Über Inseln und Häfen und den einen großen Traum vom Leben im Grünen

collagebaugrund

Der Kreis Rottweil wird kein sicherer Hafen. Überrascht mich nicht, hätt ich trotzdem gerne gehabt. Man will kein falsches Signal aussenden nach Afrika. Als ob ganz Afrika nach Rottweil schielen würde. Es wird auch keiner in Afrika ´Konstanz´ sagen, wenn er an ´Europa´ denkt. Konstanz ist sicherer Hafen und deshalb auch nicht überrannt. Und es hat den Klimanotstand ausgerufen und deshalb bewegt sich das Leben dort trotzdem noch. Konstanz hat sich nur zuständig erklärt. Konstanz war mutig.

Das sind doch keine Signale an die Außenwelt. Das sind Signale innerhalb dieser Gesellschaft  Aufgabe und Verantwortung ernst zu nehmen. Sich nicht wegzuducken. Bei sich selbst anzufangen. Nicht vor rechter Hetze und Xenophobie zu kapitulieren. Die Kontingente zur Aufnahme auch tatsächlich auszuschöpfen und nicht ungenutzt zu lassen.  Anzuerkennen, dass Starke und Reiche  mehr leisten können als die anderen. Und stark ist man doch nicht, weil man ignorant über alles Schwächere hinweggeht. Stark ist man, weil man was auf der Pfanne hat.

Alle sehen sie und sind betroffen und  bedauern zutiefst. Aber zuständig will man nicht sein.  Geht auch gut, am Landkreis ziehen Krisen mitunter scheinbar  pfleglich aussparend vorüber, Rottweil  – eine Insel in tosender See. Schon schön, wenn man auf höhere Ebenen verweisen kann. Machen andere auch, das geht grad so durch. Vom Kreis zum Land zum Staat zum Staatenbund. Beim Klimaschutz braucht´s sowieso die ganze Welt. Am Ende helfen nur noch Gott und Engelscharen.

Apropos

Wenn schon Flüchtlinge, dann hätte man die gerne engelgleich, gut ausgebildet  und unbeschadet. Schön wäre das schon – bei uns allen. Schlechtes Benehmen, Respektlosigkeit und Dummheit sind aber nicht an Hautfarben und Pässe gebunden. Das gibt es hierzulande auch zuhauf. Ich würde mal sagen eigenes Benimm, Respekt und Plan helfen mehr als Ignoranz und Hetze.

Aber wir bewegen uns nicht gerne. Wir ändern nicht. Wir passen nicht an. „Lebe Deinen Traum!“ Stapelweise gibt´s diese Postkartensprüche zur Selbstvergewisserung, man kann ganze Häuser damit tapezieren.  Als gäbe es nur einen einzigen unveränderlichen Traum. Ein Häuschen im Grünen, Idyll und Trutzburg.

In Feckenhausen wird ein Baugebiet erschlossen und, weil Boden wertvoll ist, der Quadratmeterpreis angehoben.

Boden ist wertvoll. Ganz genau. Eben darum dürfte es, wenn es nach mir ginge, mal ein Ende haben mit dieser Art Flächenverbrauch.  Ein Haus, eine Familie, zwei PKW, und weil man ja praktisch im Gebirge wohnt, darf es bestimmt auch ein SUV sein, vielleicht Elektro, aber das macht es nicht viel besser. Ewig derselbe Traum, egal, wie die Welt aussieht drumrum? Ich würd ganze Wohnblocks bauen, mit kleinen und großen Wohneinheiten, schicken und schlichten, mit Gemeinschaftsräumen und Innenhöfen und Spielplätzen, und dann würden ganz viele Leute nach Feckenhausen ziehen und es gäb einen Laden dazu und eine Kindergartenerweiterung und weil eben NICHT alle ein Auto haben, bessere Busverbindungen. Und so in dem Stil würd ich das auf der Spitalhöhe machen und in Bühlingen und in Hausen und überall, wo man meint bauen zu müssen.  Ein Zeichen setzen, weniger ist mehr, damit auch Platz bleibt für Träume zukünftiger Generationen.

Es wird vermutlich ein Traum bleiben.

Geschäftsmodelle

Der baden-württembergische Landwirtschaftsminister hat sich im Bundesrat gegen eine Vergrößerung der Fläche ausgesprochen, auf der eine Sau ´fixiert´ werden darf. Schon beim Wort läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Oder ging es jetzt um den Kastenstand, was etwas anders ist? Jetzt hab ich so viel gelesen und versteh´s erst nicht. (Dafür fällt es mir umso leichter, die Verwirrung nachzuvollziehen, die Schweinezüchter angesichts der Regelwerke und Bedingungen beklagen). Egal, es läuft auf dasselbe raus.  Sechs Quadratmeter wollten die Grünen, fünf ein paar andere, der Bio-Standard verlangt 4,4. Da wäre er noch mitgegangen, sagt Minister Hauk. Bei fünf geht er nicht mit, da müssten alle Ställe umgebaut werden und die Übergangsfristen seien zu kurz, da lohnten die Investitionen nicht für die Bauern.

Kein Wort übers Tier. Selbstredend empfinden Schweinezüchter das Dasein ihrer Tiere nicht als Quälerei. Folter und schlechte Behandlung mögen anders aussehen. Aber dennoch könnte ich mir vorstellen, fragte man die Sau, wäre die Einschätzung eine andere. Es ist ja nicht nur dies Fixieren  –   im regulären Mastbetrieb hat ein Schwein kaum einen Quadratmeter. In der gegenwärtig praktizierten Form der Schweinezucht widerspricht so ziemlich alles allem, was eine Sau artgerechterweise tut. Schweine und Sauen sind neugierig, rennen gerne, sie quieken und planschen und sind fröhliche, gesellige Wesen, die sich gerne bewegen. Nichts davon können sie ausleben in den Mastbetrieben

Ich weiß ein paar dieser bäuerlichen Betriebe, wie sie Hauk evtl im Sinn hat. So habe ich vor ein paar Jahren, als ich jobbedingt selbst viel draussen und unterwegs war, einen diesen Bauern getroffen, der häufig unbehelmt und mit wehendem Hemd auf einem alten und ziemlich coolen Motorrad an mir vorbei durch die Felder rauschte. Irgendwann kam man ins Gespräch. Er war noch nicht im Rentenalter, aber die Rente war auch nicht mehr unvorstellbar weit weg, und er war Bauer im Hauptberuf. Die Ställe waren teils außerhalb, teils im Dorf; die Tiere wussten drinnen nicht, wann draussen Tag ist, und ich bin mir nicht mal sicher, ob sie überhaupt wussten, dass es das gibt – Tag und Nacht, und Sonne und Wind. Zu Hunderten wurden sie in Hallen gehalten, an denen man achtlos vorüberlief, nichts deutete darauf hin, was hier geschah, man roch nichts, man sah nichts, man hörte nichts, da war kein Rennen und kein Quieken. Es konnten Traktoren in der Halle sein, oder Heu, oder untergestellte Wohnwagen. Es waren Tiere. Bis irgendwann der Laster der Supermarktkette kam, für den sie produziert wurden.

Ich gebe zu, ich habe ihn ein bisschen beneidet, den Bauern – so mit dem Wind in den Haaren durch die sommerlichen Felder düsen und nach den Ställen und den (fremdbewirtschafteten) Feldern gucken – das klang nach einem durchaus annehmbaren Erwerbsleben. Meine Jobs waren in ihrer Kombination damals eher so mittel. Er hatte ein paar Äcker verkauft, die danach Bauland wurden, hatte ein paar andere behalten und selbst bebaut. Die Mieteinnahmen des Mehrfamilienhauses würden den Kredit rasch bezahlen, so lautete sein Plan, und wenn er ins Rentenalter käme, bildeten sie sein Auskommen – ich rechnete hoch – das würde nicht schlecht. Damit kann man´s sicher und komfortabel aushalten.

Kann man machen, sei gegönnt, aber an die Schweine darf man nicht mehr denken. Den Preis zahlen sie.

Das ist ein sehr unfairer Deal. Das Schwein würde es ohne die Zucht nicht geben, es ist zum Essen auf der Welt, aber ein bisschen was Schönes soll es in seinem Leben haben. So was regt mich auf, da muss ich drüber reden. Und eine Frau, auf deren Meinung ich was gebe, regte an, mich nochmal kundig zu machen. Ich muss schließlich auch an die Bauern denken – wohlwollend. Viele Betriebe hätten zugemacht.

Okay. Ich will zwar meinen, ich habe selten anders an Bauern gedacht als wohlwollend – ich finde Bauern und Landwirtschaft toll, (ich wollte mal Agrarwissenschaft studieren), aber das ist empfindliches Terrain, und ich will auch niemanden brüskieren. Ich fragte also nach bei einer anderen Frau, die sich auskennt, die Schweine hielt, darüber andere beriet, beides jetzt nicht mehr tut – es rechnet sich nicht, sagt sie. Alle Vorschriften seien mit hohen Investitionen und Hürden verbunden, und die zu nehmen sei gar nicht so einfach. Das habe ich im Internet auf diversen Seiten bestätigt gefunden. So soll die Schweinehaltung emissionslos vonstattengehen, habe ich gelesen, und das verstehe ich nun auch nicht. Wir hören und riechen Autos und Rasenmäher, wir hören und riechen unsere Mitmenschen, wir hören und riechen Hunde, Katzen, Kühe, Hühner, Gänse, Vögel – weshalb soll man Schweine nicht hören und riechen dürfen? Das ist wirklich ein dickes Ding.  

Und dann, so habe ich nicht von ihr, sondern gelesen, klagten laut Statistik auch viele Züchter über die negative öffentliche Stimmung. (Das finde ich ein bisschen mimimi).

Wenn jetzt sämtliche Ställe neuen Verordnungen angepasst werden müssten, prophezeit sie, verschwände die Schweinezucht, zumindest was die mittelständischen Betriebe angehe, und die sind in Baden-Württemberg ausschlaggebend, aus dem Ländle. Und dann wandere die Schweinezucht ab ins Ausland, wo die Tiere noch weniger Platz hätten.  

Verstehe ich. Will ich auch nicht. Will ich alles nicht.

Es sind viele Bauern ausgestiegen aus der Schweinezucht, manche bewirtschaften ihre Höfe jetzt anders, manche haben den Betrieb aufgeben und machen was ganz anderes.

Und darum geht es. Bei allem Wohlwollen –aber vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm, wenn Betriebe aus der Schweinezucht aussteigen. Der Markt sei voll, sagte die Frau, und es klang nach ´übervoll´, es besteht ein Überangebot. Das drückt auf den Preis. Die Sau darf umso weniger kosten. Den Bauern, die aussteigen, geht es jetzt – es klang jedenfalls nicht heraus – nicht schlecht. Die haben sich umorientiert. Das gab der Markt also immerhin her. Das ist toll. Das ist flexibel. Das ist anpassungsfähig. Oder etwa nicht? Das ist kein Weltuntergang. Das ist auch was Gutes.

Schade allerdings wäre, wenn zu viele nur diesen einen Weg des Aufgebens sahen. Ich hoffe, es gab mehrere. Sonst hätte die Politik wahrhaftig versagt.

Vorschriften muss es geben, das leuchtet mir ein, auch Standards und Genehmigungsverfahren. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es ein Elend ist mit ihnen wie überhaupt mit Regeln. Da ist es wieder, dies Thema. ´Gut gemeint ist nicht unbedingt gut gemacht´. Hinter vielen Regeln steckt ein guter Gedanke, aber sobald man die Regel vom Gedanken löst und ihr eine übergeordnete Gültigkeit verleiht, wird´s schräg und nicht selten kontraproduktiv. Damit sich Investitionen rechnen, werden die Betriebe größer, und wo sie größer werden, werden sie industrieller. Und so geht mit den Schlachthöfen weiter, die immer größer und maschineller, und sicher auch brutaler werden, weil es einen Unterschied macht, ob man zwei Wesen am Tag tötet, oder zehn, oder 150. In Rottweil gibt es seit Ewigkeiten keinen Schlachthof mehr, jetzt geht es um den in Balingen. Das verlängert auch die Transportwege. Alles Vorgänge, die man nicht will und die vermutlich auch nicht Ziel der Regeln waren, weswegen ich dafür wäre, den Regeln das Ziel, den Sinn überzuordnen, nicht umgekehrt, und das Ganze etwas flexibler zu handhaben. Vielleicht fiele es dann auch wieder leichter die EU als Gewinn zu betrachten und nicht als Regelungdiktatur. Toleranz. Rumänien ist nicht Deutschland und zwischen Schweden und Griechenland liegen auch Welten.

Und weil es wichtig ist, Landwirtschaft in mehr als dieser einen, genormten und ökonomisch auf Optimum gerechneten Form und Facette zu erhalten, stelle ich mir eine Landwirtschaftspolitik vor, die anders daherkommt als dies ewige Weltuntergangsklagen ob jeder Veränderung, ob jeder neuen Aufgabe. Es ist nunmal nicht daran zu rütteln – diese Form der Schweinezucht und – Schlachtung ist Ausbeutung für Mensch und Tier. Und die Insekten werden weniger, und das liegt nicht nur, aber viel an der heutigen Form der Landwirtschaft, und auch das ist keine Schuldzuweisung – das hat man schließlich gemeinsam so gemacht und an der Flurbereinigung zum Beispiel waren viele irgendwie beteiligt. Aber jetzt ist es so und man sieht, da muss was geschehen, also muss es das halt auch. Ohne dies ewige Weltuntergangsklagen.  Wir haben´s alle miteinander vermasselt. Es gibt Bücher voller Bauernwitze, deren Aber gegen alles Neue legendär ist, und das wird nicht ganz von ungefähr kommen, es gibt Politikerwitze, die allesamt groß tun und wenig halten, und der Otto Normalverbraucher ist sowieso eine Witzfigur, die minderbemittelt Rosinen pickt und die Nase in den lauesten Wind hält. Es gibt ihn halt auch nicht, den einen Verbraucher. Jeder pickt anders. Dabei sollte es möglich sein, zusammen Wege zu finden, wie Tierwohl, Lebensmittelbedarf und Nachhaltigkeit zusammengeht. Ich bin sicher, dass es die gibt. Die einen bewegen sich mehr, die anderen bezahlen besser, und die dritten machen ihre Hausaufgaben.

So heißt das, jawohl!

Vor Jahren sollte Griechenland ´sein Geschäftsmodell ändern´. ´Die Hausaufgaben machen´ hieß es damals ganz salopp weiter. Mal eben ein Land umkrempeln. Und dass die Hausaufgaben gemacht würden, sollte kontrolliert werden. Es konnte schließlich nicht angehen, dass die einen für den Komfort der anderen aufkommen.

Voilà. Geschäftsmodelle ändern, Hausaufgaben machen, auch in der Politik. Das geht also, das darf angenommen, die Möglichkeit darf vorausgesetzt werden.

Es ist eine Frage des Geschäftsmodells, das sich an geänderte Voraussetzungen anpassen können muss. Das geschah immer und geschieht immer wieder, im Großen wie im Kleinen. Ausbeutung kann kein Faktor sein, mit dem zwangsläufig die Rechnung  am Ende aufgeht.  Wenn das Geschäftsmodell Ausbeutung heißt, dann taugt es nicht. Und wenn Regeln Ausbeutung nahelegen, dann stimmt mit ihnen etwas nicht.

Hier regiert ein Minister. Wenn die Preise für Fleisch zu niedrig sind, dann muss er durchsetzen helfen, dass sie so werden, dass die Produzenten leben können davon, und das ohne die Ausbeutung einfach auszulagern. Und er muss die Genehmigungen und Detailvorschriften so halten, dass sie Sinn machen und zu schaffen sind. Und einige Standards gelten für Import und Export und für global und regional – für alle, und wer Geschäfte machen will, sollte sie respektieren, denn einige Standards sind gesellschaftlicher Konsens. Man will sich drauf verlassen können.  (Klar gibt es immer welche, die vor lauter Leberkäswecken die Welt um sie herum nicht mehr sehen. Das tut mir leid. Aber da ist auch nicht mehr zu helfen).

Das ist seine Hausaufgabe. Das ist sein Job. Ist ´geh ich nicht mit´  alles, was er kann? Den Einen das Auskommen, den andern die Arschkarte zuschieben? Solche Rechnungen aufstellen und die Unbekannte unbekannt lassen, weil  es besser ist, man sieht die Kehrseite nicht, und um einen halben Quadratmeter Platz feilschen, und so locker vom Hocker zum  System zu erheben, was keine Sau und auch ihr Halter nicht will – dies Geschäftsmodell will keiner, würde ich mal behaupten, und es ist eine Sauerei und muss geändert werden, und deshalb soll noch lange kein Bauer am Hungertuch nagen, auch in der Rente nicht.

Schwein ist kein Schimpfwort und ´armes Schwein´ kein Naturgesetz.

Anmerkung in eigener Sache:

Ich  bin nicht Vegetarier, aber ich esse wenig Fleisch und Wurst. Ich find es auch nicht so wichtig; es gibt genug anderes Gutes. Und so bin ich tatsächlich locker bereit, mehr zu bezahlen, deutlich mehr. Mir geht’s eher um die Wege, die ich zusätzlich machen muss. Ich kaufe ungern und nur alle zwei Wochen ein und will das gerne ohne Auto und in Fußmarschnähe tun können, möglichst zeitsparend, und so  läuft´s bei mir auf zwei Supermarkt- bzw Discountfilialen hinaus, die 95 % des Lebensmittelbedarfs abdecken. Der Rest kommt vom Markt und von einem befreundeten Biohof. Was Schweinefleisch angeht, gibt es bis auf ein paar eher laue Labels nichts im Sortiment meiner Läden. Vermutlich esse ich drum mehr Toennies als mir bewusst ist. Gerne tue ich das nicht. Es steht auch nicht immer drauf was drin ist. Ich setze voraus, dass das, was mir angeboten wird, den von mir mitgetragenen vorherrschenden, gesellschaftlichen Vorstellungen entspricht. Und ich meine, es ist nicht meine Aufgabe, das zu kontrollieren, das ist Aufgabe der Behörden. Die Macht des Verbrauchers ist auch seine Ohnmacht. Ich habe keine Macht darüber, was im Regal steht, und meine Verbrauchermacht begrenzt sich selbst darin, dass die Energie, die es braucht um zu verbrauchen, sprich zu kaufen,  auch nicht endlos ist und in den Rest der Daseinsplanung hineinpassen muss.  Verbraucher zu sein ist mitunter ein blöder Job.