

Beate Kalmbach

Über Inseln und Häfen und den einen großen Traum vom Leben im Grünen

collagebaugrund

Der Kreis Rottweil wird kein sicherer Hafen. Überrascht mich nicht, hätt ich trotzdem gerne gehabt. Man will kein falsches Signal aussenden nach Afrika. Als ob ganz Afrika nach Rottweil schielen würde. Es wird auch keiner in Afrika ´Konstanz´ sagen, wenn er an ´Europa´ denkt. Konstanz ist sicherer Hafen und deshalb auch nicht überrannt. Und es hat den Klimanotstand ausgerufen und deshalb bewegt sich das Leben dort trotzdem noch. Konstanz hat sich nur zuständig erklärt. Konstanz war mutig.

Das sind doch keine Signale an die Außenwelt. Das sind Signale innerhalb dieser Gesellschaft  Aufgabe und Verantwortung ernst zu nehmen. Sich nicht wegzuducken. Bei sich selbst anzufangen. Nicht vor rechter Hetze und Xenophobie zu kapitulieren. Die Kontingente zur Aufnahme auch tatsächlich auszuschöpfen und nicht ungenutzt zu lassen.  Anzuerkennen, dass Starke und Reiche  mehr leisten können als die anderen. Und stark ist man doch nicht, weil man ignorant über alles Schwächere hinweggeht. Stark ist man, weil man was auf der Pfanne hat.

Alle sehen sie und sind betroffen und  bedauern zutiefst. Aber zuständig will man nicht sein.  Geht auch gut, am Landkreis ziehen Krisen mitunter scheinbar  pfleglich aussparend vorüber, Rottweil  – eine Insel in tosender See. Schon schön, wenn man auf höhere Ebenen verweisen kann. Machen andere auch, das geht grad so durch. Vom Kreis zum Land zum Staat zum Staatenbund. Beim Klimaschutz braucht´s sowieso die ganze Welt. Am Ende helfen nur noch Gott und Engelscharen.

Apropos

Wenn schon Flüchtlinge, dann hätte man die gerne engelgleich, gut ausgebildet  und unbeschadet. Schön wäre das schon – bei uns allen. Schlechtes Benehmen, Respektlosigkeit und Dummheit sind aber nicht an Hautfarben und Pässe gebunden. Das gibt es hierzulande auch zuhauf. Ich würde mal sagen eigenes Benimm, Respekt und Plan helfen mehr als Ignoranz und Hetze.

Aber wir bewegen uns nicht gerne. Wir ändern nicht. Wir passen nicht an. „Lebe Deinen Traum!“ Stapelweise gibt´s diese Postkartensprüche zur Selbstvergewisserung, man kann ganze Häuser damit tapezieren.  Als gäbe es nur einen einzigen unveränderlichen Traum. Ein Häuschen im Grünen, Idyll und Trutzburg.

In Feckenhausen wird ein Baugebiet erschlossen und, weil Boden wertvoll ist, der Quadratmeterpreis angehoben.

Boden ist wertvoll. Ganz genau. Eben darum dürfte es, wenn es nach mir ginge, mal ein Ende haben mit dieser Art Flächenverbrauch.  Ein Haus, eine Familie, zwei PKW, und weil man ja praktisch im Gebirge wohnt, darf es bestimmt auch ein SUV sein, vielleicht Elektro, aber das macht es nicht viel besser. Ewig derselbe Traum, egal, wie die Welt aussieht drumrum? Ich würd ganze Wohnblocks bauen, mit kleinen und großen Wohneinheiten, schicken und schlichten, mit Gemeinschaftsräumen und Innenhöfen und Spielplätzen, und dann würden ganz viele Leute nach Feckenhausen ziehen und es gäb einen Laden dazu und eine Kindergartenerweiterung und weil eben NICHT alle ein Auto haben, bessere Busverbindungen. Und so in dem Stil würd ich das auf der Spitalhöhe machen und in Bühlingen und in Hausen und überall, wo man meint bauen zu müssen.  Ein Zeichen setzen, weniger ist mehr, damit auch Platz bleibt für Träume zukünftiger Generationen.

Es wird vermutlich ein Traum bleiben.

Verwunderliches aus dem Ländle

rottweil

Im Kreistag empfinden es die Freien Wähler als stigmatisierend, dass die Hauptschüler weniger Eigenanteil an ihren Bustickets zahlen. Jetzt sollen sie also entstigmatisiert und ihr Anteil angeglichen werden, wodurch die Tickets für die Gymnasiasten billiger, die für die Hauptschüler teurer werden. Ich bin sicher, die sind darüber echt froh und fühlen sich gleich besser.

Der Bundesinnenminister will keine Untersuchung von rassistischen Tendenzen in der Polizei. Die seien eh verboten, also müsse man sie auch nicht untersuchen.

Nach der Randale in Stuttgart will die Polizei auch im familiären Umfeld der Täter ermitteln. Und weist jeden Verdacht, das könnte eine Form von ´racial profiling´ sein zurück. (Es hatte geheißen, viele der Täter seien Migranten.) Solche Untersuchungen seien Usus und selbstverständlich. Zusammen mit Scharfmacher-Parolen wie „mit aller Härte“  und dergleichen bekommt solches Ermitteln aber schon mehr als nur ein Gschmäckle.

Vertrauen ist mir lieber als Misstrauen. Aber wo´s nicht geht, geht´s nicht.

Frauenpower im Bockshof

Fünf Frauen im Netz

collage5frauen

Man darf nicht, ich weiß, aber meine Kinder haben die Tribüne vom Sommertheater manchmal zum Klettern benutzt, und auch die Bühne war von ihnen häufig abwechselnd bespielt. Eines ließ sich eine kleine Sing-Tanz-oder-Kampf-Clownerie einfallen, das andere filmte mit dem Handy. Ich saß auf einer der oberen Reihen und gab das Publikum. Dieses Jahr nun also ohne Tribüne.

„Fünf Frauen im Netz“.

Ein paar Worte vom Vereinsvorsitzenden Fröhlich zur Premiere.  Dank, dass sie überhaupt stattfinden kann, nach den langen Wochen, in denen das erst unvorstellbar schien, sich dann im Wochen – oder Tagesrhythmus die Regeln änderten. So war bis vor Kurzem noch nicht mal klar, ob überhaupt mehr als eine Person auf der Bühne sein darf. Es ist daher schon eine Leistung an sich, dass es diese Premiere gab, und dann noch eine von dreien. Das finde ich auch.

„Wie – weshalb spielen denn da so viele mit?“ Die Dame neben mir wunderte sich. ´Das kunstseidene Mädchen´, fragte sie mich, die spielt doch allein? Wir kippten beide fast vom Stuhl als wir feststellten, dass sie in der falschen Vorstellung saß.

Apropos Stühle – die Sitzordnung war prima.

Die Geschichte ist toll. Die Schauspielerinnen haben sie mitentwickelt, meine ich gelesen zu haben, und die Figuren sind so, dass auch ich ganz nah bin. Ich kenne sie alle, die Themen, die sich abspielen: eine demente Mutter, ihre Töchter, die sich uneins sind, welche ihr eigenes Leben besser auf die Reihe bekommt, die sich allerdings  einig sind darin, dass keine von ihnen Zeit hat, sich um die Mutter zu kümmern, und die das so weit auslagern und sich buchstäblich von der Backe halten, wie es nur geht. Für liebevolle Zuwendung ist eine zufällige Bekannte, gerade so gelitten, so lange sie sich nicht zu weit einmischt. Hauptsächlich soll sich eine ausländische Haushalts – und Pflegekraft kümmern, von der nicht klar wird, woher sie kommt. Kroatien vermuten die Damen, aber sie scheren sich auch nicht darum. Mit feudaler Überheblichkeit erwarten sowohl die bedürftige Mutter als auch deren Töchter klagloses Dienen und Rundum-Verfügbarkeit. Ihre Anmaßung ist stellenweise schwer erträglich, gerade weil sie so real ist; genau so spielt sich das in der gelebten Wirklichkeit ab. Die Verzweiflung der Pflegekraft und die Unverschämtheit ihrer Arbeitgeberinnen sind  bodenlos. Die Mutter soll – die Seuchenregeln drängen das trefflich auf – ans Netz angeschlossen werden. So könnten die Töchter allzeit bei ihr sein. Aber die Mutter will nicht. Die will nicht face-to-face, die will Arm um Arm, das aber ist, Corona sei Dank, sowieso verboten. Als die Töchter sich verabschieden, quält man sich an einer Umarmung ab und kommt gerade so mit den Fingerspitzen zusammen. Abstandsregel, Kontaktverbot und statt Körperwärme Chats und Videotreffs – die zudringliche Bekannte hat Recht – man muss nicht dement sein, um davon verwirrt zu werden.

Manche Szenen sind herzzerreißend, manche witzig, klug, wütend, verzweifelt, ratlos.

Was ist Familie noch, was verlangt sie ab und was gerade nicht. Wie sieht ein selbstbestimmtes Frauenleben aus, und was ist realer, digital oder unplugged. Zum Geburtstag der Mutter wird gesungen, gedichtet und vorgetragen, und jede gibt etwas preis. Ein schwieriges Frauenbild tritt da zutage, und es ist gut, dass die Schauspielerinnen selbst an ihren Figuren mitentwickelt haben. sonst müsste ich mir den Autor mal zur Brust nehmen. Nicht, dass unwahr wäre, was da zu Leben, Lieben und Selbstverständnis der Frau gesagt wurde, aber es gilt nicht, wenn es von einem Mann so formuliert wird. (Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: das war ein Gag.)

Die Mutter verfällt am Ende der totalen Verwirrung, allerdings nicht alleine. Verschwörungen und Monstrositäten – das Leben im Netz hat sich gerächt.

Absolut überzeugend gespielt, super inszeniert, musikalisch grandios begleitet.  Die Begeisterung im Publikum ist ansteckender und aufbrausender, wenn man näher beisammen sitzt, Jubel gab es trotzdem, aber am Ende vermisste ich die Tribüne doch, weil ich zum Klatschen gerne gestampft und getrampelt hätte. „Das kunstseidene Mädchen war´s nicht, aber klasse allemal“, bestätigten meine Nebensitzerin und ich einander. „Fünf Frauen im Netz“ im Bockshof – das ist zu empfehlen!

Wir rückten die Stühle in einen Halbkreis und blieben sitzen, bis das Licht aus und alles abgeräumt war, und redeten über dies seltsam aufgewühlte Gefühl, das uns kollektiv befallen hat, das Gefühl des Kippens. Der Satz kommt im Stück vor; ´kippt der Kahn, setz ich mich in die Mitte´. Alles kippt, die Gesellschaft, das Klima, der Frieden – ob mit Demenz oder ohne – es gruselt vor dem Irrsinn, der um sich greift. (Demenz scheint ein adäquater Weg, damit umzugehen.) Kippen und Auflösung waren das Gefühl mit dem –  nicht direkt, aber irgendwie doch – das Stück aufhörte, zumindest für mich tat es das. Man kann dieses Stück ganz sicher auf viele verschiedene Arten empfinden. Ich glaube, jeder empfindet es anders, jeden berührt es anderswo. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden NICHT berührt. Es ist voll drin, in den Themen, die mich bewegen.

Weitere Vorstellungen sind am Sonntag, dem 12.07., Dienstag, 14.07., Mittwoch 15.07., Donnerstag 16.07., Freitag 17.07., Donnerstag 23.07., Freitag 24.07., Mittwoch 29.07., Freitag 31.07., Samstag 01.08.

Das kunstseidene Mädchen wollen meine Nebensitzerin und ich auf jeden Fall auch noch sehen! Und wer weiß, vielleicht schaff ich´s sogar noch zu ´Malala´, wollen würd ich schon.

(kein) Inselfeeling

Ich habe Urlaub gebucht. Mit dem Zug an die Ostseeküste. Rügen. Das ist ein Stück Weg; so lange haben meine Kinder noch nie Mundschutz getragen. Aber ich würde behaupten – das ist die Reise wert. Ich freue mich riesig und habe den hilfsbereiten Damen im Reisebüro – die Buchungsseiten der Bundesbahn überfordern mich völlig – zum Dank handgefertigte Pralinen gekauft. Mir selbst habe ich ein Glas Prosecco am Kappelenhof genehmigt – das Ticket in der Tasche ist ein Grund zu feiern. Die Sonne im Gesicht wird die Stadt zur Insel im Meer, und das leise Rauschen vom Ufer der Hochbrücktorstraße lullt alle Sorgen ein. Das Leben ist schön.

Dann ist der Prosecco  leer, der Geldbeutel auch, ich gehe. Eine Nachricht auf dem Handy, jemand fragt nach den Hausaufgaben. Ach ja – die schon wieder. Der Große geht wieder täglich in die Schule, und zuverlässig vergällen uns das frühe Aufstehen und die Hausaufgaben wieder einen nicht unbeträchtlichen Teil des Tages. Eine Neun-Uhr-Schule, die bis mittags um drei geht und ohne Hausaufgaben heimlässt – das wär´s! Für die Kleine werden der Abschied vom Kindergarten und die Einschulung vorbereitet. Sie hat ihre erste Zahnlücke und erlebt zwischen diesen Meilensteinen des Großwerdens regelmäßige eigene Höhen und Tiefen. Es würde mich nicht wundern, wenn ich irgendwann im Rückblick diese ganzen Jahre als eine Abfolge unterschiedlichster Pubertäten ansehen würde.  Irgendwo schafft´s immer. Trotzdem sind eigentlich alle guter Dinge und grundfröhlich. Und so lange das so ist, will ich nicht zu laut jammern.

Ich laufe an Zeitungsständern vorbei und der Artikel vom Vormittag fällt mir ein, und die Nachrichten vom Vortag, und die der letzten Tage und Wochen. Es gibt zu viel Kinderleid in der Welt. Viel zu viel und viel zu schlimm. Und das wird gleichmütiger hingenommen als Krieg, Klimawandel, Wirtschaftskrisen und Corona. Das geschieht und kommt in den Nachrichten. Und damit sollen wir einfach leben. Das geht nicht.

Am Vortag habe ich in den Nachrichten Meldungen von etlichen am Unabhängigkeitstag in den USA getöteten Kindern gehört. Wenigstens zwei waren demnach aus vorbeifahrenden Autos erschossen worden. Ich habe etwas davon am Abend im Internet wiedergefunden ohne danach gesucht zu haben, und denke mal, es ist was Wahres dran. Im Vorbeifahren abgeknallt. Mein Verstand weigert sich das gedanklich zuzulassen. Aber ich schließe es nicht aus. Die Welt dreht sich täglich und dreht täglich durch. Und täglich wird über Normalität geredet und keiner weiß mehr, was ´normal´ eigentlich ist. Waffen produzieren bis über sämtliche Ohren und hetzen und Unfrieden schüren und dann werden Kinder einfach abgeknallt und das soll man als Kollateralschaden und ´normal´ hinnehmen. Geht’s noch?  

(Die lautesten ´Macher´ machen am wenigsten neu. Kann das sein? Trump, der Macher, gibt die Schuld an diesen toten Kindern allen, nur nicht den Waffen, deren Industrie er eben NICHT antasten will und auch nicht der aggressiven Stimmung, die er schafft.  ´Machen´ ist bei ihm und Konsorten gleich ´das Alte durchziehen´,  um nur ja nichts verändern oder sogar neu schaffen zu müssen.)

Immer wieder, hier und da,  habe ich über verstümmelte Mädchen und versklavte Buben gelesen, und dann eben, am Vormittag in der hiesigen Tageszeitung, diesen Artikel über Kindesmissbrauch in Deutschland. Solche Artikel lese ich meist nicht, sie machen mich fertig. (An dieser Stelle meinen allergrößten Dank an die, die ermitteln, meine Hochachtung, meinen Respekt. Es gibt viel Übel auf der Welt, aber manches sprengt auf eine Weise die Vorstellungskraft, dass es kaum auszuhalten ist. Möge den Ermittelnden alles zuteil werden, was es braucht, um auszuhalten). Es ist ja nicht bloß die bloße sexuelle Neigung. Wollen kann man viel. Es ist die Niedertracht, die Grausamkeit und das skrupel – und hemmungslose Austoben von Gewalt gegenüber Schutzlosen, das zwischen den Zeilen durchdringt und den Boden wegzieht. Dieser Artikel jedenfalls war kein Bericht mit vage angedeuteten Ungeheuerlichkeiten, es war  ein Interview mit einem Polizisten und handelte von Verfolgung und Aufklärung.

Sieben bis acht Anläufe braucht es im Durchschnitt; sieben bis acht Mal erzählt ein Kind, zum Teil vermutlich auch unterschiedlichen Personen, von einem erlittenen Missbrauch, bevor ihm geglaubt und geholfen wird. Sieben bis acht Mal. Im Durchschnitt. Das allein ist ungeheuerlich. Jeder weiß, dass es das gibt, und so unvorstellbar es auch bleibt in seiner Monstrosität – jeder weiß, dass das keine Einzelfälle sind, sondern sich wie eine Seuche auszubreiten scheint und nicht selten in ganzen Netzwerken organisiert wird. Ein Virus, das sich verbreitet. Das weiß man. Und dann wird dem Opfer nicht geglaubt. Weil man das Böse, Grausame Schlimme, Unvorstellbare nie in den eigenen Reihen sehen will. ´Bei uns doch nicht!´

Doch. Das glaube ich schon. Auch bei uns. Auch hier. Möglich ist es überall. Weshalb sollte es nicht hier geschehen. Es ist abstrus. Es ist  – es fehlen die Worte – böse, krank, beides, irre. Ich weiß es nicht. Aber es ist. Und das darf es nicht.

Jedes Jahr kommen Zahnärzte in die Kindergärten, und in die Schulen kommen Sport-, Drogen-, allerhand Beauftragte. Das ist so weit so gut. Aber ich stelle mir  vor, dass von der Krippe bis zum Abitur jedes Jahr jemand in alle Einrichtungen kommt, in der Kinder und Heranwachsende sind, jemand, der dem Kind aufs erste Mal glaubt und Hilfe im Gepäck hat. Das ist sicher schwierig, und es gibt Unmengen von Institutionen, die überhaupt keinen Nerv für derlei Überlegungen haben. (Ich will mich nicht darüber auslassen. Aber es sind oft religiös motivierte Institutionen, die mit dem Glauben an die Unschuld argumentieren, die vor derlei Themen geschützt werden müsse und die dann mitunter ihren eigenen Schindluder damit treiben). Man muss auch  nicht die kindliche Unschuld zerstören; man kann über Liebe erzählen, und darüber, dass die zwischen Kind und Erwachsenem anders aussieht als zwischen Erwachsenen. Man kann über Geheimnisse reden, die zwei miteinander haben können, die aber Verrat und Gemeinheit sind, wenn nicht beide gleich gut wissen, worauf sie sich eingelassen haben.

Man kann über Zahnpflege reden; weshalb sollte man nicht auch über – sagen wir – Intimpflege reden können und darüber, was wo hindarf und wann und wie und wann nicht. Ich weiß nicht, wie man das am Geschicktesten verpackt, altersgerecht. Aber ich weiß, dass kindliche Unschuld es aushält auch mit schwierigen, nicht unbedingt altersgemäßen Themen konfrontiert zu werden, solange  Sprache und Aufgabe altersgemäß bleiben. Themen fragen nicht nach Alter, Themen verlangen nur unterschiedlich.

Ich weiß es nicht. Aber das Thema hat mir nun diesen Text abgerungen, und das, obwohl ich so frohgemut am Inselfeeling gestartet bin.

Manche Themen kann man sich nicht raussuchen.

Geschäftsmodelle

Der baden-württembergische Landwirtschaftsminister hat sich im Bundesrat gegen eine Vergrößerung der Fläche ausgesprochen, auf der eine Sau ´fixiert´ werden darf. Schon beim Wort läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Oder ging es jetzt um den Kastenstand, was etwas anders ist? Jetzt hab ich so viel gelesen und versteh´s erst nicht. (Dafür fällt es mir umso leichter, die Verwirrung nachzuvollziehen, die Schweinezüchter angesichts der Regelwerke und Bedingungen beklagen). Egal, es läuft auf dasselbe raus.  Sechs Quadratmeter wollten die Grünen, fünf ein paar andere, der Bio-Standard verlangt 4,4. Da wäre er noch mitgegangen, sagt Minister Hauk. Bei fünf geht er nicht mit, da müssten alle Ställe umgebaut werden und die Übergangsfristen seien zu kurz, da lohnten die Investitionen nicht für die Bauern.

Kein Wort übers Tier. Selbstredend empfinden Schweinezüchter das Dasein ihrer Tiere nicht als Quälerei. Folter und schlechte Behandlung mögen anders aussehen. Aber dennoch könnte ich mir vorstellen, fragte man die Sau, wäre die Einschätzung eine andere. Es ist ja nicht nur dies Fixieren  –   im regulären Mastbetrieb hat ein Schwein kaum einen Quadratmeter. In der gegenwärtig praktizierten Form der Schweinezucht widerspricht so ziemlich alles allem, was eine Sau artgerechterweise tut. Schweine und Sauen sind neugierig, rennen gerne, sie quieken und planschen und sind fröhliche, gesellige Wesen, die sich gerne bewegen. Nichts davon können sie ausleben in den Mastbetrieben

Ich weiß ein paar dieser bäuerlichen Betriebe, wie sie Hauk evtl im Sinn hat. So habe ich vor ein paar Jahren, als ich jobbedingt selbst viel draussen und unterwegs war, einen diesen Bauern getroffen, der häufig unbehelmt und mit wehendem Hemd auf einem alten und ziemlich coolen Motorrad an mir vorbei durch die Felder rauschte. Irgendwann kam man ins Gespräch. Er war noch nicht im Rentenalter, aber die Rente war auch nicht mehr unvorstellbar weit weg, und er war Bauer im Hauptberuf. Die Ställe waren teils außerhalb, teils im Dorf; die Tiere wussten drinnen nicht, wann draussen Tag ist, und ich bin mir nicht mal sicher, ob sie überhaupt wussten, dass es das gibt – Tag und Nacht, und Sonne und Wind. Zu Hunderten wurden sie in Hallen gehalten, an denen man achtlos vorüberlief, nichts deutete darauf hin, was hier geschah, man roch nichts, man sah nichts, man hörte nichts, da war kein Rennen und kein Quieken. Es konnten Traktoren in der Halle sein, oder Heu, oder untergestellte Wohnwagen. Es waren Tiere. Bis irgendwann der Laster der Supermarktkette kam, für den sie produziert wurden.

Ich gebe zu, ich habe ihn ein bisschen beneidet, den Bauern – so mit dem Wind in den Haaren durch die sommerlichen Felder düsen und nach den Ställen und den (fremdbewirtschafteten) Feldern gucken – das klang nach einem durchaus annehmbaren Erwerbsleben. Meine Jobs waren in ihrer Kombination damals eher so mittel. Er hatte ein paar Äcker verkauft, die danach Bauland wurden, hatte ein paar andere behalten und selbst bebaut. Die Mieteinnahmen des Mehrfamilienhauses würden den Kredit rasch bezahlen, so lautete sein Plan, und wenn er ins Rentenalter käme, bildeten sie sein Auskommen – ich rechnete hoch – das würde nicht schlecht. Damit kann man´s sicher und komfortabel aushalten.

Kann man machen, sei gegönnt, aber an die Schweine darf man nicht mehr denken. Den Preis zahlen sie.

Das ist ein sehr unfairer Deal. Das Schwein würde es ohne die Zucht nicht geben, es ist zum Essen auf der Welt, aber ein bisschen was Schönes soll es in seinem Leben haben. So was regt mich auf, da muss ich drüber reden. Und eine Frau, auf deren Meinung ich was gebe, regte an, mich nochmal kundig zu machen. Ich muss schließlich auch an die Bauern denken – wohlwollend. Viele Betriebe hätten zugemacht.

Okay. Ich will zwar meinen, ich habe selten anders an Bauern gedacht als wohlwollend – ich finde Bauern und Landwirtschaft toll, (ich wollte mal Agrarwissenschaft studieren), aber das ist empfindliches Terrain, und ich will auch niemanden brüskieren. Ich fragte also nach bei einer anderen Frau, die sich auskennt, die Schweine hielt, darüber andere beriet, beides jetzt nicht mehr tut – es rechnet sich nicht, sagt sie. Alle Vorschriften seien mit hohen Investitionen und Hürden verbunden, und die zu nehmen sei gar nicht so einfach. Das habe ich im Internet auf diversen Seiten bestätigt gefunden. So soll die Schweinehaltung emissionslos vonstattengehen, habe ich gelesen, und das verstehe ich nun auch nicht. Wir hören und riechen Autos und Rasenmäher, wir hören und riechen unsere Mitmenschen, wir hören und riechen Hunde, Katzen, Kühe, Hühner, Gänse, Vögel – weshalb soll man Schweine nicht hören und riechen dürfen? Das ist wirklich ein dickes Ding.  

Und dann, so habe ich nicht von ihr, sondern gelesen, klagten laut Statistik auch viele Züchter über die negative öffentliche Stimmung. (Das finde ich ein bisschen mimimi).

Wenn jetzt sämtliche Ställe neuen Verordnungen angepasst werden müssten, prophezeit sie, verschwände die Schweinezucht, zumindest was die mittelständischen Betriebe angehe, und die sind in Baden-Württemberg ausschlaggebend, aus dem Ländle. Und dann wandere die Schweinezucht ab ins Ausland, wo die Tiere noch weniger Platz hätten.  

Verstehe ich. Will ich auch nicht. Will ich alles nicht.

Es sind viele Bauern ausgestiegen aus der Schweinezucht, manche bewirtschaften ihre Höfe jetzt anders, manche haben den Betrieb aufgeben und machen was ganz anderes.

Und darum geht es. Bei allem Wohlwollen –aber vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm, wenn Betriebe aus der Schweinezucht aussteigen. Der Markt sei voll, sagte die Frau, und es klang nach ´übervoll´, es besteht ein Überangebot. Das drückt auf den Preis. Die Sau darf umso weniger kosten. Den Bauern, die aussteigen, geht es jetzt – es klang jedenfalls nicht heraus – nicht schlecht. Die haben sich umorientiert. Das gab der Markt also immerhin her. Das ist toll. Das ist flexibel. Das ist anpassungsfähig. Oder etwa nicht? Das ist kein Weltuntergang. Das ist auch was Gutes.

Schade allerdings wäre, wenn zu viele nur diesen einen Weg des Aufgebens sahen. Ich hoffe, es gab mehrere. Sonst hätte die Politik wahrhaftig versagt.

Vorschriften muss es geben, das leuchtet mir ein, auch Standards und Genehmigungsverfahren. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es ein Elend ist mit ihnen wie überhaupt mit Regeln. Da ist es wieder, dies Thema. ´Gut gemeint ist nicht unbedingt gut gemacht´. Hinter vielen Regeln steckt ein guter Gedanke, aber sobald man die Regel vom Gedanken löst und ihr eine übergeordnete Gültigkeit verleiht, wird´s schräg und nicht selten kontraproduktiv. Damit sich Investitionen rechnen, werden die Betriebe größer, und wo sie größer werden, werden sie industrieller. Und so geht mit den Schlachthöfen weiter, die immer größer und maschineller, und sicher auch brutaler werden, weil es einen Unterschied macht, ob man zwei Wesen am Tag tötet, oder zehn, oder 150. In Rottweil gibt es seit Ewigkeiten keinen Schlachthof mehr, jetzt geht es um den in Balingen. Das verlängert auch die Transportwege. Alles Vorgänge, die man nicht will und die vermutlich auch nicht Ziel der Regeln waren, weswegen ich dafür wäre, den Regeln das Ziel, den Sinn überzuordnen, nicht umgekehrt, und das Ganze etwas flexibler zu handhaben. Vielleicht fiele es dann auch wieder leichter die EU als Gewinn zu betrachten und nicht als Regelungdiktatur. Toleranz. Rumänien ist nicht Deutschland und zwischen Schweden und Griechenland liegen auch Welten.

Und weil es wichtig ist, Landwirtschaft in mehr als dieser einen, genormten und ökonomisch auf Optimum gerechneten Form und Facette zu erhalten, stelle ich mir eine Landwirtschaftspolitik vor, die anders daherkommt als dies ewige Weltuntergangsklagen ob jeder Veränderung, ob jeder neuen Aufgabe. Es ist nunmal nicht daran zu rütteln – diese Form der Schweinezucht und – Schlachtung ist Ausbeutung für Mensch und Tier. Und die Insekten werden weniger, und das liegt nicht nur, aber viel an der heutigen Form der Landwirtschaft, und auch das ist keine Schuldzuweisung – das hat man schließlich gemeinsam so gemacht und an der Flurbereinigung zum Beispiel waren viele irgendwie beteiligt. Aber jetzt ist es so und man sieht, da muss was geschehen, also muss es das halt auch. Ohne dies ewige Weltuntergangsklagen.  Wir haben´s alle miteinander vermasselt. Es gibt Bücher voller Bauernwitze, deren Aber gegen alles Neue legendär ist, und das wird nicht ganz von ungefähr kommen, es gibt Politikerwitze, die allesamt groß tun und wenig halten, und der Otto Normalverbraucher ist sowieso eine Witzfigur, die minderbemittelt Rosinen pickt und die Nase in den lauesten Wind hält. Es gibt ihn halt auch nicht, den einen Verbraucher. Jeder pickt anders. Dabei sollte es möglich sein, zusammen Wege zu finden, wie Tierwohl, Lebensmittelbedarf und Nachhaltigkeit zusammengeht. Ich bin sicher, dass es die gibt. Die einen bewegen sich mehr, die anderen bezahlen besser, und die dritten machen ihre Hausaufgaben.

So heißt das, jawohl!

Vor Jahren sollte Griechenland ´sein Geschäftsmodell ändern´. ´Die Hausaufgaben machen´ hieß es damals ganz salopp weiter. Mal eben ein Land umkrempeln. Und dass die Hausaufgaben gemacht würden, sollte kontrolliert werden. Es konnte schließlich nicht angehen, dass die einen für den Komfort der anderen aufkommen.

Voilà. Geschäftsmodelle ändern, Hausaufgaben machen, auch in der Politik. Das geht also, das darf angenommen, die Möglichkeit darf vorausgesetzt werden.

Es ist eine Frage des Geschäftsmodells, das sich an geänderte Voraussetzungen anpassen können muss. Das geschah immer und geschieht immer wieder, im Großen wie im Kleinen. Ausbeutung kann kein Faktor sein, mit dem zwangsläufig die Rechnung  am Ende aufgeht.  Wenn das Geschäftsmodell Ausbeutung heißt, dann taugt es nicht. Und wenn Regeln Ausbeutung nahelegen, dann stimmt mit ihnen etwas nicht.

Hier regiert ein Minister. Wenn die Preise für Fleisch zu niedrig sind, dann muss er durchsetzen helfen, dass sie so werden, dass die Produzenten leben können davon, und das ohne die Ausbeutung einfach auszulagern. Und er muss die Genehmigungen und Detailvorschriften so halten, dass sie Sinn machen und zu schaffen sind. Und einige Standards gelten für Import und Export und für global und regional – für alle, und wer Geschäfte machen will, sollte sie respektieren, denn einige Standards sind gesellschaftlicher Konsens. Man will sich drauf verlassen können.  (Klar gibt es immer welche, die vor lauter Leberkäswecken die Welt um sie herum nicht mehr sehen. Das tut mir leid. Aber da ist auch nicht mehr zu helfen).

Das ist seine Hausaufgabe. Das ist sein Job. Ist ´geh ich nicht mit´  alles, was er kann? Den Einen das Auskommen, den andern die Arschkarte zuschieben? Solche Rechnungen aufstellen und die Unbekannte unbekannt lassen, weil  es besser ist, man sieht die Kehrseite nicht, und um einen halben Quadratmeter Platz feilschen, und so locker vom Hocker zum  System zu erheben, was keine Sau und auch ihr Halter nicht will – dies Geschäftsmodell will keiner, würde ich mal behaupten, und es ist eine Sauerei und muss geändert werden, und deshalb soll noch lange kein Bauer am Hungertuch nagen, auch in der Rente nicht.

Schwein ist kein Schimpfwort und ´armes Schwein´ kein Naturgesetz.

Anmerkung in eigener Sache:

Ich  bin nicht Vegetarier, aber ich esse wenig Fleisch und Wurst. Ich find es auch nicht so wichtig; es gibt genug anderes Gutes. Und so bin ich tatsächlich locker bereit, mehr zu bezahlen, deutlich mehr. Mir geht’s eher um die Wege, die ich zusätzlich machen muss. Ich kaufe ungern und nur alle zwei Wochen ein und will das gerne ohne Auto und in Fußmarschnähe tun können, möglichst zeitsparend, und so  läuft´s bei mir auf zwei Supermarkt- bzw Discountfilialen hinaus, die 95 % des Lebensmittelbedarfs abdecken. Der Rest kommt vom Markt und von einem befreundeten Biohof. Was Schweinefleisch angeht, gibt es bis auf ein paar eher laue Labels nichts im Sortiment meiner Läden. Vermutlich esse ich drum mehr Toennies als mir bewusst ist. Gerne tue ich das nicht. Es steht auch nicht immer drauf was drin ist. Ich setze voraus, dass das, was mir angeboten wird, den von mir mitgetragenen vorherrschenden, gesellschaftlichen Vorstellungen entspricht. Und ich meine, es ist nicht meine Aufgabe, das zu kontrollieren, das ist Aufgabe der Behörden. Die Macht des Verbrauchers ist auch seine Ohnmacht. Ich habe keine Macht darüber, was im Regal steht, und meine Verbrauchermacht begrenzt sich selbst darin, dass die Energie, die es braucht um zu verbrauchen, sprich zu kaufen,  auch nicht endlos ist und in den Rest der Daseinsplanung hineinpassen muss.  Verbraucher zu sein ist mitunter ein blöder Job.

Bestandsaufnahme KW 26, Halbzeit 2020

Das Jahr fing gefühlt Mitte März an und das mit einem Ende, mit dem Ende des gesellschaftlichen Lebens. Alles Vorherige gehört in eine andere Epoche. Die ersten Wochen des neuen Jahres waren daher von Umwälzungen bestimmt. Als wäre die ganze Familie ausgewandert. In der Fremde ist man ähnlich auf sich und die seinen begrenzt und lernt mit jedem Tag die Regeln der Umgebung neu. Das Fremdsein wird schnell ´normal´, das Vertraut-werden dagegen dauert lang, und selbst kleine Erkenntnisse fühlen sich an wie Meilensteine auf dem Weg zu neuer Sicherheit. Ostern mit Corona war wie Weihnachten in Byron Bay – surreal.

Wir waren nie Meister fester Strukturen und Abläufe. Nicht, weil wir keinen Wert darauf legten, das tun wir, aber manchmal drängt sich auch etwas anderes auf, manchmal ist ´Regelmäßigkeit´ nicht das dringlichste Problem. Die Strukturlosigkeit dieser plötzlichen Fremde gab uns nun den Rest. Quasiferien, Alltag und Katastrophe, Zäsur, Protest und Normalität, und homeschooling, das irgendwie auch – chapeau, wer da Überblick und Ordnung behält. Wir ergaben uns dem Fluß der Dinge und hielten die Köpfe oben. Wenigstens sind wir nicht so schlecht darin, unser bestmögliches aus einer Lage zu machen. Mitunter hatten wir viel Spaß in diesem Gewässer und wir lernten viel von – und miteinander. Und wie die Schule jetzt wieder anfängt, stellen wir fest – es geht. Dem Großen war es durchaus kein großer Schock. Das frühe Aufstehen ist nach wie vor ungeliebt, aber als ich ankündigte ´bald wieder volle Wochen´ zeigte er sich bereit – er will. Das hat mich gefreut. (Wir sind uns einig, dass wir uns eine 9-Uhr-Schule wünschen. Der etwas spätere Beginn nahm viel Dampf aus den Tagen). Und auch schulstofflich kommt er mit; manche Kinder strecken schon, da hat die Lehrerin noch nicht mal den Satz zu Ende gesagt, er muss noch kurz überlegen, aber dagegen ist nicht viel einzuwenden. ´Puh´. Erstmal.  

Im Mai  wurden in Sibirien innerhalb des Polarkreises 30 Grad Celsius gemessen.  Und die EU beschloss ein 500 Milliarden schweres Wirtschafts-Soforthilfeprogramm, das erste von einer ganzen Reihe weiterer.  Die Wirtschaft soll alles wieder aufholen, so schnell wie möglich, und weiterwachsen, wohin auch immer. Der Permafrost taut. Die Lufthansa wird mit 9 Milliarden ´gerettet´ und fliegt mit vollbesetzten Flugzeugen auch wieder fleißig Inlandsflüge. Und Porsche fährt direkt nach der Kurzarbeit Sonderschichten. Versteh wer will.

Bill Gates schickt sich an die Welt zu retten. Ich weiß nicht wie hoch genau die Summe ist, aber er scheint bereit zu sein, ziemlich viel seines Reichtums in die Erforschung eines Impfstoffes zu stecken. Das soll ich jetzt wohl bewundern. Aber eigentlich finde ich es anmaßend. Abgesehen davon, dass ich solche Dimensionen von Reichtum fragwürdig finde, wäre es nicht an einer Einzelperson oder deren Stiftung, diese Forschung zu lenken, sondern an übergeordneten, möglichst globalen Institutionen. Die Uno mag überarbeitungsbedürftig sein, aber ich meine, sie ist unverzichtbar und braucht eher mehr, als weniger Einfluß. Es würde genügen, Bill Gates überwiese Geld, und wenn er dann schon dabei ist, könnt er auch gleich noch an das WorldFoodProgram überweisen. Dann müssten sie im Jemen nicht verhungern.

Das Virus ist noch fieser als gedacht. Es verändert sich rasch, und Antikörper nehmen anscheinend schnell ab. Und selbst wer symptom – oder komplikationslos infiziert war, kann  Schäden an Herz und Lunge zurückbehalten. Das ist fies!

In Brasilien juckt das die Regierung nicht. Die Indigenen werden vertrieben und der Regenwald brennt. Es gibt Konzepte für eine nachhaltige, intelligente Nutzung des Regenwaldes, aber das Interesse einiger am schnellen Geld ist größer. Bolsonaro ist ein Scheißkerl, ärger noch als Trump, und das will was heißen. In Griechenland sitzen unverändert viel zu dicht und elend Tausende in den Lagern fest, und im Mittelmeer ertrinken sie. Ich verliere den Überblick über die Katastrophen der Welt.

Familiengeld. Freilich, das kommt nicht ungelegen. Wir haben wie gewünscht selbst im Lockdown die Wirtschaft angekurbelt und mehr Geld ausgeben, als  eingenommen. Support your locals. Ich bräucht dies Familiengeld dennoch nicht. Ich meine, klar wird es irgendwie ausgegeben werden, und es wird der Familie zugutekommen. Aber würd es es nicht geben, dann würde es nicht fehlen.

Wieder so ein Gießkannending, damit keiner mault, es haben nur die anderen bekommen. Da, wo´s fehlt, fehlt mit und ohne. Und am Ende muss die Wirtschaft noch mehr brummen und kann man auf noch weniger Rücksicht nehmen, damit die Kohle wieder reinkommt.

Im großen Vergleich wirken solche Finanzbetrachtungen eh ganz anders. Wirecard ist insolvent, die Aktie im Keller, 2 Mrd. Luftbuchungen. ´Das könne noch Konsequenzen haben für die Szene der Finanzprüfer´, hieß es in den Nachrichten. Das Wort hallte in mir nach. Die Szene der Finanzprüfer. Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass es da eine Szene gab. Woran macht die sich fest? Woran erkennt man sich da? Was ist das Bindende, wo ist der Kick? Ich kenne Punks und Grufties, die erkennt man sofort; Rocker und Ökos ebenso. Das sieht man an Kleidung, Accessoires, an der Musik, an der Sprache. Aber Finanzprüfer? Was sind das für welche? Sehen die aus wie der blonde Hüne in Boxershorts mit der brünetten Schönheit im Arm, irgendwo – war´s Singapur? Das war ein Mitverantwortlicher bei diesen gigantischen Spekulationsverlusten vor einiger Zeit. ´Die Szene der Finanzprüfer´. Und ich hatte gedacht, das sei ein ganz normaler, bürgerlicher Beruf. Weiß da jemand was? Täte mich interessieren.

In der Familie wird Omas Achtzigster geplant und die Meinungen gehen weit auseinander, wie und ob er überhaupt gefeiert werden soll.  Ich bin dafür. Achtzig. Auf die Zahl ist sie voll stolz. Und sie feiert so gerne Geburtstag.

Wir sind froh, dass das Freibad wieder aufhat.  Das war lange herbeigesehnt; davon ging die Rede schon in Tagen, in denen Corona etwas war, das sich weit weg zutrug. Den ersten Besuch hätten wir auch bei Vollbewölkung und Nieselregen durchgezogen. Die Coronaregeln nehmen wir hin. Aber dann war das Wetter ganz passabel, und es war so wenig los, dass Abstandhalten kein Problem war. Nach ein paar Stunden war die Vertrautheit mit dem Wasser wieder so weit hergestellt, dass der Bub einen Sprung vom Einser wagen konnte. Das Mädel wäre auch gerne, getraute sich aber nicht, stand oben und rang mit sich, und ging wieder runter, und wieder rauf, stand und rang, und wieder runter,… Es war zu hoch, zu wackelig, das Becken zu tief, und ich durfte nicht am Rand mit drin sein. Das Schwimmerbecken nebenan war komplett leer. Es war kaum mehr ein Dutzend Badegäste auf dem Gelände. davon vier Kinder, die zu uns und einem befreundeten Haushalt gehörten. Ich dachte, vielleicht täte sie sich an den Startblöcken bei den Schwimmerbahnen leichter – die wackeln nicht, sind niederer, und ich kann im Becken nebendran sein. Ich rief zur Badeaufsicht, ob ich das ´Gesperrt´- Schild kurz wegnehmen könne. Das Einbahnstrassenschwimmen leuchtet mir ein, und da kann einem dann nicht einer vor die Nase hopsen, ganz klar. Aber es war kein Mensch mehr im Schwimmerbecken und keiner drum herum. Die Badeaufsicht rief ´Nein´ und kam herüber, ich fragte nochmal ´kann man nicht? – es ist keiner mehr da!´, er erklärte, das sei wegen Corona, und ich sagte, ich hätte die Dinger auch ohne Corona kaum je geöffnet gesehen, weder im Freibad noch im Hallenbad, (da waren wir schon ganz ähnlich auf dem Sprungbrett gestanden, hoch, runter, vor und zurück), und jetzt wären sie eventuell hilfreich. Er tue nur seine Arbeit! Klar Mann. War ja nicht als Anmache gemeint; war nur eine Frage, ein Nachhaken und ein Einwand. Muss man da gleich so angesäuert reagieren?  Die Leute sind dünnhäutig in diesen Tagen. Und so grob und wüst wie man auch miteinander auch allerorten umgegangen wird – selbst eine kleine unbedeutende Auseinandersetzung hält kaum jemand noch aus.

(Zur Ehrrettung des hiesigen Freibads sei hinzugefügt, dass wir jetzt noch mehrmals waren, auch bei 1a-Badewetter, als das Bad voll wurde und sämtliche Mitarbeiter mit den vielen Maßnahmen einen schweren Job hatten und das allesamt ganz prima machten, und dass sie es umso schwerer haben, je sorgloser sich die Badegäste benehmen.)

Diese Regel machte in diesem Moment keinen Sinn. Wenn er, der junge Mann von der Badeaufsicht,  da jetzt nachgäbe und das wiederum jemand sähe, dann stünde er in Erklärungsnot, wenn er beim nächsten Anfragen dagegen ´nein´ sage. Sagt er. Das kann ich schon verstehen, aber halt nicht ganz, denn selbstverständlich gehört es zu einer Regel dazu, dass sie unterschiedlich Anwendung findet, wo die Situationen sich unterscheiden, die sie berührt. Meine kleine Tochter geht als die Jüngere häufig früher ins Bett als der Große, der noch etwas aufbleiben darf. Neulich nachts bin ich bei Rot über die Fußgängerampel gegangen, weit und breit war kein Auto und auch das Trottoir war leer. Fast. Kam ein Typ und maulte ´bei Rot müsse man stehen, was gäbe ich denn für ein Beispiel ab´. „Sie sind erwachsen! Brauchen Sie noch immer gute Vorbilder im Straßenverkehr, damit Sie wissen, wann Gehen und wann Stehen?“ Ist doch wahr! Andauernd, im kleinen und im großen Leben, gibt es unterschiedliche Regelhandhabungen für dieselbe Angelegenheit, und das finde ich absolut logisch, ich nenne das Differenzieren. Wo ist das Problem? Es geht nicht ums disziplinierte Einhalten der Regel als oberste Tugend, es geht um deren Sinn.

„Gesunder Menschenverstand“ wird oft angemahnt, ich kann´s bald nicht mehr hören, und die, die ihn am Lautesten  verlangen, haben meist nur eine einzige Auslegung dafür und schieben alle Belange, die anderes nahelegen, konsequent beiseite. Vom gesunden Menschenverstand bleibt dann nur eine ziemliche Beschränktheit. Ich plädiere für ´Augenmaß´, das lässt eigenen Verstand zu, verschiedene Blickwinkel zu und verschiedene Auslegungen in den jeweiligen Situationen.

Ich schätze, das geht allen auch genauso mit diesen Coronaregeln  – mal hält man sich daran, mal nimmt man es entspannt. Ich ziehe öfter den Mundschutz auf als ich muss, aber manchmal halte ich nicht den Abstand. Das Leben kann nicht aus Abstand-halten bestehen. Ich wäge ständig ab. Und ich meine, das ist okay so. Das Thema bleibt präsent und in den Köpfen, aber im Übrigen begrenzen sich die ganz harten Regeln eben auch auf die Gegenden, in denen es zur Sache geht, auf die Hotspots.

Black Lives Matter. Natürlich tun sie das. Jedes Leben zählt. Deswegen geht auch jedes Leid jeden an. Deswegen ist es so wichtig, für alle faire Bedingungen und die Chance auf ein erfolgreiches Streben nach Glück zu schaffen. Und natürlich gibt es Rassismus auch in Deutschland und natürlich ist der in Streitkräften und bei der Polizei weiter verbreitet als im Rest der Bevölkerung. Das weiß man nicht erst seit George Floyd und den weltweiten Demos danach und seit dem Zwölf-Seiten-Brief aus dem KSK in Calw an die Verteidigungsministerin. Das ist seit Langem bekannt. Und natürlich ist das systemimmanent. Das ist so, weil Leute, die ein Faible für Autorität und hierarchische Strukturen haben, oft auch Uniformen und das Tragen von Insignien staatlicher Macht mögen. Macht ist geil, und noch geiler, wenn man sie ausspielen kann, und so ist, wo Macht ist, Machtmissbrauch oft nicht weit. Uniformen geben ein ´Wir´-Gefühl, und ´Recht und Ordnung´ liefert ein paar Feindbilder und so geht ´Wir´ gegen ´die´. Ich stelle mir das so gesehen ganz schlüssig und banal vor.

Man frage mal junge Migranten nach ihren Erfahrungen. Die haben nicht das Knie im Genick und werden nicht in Würgegriff genommen, aber jeder wird Geschichten erzählen können, in denen er sich aufgrund seines Fremd-seins schikaniert fühlte.

Nach der Randale in Stuttgart ist man fassungslos. Überwiegend junge Männer, viele mit Migrationshintergrund, prügeln, plündern und verwüsten die Stadt. „On des bei ons!“  – man reagiert geschockt. Ich verstehe dieses Geschockt-sein nach schweren Verbrechen oder Ausschreitungen nicht. ´SO was bei uns´. Hat da denn wer gedacht, Übel gäbe es stets nur anderswo? „Das war wie Krieg!“ sagten Polizisten. Kann ich mir vorstellen.  War auch die Altersgruppe, die man für gewöhnlich in den Krieg schickt. Anscheinend wähnten sie sich in einem. Kommt auch nicht von ungefähr. Und da jetzt zu viel Testosteron, zu viel Alkohol, Drogen, viel Frust und eine Portion Arschlochmäßigkeit – voilà. Ich will´s nicht relativieren, so geht’s natürlich nicht, aber man muss es auch nicht überbewerten. Ich schätze sehr, das war eine spontane Eskalation, die sich nicht wiederholt. Stattdessen wird nach noch mehr Härte gerufen. Ich weiß nicht, ob´s die richtet. Ich habe da Zweifel.

Deutschland ist jedenfalls nicht Amerika, wo die Unterscheidung nach Hautfarben sich durch alle Lebensbereiche zieht und Cops sich benehmen wie Straßengangster. Wundert eigentlich schon. Aber in Amerika waren von  Beginn an alle Auswanderer, von denen jeder einzelne sein Päckchen mitbrachte. Wem es gut geht und wer daheim glücklich ist, den zieht es nicht weg. Es gehen die, die an irgendwas verzweifeln, vor irgendwas abhauen, im Bleiben keine Chance sehen, sich einen Neuanfang anderswo aber zutrauen. So gesehen gründet Amerika auf Mut und einem Schuß Draufgängertum, aber auch auf viel Gewalt und Verzweiflung. Das ist offenbar geblieben. Die Vorfahren derer, die in USA am stärksten diskriminiert werden, kamen sowieso nicht freiwillig. Sklaverei ist nicht Migration. Heute machen diese Nachfahren  den Großteil der Strafgefangenen aus in dem Land mit den meisten Strafgefangenen der Welt. Und dort arbeiten sie in zum Teil privatisierten Gefängnissen und in diesen angeschlossenen Fabriken. Feudalherrschaft ist nicht viel anders. Natürlich kennt die Geschichte auch hierzulande Sklaverei. Aber der Rassismus hier hat ein anderes Gesicht. Schöner ist das allerdings auch nicht.

Ich würde das Wort ´Rasse´ aus den Wörterbüchern streichen. Ich finde das durchaus keine unnütze Diskussion. Es gibt keine Rassen, nicht bei Menschen, nicht bei Tieren. Im  Übrigen empfinde ich diese Diskussion zwar als wichtig, aber nicht als vorrangig, nicht in dem Maß, dass sie die Frage verdrängt, wie es nach und mit Corona weitergeht,  im Ländle, im Staat, im Staatenbund. Wie und wohin. Dass wir unser Verhältnis zur Umwelt und allem, was darin lebt, ändern müssen, steht eh außer Frage.

Ein neues Kohlekraftwerk ist trotz Kohleausstieg in Betrieb gegangen. Ein großer Wald wird gefällt für eine neue Autobahn. Nach der großen Zäsur kommt jetzt ´weiter so´, weiter so, wie es nie richtig war. Und ich und viele, die ich kenne, fragen sich, wann da mal ein Umdenken kommt, wann sie durchschlägt, die Zäsur.

1500 Infektionen bei Toennies. Die in Quarantäne sollten, sind massenhaft abgehauen. Verständlich, aber scheiße. Bei Toennies ist Mensch und Vieh egal und vieles andere auch. Toennies ist in den Cum-Ex-Betrug verwickelt, war wegen Kartellabsprachen zu einer Millionenstrafe verurteilt und hat sich dieser durch ein Ändern der Betriebsstruktur entzogen, hat ein rassistisch geprägtes Weltbild und interessiert sich außer für Fußball nur für den eigenen Vorteil. Das wusste man auch vorher schon. Jetzt dieser Ausbruch – auch das darf eigentlich keinen wundern – Mensch und Tier unter elenden Bedingungen massenhaft dicht an dicht, das ist wie Ursache und Wirkung in einem.

Einen Fleischpfennig soll es geben und Werkverträge sollen verboten werden. Das wird wohl nicht so einfach sein; das ist schließlich auch EU-rechtlich geregelt. Außerdem frage ich mich, ob das die Lösung allen Übels ist.  Toennies wird andere Schlupflöcher finden, der ist ja nicht gewillt grundlegend was zu ändern im Geschäftsmodell; genauso unterstelle ich dem Fleischpfennig, dass er kaum dem Fleisch-gebenden Wesen zugutekommen wird.   

Es braucht nicht neue Regeln. Es braucht eine neue Haltung. Ausbeutung geht nicht, nicht von Menschen, nicht von Tieren, nicht von der Natur. Die Erde ist keine Beute. Jeder Sau ein Recht auf Tageslicht, jedem Rindvieh seine Würde.  Und allem einen fairen Preis. Mindestlohn für alle, egal woher jemand kommt, auch Arbeitsschutzgesetzte gelten für alle gleich, und für die Frage, wie viel Quadratmeter jemandem zustehen, gibt es ebenfalls gesetzliche Vorgaben. Das muss man nur  durchsetzen wollen. Unser Problem heißt nicht so sehr Rassismus, unser Problem heißt Feigheit. Die Freizügigkeit im Regelauslegen wird ja durchaus auch im großen Stil praktiziert, und zwar so, dass ganze Regelwerke karikiert werden. Mietwucher ist verboten. Tierquälerei auch. Weshalb also geschah in der Vergangenheit nichts? In einem Betrieb haftet der Chef,  für Verfehlungen von Subunternehmen haftet deren Auftraggeber. Der nordrheinwestfälische Ministerpräsident hat den Behörden in Gütersloh gedankt für ihren großartigen Einsatz. Ich möchte wissen wofür.

Ich habe einen Artikel gelesen in der ´Zeit´ über Stadtplanung nach Corona.

https://www.zeit.de/2020-06/zukunft-stadt-verkehr-bueros-laeden-veraenderungen-coronavirus

Wo kein Laden mehr reinwill, kann wer wohnen. Das belebt die Innenstädte genauso und nachhaltig und krisensicherer.  Außerdem machen im Umfeld neuer Bewohner neue Läden auf. (Ich wäre sehr für einen Kinder-Second-Hand-Laden. Uns fehlen die Flohmärkte.) Das gäbe nicht wenig neuen Wohnraum, was den Flächenverbrauch drum herum verringert. In Berlin werden Straßen gesperrt und temporär zu Spielstrassen. Dann kommt  der Kiezbeauftragte und öffnet die Hydranten oder schließt den Schlauch am  Brunnen an.  Man stelle sich vor. Wasserrutschen in der oberen Hauptstrasse. Und im Winter, sollte es mal halbwegs gehen, schlittenfahren vom Schwarzen Tor bis runter in die Au. Das wäre ein Spaß! Und cool obendrein. Dann noch Bäume in der Stadt gepflanzt und begrünt, was zu begrünen geht – wer sehnte sich da noch nach dem Einfamilienhaus am Stadtrand.

 „Zäsur!“. Das Jahr begann mit diesem Wort. Ich warte noch immer darauf, dass man sie angeht.