Die Fasnet, die nicht war

Doch, am Ende, so im Nachhinein, meine ich doch, fühlte sie sich an wie ausgefallen. Abgesagt und ausgefallen. Was war, war keine neue Form von Fasnet, eine der Pandemie angepasste. Ja, es war noch nicht mal eine Notlösung. Es war eher eine Art Ehrbezeugung, a tribute to -, als würde halt irgendwie der Umstand, dass sie gewesen wäre, gewürdigt.

Die Clips mit der Schmotzigengruppe und mit den Kindern waren schön zu machen. Da war kurz Fasnet. Außerdem waren just in diesen Tagen diverse Kindergeburtstage, verkleidete natürlich. Wenn so ein Kind sich ein ganzes Jahr auf seinen Geburtstag freut, und dann ist der und es darf aber nur ein einziges weiteres Kind einladen, dann macht das die Sache nicht einfacher, wenn das Ganze  dennoch eine Party geben soll. Wir hingen uns also ziemlich rein, und am Abend des Schmotzigen hing die Krone denn auch schief und war die Schminke verschmiert. Fürs Zoomtrinken anschließend hatte ich kaum mehr Energie. So weit so gut. Am Samstag eine Freundin auf einen Fasnetssekt besucht, am Abend die Küche geputzt. Am Sonntag wäre normal der Bajassumzug gewesen, da waren die Kinder heuer nicht mal da. Stattdessen die Eltern besucht und abends Schulsachen sortiert. Stapelweise Arbeitsblätter versucht einem Wirrwarr von Schnellheftern zuzuordnen, deren Inhalt bestimmt einem System unterlag, aber keinem, das ich verstand. Jetzt ist alles irgendwo drin, und es sind neue Ordner gekauft. Künftig will ich aufmerksamer Schulranzen aufräumen. Alles ist zu was gut. Ich bin näher dran jetzt. In viele Hefte hatte ich kaum je wirklich hineingeguckt. Am Montag wurde ich um sechs Uhr wach, weil eine kleine Prozession, ein mageres, trauriges, herzanrührendes Orchester in noch stockfinstrer Nacht, das erste  Morgengrauen war noch weit, am Fenster vorüberzog und „Oh-jerum“ spielte, in Moll. Dazu defilierte ein langer Mann vorüber, der mir aus dieser Perspektive fremd vorkam – der Kopf riesig, und so harte, kantige Züge; ausserdem schien der Körper geschrumpft. Ich kannte den langen Mann eher aus Kinderperspektive, die eigenen Augen irgendwo auf Kniehöhe, darüber bis zum fernen Kopf hoch oben viel wallendes Blau. Komisch. So sieht der aus? In diesen Zeiten ist sogar der lange Mann nicht mehr das, was er mal war.

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HomeschoolingII

Hausaufgaben – ein Reizwort, sobald  es fällt. Ich fange an das zu verstehen. Familiär steht´s für  Disziplin und Ordnung – wer und welche Familie hat wieviel Energie übrig, sie durchzusetzen – weil ein Wollen ist´s ja selten. Politisch steht´s für Ignoranz und Anmaßung. Hausaufgaben sollen immer da gemacht werden, wo Schlendrian und zu großes Wünschen bei zu wenig Initiative unterstellt wird.

Homeschooling ist eine ziemlich große Hausaufgabe. Die hat niemand ausgesucht, die ist einfach so geworden. Ist halt ein Elend mit diesem Corona. Mit der Schule meiner Kinder bin ich allgemein und hier insbesondere hochzufrieden. Man hat versucht für alle Klassenstufen ein  praktikables Modell des Homeschoolings anzubieten – eine Mischung zwischen zugesandten Plänen inklusiv Arbeitsmaterial und Online-Schulstunden, die dem Ganzen durchaus Rhythmus, Schulbewusstsein und sogar ein gewisses Gefühl von Klassengemeinschaft vermitteln.

Wir kennen nun alles. Homeschooling ohne jede Form von Digital, homeschooling mit Digital, und Notbetreuung. Und wir kennen die jeweiligen Vorzüge und Nachteile. Notbetreuung funktioniert überraschend gut, was die Motivation der Kinder angeht. Die finden´s dort ganz prima. Sie kommen mit  weitestgehend gemachten Aufgaben heim. Aber kontrollieren und korrigieren muss man zuhause trotzdem. Sie sind dort betreut, nicht unterrichtet. Fair enough. Homeschooling ohne Digital ist gechillt und bietet Freiräume, hat aber wenig mit Schule zu tun. Homeschooling mit Digital bietet einen gewissen Komfort, schon was das frühmorgendliche aus dem Bett und in die Klamotten quälen angeht, ist bisweilen durchaus effektiv, fühlt sich echt an wie Schule daheim, hat aber auch seine Tücken. Manchmal hindert einfach Unlust oder zu viele Ablenkungsmöglichkeiten. Der Kater legt sich aufs Blatt, die Barbie oder Legofigur drängt sich auf, man hat Hunger, Durst, muss aufs Klo, muss aus dem Fenster gucken, sieht zum ersten Mal im Leben, dass schräg gegenüber ein Kind wohnt, hat nochmal Hunger, nochmal Durst, muss nochmal aufs Klo, braucht endlich eine Pause. Das dreht sich im Kreis und kann sich über Stunden ziehen…..

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Übers Homeschooling, Impfen und diverse andere Kleinigkeiten

Der Lockdown fühlt sich an wie ein Dauerzustand, und weil er so normal ist, richten wir uns darauf ein. Treffen finden online statt, mehr als zwei Haushalte kommen real nicht zusammen, und wenn, dann zufällig, und der Zufall wird schnell aufgelöst. Dafür wird die Abstandsregel regelmäßig gebrochen. Ich kenne andere, die halten Abstand, nehmen´s aber mit der Haushaltszahl nicht so genau. Wieder andere leben praktisch nur noch online. Jeder wie er kann. Jeder auch, wie er NICHT kann. Und jeder wie er´s versteht. Wenn er´s versteht. Dass ich meine Eltern besuchen kann, die aber nicht mich, das verstehe ich zum Beispiel nicht. Meine Mutter ist seit Wochen nicht mehr wirklich aus dem Haus gekommen. Und ich frage mich, wie das aussehen soll – weitere Verschärfungen.

Wir streiten in der Familie übers Impfen, wobei Streit nicht mit eigenen Worten und selbst formulierten Argumenten  ausgetragen wird, sondern mit Links. Ich werde bombardiert mit Links. Die abzuarbeiten würde Tage dauern. Gute Güte, so viel Zeit soll ich dafür aufwenden? Ich gelte mal wieder als eine, die es aufzuwecken gilt. Ich meine, ich bin informiert. Ich weiß, welche Firma welchen Impfstoff aufgrund welchen Prinzips entwickelt, wie weit Forschung und Zulassung gediehen sind, und meine Hausärztin weiß, welchen ich will. Es ist der, den auch sie favorisiert, höre ich heraus. Ich weiß nicht alles, aber so einiges um die Risiken, und ich wäge ab. Und ich weiß, es gibt kein absolut sicheres Rundumsorglospaket, es ist immer die Wahl wie zwischen Teufel und Beelzebub. Ich tu´s trotzdem. Ich habe mich schon aus nichtigeren Gründen mit vermutlich kaum besser erforschtem Zeug impfen lassen. Dies jetzt, eine akut wütende Pandemie, das ist doch mal wirklich ein Anlass.

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Eine Wette auf die Zukunft

Harte Wochen! Und statt Erleichterung kommt´s nur immer noch dicker. Aber ein Ende scheint absehbar. Irgendwann ist auch wieder Frühling, und man kann mehr nach draussen verlagern, und außerdem wird geimpft, und dann ist irgendwann gut. Das hoffe ich, ich habe auch vor, mich impfen zu lassen.

Bald ist Corona Geschichte. Dann geht man wieder zur Tagesordnung über – und zu Politik as usual. Ich weiß nicht mehr – eine Bundestagsdebatte, glaube ich, war es, bei der es um eine Corona-Vermögensabgabe ging. Da sagte Frau Merkel zu den Kosten dieser Pandemiebekämpfung, das bezahle zukünftiges Wachstum. Diese Kosten belaufen sich je nach Rechnung auf Tausende Milliarden  bis zu eineinhalb Billionen, nur für Deutschland.  Das ist ein Betrag, vor dem man Respekt haben kann. Dies mag es leichter machen, von vornherein und kategorisch zu erklären, dass vorhandenes Guthaben und die Gegenwart dafür also nicht in Anspruch genommen wird.

Trotzdem finde ich das ungeheuerlich. Keine Vermögensabgabe? Die Zukunft soll die Pandemiekosten bezahlen?

Wir streiten  hier um sehr diesseitige und auf unsere eigene Generation bezogene Leiden. Da ist eine Pandemie – wohlgemerkt entstanden auch unter den Bedingungen eines ungebremsten Wachstumsglaubens – und die Überlegung, wie man damit verfährt…..

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Milch

Eine Frau. Sie hat einen guten Mann. Er säuft nicht, schlägt nicht, er liebt seine Kinder  – eines ist noch ein Baby  – und er verrichtet seine Arbeit. Das soll SIE auch tun, sagt er, und er sagt auch, was ihre Arbeit ist. Schließlich ist er der Mann im Haus. Sagt er.  Was immer das bedeuten soll. Völlig wurscht, was in der Hose ist. 2021, aber so was gibt es. In Deutschland. Nicht zu fassen. Immerhin, er kocht, und das nicht schlecht. Sie soll viel und reichhaltig essen. „Für die Milch“, sagt er. Es geht ums Baby. Das wird gestillt. Sie ist immer daheim, ob mit Lockdown oder ohne. Daheim und Mutter-sein – das muss zum Glück genügen.  Sagt er. Lockdown ist quasi der natürliche Daseinszustand im Haus.

Aber dies ist keine Coronageschichte. Es ist zumindest teilweise eine afrikanische Geschichte.

Da ist eine andere Frau. Aus Afrika. Bei ihnen, erzählt sie, ist keine Mutter alleine. Die Familien sind groß und beisammen, und in der Gemeinschaft gibt es immer mehrere Mütter, die gerade stillen. Wenn eine zum Markt geht, dann kann sie das stressfrei und bequem tun ohne Baby, denn sie weiß, wenn es schreit, ist eine Frau da, die es anlegen wird.  So hat jedes Kind zig Geschwister und ein halbes Dutzend Mütter. Die helfen sich auch aus, wenn die Brust einer Frau leergetrunken ist. „Hat jemand Milch?“ kann es durch einen Bus rufen, und dann wird ein Baby über die Köpfe durchgereicht zu einer Frau, die noch hat.

Das kann ich mir bildhaft vorstellen. Es passt zu einer Geschichte, die meine Mutter gerne erzählt. Es ist eine ihrer Lieblingsgeschichten. Sie und unser Vater waren in Afrika an der Elfenbeinküste zu Besuch bei einem Freund unseres gerade erst verstorbenen Bruders. Auf dem Rückflug saßen sie im Flughafen von Abidjan und warteten auf den Aufruf zum Boarding. Mit ihnen wartete eine Gruppe Touaregs; große, dunkle Menschen, stolz und schön wie Statuen, die Frauen in prächtige Farben gehüllt und goldbehangen. Meine Mutter saß und bewunderte – und bekam plötzlich ein Baby in den Arm gedrückt. Die Touaregmutter bedeutete ihr, sie müsse mal. Und meine Mutter wiegte das Baby und war selig und beglückt. Vielleicht hat die Frau ihr angesehen, dass man dieser weißen, älteren Dame guten Gefühls sein Herzblatt anvertrauen kann. Hätte meine Mutter gekonnt, sie hätte auch gestillt.

Unsere Familien in Mitteleuropa sind – zumindest oftmals – zu klein und zu schlecht aufgestellt für die Vielfalt der Aufgaben, und das auch dann, wenn Kitas und Schulhorte mithelfen und einen Teil übernehmen sollen. Wo´s schwierig wird, werden Verantwortungen hin und her geschoben und man steht sich gegenseitig im Weg mit seinen unterschiedlichen Definitionen von Erziehung und Konsequenz.

Ich finde auch, es liegt etwas durchaus Ambivalentes in diesem ´Konsequenz´. Freilich, jeder muss wissen, dass unterschiedliches Verhalten unterschiedliche Folgen nach sich zieht – je nachdem. Schon Kinder müssen das erfahren. Aber so ein „wer nicht hören will, muss fühlen“ ist auch nicht zwangsläufig die Lösung aller Probleme, auch dann nicht, wenn „Be-greifen“ von „Greifen“ kommt. Ich wünsche mir ja ohnehin Köpfe, die VORHER verstehen, VOR der schlimmen Konsequenz. Verstehen und Lernen ohne didaktisch eingebaute Eskalationen. Ist langsam und zäh und voller Verwirrungen. Aber es soll ja der Planet nicht kippen müssen, bevor man versteht, man muss was ändern. Nur ein Beispiel. Manche Konsequenzen kann und will man sich einfach nicht leisten.

Ich weiß nicht –

Die Kinder sind noch klein, und sie müssen noch so viel lernen. Manchmal bin ich ganz entzückt und denke, sie haben schon so viel verstanden – das werden sie auch weiterhin und stetig zunehmend, und ich kann Vertrauen haben und gelassen bleiben. Bis es sich wieder irgendwo verhakelt und ich an der glatten Wand hochlaufen will, weil zwei und zwei partout nicht vier ergeben will.

Ich habe das Rezept noch nicht entschlüsselt. Mir fehlen einfach ein paar Zutaten. Ich komm noch drauf!

Gutes, neues Jahr!

Überall finde ich Konfetti – unterm Sessel, unter Schränken und Kommoden, im Bett, im Waschbecken, unterm Christbaum. Dort mischen sie sich mit den Knicklichtern, die nur noch müde vor sich hin leuchten. Knicklichter, zuhauf und quietschend bunt. (Knicklichter waren in der Vergangenheit im selben Freundeskreis auch schon heftig umstritten: https://beatekalmbach.home.blog/2019/06/29/knick-es/) . Geselligkeit ist eine wichtige Zutat von Festlichkeiten, Musik – sogar Krach ist erlaubt, wenn´s übermütig werden darf – und Sauerei, die auch. Verzicht ist das Eine, ein Fest das andere, beides zusammen geht nicht.  „Wir haben noch mehr zum Sauerei-machen“, sagte eines der Kinder und holte eine Packung Luftschlangen. Die Sauerei war schließlich flächendeckend.

Es war ein schöner Jahreswechsel. Früh ausgemacht, schon zu Zeiten, als der Lockdown kein Thema war, als es nur um Personen – und Haushaltsanzahl ging. Das war hinzubekommen – zwei Erwachsene aus zwei Haushalten, Kinder unter 14 zählen nicht – passt. Dann kam die Ausgangssperre dazu und die Überlegung, ob es das jetzt wohl war mit Silvester-feiern. Man könne ja auch mal ganz intim – so jeder für sich. Kann man schon. Natürlich kann man das. Wir können auch gut für uns sein. Aber das sind wir derzeit viel genug, und ein Fest ist nunmal schöner mit mehreren. Wir haben ein Kinderzimmer zum Gästezimmer erklärt, und die Gäste blieben über Nacht. Den nichtzählenden Kindern gefiel das prima.

(Die Knicklichter erwiesen sich als äußerst hilfreich. Großzügig verteilt gaben sie das nächtliche Notlicht für die Wohnungsfremden.)

Wir haben Pizza gegessen und getanzt zu den Toten Hosen, „Das Mädchen aus Rottweil“. Die Knicklichter steckten in Socken und Hosenbünden, in Haaren und Händen und gaben die Lichtshow. Und wir haben gemalt, jeder ein Bild, was er sich vom kommenden Jahr erhofft. Ein Krankenwagen, Figuren mit Mundschutz, die diesen im nächsten Bild nicht mehr tragen, durchgestrichene Viren – alle wünschen sich ein Ende der Pandemie. (Niemand ist Impfgegner. Persönlich bin ich durchaus geneigt, schon aus gesellschaftlicher Solidarität. Aber wir Großen haben offene Fragen. Dies nebenbei. Hier ein Link zu einer Bloggerin, die das meines Erachtens nach ziemlich anschaulich zusammengestellt hat: https://ichlachemichgesund.blog/2020/12/29/meine-personlichen-fragen-an-die-impfung/ ). Mädchen wünschen sich Babys, als Kind und/oder Geschwister. Feste und Treffen mit vielen FreundInnen werden gemalt. Kein Haushaltszählen mehr. Alle auf einmal treffen. Abgesehen davon, dass das sehr effektiv ist, was das soziale Miteinander angeht, macht es halt auch Spaß, wenn man gemeinsam alles Schwere von sich schiebt, die Dinge mal eben leicht nimmt. Das ist geradezu verpönt in diesen Zeiten und wird oft als Merkmal von Verwöhntheit und Egoismus abgetan. Aber das finde ich unfair. Party-machen darf man schon vermissen und also sich wünschen. Und alle malen Schwimmen, geöffnete Bäder, Strand und Meer. Jaaa. Das vermissen wir. Das Schwimmbad. Ein Bild zeigt das Kino. Und eines den Besuch des Europaparks. Ein Kind will mal Rockstar sein und auf großer Bühne stehen – Nicht ausgeschlossen, aber im kommenden Jahr schwer zu erreichen. Man müsste erstmal anfangen ein Instrument zu lernen und Freude am Singen zu entwickeln. Schneeflocken gibt es hellblau dahingestreut aufs Papier, nächstes Mal bitte weiße Weihnachten. (Ich bin erstmal froh, dass wir dieses geschafft haben). Eine Erde mit einem Schutzmantel, „1,5°“ – ein Klima, das sein darf, wie es von sich aus ist. Ein Herz und ein Friedenszeichen, und Yin und Yang – Harmonie.  Ein Daumen für viele Likes. Schöne neue Welt. Ein Buch lesen. Na, wenn sich das nicht machen lässt, dann wäre es wirklich schlecht bestellt um uns. Ein Buch lesen – aber bitte doch.  Überhaupt besteht durchaus Anlaß zur Zuversicht. Lesen geht. Kinderkriegen auch; das ist ohnehin ´Prinzip Hoffnung´ – also hoffen wir und unternehmen alles Notwendige, (die, die sich das wünschen). Auch Baden wird es geben in irgendeiner Form. Es ist Wasser in der Welt und es wird wieder Sommer sein, und also geht auch Baden. Und Schneeflocken, ja, noch gibt es sie, weniger als früher, aber es gibt sie. Einen Schutzmantel für die Erde – das wäre was. Es ist Wahljahr – man kann auch hierfür wählen. Fürs allgemeine Klima.

Nächstes Jahr um diese Zeit nehmen wir die Bilder wieder raus und gucken, was aus den Wünschen geworden ist. Und bis dahin verlieren wir nicht die Hoffnung.

Allseits gutes neues Jahr.

Und es kommt doch

Unsere Sorgen ums Christkind

„Kommt es oder kommt es nicht?“ „Kann es überhaupt?“ Wochenlang trieb die Kinder die Sorge um, ob das Christkind dieses Jahr kommen kann. Und wochenlang sagte ich „natürlich! Ganz sicher! Das Christkind kommt!“ Ich habe konsequent Vorbereitungen getroffen, damit das dann auch stimmt. Ich habe für die Großen, die es zu beschenken gilt, ein paar Kleinigkeiten im örtlichen Einzelhandel und auf der abgespeckten Version des Weihnachtsmarktes gekauft, support your locals,  aber das meiste,  die Hauptgeschenke für die Kinder, das Oberste der Wunschliste – die es in einem Faller oder Merz hätte geben können, die  jetzt, da es keinen Faller oder Merz mehr gibt, in der Stadt heuer aber ohnehin nicht zu bekommen sind  – bestellt. Frühzeitig. Es war ja leicht sich auszumalen, dass Versandhandel und Lieferservices mehr als ausgelastet wären. Ich dachte, ein paar kleine Sächelchen noch und alles ist beisammen. Das Christkind kommt! 

Letzte Woche, da war die ursprünglich verkündete Lieferzeit bereits um ein Mehrfaches ausgeschöpft, hätte das Paket kommen sollen, dann Anfang dieser. Da kam eine Mail, „morgen“ und tags darauf nochmal „morgen“, und dann kam da auch nichts, und abends war da eine Mail – „zugestellt!“ Hä? Ich ging runter, kein Paket, guckte in den Briefkasten, keine Karte, fragte die Nachbarn, die hatten nichts. Das war nun also doch Anlass zur Sorge. Eine unruhige Nacht. Am andern Morgen beim Lieferdienst angerufen, mich mit diversen automatischen Hotlines herumgeplagt, die, sobald die Sendungsnummer eingegeben war, behaupteten „zugestellt“, daraufhin online mich über einen automatischen Chatpartner geärgert, der freundlich fragte „was ist dein Problem?“. „Ich habe kein Paket erhalten.“ „Ich lerne noch. Bitte benutze andere Worte.“ “Kein Paket.“ „Bitte benutze andere Worte.“ „Es hat keine Zustellung stattgefunden.“ “Bitte benutze andere Worte.“ „Keine Zustellung.“ „Bitte benutze andere Worte.“ „Depp!“

Bei so was weiß ich immer überhaupt nicht wohin mit meiner Wut. Megafrustig. Man ist so komplett aufgeschmissen. Ich will das Telefon an die Wand schmettern, aber das trifft mich nur selbst. Ich will den Chat aus der Steckdose ziehen und die Worte aus ihm schütteln, mit denen er was anfängt. Sonst zeig ICH IHM, womit ICH was anfange. Eine Frechheit. Wie kann man „zugestellt“ behaupten, wo nichts ist? Geht’s noch? Mittags die Paketshops abgeklappert, da lag nichts, aber ich bekam einen Tipp, wie eine echte menschliche Stimme an die Strippe bekomme. Tatsächlich daraufhin eine echte Frau gesprochen, Trost und Hoffnung erfahren, „wir kümmern uns drum!“. Wiederum eine Mail erhalten, „Bearbeitungszeit zwischen einer und drei Wochen“! Endgültig Zeter und Mordio geschrieen. Und so was will Götterbote sein. In der Not aufs Küchenbuffet gedonnert. Die Hand tat mir weh. In Panik geraten. Und das in diesem Lockdown. Alles ist zu. Was jetzt? Dem Götterboten eine Mail geschickt. ….“Machen Sie Witze? In einer Woche ist Heilig Abend. Die Bestellung liegt 4 Wochen zurück. Ich habe keine Ahnung, wie es geschehen kann, dass eine Sendung als zugestellt gilt, die nirgends liegt, bzw ein Vermerk dazu. Seriös ist das nicht, auch nicht in ´diesen Zeiten´, in denen Sie, das ist mir bewusst, extrem viel zu tun haben. Es macht es nicht einfacher und schneller, wenn solche Verwicklungen geschehen. Gerade wenn viel los, muss es korrekt laufen. Klar, nicht wahr?…“ Die Logik stimmt zwar, es waren nun zwei Kundenservices mit dem Paket befasst, plus Anfragen in drei Paketshops inklusive Gespräche mit diversen Fahrern, die es auch eilig hatten. trotzdem ist mir diese krätzige Ansprache im Nachhinein doppelt peinlich. Die folgende Nacht nahezu schlaflos verbracht, im Geiste Briefe  des Chriskinds an die Kinder formuliert, es tue ihm so leid, es sei leider doch nicht gegangen, hier Lieferengpass, da Quarantäne, dort geschlossene Grenzen und Überlastung, selbst das Christkind scheitert an Corona. Das von der Tante kommt zu OmaOpa, hoffentlich, und die Freundin hat´s mir auch schon gegeben, ausserdem habe ich stets ein paar Sächelchen deponiert, Übrigbleibsel irgendwelcher früherer Bestellungen, die dann doch aussortiert wurden, oder Second-Hand-Zeug, das unangemeldet ins Haus kam und für ein Geschenk taugt. „Hier ein paar Kleinigkeiten, ihr Lieben, damit ihr wenigstens was zum Auspacken habt, aber seid gewiss, Eure Wünsche sind gehört und sollen in Erfüllung gehen“. Irgendwie so. Und Schokoladenfondue statt ausgiebiger Bescherung, oder ein neues Spiel. Aber selbst die beste Idee wäre eine Notlösung, und dies freudige Aufwachen am ersten Weihnachtsfeiertag, wenn alles noch unterm Baum liegt und jetzt also ausgiebig bespielt werden kann, das würde fehlen. Ich war übermüdet und übellaunig. Kein Funke adventlicher Vorfreude. Es fehlte nicht viel, und ich wäre bereit dieses Fest aus dem Kalender zu streichen für dieses Jahr.

Es geht ja nicht bloß um die Geschenke. Da ist die kranke entfernte Verwandte, die verdreht und planlos von Hochrisikogebiet zu Hochrisikogebiet durch die Lande zieht, ohne Vorstellung davon, was an Vorsichtsmaßnahmen weshalb wie wo eingehalten werden soll, die einen Platz zum Leben sucht, überhaupt ihr Leben sucht, das ihr unter den Füßen zerronnen ist, und die immer wieder bei den alten Eltern eincheckt. Die hatten für Leute in Not stets eine offene Türe, und das ist gut so, aber das Abwägen der Risiken muss man mittlerweile für sie mitübernehmen – im Alter verändert sich der Blick  – und dann wäge ich ab und habe es doch nicht in der Hand.

Da ist der Job, den ich so gerne mache. Kaum einmal hat es einen Tag gegeben, da ich ungern hingegangen bin. Ich bin gerne mit den Leuten ´meiner´ Wohngruppe zusammen. Und jetzt will ich eigentlich dort sein, um die Lage etwas aufzuhellen, und will doch nicht, weil es so deprimierend ist und ich mit dem Gefühl heimgehe, ich kann keinem mehr gerecht werden. Wer sich ´draussen´, im ´normalen´ Leben, aufregt über Coronaregeln und Einschränkungen, der hat keine Vorstellung davon, was ´Besuchs – und Ausgangssperre´ und ´Quarantäne´ bedeuten fürs Dasein in einem psychiatrischen Pflegeheim, und wie es die trifft, die von ihrer Verfassung her ohnehin nicht die Möglichkeiten haben, mit denen wir ´Normalos´ uns so über die Runden retten. Das Wort ´Fest´ nimmt man schon gar nicht in den Mund, es wird keines geben. Und sie werden sehr alleine sein.

Es ist niederschmetternd. Dieses Kack-Virus. Man straft die, die man schützt. Es gibt überhaupt kein ´richtig´.

Ein Rechtstaat braucht Regeln, damit funktioniert er, mit Rechten, und deren Kehrseite, gegen die man auch klagen kann. Das kann ich verstehen, das finde ich auch gut. Um dauerhaft akzeptiert zu werden, braucht es trotzdem Spielraum und Mut – damit Platz ist für gute Geschichten.

Ich habe einen alten Freund wieder getroffen. Jahre, Jahrzehnte her ist das letzte Treffen. Rottweil ist ein guter Ort zum Zurückkommen. Ich bin nicht die Einzige, die das entdeckt hat. Dieser Freund stand mir nah, die ersten Ausflüge und später Urlaube ohne die Eltern unternahm ich mit ihm. Ein Mal waren noch eine Freundin und ein weiterer Freund dabei, der immerzu sagte „in der Ruhe liegt die Kraft“. Der sagte das so oft, dass wir es aufgriffen, es zum geflügelten Wort wurde, bei jeder Gelegenheit wiederholt, was den Verursacher mitunter furchtbar aufregte – das war einer, der alle Mühe hatte mit der Ruhe und deren innewohnenden Kraft.  In der Ruhe liegt die Kraft. Das sag ich mir jetzt auch. Tief durchatmen.

Ich sinne auf Notlösungen, in denen freilich so viel ´Not´ drin ist, dass sie als Lösung kaum mehr durchgehen. An Heilig Abend gibt es also auch in der Wohngruppe eine kleine Bescherung, und Musik aus der Konserve, und süße Düfte. Und am zweiten Weihnachtsfeiertag rücke ich mit Punsch und Bredle und Vorlesegeschichten an. Besser als nichts. Auch für die Verwandte habe ich ein Domizil gefunden, wo ich sie zur Not unterbringen kann. Die Tante sagt unseren Besuch bei ihr ab, das ist sehr schade, kommt aber nicht unerwartet. „Ihr mit Euren Zahlen!“, in Rottweil, sagt sie, das klingt wie eine Schuldzuweisung. Nachvollziehen kann ich die Absage, als sinnvoll ansehen auch. Der Kreis Rottweil hat derzeit die höchste 7-Tage-Inzidenzrate im Land. Im Ranking der besuchfähigen Landkreise haben wir damit den Schwarzen Peter. Ich bin mir keiner Schuld bewusst. Der Landrat sagt das, was alle sagen, die sich an hohen Zahlen stören: das hängt mit den vielen Tests zusammen. Finde ich großartig.

Und dann gibt es doch noch Platz für eine gute Geschichte:

Mittlerweile war ich im Schwarzwald-Baar-Center gewesen. Dort, hatte eine Bekannte mir gesagt, der ich das Desaster mit dem Götterboten geschildert hatte, habe der Supermarkt eine gut sortierte Spielwarenabteilung. Ich verstehe den Frust des Einzelhandels, das ist voll unfair. Das ist voll fies – ich bin trotzdem hin, war froh, dass dieser Bereich nicht abgesperrt war, und habe eingekauft, jedem ein kleines und ein etwas größeres Geschenk und war beruhigt. Das Fest ist gerettet. Und dann telefonierte ich mit dem Opa wegen des Christbaums, und der sagte ganz nebenbei „hier steht übrigens noch ein Paket für Dich.“ Oh. „Von wem?“ „Mieiehtoohiehs“, in Zeitlupe. „Mytoys!“ Das ist es! Und da fiel´s mir ein. Ich hatte vom selben Unternehmen vor Jahren mal zu ihnen schicken lassen. Das Christkind ist ein zauberhaftes Wesen, das es schafft, in einer Nacht überall gleichzeitig zu sein. Aber von diesen Lieferungen sollten die Kinder nach Möglichkeit erstmal nicht wissen,  damit sie nicht vor der Zeit entdecken, dass  das Christkind eben auch Menschen aus Fleisch und Blut ist. Das muss man erstmal zusammenbringen. Jetzt hab ich Geschenke zuhauf und noch was übrig für den Osterhasen. Dem Lieferdienst habe ich eine weitere Mail geschickt: „Tut mir sehr leid. Jetzt hab ich alle jalous gemacht und an anderer Leute Seriosität und Korrektheit gezweifelt, wo ich selbst es versemmelt habe. Wenn man mal ein Beispiel braucht für ´peinlich´- das wäre eins. Ich bitte um Entschuldigung, bade in Asche und wünsche schöne Weihnachten.“

Das Christkind kommt. Und Oma und Opa werden kommen. Das Krippenspiel machen wir wieder selbst und OmaOpa geben die weisen Könige.Und statt zum gemeinsamen Singen vor dem Rathaus werden wir zusammen auf den Friedhof gehen und Kerzen anzünden. Und wenn wir wieder da sind, werden wie von Zauberhänden, die dem Nachbarn gehören, die Geschenke unterm Baum liegen, und es wird ganz bestimmt ein frohes Fest.

In diesem Sinne – allseits schöne Weihnachten. Machen wir das Beste draus.

Aromatherapie

Ich bin nicht für Multitasking gemacht. Weihnachten im Kopf, den Lockdown, diverse familyaffairs, setze ich Kartoffeln auf, bring Müll runter, steh am Fahrrad, denke „ach, das wollte ich ja auch noch dekorieren“, mache das mal eben schnell, die Sachen hatte ich zuvor schon bereitgelegt, unterhalte mich noch etwas mit dem Nachbarn. Bis ich wieder hochkomme, sind die Kartoffeln schwarz, das Wasser verdampft, die Küche im Nebel, und es stinkt, dass es in der Nase beißt. Fenster auf, Stoßlüften, aber so viel kann´s gar nicht durchziehen, dass diese beißende Schärfe verschwindet. Ich fülle die Schalen, die ich auf den Heizkörpern verteilt habe, mit frischem Wasser und gebe Duftöl hinein, so japanisches Pfefferminzzeug. Aber das, stellt sich heraus, ist wie der Versuch, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben – besser wird es nicht.  Das beißen erhält nur eine frischere Note. Immerhin. Ich verlasse das Haus, mache Besorgungen, ein Fenster bleibt auf. Als ich zurückkomme ist es besser, und ich habe ein etwas feineres Duftöl gekauft. „Mutter Erde“ heißt es, und es verspricht „erdige und holzige Noten mit Blütenessenzen versetzt, die an die Schönheit der Erde erinnern“. Das klingt doch prima. Und die Hersteller werben „so schlimm auch derzeit die Situation ist und so groß unser Mitleid für alle Leidenden auf der Welt… vielleicht… wird uns nun bewusst, wie unwichtig wir sind und wie wichtig für uns unsere Mutter Erde… Sie kommt wunderbar auch ohne uns aus, ja, sie regeneriert sich sogar in kurzer Zeit, wenn wir uns vor Unheil in unseren Häusern verstecken“.

Jetzt riecht es wieder prima, und wenn Besuch kommt, fragt der, was das für ein wunderbarer Geruch ist. Die Wirkung ist wie bestellt. Aber ich fühle mich etwas seltsam. Als ob ich mich vor den Leidenden der Welt und allem menschengemachten Elend versteckte, so im Stil von „nach mir die Sintflut“, und als ob ich im Chaos Rosenwasser sprengte anstatt Müll wegzuräumen. Und sowieso, was heißt schon „in kurzer Zeit“? Manche unserer Hinterlassenschaften brauchen Jahrtausende, um sich abzubauen und werden bis dahin sicherlich vielen Lebewesen und Pflanzen zum Verhängnis. Ich schwanke zwischen dem Bedürfnis nach Wellness und Scham über meine Dekadenz. „In Buchenspan verpackt und mit einem Traum versehen soll dieser Duft um die Erde gehen.“ So steht´s da. Der Zweifel macht es nicht leichter, Verzicht aber auch nicht. Ich hole ein neues Teelicht und gebe noch ein paar Tropfen ins Wasser. I have a dream – besser ist mir so.

Nobel geht die Welt zugrunde.

„Proletarier aller Länder!- wir müssen reden!“

„Revolution!“, „Umsturz!“ „Ende, aus, Amen“ oder „Systemwandel!“. Es brodelt. Es kippt.

„Wenn der Kahn nach rechts kippt, setze ich mich nach links“. Was hat man sich in der Afd aufgeregt über dieses Stück des Zimmertheaters und den Umstand, dass Kultur im Land unabhängig von politischer Gesinnung gefördert wird. Wenn die Kunst das Gären bespricht, dann bitte nur, wenn man gut wegkommt dabei. Steuergeld nur für Lobgesänge. Es war nicht das Stück, das man eben gesehen hatte, mir fällt´s nur gerade ein. Wegen dem ´Kippen´.

Sehenden Auges, will mir scheinen, stürzen wir uns ins Unglück.  Es ist, als müssten wir schnellschnell wissen, wie unsere Geschichte zu Ende geht. Wie jemand, der vor und ins letzte Kapitel blättert. Dabei ist das noch nicht mal geschrieben. Und ich muss mich selbst mahnen – es ist auch noch gar nicht raus, ob es eine Tragödie gibt. Von einer Tragödie spricht man erst, wenn am Ende wirklich restlos alles seine schlimmstmögliche Wendung genommen hat. Bis dahin aber gibt es immer noch bessere Möglichkeiten. Der Gedanke tröstet, er lässt einen Funken Hoffnung.

Draußen liegt Schnee heute, dabei scheint der Sommer eben erst vergangen. Es war doch erst gerade, da saß ich im Sommertheater im Bockshof, in einem kurzweiligeren, sommerlaunigen Stück. Nach der Vorstellung blieb man sitzen, ein kleiner Kreis, (Sicherabstand gewahrt), um uns wurde verpackt und aufgestuhlt, drumherum war Dunkelheit. Wir saßen und redeten, und in unserem Kreis war man sich einig – es kippt – das Klima, die Ökosysteme, der Frieden, der Zusammenhalt der Gesellschaften, alles, es geht den Bach runter. Und wir sitzen da und versuchen, die Nerven zu bewahren.

„Halte dich an Jesus“, sagte neulich eine ehemalige Nachbarin zu mir, die ich auf dem Spaziergang zufällig getroffen hatte. Sie liest Biographien von Christen, die sich in Krisen umso stärker an ihren Glauben hielten und viel in der Bibel. „Das hilft es auszuhalten!“

Ich will aber gar nicht aushalten. Im Übrigen bin ich mir gar nicht sicher, ob das das Problem nicht eher verschärft. Ein Bekannter, ein Perser, der jetzt seit vielen Jahren in Deutschland lebt, hatte mir unlängst erklärt, wie in seiner Heimat über die vergangenen Jahrzehnte alles wegbrach, (nicht zuletzt mit Betreiben des Westens) – erst die Wirtschaft, der Wohlstand, die Kultur, Frieden und Freiheiten, zuletzt die innere Sicherheit, geblieben ist nur die Religion, der Glaube, und heute halten sich alle daran fest, auch die, die den vordem eher moderat und gelassen genommen hatten. Es gibt nichts mehr sonst zu verlieren.

So eine Fixierung auf den Glauben macht die Welt aber auch nicht besser, will ich meinen.

Wir haben die Wohnung jetzt adventlich geschmückt, und die Kinder freuen sich auf Weihnachten. Ich mag dieses Fest auch, und den Gedanken, dass die Nächstenliebe gefeiert wird, und überhaupt die Liebe und die Toleranz und die Nachsicht. Außerdem gibt man im Christentum viel auf Vergebung der Sünden, was ich sympathisch finde. Strafsysteme und Rachegelüste vergiften auch bloß und schüren üble Neigungen.  Glaube kann ein schon Halt sein, und eine Struktur geben, einen Faden in die Hand, so wie die Aufteilung in Alltag und Wochenende und Feiertage die Zeit strukturieren hilft. Aber dass da irgendwelche überirdischen Mächte unsere selbstgemachten Probleme für uns lösen, das schließe ich aus. Das wird nicht geschehen. Und wenn wir noch so viel beten.

Es brodelt, es kippt, es rumort, überall. Die Auslöser sind unterschiedlich, aber ich empfinde das Brodeln als dasselbe. So viele Menschen wollen so viel, viele völlig zu Recht, und einige wollen mehr als andere, einige wenige das Meiste für sich.

“The world is looking at you!”, sagte der persische Freund. „Die Welt schaut auf Europa“.

Herrje. Ich weiß nicht, wie ich das finden soll. Was eine Bürde, und hier gärt es ja genauso. Nationalismus gegen Gemeinsamkeit. Populismus gegen Demokratie. Ich dachte, wir leben in Ländern und Gesellschaften, die im Geist der Aufklärung verwurzelt sind – die Befreiung von der Knechtschaft unter Kirche und Aristokratie, und  Ideale, die ´Vernunft´, ´Toleranz´, ´Bildung´ und ´Bürgerrechte´ und ´Emanzipation´ heißen. Freie, aufgeklärte Bürger bestimmen ihr Schicksal selbst. Sie lieben und empfinden und glauben, jeder nach seiner Fasson, aber entscheiden tut man schließlich anhand von wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen und nach den Regeln der Vernunft, und ´Staat´ ist ein dem Gemeinwohl verpflichtetes, selbstverwaltetes Gebilde. Und jetzt müssen gerade Wissenschaft und Bildung sich so verteidigen und wird Toleranz verunglimpft als Gutmenschentum, und es gilt als fraglich, ob wirklich alle dieselben Rechte haben. Und es sind wieder alles ´Glaubensfragen´, Fakten gelten als bloße Ansichtssache. Es kommt ja schon so weit, dass Zweifel geschürt werden, ob die Erde tatsächlich eine Kugel ist und nicht vielleicht doch eine Scheibe. Gute Güte. Mir bleibt die Spucke weg.  Natürlich muss sich Wissenschaft Zweifel stellen. Ich denke, Wissenschaft lebt von Zweifel und Fragen, aber mit Vernunft auch diese einkalkuliert, haben ihre Erkenntnisse Gültigkeit. Und eben die wird ihr aberkannt von denen, die grad am Lautesten  ´Revolution!´ schreien.

Es liegt immer etwas Hehres in diesen Rufen, es klingt mutig und kühn und verwegen, und es greift so gut die Unruhe auf, die in der Luft liegt. Aber dann sehe ich mir die an, die da rufen und denke „nee, Veränderung ja, revolutionäre auch, bitte, gerne“, aber nicht so. Nach den Barrikaden kommen manchmal auch die Jakobiner, und dann neue Kaiser, und nichts ist besser, es ist nur eine Menge Leid geschehen, und es sind andere Köpfe oben, aber wieder gibt es ´oben´ und ´unten´.

Man darf es nicht den Ärschen überlassen, das Brodeln aufzugreifen und die Parolen zu formulieren. Man darf nicht sie ´Angst´ definieren lassen. Natürlich liegt Angst in der Luft. Aber die vor dem Virus und seinen Begleiterscheinungen scheint mir eine der Geringeren. Ich habe Angst vor der Zukunft meiner, unser aller Kinder, und mit dieser  Angst stehe ich nicht allein. Ich habe Angst davor, was wir dem Planeten antun.  Ich will, dass sich etwas tut! Es muss sicht-und spürbar sich Wandel zeigen. In der Politik wundert man sich über das Erstarken der Rechten und Komplett-Durchgeknallten. „Was sind sie denn alle so unzufrieden?“. Stimmt ja. Es geht den allermeisten ja eigentlich viel zu gut für eine solche Wut. Ich glaube, es ist die Angst, egal, wie die jeder für sich für sich selbst definiert. Es ist die Angst, die brodelt, und das übermächtige Gefühl ´so geht es nicht weiter´. Und je länger weiterregiert und verwaltet wird wie gewohnt, je mehr leistet man dem unguten Anteil in dieser Angst und diesem Brodeln Vorschub.

Es braucht eigene, andere Parolen. Bei den AHA-Regeln geht´s doch auch. „Abstand, Mundschutz und Hygiene“ – fertig. Kurz und bündig. Geht doch.

„Keine neue Versiegelung von Flächen, ehe nicht bereits zerschnitte undoder versiegelte, mittlerweile ungenutzte Flächen nicht verbraucht sind“. Mit Maßstäben der Vernunft und dem Gemeinwohl verpflichtet gemeinsam entschieden.

„Kein Müll in die Natur, unter keinen Umständen. Alles wird nach den neuesten technischen Möglichkeiten möglichst emissionslos entsorgt oder besser noch recycelt, im Land des Entstehens.“

„Öffentliche Transportmittel statt Individualverkehr. Gefördert wird, was dem gerecht wird.“

„Keine Kriege oder Unterstützung derselben!“ Es sei denn vielleicht sie dienen, zweifelsfrei und akut, der Verhinderung eines Genozids, was die einzige Rechtfertigung sein kann. Die Opfer eines laufenden Krieges genießen selbstverständlich Schutz und Hilfe.

„Keine Produktion von irgendwas, solange die Fragen nach Folgen und der Müllentsorgung nach Gebrauch nicht nachhaltig geklärt und sichergestellt sind.“

„Keine Produktion von irgendwas, ohne dass der Ressourcenverbrauch nachhaltig hineingerechnet ist.“

„Keine Produktion von irgendwas, ohne dass nicht alle an der Produktion Beteiligten angemessen entlohnt sind.“ Das gilt auch für Fleisch. Ställe müssen Luxus-Viehhotels sein. Wenn schon jung sterben zu anderer Wesen Genuss, dann wenigstens davor vortrefflich gelebt.

„Keine Handelsabkommen, die arme, kleine oder schwächere Marktteilnehmer übervorteilen“.

„Finanzmarktteilnehmer sind verpflichtet sämtliche Transaktionen offen zu legen. Sämtliche. In jedem Land, in dem sie aktiv sind.“ Eigentum verpflichtet, auch und gerade dem Gemeinwohl. Habenichtse legen schließlich auch offen.

Und mehr Ehrlichkeit.

„Das Wachsen ist vorbei. Wir müssen uns auf weniger einstellen. Wir verteilen so, dass möglichst keiner Not leiden muss!“…..

Es ist ja nicht so, ich verstehe die überwiegend ja doch vorherrschende Gelassenheit und Akzeptanz, in der sich die Leute derzeit einschränken, nicht anders: sehr viele Leute sind sehr bereit sich sehr weit fürs Gemein- und eigene Wohl einzuschränken. Das ist doch was. Das ist doch eine Basis.

Weit über 50 Prozent tragen derzeit Regeln mit, die als teilweise ungerecht, als unausgegoren, als widersinnig und unlogisch, als gemein, als schwer, als unter normalen Umständen unzumutbar gelten. Zu Recht. Sie sind starker Tobak. Und doch nehmen die meisten sie hin und das sind nicht unbedingt die, die weniger darunter leiden.

Manche spüren den Druck vielleicht gar nicht, denen geht es einfach gut, die genießen die gewonnenen Ruhe und ihr auskömmliches Dasein. Ich will´s nicht missgönnen. Wer glücklich ist, den lasse man glücklich. Ich find´s oft aber auch leicht bourgeois und biedermaieresk. Die  haben kein Problem mit Lockdown, nicht mit light oder strong, denen passt es hin wie her. Die sind sich selbst genug und sehen die Not anderer gar nicht.

Es gibt aber durchaus viele Freischaffende, Künstler, Selbständige, Wirte, uswusf., Leute, die mitunter schwer zu darben haben und die dennoch sehr bereit sind mitzutragen – solange die Gründe dafür nachvollziehbar sind. Die weiß man halt gerne. Man will mit abwägen.

Vielleicht hat der persische Freund ja Recht. Vielleicht könnte man es vormachen. Europa hat eine starke Zivilgesellschaft, eine starke Wirtschaft und eine starke Demokratie. Von wegen ´Krise der Demokratie´. Nur weil paar Dumpfbacken den Reichstag stürmen,  ist noch lange nicht die Demokratie bedroht. Und auch nicht beschmutzt. Herrje. Stelle man sich nicht so an. Das sind Flecken auf der Weste, die gut wieder rausgehen.

Vielleicht ist die Demokratie ja die beste Form, um Umwälzungen, wie sie stattfinden müssen, zu bewältigen. Sie ist nicht die einfachste, unkomplizierteste, das nicht, aber die gerechteste, und sie nimmt die meisten mit, anders wie viele andere Revolutionen und Umstürze das tun, in denen nur ein ausgewählter Teil profitiert. ´Systemwandel´. Da steckt das ganze Spektrum der Aufgaben drin, die anstehen, ohne den plötzlichen Umsturz. Systemwandel ist etwas, das sich denken und lenken lässt. Angehen muss man ihn freilich schon. Bereden. Thematisieren. Diskutieren. Hin und her drehen, von oben nach unten und umgekehrt und von links nach rechts und wieder zurück, von innen nach außen und von außen nach innen – Systemwandel ist das Thema, das ansteht.

Systemwandel ist ein Wort, das in der offiziellen Politik bislang nicht vorkommt, und so lange es das nicht tut, glaube ich, erstarken die Ultra-Rechten und Voll-Arschigen.

„Let´s move it!“  Und hey, Ihr Gewählten und Entscheidungsträger – Ihr auch – „move it!“ Habt nicht so einen Schiss vor Fehlern und Gegenwind oder gar dem Verlust eines Amtes. Keiner muss schließlich im Regen stehen bleiben. Und wir sind nicht dazu da, uns gegenseitig Zucker in den Hintern zu blasen.

Am Tisch des persischen Freundes breche ich eine Lanze für Gemeinwohlökonomie und das bedingungslose Grundeinkommen, für Frührente und  Sozialhilfe, und dass die Reichen selbstverständlich mehr abgeben als Arme. Wer ganz wenig hat, muss auch auf ganz wenig verzichten, bei dem bleibt´s mit marginalem Abstrich gleich, was die Lebensstandards einander näher bringt. Auch gut. Proportional. Wo ist das Problem?  – bei so viel Reichtum in so wenigen Händen bei so viel Bedarf in so vielen. Wenn man den Wandel mitdenkt, der Einkommensstrukturen verändert, sind´s, auf jeden Fall erstmal, umso mehr Bedürftige. Das macht den Gedanken umso logischer. Der persische Freund lacht. „Es gibt Länder, auch westliche, sieh nur Amerika, da getrautest du dich solche Worte kaum in den Mund zu nehmen! Du wärest erledigt. Das klingt nach Sozialismus, und der kommt gleich nach dem Antichristen.“  Ich schlucke. Da mag er Recht haben. Komisch ist es aber. Die Sünden des Kommunismus waren schlimm, aber in der Liste der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte steht er in bester Gesellschaft gleich neben dem Faschismus, den Kirchen, den Kaisern und Königen. Der Holocaust steht für sich. Den will ich als Einzig in seinem Bösen und Horror verstehen.  Es will mir nicht einleuchten, weshalb Umverteilung und sozial konzipierte Politik schlecht sein soll. Die Welt geht den Bach runter, außer die Finanzmärkte, die nicht. Da darf man doch nachhaken!

„Revolution!“ Darin steckt „Jetzt! Auf die Barrikaden! Heute und sofort!“ Es hat bestimmt schon Zeiten gegeben, da hat das gegolten. Aber so ist es gerade nicht. Die, die „jetzt!“ schreien, sind nicht die, denen ich einen Wandel anvertrauen will.

„Systemwandel.“ So geht es nicht weiter. Jeder weiß es. Systemwandel – das könnte gehen.

Man kann das Kippen geringreden – das ist scheiße; man kann es leugnen – das ist mies. Aber eigentlich muss man es anerkennen. So geht es nicht weiter. Es wird nach Corona neue Krisen geben. Und freilich bringt auch ein Systemwandel Krisen mit sich, aber die, die man selbst lenkt, die hat man auch besser im Griff. Krisenpolitik ist die Anstrengung, es im Griff zu be- und für möglichst alle bewältigbar zu halten. Dies und ein Plan B, der einigermaßen verträglich und zielführend ist. Zielführend dahin, so würde ich es anstreben, dass der Plan das Kippen mindert und abfedert, so gut das geht, und der die derzeit existierenden Ökosysteme rettet. Freilich kann die Natur auch gut ohne uns Menschen, aber so ein schnelles Rundum-Sterben-und-Ausrotten ist ein Schock, der Leid bringt, und Leben ist schöner ohne solche Schocks. Für das Leben also, das, welches da ist. Keinen abschreiben oder einfach zurücklassen. 100% Glückliche gehen nie. Aber es soll auch mit und nach Systemwandel und Plan B  möglichst vielen so gut gehen, dass sie eine faire Chance auf Glück haben.

Ach, ich weiß nicht, wie dies Ziel zu setzen und zu formulieren wäre. Frage man Politiker. „Wie sieht ein Plan B aus, habt Ihr einen? Sehr viele hätten gerne einen. Und wie könnte der gehen und worauf sollte er zielen?“.

Wir müssen reden. Wir müssen alle Bedenken und Ängste hören und aufgreifen und darüber reden. Es lassen sich bestimmt nicht alle zerstreuen, aber man kann verstehen und helfen und Anteil übernehmen. Solidarität und Frieden ist nicht umsonst. Und  Politik ist auch nicht ´Beschließen und Verkünden´. Politik muss reden. Ich will den Werdegang der Entscheidungen wissen, die Bedenken und Zweifel, die Hoffnungen, die Für-und-Widers, das Abwägen, die Trotzdems. Ich will das alles wissen, und ich will die Worte, die mich bewegen, in den Überlegungen wiederfinden.

Wir müssen über den Systemwandel reden, und über einen Plan B.