Mein Linksrutsch

Ich rutsche nach links

weil das Land nach rechts rutscht

Es ist nur eine Frage der Wahrnehmung. Je weiter rechts jemand steht, desto früher beginnt links. Für die CDU ist die FDP schon Teil eines Linksrutsches. Das wäre witzig, wenn es nicht so bitter wäre.Deren Steuerprogramm entlastet die Spitzenverdiener von allen am meisten. Was gerade geschieht, ist nicht ein Linksrutsch, sondern einer nach weit rechts. Vergangene Woche war Kanzlerkandidat Armin Laschet in Rottenburg und beklagte zwar Hass und Hetze, welche die Afd in die Parlamente und die Gesellschaft trüge, und „die Afd muss weg“,aberin der CDU hat halt auch ein Maaßen Platz, der in Thüringen Direktkandidat ist – mit guten Aussichten, weil es keinen passenden CDU-Mann gibt, und Maaßen klingt wie von der Afd, was dort gut ankommt. Die Afd und die Werteunion stehen sich nahe. Sie haben ähnliche ´Werte´. Mit „Wir“ meint man nur sich selbst. „Freiheit“ steht für Egoismus und Rücksichtslosigkeit, und „normal“ ist wie „wir“ nur das eigene. Und was einem nicht passt, das gibt es nicht. Nach rechts ist die CDU offener, als sie behauptet. Und das ist es, was diesen den Weg bereitet.

Jedem seine eigene Panik. Die einen fürchten Corona, die anderen die Maßnahmen. Die einen den Klimawandel, die anderen den Verzicht. Man hat zum Wegwerfen, aber ´weniger´ ist keine Option. Die einen werfen Greta Thunberg vor, sie schüre Panik, die aber ist nichts gegen die Panik in manchen Chefbüros vor einer auf Nachhaltigkeit geeichten Politik. Und die einen fürchten rechten Nationalismus, die andern Rot-rot-grün. Eine Partei, die die Flagge der sozialen Gerechtigkeit hochhält, mit einer, die die für Klima und Umwelt trägt, mit einer, die die krass auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich schließen möchte. Kompromisse machen müssen alle. Aber für Leute, die in den Jahren des geruhsamen Vor-sich-hin-Regierens gelernt haben, wie man die entstandenen Netzwerke zum eigenen Vorteil ausnutzt und seine Schäfchen ins Trockene bringt, und denen es ein großes Anliegen ist, das nicht zu verlieren, denen ist DIES ein ärgerer Horror als so ein Ausländer-raus-Deutschland-den-Deutschen-und-Klimawandel-gibt-es-nicht-Ding? Geht’s noch?

Ich will die SPD nicht in Schutz nehmen. Cum-Ex geschah unter Scholz´ Ägide. Aber die Skandale bezüglich Korruption und Machtmissbrauch betreffen fast samt und sonders die CDU/CSU. Worum geht es denen?

Die Linken wollen umverteilen. Was daran ist verkehrt? Ein paar Handvoll Leute sind so reich, dass sie die Politik kaufen können, die sie gerne hätten. Und wir tun ihnen den Gefallen und wählen so, dass sie auch in der nächsten Legislaturperiode die altbekannten Büros aufsuchen und weiter ihren Deals nachgehen können? Wieso??

Die Linken hadern mit der Nato und der Aussenpolitik. Sie haben dafür gute Gründe. Diese ganzen Kriege, die da geführt werden, sie sind lang, und teuer, grausam und meist vergeblich. Und wenn man nach Arabien guckt, sieht man Europa vor 100 Jahren: die Kriege hören erst auf, wenn alle komplett am Arsch sind und keiner mehr kann. Frieden ist nur die Pause zwischen zwei Kriegen. Sobald eine neue, kräftige Generation herangewachsen ist, soll diese wieder losziehen wegen irgendeinem anderen Irrsinn, der genauso daneben ist. WOZU? Die Frage nach den Wegen zum und im Frieden darf gestellt werden! Diese Haltung ist in einer globalisierten Welt sperrig, und eine Regierung würde unklug handeln, wenn sie einfach so Bündnisse aufkündigte. Das wissen die Linken auch. Es geht aber auch nicht um Umsturz und Revolution. Es geht um neue Akzente und Diskussionen. Die Grünen haben schon mit einer ähnlichen Haltung in einer Koalition mitregiert. Und die Welt ist nicht untergegangen. Noch nicht mal in Baden Württemberg, wo die Grünen seit 2016 am Ruder sind.

Ich finde dies Rechts-Links-Ding, „die Rechten“ und „die Linken“, perfide, zumal mit der doch sehr antiquierten Belegung „recht = gut, link = heimtückisch“, (in seiner ganz gehässigen Form ein Relikt aus dem Nationalsozialismus; ursprüngl. von linkisch – ungeschickt und also falsch. Weil überwiegend mit rechts besser gearbeitet wird. Aber das ist Übungssache. Linkshändern wird eine bessere Vernetzung ihrer beiden Gehirnhälften nachgesagt, und das ist sicher kein Nachteil). Ursprünglich kommt die politische Unterscheidung in Rechts-Links-Spektren aus der französischen Nationalversammlung 1789. Rechts saßen die Freunde der Monarchie, links die Republikaner.

Wer wofür steht, wer was zu verantworten hat, was da recht und richtig, was falsch ist, sei dahingestellt. Die französische Revolution kam jedenfalls nicht aus dem Nichts; es bestand da ein absurdes Verhältnis zwischen Adel und Volk.

Rechts war (und ist! Anders ist das Selbstbild zb der Werteunion nicht zu verstehen), mit bestem Wissen und Gewissen, „elitär“. Viele Strömungen des Liberalismus sind es auch. Man findet eine Ungleichheit in der Gesellschaft richtig und wichtig. Das sporne an zu Leistung und fördere die Ausbildung von – eben – Eliten, welche die Geschicke dann lenken. Freiheit wird in diesem Zusammenhang als das Recht zur freien Entfaltung angesehen. Was ich als nichts anderes verstehe denn als ein „Recht des Stärkeren“. Dass ´Talent´ dem widersprechend dann auch Herkunftssache ist, weil besser ausgebildet wird wo besser verdient, wird hingenommen. Ein in-/akzeptables Maß an Ungleichheit ist nicht definiert.

Links war, und ist, „egalitär“. Alle Menschen sind gleich, allen dieselben Rechte. Keine Gruppe darf systematisch benachteiligt werden. Keine Gruppe darf dauerhaft über eine andere herrschen.

Egalité! Ganz klar! Was sonst. Die Freiheit des einen hört bei der des anderen auf.

Dies ´rechts-links´-Schema bildet nur einen Bruchteil ab. Ich stehe in unterschiedlichen Aspekten auf unterschiedlichen Positionen dieser schlichten Skala. Es wollen sowieso alle ´Mitte´ sein. Dabei geht es auch um die, die am Rand stehen, oder außerhalb. Die gar nicht reinkommen – dürfen.

Die Rechten wollen nicht mehr rechts heißen. Die Linken nennen sie aber gerne links. Wenn es von ganz rechts kommt, sind´s oft Tiernamen aus dem Reich der Gattungen, die die Menschen schnell als Plage empfinden. Das kann nur den einen Grund haben: man IST gar nicht republikanisch gesinnt. Man ist eigentlich elitär und empfindet das Ende der Monarchie – und wenn es nicht König heißt dann halt Führer oder was in der Art – jedenfalls ein feststehendes Oben und Unten – als einen großen Verlust. Und die, die das Untere auch mal nach oben holen und das Obere nach unten, die für maximalen Chancengleichheit eintreten, die sind dann Plage und Gefahr.

Und dann fragt man sich, woran die Demokratie krankt. Daran! Daran, dass Leute gar nicht verinnerlichen wollen, wofür sie angeblich stehen.

Was ist so verwerflich am Links-sein? Sozialen Ausgleich zu wollen, ist erstmal nicht aggressiv. Und linksextrem ist auch nicht gleich rechtsextrem. Natürlich gibt es Leute, die hin und her switchen zwischen beidem. Ich kenne welche. Das ist aber weniger politisch als Wesenszug. Die brauchen den größtmöglichen Aufruhr. Bei denen, die eine politische Haltung haben, ist es anders. „Extrem“ drauf sein übersetze ich mal mit „notfalls mit kaputtmachen“. Aber bei den Linksextremen sind es Sachen, bei den Rechtsextremen Menschen. Das ist ein großer Unterschied. Und damit will ich nicht relativieren. Ich bin nicht für ´extrem´. Ich bin für konsequent und mutig. Es gibt bessere Wege. Ausgleich. Teilen. Integrieren. Es haben nicht alle denselben Weg hinter sich, deshalb kann man trotzdem an einem Tisch sitzen.

Es geht um Krieg oder Frieden. Der Weg zum Frieden geht über Frieden. Und das schließt Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, alles mit ein. Welchen Preis ist man bereit, für den Frieden zu zahlen. Frieden gibt es nicht umsonst. Wie die Kriege auch nicht. Einige verdienen sogar gut daran. Dem Rest erzählt man, dass die Kosten durch wirtschaftliche Vorteile aufgewogen würden. Demnach wird der Krieg von alleine und von anderen bezahlt; vom Gegner, ´danach´. Das schließt den nächsten Krieg gleich mit ein. Frieden kostet vorher, und den Preis bezahlt man selbst. Alle bezahlen. Etwas. Und alle gewinnen – den Frieden. Das ist immer billiger.

Die Afd wird im Osten vermutlich stärkste Kraft, und die CDU beschwört einen Linksrutsch. Gute Güte. Da muss man mal drauf kommen. Für Laschet stand die SPD immer „auf der falschen Seite“, in Wirtschafts – und Finanzpolitik. Mindestlohn und Grundrente – falsche Seite. Verhinderung von Transparenzregeln in der Korruptionsbekämpfung, Verhinderung einer Vermögenssteuer für große Vermögen – richtige Seite. Ah ja. Wer viel Geld für viele Aktien hat, hält öfter auch welche der Rüstungsindustrie im Portfolio, oder die von großen Konzernen, die es mit der Fairness eher lax handhaben und denen Nachhaltigkeit hinderlich ist. Da mag man anders wählen.

Aber bitte, diese Panik vor einem Linksrutsch – die ist lächerlich.

Fürstliche Aussichten

Über die Hohenzollern

Kulturprogramm während der Ferien. Man kann zu diesen ganzen Adels – und Königsgeschichten stehen wie man will, aber die Burg Hohenzollern sollte man schon mal besucht haben. Finde ich. Wenn wir an den Stausee fahren, sehen wir sie von Weitem. Wenn wir die Sicht von der Alb genießen, liegt sie vor uns – sie ist so nah und aus der deutschen Geschichte nicht wegzudenken. Was schade ist. Eine tolle Figur, finde ich, machen die Hohenzollern nicht.

Mein Blick mag da etwas verengt sein. Ich bin nicht monarchistisch geprägt. Macht gibt es, und vielleicht ist der Gedanke, es gäbe einen König, eine Königin, die treu und fürsorglich regieren, nicht ganz abwegig. Aber so war und ist es eben nicht. Königshäuser sind sich selbst spürbar die nächsten und kümmern sich allem voran um das eigene Wohlergehen und den Machterhalt, und das bisweilen recht skrupellos. Was andere dafür zu leiden haben wird sehr großzügig zu eigenen Gunsten ausgelegt, und dann kann anders als in einer Demokratie keiner fürs Leiden verantwortlich gemacht werden. Das muss einfach gelitten werden. Da sind die Hohenzollern keine Ausnahme. Im Gegenteil.

Als Kind derselben Zeit ist Georg Friedrich Prinz von Preußen mir der präsenteste. Und er macht es mir leicht, an ihm meine ganze Ablehnung, meinen Abscheu festzumachen. Mich gruselt, wenn ich mitverfolge, wie er sich gebärdet.

22 Euro war mir der Burgbesuch wert, so hoch ist der Preis für eine Einzelkarte ´Erwachsener ohne Ermäßigung“. Kinder im Grundschulalter sind frei….

weiterlesen auf https://www.rottweil-ist-ueberall.de/magazin/topthema.php?conid=158&p=1

„You will cry in your heart“

Yes!

Mein gambischer Freund

„Good morning my friend, how are you?“ werde ich jeden Morgen begrüßt, vielmehr – wurde. Ich habe den Kontakt abgebrochen. Nicht wegen der netten Begrüßung morgens. Sondern weil sie gefolgt waren von unzähligen „help us“, „save us“, „we are starving“, „you are the only one to give us hope” bis „send us money“, und ich bin auf diesem Ohr keineswegs taub, aber a) habe ich so viel Geld gar nicht, wie es da Familienmitglieder zu retten gäbe, und b) hat es nicht gestimmt. Mein gambischer Freund hungerte nicht, und ich denke, seine Familie auch nicht.

Ich habe ihn über Twitter kennengelernt. Plötzlich hatte ich einen Follower in Gambia, und weil man sich über Twitter auch persönliche Nachrichten schreiben kann, bald persönlichen Kontakt.

Es ist ja, nebenbei, schon seltsam, wie Kontakte mitunter heute entstehen. Ich bin auf einer Kommunikationsplattform, weil ich mich für Politik und Gesellschaft interessiere, und ein mir völlig fremder, geheimer Algorithmus steuert, mit wem ich in Kontakt komme. Und ich kann nicht beurteilen, welches Verhalten von mir welche Reaktion im Algorithmus auslöst. Das wissen nur dessen Programmierer. Eigentlich ist das ziemlich unheimlich, und ich schließe mich der Forderung an, dass die Social-media-Konzerne ihre Algorithmen offenlegen. Dies world-wide-web ist eine faszinierende Welt, an der ich gerne teilnehme, aber ich will wissen, nach welchen Regeln sie funktioniert. Alles andere ist nicht fair. Es kam schon vor, dass mir Leute gefolgt sind oder Freundschaftsanfragen schickten, je nach Plattform, und wenn ich dann auch folgte oder die Anfrage annahm, dann kam später eine  Meldung „xxx folgt dir jetzt zurück“. Da fühle ich mich dann verschaukelt. ICH war doch die, die ´zurückfolgt´. Seltsam.

Jedenfalls hatte ich Kontakt zu J… oder auch E… – je nachdem, welchen Account er benutzte. Und ich erfuhr, dass sie sechs Geschwister sind, der Vater gerade gestorben ist, er kann seine Schule nicht abschließen, weil sie das Schulgeld nicht aufbringen können. Sie haben Hunger. Es ist Lockdown. Nichts geht mehr in Gambia….

weiterlesen auf

Corona

Update

Die 4. Welle rollt; die Deltavariante sorgt für Sorgen. Auch Geimpfte erkranken, wenn zumeist auch nicht schwer, und sie geben das Virus weiter. Ungeimpfte infizieren sich leichter. Aber die Erkrankten sind im Schnitt jünger und erkranken auch deshalb meist nicht allzu schwer. Krankenhauseinweisungen bewegen sich im Rahmen und Sterberaten steigen nicht signifikant an. Richtig?

Wissenschaftler warnen dennoch und das verstehe ich: man muss die Ausbreitung eindämmen, um weiteren Mutationen vorzubeugen. Und das Gesundheitssystem soll nicht überlastet werden. Dort arbeitet man eh am Limit, und alle haben nur zwei Hände – mehr Arbeit an der einen Stelle wird durch weniger an anderer ausgeglichen.

Trotzdem. anfangs hieß es, es solle eine Impfrate von 60 % mindestens erreicht werden, inzwischen sprechen die Entscheider ganz locker von 80 oder gar 90 %, die erreicht werden müssten. Das gekoppelt mit unterschiedlichen Regeln für geimpft und ungeimpft und viel Druck – es ist noch keine, aber dann ist man von einer Impfpflicht nicht weit weg.

Ich bin jetzt selbst zwei Mal und kreuzgeimpft und fühle mich ganz gut damit. Aber das war meine Entscheidung, und wenn sich jemand anders entscheidet, soll das okay sein. Wer sich impfen lassen will, konnte das mittlerweile tun und soll das weiterhin können. Ich bin nicht für ein Trennen zwischen Geimpften und Ungeimpften, und ich bin auch nicht dafür, irgendwie Druck auszuüben. Mit ner Bratwurst locken, meinetwegen, aber dann ist auch gut. Ich bin vorerst für ein Beibehalten der AHA-Regeln, und wer in ein Konzert oder ins Kino will und nicht geimpft ist, soll sich testen lassen können. Wie bisher und umsonst. Weil wer ungeimpft ist, ist er nicht schuld an diesem blöden Virus.  Ich bin nicht für ein Trennen zwischen Geimpften und Ungeimpften. Das tut nicht gut.

Und ich finde es wird Zeit, die Frage zu diskutieren, welche Welle man denn rollen lässt. Man wird nicht jede aufhalten und brechen können. Wo die Verläufe leichter und verträglicher werden, muss es auch das gesellschaftliche Leben tun.

Über Bienen, blöde Kerle, Twitter und mehr

Ohne Stachel und faul wäre mir lieber

Drohnen töten von irgendwo in der Welt gesteuert irgendwen in der Welt. Anscheinend zielgenau. Aber darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Es gibt jedenfalls Länder, da fangen alle an zu rennen, sobald so ein Ding daherkommt. Da kennt man sie als Killermaschinen.

Ich kannte Drohnen als männliche Bienen, die keinen Stachel besitzen, für die Befruchtung der Bienenkönigin zuständig sind, und nach Erfolg sofort sterben. Bei ausbleibendem Erfolg, um den sie somit froh sein dürfen, bleiben ihnen noch ein paar Tage. So kurz und tragisch das ist – es gefällt mir. Im Umgang mit den motorisierten Flugobjekten wünsche ich mir eine Steinschleuder, mit der ich so ein Dinge noch beim Jungfernflug abschießen kann. Ich kann sie nicht leiden. Und ich will mich auch nicht dran gewöhnen. Drohnen scheinen über jedes Recht, über Grenzen und internationale Gepflogenheiten erhaben. Ich stelle mir vor, dass jede Waffe, die es gibt, irgendwann auch von ´den Anderen´ besessen wird. Und dann kann sich auch hier niemand mehr sicher sein. Dann rennt man auch hier. Was fliegt, kann Spielzeug sein, Kamera, Transportmittel, oder Killermaschine, man kann nicht sicher sein. Wozu soll das gut sein?

Ich war spazieren, und über mir schwirrte eine Drohne. Ich fühlte mich total unwohl. Wahrscheinlich hatte das Ding weder Kamera noch Waffe noch sonstwas an Bord und wollte von mir gar nichts. Trotzdem fand ich dies Herumschwirren übergriffig. Und den Typen, der es lenkte vom Mäuerchen aus, das den Park umgibt, da saß er mit Schildmütze, überdimensionierter Sonnenbrille und Tshirt mit blödem Aufdruck, den fand ich höchst unsympathisch. Wie Typen mit protzig-lauten getunten Autos. Die haben´s nötig.

Ich sähe DRohnen gerne verboten. Wenigstens eng reglementiert. Kamera nur mit Zulassung, und die einsatzfähig nur im Rahmen von Ereignissen öffentlichen Interesses. Lizensiert für eilige Transporte. Als Waffe gestrichen. Die Welt ist kein killing field. Es gibt keine gute Sache, die das rechtfertigt. Als Spielzeug – meinetwegen – wenn´s sein muss – auf dafür ausgewiesenen Spielwiesen, wie die Modellflieger.

Vorsichtshalber baue ich mir vielleicht mal eine Steinschleuder.

Und noch was:

Übers Zwitschern



Das ist starker Tobak

Ich war nun einige Tage vermehrt auf twitter unterwegs und habe mich in leichte Unterhaltungen, in schwere Themen und in heftige Diskussionen eingelassen. Eine neue Welt. Bislang hatte ich die eher sporadisch betreten. Jetzt wollte ich es mal genauer wissen.
Das tue ich noch immer nicht – genau wissen. Ich bin voll das greenhorn, finde mitunter die eigenen tweets nicht mehr, die Konversationen, die einer Antwort vorausgingen, und ich habe nur eine blasse Ahnung, auf welchen Ebenen welche Themen debattiert werden. Es gibt bubbles, die zwar offen, aber im Grunde geschlossen sind, in denen, so verstehe ich das, ein mehr oder weniger fester Kreis an Teilnehmer+innen sich miteinander austauscht. Und wer sie da wie einmischt, wird durchaus empfindlich zur Kenntnis genommen. Dann gibt es öffentliche Diskussionen auf Schlagzeilen, in denen jeder seinen Senf dazu gibt – und es auch tut. Da wird dann schnell aus vollen Rohren geschossen.
Ich ahnte es, aber es hat mich nun doch überrascht, wie heftig es dabei mitunter zugeht. Mehrmals endete – jedenfalls vorläufig – eine Diskussion, indem es beleidigend wurde – dumm dümmer am dümmsten, und das just an dem Punkt, an dem es in der Diskussion ins Detail gegangen wäre. Differenzieren, abwägen – Fehlanzeige. Wer sich als andersdenkend zu erkennen gibt, steht unter Beschuss. Zu antworten ging dann nicht mehr. Man schießt, beschimpft, blockiert den anderen, und gut ist.
Bei manchen Themen war ich mir nicht sicher, ob die in der realen Welt überhaupt so wichtig genommen werden. Das Internet wirkt mitunter wie eine Parallelgesellschaft, in der andere und bisweilen keine Regeln gelten, und in der der Verrohung hemmungslos Vorschub geleistet wird.
Ich las schlimme Meldungen – einzelne Schicksale inmitten politischer Katastrophen – die betroffen machten, und sobald jemand wagte, der Betroffenheit Ausdruck zu verleihen, wurde geschossen. Jedes Leid muss sofort relativiert werden – „bei uns gibt es dies Übel und liegt da was im Argen“, das Leid der Anderen zu sehen wird schon als Affront gegen die eigene Person betrachtet. Aus manchen brechen pur Missgunst und Wut.
Wenn Missgunst zum tragenden Lebensgefühl wird, wird’s arschgesichtig. Es sind nicht die Ärmsten, die am lautesten schreien. Sonst würd ich sagen, es ist die nackte Not. Ist es aber nicht. Es sind die kleinkariertesten und übellaunigsten.
Ich bleib trotzdem dran. Ich will wissen, ob es nicht auch besser geht. Ausserdem gibt es viele schöne Stimmen, viel Neues und Anrührendes. Unterhaltsam fand ich´s auch. Und ja – es ist eine Parallelwelt; aber man kann sie ausmachen, (solange der Hass nicht aus dem Netz hinaus schwappt. Aber jeden Irrsinn kann man auch nicht einkalkulieren. Wo käme man da hin).

Die Fasnet, die nicht war

Doch, am Ende, so im Nachhinein, meine ich doch, fühlte sie sich an wie ausgefallen. Abgesagt und ausgefallen. Was war, war keine neue Form von Fasnet, eine der Pandemie angepasste. Ja, es war noch nicht mal eine Notlösung. Es war eher eine Art Ehrbezeugung, a tribute to -, als würde halt irgendwie der Umstand, dass sie gewesen wäre, gewürdigt.

Die Clips mit der Schmotzigengruppe und mit den Kindern waren schön zu machen. Da war kurz Fasnet. Außerdem waren just in diesen Tagen diverse Kindergeburtstage, verkleidete natürlich. Wenn so ein Kind sich ein ganzes Jahr auf seinen Geburtstag freut, und dann ist der und es darf aber nur ein einziges weiteres Kind einladen, dann macht das die Sache nicht einfacher, wenn das Ganze  dennoch eine Party geben soll. Wir hingen uns also ziemlich rein, und am Abend des Schmotzigen hing die Krone denn auch schief und war die Schminke verschmiert. Fürs Zoomtrinken anschließend hatte ich kaum mehr Energie. So weit so gut. Am Samstag eine Freundin auf einen Fasnetssekt besucht, am Abend die Küche geputzt. Am Sonntag wäre normal der Bajassumzug gewesen, da waren die Kinder heuer nicht mal da. Stattdessen die Eltern besucht und abends Schulsachen sortiert. Stapelweise Arbeitsblätter versucht einem Wirrwarr von Schnellheftern zuzuordnen, deren Inhalt bestimmt einem System unterlag, aber keinem, das ich verstand. Jetzt ist alles irgendwo drin, und es sind neue Ordner gekauft. Künftig will ich aufmerksamer Schulranzen aufräumen. Alles ist zu was gut. Ich bin näher dran jetzt. In viele Hefte hatte ich kaum je wirklich hineingeguckt. Am Montag wurde ich um sechs Uhr wach, weil eine kleine Prozession, ein mageres, trauriges, herzanrührendes Orchester in noch stockfinstrer Nacht, das erste  Morgengrauen war noch weit, am Fenster vorüberzog und „Oh-jerum“ spielte, in Moll. Dazu defilierte ein langer Mann vorüber, der mir aus dieser Perspektive fremd vorkam – der Kopf riesig, und so harte, kantige Züge; ausserdem schien der Körper geschrumpft. Ich kannte den langen Mann eher aus Kinderperspektive, die eigenen Augen irgendwo auf Kniehöhe, darüber bis zum fernen Kopf hoch oben viel wallendes Blau. Komisch. So sieht der aus? In diesen Zeiten ist sogar der lange Mann nicht mehr das, was er mal war.

weiterlesen auf rottweil-ist-ueberall.de

Eine Wette auf die Zukunft

Harte Wochen! Und statt Erleichterung kommt´s nur immer noch dicker. Aber ein Ende scheint absehbar. Irgendwann ist auch wieder Frühling, und man kann mehr nach draussen verlagern, und außerdem wird geimpft, und dann ist irgendwann gut. Das hoffe ich, ich habe auch vor, mich impfen zu lassen.

Bald ist Corona Geschichte. Dann geht man wieder zur Tagesordnung über – und zu Politik as usual. Ich weiß nicht mehr – eine Bundestagsdebatte, glaube ich, war es, bei der es um eine Corona-Vermögensabgabe ging. Da sagte Frau Merkel zu den Kosten dieser Pandemiebekämpfung, das bezahle zukünftiges Wachstum. Diese Kosten belaufen sich je nach Rechnung auf Tausende Milliarden  bis zu eineinhalb Billionen, nur für Deutschland.  Das ist ein Betrag, vor dem man Respekt haben kann. Dies mag es leichter machen, von vornherein und kategorisch zu erklären, dass vorhandenes Guthaben und die Gegenwart dafür also nicht in Anspruch genommen wird.

Trotzdem finde ich das ungeheuerlich. Keine Vermögensabgabe? Die Zukunft soll die Pandemiekosten bezahlen?

Wir streiten  hier um sehr diesseitige und auf unsere eigene Generation bezogene Leiden. Da ist eine Pandemie – wohlgemerkt entstanden auch unter den Bedingungen eines ungebremsten Wachstumsglaubens – und die Überlegung, wie man damit verfährt…..

weiterlesen auf

Milch

Eine Frau. Sie hat einen guten Mann. Er säuft nicht, schlägt nicht, er liebt seine Kinder  – eines ist noch ein Baby  – und er verrichtet seine Arbeit. Das soll SIE auch tun, sagt er, und er sagt auch, was ihre Arbeit ist. Schließlich ist er der Mann im Haus. Sagt er.  Was immer das bedeuten soll. Völlig wurscht, was in der Hose ist. 2021, aber so was gibt es. In Deutschland. Nicht zu fassen. Immerhin, er kocht, und das nicht schlecht. Sie soll viel und reichhaltig essen. „Für die Milch“, sagt er. Es geht ums Baby. Das wird gestillt. Sie ist immer daheim, ob mit Lockdown oder ohne. Daheim und Mutter-sein – das muss zum Glück genügen.  Sagt er. Lockdown ist quasi der natürliche Daseinszustand im Haus.

Aber dies ist keine Coronageschichte. Es ist zumindest teilweise eine afrikanische Geschichte.

Da ist eine andere Frau. Aus Afrika. Bei ihnen, erzählt sie, ist keine Mutter alleine. Die Familien sind groß und beisammen, und in der Gemeinschaft gibt es immer mehrere Mütter, die gerade stillen. Wenn eine zum Markt geht, dann kann sie das stressfrei und bequem tun ohne Baby, denn sie weiß, wenn es schreit, ist eine Frau da, die es anlegen wird.  So hat jedes Kind zig Geschwister und ein halbes Dutzend Mütter. Die helfen sich auch aus, wenn die Brust einer Frau leergetrunken ist. „Hat jemand Milch?“ kann es durch einen Bus rufen, und dann wird ein Baby über die Köpfe durchgereicht zu einer Frau, die noch hat.

Das kann ich mir bildhaft vorstellen. Es passt zu einer Geschichte, die meine Mutter gerne erzählt. Es ist eine ihrer Lieblingsgeschichten. Sie und unser Vater waren in Afrika an der Elfenbeinküste zu Besuch bei einem Freund unseres gerade erst verstorbenen Bruders. Auf dem Rückflug saßen sie im Flughafen von Abidjan und warteten auf den Aufruf zum Boarding. Mit ihnen wartete eine Gruppe Touaregs; große, dunkle Menschen, stolz und schön wie Statuen, die Frauen in prächtige Farben gehüllt und goldbehangen. Meine Mutter saß und bewunderte – und bekam plötzlich ein Baby in den Arm gedrückt. Die Touaregmutter bedeutete ihr, sie müsse mal. Und meine Mutter wiegte das Baby und war selig und beglückt. Vielleicht hat die Frau ihr angesehen, dass man dieser weißen, älteren Dame guten Gefühls sein Herzblatt anvertrauen kann. Hätte meine Mutter gekonnt, sie hätte auch gestillt.

Unsere Familien in Mitteleuropa sind – zumindest oftmals – zu klein und zu schlecht aufgestellt für die Vielfalt der Aufgaben, und das auch dann, wenn Kitas und Schulhorte mithelfen und einen Teil übernehmen sollen. Wo´s schwierig wird, werden Verantwortungen hin und her geschoben und man steht sich gegenseitig im Weg mit seinen unterschiedlichen Definitionen von Erziehung und Konsequenz.

Ich finde auch, es liegt etwas durchaus Ambivalentes in diesem ´Konsequenz´. Freilich, jeder muss wissen, dass unterschiedliches Verhalten unterschiedliche Folgen nach sich zieht – je nachdem. Schon Kinder müssen das erfahren. Aber so ein „wer nicht hören will, muss fühlen“ ist auch nicht zwangsläufig die Lösung aller Probleme, auch dann nicht, wenn „Be-greifen“ von „Greifen“ kommt. Ich wünsche mir ja ohnehin Köpfe, die VORHER verstehen, VOR der schlimmen Konsequenz. Verstehen und Lernen ohne didaktisch eingebaute Eskalationen. Ist langsam und zäh und voller Verwirrungen. Aber es soll ja der Planet nicht kippen müssen, bevor man versteht, man muss was ändern. Nur ein Beispiel. Manche Konsequenzen kann und will man sich einfach nicht leisten.

Ich weiß nicht –

Die Kinder sind noch klein, und sie müssen noch so viel lernen. Manchmal bin ich ganz entzückt und denke, sie haben schon so viel verstanden – das werden sie auch weiterhin und stetig zunehmend, und ich kann Vertrauen haben und gelassen bleiben. Bis es sich wieder irgendwo verhakelt und ich an der glatten Wand hochlaufen will, weil zwei und zwei partout nicht vier ergeben will.

Ich habe das Rezept noch nicht entschlüsselt. Mir fehlen einfach ein paar Zutaten. Ich komm noch drauf!

Gutes, neues Jahr!

Überall finde ich Konfetti – unterm Sessel, unter Schränken und Kommoden, im Bett, im Waschbecken, unterm Christbaum. Dort mischen sie sich mit den Knicklichtern, die nur noch müde vor sich hin leuchten. Knicklichter, zuhauf und quietschend bunt. (Knicklichter waren in der Vergangenheit im selben Freundeskreis auch schon heftig umstritten: https://beatekalmbach.home.blog/2019/06/29/knick-es/) . Geselligkeit ist eine wichtige Zutat von Festlichkeiten, Musik – sogar Krach ist erlaubt, wenn´s übermütig werden darf – und Sauerei, die auch. Verzicht ist das Eine, ein Fest das andere, beides zusammen geht nicht.  „Wir haben noch mehr zum Sauerei-machen“, sagte eines der Kinder und holte eine Packung Luftschlangen. Die Sauerei war schließlich flächendeckend.

Es war ein schöner Jahreswechsel. Früh ausgemacht, schon zu Zeiten, als der Lockdown kein Thema war, als es nur um Personen – und Haushaltsanzahl ging. Das war hinzubekommen – zwei Erwachsene aus zwei Haushalten, Kinder unter 14 zählen nicht – passt. Dann kam die Ausgangssperre dazu und die Überlegung, ob es das jetzt wohl war mit Silvester-feiern. Man könne ja auch mal ganz intim – so jeder für sich. Kann man schon. Natürlich kann man das. Wir können auch gut für uns sein. Aber das sind wir derzeit viel genug, und ein Fest ist nunmal schöner mit mehreren. Wir haben ein Kinderzimmer zum Gästezimmer erklärt, und die Gäste blieben über Nacht. Den nichtzählenden Kindern gefiel das prima.

(Die Knicklichter erwiesen sich als äußerst hilfreich. Großzügig verteilt gaben sie das nächtliche Notlicht für die Wohnungsfremden.)

Wir haben Pizza gegessen und getanzt zu den Toten Hosen, „Das Mädchen aus Rottweil“. Die Knicklichter steckten in Socken und Hosenbünden, in Haaren und Händen und gaben die Lichtshow. Und wir haben gemalt, jeder ein Bild, was er sich vom kommenden Jahr erhofft. Ein Krankenwagen, Figuren mit Mundschutz, die diesen im nächsten Bild nicht mehr tragen, durchgestrichene Viren – alle wünschen sich ein Ende der Pandemie. (Niemand ist Impfgegner. Persönlich bin ich durchaus geneigt, schon aus gesellschaftlicher Solidarität. Aber wir Großen haben offene Fragen. Dies nebenbei. Hier ein Link zu einer Bloggerin, die das meines Erachtens nach ziemlich anschaulich zusammengestellt hat: https://ichlachemichgesund.blog/2020/12/29/meine-personlichen-fragen-an-die-impfung/ ). Mädchen wünschen sich Babys, als Kind und/oder Geschwister. Feste und Treffen mit vielen FreundInnen werden gemalt. Kein Haushaltszählen mehr. Alle auf einmal treffen. Abgesehen davon, dass das sehr effektiv ist, was das soziale Miteinander angeht, macht es halt auch Spaß, wenn man gemeinsam alles Schwere von sich schiebt, die Dinge mal eben leicht nimmt. Das ist geradezu verpönt in diesen Zeiten und wird oft als Merkmal von Verwöhntheit und Egoismus abgetan. Aber das finde ich unfair. Party-machen darf man schon vermissen und also sich wünschen. Und alle malen Schwimmen, geöffnete Bäder, Strand und Meer. Jaaa. Das vermissen wir. Das Schwimmbad. Ein Bild zeigt das Kino. Und eines den Besuch des Europaparks. Ein Kind will mal Rockstar sein und auf großer Bühne stehen – Nicht ausgeschlossen, aber im kommenden Jahr schwer zu erreichen. Man müsste erstmal anfangen ein Instrument zu lernen und Freude am Singen zu entwickeln. Schneeflocken gibt es hellblau dahingestreut aufs Papier, nächstes Mal bitte weiße Weihnachten. (Ich bin erstmal froh, dass wir dieses geschafft haben). Eine Erde mit einem Schutzmantel, „1,5°“ – ein Klima, das sein darf, wie es von sich aus ist. Ein Herz und ein Friedenszeichen, und Yin und Yang – Harmonie.  Ein Daumen für viele Likes. Schöne neue Welt. Ein Buch lesen. Na, wenn sich das nicht machen lässt, dann wäre es wirklich schlecht bestellt um uns. Ein Buch lesen – aber bitte doch.  Überhaupt besteht durchaus Anlaß zur Zuversicht. Lesen geht. Kinderkriegen auch; das ist ohnehin ´Prinzip Hoffnung´ – also hoffen wir und unternehmen alles Notwendige, (die, die sich das wünschen). Auch Baden wird es geben in irgendeiner Form. Es ist Wasser in der Welt und es wird wieder Sommer sein, und also geht auch Baden. Und Schneeflocken, ja, noch gibt es sie, weniger als früher, aber es gibt sie. Einen Schutzmantel für die Erde – das wäre was. Es ist Wahljahr – man kann auch hierfür wählen. Fürs allgemeine Klima.

Nächstes Jahr um diese Zeit nehmen wir die Bilder wieder raus und gucken, was aus den Wünschen geworden ist. Und bis dahin verlieren wir nicht die Hoffnung.

Allseits gutes neues Jahr.

Ein kleiner Mann

Er wohnt nicht weit von mir, um ein paar Ecken, doch trotz der Nähe sehen wir uns manchmal länger nicht, und wenn schließlich, dann bleibt es meist beim kurzen ´Hallo´. Heute sehe ich ihn im offenen Fenster, er blickt auf und mich direkt an, hält inne in seiner Bewegung und signalisiert ´Reden´. Gut, ich bleibe stehen. Er hält den Lappen in der Hand, auf dem Büffet steht ein Eimer dampfenden Wassers. Sein Oberkörper ist leicht vornüber gebeugt, die Schultern hängen nach vorn, was ihn kleiner und gedrungener wirken lässt als er ohnehin ist. Das Haar ist schütter, das Gesicht zerfurcht, der Kopf ist eingezogen als regnete es. Das tut es nicht, die Sonne scheint, aber die erreicht ihn selten. Die dunkelste und klammste Wohnung hat er, klagt er, eine Stadtwohnung im Erdgeschoß, mit Blick auf Mauern und Hauswände aus jedem Fenster. ´Lichtdurchflutet´ ist in der Tat anders. Er ist recht nett eingerichtet – für einen quasi Junggesellen. Da war mal was, lange her, aber ich kenne ihn nur solo. Früher, denk ich, lebten Junggesellen auf Matratzen auf dem Boden, zwischen Magazinen, Plattensammlungen, verstreuten Tellern und Kleiderhäufen. Naja, wir sind alle in die Jahre gekommen. Die gut Gestellten besitzen heute Kaffeevollautomat und Induktionsherd, und sie kochen frisch und sterneverdächtig. Bei diesem hier geht’s bescheidener zu, es riecht nach Maggi und schlechtem Öl, und am Tisch steht nur ein einziger Stuhl. Auf Besuch eingerichtet ist man hier nicht.  Geschieden ist er, schon lange, die Kinder sind anderswo groß geworden und sie melden sich selten. „Ist alles nicht so geschickt gelaufen“, meint er, wenn das Gespräch auf Familie kommt, und zieht den Kopf dann noch etwas tiefer. Aufgaben, die schwierig sind und Zweifel mit sich bringen, so schließe ich aus seinen Erzählungen, begegnet er mit Furcht und Fluchtgedanken. Übersichtliche Arbeiten und klare Ansagen sind ihm das Liebste. Das ist nur nicht mehr so einfach, in diesen aufgewühlten, krisengeschüttelten Zeiten.

Der Herbst drückt ihm aufs Gemüt, die Tage sind zu kurz und zu lang zugleich, die nassen Blätter kleben am Trottoir, und die vorüberfahrenden Autos sprühen feine, aschgraue Regentröpfchen an seine Fenster. Er ist am Putzen. Das Leben ist voller Widrigkeiten und auch viele kleine geben zusammen eine große. Eine satte Prise Depression liegt in seiner Stimme, auch wenn er sich um Tapferkeit bemüht. „Man muss ja“. Das Leben ist voller Müssens. Und das selbst in diesen Zeiten, in denen die Natur sich in den Winterschlaf begibt und die Städter zwischen Quarantäne und Kurzarbeit wechseln. „Besorgen Sie sich schöne Lichter“, sage ich. Eine Stehlampe ersetzt die Sonne nicht, aber auch ihr Licht tut gut. „Ach. Jaa“, ich höre das Nein im Ja, und ein ´bringt doch auch nichts´. Düsternis macht sich ungehindert breit bei ihm, es ist ein Elend. Weihnachtsmärkte sind abgesagt; die vielen Lichter, die Musik und der Geruch nach Glühwein – ja, er hat ja Recht. Das konnte einem den Winter schon etwas schmackhafter machen.  Wenngleich ich persönlich immer fand, die Kombination von süßem, klebrigem Wein in dicken Tassen und Schupfnudeln auf Papptellern ist zum Einen schon optisch kaum zu toppen und zum andern auch nur für robuste Mägen. Dem Gourmet stehen da vermutlich die Haare zu Berge. ´Geröstetes Kraut auf Buabaspitzle´- man will das Bild nicht weiter vertiefen. Dazu braucht´s tatsächlich einen Schuss Hochprozentiges im Wein. Dass es danach mit dem Abstandhalten nicht mehr so einfach ist, liegt auf der Hand; so gesehen kann ich Marktabsage und Alkoholverbot durchaus nachvollziehen.

Ach, er wäre sowieso bloß mal so durchgelaufen, sagt er. Er hat ja sowieso kein Geld. Immer nur Zeitverträge und Leiharbeitsfirmen, und zwischendurch wieder das Jobcenter. Und jetzt Corona, und alles hat zu, und er kommt nicht mehr raus, und da bricht es aus ihm, und ich will eigentlich weiter gehen, ich bin in Eile, aber das verbietet sich.

Depressionen begleiten ihn schon lange, und dass es ihn jetzt erwischt, das war ja klar, sagt er. Der letzte Job war auch wieder befristet und ist jetzt zu Ende. Und wer stellt jetzt schon ein, wo alles auf Kurzarbeit ist. „Die im Jobcenter, die machen jetzt Homeoffice. Aber sobald die wieder in ihren Büros sitzen, geht´s wieder los, mit Schreiben und Aufforderungen und Druck. „Bewerben Sie sich hier und da“, die unmöglichsten Jobs zu den unmöglichsten Bedingungen. Sonst wird gekürzt.“ Mit Vollzeit hat er grade mal 1000 Euro netto, sagt er. „Und wenn sie jetzt wieder einstellen, dann sind´s wieder Leiharbeitsfirmen, und die drücken weiter, und am Ende sind´s kaum neun Euro die Stunde, und fahren muss man dafür eine halbe Stunde bei Tag und bei Nacht und bei jedem Wetter. Und wehe, man ist mal krank, dann ist´s mit einer Festanstellung sowieso gleich vorbei.“ Er WAR öfter mal krank. Das war auch schon anders; er ist gelernter Handwerker und hat seine Arbeit gehabt und jahrein jahraus geschafft. Aber dann kamen die Probleme. Es lief nicht alles geradeaus, und das hat ihn mitunter gebeutelt, und die Dinge schlagen ihm halt schnell auf Gemüt und Magen. So hat es in den letzten Jahren immer wieder Jobwechsel, Kranksein und Phasen von Arbeitslosigkeit gegeben.  Hat er es mal mit einer Therapie versucht?, frage ich. Er mag zu den Leuten gehören, die dazu ein empfindliches Verhältnis haben; ´Therapie´; es gibt ja Leute, die setzen das sofort mit einer Diagnose ´spinnt´ oder ´hysterisch´ gleich. „Es hat ja jeder so seine Baustellen, auf denen was im Argen liegt“, erläutere ich, um die Hürde niedrig zu halten. Er war in einer. „Ach, das bringt ja auch nichts. Die verschreiben Medikamente, und mit denen ist es ein bisschen besser, aber weg ist es nicht, und man ist wie neben sich.“ Irgendwann hat er sie abgesetzt. Wenn er sich schon vergiftet, sagt er, dann will er wenigstens, dass es ihm auch gut geht damit und er sich gesund fühlt. Scharfe Logik, denke ich. „Früher“, sagt er, „da haben sich die Ärzte Zeit genommen. Da hat man zwei, drei Stunden warten müssen. Aber WENN man dann dran war, dann hatte die Frau Doktor eine dreiviertel Stunde Zeit. Und schon dadurch ging es besser.“ Heute wartet er kürzer, aber er ist nur fünf Minuten drin und bekommt halt ein Rezept mit. Wozu also hingehen. Und dann sei mal einer eingeschlafen. Das ist natürlich bitter. Das Wasser dampft im Eimer, der Mann redet als hätten all die Worte keinen Platz mehr in ihm und drängten gewaltsam raus. Aber ich kenne ihn auch anders; er scheint mir keiner, der das Herz auf der Zunge trägt. Und dann ist das bitter – vor dem Therapeuten sitzen, reden und erzählen und sich offenbaren, und das Gegenüber schläft ein. „Man braucht Energie für so was. Das kostet ja Kraft“, sagt er. Klar! Dem Therapeuten gehört der Stuhl unterm Hintern weggezogen. Dann war er in Selbsthilfegruppen. Das war ganz gut. „Aber die haben ja jetzt alle zu – wegen Corona.“  Es gibt nichts mehr, sagt er. Und da schlucke ich. Das ist so einer der Punkte, die ich nicht verstehe. Man kann doch nicht einfach dichtmachen und zumuten und den Leuten die Hilfen verweigern, die sie brauchen, um die Zumutungen auszuhalten. Offenbar gibt es keine anderen Konzepte als ersatzlos zu streichen. Das kann´s doch nicht sein. Aber offenbar doch. Zuletzt war er in Reha. Obwohl ich einen anderen Eindruck habe, sagt er, sie habe nichts gebracht. Jetzt sei er ´gesund geschrieben´; er lacht; „so was geht. Gesundschreiben. Es sei alles Einbildung.“ „Käme nicht eine Frührente in Frage?“ will ich wissen. Er geht stramm auf die Sechzig zu, und ich denke, wenn einer eh so geplagt ist und offenbar nirgends richtig gebraucht wird -. ´Hätten doch alle was davon. Dann könnt er sich besser um seine alten Eltern kümmern, und vielleicht ehrenamtlich was machen; er ist handwerklich geschickt und WILL ja was tun. „Das wird nichts. Das wollen alle. Die Wartezimmer sind voll.“ Wieder lacht er bitter. „Lauter Ausländer. Hier nie groß eingezahlt, wollen aber alle in Frührente. Und für DIE muss man andere Geschichten auftischen – dafür muss man lügen. Das schaff ich nicht. Die Lüge muss man ja durchziehen. So einfach ist das alles nicht mehr. Die gucken schon, dass man sich zum Schaffen schleppt bis zuletzt.“ Ich nehme den Ausländerverweis unwidersprochen hin, und das ´Lügen´ ebenso, obwohl es mich beides stört. Solche Pauschalisierungen und Vereinfachungen sind auch verkehrt. Ich denke ans bedingungslose Grundeinkommen, und wie viel Gift das aus Leuten und System nehmen würde. Ich sage nichts. Dies ist seine Geschichte. Er sagt, er sei müde. Dann soll er sich halt hinlegen, entgegne ich. Er hat ja Zeit. Man muss es sich doch nicht schwerer machen als notwendig. Aber das getraut er sich nicht. „Der Körper gewöhnt sich dran, und dann fordert er es ein, und dann schaff ich es nicht mehr ohne. Und was ist, wenn ich dann wieder ein Gschäft habe? Dann pack ich das nicht. Davor hab ich Angst, und also lege ich mich nicht hin.“ Er steht morgens früh auf, hält sich irgendwie auf den Beinen und verkneift sich den Mittagschlaf. Kein Internet. Das hat er nicht. Und das ist vermutlich gut so; „die lügen uns alle an“ ist er überzeugt. Keiner „da oben“ meint es wirklich gut. Hätte er Internet, er wäre Verschwörungsanhänger. Er hält sich an feste Rhythmen und feste Abläufe und ist bemüht alles recht zu machen und das erwartet er genau so von anderen auch. Deswegen hat er gelegentliche Reibereien in seiner Hausgemeinschaft. Ich kann´s mir gut vorstellen – ein bisschen kleinlich und engstirnig kommt er schon rüber. Aber mangelnde Disziplin kann man ihm sicher nicht vorwerfen.

Neulich hatte ich eine Suppe vorbei gebracht. Die habe ihm geschmeckt. Er bedankt mich und gibt mir die gespülte Dose. Er tut mir ja leid. Ich sehe seine Not schon länger und verstehe seine Ängste, und ich denke, so kann man mit den Leuten nicht umgehen. Sein Durchhaltewille ist wirklich das Einzige, was er den Herausforderungen dieser Zeit noch entgegenzusetzen hat. Nur, dies Fazit, das er selbst zieht, darin folge ich ihm nicht. ´Die Ausländer´ sind´s für ihn, und die, die nicht schaffen wollen, und die, die rücksichtslos sind und über die Stränge schlagen uswusf – in seinen Schuldzuweisungen werden sie alle geschützt von ´den Großen´, die ihn ´kleinen Mann´ nicht hören. Auch das nimmt er tapfer und mit bitterem Lachen; „muss man halt weitermachen“. Er taucht den Lappen ins Wasser und wringt ihn aus.  Vielleicht ist das so. Ich weiß es nicht. Vielleicht hören ´die Großen´ wirklich nicht. Kann schon sein. Aber dass ´Ausländer´ und ´Flichtling´ größeren Schutz genießen, das stimmt sicher nicht.

Auf Lesbos wurde ein von der UN als vorbildlich gelobtes, selbstverwaltetes Flüchtlingslager brutalst geräumt. In dem Lager waren Schwangere, Familien mit kleinen Kindern, schwer Traumatisierte, Behinderte, und Opfer von Folter. Mitarbeitern der dort tätigen Organisationen wurde Zugang und jede Hilfe verwehrt. Die Leute wurden in das Lager Kara Tepe gebracht, das ebenfalls bis Dezember geräumt werden soll. Das macht mich sprachlos, und ich denke  wie Greta Thunberg wegen des Klimawandels „how dare you“. Wie kann man nur.

https://www.kindernothilfe.de/presseuebersicht/pressemeldung-uebersicht/pressemitteilungen-2020/griechenland-pikpa-geraeumt

Unter anderen Umständen könnten wir alle Ausländer und Flüchtlinge sein, irgendwo. Es ist fies, Not gegen Not auszuspielen. Und es hilft auch keinem. Unser Wirtschaftssystem ist menschenverachtend. Und so lange das so bleibt, bleiben auch die Krisen. ´Weitermachen´, das ist es ja eben. Das tun auch Politik und Wirtschaft, als passierte nichts und drängte nichts zum Umdenken.

„Das sind keine Probleme von uns“, sagt er und lacht sein kurzes, scharfes Lachen, „die machen eh, was sie wollen“. Die Großen und die Kleinen. Den einen die Wollens, den andern die Müssens, so einfach sei das. Er beginnt die Fenster zu wischen, und ich denk, vielleicht kann man das so sehen. Aber man kann es nicht unwidersprochen so stehen lassen. Ich gehe weiter. Ich will darüber nachdenken. Widersprüche wollen schließlich gut durchdacht und vorbereitet sein.