Die Qual der Wahl




Ich habe einen schweren Kopf, bin lange bei einer Housewarmingparty gewesen und habe dort in einen Geburtstag reingefeiert. Zwei Partys in einer; eine Nacht ist zu kurz für so was. Und dann die Themen – Männer, Kinder, Kirche, Gas, Job, …, und natürlich die OB-Wahl. Es ist meine erste. Und ich bin unentschlossen. Ich find´s echt schwer. Dabei ist tröstlich, dass es anderen genauso geht. Keine der Frauen gestern wusste ohne Zögern, wen sie wählen wird.

Den Herrn Dr. Ruf, den kennt man nun schon, hat ihn öfter gesehen, und immer war er freundlich, nie ist er unangenehm aufgefallen. Der macht seinen Job vermutlich ganz famos, als Bürgermeister bestimmt. Es bleibt halt die Frage, wie das mit dem Wechsel von Verwalten zu Gestalten so klappen würde. Er kommt auf den Plakaten ein wenig lockerer daher, das steht ihm gut. Aber trotzdem – so richtig den inspirierten Macher mit frischen Ideen seh ich halt nicht in ihm. Außerdem stelle ich mir vor, dass die Kontakte schon stehen/ die Verbindungen, und dass in den vergangenen Jahren schon so viele Gespräche geführt sind, die alle ihre Resultate gebracht haben, so dass „anders“ nur bedingt drin liegt. Und dann redet er halt doch wieder von neu auszuweisenden Baugebieten, und das geht halt gar nicht. Irgendwann, will ich meinen, muss man mal aufhören mit zubetonieren und mit dem Vorhandenen schaffen.

Das gefällt mir an Kai Jehle-Mungenast nicht schlecht, der ein sehr reserviertes Verhältnis zu Abriss und Neubau zu haben scheint, der mit ressourcenschonender Politik tatsächlich genau dies zu meinen scheint….

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„Der Himmel ist nicht geerdet!“

„Probleme werden da anders gefixt“,

– auf dem Kongress des ChaosComputerClub, der über einen eigenen Himmel verfügt, erzählte die Frau des Leiters vom kleinen Zelt beim Kulturufer in Friedrichshafen, nämlich „sofort, kollektiv, technikbegeistert und zielorientiert“. Engel gibt es viele auf diesen Kongressen; sie sind zuständig für Müll und allerhand andere Logistik, die es braucht, wenn 30.000 Leute technikbegeistert und zielgerichtet Probleme fixen. Und die Engel haben ihre Base, wie kann es anders sein, im „Himmel“, der ein Zelt ist, das wiederum kein geeigneter Zufluchtsort ist bei einem Unwetter. Wenn es blitzt und stürmt, muss man raus, denn der Himmel ist nicht geerdet. So war es auch bei Gisbert zu Knyphausen und dem Pianisten Kai Schumacher, die ihr Konzert im großen Zelt in Friedrichshafen abbrechen mussten, und das, obwohl man ihnen hätte eigentlich dankbar sein müssen. Kai Schumacher hatte den Regen beschworen. Erst war da nur Wind gewesen, dann legten Schumachers Hände sich auf die Tasten und lockten, und erst kamen vereinzelte Tropfen, und wie die Hände schneller und schneller und schneller wurden und endlich wie wild geworden über die Klaviatur rasten, so prasselten schließlich auch die Tropfen aufs Zeltdach, Klavier und Sturm wurden eins. Magic. Wenigstens den „Leiermann“ von Schubert hat es vor Abbruch noch gegeben. Gisbert von Knyphausen – mega.
 
Der Himmel-Satz begleitete mich tagelang, an den Jongleuren, Akrobaten und Feuerspeiern vorbei, ins Klezmerkonzert, wo die Luft schwül waberte und die Klänge virtuos ins Ohr schwammen, zu Fred Wesley, einer Funk-Legende, die so schräg wie cool war. Bestimmt lag es an meinem Blickwinkel. Ich stand, weil ich nicht vorne sitzen wollte, seitlich in den oberen Rängen und sah ihn von schräg oben. Steinalt und in sich zusammengesunken auf einem quietschroten Küchenhocker sitzend, schwarze Waden über knallgelben Schuhen. Das dunkle Hemd über den rostbraunen Shorts spannte an der Brust und stand ab dem Hosenbund offen auseinander, was einen stattlichen Bauch vermuten ließ; „vielleicht hat er einen Buckel“, dachte ich. Ein hell leuchtender Heiligenschein umgab das schwarze Gesicht. Voll schräg, und soo cool. Er animierte das Publikum zu Lippenakrobatik, „back to the boogie“ oder so ähnlich, mit so vielen Bs aneinandergereiht, dass die Lippen sich verhedderten, später im Wechselgesang „bake a bread with my mom“ und „pass the piece“. Das Publikum erhob sich von den Stühlen, irgendwann standen, tanzten und sangen alle. Auch Fred Wesley stand, alt, aber nicht steinalt, der heiligenschein waren weiße Haare, der Küchenhocker war ein recht schickes Designermöbel, und Wesley hatte keinen Buckel und war auch gar nicht dick. Im Stehen war er weniger schräg, aber immer noch total cool.
Manchmal liegen Himmel und Erde schon sehr nahe beieinander. Das Leben kann so schön sein. Liebe und Wein, See und Sommer, vor der Wohnwagentüre eine Schlemmermeile, Musik, Theater und Straßenkunst, und jeder Quadratmeter birst schier vor Lebensfreude. Den Kindern würde das gefallen, dachte ich, dies Lager am Bodenseeufer, die Wiese mit den vielen Zelten, in denen sie werkeln und basteln, bauen und spielen. Kurz dachte ich an den letzten Tag vor der Abreise, an Rottweils „Ferienzauber“. Die Tochter und ich haben uns mit einem ganz gleichen Duo dort getroffen. War sehr schön; wir kennen uns lange genug um zu wissen, wie wir eine gute Zeit zusammen haben können, egal wo. Der Fahrradparcours im Kinderbereich war bereits abgebaut, die Spielgeräte belagert, im Zelt gab´s Schmetterlingsbasteln. Wir haben unsre Kinder genötigt, „macht mal!“, damit sie wenigstens Etwas im Kinderbereich gemacht hatten. Ferienzauber war schon ein großes Kinderspektakel mit Werkeln, Bauen, Tanzen und so gewesen – bevor Party und Bands vollends übernahmen und es nun reine Location war, mit eher weniger Zauber. Sei´s drum.
Mittlerweile sind beide Kinder in ihren jeweiligen Sommerlagern. Ich habe bis jetzt nichts gehört, demnach ist wohl alles okay. Beim Großen konnte ich nur noch hinterhergerufen „viel Spaß!“, und schon war er weg. Die Kleine war hin und gerissen zwischen Nähe und Abstand, die Tränen so dicht hinter dem Auge, dass jede Berührung die Dämme einzureißen drohte. Besser nicht dem Weinen nachgeben, dachte sie wohl. Nach ner halben Stunde im Zug war´s bestimmt eh vergessen. Wir sind ganz getrennt, fern voneinander. Ich hoffe, es geht allen Familienmitgliedern so gut wie mir gerade.
Ich habe, nachdem die Kleine verabschiedet war, noch zu meiner Freundin gesagt „hoffentlich geht alles gut“. Mir war schon etwas schwer ums Herz. Und sie, deren Kinder jahrelang dabei waren: „es sieht chaotischer aus, als es ist, sie bringen´s immer hin, und wenn nicht gleich, dann etwas später. Und was soll´s – sonst erfahren sie auch nur, dass auch mal was NICHT klappt und glatt läuft, sie erfahren, dass Dinge auch scheitern, und das lernen sie eigentlich viel zu wenig“.
Stimmt. Auch Scheitern will gelernt sein.
Ich weiß nicht, weshalb es mir jetzt einfällt. Als große Träume kläglich scheiterten….

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Von guten und nicht so guten Mächten

und allerhand Nebensächlichkeiten

Ich fühle mich etwas zweigeteilt, zerrissen: Krisen – und Katastrophenmodus versus Lebensfreude. Und so viele Aufgaben und Baustellen, die es zeitgleich zu koordinieren gilt – ein permanentes Multitasking. Eigentlich überhaupt nicht mein Ding. Wenn ich in einer konstanten Betriebstemperatur bleibe, unabhängig von der jeweiligen Aufgabe, geht’s – aber wehe, es wird mal fiebrig oder unterkühlt, dann ist sofort der Wurm drin.
Temperament und Emotionen zu kontrollieren empfand ich als junger Mensch als eine Zumutung. Dessen ungeachtet verlangt das Dasein es trotzdem ab. Ich bin froh, dass ich in der Lage bin zu lernen. Ich kenne eine Frau, die von Dauerpsychosen gemartert wird und immerzu fragt, ob sie „durch Arbeit an der Krankheit hinter diese kommen könne“. Sie könnte bestimmt Erleichterung erfahren, denk ich. Nur leider scheint die Krankheit eben diesem Arbeiten und Lernen im Weg. Das ist bitter. Das Schicksal kann einem schon übel mitspielen.
Ein Grund mehr der Lebensfreude nachzugehen. Verzweiflungsprophylaxe. Es ist Sommer, so richtig satt und heiß, und das schon morgens beim ersten Schritt vor die Türe. Ich schiebe den Gedanken an Klimawandel beiseite und genieße die Luft an den Beinen. Ich habe mein Rad verändert. Statt Friseur. Mir war nach Stilveränderung. Es waren Stunden meditativen Bastelns inklusive kindischer Anwandlungen. Das Rad ist jetzt blau, dekoriert mit glitzernden Delfinstickern, vornedran gibt eine einbeinige und zur Meerjungfrau umgebaute Barbie die Galionsfigur und um den Korb ist ein Fischernetz. Mein Rad ist ein Schiff, der Asphalt das Meer und ich bin die Kapitänin auf hoher See. Ein Segel täte mir noch gefallen.

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Neues Lieblingswort: minimalinvasiv

Es ist ein Segen, wenn das eigene Leben so ist, wie man es sich wünscht und wie es guttut. Die Welt drumrum ist bei Weitem nicht so, wie ich sie mir wünsche – meine eigenen Strukturen schon. Das darf gerne so bleiben. Es ist auch ein Segen, wenn nichts mit Gewalt oder übermäßigen Ansprüchen einbricht.
Ich habe gefühlt immer zu wenig Zeit. Dabei ist das blöd. Ein Tag hat 24 Stunden, nie mehr, nie weniger. Und was man schafft, schafft man, was nicht, das nicht. Es war eine volle und erlebnisreiche Woche, mit nicht nur Job und Familie, sondern mit für meine Verhältnisse viel Öffentlichkeit, fand ich. Der krönende Abschluß war der Samstagsabend, das letzte Konzert des Jazzfestes. War ziemlich elektronisch alles, aber mega. Ich finde Akkordeon toll. So saß ich mit einem leichten Schwips und einem verliebten Gefühl im Bauch, ließ mich von Musik und Lichtern entführen und fand alles ganz klasse. Ich hatte meine Freundin zum VIP-Empfang begleitet, und das ist schon ein Spaß, sowieso mit Sekt und Häppchen und grünem Bändel, mit dem man frei konsumieren darf, inklusive Gin-Tonic. Gerade noch die Kurve gekriegt und dem fetten Kater ausgewichen. So war der Sonntag gerettet, der dem Aufräumen gewidmet sein sollte, haushälterisch wie mental.
So geschehen. Minimalinvasiv, was das Haushalten anging. Es zog mich hinaus; ich war lange nicht spazieren………………………

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Auftauchen

Die Wochen und Tage sind zu kurz. Das ist das Pech der späten Mütter: die Kinder sind noch klein, die Eltern schon alt und teilweise und zunehmend gebrechlich, dazu der Job, die ganze Lebensgestaltung, der ganze Scheiß drumrum. Ab und zu habe ich nachts keine Ruhe zum Schlafen. Dann muss ich raus und mir einen Plan machen. Bisweilen ist der so ausgeklügelt und voll, dass ich am Ende selbst überrascht bin, wenn er aufging.
Ein Pflegebett ist noch keine Pflege, ein volles Glas ist noch nicht getrunken. Buchstaben erkennen ist nicht lesen-können, an sozialen Medien hängen nicht Kommunikationsfähigkeit. Und so geht’s fort. Es sind die Wege dahin, die Nerven kosten. Und wenn der Weg das Ziel sein soll, braucht´s eine klare Richtung, und also muss jeder Schritt überlegt sein.
Ich gönne mir wenigstens den Luxus und tauche ab. Die Krisen kriseln heuer ohne mich. Ich bin ein Wal in unruhiger See. Meine Lieben bleiben in Echolot-Rufweite und halten mit mir Kurs. Nur manchmal tauche ich auf, und dann staune ich, wie die Welt da oben aussieht und wie verrückt sie sich dreht.
Exkanzler Schröder war mit seiner jungen Gattin in Moskau. Ich habe ein Foto gesehen, auf dem sie – der Kreml im Hintergrund – andächtig betet – für die Vermittlungsversuche ihres Mannes oder für besser Wetter, keine Ahnung. Es sieht so andächtig aus.  Dabei muss wenigstens noch eine weitere Person mitanwesend gewesen sein, die, welche das Foto gemacht hat, und so andächtig stelle ich mir den Moment also gar nicht vor. Das erinnert mich an eine mir vor Jahren zugetragene Erzählung eines Journalisten, der mit Horst Seehofer auf Wahlkampftour in Bayern unterwegs gewesen war. Es sollte ein Foto gemacht werden, Seehofer in stiller Andacht in einer schlichten Kapelle. Der Tross rauscht an, drei Dutzend Journalisten, Wahlkampfmanager, Visagisten, uswusf. Seehofer nimmt Platz, faltet die Hände, guckt beseelt. „Das war nix. Nochmal!“ Also nochmal, ein Licht verrückt und die Nase frisch gepudert. Nochmal hinknien, nochmal Hände falten, stille Rührung ins Gesicht. Klick. Seehofer: „Hammers?“ Sie ham´s. Seehofer steht auf, der Tross packt ein und rauscht weiter. Besinnlichkeit kommt erst auf, als alle weg sind, auch Seehofer. Was soll das? Ein Auftauchen ist das jedenfalls kaum wert.

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Eine Fasnet im Krisenmodus



„Ne Freude im Leid“ (Anmerk.: aus dem Rottweiler Narrenmarsch)
Eine Fasnet im Krisenmodus


Es stimmt schon – es war ein Irrsinn, so eigentlich, in solchen Zeiten Fasnet zu feiern. Mt einem Virus im Umlauf, das zwar meistens ganz harmlose Krankheitsverläufe mit sich bringt, immer wieder – und das ziemlich unberechenbar – aber doch mit brachialer Gewalt zuschlägt. Es war und ist ein bisschen wie Roulettespielen – wo bleibt die Kugel hängen. Ich weiß nicht, ob mir der Fatalismus gefällt, der sich damit breit macht. Aber er hilft. Er nimmt den Schrecken. Jetzt, nach der Fasnet, sind ganze Familien „positiv“ und daheim, und in der Tat leiden die allermeisten an nicht mehr als an einer gewöhnlichen Erkältung. Ich kannte allerdings auch Leute, die es nicht überlebt haben, selbst dieses „harmlose“ Omikron nicht.
Dann der Krieg vor der Haustüre. Es war ja nicht unumstritten: ist unter diesen Umständen Fasnetfeiern überhaupt vertretbar? Ich fand, es ist. Ob Corona, der Krieg oder das Klima – es folgt Krise auf Krise, und ich will nicht das Leben absagen. Weihnachten gab es mit Corona, Urlaub mit Klimakrise – und Fasnet mit Krieg; jeweils den Umständen angepasst, aber eben doch. Was würde ich sonst den Kindern vermitteln? Dass sie in eine Welt hineingeboren wurden, die das Feiern nicht mehr erlaubt und aus der jede Leichtigkeit verschwinden muss, weil es als nicht schicklich gilt, das Schlimme und Schwere, das irgendwo in der Welt immerzu passiert, mal beiseite zu schieben? Sie sollen doch zuversichtlich sein können.
Meine Kinder tragen sämtliche Coronaregeln ohne viel Murren, wie ich auch. Und obwohl wir alle drei jeweils von ganz unterschiedlichem Naturell sind, hat jeder von uns diese Fasnet auf seine Weise genossen und nimmt von der Freude etwas mit hinein in den kommenden Alltag. Krisen kommen ungebeten, und mit ihnen leben, meine ich, heißt auch, Freude da tanken, wo es geht. „Die Freude im Leid“ eben – ich bitte drum – so heißt es im Narrenmarsch, die will ich dann auch.
Was kann ich auch tun. Ich weiß nicht viel über Russland und die Ukraine und kann kaum beurteilen, wo „gut“, wo „böse“ ist. Dass Putin einen Schaden hat, das war mir klar; das spricht aus seinen eigentlich lachhaften Machoposen. Grundgütiger – als Taucher mit nacktem Oberkörper, die Amphore, wahlweise der Barsch, in der Hand. Wäre er sexy wie einer der Chippendales, könnte er seinen Komplex anders regeln; so muss es halt Macht- und Größenwahn sein. Aber diesen russischen Großmachtkomplex, den hat er wohl nicht alleine. Auch sind die Nato und die Bündnisse des Westens ebenso keine Pfadfindervereine, wo es täglich um die gute Tat geht. Und doch hätte ich mit solcher Rigorosität, mit einem solchen Angriff nicht gerechnet. Es kommt mir so absurd und archaisch vor – einfach die Panzer aus der Garage zu fahren, ins Kriegshorn zu blasen und das Land zu überrollen, das man als „seins“ betrachtet, aus irgendwelchen Gründen, die tief in der Vergangenheit liegen. „Old fashioned“ nannte ein australischer Bekannter, den ich gefragt hatte, wie es ihnen geht nach der Flutkatastrophe, das. Noch so eine Krise. Eine Freundin, die ich über eben diesen Bekannten kennengelernt habe, hockt ohne Strom im australischen Outback und sagt, es sei ein Inlandstsunami gewesen, wie ihn noch nie jemand gesehen habe. Nun hat sie eine ausgeprägte theatralische Ader und liebt Übertreibungen, aber ich glaube ihr. Es gäbe keine Strassen mehr. Sie rationieren die letzten Liter Diesel für den Generator; sie wissen nicht, wann es wieder welchen gibt. Sie lebt weit draussen und hat deshalb immer genügend Vorräte an wenigstens Grundnahrungsmitteln, aber es gibt andere, denen wird’s knapp. „Old fashioned“ – passt eigentlich schon. Kriege kommen, leider, nicht aus der Mode, aber ich stelle mir dennoch vor, es müsste andere Wege geben, heute, wo die Welt über so viele Kommunikationswege und Netzwerke verfügt, wo sämtliche Belange so offen daliegen könnten, wo so viele doch eigentlich um andere Lösungen wissen und man sich darüber austauschen und darin helfen könnte. Wenn alle anerkennen könnten, dass die Welt sich stetig verändert und es keinen Anspruch auf ewigen Bestandsschutz gibt, stelle ich mir vor, ließe sich viel Streit vermeiden.
Ich versteh´s nicht, und ich wollte mich auch nicht damit befassen.
Auszeit. Muss man sich leisten können. Konnte ich. „Bis zum Aschermittwochmorgen“. Dann wieder.
Den Film „Narren“ habe ich lange nicht angeguckt. Er sei so narrenzunftkonzentriert, hatte es geheißen. Und ich hatte das als Gegenargument genommen und immer anderes vorgehabt. Und schließlich habe ich ihn zwei Mal gesehen und fand ihn toll und durchaus erhellend.

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Manche Tage

haben´s in sich, alles Gute und alles Blöde, was Alltag zu bieten hat

Der vergangene Donnerstag war so ein Tag.

Ich schreibe ihn erst jetzt nieder, weil, seit wieder alles volle Suppe läuft – Schule, Vereine, Jugendgruppen, Kultur und Gedöns – ich wie vor Coronazeiten das Gefühl habe, die Tage und Wochen sind mir zu kurz. Ich komme zu nichts mehr abseits des aktuell Notwendigen.

Früh morgens ging es noch. Der Große sollte von der Schule zuhause bleiben. Er hustete, dass es zum Fürchten war. Und ich dachte, ausschlafen hilft auch. Also nur die Kleine geweckt, sie sanft aus dem Familienbett bugsiert. Auf dem Weg zum Bus klagte sie über Ohrenweh. Ohje. Ich dachte, das bekommen wir jetzt im Moment nicht geregelt – es wird schon werden. Das Klagen war auch ein sehr zurückhaltendes.

Zuhause mich gerichtet um zur Arbeit zu gehen. Ich hatte bereits eingekauft und vorbereitet – ich wollte mit der Wohngruppe kochen. Und dann war ich schon halb in den Schuhen, als der Große, den ich schlafend wähnte, „ich habe Nasenbluten!“ rief und vor mir stand. Ihm schoß eine Fontäne aus der Nase, wie ich sie noch nie gesehen habe, und er sah aus wie nach einem Massaker. Erster Schreck, erstes Putzen, Kind versorgen, das Bluten hörte auf – bis er nieste und es wieder anfing und er in Panik geriet – und ich bei der Arbeit absagte.

Zwei Stunden später rief die Schule an, die Kleine käme heim – das Ohrenweh.

Nach dem Essen und den Schulaufgaben ging es allen wieder ordentlich. Und das war gut so. Ich hatte in der Woche zuvor das alte Auto der verstorbenen Tante verhökert, zwischen Tür und Angel, nebenbei und geschwind, was stets eine zuverlässige Quelle für Ungemach ist. Ich hatte nur mal eben unser Zeug raus- und den zweiten Satz Felgen reingetan, das war´s. Es war kein Kaufvertrag vorbereitet, und das Auto war noch angemeldet. Kann er ja selbst machen, dachte ich. Am Straßenrand im Schein der Laterne sudelten wir das Wichtigste auf die Rückseite des frischen Tüvgutachtens, ich machte ein Foto davon, das Papier nahm er mit – und weg waren Käufer und Auto – und ich hörte nichts mehr und bekam auch keine Ummeldebescheinigung oder dergleichen, und langsam war mir bang geworden, und auf Nachfragen kamen die Antworten erst beschwichtigend und auf Zeit spielend, dann unwahr. Und entgegen seiner Versicherung „alles längst geschehen“ beharrte die Zulassungsstelle, das Auto sei nicht umgemeldet. In mir schrillten sämtliche Alarmlampen. „Nie verkaufen ohne abzumelden“, sagten die Damen vom Landratsamt. Da war´s schon zu spät. Ich solle mit dem Kaufvertrag vorbeikommen, dann würden sie den Herrn anschreiben. Ich versuchte den Kaufvertrag auszudrucken – ging nicht; also zum Copyshop; da ging es erst auch nicht – Panik – dann ging´s doch, und also schnell um die Ecke zur Zulassungsstelle gerannt. Und die Frau an Schalter 10 guckte in den Computer und sagte erst „ist noch angemeldet“ und dann „halt, nein, nein, halt, jetzt kommt was rein!“ , es war 16.10 Uhr. „Um 16.02 Uhr ist umgemeldet worden.“ Eine Lawine rollte vom Herzen. „Danke, Sie haben meinen Tag gerettet!“, (und die Nacht auch), ich verabschiedete mich. Zurück aufs Rad, in die Pedale getreten, heim und die Schulsachen für den Folgetag gerichtet. Der Große war verärgert, auch sein Tag lief nicht wie erhofft, und die Mitfahrgelegenheit zur Jugendgruppe der Kleinen war geplatzt. Wir organisierten eine neue. Dann schnell zur Oma, zu der die Fußpflege kommen sollte – der Opa war nicht da. Auch die Oma war übellaunig und wollte gar keine Fußpflege, und überhaupt wollte sie eigentlich gar nichts, nichts als ihre Ruhe. Und ich komm da und mach im Haushalt rum und was soll das??. Und ich musste mich verteidigen und rechtfertigen, und die Fußpflege kam nicht und ich trug alten Salat nach draussen zu den Schildkröten, um die ich mir Sorgen mache, weil ich denk, denen ist doch bestimmt kalt? Und als ich reinkam, war es viel später als einkalkuliert, dabei sollte ich längst daheim sein – die Kinder, das Abendessen, und außerdem war ich eingeladen zu einem Konzert in der Stallhalle. Ich habe den Elternabend dafür sausen lassen. Man muss Prioritäten setzen. Und jetzt dies Warten, ich zählte Minuten und rechnete, „noch 5 Minuten, maximal, dann geh ich – Fußpflege hin oder her“. So stand ich in der Küche, und es dauerte bis ich es zuordnen konnte: was riecht hier so? Nach Kacke! Dann merkte ich, es ist mein Schuh. WTF. Wie kommt da verkackt nochmal Hundeschiß an meinen Schuh? Wo??

Mir war nach Ausrasten. Aber das bringt auch nichts. Hat das jetzt sein müssen? Scheiße am Schuh. Das ist, als ob der Tag einem den Stinkefinger zeigt und einen auslacht. Ein Tag läuft alles wie geschmiert, der nächste zeigt dir, was eine Harke ist.

Es gibt geeignetere Methoden, Hundekacke abzuwischen, sag ich mal, aber es musste schnell gehen. Gepfiffen auf hygienische Standards – die jucken oder jucken nicht; und ich steh ja eh auf verlorenem Posten mit allem, was ich dafür tun will. Am Ende war die Kacke weg, und die Fußpflege kam und ich schwang mich aufs Rad. Später bereute ich, dass ich im Trubel der Dinge die Oma nicht zum Abschied nochmal in den Arm genommen habe. Man sollte nie ohne innige Verabschiedung auseinandergehen. Nie! Daheim schnell Vesper gerichtet, das Bett, die Nachthemden und Schlafanzüge, Wärmflaschen, einen Film eingelegt, die Nachbarin nochmal instruiert, dann wurde ich abgeholt.

Lisa Simone. Das Konzert war klasse. Zwischendurch fragte sie mal, ob jemand nicht wüsste, wer ihre Mutter gewesen sei. Ein paar Hände gingen hoch, nicht viele. Ich weiß zweifelsfrei, dass es mehr hätten sein müssen. Es ist nicht leicht , sich als Kulturbanause zu outen. Eh egal. Ihre Mutter war Nina Simone, und Lisa sang einen Song über ihr Vermissen. Ich trauerte mit. Außerdem war ich am „Beach“, ihrem und auch meinem Lieblings-und Sehnsuchtsort, wo alles von einem abfallen kann und Frieden ist. Ich sah die von ihr besungenen „falling leafs“ , tanzte sitzend zur Leichtigkeit des Blues, der eigentlich die Schwere des Daseins zum Thema hat. Ich hätte gerne mehr und richtig getanzt, aber es war gestuhlt , und auch wenn man an den Seiten hätte tanzen können – meine FreundInnen saßen, also saß ich auch – weit hinten, was ein wenig schade war, denn Lisa Simone sah wunderschön aus und sie bewegte sich so anmutig, dass ich gerne näher dran gewesen wäre. Am Ende jubelte ich von ganz hinten ihnen allen begeistert zu, als das Schlagzeug (famos!) verstummt war und Lisas letzter Ton gar nicht mehr aufhören wollte . Hammer! Ein letztes Glas Wein im Außenbereich am Feuer. Drumherum war ein hoher Zaun, aber wir hatten eine Stimme aus Amerika gehört, und hatten in unserer Runde Wurzeln im Irak, in Kanada, in Neuseeland, wir redeten über den Schwarzwald, England, Afrika, Persien und Zaratustra. Ich habe in drei Stunden eine Weltreise gemacht.

Das war ein ziemlich geiler Ausklang eines ziemlich bescheuerten Tages.

Von Zwängen und Schönheiten der Mauern




Das war toll! Den ganzen Sonntag verbrachte ich noch im Bewusstsein, etwas Einmaliges und Unvergessliches erlebt zu haben. Ach, eigentlich reichte der Rausch bis weit in den Montag hinein. Kein Rausch mit Promille; eher ein Wind, wie von einem Fahnenschlag, der seine Liebe in die Luft schmeißt und mich mitnimmt. Ich liebe einen solchen Nachhall.

Das war phänomenal, grandios, überwältigend. Mega. Glückwunsch Forum Kunst zum 50. Und Danke. Das war ein voll gelungener Geburtstag. Was für eine Show. Wie die Gespenster aus den Mauern krochen. Wie die Töne die Fugen hinab rannen. Wie Hände Farben herausklopften und Steine bespielten. Wie Töne sich zart in den Nachthimmel erhoben. Wie das Tor bebte und tanzte und sich klirrend um sich selbst drehte. Wie Arme übers Dach hoch oben hingen und vorklatschten, und alle klatschten nach. Wie das Tor im Technorausch fluoreszierte. Wie es am Ende zersprang und in sich zusammenfiel. Ich will es immer wieder sehen.

Ich bin ja überzeugt, dass jedem Ding ein Wesen innewohnt. So stecken in alten Gemäuern die Geschichten aus Jahrhunderten….

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Frauen an die Macht

Für eine neue Bau- und Wohnpolitik

Die *Innen

Wie ich mir die Realität hinterm Sternchen vorstelle

Nichts geht, noch immer kein Biergarten, kein Freibad, kein Kino, kein Theater, aber es wird gebaut und gewerkelt, was das Zeug hält. In Hausen ist der Boden offen; da gibt’s ein ganz neues Wohngebiet am Ortsanfang. Es ist nicht die Sahneschnitte unter den Wohnlagen, nicht wie am Klosterbach ein Stück Natur, um welches das Herz blutet, aber weh tut´s allemal. Das Flächenversiegeln ist ein weiterer Teil Fußabdruck, der ohnehin schon viel zu groß ist, ein Stempel ´Mensch´. Mensch versus Natur. Gestern spazieren gewesen in der Stadt, Richtung Tannstraße hoch, Stadtrand, „Speckgürtel“, manche mögen´s appetitlich finden. Ich weiß nicht – Schottervorgärten und gestutzte Buchsbäume, Rindenmulch mit traurig grünen Einsprengseln. Es ist schon viel, wenn in einem eng begrenzten, ausgesuchten Rasenabteil ein paar Gänseblümchen blühen dürfen. Dafür Dekozeug vor der Tür, an dem noch unsichtbar das Preisschild hängt – „teuer“. Gruslig. Ich würde Schottergärten auch verbieten. Was soll das denn? Wer keine Lust auf Garten hat, wäre mit einer schicken Eigentumswohnung doch besser bedient. Diese Haltung „hier Mensch-dort Natur, dort Tier“, die haut halt nicht hin.

Wir müssen unseren Platz teilen und der Natur ihren berechtigten Raum geben. Ich habe schon lange nicht mehr ´grün´ gewählt; mir sind die Grünen viel zu konservativ und selbstgerecht geworden, dabei viel zu wenig ´grün´. Bei der nächsten Bundestagswahl mag das anders aussehen. Mir gefällt die Kanzlerkandidatin, und mir gefällt die Vorstellung eines Wechsels. Trotz Nachmeldung von Nebeneinkünften. Dumm gelaufen, muss man schon sagen. Aber im Vergleich zu den teils hanebüchenen Nebeneinkünften der CDU/CSU und den mitunter illegalen Zahlungen innerhalb anderer Parteien nimmt sich das schon deutlich bescheidener aus – und am Ende ja doch ehrlich; wie viele die hier schreien, melden selbst noch nicht mal nach?  Im Netz hyperventilieren sie schon. #baerbockverhindern. Die Afd hat Schaum vor dem Mund. Da regt man sich außerdem auf über Frau Baerbocks Gendern, als wäre das Makel und Sakrileg. Mit dem Gendern ist es ein bisschen wie mit dem Impfen. Im offiziellen Sprachgebrauch wäre es gut weit verbreitet, um einen bestehenden Missstand anzugehen, im Privaten soll es jede/r halten, wie er-sie-es für richtig empfindet. Es ist eine Haltung, eine von mehreren möglichen. Es hängt nicht die Welt davon ab. Die Grünen gelten als ´Verbotspartei´ und viele, die selbst so engstirnig sind, dass sie nur ein einziges Richtig dulden und in der Vielfalt sofort um die eigene Identität fürchten, schreien nach Freiheit, die zum Synonym für assiges Benehmen verkommt; ´nach mir die Sintflut´. In den Fünfzigern sah man das Ende der chemischen Industrie, als Wasserfilter verlangt wurden, in den Siebzigern das Ende der Freizügigkeit, als die Gurtpflicht kam und innerorts Geschwindigkeitsbeschränkungen… Als die Grünen in BaWü an die Macht kamen, wollte Seehofer, damals noch bayerischer Ministerpräsident, die Unternehmen nach Bayern holen, als Wirtschaftsflüchtlinge sozusagen. Es war gar nicht nötig. Jede Zeit hat ihre Freizügigkeit und ihre Verbote. Ich würde das gerne ´Lernen´ nennen; wir verbessern unsere Bräuche da, wo wir erkennen, dass etwas verkehrt läuft.

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Gefühlsbäder – ein Aufguß

Nordschwarzwald. Regen am Fenster, das Prasseln der Tropfen auf dem Dach, leises Vogelgezwitscher. Ansonsten Stille. Und das ist gut so. Es ist der erste Mai, der Tag der Arbeit, und ich war die Woche so müde, dass ich mich jeweils gleich nach dem Aufstehen aufs Bett-gehen freute. Heute ist der Tag dafür. Wenigstens. Eigentlich wäre es der Tag nach überschwänglichem Tanz. Den gab´s heuer nicht. Es ist noch lange hell, aber wenn man die Vorhänge zuzieht, stört das nicht.

Eine Schicksalsergebenheit macht sich breit in mir, von der ich nicht weiß, ob ich sie gut finden soll. So manche Ungerechtigkeit und in unserem Coronadasein manche Regel, die ich für uneffektiven Quatsch halte, regen mich ungeheuer auf. Diese Allesdichtmachen-Aktion war wohl ziemlich missglückt, dennoch halte ich auch so manche Maßnahme  für nicht ganz dicht. Ich nehme dennoch hin und kooperiere. Weitestgehend halt. Da geschieht etwas, das größer ist als das bisher Gewesene, und ich begegne dem mit einigermaßen Respekt. Zum Teufel wünschen tu ich´s trotzdem. Ich würde gerne mal wieder schöne Pläne schmieden, von Reisen und rauschenden Festen, von Badefreuden und mit dem ganzen Kreis der Freundinnen durchzechten Nächten. Was Schule ist, was Ferien wäre klar, und ´Daheim´ wäre wieder der Ort, an den wir spät abends fröhlich zurückkehren, nachdem wir uns den Tag tosend um die Ohren gehauen haben. Hach, wäre das schön.

Stattdessen…….

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