Aromatherapie

Ich bin nicht für Multitasking gemacht. Weihnachten im Kopf, den Lockdown, diverse familyaffairs, setze ich Kartoffeln auf, bring Müll runter, steh am Fahrrad, denke „ach, das wollte ich ja auch noch dekorieren“, mache das mal eben schnell, die Sachen hatte ich zuvor schon bereitgelegt, unterhalte mich noch etwas mit dem Nachbarn. Bis ich wieder hochkomme, sind die Kartoffeln schwarz, das Wasser verdampft, die Küche im Nebel, und es stinkt, dass es in der Nase beißt. Fenster auf, Stoßlüften, aber so viel kann´s gar nicht durchziehen, dass diese beißende Schärfe verschwindet. Ich fülle die Schalen, die ich auf den Heizkörpern verteilt habe, mit frischem Wasser und gebe Duftöl hinein, so japanisches Pfefferminzzeug. Aber das, stellt sich heraus, ist wie der Versuch, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben – besser wird es nicht.  Das beißen erhält nur eine frischere Note. Immerhin. Ich verlasse das Haus, mache Besorgungen, ein Fenster bleibt auf. Als ich zurückkomme ist es besser, und ich habe ein etwas feineres Duftöl gekauft. „Mutter Erde“ heißt es, und es verspricht „erdige und holzige Noten mit Blütenessenzen versetzt, die an die Schönheit der Erde erinnern“. Das klingt doch prima. Und die Hersteller werben „so schlimm auch derzeit die Situation ist und so groß unser Mitleid für alle Leidenden auf der Welt… vielleicht… wird uns nun bewusst, wie unwichtig wir sind und wie wichtig für uns unsere Mutter Erde… Sie kommt wunderbar auch ohne uns aus, ja, sie regeneriert sich sogar in kurzer Zeit, wenn wir uns vor Unheil in unseren Häusern verstecken“.

Jetzt riecht es wieder prima, und wenn Besuch kommt, fragt der, was das für ein wunderbarer Geruch ist. Die Wirkung ist wie bestellt. Aber ich fühle mich etwas seltsam. Als ob ich mich vor den Leidenden der Welt und allem menschengemachten Elend versteckte, so im Stil von „nach mir die Sintflut“, und als ob ich im Chaos Rosenwasser sprengte anstatt Müll wegzuräumen. Und sowieso, was heißt schon „in kurzer Zeit“? Manche unserer Hinterlassenschaften brauchen Jahrtausende, um sich abzubauen und werden bis dahin sicherlich vielen Lebewesen und Pflanzen zum Verhängnis. Ich schwanke zwischen dem Bedürfnis nach Wellness und Scham über meine Dekadenz. „In Buchenspan verpackt und mit einem Traum versehen soll dieser Duft um die Erde gehen.“ So steht´s da. Der Zweifel macht es nicht leichter, Verzicht aber auch nicht. Ich hole ein neues Teelicht und gebe noch ein paar Tropfen ins Wasser. I have a dream – besser ist mir so.

Nobel geht die Welt zugrunde.

2 Gedanken zu “Aromatherapie

  1. hraban57 Dezember 16, 2020 / 3:51 pm

    Was für ein herrlicher Beitrag – die Welt der Gerüche sollte niemand unterschätzen. Ich kann ein Lied davon singen, zumal ich offensichtlich die Gabe habe, Dinge zu riechen, die andere mitnichten erfassen. Hat Vor- aber auch Nachteile. Je nachdem. Selbst noch in Zeiten, als ich rauchte. Als bald 15-jähriger Ex-Raucher bin ich gar empfindlicher geworden, aber kann inzwischen gut damit umgehen. Bei uns hilft manchesmal Lavendelöl, vor allem im Frühjahr bis Herbst vertreibt es Wespen, die meinen, sie müßten uns plötzlich besuchen. 😉

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