Widerstand II

Über die Demo in Berlin am 01. August gegen die Coronamaßnahmen

dsc00732

Es waren anscheiend viele Schwaben dort. Wutbürger schwätzen schwäbisch. Die Zahlen, wie viele Demonstranten es insgesamt waren, schwanken zwischen 20.000 (Polizei) und 1,8 Millionen (Veranstalter und diverse Medien).  Zwei wenigstens sind aus dem Kreis und kommen in der nrwz zu Wort.

Der Eine mit diesem Beitrag:

Antwort eines Demo-Teilnehmers: „Wir wollen lediglich den uns verweigerten Dialog aufnehmen“

Daraufhin habe ich folgenden Leserbrief geschrieben;

 

Lieber Roman,

in einem gebe ich Ihnen unumwunden Recht: „Für ein Leben in Liebe, Frieden, Freiheit, Bewusstheit, Dankbarkeit und im Einklang mit der Natur.“ Ihr Motto. Dafür stehe ich auch, und ich wünsche mir, dass dafür ein weit überwiegender Teil der Menschheit steht.

Ich war trotzdem nicht auf der Demo. Ich sehe auch nicht, dass Meinungen unterdrückt werden. Es wird sehr sehr viel gesagt und sehr sehr viel verbreitet, in allen möglichen Medien, auf allen möglichen Plattformen und Kanälen, es wird demonstriert und protestiert und das ohne, dass es irgendwelche negativen Konsequenzen für irgendwen hätte. Es kommen nur einfach viele Meinungen und Haltungen nicht zum Tragen. Und auch ein wissenschaftlicher Diskurs findet statt. Nur wird nicht allen Wissenschaftlern gefolgt. Mir scheint, dies ständige Beleidigtsein, ´ich werde nicht gehört´, ist Teil des Problems unserer Gesellschaft. Jeder will den Ton angeben und ist beleidigt, wenn es grad ein andrer tut. Demokratie ist auch, Mehrheiten auszuhalten. – Solange sie auf dem Boden des Grundgesetzes sind, freilich. Schön, wenn dies eine solche Würdigung erfährt. Das Grundgesetz aber sehe ich persönlich durch die derzeit beschränkenden Seuchenschutzgesetze nicht in Gefahr, eher dadurch, dass es ad absurdum geführt wird von Leuten, denen es um anderes geht.

´Nicht Spaltung, sondern Gemeinschaft, und einen Konsens für das Wohl der Gesellschaft´ wünschen Sie sich, wenn ich das richtig zusammengetragen habe. Das wünsche ich mir auch. Und viele Demonstranten würden das sicher genau so unterschreiben. Einigen aber, es mögen wenige sein, doch die sind in der Organisation dieser Demos stark vertreten, geht es durchaus um Spaltung.

In den Thinktanks der Rechten werden Strategien gelehrt, wie Begriffe so verdreht werden, dass stets der Angreifer das Opfer ist und der Verursacher der Verwirrung ihr Ankläger. So sind für diese Strategen zB. stets die Anderen die Freiheitsbeschneider und Meinungsdiktatoren, während sie selbst es sind, die ein ganz klar umrissenes Bild davon haben, für wen welche Rechte und Freiheiten gelten und für wen nicht.

Nein, da muss ich Ihnen widersprechen – ich finde, es gibt durchaus Haltungen, die keine Bühne bekommen sollen. Kein Pakt mit Rechtsaußen.

Nichtsdestotrotz finde ich die Energie, die aus diesen Demos spricht, durchaus ermutigend, wie mir auch die Entschlußkraft der Politik gut gefällt. Und da wiederum gebe ich Ihnen Recht – sie zeigt sich mitunter nur an der falschen Stelle.

Ja, es gibt bedrohlichere Krisen als Corona. Aber die heißen nicht Mund-Nasen-Schutz. Die heißen Klimawandel und Umweltzerstörung. Und da sieht es mit der Demonstrationsfreude doch ziemlich anders aus, und mit der Entschlußkraft der Politik auch, und es werden von Klimawandelleugnern, -skeptikern, und – relativierern wieder nur diejenigen Wissenschaftler anerkannt, die die Bälle flach halten und abwiegeln, ´alles nicht so wild, kein Grund irgendwas zu verändern´. Und drum beschleicht mich das Gefühl, dass es in Wahrheit um etwas ganz anders geht. Es wird ja nirgends so viel von Panik gesprochen wie auf den Demos gegen die Corona-Maßnahmen. Und ich glaube, in Wirklichkeit ist ebendiese Panik vieler eine vor einem Ende der Party und die größte Motivation für ein solches kollektives ´Dagegen´.

Die Freiheit des einen hört da auf, wo die des andern anfängt. Und das liegt ziemlich dicht beisammen.

Unsere Kenntnisse über Corona sind allesamt begrenzt, und ja, auch ich sehe mehr Kollateralschäden als tatsächliche Erkrankungen.  Ich sehe aber auch, dass es anderswo auch andersherum stattfindet. Der schwedische Umgang mit Corona gefiel und gefällt auch mir. Allerdings sei hinzugefügt, ist dort  nicht nur die Politik anders und setzt auf mehr Eigenverantwortung, dort reagiert auch die Bevölkerung verständiger und weniger missmutig.

Ich wünsche mir größere Flexibilität und großzügigeres Abwägen in einzelnen Abläufen, Einrichtungen und Detailfragen. Darin stimme ich Ihnen zu. Ich sehe aber auch, dass, wo die Virenlast hoch genug ist, es schnell eskaliert und das Gesundheitssystem sprengt, und so lange das so ist, trage ich Mundschutz und umarme ausgewählter, was auch etwas für sich hat, und halte mich weitestgehend an die Regeln –  denn – eben – keine Panik! Es gibt Schlimmeres.

„Für ein Leben in Liebe, Frieden, Freiheit, Bewusstheit, Dankbarkeit und im Einklang mit der Natur.“ Das bedeutet Rücksicht, Selbstbeschränkung, Verantwortung und Nachhaltigkeit.

Würde mich freuen, man träfe sich auf einer Demo, auf der es genau darum geht.

Herzliche Grüße

Beate Kalmbach

Über Inseln und Häfen und den einen großen Traum vom Leben im Grünen

collagebaugrund

Der Kreis Rottweil wird kein sicherer Hafen. Überrascht mich nicht, hätt ich trotzdem gerne gehabt. Man will kein falsches Signal aussenden nach Afrika. Als ob ganz Afrika nach Rottweil schielen würde. Es wird auch keiner in Afrika ´Konstanz´ sagen, wenn er an ´Europa´ denkt. Konstanz ist sicherer Hafen und deshalb auch nicht überrannt. Und es hat den Klimanotstand ausgerufen und deshalb bewegt sich das Leben dort trotzdem noch. Konstanz hat sich nur zuständig erklärt. Konstanz war mutig.

Das sind doch keine Signale an die Außenwelt. Das sind Signale innerhalb dieser Gesellschaft  Aufgabe und Verantwortung ernst zu nehmen. Sich nicht wegzuducken. Bei sich selbst anzufangen. Nicht vor rechter Hetze und Xenophobie zu kapitulieren. Die Kontingente zur Aufnahme auch tatsächlich auszuschöpfen und nicht ungenutzt zu lassen.  Anzuerkennen, dass Starke und Reiche  mehr leisten können als die anderen. Und stark ist man doch nicht, weil man ignorant über alles Schwächere hinweggeht. Stark ist man, weil man was auf der Pfanne hat.

Alle sehen sie und sind betroffen und  bedauern zutiefst. Aber zuständig will man nicht sein.  Geht auch gut, am Landkreis ziehen Krisen mitunter scheinbar  pfleglich aussparend vorüber, Rottweil  – eine Insel in tosender See. Schon schön, wenn man auf höhere Ebenen verweisen kann. Machen andere auch, das geht grad so durch. Vom Kreis zum Land zum Staat zum Staatenbund. Beim Klimaschutz braucht´s sowieso die ganze Welt. Am Ende helfen nur noch Gott und Engelscharen.

Apropos

Wenn schon Flüchtlinge, dann hätte man die gerne engelgleich, gut ausgebildet  und unbeschadet. Schön wäre das schon – bei uns allen. Schlechtes Benehmen, Respektlosigkeit und Dummheit sind aber nicht an Hautfarben und Pässe gebunden. Das gibt es hierzulande auch zuhauf. Ich würde mal sagen eigenes Benimm, Respekt und Plan helfen mehr als Ignoranz und Hetze.

Aber wir bewegen uns nicht gerne. Wir ändern nicht. Wir passen nicht an. „Lebe Deinen Traum!“ Stapelweise gibt´s diese Postkartensprüche zur Selbstvergewisserung, man kann ganze Häuser damit tapezieren.  Als gäbe es nur einen einzigen unveränderlichen Traum. Ein Häuschen im Grünen, Idyll und Trutzburg.

In Feckenhausen wird ein Baugebiet erschlossen und, weil Boden wertvoll ist, der Quadratmeterpreis angehoben.

Boden ist wertvoll. Ganz genau. Eben darum dürfte es, wenn es nach mir ginge, mal ein Ende haben mit dieser Art Flächenverbrauch.  Ein Haus, eine Familie, zwei PKW, und weil man ja praktisch im Gebirge wohnt, darf es bestimmt auch ein SUV sein, vielleicht Elektro, aber das macht es nicht viel besser. Ewig derselbe Traum, egal, wie die Welt aussieht drumrum? Ich würd ganze Wohnblocks bauen, mit kleinen und großen Wohneinheiten, schicken und schlichten, mit Gemeinschaftsräumen und Innenhöfen und Spielplätzen, und dann würden ganz viele Leute nach Feckenhausen ziehen und es gäb einen Laden dazu und eine Kindergartenerweiterung und weil eben NICHT alle ein Auto haben, bessere Busverbindungen. Und so in dem Stil würd ich das auf der Spitalhöhe machen und in Bühlingen und in Hausen und überall, wo man meint bauen zu müssen.  Ein Zeichen setzen, weniger ist mehr, damit auch Platz bleibt für Träume zukünftiger Generationen.

Es wird vermutlich ein Traum bleiben.

Verwunderliches aus dem Ländle

rottweil

Im Kreistag empfinden es die Freien Wähler als stigmatisierend, dass die Hauptschüler weniger Eigenanteil an ihren Bustickets zahlen. Jetzt sollen sie also entstigmatisiert und ihr Anteil angeglichen werden, wodurch die Tickets für die Gymnasiasten billiger, die für die Hauptschüler teurer werden. Ich bin sicher, die sind darüber echt froh und fühlen sich gleich besser.

Der Bundesinnenminister will keine Untersuchung von rassistischen Tendenzen in der Polizei. Die seien eh verboten, also müsse man sie auch nicht untersuchen.

Nach der Randale in Stuttgart will die Polizei auch im familiären Umfeld der Täter ermitteln. Und weist jeden Verdacht, das könnte eine Form von ´racial profiling´ sein zurück. (Es hatte geheißen, viele der Täter seien Migranten.) Solche Untersuchungen seien Usus und selbstverständlich. Zusammen mit Scharfmacher-Parolen wie „mit aller Härte“  und dergleichen bekommt solches Ermitteln aber schon mehr als nur ein Gschmäckle.

Vertrauen ist mir lieber als Misstrauen. Aber wo´s nicht geht, geht´s nicht.

Frauenpower im Bockshof

Fünf Frauen im Netz

collage5frauen

Man darf nicht, ich weiß, aber meine Kinder haben die Tribüne vom Sommertheater manchmal zum Klettern benutzt, und auch die Bühne war von ihnen häufig abwechselnd bespielt. Eines ließ sich eine kleine Sing-Tanz-oder-Kampf-Clownerie einfallen, das andere filmte mit dem Handy. Ich saß auf einer der oberen Reihen und gab das Publikum. Dieses Jahr nun also ohne Tribüne.

„Fünf Frauen im Netz“.

Ein paar Worte vom Vereinsvorsitzenden Fröhlich zur Premiere.  Dank, dass sie überhaupt stattfinden kann, nach den langen Wochen, in denen das erst unvorstellbar schien, sich dann im Wochen – oder Tagesrhythmus die Regeln änderten. So war bis vor Kurzem noch nicht mal klar, ob überhaupt mehr als eine Person auf der Bühne sein darf. Es ist daher schon eine Leistung an sich, dass es diese Premiere gab, und dann noch eine von dreien. Das finde ich auch.

„Wie – weshalb spielen denn da so viele mit?“ Die Dame neben mir wunderte sich. ´Das kunstseidene Mädchen´, fragte sie mich, die spielt doch allein? Wir kippten beide fast vom Stuhl als wir feststellten, dass sie in der falschen Vorstellung saß.

Apropos Stühle – die Sitzordnung war prima.

Die Geschichte ist toll. Die Schauspielerinnen haben sie mitentwickelt, meine ich gelesen zu haben, und die Figuren sind so, dass auch ich ganz nah bin. Ich kenne sie alle, die Themen, die sich abspielen: eine demente Mutter, ihre Töchter, die sich uneins sind, welche ihr eigenes Leben besser auf die Reihe bekommt, die sich allerdings  einig sind darin, dass keine von ihnen Zeit hat, sich um die Mutter zu kümmern, und die das so weit auslagern und sich buchstäblich von der Backe halten, wie es nur geht. Für liebevolle Zuwendung ist eine zufällige Bekannte, gerade so gelitten, so lange sie sich nicht zu weit einmischt. Hauptsächlich soll sich eine ausländische Haushalts – und Pflegekraft kümmern, von der nicht klar wird, woher sie kommt. Kroatien vermuten die Damen, aber sie scheren sich auch nicht darum. Mit feudaler Überheblichkeit erwarten sowohl die bedürftige Mutter als auch deren Töchter klagloses Dienen und Rundum-Verfügbarkeit. Ihre Anmaßung ist stellenweise schwer erträglich, gerade weil sie so real ist; genau so spielt sich das in der gelebten Wirklichkeit ab. Die Verzweiflung der Pflegekraft und die Unverschämtheit ihrer Arbeitgeberinnen sind  bodenlos. Die Mutter soll – die Seuchenregeln drängen das trefflich auf – ans Netz angeschlossen werden. So könnten die Töchter allzeit bei ihr sein. Aber die Mutter will nicht. Die will nicht face-to-face, die will Arm um Arm, das aber ist, Corona sei Dank, sowieso verboten. Als die Töchter sich verabschieden, quält man sich an einer Umarmung ab und kommt gerade so mit den Fingerspitzen zusammen. Abstandsregel, Kontaktverbot und statt Körperwärme Chats und Videotreffs – die zudringliche Bekannte hat Recht – man muss nicht dement sein, um davon verwirrt zu werden.

Manche Szenen sind herzzerreißend, manche witzig, klug, wütend, verzweifelt, ratlos.

Was ist Familie noch, was verlangt sie ab und was gerade nicht. Wie sieht ein selbstbestimmtes Frauenleben aus, und was ist realer, digital oder unplugged. Zum Geburtstag der Mutter wird gesungen, gedichtet und vorgetragen, und jede gibt etwas preis. Ein schwieriges Frauenbild tritt da zutage, und es ist gut, dass die Schauspielerinnen selbst an ihren Figuren mitentwickelt haben. sonst müsste ich mir den Autor mal zur Brust nehmen. Nicht, dass unwahr wäre, was da zu Leben, Lieben und Selbstverständnis der Frau gesagt wurde, aber es gilt nicht, wenn es von einem Mann so formuliert wird. (Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: das war ein Gag.)

Die Mutter verfällt am Ende der totalen Verwirrung, allerdings nicht alleine. Verschwörungen und Monstrositäten – das Leben im Netz hat sich gerächt.

Absolut überzeugend gespielt, super inszeniert, musikalisch grandios begleitet.  Die Begeisterung im Publikum ist ansteckender und aufbrausender, wenn man näher beisammen sitzt, Jubel gab es trotzdem, aber am Ende vermisste ich die Tribüne doch, weil ich zum Klatschen gerne gestampft und getrampelt hätte. „Das kunstseidene Mädchen war´s nicht, aber klasse allemal“, bestätigten meine Nebensitzerin und ich einander. „Fünf Frauen im Netz“ im Bockshof – das ist zu empfehlen!

Wir rückten die Stühle in einen Halbkreis und blieben sitzen, bis das Licht aus und alles abgeräumt war, und redeten über dies seltsam aufgewühlte Gefühl, das uns kollektiv befallen hat, das Gefühl des Kippens. Der Satz kommt im Stück vor; ´kippt der Kahn, setz ich mich in die Mitte´. Alles kippt, die Gesellschaft, das Klima, der Frieden – ob mit Demenz oder ohne – es gruselt vor dem Irrsinn, der um sich greift. (Demenz scheint ein adäquater Weg, damit umzugehen.) Kippen und Auflösung waren das Gefühl mit dem –  nicht direkt, aber irgendwie doch – das Stück aufhörte, zumindest für mich tat es das. Man kann dieses Stück ganz sicher auf viele verschiedene Arten empfinden. Ich glaube, jeder empfindet es anders, jeden berührt es anderswo. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden NICHT berührt. Es ist voll drin, in den Themen, die mich bewegen.

Weitere Vorstellungen sind am Sonntag, dem 12.07., Dienstag, 14.07., Mittwoch 15.07., Donnerstag 16.07., Freitag 17.07., Donnerstag 23.07., Freitag 24.07., Mittwoch 29.07., Freitag 31.07., Samstag 01.08.

Das kunstseidene Mädchen wollen meine Nebensitzerin und ich auf jeden Fall auch noch sehen! Und wer weiß, vielleicht schaff ich´s sogar noch zu ´Malala´, wollen würd ich schon.

(kein) Inselfeeling

Ich habe Urlaub gebucht. Mit dem Zug an die Ostseeküste. Rügen. Das ist ein Stück Weg; so lange haben meine Kinder noch nie Mundschutz getragen. Aber ich würde behaupten – das ist die Reise wert. Ich freue mich riesig und habe den hilfsbereiten Damen im Reisebüro – die Buchungsseiten der Bundesbahn überfordern mich völlig – zum Dank handgefertigte Pralinen gekauft. Mir selbst habe ich ein Glas Prosecco am Kappelenhof genehmigt – das Ticket in der Tasche ist ein Grund zu feiern. Die Sonne im Gesicht wird die Stadt zur Insel im Meer, und das leise Rauschen vom Ufer der Hochbrücktorstraße lullt alle Sorgen ein. Das Leben ist schön.

Dann ist der Prosecco  leer, der Geldbeutel auch, ich gehe. Eine Nachricht auf dem Handy, jemand fragt nach den Hausaufgaben. Ach ja – die schon wieder. Der Große geht wieder täglich in die Schule, und zuverlässig vergällen uns das frühe Aufstehen und die Hausaufgaben wieder einen nicht unbeträchtlichen Teil des Tages. Eine Neun-Uhr-Schule, die bis mittags um drei geht und ohne Hausaufgaben heimlässt – das wär´s! Für die Kleine werden der Abschied vom Kindergarten und die Einschulung vorbereitet. Sie hat ihre erste Zahnlücke und erlebt zwischen diesen Meilensteinen des Großwerdens regelmäßige eigene Höhen und Tiefen. Es würde mich nicht wundern, wenn ich irgendwann im Rückblick diese ganzen Jahre als eine Abfolge unterschiedlichster Pubertäten ansehen würde.  Irgendwo schafft´s immer. Trotzdem sind eigentlich alle guter Dinge und grundfröhlich. Und so lange das so ist, will ich nicht zu laut jammern.

Ich laufe an Zeitungsständern vorbei und der Artikel vom Vormittag fällt mir ein, und die Nachrichten vom Vortag, und die der letzten Tage und Wochen. Es gibt zu viel Kinderleid in der Welt. Viel zu viel und viel zu schlimm. Und das wird gleichmütiger hingenommen als Krieg, Klimawandel, Wirtschaftskrisen und Corona. Das geschieht und kommt in den Nachrichten. Und damit sollen wir einfach leben. Das geht nicht.

Am Vortag habe ich in den Nachrichten Meldungen von etlichen am Unabhängigkeitstag in den USA getöteten Kindern gehört. Wenigstens zwei waren demnach aus vorbeifahrenden Autos erschossen worden. Ich habe etwas davon am Abend im Internet wiedergefunden ohne danach gesucht zu haben, und denke mal, es ist was Wahres dran. Im Vorbeifahren abgeknallt. Mein Verstand weigert sich das gedanklich zuzulassen. Aber ich schließe es nicht aus. Die Welt dreht sich täglich und dreht täglich durch. Und täglich wird über Normalität geredet und keiner weiß mehr, was ´normal´ eigentlich ist. Waffen produzieren bis über sämtliche Ohren und hetzen und Unfrieden schüren und dann werden Kinder einfach abgeknallt und das soll man als Kollateralschaden und ´normal´ hinnehmen. Geht’s noch?  

(Die lautesten ´Macher´ machen am wenigsten neu. Kann das sein? Trump, der Macher, gibt die Schuld an diesen toten Kindern allen, nur nicht den Waffen, deren Industrie er eben NICHT antasten will und auch nicht der aggressiven Stimmung, die er schafft.  ´Machen´ ist bei ihm und Konsorten gleich ´das Alte durchziehen´,  um nur ja nichts verändern oder sogar neu schaffen zu müssen.)

Immer wieder, hier und da,  habe ich über verstümmelte Mädchen und versklavte Buben gelesen, und dann eben, am Vormittag in der hiesigen Tageszeitung, diesen Artikel über Kindesmissbrauch in Deutschland. Solche Artikel lese ich meist nicht, sie machen mich fertig. (An dieser Stelle meinen allergrößten Dank an die, die ermitteln, meine Hochachtung, meinen Respekt. Es gibt viel Übel auf der Welt, aber manches sprengt auf eine Weise die Vorstellungskraft, dass es kaum auszuhalten ist. Möge den Ermittelnden alles zuteil werden, was es braucht, um auszuhalten). Es ist ja nicht bloß die bloße sexuelle Neigung. Wollen kann man viel. Es ist die Niedertracht, die Grausamkeit und das skrupel – und hemmungslose Austoben von Gewalt gegenüber Schutzlosen, das zwischen den Zeilen durchdringt und den Boden wegzieht. Dieser Artikel jedenfalls war kein Bericht mit vage angedeuteten Ungeheuerlichkeiten, es war  ein Interview mit einem Polizisten und handelte von Verfolgung und Aufklärung.

Sieben bis acht Anläufe braucht es im Durchschnitt; sieben bis acht Mal erzählt ein Kind, zum Teil vermutlich auch unterschiedlichen Personen, von einem erlittenen Missbrauch, bevor ihm geglaubt und geholfen wird. Sieben bis acht Mal. Im Durchschnitt. Das allein ist ungeheuerlich. Jeder weiß, dass es das gibt, und so unvorstellbar es auch bleibt in seiner Monstrosität – jeder weiß, dass das keine Einzelfälle sind, sondern sich wie eine Seuche auszubreiten scheint und nicht selten in ganzen Netzwerken organisiert wird. Ein Virus, das sich verbreitet. Das weiß man. Und dann wird dem Opfer nicht geglaubt. Weil man das Böse, Grausame Schlimme, Unvorstellbare nie in den eigenen Reihen sehen will. ´Bei uns doch nicht!´

Doch. Das glaube ich schon. Auch bei uns. Auch hier. Möglich ist es überall. Weshalb sollte es nicht hier geschehen. Es ist abstrus. Es ist  – es fehlen die Worte – böse, krank, beides, irre. Ich weiß es nicht. Aber es ist. Und das darf es nicht.

Jedes Jahr kommen Zahnärzte in die Kindergärten, und in die Schulen kommen Sport-, Drogen-, allerhand Beauftragte. Das ist so weit so gut. Aber ich stelle mir  vor, dass von der Krippe bis zum Abitur jedes Jahr jemand in alle Einrichtungen kommt, in der Kinder und Heranwachsende sind, jemand, der dem Kind aufs erste Mal glaubt und Hilfe im Gepäck hat. Das ist sicher schwierig, und es gibt Unmengen von Institutionen, die überhaupt keinen Nerv für derlei Überlegungen haben. (Ich will mich nicht darüber auslassen. Aber es sind oft religiös motivierte Institutionen, die mit dem Glauben an die Unschuld argumentieren, die vor derlei Themen geschützt werden müsse und die dann mitunter ihren eigenen Schindluder damit treiben). Man muss auch  nicht die kindliche Unschuld zerstören; man kann über Liebe erzählen, und darüber, dass die zwischen Kind und Erwachsenem anders aussieht als zwischen Erwachsenen. Man kann über Geheimnisse reden, die zwei miteinander haben können, die aber Verrat und Gemeinheit sind, wenn nicht beide gleich gut wissen, worauf sie sich eingelassen haben.

Man kann über Zahnpflege reden; weshalb sollte man nicht auch über – sagen wir – Intimpflege reden können und darüber, was wo hindarf und wann und wie und wann nicht. Ich weiß nicht, wie man das am Geschicktesten verpackt, altersgerecht. Aber ich weiß, dass kindliche Unschuld es aushält auch mit schwierigen, nicht unbedingt altersgemäßen Themen konfrontiert zu werden, solange  Sprache und Aufgabe altersgemäß bleiben. Themen fragen nicht nach Alter, Themen verlangen nur unterschiedlich.

Ich weiß es nicht. Aber das Thema hat mir nun diesen Text abgerungen, und das, obwohl ich so frohgemut am Inselfeeling gestartet bin.

Manche Themen kann man sich nicht raussuchen.

Bestandsaufnahme KW 26, Halbzeit 2020

Das Jahr fing gefühlt Mitte März an und das mit einem Ende, mit dem Ende des gesellschaftlichen Lebens. Alles Vorherige gehört in eine andere Epoche. Die ersten Wochen des neuen Jahres waren daher von Umwälzungen bestimmt. Als wäre die ganze Familie ausgewandert. In der Fremde ist man ähnlich auf sich und die seinen begrenzt und lernt mit jedem Tag die Regeln der Umgebung neu. Das Fremdsein wird schnell ´normal´, das Vertraut-werden dagegen dauert lang, und selbst kleine Erkenntnisse fühlen sich an wie Meilensteine auf dem Weg zu neuer Sicherheit. Ostern mit Corona war wie Weihnachten in Byron Bay – surreal.

Wir waren nie Meister fester Strukturen und Abläufe. Nicht, weil wir keinen Wert darauf legten, das tun wir, aber manchmal drängt sich auch etwas anderes auf, manchmal ist ´Regelmäßigkeit´ nicht das dringlichste Problem. Die Strukturlosigkeit dieser plötzlichen Fremde gab uns nun den Rest. Quasiferien, Alltag und Katastrophe, Zäsur, Protest und Normalität, und homeschooling, das irgendwie auch – chapeau, wer da Überblick und Ordnung behält. Wir ergaben uns dem Fluß der Dinge und hielten die Köpfe oben. Wenigstens sind wir nicht so schlecht darin, unser bestmögliches aus einer Lage zu machen. Mitunter hatten wir viel Spaß in diesem Gewässer und wir lernten viel von – und miteinander. Und wie die Schule jetzt wieder anfängt, stellen wir fest – es geht. Dem Großen war es durchaus kein großer Schock. Das frühe Aufstehen ist nach wie vor ungeliebt, aber als ich ankündigte ´bald wieder volle Wochen´ zeigte er sich bereit – er will. Das hat mich gefreut. (Wir sind uns einig, dass wir uns eine 9-Uhr-Schule wünschen. Der etwas spätere Beginn nahm viel Dampf aus den Tagen). Und auch schulstofflich kommt er mit; manche Kinder strecken schon, da hat die Lehrerin noch nicht mal den Satz zu Ende gesagt, er muss noch kurz überlegen, aber dagegen ist nicht viel einzuwenden. ´Puh´. Erstmal.  

Im Mai  wurden in Sibirien innerhalb des Polarkreises 30 Grad Celsius gemessen.  Und die EU beschloss ein 500 Milliarden schweres Wirtschafts-Soforthilfeprogramm, das erste von einer ganzen Reihe weiterer.  Die Wirtschaft soll alles wieder aufholen, so schnell wie möglich, und weiterwachsen, wohin auch immer. Der Permafrost taut. Die Lufthansa wird mit 9 Milliarden ´gerettet´ und fliegt mit vollbesetzten Flugzeugen auch wieder fleißig Inlandsflüge. Und Porsche fährt direkt nach der Kurzarbeit Sonderschichten. Versteh wer will.

Bill Gates schickt sich an die Welt zu retten. Ich weiß nicht wie hoch genau die Summe ist, aber er scheint bereit zu sein, ziemlich viel seines Reichtums in die Erforschung eines Impfstoffes zu stecken. Das soll ich jetzt wohl bewundern. Aber eigentlich finde ich es anmaßend. Abgesehen davon, dass ich solche Dimensionen von Reichtum fragwürdig finde, wäre es nicht an einer Einzelperson oder deren Stiftung, diese Forschung zu lenken, sondern an übergeordneten, möglichst globalen Institutionen. Die Uno mag überarbeitungsbedürftig sein, aber ich meine, sie ist unverzichtbar und braucht eher mehr, als weniger Einfluß. Es würde genügen, Bill Gates überwiese Geld, und wenn er dann schon dabei ist, könnt er auch gleich noch an das WorldFoodProgram überweisen. Dann müssten sie im Jemen nicht verhungern.

Das Virus ist noch fieser als gedacht. Es verändert sich rasch, und Antikörper nehmen anscheinend schnell ab. Und selbst wer symptom – oder komplikationslos infiziert war, kann  Schäden an Herz und Lunge zurückbehalten. Das ist fies!

In Brasilien juckt das die Regierung nicht. Die Indigenen werden vertrieben und der Regenwald brennt. Es gibt Konzepte für eine nachhaltige, intelligente Nutzung des Regenwaldes, aber das Interesse einiger am schnellen Geld ist größer. Bolsonaro ist ein Scheißkerl, ärger noch als Trump, und das will was heißen. In Griechenland sitzen unverändert viel zu dicht und elend Tausende in den Lagern fest, und im Mittelmeer ertrinken sie. Ich verliere den Überblick über die Katastrophen der Welt.

Familiengeld. Freilich, das kommt nicht ungelegen. Wir haben wie gewünscht selbst im Lockdown die Wirtschaft angekurbelt und mehr Geld ausgeben, als  eingenommen. Support your locals. Ich bräucht dies Familiengeld dennoch nicht. Ich meine, klar wird es irgendwie ausgegeben werden, und es wird der Familie zugutekommen. Aber würd es es nicht geben, dann würde es nicht fehlen.

Wieder so ein Gießkannending, damit keiner mault, es haben nur die anderen bekommen. Da, wo´s fehlt, fehlt mit und ohne. Und am Ende muss die Wirtschaft noch mehr brummen und kann man auf noch weniger Rücksicht nehmen, damit die Kohle wieder reinkommt.

Im großen Vergleich wirken solche Finanzbetrachtungen eh ganz anders. Wirecard ist insolvent, die Aktie im Keller, 2 Mrd. Luftbuchungen. ´Das könne noch Konsequenzen haben für die Szene der Finanzprüfer´, hieß es in den Nachrichten. Das Wort hallte in mir nach. Die Szene der Finanzprüfer. Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass es da eine Szene gab. Woran macht die sich fest? Woran erkennt man sich da? Was ist das Bindende, wo ist der Kick? Ich kenne Punks und Grufties, die erkennt man sofort; Rocker und Ökos ebenso. Das sieht man an Kleidung, Accessoires, an der Musik, an der Sprache. Aber Finanzprüfer? Was sind das für welche? Sehen die aus wie der blonde Hüne in Boxershorts mit der brünetten Schönheit im Arm, irgendwo – war´s Singapur? Das war ein Mitverantwortlicher bei diesen gigantischen Spekulationsverlusten vor einiger Zeit. ´Die Szene der Finanzprüfer´. Und ich hatte gedacht, das sei ein ganz normaler, bürgerlicher Beruf. Weiß da jemand was? Täte mich interessieren.

In der Familie wird Omas Achtzigster geplant und die Meinungen gehen weit auseinander, wie und ob er überhaupt gefeiert werden soll.  Ich bin dafür. Achtzig. Auf die Zahl ist sie voll stolz. Und sie feiert so gerne Geburtstag.

Wir sind froh, dass das Freibad wieder aufhat.  Das war lange herbeigesehnt; davon ging die Rede schon in Tagen, in denen Corona etwas war, das sich weit weg zutrug. Den ersten Besuch hätten wir auch bei Vollbewölkung und Nieselregen durchgezogen. Die Coronaregeln nehmen wir hin. Aber dann war das Wetter ganz passabel, und es war so wenig los, dass Abstandhalten kein Problem war. Nach ein paar Stunden war die Vertrautheit mit dem Wasser wieder so weit hergestellt, dass der Bub einen Sprung vom Einser wagen konnte. Das Mädel wäre auch gerne, getraute sich aber nicht, stand oben und rang mit sich, und ging wieder runter, und wieder rauf, stand und rang, und wieder runter,… Es war zu hoch, zu wackelig, das Becken zu tief, und ich durfte nicht am Rand mit drin sein. Das Schwimmerbecken nebenan war komplett leer. Es war kaum mehr ein Dutzend Badegäste auf dem Gelände. davon vier Kinder, die zu uns und einem befreundeten Haushalt gehörten. Ich dachte, vielleicht täte sie sich an den Startblöcken bei den Schwimmerbahnen leichter – die wackeln nicht, sind niederer, und ich kann im Becken nebendran sein. Ich rief zur Badeaufsicht, ob ich das ´Gesperrt´- Schild kurz wegnehmen könne. Das Einbahnstrassenschwimmen leuchtet mir ein, und da kann einem dann nicht einer vor die Nase hopsen, ganz klar. Aber es war kein Mensch mehr im Schwimmerbecken und keiner drum herum. Die Badeaufsicht rief ´Nein´ und kam herüber, ich fragte nochmal ´kann man nicht? – es ist keiner mehr da!´, er erklärte, das sei wegen Corona, und ich sagte, ich hätte die Dinger auch ohne Corona kaum je geöffnet gesehen, weder im Freibad noch im Hallenbad, (da waren wir schon ganz ähnlich auf dem Sprungbrett gestanden, hoch, runter, vor und zurück), und jetzt wären sie eventuell hilfreich. Er tue nur seine Arbeit! Klar Mann. War ja nicht als Anmache gemeint; war nur eine Frage, ein Nachhaken und ein Einwand. Muss man da gleich so angesäuert reagieren?  Die Leute sind dünnhäutig in diesen Tagen. Und so grob und wüst wie man auch miteinander auch allerorten umgegangen wird – selbst eine kleine unbedeutende Auseinandersetzung hält kaum jemand noch aus.

(Zur Ehrrettung des hiesigen Freibads sei hinzugefügt, dass wir jetzt noch mehrmals waren, auch bei 1a-Badewetter, als das Bad voll wurde und sämtliche Mitarbeiter mit den vielen Maßnahmen einen schweren Job hatten und das allesamt ganz prima machten, und dass sie es umso schwerer haben, je sorgloser sich die Badegäste benehmen.)

Diese Regel machte in diesem Moment keinen Sinn. Wenn er, der junge Mann von der Badeaufsicht,  da jetzt nachgäbe und das wiederum jemand sähe, dann stünde er in Erklärungsnot, wenn er beim nächsten Anfragen dagegen ´nein´ sage. Sagt er. Das kann ich schon verstehen, aber halt nicht ganz, denn selbstverständlich gehört es zu einer Regel dazu, dass sie unterschiedlich Anwendung findet, wo die Situationen sich unterscheiden, die sie berührt. Meine kleine Tochter geht als die Jüngere häufig früher ins Bett als der Große, der noch etwas aufbleiben darf. Neulich nachts bin ich bei Rot über die Fußgängerampel gegangen, weit und breit war kein Auto und auch das Trottoir war leer. Fast. Kam ein Typ und maulte ´bei Rot müsse man stehen, was gäbe ich denn für ein Beispiel ab´. „Sie sind erwachsen! Brauchen Sie noch immer gute Vorbilder im Straßenverkehr, damit Sie wissen, wann Gehen und wann Stehen?“ Ist doch wahr! Andauernd, im kleinen und im großen Leben, gibt es unterschiedliche Regelhandhabungen für dieselbe Angelegenheit, und das finde ich absolut logisch, ich nenne das Differenzieren. Wo ist das Problem? Es geht nicht ums disziplinierte Einhalten der Regel als oberste Tugend, es geht um deren Sinn.

„Gesunder Menschenverstand“ wird oft angemahnt, ich kann´s bald nicht mehr hören, und die, die ihn am Lautesten  verlangen, haben meist nur eine einzige Auslegung dafür und schieben alle Belange, die anderes nahelegen, konsequent beiseite. Vom gesunden Menschenverstand bleibt dann nur eine ziemliche Beschränktheit. Ich plädiere für ´Augenmaß´, das lässt eigenen Verstand zu, verschiedene Blickwinkel zu und verschiedene Auslegungen in den jeweiligen Situationen.

Ich schätze, das geht allen auch genauso mit diesen Coronaregeln  – mal hält man sich daran, mal nimmt man es entspannt. Ich ziehe öfter den Mundschutz auf als ich muss, aber manchmal halte ich nicht den Abstand. Das Leben kann nicht aus Abstand-halten bestehen. Ich wäge ständig ab. Und ich meine, das ist okay so. Das Thema bleibt präsent und in den Köpfen, aber im Übrigen begrenzen sich die ganz harten Regeln eben auch auf die Gegenden, in denen es zur Sache geht, auf die Hotspots.

Black Lives Matter. Natürlich tun sie das. Jedes Leben zählt. Deswegen geht auch jedes Leid jeden an. Deswegen ist es so wichtig, für alle faire Bedingungen und die Chance auf ein erfolgreiches Streben nach Glück zu schaffen. Und natürlich gibt es Rassismus auch in Deutschland und natürlich ist der in Streitkräften und bei der Polizei weiter verbreitet als im Rest der Bevölkerung. Das weiß man nicht erst seit George Floyd und den weltweiten Demos danach und seit dem Zwölf-Seiten-Brief aus dem KSK in Calw an die Verteidigungsministerin. Das ist seit Langem bekannt. Und natürlich ist das systemimmanent. Das ist so, weil Leute, die ein Faible für Autorität und hierarchische Strukturen haben, oft auch Uniformen und das Tragen von Insignien staatlicher Macht mögen. Macht ist geil, und noch geiler, wenn man sie ausspielen kann, und so ist, wo Macht ist, Machtmissbrauch oft nicht weit. Uniformen geben ein ´Wir´-Gefühl, und ´Recht und Ordnung´ liefert ein paar Feindbilder und so geht ´Wir´ gegen ´die´. Ich stelle mir das so gesehen ganz schlüssig und banal vor.

Man frage mal junge Migranten nach ihren Erfahrungen. Die haben nicht das Knie im Genick und werden nicht in Würgegriff genommen, aber jeder wird Geschichten erzählen können, in denen er sich aufgrund seines Fremd-seins schikaniert fühlte.

Nach der Randale in Stuttgart ist man fassungslos. Überwiegend junge Männer, viele mit Migrationshintergrund, prügeln, plündern und verwüsten die Stadt. „On des bei ons!“  – man reagiert geschockt. Ich verstehe dieses Geschockt-sein nach schweren Verbrechen oder Ausschreitungen nicht. ´SO was bei uns´. Hat da denn wer gedacht, Übel gäbe es stets nur anderswo? „Das war wie Krieg!“ sagten Polizisten. Kann ich mir vorstellen.  War auch die Altersgruppe, die man für gewöhnlich in den Krieg schickt. Anscheinend wähnten sie sich in einem. Kommt auch nicht von ungefähr. Und da jetzt zu viel Testosteron, zu viel Alkohol, Drogen, viel Frust und eine Portion Arschlochmäßigkeit – voilà. Ich will´s nicht relativieren, so geht’s natürlich nicht, aber man muss es auch nicht überbewerten. Ich schätze sehr, das war eine spontane Eskalation, die sich nicht wiederholt. Stattdessen wird nach noch mehr Härte gerufen. Ich weiß nicht, ob´s die richtet. Ich habe da Zweifel.

Deutschland ist jedenfalls nicht Amerika, wo die Unterscheidung nach Hautfarben sich durch alle Lebensbereiche zieht und Cops sich benehmen wie Straßengangster. Wundert eigentlich schon. Aber in Amerika waren von  Beginn an alle Auswanderer, von denen jeder einzelne sein Päckchen mitbrachte. Wem es gut geht und wer daheim glücklich ist, den zieht es nicht weg. Es gehen die, die an irgendwas verzweifeln, vor irgendwas abhauen, im Bleiben keine Chance sehen, sich einen Neuanfang anderswo aber zutrauen. So gesehen gründet Amerika auf Mut und einem Schuß Draufgängertum, aber auch auf viel Gewalt und Verzweiflung. Das ist offenbar geblieben. Die Vorfahren derer, die in USA am stärksten diskriminiert werden, kamen sowieso nicht freiwillig. Sklaverei ist nicht Migration. Heute machen diese Nachfahren  den Großteil der Strafgefangenen aus in dem Land mit den meisten Strafgefangenen der Welt. Und dort arbeiten sie in zum Teil privatisierten Gefängnissen und in diesen angeschlossenen Fabriken. Feudalherrschaft ist nicht viel anders. Natürlich kennt die Geschichte auch hierzulande Sklaverei. Aber der Rassismus hier hat ein anderes Gesicht. Schöner ist das allerdings auch nicht.

Ich würde das Wort ´Rasse´ aus den Wörterbüchern streichen. Ich finde das durchaus keine unnütze Diskussion. Es gibt keine Rassen, nicht bei Menschen, nicht bei Tieren. Im  Übrigen empfinde ich diese Diskussion zwar als wichtig, aber nicht als vorrangig, nicht in dem Maß, dass sie die Frage verdrängt, wie es nach und mit Corona weitergeht,  im Ländle, im Staat, im Staatenbund. Wie und wohin. Dass wir unser Verhältnis zur Umwelt und allem, was darin lebt, ändern müssen, steht eh außer Frage.

Ein neues Kohlekraftwerk ist trotz Kohleausstieg in Betrieb gegangen. Ein großer Wald wird gefällt für eine neue Autobahn. Nach der großen Zäsur kommt jetzt ´weiter so´, weiter so, wie es nie richtig war. Und ich und viele, die ich kenne, fragen sich, wann da mal ein Umdenken kommt, wann sie durchschlägt, die Zäsur.

1500 Infektionen bei Toennies. Die in Quarantäne sollten, sind massenhaft abgehauen. Verständlich, aber scheiße. Bei Toennies ist Mensch und Vieh egal und vieles andere auch. Toennies ist in den Cum-Ex-Betrug verwickelt, war wegen Kartellabsprachen zu einer Millionenstrafe verurteilt und hat sich dieser durch ein Ändern der Betriebsstruktur entzogen, hat ein rassistisch geprägtes Weltbild und interessiert sich außer für Fußball nur für den eigenen Vorteil. Das wusste man auch vorher schon. Jetzt dieser Ausbruch – auch das darf eigentlich keinen wundern – Mensch und Tier unter elenden Bedingungen massenhaft dicht an dicht, das ist wie Ursache und Wirkung in einem.

Einen Fleischpfennig soll es geben und Werkverträge sollen verboten werden. Das wird wohl nicht so einfach sein; das ist schließlich auch EU-rechtlich geregelt. Außerdem frage ich mich, ob das die Lösung allen Übels ist.  Toennies wird andere Schlupflöcher finden, der ist ja nicht gewillt grundlegend was zu ändern im Geschäftsmodell; genauso unterstelle ich dem Fleischpfennig, dass er kaum dem Fleisch-gebenden Wesen zugutekommen wird.   

Es braucht nicht neue Regeln. Es braucht eine neue Haltung. Ausbeutung geht nicht, nicht von Menschen, nicht von Tieren, nicht von der Natur. Die Erde ist keine Beute. Jeder Sau ein Recht auf Tageslicht, jedem Rindvieh seine Würde.  Und allem einen fairen Preis. Mindestlohn für alle, egal woher jemand kommt, auch Arbeitsschutzgesetzte gelten für alle gleich, und für die Frage, wie viel Quadratmeter jemandem zustehen, gibt es ebenfalls gesetzliche Vorgaben. Das muss man nur  durchsetzen wollen. Unser Problem heißt nicht so sehr Rassismus, unser Problem heißt Feigheit. Die Freizügigkeit im Regelauslegen wird ja durchaus auch im großen Stil praktiziert, und zwar so, dass ganze Regelwerke karikiert werden. Mietwucher ist verboten. Tierquälerei auch. Weshalb also geschah in der Vergangenheit nichts? In einem Betrieb haftet der Chef,  für Verfehlungen von Subunternehmen haftet deren Auftraggeber. Der nordrheinwestfälische Ministerpräsident hat den Behörden in Gütersloh gedankt für ihren großartigen Einsatz. Ich möchte wissen wofür.

Ich habe einen Artikel gelesen in der ´Zeit´ über Stadtplanung nach Corona.

https://www.zeit.de/2020-06/zukunft-stadt-verkehr-bueros-laeden-veraenderungen-coronavirus

Wo kein Laden mehr reinwill, kann wer wohnen. Das belebt die Innenstädte genauso und nachhaltig und krisensicherer.  Außerdem machen im Umfeld neuer Bewohner neue Läden auf. (Ich wäre sehr für einen Kinder-Second-Hand-Laden. Uns fehlen die Flohmärkte.) Das gäbe nicht wenig neuen Wohnraum, was den Flächenverbrauch drum herum verringert. In Berlin werden Straßen gesperrt und temporär zu Spielstrassen. Dann kommt  der Kiezbeauftragte und öffnet die Hydranten oder schließt den Schlauch am  Brunnen an.  Man stelle sich vor. Wasserrutschen in der oberen Hauptstrasse. Und im Winter, sollte es mal halbwegs gehen, schlittenfahren vom Schwarzen Tor bis runter in die Au. Das wäre ein Spaß! Und cool obendrein. Dann noch Bäume in der Stadt gepflanzt und begrünt, was zu begrünen geht – wer sehnte sich da noch nach dem Einfamilienhaus am Stadtrand.

 „Zäsur!“. Das Jahr begann mit diesem Wort. Ich warte noch immer darauf, dass man sie angeht.

Corona und die Kinder

Ich bin stinksauer. Habe gerade die Einkäufe eingeräumt.  Und ich stelle fest, ´zurück zu normal´ heißt für viele, wir passen jetzt auf gar nichts mehr auf. Ganz viele halten sich weder an Abstandsgebot noch das Tragen eines Mundschutzes. Im Kaufland ist die Hölle los und da hat man jeden Quadratmeter so vollgestellt mit Aufstellern und Wühlboxen, dass an einen Abstand überhaupt zu denken ist. Und auf dem Markt trägt kaum jemand Mundschutz, und es wird ungeniert ins Genick gepustet und auf die Pelle gerückt, und fröhliche Frauen erzählen fröhlich, wie viel Platz man hat, sobald man ein Mal herzhaft niest.

Mir fehlen die Worte für ein solches Ausmaß an gutbürgerlichem, fehlendem Anstand.

Ich trage den Mundschutz auch nicht und halte den Abstand auch nicht wegen Angst, weil ich hypochondrisch veranlagt, neurotisch, überspannt oder sonstwas bin. Ich habe keine Angst vor dem Virus. Ich vertraue auf meine robuste Natur und auf ein robustes Gesundheitssystem. Im Übrigen weiß ich, dass ich sterblich bin und habe auch damit kein Problem. Ich halte mich an die Regeln aus Respekt, (zumindest an die, die mein eigenes Gebaren betreffen. Was die Kinder angeht, so sehe ich nicht mehr wirklich ein, weshalb ich sie isolieren sollte). Aus Respekt vor den Kleinen nämlich, vor den ganz Kleinen.

Ständig wird gefaselt, wir Großen sollten uns an die Regeln halten aus Solidarität mit den Alten und Schwachen. Das ist Nonsens. Wir sollten es tun wegen uns selbst. Es ist die mittlere Generation, der nicht im Home-office arbeitende Teil der Bevölkerung, der am häufigsten infiziert ist, und der derzeit auf den Intensivstationen liegt. Denn es stimmt auch nicht, dass Covid19 nur bei den Vorbelasteten einen schweren Verlauf nimmt – das kann es auch bei Jungen, Gesunden tun. Die genesen zwar wieder, müssen aber mitunter wochenlang beatmet werden (und tragen davon teilweise bleibende Lungenschäden davon). Wir tun es also aus eigenem Interesse, zum eigenen Schutz.

Die Kleinen aber, die tun es nicht für sich selbst. An den Kleinen geht eine Infektion meist problem – bis symptomlos vorüber; sie hätten eine wunderbare Chance auf ganz natürlichem Weg eine Herdenimmunität wenigstens ihrer Generation aufzubauen. Sie werden weggesperrt, damit sie die Großen nicht anstecken. (Was dem Virus nicht ganz leicht zu fallen scheint; anscheinend stecken sich Kleine eher an Großen an als andersherum). Sie werden isoliert für uns. Das heißt im Umkehrschluß je besser wir Großen auf uns selbst aufpassen, desto freier könnten die Kleinen sich bewegen. Wenn wir Großen unter uns bleiben, Abstand halten, die Hände waschen, all das, wenn wir Großen dafür Sorge tragen, dass wir das Virus nicht weiterreichen, dann könnten die Kleinen auch wieder in Kindergärten, Schule und auf Spielplätze. Dazu müsste jeder Große  a) Kontakte minimieren bzw sich in dem Maß isolieren, wie man es derzeit von den Kindern verlangt, b) auf die Hygieneregeln achten, c) sich selbst genau beobachten, sprich Temperatur messen, auf Husten, Niesen, Geschmackssinn usw achten und d) beim ersten leisen Verdacht einen Test bekommen und im Zweifel auch vorsorglich zu Hause bleiben (dürfen).

Und das ist der springende Punkt. In all diesen ´Zurück zur Normalität´-Reden stehen die ganz Kleinen an letzter Stelle, werden häufig nicht einmal genannt. Die Großen gehen shoppen, halten locker vom Hocker einen fröhlichen Quatsch auf dem Markt, und die Kleinen dürfen noch nichtmal auf den Spielplatz. Und wenn es die Tage in den Nachrichten hieß, Ziel sei, dass alle Schüler vor den Sommerferien Präsenzunterricht bekämen und die Kinder in die Kindergärten könnten, vor allem die Vorschüler, so klang das in einem Brief der Kultusministerin Eisenmann heute schon wieder anders, ´wenn es die Lage erlaubt´. Jajaja. Das kennt man ja. Man wollte, aber es ging halt nicht. Das ist schon wieder halb zurück gerudert.

Und das ist die Unverschämtheit unserer Generation: damit wir uns nicht so plagen müssen, werden die ganz Kleinen weggesperrt Aus den Augen aus dem Sinn. Und  es wird so getan, als könne man im Lehrplan grade so weiterfahren, damit das nächste Schuljahr dann kraftvoll angegangen werden kann.

Geht’s noch?

Ich bin nicht dazu da, einem Grundschüler die Lehrerin zu ersetzen. Ich ersetze bereits Freund und Freundin. Und ich werde den Teufel tun und meine Beziehung zum Kind mit neuem Schulstoff belasten, den ich nicht gelernt habe zu vermitteln. Das ist Aufgabe der Lehrer, und wenn die Zeit in diesem Schuljahr eine Einhaltung des Lehrplans nicht erlaubt, dann wird der Lehrplan angepasst und nicht das Elternhaus, und nicht die Ferien, und nicht das Kind.

Die Kinder erdulden gerade genug. Und wie Herr Spahn sagt, wir werden viel verzeihen müssen. Das mag sein. Dann können wir nur hoffen, die Kleinen werden das dereinst auch können. Wer weiß, was sie erinnern, was aus dieser Zeit sie im Gedächtnis behalten. Das Isoliert-sein wird manchen sehr präsent bleiben. Und wenn sie irgendwann kapieren, dass man sie nicht zum eigenen  Schutz, sondern zu dem der Großen weggesperrt hat, damit die es ein bisschen netter haben, dann kann gut sein, sie haben wenig Lust zu verzeihen, sondern sind erstmal wütend. Grund dazu hätten sie.

Leute, lasst die Kinder raus und passt auf euch selbst auf! Haltet diesen beschissenen Abstand und tragt einen Lappen vor dem Gesicht, wascht euch die Hände und beobachtet euch sorgsam. Es ist einfach nicht fair, die Last den Kindern aufzubürden!

mehr unter https://beatekalmbach.home.blog/corona/

stay safe, stay home

Unser Hof

Es wären Sonntage wie gemacht für lange Saunastunden, Spaziergänge an Uferpromenaden oder Wanderungen im Neckartal mit abschließendem, kühlem Radler an der Neckarburg. Die Ausgangsbeschränkungen machen allem einen Strich durch die Rechnung, und nicht nur durch meine, sondern durch die der meisten meines Blocks. Stattdessen trifft man sich im Hof, und das ist in dieser Konzentration auch neu.

Palmsonntag. Als ich nach unten kam waren sowohl der Nachbar aus dem Erdgeschoß, als auch die beiden Damen aus den Nachbarhäusern bereits da. Eine fehlte. Die macht sich heuer rar. Ich beneide sie um ihre große Terrasse. Wenn ich diese Terrasse hätte, würde ich ab Frühjahr darauf wohnen. Der Hof ist unterteilt in die zwei Stücke unseres Hauses, von denen wir, die Kinder und ich, das kleinere bewohnen und den gut einen Meter höheren  Parzellen, die zu den Nachbarhäusern gehören. Insgesamt teilen sich fünf Parteien den Platz zwischen den Häusern.

Wir haben ein ziemlich kleines Stück, auf das wir nichtsdestotrotz sehr stolz sind. Wir müssen drei Stockwerke hoch und runter gehen, und wenn wir unten essen, bin ich unentwegt am Treppensteigen und trainiere mir die Mahlzeit gleich wieder ab. Aber wir haben einen Platz zum Draussen-sein, und das ist die Hauptsache. Wir haben es selbst gerichtet. Vordem standen da zwischen modrig gewordenen Schilfmatten die Mülltonnen und lagerten  gelbe Säcke. Schön war das nicht.  Die Schilfmatten sind längst weg. Wand und Mauer zum höherliegenden Grundstück sind weiß  gestrichen  und weil ich so gerne mal nach Griechenland ginge, mit einem blauen Streifen verziert, und außerdem in strahlendem Gold Sonne, Mond und Sterne.  In der Mauer, die doch recht brüchig war,  sind mittlerweile ausrangierte Steine des Schwarzen Tors verarbeitet, was unsere Parzelle ein wenig adelt, meine ich. Wir haben eine Gartenbank rosa angestrichen und als Hollywoodschaukel an die Wäschestange gehängt, es gibt Platz für Tisch und Stuhl, Sonnenschirm und sogar eine kleine Planschwanne. Am Zaun hängen Blumentöpfe.  Die Palmen haben nicht mehr reingepasst; die stehen im größeren Teil des Nachbarn aus dem Erdgeschoß und tun das wohl – so ward dem unser Einzug in ´seinen´ Hof auch versüßt.

Der hatte sich zunächst schwer getan mit so viel Leben direkt vor seiner Nase, und wir bemühen uns sehr, seine Toleranz nicht zu arg zu strapazieren. Er ist geplagt genug. Er ist ein Mann, der schon einiges mitgemacht hat. Und es ist nicht spurlos an ihm vorüber gegangen.  Er ist bemüht, dem Dasein sein Gutes abzugewinnen, aber in jedem Spaß, selbst als Clown an der Fasnet, spürt man sein ´Trotzdem´, das Schwere, das auch auf dem Leichten liegt. Und manchmal nimmt er das Kleine groß und das Große klein.  So war es auch an diesem Palmsonntag, als ich in den Hof trat und die Runde grüßte. Vor lauter Aufregung fand er nicht die Zeit zurück zu grüßen, sondern wies gleich auf die Fliegengittertüre hin, bei der unten am Eck der Stoff ein wenig lose gewesen war. Eine Dreiviertelstunde habe er gebraucht um das zu reparieren!  Man solle sie künftig immer richtig zumachen, am besten unten einhängen. Ich gelobte Besserung und dachte, dass den Kindern das in acht von zehn Fällen vermutlich entgeht, mir nicht viel seltener. Dass er so viel Mühe hatte, tat mir natürlich leid, aber ich verkniff mir den Hinweis, dass das schon recht lange lose war und durchaus nichts mit unserem neuerdings Haus und Hof entdeckenden Kater zu tun hat, der, das war mir klar, so gesehen in schwieriger Konstellation unterwegs und erstverdächtig ist.  Ich erwähnte freundlich und möglichst nebenbei, dass ich beabsichtige, wenn der Kater draussen ist, das Fenster zum Raum mit den Fahrrädern und jetzt auch Mülltonnen auf zu lassen – zumindest bis wir das mit der Katzentreppe drauf haben.  Dann mache ich auch gerne die Türe zu. Ich ging in meinen Hofteil, die Damen schwiegen, und es lag der Anflug einer Spannung in der Luft – solche Vorkommnisse haben schon ganze Legionen von Haussegen in Schieflage gebracht. Gerade noch rechtzeitig fiel mir ein, dass ich ein Ass aus dem Ärmel schütteln konnte –  seiner Bitte, doch bitte das Fenster im Fahrradraum zu putzen, war ich erst in der Vorwoche nachgekommen. „Sag einer, wir gäben uns keine Mühe es nicht auch recht zu machen.“ Hervorragendes Timing. Das passte. Und weil sowohl der Nachbar als auch ich ausserdem beide geübt sind im Vermeiden von Konflikten, fanden wir einen Weg, wie das Fenster so gesichert werden kann, dass kein Luftzug es versehentlich zerdeppert. Seither steckt häufig ein ausrangiertes Buch im Rahmen. Das mit der Schneeschippe zusätzlich ist mir zu umständlich und auch zu ungeschickt, aber erstmal hab ich es so hingenommen und beflissen genickt. Wir haben einen Weg. Das ist ein Anfang.

Puh. Das war knapp.

Danach getrauten sich auch die Damen zu reden.

Die eine ist die Grande Dame des Blocks. Sie hat über dem Teil meines Hofnachbarn – ich muss also rübergehen um sie direkt zu sehen – einen kleinen Märchengarten geschaffen. Ich könnte, wenn ich ein geübter Weitspucker wäre, rüberspucken zum anderen Ende, so klein ist er. Aber so oft ich darauf blicke, so oft entdecke ich etwas neues Zauberhaftes darin.

Ich erzählte der Grande Dame, die Katzenliebhaberin ist – eine jüngst verstorbene Katze hat eine sehr hübsche Gedenkstätte im Märchengarten  – wie der Kater zu uns kam, und dass das eigentlich alles ganz anders geplant war. Sie kennt sich aus; „kommt Zeit, kommt Rat“, sagt sie. So sehe ich das auch. Mein Hofnachbar nickte freundlich dazu. Alles gut.

Auf der anderen Seite, direkt über meinem Teil, saß die alleinstehende Frau vom übernächsten Haus – das direkt angrenzende hat keinen Zugang zum Hof – unter ihrem  Sonnenschirm. Sie wohnt wie wir balkonlos unterm Dach und hat etliche Treppen zu steigen. Und weil den Hof ausserdem noch andere ihres Hauses nutzen, begnügt sie sich mit den eineinhalb Quadratmetern für Tisch, Stuhl und Schirm. Sie ist es auch, die das Blumenrabattstück am gegenüberliegenden Kopfende pflegt und nach und nach bepflanzt. Sie bekommt dafür hin und wieder Setzlinge von der Dame mit dem Märchengarten.

Ich legte mich auf die Schaukel und genoß das Bad in der Sonne  bis die mir zu kräftig auf der Haut brannte. Sonnencreme! Unbedingt und dringend. Die Frau unterm Sonnenschirm ist hitzempfindlich, was ein großes Pech ist für sie, weil sie a) einen hitzeträchtigen Job hat und b) ihre Wohnung nur Dachfenster hat, weshalb sie im Sommer bisweilen tags wie nachts schmort darin. Wir redeten über Sonnenschutz, ich mahnte den Erdgeschoßnachbarn, der schattenlos brutzelte, ebenfalls was aufzutragen und ging Sonnencreme holen. Als ich wieder unten war, hatte die Nachbarin von zwei Häuser weiter ihren kleinen Sonnenschirm so verrückt, so dass auch meine Schaukel einen Teil Schatten hatte. Wie nett! Ich freute mich sehr und bedankte mich wortreich.

Ich liebe  ihren rheinischen Akzent, der die harten Konsonanten verschluckt und so zärtlich dahinplätschert. (Dass die Loreley ausgerechnet am Rhein saß, wundert mich gar nicht). Ihre Sprache fließt dahin wie ein breiter gemächlicher Strom, und wenn ich sie höre, fühle ich mich ein bisschen wie am Wasser.

Dann saß jeder in seiner Parzelle. Die Grand Dame gärtnerte, die unterm Sonnenschirm las, der Hofnachbar brutzelte, ich schaukelte. Stille in der Stadt. Selbst die Vögel schwiegen. Kein Auto fuhr irgendwohin. Alles, so schien es, saß wortlos bei sich zuhause und lies die Lage auf sich wirken.

Corona.  Die Welt im Griff einer Seuche.

„Kennen Sie dies Lied – ´kein Schwein ruft mich an?´“, fragte die Grande Dame in die Stille hinein. So was kann sie, die sonst so distinguiert ist, dann doch auch. Ich glaube, sie fragte meinen Erdgeschoßnachbarn, der Einzige, mit dem sie umstandslos Sichtkontakt hat, und der stimmte zu und wiegelte ab, in der ihm anhaftenden Mischung von Verständnis und Abgeklärtheit, „sie haben halt alle erst abends Zeit“. Ich hoffe sehr, es rief dann abends jemand an.

Wieder langes Schweigen. Ich holte zwei Radler aus dem Keller und bot dem Nachbarn eins an; wir stießen mit ausgestreckten Armen an; zusammengerechnet waren das bestimmt eineinhalb Meter! Musste sein. Schon wegen der reparierten Fliegengittertür und dem Kater und der  häuslichen Harmonie. Die Sonne zog ihre Bahn und kam tiefer. Die beiden Nachbarinnen tauschten Pflanzen und Zeitschriften. Und irgendwann ein Gespräch über Corona. Über social-distancing und das Einkaufen, das sich neuerdings anfühlt wie Spießrutenlaufen, über Klopapier und Hefe, über Verwandtenbesuche, die man jetzt nicht mehr macht, über die  freie Wochenenden deshalb und Zeit für zusätzliche Schichten oder  ganz entgegengesetzt über Kurzarbeit.

Dass Klopapier so begehrt ist, verstand niemand in der Runde. Man stand an Zaun und Tür, Distanz wahrend und doch beisammen. Mein Hofnachbar wusste, dass die Hefe deshalb so knapp sei, weil manche ganze Pakete mitnähmen, nicht einzelne Würfel, sondern die ganze Stiege, was ich unglaublich fand. Wer braucht denn sooo viel Hefe? Die wird doch bloß schlecht. (Doch. Ich glaub´s. Diesen Irrsinn gibt´s. Leider. Mittlerweile weiß ich zum Glück ein Rezept zum selbst Ansetzen und eines, wie man einen Würfel so streckt, dass er vier ergibt. Aber an diesem Tag machte ich mir noch einen Kopf um unser Brot).  Auch die Nachbarin bäckt gerne, und wir vereinbarten gemeinsam Ausschau zu halten und der andern mitzubringen. Sie arbeitet jetzt mehr wochenends, weil sie eh nicht zur Mutter kann. Der Nachbar aus dem Erdgeschoß sieht dagegen ruhigen Zeiten entgegen. Seine Firma hat Kurzarbeit angemeldet, aber komischerweise arbeiten manche dort normal weiter, während andere ganz daheim bleiben. Ich kenne die Resignation in seiner Stimme. Er hat mir schon öfter Begebenheiten aus seinem Arbeitsalltag erzählt, die ich gruslig finde. Die Arbeitgeber wechseln, die Details sind andere, aber jedes Mal dachte ich „weshalb soll ein Mensch solch einen Job machen?“. Manche Jobs sind halt kacke. So wie es manche Produkte auch sind; viele sind den Rohstoff nicht wert aus dem sie sind, und die Welt wäre besser dran, sie einfach nicht zu produzieren. Immerhin – diesmal scheint er die Untätigkeit anders annehmen zu können. ´Höhere Gewalt´ hat schon auch was Tröstliches.

Wenn man ein bisschen von dem  ´Weniger´ mitnehmen könnte in die Nach-Corona-Zeit, das wäre klasse. Und auch das Kultivieren des Daheimseins und Pflegens guter Nachbarschaft, (einer, die sich aufeinander aufpasst, nicht, sich gegenseitig bewacht!), das wäre auch erhaltenswert.

Wir bleiben daheim, in Haus und Hof, und das ist gut so.  

22.03., Coronazeit

Sonntagmorgen. Das Fenster steht offen. Ich mag diese Stille.

Ich hab´s eh schnell mit den Ohren und habe oft einen Druck darin. Dann halte ich mir die Nase zu und puste hinein, bis es in den Ohren Plopp macht. Das darf man jetzt nicht tun, zumindest nicht in der Öffentlichkeit, und das kommt mich herb an. Ich weiß ja, man darf alles, bloß nicht ins Gesicht fassen. Nur Niesen ist schlimmer. Gesichtfassen nur daheim im Bad, mit Händewaschen davor und danach. Das geht. Aber sobald ich unterwegs bin und daran denke, beißt´s irgendwo.

Ein bisschen Internet. Irgendwo wettert einer, weil eine andere sich für einen Obdachlosen interessiert, den sie schon ein paar Tage nicht mehr gesehen hat, gegen Asylanten. Weil es offenbar so gut tut, bei jedem Thema, bei dem es sich iirgendwie anbietet, auf diese einzuprügeln. Weil immer Not gegen Not ausgespielt wird.

Und dann lese ich von 21.000 Infektionen in Deutschland. (Etwas über 300 in Indien, wo man auch sofort reagiert. Herrje – in diesem Milliarden-Menschengewimmel so ein Virus – Indiens Götterwelt möge sich zusammentun und es helfen zu verhindern. Und wer jetzt noch in Kasten denkt, bei dem weiß ich gar nicht mehr, was ich ihm an den Hals wünschen soll). Irgendwie verstehe ich es immer noch nicht ganz mit diesen Infektionsketten und dem Testen, und bei eingehender Betrachtung noch nicht mal das mit diesen zwei Imperativen, die da nebeneinanderstehen und so tun, als gingen beide gleichzeitig. „Stillgestanden!“ und „Move it!“ Für jemanden, der in einem systemrelevanten Bereich arbeitet und sich nicht sicher ist, ob er infiziert ist oder welches Risiko er mit sich führt, ist es gar nicht so einfach, zu wissen, was nun das Richtige ist. Wie man´s macht, kann´s falsch sein.

Ich habe eine Bekannte, die in der Pflege arbeitet und eine Patientin betreute, deren Sohn, mit dem die Patientin im gemeinsamen Haus lebt und da auch zu Mittag isst, mit positiv getesteten im Skiurlaub war. Die Bekannte konnte sich weder testen lassen, noch erstmal zu Hause bleiben, bis die Lage geklärt ist.

Das verstehe ich nicht. Und ich wünschte, ich kennte mich besser aus in Epidemiologie und der damit verbundenen Verhaltensforschung.

Die Tests sind anscheinend nicht sicher. Wer positiv getestet ist, ist sicher positiv, aber bei wem ein Negativ herauskommt, kann durchaus auch positiv sein. Trotzdem könnte ich mir vorstellen, würde ein vermehrtes Testen helfen, auch außerhalb des ´Risikobereichs´, der mittlerweile ja gar nicht mehr klar umrissen ist. Jeder kennt einen, und hatte auf Umwegen über diesen und jene Kontakt zu einem aus einem Risikogebiet oder gar Infizierten. Wenn nur die getestet werden, bei denen es wahrscheinlich ist, dass sie positiv sind, dann weiß man doch gar nicht, wie weit das Virus schon verbreitet ist? Wenn nun flächendeckender getestet würde, dann kämen eventuell ganz andere Zahlen raus an Infektionen. Wenn ich derzeit von 3000 in Baden-Württemberg ausgehe, dann neige ich dazu zu denken „ach, das müsst´s schon dumm dahergehen, dass ich in diesem 11-Millionen-Ländle grad auf einen treffe und mich dann auch gleich anstecke“. Wenn ich negativ getestet wäre, würde ich denken, „ok, kann sein, es stimmt, dann ist´s gut. Kann sein, es stimmt nicht, dann ist Vorsicht die Mutter der Porzellankiste und ich nehm´s mal unter Vorbehalt“. Ich hätte dann aber trotzdem ein bessres Gefühl im Job.

In Rottweil sitzt oft eine ganz dünne Frau am Norma, mit mittlerweile Naturtreadlocks und einem pastellfarben gemusterten Anorak. Sie lebt in einem Haus ohne Strom und Heizung und ging bislang ab und an in einen Imbiss oder dergleichen, um etwas Warmes zu trinken und sich aufzuwärmen. Das kann sie jetzt nicht mehr. Gestern hab ich sie wieder gesehen am Markt. Aufwärmen geht nicht mehr. Aber ein paar Euro für einen Tee am Fensterverkauf tun ihr sicher gut.

21.03., Coronazeit

Es kam so schnell, dies Corona. Grad war es noch weit weg, war irgendwo – eine etwas andere Grippe, um die ein mir eher hysterisch anmutender Zinober gemacht wurde. Durchaus berührend, aber fern wie die Feuer in Australien, die apokalyptisch waren, aber von denen ich auch nicht annahm, dass sie bis hierher brennen.  Gefühlt war es nun eine Woche, vielleicht eineinhalb,  dass Corona die Macht übernahm.  Und noch da dachte ich „naja, wird schon alles nicht so wild werden“, dann wurde das ´naja´ zu „holà!, was um Himmels Willen…?“, und jetzt schließlich zum tiefen Schlucken.

Ok. Das ist  ernst. In der Tat. Und es rechtfertigt alle Maßnahmen und Einschränkungen. Ich war nicht bei den Ersten, die den Ernst der Lage begriffen haben, aber wenigstens – irgendwann

Am Dienstagnachmittag noch mal leichthin das Glück genossen, ein Spaziergang (allein), ein offener Biergarten, ein Tisch ganz für mich – Sicherheitsabstand  satt gewahrt – das Bier alkoholfrei, der Moment zum Schwelgen schön. 

Das wird es wohl für einige Zeit nicht mehr geben.

Ich halte mich  durchweg an die Verhaltensmaßregeln. Auch keine heimlichen Umarmungen mehr. Diese eine am Wochenanfang hatte es gebraucht, so quasi als Selbstvergewisserung, eine Art Gelübde – „ich will das nicht vergessen!“. So hat halt jeder seinen Weg, die Flamme in sich am Leben zu halten. Ich  bewege mich jetzt anders, ich schaue anders, ich plane anders. Alles ist anders. Und doch bleibt immer ein Zweifel, ´was ist notwendig´.  Muss ich wirklich einkaufen? Kommende Woche sind die Kinder da, ich kann nicht bei allem sagen ´gibt´s nicht, geht nicht´. Ich ging, bekam weder Salz noch Toilettenpapier, was beides regulär und turnusgemäß hätte aufgefüllt werden sollen, bekam dafür was zum Basteln.  Und Eis. Salz aus privaten Beständen, und im Klo liegen jetzt Waschlappen. Auf dem Markt Äpfel gekauft, und Blumen für den Friedhof. Notwendig hin oder her. Auch beim Koriander hätte ich sagen können, in den Laden geh ich jetzt nicht auch noch rein. Und dann hätt ich auch keine Melone dort bestellt. Die ich nächste Woche hole.  Aber dann würde die Tochter statt der Melone Kekse essen oder systematisch die Reste aus der Fasnetsschatztruhe niedermachen, und das ist mir dann aus anderen gesundheitlichen Aspekten nicht recht. Also doch notwendig. Dann zu den  Eltern gegangen.  Natürlich könnte man anders Kontakt halten, aber sie haben keinen Umgang mit Internet, und ein Telefonat ist keine Suppe und erst recht kein frisch bezogenes Bett.  Wer weiß, wann ich das nächste Mal hinkomme. Lieber jetzt.

Wo Leben ist, ist Bewegung, und ist Kontakt.  Es lässt sich runterbremsen und entzerren, (dem kann ich durchaus etwas abgewinnen), aber es lässt sich nicht auf Null setzen. Dann ist´s tot.

Corona ist schrecklich. Für mein Empfinden schrecklich genug, da braucht es nicht noch dieses Bashing, in dem einer die Bewegungen des anderen kontrolliert und immer besser weiß, was notwendig ist und was nicht.

Das Internet ist voll davon.

Einer regt sich auf über Mütter mit kleinen Kindern, die er schwatzend beisammenstehen gesehen hat. So was habe ich diese Woche auch mal gesehen, durchaus nicht dicht an dicht, aber zwei Meter Abstand waren´s auch nicht, und bei den Kindern schon gar nicht. Und ich hab´s verstanden. Ich kann mich noch gut an den Schock nach der ersten Geburt erinnern, wie abgeschnitten ich mich gefühlt habe, und das ganz ohne Geburtstraumata oder postnatale Depressionen und eigentlich trotz einem doch recht intakten und reichen sozialen Umfeld. Trotzdem fühlte ich mich isoliert und die einzige auf dem Planeten, der das Muttersein  nicht sofort und ganz natürlich und souverän aus dem Busen und von der Hand floss. Ich habe diese Mütter-Kinder-Treffen gebraucht. Sie waren notwendig und systemrelevant, genauso wie die Hebammen, für die die Glocken auch läuten sollen und für die auch geklatscht werden soll. Jungen Müttern Kontakt zu untersagen kann unterlassener Hilfeleistung gleichkommen.

Zu einem ähnlichen Fazit kam ich am Donnerstag, als ich private Post austrug und an der Ruhe-Christie -Kirche vorbeikam. Es war das erste Mal, dass ich da reinging. Es war die ´blaue Stunde´, und  die Fenster leuchteten so  warm und golden. So ist das wohl – es sind dies Zeiten, in denen das Betreten einer Kirche einem aller Warnungen zum Trotz eben doch näher liegt als sonst.

Was für eine schöne Kirche! Bescheiden, schlicht und ein wenig gedrungen, der Chor duster, nur ein kleiner Schrein war hell erleuchtet.  Ich sah fünf alte Häupter und gebeugte Rücken, einer gehörte dem Geistlichen, der vorbetete und das Lied nannte, das gesungen werden sollte. Das war wirklich berührend. Ich schätze, die Ruhe-Christie-Kirche ist ein guter Ort, um sich der Schwere des Daseins zu ergeben.  Der Sicherheitsabstand betrug so pi mal Daumen einen Meter, nicht mehr, und das ohne Not – es hätte Platz gehabt für zwei Reihen Abstand. Aber mir schien, man saß gerade so, dass jeder der Betenden die Anwesenheit der anderen noch spürte. So erträgt jeder das Gewicht besser, und keiner trägt allein.

Ich hätte nicht hingehen wollen und sie auseinandersetzen.

Und vielleicht ist das bei den ganz Jungen gar nicht so viel anders. Am Mädelesbrunnen saßen zwei , die sonst vielleicht gerade aufs Abi büffeln würden.  Biertrinkend, Abstand zum ins Ohr flüstern. Das war keine Coronaparty, aber auch kein vorsichtiges, vernünftiges Verhalten.

Sie sollen das nicht tun. Freilich nicht. Sie dürfen nicht. Aber jetzt hinzustehen und sie beschimpfen als die Schuldigen, die den anderen all diese Restriktionen einbrocken, das stimmt auch nicht. Es sind nicht sie, es ist das Virus.  Und so hat nunmal jeder sein eigenes Tempo des Begreifens und jeder seinen eigenen Zugang.

Ich habe eine Freundin, die im häuslichen Pflegedienst arbeitet, eine derer, die an vorderer Front stehen. Es gibt nur wenige, die mir so am Herzen liegen wie sie. Und doch streiten wir grad übers Handy, weil sie sich aufregt und alle der Verantwortungslosigkeit bezichtigt, die sich nicht im selben Maß einschränken, wie sie das vermutlich täte, wenn sie´s könnte, und wie sie das als ideal ansähe. Und ich sage dann, alle strengen sich an. Alle tun ihr Bestes.

(Okay – nich alle. Mich erinnert diese Leere bisweilen an 1986, an Tschernobyl, als nach nach einem langen, trostlosen Winter endlich der Frühling kam, und ich mich so nach Sonne sehnte, und dann ging´s nicht, und es war ganz fürchterlich, wieder im Haus eingesperrt zu sein. Auch damals haben die einen schnell, die anderen langsam begriffen, und ein paar wenige nie, die gingen dann in den Wald und dachten ´au geil alle Pilze für mich´.  Ich hoffe, sie haben sie überlebt).

Und die Freundin regt sich dann auf. Wenn Bomben fielen, würde jeder kapieren. Nur, weil man´s nicht sieht, denken jetzt manche, es ist nicht da. Stimmt. So ist das. Bombenhagel und Sirenengeheul wäre eindringlicher. Bei einer stillen, unsichtbaren Gefahr ist das Verstehen anders.

Manchen Leuten genügt ein Zuruf, bei manchen braucht´s einen Erlaß oder ein angedrohtes Bußgeld, bei manchen ein Referat mit einem Dutzend Skizzen und Tabellen, und bei manchen braucht´s Erfahrung. Bei ein paar ist Hopfen und Malz verloren.

Es ist halt nicht so, dass da einer die Parole ausgibt, und dann gehorchen alle und folgen. Und es gibt auch nicht den einen Schalter, den man nur umlegt, und dann hat man´s drauf. Ich hab jetzt auch satte eineinhalb Wochen gebraucht. Einfach mit den Finger schnipsen und dann läuft die Nummer – das mag der Traum einer jeden Macht sein. Auch ich hatte den schon. Wenn ich mit meinem Sohn Hausaufgaben mache und mir die Haare raufe wegen seiner Blockade, dann denk ich, ich hab´s jetzt so oft erklärt – ich weiß, dass du das verstehen könntest, wenn du nur wolltest. Aber er ist auf diese Art halt nicht zugänglich. Und also läuft es nicht so. Und bei meiner Tochter läuft es auch nicht so, wenn es ums Kämmen geht, oder ums Schlecken, um dies, um jenes.  Dieses Zollstockgeschimpfe bringt nichts.

Es braucht offenbar einfach eine Ausgangssperre – dann soll es halt so sein. Aber es ist niemandes Schuld. Das hat niemand eingebrockt, niemand anders als Corona selbst.

Natürlich soll und darf niemand eine Coronaparty feiern.  Das ist zynisch und verantwortungslos und daneben.  Aber die das feiern, die sind in dem Alter, in dem alles möglich ist,  und in dem es naheliegt, sich unverwundbar zu fühlen. Und seltsamerweise geht diese Unverwundbarkeit einher mit Todesverachtung und Übermut. Ich selbst denke manchmal, ich habe Glück gehabt, dass ich diese Phase meines Heranwachsens  überlebt habe; ich habe mir bisweilen irrwitzige Nummern geleistet.

Außerdem, und das finde ich nicht unwichtig, sind es genau  diese Unverwundbarkeit und Todesverachtung, die es so leichtmachen, die junge Generation in den Krieg zu schicken. Das ist nicht mein eigener Gedanke, der ist von Simone de Beauvoir, und ich finde ihn gut.  Er ist aus „Alle Menschen sind sterblich“ – wo es überall um Buchtipps für häusliche Stunden geht – dieses kann ich sehr empfehlen.  Jedenfalls ist das halt die Kehrseite einer zugegeben zweifelhaften Medaille.

Und noch was:  was will man jemandem vorwerfen, der  damit aufwächst, dass es nur und ausschließlich um die eigene Party, das eigene Wohlergehen, den eigenen Luxus geht, der das millionenfach vorgelebt sieht,  und der mitnimmt, dass Elend und Sterben, solange es unsichtbar und anderswo geschieht, einen nichts angehen.  Jahrzehntelang war das die Parole. Gut, wenn die sich ändert. Aber es sitzt nicht über Nacht und fällt auch nicht vom Himmel.

Wir sind im Katastrophenmodus. Es geht ans Eingemachte. Aber wenn wir dabei noch kleinlich sind, dann wird´s erst richtig scheiße. Jeder tut, was er kann, so gut wie er´s kann. Ein paar sind doof – da kann man nix machen. Die gibt´s immer und überall. Aber der Rest  ist dran, jeder auf seine Weise. Und  ab und zu folgen Leute einer eigenen Not und setzen die Priorität anders. Dann ist das so.  Dann üben wir uns in Großmut. Zum ´Gemeinsam schaffen wir das´ gehören auch sie.  „Für eine bessere Welt nach Corona!“ , das fände ich mal eine gute Parole! 

Mit dieser ließe sich noch viel mehr schaffen bestimmt. Man könnte Leute aus den Flüchtlingslagern und dem Niemandsland holen.  Zum Beispiel. Die sind da jetzt völlig verloren.

Das kann´s doch nicht sein!  

Es geht nicht nur darum, eine Krise hinter sich zu bringen und eine Katastrophe zu überleben.  Wir könnten den Ehrgeiz entwickeln daran zu wachsen und  besser zu werden.  Dann macht es danach auch mehr Freude, sich im Spiegel anzusehen.

In der Lagune von Venedig tanzen jetzt Delfine. Hab ich gehört, nicht gesehen. Wäre doch schön, sie tun das auch danach. 

Coronazeit. Keiner weiß so recht, wie lange sie dauert. Wochen, Monate. Vielleicht sind beim nächsten Biergartenbesuch die Blätter schon bunt und in der Vase stecken Astern. Ach nee – so lange geht’s bestimmt nicht. Vielleicht sind  die Bäume dunkelgrün und das Grass ein bisschen verdorrt, und in Kästen und Kübeln leiden Geranien Durst. Auch ziemlich spät. Ach – vielleicht blüht in der Vase eine Margerite und das Grün der Bäume ist fluoreszierend hell und frisch.

Man soll die Hoffnung nicht aufgeben.

(Ein Traum wäre, es wäre geschafft, wenn der Magnolienbaum am unteren Ende des Stadtgrabens, der bei dieser nackten, schönen  Bronzefrau, die so anmutig die Haare auf dem Kopf zusammenhält –   man müsste ihn vom Biergartentisch gerade so sehen – wenn der in voller Pracht steht. Das wäre  echt ein Traum).