Über Inseln und Häfen und den einen großen Traum vom Leben im Grünen

collagebaugrund

Der Kreis Rottweil wird kein sicherer Hafen. Überrascht mich nicht, hätt ich trotzdem gerne gehabt. Man will kein falsches Signal aussenden nach Afrika. Als ob ganz Afrika nach Rottweil schielen würde. Es wird auch keiner in Afrika ´Konstanz´ sagen, wenn er an ´Europa´ denkt. Konstanz ist sicherer Hafen und deshalb auch nicht überrannt. Und es hat den Klimanotstand ausgerufen und deshalb bewegt sich das Leben dort trotzdem noch. Konstanz hat sich nur zuständig erklärt. Konstanz war mutig.

Das sind doch keine Signale an die Außenwelt. Das sind Signale innerhalb dieser Gesellschaft  Aufgabe und Verantwortung ernst zu nehmen. Sich nicht wegzuducken. Bei sich selbst anzufangen. Nicht vor rechter Hetze und Xenophobie zu kapitulieren. Die Kontingente zur Aufnahme auch tatsächlich auszuschöpfen und nicht ungenutzt zu lassen.  Anzuerkennen, dass Starke und Reiche  mehr leisten können als die anderen. Und stark ist man doch nicht, weil man ignorant über alles Schwächere hinweggeht. Stark ist man, weil man was auf der Pfanne hat.

Alle sehen sie und sind betroffen und  bedauern zutiefst. Aber zuständig will man nicht sein.  Geht auch gut, am Landkreis ziehen Krisen mitunter scheinbar  pfleglich aussparend vorüber, Rottweil  – eine Insel in tosender See. Schon schön, wenn man auf höhere Ebenen verweisen kann. Machen andere auch, das geht grad so durch. Vom Kreis zum Land zum Staat zum Staatenbund. Beim Klimaschutz braucht´s sowieso die ganze Welt. Am Ende helfen nur noch Gott und Engelscharen.

Apropos

Wenn schon Flüchtlinge, dann hätte man die gerne engelgleich, gut ausgebildet  und unbeschadet. Schön wäre das schon – bei uns allen. Schlechtes Benehmen, Respektlosigkeit und Dummheit sind aber nicht an Hautfarben und Pässe gebunden. Das gibt es hierzulande auch zuhauf. Ich würde mal sagen eigenes Benimm, Respekt und Plan helfen mehr als Ignoranz und Hetze.

Aber wir bewegen uns nicht gerne. Wir ändern nicht. Wir passen nicht an. „Lebe Deinen Traum!“ Stapelweise gibt´s diese Postkartensprüche zur Selbstvergewisserung, man kann ganze Häuser damit tapezieren.  Als gäbe es nur einen einzigen unveränderlichen Traum. Ein Häuschen im Grünen, Idyll und Trutzburg.

In Feckenhausen wird ein Baugebiet erschlossen und, weil Boden wertvoll ist, der Quadratmeterpreis angehoben.

Boden ist wertvoll. Ganz genau. Eben darum dürfte es, wenn es nach mir ginge, mal ein Ende haben mit dieser Art Flächenverbrauch.  Ein Haus, eine Familie, zwei PKW, und weil man ja praktisch im Gebirge wohnt, darf es bestimmt auch ein SUV sein, vielleicht Elektro, aber das macht es nicht viel besser. Ewig derselbe Traum, egal, wie die Welt aussieht drumrum? Ich würd ganze Wohnblocks bauen, mit kleinen und großen Wohneinheiten, schicken und schlichten, mit Gemeinschaftsräumen und Innenhöfen und Spielplätzen, und dann würden ganz viele Leute nach Feckenhausen ziehen und es gäb einen Laden dazu und eine Kindergartenerweiterung und weil eben NICHT alle ein Auto haben, bessere Busverbindungen. Und so in dem Stil würd ich das auf der Spitalhöhe machen und in Bühlingen und in Hausen und überall, wo man meint bauen zu müssen.  Ein Zeichen setzen, weniger ist mehr, damit auch Platz bleibt für Träume zukünftiger Generationen.

Es wird vermutlich ein Traum bleiben.

(kein) Inselfeeling

Ich habe Urlaub gebucht. Mit dem Zug an die Ostseeküste. Rügen. Das ist ein Stück Weg; so lange haben meine Kinder noch nie Mundschutz getragen. Aber ich würde behaupten – das ist die Reise wert. Ich freue mich riesig und habe den hilfsbereiten Damen im Reisebüro – die Buchungsseiten der Bundesbahn überfordern mich völlig – zum Dank handgefertigte Pralinen gekauft. Mir selbst habe ich ein Glas Prosecco am Kappelenhof genehmigt – das Ticket in der Tasche ist ein Grund zu feiern. Die Sonne im Gesicht wird die Stadt zur Insel im Meer, und das leise Rauschen vom Ufer der Hochbrücktorstraße lullt alle Sorgen ein. Das Leben ist schön.

Dann ist der Prosecco  leer, der Geldbeutel auch, ich gehe. Eine Nachricht auf dem Handy, jemand fragt nach den Hausaufgaben. Ach ja – die schon wieder. Der Große geht wieder täglich in die Schule, und zuverlässig vergällen uns das frühe Aufstehen und die Hausaufgaben wieder einen nicht unbeträchtlichen Teil des Tages. Eine Neun-Uhr-Schule, die bis mittags um drei geht und ohne Hausaufgaben heimlässt – das wär´s! Für die Kleine werden der Abschied vom Kindergarten und die Einschulung vorbereitet. Sie hat ihre erste Zahnlücke und erlebt zwischen diesen Meilensteinen des Großwerdens regelmäßige eigene Höhen und Tiefen. Es würde mich nicht wundern, wenn ich irgendwann im Rückblick diese ganzen Jahre als eine Abfolge unterschiedlichster Pubertäten ansehen würde.  Irgendwo schafft´s immer. Trotzdem sind eigentlich alle guter Dinge und grundfröhlich. Und so lange das so ist, will ich nicht zu laut jammern.

Ich laufe an Zeitungsständern vorbei und der Artikel vom Vormittag fällt mir ein, und die Nachrichten vom Vortag, und die der letzten Tage und Wochen. Es gibt zu viel Kinderleid in der Welt. Viel zu viel und viel zu schlimm. Und das wird gleichmütiger hingenommen als Krieg, Klimawandel, Wirtschaftskrisen und Corona. Das geschieht und kommt in den Nachrichten. Und damit sollen wir einfach leben. Das geht nicht.

Am Vortag habe ich in den Nachrichten Meldungen von etlichen am Unabhängigkeitstag in den USA getöteten Kindern gehört. Wenigstens zwei waren demnach aus vorbeifahrenden Autos erschossen worden. Ich habe etwas davon am Abend im Internet wiedergefunden ohne danach gesucht zu haben, und denke mal, es ist was Wahres dran. Im Vorbeifahren abgeknallt. Mein Verstand weigert sich das gedanklich zuzulassen. Aber ich schließe es nicht aus. Die Welt dreht sich täglich und dreht täglich durch. Und täglich wird über Normalität geredet und keiner weiß mehr, was ´normal´ eigentlich ist. Waffen produzieren bis über sämtliche Ohren und hetzen und Unfrieden schüren und dann werden Kinder einfach abgeknallt und das soll man als Kollateralschaden und ´normal´ hinnehmen. Geht’s noch?  

(Die lautesten ´Macher´ machen am wenigsten neu. Kann das sein? Trump, der Macher, gibt die Schuld an diesen toten Kindern allen, nur nicht den Waffen, deren Industrie er eben NICHT antasten will und auch nicht der aggressiven Stimmung, die er schafft.  ´Machen´ ist bei ihm und Konsorten gleich ´das Alte durchziehen´,  um nur ja nichts verändern oder sogar neu schaffen zu müssen.)

Immer wieder, hier und da,  habe ich über verstümmelte Mädchen und versklavte Buben gelesen, und dann eben, am Vormittag in der hiesigen Tageszeitung, diesen Artikel über Kindesmissbrauch in Deutschland. Solche Artikel lese ich meist nicht, sie machen mich fertig. (An dieser Stelle meinen allergrößten Dank an die, die ermitteln, meine Hochachtung, meinen Respekt. Es gibt viel Übel auf der Welt, aber manches sprengt auf eine Weise die Vorstellungskraft, dass es kaum auszuhalten ist. Möge den Ermittelnden alles zuteil werden, was es braucht, um auszuhalten). Es ist ja nicht bloß die bloße sexuelle Neigung. Wollen kann man viel. Es ist die Niedertracht, die Grausamkeit und das skrupel – und hemmungslose Austoben von Gewalt gegenüber Schutzlosen, das zwischen den Zeilen durchdringt und den Boden wegzieht. Dieser Artikel jedenfalls war kein Bericht mit vage angedeuteten Ungeheuerlichkeiten, es war  ein Interview mit einem Polizisten und handelte von Verfolgung und Aufklärung.

Sieben bis acht Anläufe braucht es im Durchschnitt; sieben bis acht Mal erzählt ein Kind, zum Teil vermutlich auch unterschiedlichen Personen, von einem erlittenen Missbrauch, bevor ihm geglaubt und geholfen wird. Sieben bis acht Mal. Im Durchschnitt. Das allein ist ungeheuerlich. Jeder weiß, dass es das gibt, und so unvorstellbar es auch bleibt in seiner Monstrosität – jeder weiß, dass das keine Einzelfälle sind, sondern sich wie eine Seuche auszubreiten scheint und nicht selten in ganzen Netzwerken organisiert wird. Ein Virus, das sich verbreitet. Das weiß man. Und dann wird dem Opfer nicht geglaubt. Weil man das Böse, Grausame Schlimme, Unvorstellbare nie in den eigenen Reihen sehen will. ´Bei uns doch nicht!´

Doch. Das glaube ich schon. Auch bei uns. Auch hier. Möglich ist es überall. Weshalb sollte es nicht hier geschehen. Es ist abstrus. Es ist  – es fehlen die Worte – böse, krank, beides, irre. Ich weiß es nicht. Aber es ist. Und das darf es nicht.

Jedes Jahr kommen Zahnärzte in die Kindergärten, und in die Schulen kommen Sport-, Drogen-, allerhand Beauftragte. Das ist so weit so gut. Aber ich stelle mir  vor, dass von der Krippe bis zum Abitur jedes Jahr jemand in alle Einrichtungen kommt, in der Kinder und Heranwachsende sind, jemand, der dem Kind aufs erste Mal glaubt und Hilfe im Gepäck hat. Das ist sicher schwierig, und es gibt Unmengen von Institutionen, die überhaupt keinen Nerv für derlei Überlegungen haben. (Ich will mich nicht darüber auslassen. Aber es sind oft religiös motivierte Institutionen, die mit dem Glauben an die Unschuld argumentieren, die vor derlei Themen geschützt werden müsse und die dann mitunter ihren eigenen Schindluder damit treiben). Man muss auch  nicht die kindliche Unschuld zerstören; man kann über Liebe erzählen, und darüber, dass die zwischen Kind und Erwachsenem anders aussieht als zwischen Erwachsenen. Man kann über Geheimnisse reden, die zwei miteinander haben können, die aber Verrat und Gemeinheit sind, wenn nicht beide gleich gut wissen, worauf sie sich eingelassen haben.

Man kann über Zahnpflege reden; weshalb sollte man nicht auch über – sagen wir – Intimpflege reden können und darüber, was wo hindarf und wann und wie und wann nicht. Ich weiß nicht, wie man das am Geschicktesten verpackt, altersgerecht. Aber ich weiß, dass kindliche Unschuld es aushält auch mit schwierigen, nicht unbedingt altersgemäßen Themen konfrontiert zu werden, solange  Sprache und Aufgabe altersgemäß bleiben. Themen fragen nicht nach Alter, Themen verlangen nur unterschiedlich.

Ich weiß es nicht. Aber das Thema hat mir nun diesen Text abgerungen, und das, obwohl ich so frohgemut am Inselfeeling gestartet bin.

Manche Themen kann man sich nicht raussuchen.

Geschäftsmodelle

Der baden-württembergische Landwirtschaftsminister hat sich im Bundesrat gegen eine Vergrößerung der Fläche ausgesprochen, auf der eine Sau ´fixiert´ werden darf. Schon beim Wort läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Oder ging es jetzt um den Kastenstand, was etwas anders ist? Jetzt hab ich so viel gelesen und versteh´s erst nicht. (Dafür fällt es mir umso leichter, die Verwirrung nachzuvollziehen, die Schweinezüchter angesichts der Regelwerke und Bedingungen beklagen). Egal, es läuft auf dasselbe raus.  Sechs Quadratmeter wollten die Grünen, fünf ein paar andere, der Bio-Standard verlangt 4,4. Da wäre er noch mitgegangen, sagt Minister Hauk. Bei fünf geht er nicht mit, da müssten alle Ställe umgebaut werden und die Übergangsfristen seien zu kurz, da lohnten die Investitionen nicht für die Bauern.

Kein Wort übers Tier. Selbstredend empfinden Schweinezüchter das Dasein ihrer Tiere nicht als Quälerei. Folter und schlechte Behandlung mögen anders aussehen. Aber dennoch könnte ich mir vorstellen, fragte man die Sau, wäre die Einschätzung eine andere. Es ist ja nicht nur dies Fixieren  –   im regulären Mastbetrieb hat ein Schwein kaum einen Quadratmeter. In der gegenwärtig praktizierten Form der Schweinezucht widerspricht so ziemlich alles allem, was eine Sau artgerechterweise tut. Schweine und Sauen sind neugierig, rennen gerne, sie quieken und planschen und sind fröhliche, gesellige Wesen, die sich gerne bewegen. Nichts davon können sie ausleben in den Mastbetrieben

Ich weiß ein paar dieser bäuerlichen Betriebe, wie sie Hauk evtl im Sinn hat. So habe ich vor ein paar Jahren, als ich jobbedingt selbst viel draussen und unterwegs war, einen diesen Bauern getroffen, der häufig unbehelmt und mit wehendem Hemd auf einem alten und ziemlich coolen Motorrad an mir vorbei durch die Felder rauschte. Irgendwann kam man ins Gespräch. Er war noch nicht im Rentenalter, aber die Rente war auch nicht mehr unvorstellbar weit weg, und er war Bauer im Hauptberuf. Die Ställe waren teils außerhalb, teils im Dorf; die Tiere wussten drinnen nicht, wann draussen Tag ist, und ich bin mir nicht mal sicher, ob sie überhaupt wussten, dass es das gibt – Tag und Nacht, und Sonne und Wind. Zu Hunderten wurden sie in Hallen gehalten, an denen man achtlos vorüberlief, nichts deutete darauf hin, was hier geschah, man roch nichts, man sah nichts, man hörte nichts, da war kein Rennen und kein Quieken. Es konnten Traktoren in der Halle sein, oder Heu, oder untergestellte Wohnwagen. Es waren Tiere. Bis irgendwann der Laster der Supermarktkette kam, für den sie produziert wurden.

Ich gebe zu, ich habe ihn ein bisschen beneidet, den Bauern – so mit dem Wind in den Haaren durch die sommerlichen Felder düsen und nach den Ställen und den (fremdbewirtschafteten) Feldern gucken – das klang nach einem durchaus annehmbaren Erwerbsleben. Meine Jobs waren in ihrer Kombination damals eher so mittel. Er hatte ein paar Äcker verkauft, die danach Bauland wurden, hatte ein paar andere behalten und selbst bebaut. Die Mieteinnahmen des Mehrfamilienhauses würden den Kredit rasch bezahlen, so lautete sein Plan, und wenn er ins Rentenalter käme, bildeten sie sein Auskommen – ich rechnete hoch – das würde nicht schlecht. Damit kann man´s sicher und komfortabel aushalten.

Kann man machen, sei gegönnt, aber an die Schweine darf man nicht mehr denken. Den Preis zahlen sie.

Das ist ein sehr unfairer Deal. Das Schwein würde es ohne die Zucht nicht geben, es ist zum Essen auf der Welt, aber ein bisschen was Schönes soll es in seinem Leben haben. So was regt mich auf, da muss ich drüber reden. Und eine Frau, auf deren Meinung ich was gebe, regte an, mich nochmal kundig zu machen. Ich muss schließlich auch an die Bauern denken – wohlwollend. Viele Betriebe hätten zugemacht.

Okay. Ich will zwar meinen, ich habe selten anders an Bauern gedacht als wohlwollend – ich finde Bauern und Landwirtschaft toll, (ich wollte mal Agrarwissenschaft studieren), aber das ist empfindliches Terrain, und ich will auch niemanden brüskieren. Ich fragte also nach bei einer anderen Frau, die sich auskennt, die Schweine hielt, darüber andere beriet, beides jetzt nicht mehr tut – es rechnet sich nicht, sagt sie. Alle Vorschriften seien mit hohen Investitionen und Hürden verbunden, und die zu nehmen sei gar nicht so einfach. Das habe ich im Internet auf diversen Seiten bestätigt gefunden. So soll die Schweinehaltung emissionslos vonstattengehen, habe ich gelesen, und das verstehe ich nun auch nicht. Wir hören und riechen Autos und Rasenmäher, wir hören und riechen unsere Mitmenschen, wir hören und riechen Hunde, Katzen, Kühe, Hühner, Gänse, Vögel – weshalb soll man Schweine nicht hören und riechen dürfen? Das ist wirklich ein dickes Ding.  

Und dann, so habe ich nicht von ihr, sondern gelesen, klagten laut Statistik auch viele Züchter über die negative öffentliche Stimmung. (Das finde ich ein bisschen mimimi).

Wenn jetzt sämtliche Ställe neuen Verordnungen angepasst werden müssten, prophezeit sie, verschwände die Schweinezucht, zumindest was die mittelständischen Betriebe angehe, und die sind in Baden-Württemberg ausschlaggebend, aus dem Ländle. Und dann wandere die Schweinezucht ab ins Ausland, wo die Tiere noch weniger Platz hätten.  

Verstehe ich. Will ich auch nicht. Will ich alles nicht.

Es sind viele Bauern ausgestiegen aus der Schweinezucht, manche bewirtschaften ihre Höfe jetzt anders, manche haben den Betrieb aufgeben und machen was ganz anderes.

Und darum geht es. Bei allem Wohlwollen –aber vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm, wenn Betriebe aus der Schweinezucht aussteigen. Der Markt sei voll, sagte die Frau, und es klang nach ´übervoll´, es besteht ein Überangebot. Das drückt auf den Preis. Die Sau darf umso weniger kosten. Den Bauern, die aussteigen, geht es jetzt – es klang jedenfalls nicht heraus – nicht schlecht. Die haben sich umorientiert. Das gab der Markt also immerhin her. Das ist toll. Das ist flexibel. Das ist anpassungsfähig. Oder etwa nicht? Das ist kein Weltuntergang. Das ist auch was Gutes.

Schade allerdings wäre, wenn zu viele nur diesen einen Weg des Aufgebens sahen. Ich hoffe, es gab mehrere. Sonst hätte die Politik wahrhaftig versagt.

Vorschriften muss es geben, das leuchtet mir ein, auch Standards und Genehmigungsverfahren. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es ein Elend ist mit ihnen wie überhaupt mit Regeln. Da ist es wieder, dies Thema. ´Gut gemeint ist nicht unbedingt gut gemacht´. Hinter vielen Regeln steckt ein guter Gedanke, aber sobald man die Regel vom Gedanken löst und ihr eine übergeordnete Gültigkeit verleiht, wird´s schräg und nicht selten kontraproduktiv. Damit sich Investitionen rechnen, werden die Betriebe größer, und wo sie größer werden, werden sie industrieller. Und so geht mit den Schlachthöfen weiter, die immer größer und maschineller, und sicher auch brutaler werden, weil es einen Unterschied macht, ob man zwei Wesen am Tag tötet, oder zehn, oder 150. In Rottweil gibt es seit Ewigkeiten keinen Schlachthof mehr, jetzt geht es um den in Balingen. Das verlängert auch die Transportwege. Alles Vorgänge, die man nicht will und die vermutlich auch nicht Ziel der Regeln waren, weswegen ich dafür wäre, den Regeln das Ziel, den Sinn überzuordnen, nicht umgekehrt, und das Ganze etwas flexibler zu handhaben. Vielleicht fiele es dann auch wieder leichter die EU als Gewinn zu betrachten und nicht als Regelungdiktatur. Toleranz. Rumänien ist nicht Deutschland und zwischen Schweden und Griechenland liegen auch Welten.

Und weil es wichtig ist, Landwirtschaft in mehr als dieser einen, genormten und ökonomisch auf Optimum gerechneten Form und Facette zu erhalten, stelle ich mir eine Landwirtschaftspolitik vor, die anders daherkommt als dies ewige Weltuntergangsklagen ob jeder Veränderung, ob jeder neuen Aufgabe. Es ist nunmal nicht daran zu rütteln – diese Form der Schweinezucht und – Schlachtung ist Ausbeutung für Mensch und Tier. Und die Insekten werden weniger, und das liegt nicht nur, aber viel an der heutigen Form der Landwirtschaft, und auch das ist keine Schuldzuweisung – das hat man schließlich gemeinsam so gemacht und an der Flurbereinigung zum Beispiel waren viele irgendwie beteiligt. Aber jetzt ist es so und man sieht, da muss was geschehen, also muss es das halt auch. Ohne dies ewige Weltuntergangsklagen.  Wir haben´s alle miteinander vermasselt. Es gibt Bücher voller Bauernwitze, deren Aber gegen alles Neue legendär ist, und das wird nicht ganz von ungefähr kommen, es gibt Politikerwitze, die allesamt groß tun und wenig halten, und der Otto Normalverbraucher ist sowieso eine Witzfigur, die minderbemittelt Rosinen pickt und die Nase in den lauesten Wind hält. Es gibt ihn halt auch nicht, den einen Verbraucher. Jeder pickt anders. Dabei sollte es möglich sein, zusammen Wege zu finden, wie Tierwohl, Lebensmittelbedarf und Nachhaltigkeit zusammengeht. Ich bin sicher, dass es die gibt. Die einen bewegen sich mehr, die anderen bezahlen besser, und die dritten machen ihre Hausaufgaben.

So heißt das, jawohl!

Vor Jahren sollte Griechenland ´sein Geschäftsmodell ändern´. ´Die Hausaufgaben machen´ hieß es damals ganz salopp weiter. Mal eben ein Land umkrempeln. Und dass die Hausaufgaben gemacht würden, sollte kontrolliert werden. Es konnte schließlich nicht angehen, dass die einen für den Komfort der anderen aufkommen.

Voilà. Geschäftsmodelle ändern, Hausaufgaben machen, auch in der Politik. Das geht also, das darf angenommen, die Möglichkeit darf vorausgesetzt werden.

Es ist eine Frage des Geschäftsmodells, das sich an geänderte Voraussetzungen anpassen können muss. Das geschah immer und geschieht immer wieder, im Großen wie im Kleinen. Ausbeutung kann kein Faktor sein, mit dem zwangsläufig die Rechnung  am Ende aufgeht.  Wenn das Geschäftsmodell Ausbeutung heißt, dann taugt es nicht. Und wenn Regeln Ausbeutung nahelegen, dann stimmt mit ihnen etwas nicht.

Hier regiert ein Minister. Wenn die Preise für Fleisch zu niedrig sind, dann muss er durchsetzen helfen, dass sie so werden, dass die Produzenten leben können davon, und das ohne die Ausbeutung einfach auszulagern. Und er muss die Genehmigungen und Detailvorschriften so halten, dass sie Sinn machen und zu schaffen sind. Und einige Standards gelten für Import und Export und für global und regional – für alle, und wer Geschäfte machen will, sollte sie respektieren, denn einige Standards sind gesellschaftlicher Konsens. Man will sich drauf verlassen können.  (Klar gibt es immer welche, die vor lauter Leberkäswecken die Welt um sie herum nicht mehr sehen. Das tut mir leid. Aber da ist auch nicht mehr zu helfen).

Das ist seine Hausaufgabe. Das ist sein Job. Ist ´geh ich nicht mit´  alles, was er kann? Den Einen das Auskommen, den andern die Arschkarte zuschieben? Solche Rechnungen aufstellen und die Unbekannte unbekannt lassen, weil  es besser ist, man sieht die Kehrseite nicht, und um einen halben Quadratmeter Platz feilschen, und so locker vom Hocker zum  System zu erheben, was keine Sau und auch ihr Halter nicht will – dies Geschäftsmodell will keiner, würde ich mal behaupten, und es ist eine Sauerei und muss geändert werden, und deshalb soll noch lange kein Bauer am Hungertuch nagen, auch in der Rente nicht.

Schwein ist kein Schimpfwort und ´armes Schwein´ kein Naturgesetz.

Anmerkung in eigener Sache:

Ich  bin nicht Vegetarier, aber ich esse wenig Fleisch und Wurst. Ich find es auch nicht so wichtig; es gibt genug anderes Gutes. Und so bin ich tatsächlich locker bereit, mehr zu bezahlen, deutlich mehr. Mir geht’s eher um die Wege, die ich zusätzlich machen muss. Ich kaufe ungern und nur alle zwei Wochen ein und will das gerne ohne Auto und in Fußmarschnähe tun können, möglichst zeitsparend, und so  läuft´s bei mir auf zwei Supermarkt- bzw Discountfilialen hinaus, die 95 % des Lebensmittelbedarfs abdecken. Der Rest kommt vom Markt und von einem befreundeten Biohof. Was Schweinefleisch angeht, gibt es bis auf ein paar eher laue Labels nichts im Sortiment meiner Läden. Vermutlich esse ich drum mehr Toennies als mir bewusst ist. Gerne tue ich das nicht. Es steht auch nicht immer drauf was drin ist. Ich setze voraus, dass das, was mir angeboten wird, den von mir mitgetragenen vorherrschenden, gesellschaftlichen Vorstellungen entspricht. Und ich meine, es ist nicht meine Aufgabe, das zu kontrollieren, das ist Aufgabe der Behörden. Die Macht des Verbrauchers ist auch seine Ohnmacht. Ich habe keine Macht darüber, was im Regal steht, und meine Verbrauchermacht begrenzt sich selbst darin, dass die Energie, die es braucht um zu verbrauchen, sprich zu kaufen,  auch nicht endlos ist und in den Rest der Daseinsplanung hineinpassen muss.  Verbraucher zu sein ist mitunter ein blöder Job.

Bestandsaufnahme KW 26, Halbzeit 2020

Das Jahr fing gefühlt Mitte März an und das mit einem Ende, mit dem Ende des gesellschaftlichen Lebens. Alles Vorherige gehört in eine andere Epoche. Die ersten Wochen des neuen Jahres waren daher von Umwälzungen bestimmt. Als wäre die ganze Familie ausgewandert. In der Fremde ist man ähnlich auf sich und die seinen begrenzt und lernt mit jedem Tag die Regeln der Umgebung neu. Das Fremdsein wird schnell ´normal´, das Vertraut-werden dagegen dauert lang, und selbst kleine Erkenntnisse fühlen sich an wie Meilensteine auf dem Weg zu neuer Sicherheit. Ostern mit Corona war wie Weihnachten in Byron Bay – surreal.

Wir waren nie Meister fester Strukturen und Abläufe. Nicht, weil wir keinen Wert darauf legten, das tun wir, aber manchmal drängt sich auch etwas anderes auf, manchmal ist ´Regelmäßigkeit´ nicht das dringlichste Problem. Die Strukturlosigkeit dieser plötzlichen Fremde gab uns nun den Rest. Quasiferien, Alltag und Katastrophe, Zäsur, Protest und Normalität, und homeschooling, das irgendwie auch – chapeau, wer da Überblick und Ordnung behält. Wir ergaben uns dem Fluß der Dinge und hielten die Köpfe oben. Wenigstens sind wir nicht so schlecht darin, unser bestmögliches aus einer Lage zu machen. Mitunter hatten wir viel Spaß in diesem Gewässer und wir lernten viel von – und miteinander. Und wie die Schule jetzt wieder anfängt, stellen wir fest – es geht. Dem Großen war es durchaus kein großer Schock. Das frühe Aufstehen ist nach wie vor ungeliebt, aber als ich ankündigte ´bald wieder volle Wochen´ zeigte er sich bereit – er will. Das hat mich gefreut. (Wir sind uns einig, dass wir uns eine 9-Uhr-Schule wünschen. Der etwas spätere Beginn nahm viel Dampf aus den Tagen). Und auch schulstofflich kommt er mit; manche Kinder strecken schon, da hat die Lehrerin noch nicht mal den Satz zu Ende gesagt, er muss noch kurz überlegen, aber dagegen ist nicht viel einzuwenden. ´Puh´. Erstmal.  

Im Mai  wurden in Sibirien innerhalb des Polarkreises 30 Grad Celsius gemessen.  Und die EU beschloss ein 500 Milliarden schweres Wirtschafts-Soforthilfeprogramm, das erste von einer ganzen Reihe weiterer.  Die Wirtschaft soll alles wieder aufholen, so schnell wie möglich, und weiterwachsen, wohin auch immer. Der Permafrost taut. Die Lufthansa wird mit 9 Milliarden ´gerettet´ und fliegt mit vollbesetzten Flugzeugen auch wieder fleißig Inlandsflüge. Und Porsche fährt direkt nach der Kurzarbeit Sonderschichten. Versteh wer will.

Bill Gates schickt sich an die Welt zu retten. Ich weiß nicht wie hoch genau die Summe ist, aber er scheint bereit zu sein, ziemlich viel seines Reichtums in die Erforschung eines Impfstoffes zu stecken. Das soll ich jetzt wohl bewundern. Aber eigentlich finde ich es anmaßend. Abgesehen davon, dass ich solche Dimensionen von Reichtum fragwürdig finde, wäre es nicht an einer Einzelperson oder deren Stiftung, diese Forschung zu lenken, sondern an übergeordneten, möglichst globalen Institutionen. Die Uno mag überarbeitungsbedürftig sein, aber ich meine, sie ist unverzichtbar und braucht eher mehr, als weniger Einfluß. Es würde genügen, Bill Gates überwiese Geld, und wenn er dann schon dabei ist, könnt er auch gleich noch an das WorldFoodProgram überweisen. Dann müssten sie im Jemen nicht verhungern.

Das Virus ist noch fieser als gedacht. Es verändert sich rasch, und Antikörper nehmen anscheinend schnell ab. Und selbst wer symptom – oder komplikationslos infiziert war, kann  Schäden an Herz und Lunge zurückbehalten. Das ist fies!

In Brasilien juckt das die Regierung nicht. Die Indigenen werden vertrieben und der Regenwald brennt. Es gibt Konzepte für eine nachhaltige, intelligente Nutzung des Regenwaldes, aber das Interesse einiger am schnellen Geld ist größer. Bolsonaro ist ein Scheißkerl, ärger noch als Trump, und das will was heißen. In Griechenland sitzen unverändert viel zu dicht und elend Tausende in den Lagern fest, und im Mittelmeer ertrinken sie. Ich verliere den Überblick über die Katastrophen der Welt.

Familiengeld. Freilich, das kommt nicht ungelegen. Wir haben wie gewünscht selbst im Lockdown die Wirtschaft angekurbelt und mehr Geld ausgeben, als  eingenommen. Support your locals. Ich bräucht dies Familiengeld dennoch nicht. Ich meine, klar wird es irgendwie ausgegeben werden, und es wird der Familie zugutekommen. Aber würd es es nicht geben, dann würde es nicht fehlen.

Wieder so ein Gießkannending, damit keiner mault, es haben nur die anderen bekommen. Da, wo´s fehlt, fehlt mit und ohne. Und am Ende muss die Wirtschaft noch mehr brummen und kann man auf noch weniger Rücksicht nehmen, damit die Kohle wieder reinkommt.

Im großen Vergleich wirken solche Finanzbetrachtungen eh ganz anders. Wirecard ist insolvent, die Aktie im Keller, 2 Mrd. Luftbuchungen. ´Das könne noch Konsequenzen haben für die Szene der Finanzprüfer´, hieß es in den Nachrichten. Das Wort hallte in mir nach. Die Szene der Finanzprüfer. Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass es da eine Szene gab. Woran macht die sich fest? Woran erkennt man sich da? Was ist das Bindende, wo ist der Kick? Ich kenne Punks und Grufties, die erkennt man sofort; Rocker und Ökos ebenso. Das sieht man an Kleidung, Accessoires, an der Musik, an der Sprache. Aber Finanzprüfer? Was sind das für welche? Sehen die aus wie der blonde Hüne in Boxershorts mit der brünetten Schönheit im Arm, irgendwo – war´s Singapur? Das war ein Mitverantwortlicher bei diesen gigantischen Spekulationsverlusten vor einiger Zeit. ´Die Szene der Finanzprüfer´. Und ich hatte gedacht, das sei ein ganz normaler, bürgerlicher Beruf. Weiß da jemand was? Täte mich interessieren.

In der Familie wird Omas Achtzigster geplant und die Meinungen gehen weit auseinander, wie und ob er überhaupt gefeiert werden soll.  Ich bin dafür. Achtzig. Auf die Zahl ist sie voll stolz. Und sie feiert so gerne Geburtstag.

Wir sind froh, dass das Freibad wieder aufhat.  Das war lange herbeigesehnt; davon ging die Rede schon in Tagen, in denen Corona etwas war, das sich weit weg zutrug. Den ersten Besuch hätten wir auch bei Vollbewölkung und Nieselregen durchgezogen. Die Coronaregeln nehmen wir hin. Aber dann war das Wetter ganz passabel, und es war so wenig los, dass Abstandhalten kein Problem war. Nach ein paar Stunden war die Vertrautheit mit dem Wasser wieder so weit hergestellt, dass der Bub einen Sprung vom Einser wagen konnte. Das Mädel wäre auch gerne, getraute sich aber nicht, stand oben und rang mit sich, und ging wieder runter, und wieder rauf, stand und rang, und wieder runter,… Es war zu hoch, zu wackelig, das Becken zu tief, und ich durfte nicht am Rand mit drin sein. Das Schwimmerbecken nebenan war komplett leer. Es war kaum mehr ein Dutzend Badegäste auf dem Gelände. davon vier Kinder, die zu uns und einem befreundeten Haushalt gehörten. Ich dachte, vielleicht täte sie sich an den Startblöcken bei den Schwimmerbahnen leichter – die wackeln nicht, sind niederer, und ich kann im Becken nebendran sein. Ich rief zur Badeaufsicht, ob ich das ´Gesperrt´- Schild kurz wegnehmen könne. Das Einbahnstrassenschwimmen leuchtet mir ein, und da kann einem dann nicht einer vor die Nase hopsen, ganz klar. Aber es war kein Mensch mehr im Schwimmerbecken und keiner drum herum. Die Badeaufsicht rief ´Nein´ und kam herüber, ich fragte nochmal ´kann man nicht? – es ist keiner mehr da!´, er erklärte, das sei wegen Corona, und ich sagte, ich hätte die Dinger auch ohne Corona kaum je geöffnet gesehen, weder im Freibad noch im Hallenbad, (da waren wir schon ganz ähnlich auf dem Sprungbrett gestanden, hoch, runter, vor und zurück), und jetzt wären sie eventuell hilfreich. Er tue nur seine Arbeit! Klar Mann. War ja nicht als Anmache gemeint; war nur eine Frage, ein Nachhaken und ein Einwand. Muss man da gleich so angesäuert reagieren?  Die Leute sind dünnhäutig in diesen Tagen. Und so grob und wüst wie man auch miteinander auch allerorten umgegangen wird – selbst eine kleine unbedeutende Auseinandersetzung hält kaum jemand noch aus.

(Zur Ehrrettung des hiesigen Freibads sei hinzugefügt, dass wir jetzt noch mehrmals waren, auch bei 1a-Badewetter, als das Bad voll wurde und sämtliche Mitarbeiter mit den vielen Maßnahmen einen schweren Job hatten und das allesamt ganz prima machten, und dass sie es umso schwerer haben, je sorgloser sich die Badegäste benehmen.)

Diese Regel machte in diesem Moment keinen Sinn. Wenn er, der junge Mann von der Badeaufsicht,  da jetzt nachgäbe und das wiederum jemand sähe, dann stünde er in Erklärungsnot, wenn er beim nächsten Anfragen dagegen ´nein´ sage. Sagt er. Das kann ich schon verstehen, aber halt nicht ganz, denn selbstverständlich gehört es zu einer Regel dazu, dass sie unterschiedlich Anwendung findet, wo die Situationen sich unterscheiden, die sie berührt. Meine kleine Tochter geht als die Jüngere häufig früher ins Bett als der Große, der noch etwas aufbleiben darf. Neulich nachts bin ich bei Rot über die Fußgängerampel gegangen, weit und breit war kein Auto und auch das Trottoir war leer. Fast. Kam ein Typ und maulte ´bei Rot müsse man stehen, was gäbe ich denn für ein Beispiel ab´. „Sie sind erwachsen! Brauchen Sie noch immer gute Vorbilder im Straßenverkehr, damit Sie wissen, wann Gehen und wann Stehen?“ Ist doch wahr! Andauernd, im kleinen und im großen Leben, gibt es unterschiedliche Regelhandhabungen für dieselbe Angelegenheit, und das finde ich absolut logisch, ich nenne das Differenzieren. Wo ist das Problem? Es geht nicht ums disziplinierte Einhalten der Regel als oberste Tugend, es geht um deren Sinn.

„Gesunder Menschenverstand“ wird oft angemahnt, ich kann´s bald nicht mehr hören, und die, die ihn am Lautesten  verlangen, haben meist nur eine einzige Auslegung dafür und schieben alle Belange, die anderes nahelegen, konsequent beiseite. Vom gesunden Menschenverstand bleibt dann nur eine ziemliche Beschränktheit. Ich plädiere für ´Augenmaß´, das lässt eigenen Verstand zu, verschiedene Blickwinkel zu und verschiedene Auslegungen in den jeweiligen Situationen.

Ich schätze, das geht allen auch genauso mit diesen Coronaregeln  – mal hält man sich daran, mal nimmt man es entspannt. Ich ziehe öfter den Mundschutz auf als ich muss, aber manchmal halte ich nicht den Abstand. Das Leben kann nicht aus Abstand-halten bestehen. Ich wäge ständig ab. Und ich meine, das ist okay so. Das Thema bleibt präsent und in den Köpfen, aber im Übrigen begrenzen sich die ganz harten Regeln eben auch auf die Gegenden, in denen es zur Sache geht, auf die Hotspots.

Black Lives Matter. Natürlich tun sie das. Jedes Leben zählt. Deswegen geht auch jedes Leid jeden an. Deswegen ist es so wichtig, für alle faire Bedingungen und die Chance auf ein erfolgreiches Streben nach Glück zu schaffen. Und natürlich gibt es Rassismus auch in Deutschland und natürlich ist der in Streitkräften und bei der Polizei weiter verbreitet als im Rest der Bevölkerung. Das weiß man nicht erst seit George Floyd und den weltweiten Demos danach und seit dem Zwölf-Seiten-Brief aus dem KSK in Calw an die Verteidigungsministerin. Das ist seit Langem bekannt. Und natürlich ist das systemimmanent. Das ist so, weil Leute, die ein Faible für Autorität und hierarchische Strukturen haben, oft auch Uniformen und das Tragen von Insignien staatlicher Macht mögen. Macht ist geil, und noch geiler, wenn man sie ausspielen kann, und so ist, wo Macht ist, Machtmissbrauch oft nicht weit. Uniformen geben ein ´Wir´-Gefühl, und ´Recht und Ordnung´ liefert ein paar Feindbilder und so geht ´Wir´ gegen ´die´. Ich stelle mir das so gesehen ganz schlüssig und banal vor.

Man frage mal junge Migranten nach ihren Erfahrungen. Die haben nicht das Knie im Genick und werden nicht in Würgegriff genommen, aber jeder wird Geschichten erzählen können, in denen er sich aufgrund seines Fremd-seins schikaniert fühlte.

Nach der Randale in Stuttgart ist man fassungslos. Überwiegend junge Männer, viele mit Migrationshintergrund, prügeln, plündern und verwüsten die Stadt. „On des bei ons!“  – man reagiert geschockt. Ich verstehe dieses Geschockt-sein nach schweren Verbrechen oder Ausschreitungen nicht. ´SO was bei uns´. Hat da denn wer gedacht, Übel gäbe es stets nur anderswo? „Das war wie Krieg!“ sagten Polizisten. Kann ich mir vorstellen.  War auch die Altersgruppe, die man für gewöhnlich in den Krieg schickt. Anscheinend wähnten sie sich in einem. Kommt auch nicht von ungefähr. Und da jetzt zu viel Testosteron, zu viel Alkohol, Drogen, viel Frust und eine Portion Arschlochmäßigkeit – voilà. Ich will´s nicht relativieren, so geht’s natürlich nicht, aber man muss es auch nicht überbewerten. Ich schätze sehr, das war eine spontane Eskalation, die sich nicht wiederholt. Stattdessen wird nach noch mehr Härte gerufen. Ich weiß nicht, ob´s die richtet. Ich habe da Zweifel.

Deutschland ist jedenfalls nicht Amerika, wo die Unterscheidung nach Hautfarben sich durch alle Lebensbereiche zieht und Cops sich benehmen wie Straßengangster. Wundert eigentlich schon. Aber in Amerika waren von  Beginn an alle Auswanderer, von denen jeder einzelne sein Päckchen mitbrachte. Wem es gut geht und wer daheim glücklich ist, den zieht es nicht weg. Es gehen die, die an irgendwas verzweifeln, vor irgendwas abhauen, im Bleiben keine Chance sehen, sich einen Neuanfang anderswo aber zutrauen. So gesehen gründet Amerika auf Mut und einem Schuß Draufgängertum, aber auch auf viel Gewalt und Verzweiflung. Das ist offenbar geblieben. Die Vorfahren derer, die in USA am stärksten diskriminiert werden, kamen sowieso nicht freiwillig. Sklaverei ist nicht Migration. Heute machen diese Nachfahren  den Großteil der Strafgefangenen aus in dem Land mit den meisten Strafgefangenen der Welt. Und dort arbeiten sie in zum Teil privatisierten Gefängnissen und in diesen angeschlossenen Fabriken. Feudalherrschaft ist nicht viel anders. Natürlich kennt die Geschichte auch hierzulande Sklaverei. Aber der Rassismus hier hat ein anderes Gesicht. Schöner ist das allerdings auch nicht.

Ich würde das Wort ´Rasse´ aus den Wörterbüchern streichen. Ich finde das durchaus keine unnütze Diskussion. Es gibt keine Rassen, nicht bei Menschen, nicht bei Tieren. Im  Übrigen empfinde ich diese Diskussion zwar als wichtig, aber nicht als vorrangig, nicht in dem Maß, dass sie die Frage verdrängt, wie es nach und mit Corona weitergeht,  im Ländle, im Staat, im Staatenbund. Wie und wohin. Dass wir unser Verhältnis zur Umwelt und allem, was darin lebt, ändern müssen, steht eh außer Frage.

Ein neues Kohlekraftwerk ist trotz Kohleausstieg in Betrieb gegangen. Ein großer Wald wird gefällt für eine neue Autobahn. Nach der großen Zäsur kommt jetzt ´weiter so´, weiter so, wie es nie richtig war. Und ich und viele, die ich kenne, fragen sich, wann da mal ein Umdenken kommt, wann sie durchschlägt, die Zäsur.

1500 Infektionen bei Toennies. Die in Quarantäne sollten, sind massenhaft abgehauen. Verständlich, aber scheiße. Bei Toennies ist Mensch und Vieh egal und vieles andere auch. Toennies ist in den Cum-Ex-Betrug verwickelt, war wegen Kartellabsprachen zu einer Millionenstrafe verurteilt und hat sich dieser durch ein Ändern der Betriebsstruktur entzogen, hat ein rassistisch geprägtes Weltbild und interessiert sich außer für Fußball nur für den eigenen Vorteil. Das wusste man auch vorher schon. Jetzt dieser Ausbruch – auch das darf eigentlich keinen wundern – Mensch und Tier unter elenden Bedingungen massenhaft dicht an dicht, das ist wie Ursache und Wirkung in einem.

Einen Fleischpfennig soll es geben und Werkverträge sollen verboten werden. Das wird wohl nicht so einfach sein; das ist schließlich auch EU-rechtlich geregelt. Außerdem frage ich mich, ob das die Lösung allen Übels ist.  Toennies wird andere Schlupflöcher finden, der ist ja nicht gewillt grundlegend was zu ändern im Geschäftsmodell; genauso unterstelle ich dem Fleischpfennig, dass er kaum dem Fleisch-gebenden Wesen zugutekommen wird.   

Es braucht nicht neue Regeln. Es braucht eine neue Haltung. Ausbeutung geht nicht, nicht von Menschen, nicht von Tieren, nicht von der Natur. Die Erde ist keine Beute. Jeder Sau ein Recht auf Tageslicht, jedem Rindvieh seine Würde.  Und allem einen fairen Preis. Mindestlohn für alle, egal woher jemand kommt, auch Arbeitsschutzgesetzte gelten für alle gleich, und für die Frage, wie viel Quadratmeter jemandem zustehen, gibt es ebenfalls gesetzliche Vorgaben. Das muss man nur  durchsetzen wollen. Unser Problem heißt nicht so sehr Rassismus, unser Problem heißt Feigheit. Die Freizügigkeit im Regelauslegen wird ja durchaus auch im großen Stil praktiziert, und zwar so, dass ganze Regelwerke karikiert werden. Mietwucher ist verboten. Tierquälerei auch. Weshalb also geschah in der Vergangenheit nichts? In einem Betrieb haftet der Chef,  für Verfehlungen von Subunternehmen haftet deren Auftraggeber. Der nordrheinwestfälische Ministerpräsident hat den Behörden in Gütersloh gedankt für ihren großartigen Einsatz. Ich möchte wissen wofür.

Ich habe einen Artikel gelesen in der ´Zeit´ über Stadtplanung nach Corona.

https://www.zeit.de/2020-06/zukunft-stadt-verkehr-bueros-laeden-veraenderungen-coronavirus

Wo kein Laden mehr reinwill, kann wer wohnen. Das belebt die Innenstädte genauso und nachhaltig und krisensicherer.  Außerdem machen im Umfeld neuer Bewohner neue Läden auf. (Ich wäre sehr für einen Kinder-Second-Hand-Laden. Uns fehlen die Flohmärkte.) Das gäbe nicht wenig neuen Wohnraum, was den Flächenverbrauch drum herum verringert. In Berlin werden Straßen gesperrt und temporär zu Spielstrassen. Dann kommt  der Kiezbeauftragte und öffnet die Hydranten oder schließt den Schlauch am  Brunnen an.  Man stelle sich vor. Wasserrutschen in der oberen Hauptstrasse. Und im Winter, sollte es mal halbwegs gehen, schlittenfahren vom Schwarzen Tor bis runter in die Au. Das wäre ein Spaß! Und cool obendrein. Dann noch Bäume in der Stadt gepflanzt und begrünt, was zu begrünen geht – wer sehnte sich da noch nach dem Einfamilienhaus am Stadtrand.

 „Zäsur!“. Das Jahr begann mit diesem Wort. Ich warte noch immer darauf, dass man sie angeht.

Ein Recht auf Nichtstun

Es ist trüb und kühl, und nichts zieht mich hinaus. Es gibt Unmengen von Zeitungsartikeln und Websites, die ich noch lesen wollte. Aber der Computer bleibt aus. Das Elend der Welt – heute ohne mich. Meine To-do-Listen liegen überall drunter und drüber geschoben verteilt. Sie sind immer zu lang. Nie schaffe ich alles darauf zu erledigen, und also habe ich ewig das Gefühl zu wenig geschafft zu haben. Sie nerven und sie stressen. Trotzdem schreibe ich sie fleißig weiter. Heute allerdings jucken sie nicht die Bohne. Ich stromere durch die Wohnung und weiß nicht recht, was tun. Ich könnte einen Brief schreiben, oder telefonieren. Kurz überlege ich, wie viel Uhr wo ist. Irgendwo passt´s immer. Aber auch dazu fehlt mir beim zweiten Gedanken der Elan. Ich könnte Fotos sortieren und in Alben kleben, mein Blick fällt auf die Gitarre, die in der Ecke verstaubt. Entstauben und spielen wäre eine Möglichkeit. Ich könnte einen Film sehen und die Stulpen fertigstricken. Ich gehe im Geist Schubladeninhalte durch und öffne Kisten und Dosen. Keiner der Inhalte lockt. Am Ende bleibe ich im Sessel unter der Decke und schaue die Wand an. Der Kater gesellt sich zu mir.  Beim meditativen Abhängen ist er sofort dabei. Überhaupt ist er stets bewundernswert bei sich, ganz und gar konzentriert im Hier und Jetzt und sich des einen Körpers so bewusst, wie ich das nur beim Schwimmen bin, oder beim Tanzen. Oder bei – ach lass das.  Schließlich nehme ich ein Buch zur Hand.

Lesen. Es ist lange her, dass ich ein Buch in einem Rutsch von Anfang bis Ende durchgelesen habe. Der Kopf ist immer voll mit eigenem. Ich habe vergessen, wie schön das ist. Nicht denken, nicht überlegen, sich dem Kopfkino hingeben. Es dämmert, es wird dunkel. Ich mache die Stehlampe an und lese weiter. Am Ende des Buches hat sich mein Puls verlangsamt und der Punkt hinterm letzten Satz ist auch ein Punkt hinter so manchem eigenen Vorhaben, das sich an diesem Tag hat anschicken wollen, mir die Ruhe zu rauben. Die Protagonistin ist gerettet und ich bin es auch. Das Ziel des Tages hieß ´Ruhe und Frieden´, es ist erreicht.

Das war ein guter Tag. Das mache ich wieder! Bald! Bestimmt!

Ich verlange ein Recht auf Nichtstun! Ich würde es nicht täglich geltend machen, aber manchmal. An Tagen wie diesem.

Das bedingungslose Grundeinkommen fällt mir wieder ein. Ich stelle mir vor, das würde so viel Dampf rausnehmen. Der ganze Fortschritt – war er nicht dazu gedacht, es den Menschen leichter zu machen? Die Technisierung – damit sie sich untern Baum setzen und Gedichte schreiben oder Bilder malen oder Lieder singen oder Bücher lesen können. Whatever. Ich stelle es mir in einer Höhe vor, die es erlaubt zu teilen. Es war immer die Rede davon, es müsse jeder ´teilhaben´ können. Aber ich frage mich – woran eigentlich? Natürlich kann nicht jeder an allem teilnehmen. Muss auch nicht sein. Ich habe Erfahrung damit – ich habe Erfahrung wie das ist als EmpfängerIn von Transferleistungen. Das Budget ist ewig Unterkante. Und es gibt ziemlich viel, das wir uns nicht leisten können. Aber auch ziemlich viel, das trotzdem geht, das auch gar nicht viel kostet. Mindestens so wichtig wie teilhaben ist, teilen zu können. Wer abgeben kann, ist selbst zufriedener.  

Ich habe Bilder vom Jemen gesehen – wunderschöne Städte, Fassaden wie Märchenpaläste, und Bergketten, die vor Ehrfurcht verstummen lassen. Und dann Bilder, die mir Tränen in die Augen treiben. Körper zu Skeletten abgemagert. Ich verstehe nicht, wie das geschehen kann, wie in einer Welt, in der täglich Millionen Tonnen um die Welt geschippert und geflogen werden, ein Land so dem Hungertod ausgesetzt werden kann.

Ich mache den Computer an und suche die Seite, die ich neulich gesehen habe. Ich finde etliche; ein paar Mausklicks, und ich habe gespendet. Ich weiß, dass das die Welt nicht rettet und auch nicht den Jemen. Ich habe keine Ahnung, was von den 50 Euro als Mahlzeit dort ankommt. Und sowieso kann ich den Krieg dort nicht stoppen. Ich kann die Rüstungsexporte nicht verhindern. Ich würde gern. Ich würde gerne jedem Beschäftigten bei Mauser und Hekler und Koch ein bedingungsloses Grundeinkommen zukommen lassen und dafür die Fabriken schließen. Aber das wird nicht geschehen. Zu vielen ist genug eben nicht genug. Mein Spenden ist reine Hilflosigkeit, das weiß ich wohl. Trotzdem.  Ich will nicht vergessen und will den Glauben an das Gute im Menschen nicht verlieren.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen. Inklusive einem Recht auf Nichtstun. Das wär´s. Ja, ich höre die Stimmen – ´Träumerei´, ´Gutmenschentum´, ´Naivität´. Und das sind noch die freundlichen Begriffe. ´Faulheit´ käme bestimmt auch. Vielleicht haben sie Recht. Vielleicht ist es absurd. Aber immerhin nicht absurder als der Traum vom ewigen Wachstum und ewigen ´mehr´. Und auch nicht absurder als der Gedanke, dass Schaffen immer besser ist.

Übers Streiten, über Nachsicht

und über gute Laune

Es wird wieder gestritten. Nach dem kurzen Schock des Lockdowns im März, als von jetzt auf gleich alles zu hatte und jeder verdattert zuhause saß, wird also wieder gestritten.

Ging mir auch privat so, weswegen ich demnächst in den Pfingstferien ein Date für einen Versöhnungsspaziergang habe. Ein Konflikt, der schon lange schwelte, ist im Zusammenhang mit dem unterschiedlichen Umgang mit Coronaregeln richtig aufgebrochen. Nun denn. Ich weiß, wie ich reingekommen bin, ich komm auch wieder raus – Hand reichen, drüber reden, nicht unbedingt übernehmen, aber wenigstens verstehen. Irgendeinen Zugang gibt´s immer. Ich freu mich aufs Versöhnen, (Mindestabstand wird eingehalten – naja, vielleicht ein kleines Umarmen, aber ohne Austausch irgendwelcher Tröpfchen). Außerdem ist immer hilfreich, ich führe mir – günstig ist, mein Gegenüber tut dasselbe – vor Augen, dass zwar jeder jederzeit und zu allem seine Meinung und seinen Standpunkt kundtun kann und darf, dass der aber nicht immer zum Tragen kommt. Manchmal gibt es gute, bessere Gründe, einem anderen Standpunkt den Vorzug zu geben. Es kann sogar geschehen, dass, wo die Sachlage das nahelegt und die Gegensätze der Haltungen weit auseinanderreichen, dass ich da also häufig zurückstehen muss mit meiner Meinung. Sei´s drum. Auch nachgeben will gekonnt sein, und mein Selbstverständnis hängt ja nun nicht  – das wäre traurig –  an der Erwartung, mich stets durchsetzen zu müssen.

Und gestritten wird auch auf der großen, öffentlichen Bühne. Und wie. Zurück zu ´normal´ ist halt auch schnell ´zurück zum alten Irrsinn´. In der Politik das übliche Geschacher und Geschiebe und Veränderung ohne Veränderung. Auf der Bühne nebenan geht es um den Protest dagegen, aber vielfach gar nicht ums Streiten – nicht um einen Konflikt, für den man eine Lösung sucht – sondern um die bloße Vorherrschaft, ums Hauen und Stechen und darum, dem Gegner eins auszuwischen. Und das gibt es so auf dem Land im Schwäbischen wie auch am Sitz des mächtigsten Mannes der Welt, im Weißen Haus. Das ist ein Elend, ob dem ich bisweilen an der Welt verzweifeln könnte. Wo kommt nur all diese Wut her, die einen daraus anschreit? Haben die so schlechte Erfahrungen mit Liebe gemacht? Oder einfach nicht genug? Aber die Wut ausgerechnet von Leuten, die durchaus – zumindest sieht das für mich so aus – genauso viele Gründe hätten, frohgemut und zufrieden zu sein, wie offenbar welche wütend zu sein. Es wüten ja durchaus nicht die ärmsten Säcke unter der Sonne, sondern die, die halt doch eher auf der privilegierten Seite des Daseins hocken. Vielleicht ist es das – ob sie das nun wissen oder nicht – wie privilegiert sie sind – sie leiden unter Verlustängsten, unter fürchterlichsten Verlustängsten. Und Angst macht wütend. Das tut mir leid, aber helfen lassen sie sich auch nicht. Helfen lassen würden sie sich nur auf eine einzige Art und Weise – mehr! Gegen die Angst gegen ´weniger´ hilft nur ´mehr´. Das ist tragisch. Und ziemlich kacke ist, dass Wut sich gerne jemanden sucht, an dem sie sich auslassen kann. Daher dies ewige Hetzen und Sticheln und Stänkern und Treten in alle Richtungen. Nun denn. Es ist nicht meine Wut, und ich nehme sie auch nicht an. Ich hoffe, es ist auch nicht die Ihre. Das kränkt sie wieder, die Wütenden, und macht sie umso wütender.

Ich sag ja – es ist ein Elend.

Wut ist ein Scheiß-Gefühl. Gut drauf sein kann man damit, aber es ist ein zynisches Gut-drauf-sein, ein giftiges, und lebensfrohe, sprühende Freude wird nicht daraus.

Wo es weniger wütend ist, sondern themenbezogen und konkret wird, gehen den Einen die Lockerungen nicht schnell und weit genug, manche verlangen umfassenden Wegfall, anderen gehen sie viel zu schnell, oder es geht um mehr Geld hier, mehr Unterstützung da  – gute Gründe haben alle. Und ich sitz noch immer im Hof,  und es zieht mich nicht hinaus, jedenfalls nicht auf die Straße. Berge wären schön; oben ist, was unten so schwer lastet, leicht und klein. Das wäre jetzt genau das Richtige. Aber für das, wofür es mich auf die Straße ziehen könnte – dafür, die richtigen Schlüsse aus dieser Krise namens Corona zu ziehen – dafür scheint die Straße gerade nicht der richtige Ort zu sein, allen Lockerungen und niedrigen Reproduktionszahlen zum Trotz.   

Ich will weiter innehalten. Ich will nicht antreiben. Ich will besser und länger innehalten. Ich will, wenn, dann anders wieder anfangen, wohlüberlegt und mit nachhaltigem Plan. Jedenfalls in diese Richtung sollte es gehen. Wo gelockert wird, da soll´s mir recht sein. Aber dies hitzige Antreiben, diese Ungeduld, nur, damit man da weitermachen kann, wo man aufgehört hat und die Suppe möglichst noch schneller hochkocht, das will ich nicht. 

Ungewöhnliche Zeiten bringen ungewöhnliche Erfahrungen mit sich, und selbst üble Begebenheiten entwickeln ihr Gutes. So empfanden in der erzwungenen Pause viele auch als durchaus angenehm, dass der Fuß mal vom Gas ging. Dass es einen kurzen Moment der Stille gab, in denen sich eine Zäsur erahnen ließ, eine epochale, globale Zäsur; es war eine Stille, in der bewusst wurde, was so alles schief läuft auf dem Planeten.

Das fand ich gut. Leider ging sie schnell vorbei.

Wir Menschen nehmen der Natur zu viel weg. Das haben wir vorher schon gewusst, nur haben sich jetzt mal alle kollektiv gleich verletzlich gefühlt.

Ich schätze mal, dass es schwer ist, in diesen Tagen zu regieren. So viele Konflikte, so viele Krisen und Brennpunkte, auf so vielen Ebenen. Und dann ist so ein Virus auch für Berufspolitiker eine noch nie dagewesene Aufgabe und Herausforderung. So viel so schnell so sehr zu ändern und anzupassen – da will ich gerade nicht tauschen. Und dann will man noch wiedergewählt werden –

Protestieren ist leichter. Das diskreditiert es nicht, aber erwähnt darf es sein.

Gemeinsam Wege finden – darum würd´s gehen.

Gründe zu protestieren gab´s und gibt´s genug. Auch ohne Corona. Und auch ohne Corona war spürbar, dass in der öffentlichen Debatte hierzulande etwas fehlt/e. Das trat nun halt deutlicher zutage. Und außerdem kamen mit Corona ein paar Gründe dazu –  die Beschränkungen, die Hilfen – wer wo und wieviel – und wer übernimmt welche Aufgabe, und wie. Und wie protestiert man gegen all das.

Es gibt keine Rubrik ´öffentliche Debatten´ und ´Protest´ im Seuchenschutzgesetz. Und das Internet reicht nicht und ist dafür auch nicht unbedingt geeignet. Eine findige, lebendige Debattenkultur hätte es schaffen können. So wie Bäcker aus Latten und Schneeschippen spontan ´Drive thru´s bastelten, das eigene Schaffen der neuen Lage angepasst, so hätte es auch ein neu geschaffenes Forum für eine öffentliche Debatte geben können, das über die üblichen klassischen Medien und Formate und social medias hinausgeht und das nicht so leicht zu vereinnahmen ist.

Ich hätte mir eine Art Podiumsdiskussionen vorstellen können, mit Zuhörerbeteiligung, eine Diskussion, an der Leute mit sämtlichen verschiedenen Anliegen und Positionen teilnehmen, jeder, der seine Situation, sein Anliegen, seinen Standpunkt klar formulieren kann und vortragen will und der sich an die Spielregeln hält.  Moderiert, auf lokaler oder überregionaler Ebene, indoor oder outdoor, wo immer es passt, wo sonst demonstriert wird, mit begrenzter Zuschauerzahl und ausreichend Abstand, und wenn von überregionalem Interesse zur besten Sendezeit gesendet und gestreamt in alle Kanäle und Plattformen.

Sonntagsumfragen hätte es geben können zu Detaillösungen. (Es gab sie in Zeitungen. Aber die hat ja auch nicht jeder abonniert). Die Entscheidungen, die dann folgen, müssten, wie auch immer sie den Umfragen dann Rechnung tragen und ob überhaupt, sich besser rechtfertigen und wichtiger als das – diese Begründungen würden vielleicht auch von denen, die anders votierten, zur Kenntnis genommen.

Nur so ne Idee.

Erklärt worden ist ja viel; Zahlen und Kurven und Eigenwille und Reproduktionsriten eines Virus. Aber Erklären ist so wenig automatisch ein Sich-auseinandersetzen wie Protestieren. In der Erklärung fehlen die Fürs und Widers des Abwägens. Protestieren geht sowieso ohne.

Im Auseinandersetzen lassen verschiedene Haltungen sich aufeinander ein und suchen Wege der Verständigung. Und das wie im Sport mit Regeln – es geht schließlich nicht ums Plattmachen, auch nicht, wo man´s ganz leicht könnte wie im Kampfsport. Es muss nicht bis zum bittren Ende gehen. Man kann´s auch gut sein lassen.

Und da hängt´s, an den Regeln, am Fairplay.

Vielleicht kann man zu Recht beklagen, Regierung und Entscheider führten keine Auseinandersetzung auf Augenhöhe, bestimmten zu sehr von oben herab und versagten Respekt. Mag sein. Aber man macht es nicht besser, indem man es schlechter macht.

So ist es  unfair, ´Lüge´ zu schreien bei allem, was nicht ins Bild passt und allem, womit man sich nicht befassen will. Und unfair ist auch, Worte zu verdrehen und Köpfe zu verwirren und den anderen mit demselben Dreck zu bewerfen, in dem man selbst badet. Unfair ist ebenso, und das finde ich übel und obermies, wenn in einem Konflikt die Einen die Anderen vor sich her treiben. Das geschieht oft. In allen Konflikten und Krisen – und auch die sind nicht selten – sind es dieselben, die auf den Karren aufspringen und anheizen, was das Zeug hält. Hier war es nur sehr deutlich: ich hätte dieses Aufheizen inmitten des Corona-Chaos – und wenn sich so schnell, so stark, so viel verändert, dann ist das immer auch mit einem Quantum Chaos verbunden – ich hätte dies Aufheizen nicht gebraucht. Es war weniger das Demonstrieren an sich – die kleinen Demos im Städtle, mit 150 Leuten am Abstandsbändel, die waren´s  nicht – es war das Vereinnahmen der Proteste durch eine Minderheit, der es um ganz anderes ging und geht, und die zwar an Zahlen unterlegen, aber an Organisation und Reden maßgeblich war. Und es war außerdem der Versuch der Masse, der, und das war klar, in diesen Tagen einigermaßen unpassend ist und zwar perfekt als Provokation taugt, aber nicht als Weg der Auseinandersetzung. Provokation rüttelt auf, das ist, was sie kann. Das ist, wozu sie gut ist. Sie klärt und sie löst nicht. Dies sollte, wenn das Provozieren sich nicht nur selbst genügen will, allerdings schon darauf folgen.

Außerdem ist Demonstrieren und Provozieren nicht dasselbe. Man kann sehr gut seinem Protest Ausdruck verleihen ohne Feindseligkeit zu schüren. Natürlich kann und konnte man gegen die Bestimmungen sein. Aber mir zeigt sich jeden Tag, wie temporär sie sind. Das Graß wächst nicht schneller, wenn man dran zieht. Ich empfinde den Protest in der gegenwärtigen Form so wenig verhältnismäßig wie die Regeln, gegen die er sich richtet.

In einer fairen Auseinandersetzung bestimmen die Protagonisten  gemeinsam Zeit, Ort und Form des Disputs; das Thema ist den Streit wert, es ist klar benannt, vorgetragene Fakten und Zahlen können belegt werden, und jeder bringt die Bereitschaft mit, sich komplex auseinanderzusetzen und einen Konsens zu finden, selbst da, wo es unterschiedliche Vorstellungen davon gibt, für wen alles der Konsens gut sein soll, ob auf kleinster regionaler, nationaler, oder international sich verpflichtet fühlender Ebene. Von mir aus kann auch der Leugner mit am Tisch sitzen, aber wenn es um Lösungswege aus einer Krise geht, ist er halt wenig gefragt. Wer die Krise leugnet, hat auch keine Lösung dafür. Dann ist das Gespräch mit diesem Gesprächspartner eben schnell vorbei. Ähnlich verhält es sich mit dem Verschwörungserzähler. Der ist an einem anderen Thema. Die Lösungsideen aus der esoterischen Ecke, auf die hätte ich mich allerdings gefreut.

Fairplay. „Wenn ihr´s nicht fühlt, ihr werdet´s nicht erjagen“, (Goethe).

Mir ist gerade nicht nach Protest. Es gäbe viel, unendlich viel, ich weiß gar nicht wo anfangen – Protest dagegen, dass die Autoindustrie, die seit Jahrzehnten weiß, dass der Individualverkehr so nicht weiterwachsen kann, Abwrack- und/oder Kaufprämien will. Dagegen, dass sie einen so willigen Helfer im Verkehrsminister haben, der an diesem Punkt auf Experten pfeift und macht, was den Lieblingsfirmen das Liebste ist. Ich würde protestieren dafür, dass Nachhaltigkeit auch wirklich nachhaltig ist und Politik nicht so sehr nach Lobbyarbeit riecht. Ich will, dass weniger geflogen wird und kein Plastik ins Meer kommt. Ich will, dass die Fleischproduktion keine Industrie ist und die Agrarindustrie wieder Landwirtschaft betreibt. Ich will, dass weniger Pestizide versprüht werden und der Lebensraum selbst der winzigsten Tiere so geschützt wird wie die eigene Hütte. Ich will die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens und ein Wirtschaftssystem, das nachhaltig funktioniert,  und ich will eine gerechte Verteilung  des Reichtums der Welt und dass jedem lebenden Wesen ein Recht auf Streben nach Glück zugestanden wird und keines einfach die Arschkarte zugeschoben bekommt… ich will ganz viel…ich will, dass der gute Gedanke, die gute Idee, das, wofür alle stehen, worauf alle vertrauen, die überhaupt bereit sind zu vertrauen, dass der besser spürbar ist.

Ich will Rücksicht und Nachsicht. Staatlich verordnete Nachsicht, von oben nach unten und unten nach oben und von rechts nach links und andersherum, und die jetzt und so lange wie diese Krise reicht, und als zu Ende gilt sie erst, wenn die letzte Plexischeibe wieder abgehängt ist und es keine Einschränkungen für Umarmungen mehr gibt, und die Nachsicht gilt noch Jahre darüber hinaus, weil so lange die Nachwirkungen mindestens dauern. Nachsicht beim Anträge bearbeiten, die dann eher ´zugunsten´ bearbeitet werden als mit maximaler Kleinlichkeit aus Angst, es könnte dem hinterm Schreibtisch ein Versäumnis angelastet werden. Nachsicht gegenüber diesen Versäumnissen.

Nachsicht und Großmut, und Spielraum lassen zur Eigenverantwortung.  Es gibt einen juristischen Begriff, ich habe ihn leider vergessen und konnte ihn auch nicht wiederfinden, der in etwa besagt, dass eine Regel im Sinn gilt, auch da, wo sie nicht wortgetreu wiedergegeben ist. Der Zusammenhang war ein anderer, aber mir würde so eine Klausel gut gefallen: Wer sein Handeln gut begründen kann und im Sinne der Idee des geltenden Gemeinwohls agiert, hat nichts Schlimmes zu befürchten. Die Regel dient dem Menschen, nicht der Mensch der Regel.

Natürlich wird keiner gegen seinen Willen geimpft und keinem, der einen auch nur annähernd nachvollziehbaren Wunsch hat, getestet zu werden, wird der Test vorenthalten. Und keiner wird ´abgehängt´. Schon das Wort regt mich auf. ´Viele Schüler seien im homeschooling bereits abgehängt´. Dies Homeschooling war und ist eine Notlösung, kein von einer Gesellschaft und einer Familie beschlossener Bildungsweg, für den man im Moment der Entscheidung bereits Mittel, Wege und Strukturen hat, und es stehen weder Eltern am Pranger, die nicht zum Lehrer taugen und das auch nie behauptet haben, noch dürfen die Kinder einen Nachteil daraus haben. Wer abgehängt ist, wird wieder angehängt, basta. In den Schulen gibt´s für so was Personal, die haben das studiert, die können das, und wo eins halt partout nicht mitkommt, da bugsiert man es mit Nachsicht einen Schritt weiter – wird schon für jedes einen Weg geben. Nachsicht auch für den Herrn in Zeitvertrag und Kurzarbeit, dessen zwei-Jahres-Vertrag ausläuft und der wieder mal auf Stellensuche ist und sich die Hacken abläuft und kurz vor der Rente auch nicht anfangen will sein Online-Gebaren aufzurüsten und der noch nicht mal eine Email hat. Gebe man dem Mann ein Einkommen, mit dem er es aushalten kann. Schaffen will er sowieso – tut er es halt freiwillig und ehrenamtlich – hat auch jeder was davon. Aus dem ´Fördern und Fordern´ , ein Satz, der beileibe nicht nur für HartzIV-Bezieher gilt, das Fordern zurücknehmen, weil das in einer Zeit, in der es ohnehin um weniger statt mehr gehen muss, deplatziert ist und als bloßer Druck um des Drucks Willen rüberkommt, zu jemand anderes Vorteil und Gewinn. Seien wir nicht so kleinlich, seien wir großmütig und nachsichtig, dann fühlt sich auch jeder besser aufgehoben und kann vertrauen. Wer dann noch schreit und wütend sein will, herrje, der ist es halt. Irgendwann ist die Hebamme nicht mehr schuld. Irgendwann ist es an einem selbst.  Nicht das Problem der Welt.

Nachsicht und Großmut. Davon träume ich.

Amerika zeigt uns grad ein hässliches Gesicht und ich will mich mit Schaudern abwenden. Aber dann fällt mir ein, wie nett und liebenswert fast sämtliche AmerikanerInnen waren, die ich traf, wie großmütig und frohgemut. Wie ich sie beneidet habe um ihre Leichtigkeit im Dasein. (Es sind – das sei dazu gesagt, aber alles Leute eher aus der Fraktion der Obamafreunde). Wenn wir uns alle nicht so megaschwer und wichtig nähmen, dann wäre auch manches leichter. Einfach nicht so  garstig und kleinlich drauf sein. Über sich lachen und sich bescheiden können, dem andern auch was gönnen. Die Dinge ernst, aber nicht zu schwer nehmen. Veränderungen wagen.  SO will ich aus dieser Krise rausgehen. Und ich glaube, das tu ich auch einfach.

Yes we can

Widerstand

Gegen wen oder was eigentlich?

Ich gebe zu – und das hätte ich nicht für möglich gehalten – mich irritieren diese Demobilder und die vielen Parolen. Ich habe durchaus ein Herz fürs Demonstrieren wie überhaupt für alle, die den freien Diskurs lieben und Regeln in Frage stellen, zumal solche, die aufs Wohlbefinden drücken. Aber dies irritiert mich. Und ich habe nicht den Eindruck, die Demos wären in dieser Form meiner, unserer, irgendeines Menschen Freiheit und Wohlbefinden zuträglich.

Gegen wen geht’s eigentlich? Es ist ja nun nicht von der Hand zu weisen, dass da ein aggressives Virus unterwegs ist, das die Power hat – wo es geballt auftritt  und die Virenlast hoch genug ist – reihenweise niederzustrecken und das sich dann eben auch nicht an Alte und Schwache hält, (die man auch nicht einfach so preisgibt), sondern auch an Ärzte und Krankenschwestern und – pfleger und an alle, die der geballten Ladung ausgesetzt sind. Und wo das so ist, will man nicht sein. Das ist eine Situation, die niemand ernsthaft wünschen kann. Dagegen werden Vorsichts – und Schutzmaßnahmen ergriffen. Völlig logisch.

Man kann darüber streiten, wie genau die aussehen sollen, aber generell die Notwendigkeit in Zweifel zu ziehen, scheint mir schon sehr absurd. Natürlich nimmt diese Seuche keinen Verlauf wie die Pest im 14. Jahrhundert. Wir haben eine ganz andere Situation als damals. Und natürlich sterben nicht so viele wie an der spanischen Grippe. Wir haben nicht gerade erst einen Weltkrieg überlebt und sind von vornherein geschwächt. Und selbst die armen Staaten, in denen Abstandhalten mitunter schwer ist und wo die Gesundheitssysteme schon in normalen Zeiten schlecht funktionieren, sind heute vorgewarnt und reagieren schneller als man es zu den Zeiten tat, als solche Plagen aus heiterem Himmel zu kommen schienen und plötzlich da waren, und WENN sie dann da waren, sich bereits ausgebreitet hatten. (Während der Pest hat man auch social distancing betrieben, nur anders. Man hat die Häuser der Infizierten zugemauert. Und Eltern ließen ihre kranken Kinder im Stich, die dann weniger an der Pest starben – die man mit robuster Natur und guter Pflege durchaus hat überleben können – sondern an mangelnder Versorgung). Dass nun also nicht die Apokalypse über uns hereinbricht, ist Folge unserer besseren Konstitution UND der Vorsichtsmaßnahmen. Das bringt sie doch nicht in Misskredit! Wie widersinnig! Mir leuchtet dies Abstandhalten vollkommen ein. Ich find´s scheiße, aber es leuchtet mir ein.

Eine Freundin entrüstet sich; sie versteht nicht, wie alle das so leichtgläubig hinnehmen – das Vorhandensein des Virus und die Maßnahmen dagegen. Und ich verstehe sie nicht. Was ist es denn, das ich – anscheinend also naiv bis dumm – glaube, aber nicht glauben soll? Den Leuten wird nicht Lachgas verabreicht, und sie sterben nicht am Dreck unter den Nägeln; ihre Krankheit heißt Corona, das geht auf die Lunge, und es ist ein neuer Virus, den die Welt noch nicht kennt. Wo soll da jetzt eine Leichtgläubigkeit sein? Ich brauche nicht höhere Infektionskurven und mehr Massengräber um zu glauben. Plagen kommen und gehen, das ist ja nun nicht neu. Grad ist eine! Man kann sie Plage nennen, oder Seuche, oder Tuttifrutti, ganz egal – da ist etwas da, das vorher nicht da war, und das aggressiv ist, das man besser in den Griff bekommt.  

Heute  erst habe ich im Radio einen Mann gehört, der auf einer Demo war und sich gekränkt fühlt, weil er sich mit allerhand Radikalen und Tunichtguten in einen Topf geworfen sieht. Das ist er selbst nicht, ihm geht es um seine Rechte. Okay. Verstehe ich. Ich würde trotzdem nicht auf eine Demo zusammen mit Rechten gehen, und auch nicht mit Verschwörungserzählern und sonstigen Hetzern. Mit der Afd gemeinsam für die Wahrung des Grundgesetztes. Ha! Das ist doch ein schlechter Witz! Die sind einfach überall dabei, wo es was aufzumischen gibt. Wie will er sich denn distanzieren? Die zählen ihn dazu und so läuft die Nummer. Wenn es ihm so wichtig ist, dann muss er es anders machen. Ich würde versuchen mein Anliegen abzukoppeln und explizit und ohne Themen zu mischen anzugeben, WOGEGEN ich denn bin, bzw WAS ich fordere, und ich würde nicht auf massenhaftes Auftreten setzen, sondern auf Klarheit, und auf offene Ansprache ohne Feindbilder.

Ich für meinen Teil finde dies ewige Gekränkt-sein ja kindisch – selbst mit der Faust auf den Tisch hauen, aber heulen, wenn wer schimpft. Ich finde übrigens auch nicht sehr nett, als dumm und naiv zu gelten, wenn ich den Ausführungen eines Virologen folge und Vertrauen in die Politik hege. Und diese Diffamierung höre ich auch nicht eben selten, eben auch von mir nahen Leuten, denen es auch nur um ihre Rechte geht und darum, ´dass man sich wundern muss, dass da alle einfach so mitmachen´.

´Einfach´ ist´s nicht. Ganz und gar nicht. Aber wenn 98 Ärzte eine Meinung vertreten und zwei eine andere, dann bin ich in der Tat erstmal geneigt, den 98 Glauben zu schenken und mir die zwei anderen genau anzusehen.

Und dann immer dies „Wir sind das Volk“ – Gedöns. Man kann´s ja nicht mehr hören. Ich find´s auch anmaßend, dass ein paar Wirrköpfe alle für sich einnehmen . Da schließt mich jemand mit ein, dessen Haltung ich nicht teile. Das sind dieselben, die auch auf Pegida-Demos schreien. Das sind die Stimmen der Rechten. Die gröhlen immer jeweils die Parolen, die zum Anlaß passen. „Ausländer raus“ passt nicht, „Wir sind das Volk“ passt immer. Gehen tut es aber letztlich um die Macht – und Gewaltfantasien einer Horde emotional gestörter Narzisten.  „Wir sind das Volk“; hör mir auf.

Ich denke überdies, dass die meisten Leute im Land – die sich vielleicht weniger als Volk denn als Bevölkerung sehen – durchaus die allgemeine Strategie mittragen, vielleicht ungern, vielleicht knirschend, vielleicht auch flexibel, aber im Wesentlichen und Grundsätzlichen eben doch.

Ich kann diese Feindseligkeit nicht leiden. Immerzu muss es gegen irgendwen gehen.  ´Zusammen´ und ´für alle´ und im Vertrauen darauf, dass die anderen, wenigstens die meisten, es auch so handhaben, das geht anscheinend nicht. Ich unterstelle uns ein neurotisches Verhältnis zu Macht und Auseinandersetzung. In England stellt sich, wer was zu sagen hat,  im Hydepark auf einen Stuhl und redet – wer will, der darf und tut auch. Die Zuhörer suchen sich aus wo sie zuhören, lauschen mal hier, mal da. Es ist eine Art Thesenduell mit viel Witz und Charme und Leichtigkeit, die aus der Distanz betrachtet. Hier nimmt man absolut persönlich, alles voll auf harte Kante, und man verschanzt man sich lieber hinter Polterern und Schaumschlägern, als mal eine Ecke weiterzutreten, was andres zu hören, und am Ende über die eigene Begrenztheit zu lachen.  In Schweden vertraut man der eigenen Regierung und geht davon aus, dass die es nicht böse meint mit Land und Leuten. Weshalb sollte sie auch. Dort genügen Empfehlungen, und die Leute wissen, was sie zu tun haben – jeder übernimmt Verantwortung für sich selbst und handelt nach bestem Wissen und Gewissen, aber im Sinne der Empfehlungen. So funktioniert Respekt.  Hier misstraut man und giftet und sieht in jeder Zumutung einen Angriff und bekämpft und sabotiert bei der erstbesten Gelegenheit. Und wenn dann einer voranstürmt und laut genug anbrüllt gegen die Zumutungen, dann rennen die anderen hinterher  und merken in der Abwehr gar nicht, dass da auch bloß einer sein eigenes Süppchen kocht, und von neuer Macht und Ordnung und Regelwerken träumt, die durchaus nicht besser sind. Eigenverantwortliches Handeln und souveränes Umsetzen von Regeln ist anscheinend nicht so unser Ding.

Ich finde, da ist Luft nach oben. Das könnte besser gehen.

„Für die Freiheit!“ Eine Parole dieser Demos. Freiheit. Klar. Gerne. Wer würde da nicht nicken. Aber weshalb jetzt? Weshalb entdeckt man jetzt auf einmal den Wert des Grundgesetzes? – Weil uns ein Stück Lebensqualität fehlt. Wir sind nicht bessere Demokraten geworden. Und schon gar nicht freigeistiger. Uns stinkt nur, dass wir nicht in Urlaub fahren und zusammen abhängen können. Wenn der Spa aufhätte, wäre man dort. Jetzt ist der aber zu – dann geht man halt auf die Demo.

Das Recht als solches, die Gewaltenteilung und das Grundgesetz, all das ist nicht außer Kraft. Es gelten allerdings einschränkende Seuchenschutzgesetze. Die will ich nicht schönreden. Die sind eine Zumutung, und ich würde sie in einigenTeilen auch anders erlassen, wenn ich´s zu tun hätte. Aber Freiheit bedeutet nicht die dauerhafte und gänzliche Abwesenheit von Zumutungen. Zumutungen gibt´s halt, die kommen und gehen wie Blasen an den Füßen. Was soll´s, wir sind nicht aus Zucker. Wir haben uns diese nicht ausgesucht, das stimmt. Aber wir sind selbst auch eine Zumutung für so manches Wesen, und die haben sich das auch nicht ausgesucht. Man hat nicht immer die Freiheit der Wahl.

Ich sympathisiere sehr mit dem schwedischen Weg. Hier ist´s halt ein anderer. Ich nehm´s hin. Darüber kann man noch immer reden. Aber lassen wir die Kirche im Dorf. „Freiheit!“ Als ob wir die großen Freiheitskämpfer wären. Ich bin 50+. Ich sehe die Bilder und sehe meine Generation demonstrieren und Parolen schwingen, als wären wir es selbst gewesen, die uns die Freiheit erkämpft haben. Wenn dem so wäre, wüssten wir besser, von welcher Seite sie bedroht wird. Wenn dem so wäre, sähen wir Wege, für unsere Überzeugungen einzustehen – ohne mit denen Schulter an Schulter zu demonstrieren, denen man sich eigentlich scheut zum Gruß die Hand zu reichen. Uns ist ´Freiheit´ in den Schoß gefallen und als die Freiheit des Konsumierens präsentiert worden. Und auf dem Trip hängen wir fest. Und jetzt sind wir dran, die vielbemühte Freiheit den Erstbesten, Lautesten, Aggressivsten, Giftigsten vor die Füße zu werfen, nur weil uns daheim langweilig ist.

„Fake“ rufen andere und „keine Angst!“. ´Das Virus gibt es gar nicht, oder ist es nicht mehr als ein starker Husten, und man setze am besten auf die inneren Selbstheilungskräfte.´  Ich habe auch keine Angst, aber Respekt – vor dem was es anrichten kann, wenn man es lässt.  Und ich kenne durchaus diese Sehnsucht nach Harmonie und innerer Stärke, die wie eine Wunderwaffe gegen alles wappnet, das droht, eine Sehnsucht dazu neigt, sich Widrigkeiten und von außen oktroierten Zumutungen zu entziehen und sie umzudeuten. Das klappt nicht immer.  Dies Virus ist eine Krise in der Krise in der Krise in der Krise. Es kommt ja eben NICHT aus heiterem Himmel; wir haben ihm mit unserer Lebensweise den Weg bereitet. Wir müssen da durch. Da ist nicht ein Hell auf der einen und ein Dunkel auf der anderen Seite. Da gibt´s ein Dunkel und ein Weniger-Dunkel – eine Chance.  Umwälzungen kommen hin wie her, massive. Es ist nur noch nicht ganz ausgemacht auf welche Weise. Träumen wir von einer besseren Welt, jawohl, Harmonie und innerer Friede und gesamtheitliche Gesundheit  und Freiheit, alles das. Aber fangen wir mal an, an dem Traum zu arbeiten und ihn nicht bloß auf unserer Wohlfühlinsel zu träumen.  Diese bessere Welt wird nicht geschaffen auf einer Demo, die zum Spalten und Aufmischen  gemacht ist und die Gesundheit verhöhnt.

Und dann natürlich die Verschwörungserzähler. „Gegen die Bösen!“ Ihre Parole.  Irgendwer muss schuld sein. Ihre Geschichten klingen allesamt schrecklich – es ist ja keine darunter, die von einer guten Verschwörung oder Absicht erzählt, immer ist da wenigstens ein Bösewicht, den es zu bekämpfen gilt. Aber die Erzählungen bergen einen gewissen Trost.  Irgendwer hat einen Plan, irgendwer weiß es besser, man halte sich an den, dann wird alles gut.

(Das sind dann die, die den anderen Naivität – oder noch ärger – Dummheit unterstellen. ´Hat auch eine Pointe!)

Wir sind alle ab von der Rolle. An keinem geht dies Virus vorüber, ob wir nun infiziert sind oder nicht, wir darben daran. Wir rudern alle durch sich auflösende Strukturen. Kinder gehen nicht mehr zur Schule und in den Kindergarten. In den Jobs ist das Arbeiten ein gänzlich anderes. Was man davor so unternommen hat um sich ein wenig zu zerstreuen und erfreuen, funktioniert so nicht mehr, und dann weiß man nicht, wie´s weitergeht. Wie lange dauert das noch, und wie geht es danach weiter, und hat man dann überhaupt noch einen Job, oder seine Familie. Der Rückzug ins Private zehrt auch an Beziehungen und Freundschaften. Allerorten wird gezerft und gestritten und kleinlich genöhlt.

Ich versteh´s ja: ein paar Schuldige könnten ein wenig den Prellbock geben und man hätte wen, auf den man seine Wut und seinen Verdruss lenken kann. Und was uns nachts den Schlaf raubt, weil der Überblick fehlt, bekommt wieder Sinn und eine scheinbare innere Ordnung. Und dann ist da ein ganz Großer, Starker, Unüberhörbarer, der weiß, wo es langgeht – das hilft auch gegen das Gefühl der Machtlosigkeit angesichts einem Gang der Dinge, der stärker ist als man selbst.

Ich versteh´s. Aber ich finde diese Machtlosigkeit nicht so schlimm. Es gibt ziemlich viel, das stärker ist als ich. So what. Klar gibt es das. Das hindert mich nicht, trotzdem meinen eigenen Weg zu gehen. Es liegt jeden Tag in meiner Macht, das zu tun, das ich als richtig empfinde. Und in meinem Richtig steckt Gemeinsinn und der Wunsch nach Frieden. Da passt Hetzen nicht dazu. Ich brauche keine Verschwörungsgeschichte, die mir abseits aller wissenschaftlichen Erkenntnisse die Welt erklären will. Ich kann ganz gut damit leben, dass  es mitunter ziemlich banal zugeht  und keiner einen Masterplan hat. Ist doch klasse. So hat die Geschichte ein offenes Ende. Und wir können mit dran schreiben. Ganz ohne Master. Aber es geht nicht um Fantasy oder Science-fiction. Die Geschichte soll kein Horrortrip sein. Wer dran rumfuckt, soll die Finger davon lassen.

Die Verschwörungsgeschichten entziehen sich, indem sie die Wissenschaft als solche angreifen, jeder Beweislast; sie stellen sich keinen Gegenargumenten. Den klassischen Medien werden Lügen unterstellt, aber in den social medias wird ungefragt und von jedem, der ins Schema passt, jeder Mist abgenommen. Jeder, der einigermaßen transparent sein Amt versieht, wird zerpflückt, aber den eigenen Helden guckt man nicht auf die Finger. Begriffe werden verdreht, bis keiner mehr durchblickt. Ein Nutznießer einer Krise wird automatisch Verursacher …. Und allen ist gemein, dass es Menschen sind, die uns bedrohen, nicht Viren, nicht Umwelteinflüsse, nein, Menschen, und gegen die muss es gehen. Was juckt ein Virus.   

Ich weiß nicht. Ich denke, es gehört, wenn man sich differenziert ein Bild gemacht hat, ein großes Maß an Selbstverbiegen dazu, wirklich alles auszublenden, was an diesen Verschwörungsgeschichten stört. Die muss man wirklich aus innerem Antrieb glauben WOLLEN. Und es ist Glauben, nicht Wissen, um das es da geht. Man glaubt, was einem gut tut. Es geht ums eigene Gefühl und das wider bessres Wissen.  So gut kann keine diese Erzählungen sein, dass sie diesen Verrat verdient.

Und dann natürlich die ´Impfgegner´. Allein das Wort ist schräg. Als wäre es schlimm, gegen Impfen zu sein. Und jetzt in einem Atemzug mit ´Rechten´ und ´Reichsbürgern´. Das passt nicht. Impfen gehört zu den Dingen, von denen ich finde, die soll jeder für sich selbst entscheiden dürfen. Für die ´Impfgegner´ habe ich Sympathien, wenngleich ich finde, dass die Diskussion darum zur Unzeit kommt.

Ich bin keine ´Impfgegnerin´. Meine Kinder sind geimpft und ich bin  es auch. Es ist ja nicht so, dass das Impfen keine Verbesserungen mit sich gebracht hätte. Kinderlähmung und Diphterie zB. gibt es praktisch nicht mehr. Aber ich habe sie nicht gegen alles und meist später impfen lassen als Impfplan und Empfehlung das vorsahen, bei der ersten Masernimpfung waren sie beide deutlich älter als ein Jahr.  Ich habe schon Respekt davor, Erreger in ein so kleines Immunsystem einzubringen.

Ich denke mal, die Kinder sollen, wenn ein Impfstoff gegen Corona gefunden ist, sicher nicht die ersten sein, die geimpft werden. Einen Impfzwang würde ich nicht mittragen. Ich weiß nicht, wie so ein Zwang aussehen müsste, dass ich mich beugen würde. Einen kaum erprobten Stoff bei Kindern anwenden, denen die Krankheit wenig anhat? Was macht das für einen Sinn? Wäre es nicht viel sinnvoller, wenn, dann die zu impfen, die gefährdet sind, so wie man das mit der jährlichen Grippeimpfung auch handhabt?  

Was soll´s. Das ist jetzt nicht der Punkt.  Ich verstehe nicht, weshalb man dies Thema gerade jetzt diskutieren und entscheiden muss, weshalb ein Politiker das Wort überhaupt in den Mund nimmt. Kann man noch ärger Öl ins Feuer gießen? In den Forderungen nach einer Impfpflicht steckt ein bisschen die Kehrseite unseres neurotischen Verhältnisses zu Macht und Auseinandersetzungen: die Wählenden verweigern die Gefolgschaft, die Gewählten holen sofort den Knüppel raus. Könnte man es nicht mal mit mehr Respekt versuchen? Hin wie her? Ich halte den Zeitpunkt dieser Diskussion für äußerst ungeschickt. Zumal es noch gar keinen Impfstoff gibt. Und WENN es ihn gibt, in einem oder mehr Jahren, dann sieht die Welt ganz anders aus, und es gibt bestimmt auch erst einmal viele viele Freiwillige, die sich gerne impfen lassen. Und welche, die einer entsprechenden Empfehlung folgen. Kann doch ganz gut sein, es braucht überhaupt keinen Zwang und keine Pflicht. Es müssen ja auch nicht ausnahmslos alle geimpft sein.

Es ist mir klar,  dass ein Vertreter des Impfwesens dafür ist, flächendeckend alle zu impfen. 100 % und fertig und aus. Und das werfe ich ihm auch nicht vor. Ich werfe einem Fußballer auch nicht vor, dass er einen Ball sieht und ´kicken´ denkt. Das steckt so drin. Und ein Virologe ist vermutlich dafür, das Virus auszuhungern, damit es sich nicht verbreitet und vermehrt und im Vermehren sich verändert und vielleicht noch aggressiver wird. Ein Virologe kann sich einen längeren Shutdown vorstellen als ein Politiker und Selbständiger und als ein Kind und als eine Mutter. Auch logisch. Aber sowohl der Politiker, als auch der Selbständige, das Kind, die Mutter, der Impfstoffhersteller, der Virologe – alle müssen damit leben, dass ihre Wünsche und Wege nicht eins zu eins umgesetzt werden. Wenn Kompromisse und Mischwege verunglimpft werden sollen, heißt das oft ´verwässern´. Weil es anscheinend von Übel ist, mehrere Ideen und Ansätze zusammenzubringen. Nun, das ist Aufgabe der Verantwortlichen, das so zu tun, dass es trotzdem passt. Es geht gar nicht anders, glaube ich.  Das ist wie beim Elternsein, der Vater will auf die eine, die Mutter auf die andre Weise, und beide denken, sie haben Recht und wenn man nachgibt, nimmt das Kind Schaden – das geht auch in die Hose. Dann nimmt´s genau daran Schaden. Auch beim Elternsein mischen sich unterschiedliche Ansätze und Vorstellungen, zwangsläufig, ob man will oder nicht. Dies Virus ist in der Welt und die bewegt sich. Es gibt halt nicht den einen, den Königsweg. Und welchen Ansatz man verfolgt, ich finde, auch das darf diskutiert werden. Aber doch nicht unter der Überschrift ´Impfpflicht´.

Geduld! Nicht meine Stärke. Ganz und gar nicht. Aber ich denke, wir sollten der Entwicklung mehr Zeit lassen, nicht sofort und alles verlangen, und alles soll so sein wie zuvor. Egal, was man von dem Virus denkt und hält – er ist da und hat einen globalen Ausnahmezustand mit sich gebracht. Der ist jetzt auch da. Und darf uns zu denken geben. Debattieren wir über Lockerungen und Öffnungen, über neue Regeln und Strukturen, über das Wie und Wohin, es geht nicht zurück zu ´davor´. Aber sabotieren wir uns nicht gegenseitig und lassen uns gegeneinander ausspielen.  

Ich glaube nicht, dass es – wer jetzt nicht aus Freude am Aufmischen dabei ist – grad ein gutes Gefühl gibt in Massen und Gedrängen zu demonstrieren. Ich glaube, man spürt, dass das mehr Krawall ist und am Kern der Sache vorbeigeht, und dies Gefühl trügt nicht. Es ist nicht die Zeit dafür.

Zurück in die Zukunft

Gedanken zum 1. Mai

Dies Jahr ist alles anders. Keine Kundgebungen, keine auf Fahnen geschwenkten Parolen. Sogar die Randale fiel aus.  Nicht, dass ich jemals dabei gewesen wäre, nicht beim Fahnenschwenken und nicht bei der Randale, aber die Meldung gehörte zum Datum wie der Christbaum zu Weihnachten. Das war ´normal´. Ein viel bemühtes Wort in diesen Tagen, und ich mag es eigentlich nicht. Es steckt so viel ´Norm´ drin und so viel Ausschließlichkeit.

Noch immer führen wir ein Leben im Ausnahmezustand, und der fängt an ´normal´ zu werden. Kurz ist mal alles übereinander gepurzelt und völlig verschoben liegen geblieben. Und wenn die Sehnsucht noch so groß ist – es ist einfach nicht machbar, es wieder so hinzubekommen, dass es ist wie vorher. Es gibt ein Davor und Danach, und sie sind halt nicht gleich.

Massenveranstaltungen wird es für längere Zeit nicht geben, und einige Regeln des Social Distancing werden uns genauso lange bleiben. Das gefällt mir nicht, aber ich nehme es hin. Während der Pest hat man ewig gebraucht, bis man draufkam, dass es besser ist, es leckt nicht jeder am Kelch mit dem Messwein. Der war bis dahin durch die Reihen gewandert. Seither gibt es den Wein nur noch für den Geistlichen. Nach der Pest gab es neue Glaubensrichtungen, Erfindungen und Wirtschaftsstrukturen – eine neue Kultur.

Es geht eben nicht ´zurück´. Soll es auch nicht. Es gibt ja Gründe für das Auftauchen einer Seuche. Die übergroße Nähe von Mensch und Tier, Armut, Enge und mangelnde Hygiene….

Trump behauptet jetzt, wider bessres Wissen, denn sein Geheimdienst hat es ihm anderes berichtet – es verwundert mich nicht, dass auch er so ein Verschwörungstheoretiker ist – das Virus sei aus einem chinesischen Labor entwichen. (Selbst wenn es so wäre – dann braucht es dieselben Bedingungen, um sich zu verbreiten). Es wäre halt so geschickt, man hätte den einen Schuldigen. Dann könnte man dem die Rechnung schicken und im Übrigen weitermachen wie bisher. Alles alles – nur nicht neu denken.

Dabei ist so eine Seuche eine Zäsur. Ich WILL überhaupt nicht ´zurück zu normal´. Und es regt mich auf, wenn Verantwortliche so tun, als ginge das. Die Dinge sind verschoben, und sie werden neu zusammengesetzt, es kommen neue Teile hinzu, alte fallen weg.

Dies ist ein guter Zeitpunkt, neue Wege einzuschlagen. Dem Unfug im Weißen Haus die Gefolgschaft kündigen zb..  Handel treiben, aber fair. Nicht mehr jeden Vorteil für sich selbst  nutzen. Global denken und agieren, auch auf regionaler Ebene. Die Wirtschaft so strukturieren, dass sie eine nachhaltige Existenz der Menschen auf dem Planeten erlaubt.

Anstatt mit nervtötender Unerschütterlichkeit nur hilflos eine zerschlagene ´Normalität´ wiederaufnehmen zu wollen, könnte man neue Thesen und Parolen zur Diskussion stellen. Let´s talk about it. Wohin soll´s gehen?  Keiner braucht eine Panik. Aber es darf schon auch Umstände geben, die mal aus der Ruhe bringen. Es ist was passiert, wir müssen neu nachdenken. Es ist nicht immer Zeit für Ruhe. Manchmal ist auch Zeit für Umbruch, und da rumort´s und knirscht´s im Gebälk. Den Mut dafür sollte man schon aufbringen, wenn man angemessen reagieren will. So zu tun, als wäre nichts gewesen, als ginge das – ´zurück zu normal´- ist nicht angemessen.  Eine Zäsur ist eine Zäsur. Das darf schon rüberkommen

Die Autoindustrie will Milliardenhilfen und Abwrackprämien, und das – versteht sich  – unabhängig von der Antriebsart. Als hätte man nicht auch dort schon lange gewusst, dass es neue Wege der Mobilität geben muss. Der Individualverkehr insgesamt kann so nicht mehr funktionieren.  Wirtschaft und Handel müssen sich grundlegend verändern.

Das bedingungslose Grundeinkommen könnte jetzt helfen. Es darf bescheiden sein, aber wenn keiner Angst um seine Grundbedürfnisse haben muss, lassen sich auch ganze Branchen umbauen.  Auch nach der Pest hat sich der Arbeitsmarkt verändert. In England wurde die Leibeigenschaft abgeschafft. Es ist Zeit unser Verständnis von ´Arbeit´ und ´Schaffen´ zu überdenken. ´Ich arbeite, also bin ich – was wert´ – so´n Quatsch. Deswegen liegt noch lange nicht jeder auf der faulen Haut. Viele Leute schaffen ganz gerne und haben großartige Ideen. „Geschäftsmodelle überdenken“ hat  Frau Merkel das mal genannt. Bitte – gern! (Sie hat das gesagt in Bezug auf Griechenland und die anderen ungeliebten Kinder der EU, aber was da passt, passt auf alle). Und bezahlen tut das das reiche Prozent. Oder die reichsten zehn Prozent. Die werden das nicht wollen, aber es ist ja nicht so, dass sie nicht auch was bekämen dafür – auch sie leben dann in einer besseren Welt. Arm müssen sie deswegen nicht werden. Aber dies Ausmaß an Reichtum ist ohnehin absurd.

Weg vom ´mehr mehr mehr´. Stattdessen weniger – für alle. Und für die, die sehr viel haben, eben auch sehr viel weniger. Kein Egoismus mehr, kein ´alles unsers´, ´alles mein´s´. Das ist auch gut fürs Gemüt. Dann reicht sehr viel weniger, um glücklich zu sein.

Ich will nicht ´zurück zu normal´. Ich will in eine bessere Welt, in ein besseres, geläutertes  ´Normal´.

Ferienkurs statt Strandkorb

Nicht der Strandkorb ist das Problem.

Zur Diskussion über Ferienkurse und also eine Verkürzung der Ferien.

Ich nehme ja an, dass das nicht sowohl als auch zur Debatte steht. Wobei – wundern tät´s mich nicht.  Was muten wir den Kindern eigentlich alles zu?

Die machen das alles super! Sie malen Regenbögen und halten sich von Spielplätzen fern, sie bemühen sich im Daheim auch die Schule zu sehen und treffen keine Freunde. Sie sehen nur Erwachsene und die viel am Telefon. Viele sind das einzige Kind, viele sehen kein anderes. Und fürs Quatschen mit Freunden am Handy sind sie zu klein. Sehr viele sind viel isolierter als viele Große.

Dabei überstehen sie eine Infektion in aller Regel symptom – bis problemlos, und sie werden von Erwachsenen eher angesteckt, als sie ihrerseits die Erwachsenen anstecken.

Ich finde gut, wenn sie wieder in Schule und Kindergarten gehen, die Älteren zuerst, die packen das, dann die Kleineren, die können sich abgucken wie der neue Schulalltag geht. Und es wird getestet was das Zeug hält. Und es sind die Großen, die Erwachsenen, die untereinander den Abstand halten.

Was bürden wir den Kindern eigentlich auf?  Was ist mit ihrem ´ zurück zur Normalität´?

Sie gehen wieder in Schule und Kindergarten. Weil sie das so kennen, weil es dazugehört zu ihrem ´normal´. Sollte sich die Frage nach einer generellen Möglichkeit zum Homeschooling stellen, sei die an anderer Stelle diskutiert. Sie waschen sich die Hände und niesen in die Armbeuge, in der Schule sitzen sie möglichst weit auseinander, und die Fenster stehen offen. Man ist angehalten Abstand zu halten, Strafarbeiten gibt es deshalb aber nicht, und auf dem Pausenhof gibt es Spiele. Keiner macht Panik, weil man Stoff verpasst hat, und man setzt nicht da an, wo man aufgehört hat, sondern da wo man noch früher war – und holt erst mal zurück in die Normalität. Und dann noch ein,zwei Sachen aus dem Lehrplan, ohne Stress, nur damit Neues in die Köpfe kommt, und dann sind Ferien, jawohl, und Ferien sind Ferien, auch zu Coronazeiten, ob man nun verreist oder nicht. Es ist Sommer, kein Homeschooling, keine Aufgaben, Eltern haben Urlaub – ich habe meinen eingereicht und genehmigen lassen und lege Wert darauf, diese Zeit mit meinen Kindern zu verbringen – und für die gibt es einen Weg, einen darf es geben, minimiert, aber nicht auf Null gesetzt, einen Weg, Kontakt zu anderen Kindern zu haben, einen, der Spaß macht und nicht Ferienkurs heißt. So wie die Großen auch ihre Wege haben.

Es geht nicht nur um versäumten Lehrstoff. Dann passt man wegen Corona halt die Lehrpläne an. Davon geht die Welt nicht zugrunde. Und in der Nach-Coronazeit wird es berücksichtigt. Wie eine Art Rettungsschirm.  Es geht darum, möglichst stark aus dieser Krise hervorzugehen. Es ist nicht die einzige und wird nicht die letzte sein.

Coronazeit

10.04., April, Karfreitag

Der Papst predigt und segnet im leeren Petersdom. Gab´s auch noch nie. Voll krass.

In Deutschland gibt es viele bestätigte Infektionen, aber das Gesundheitssystem ist durchaus nicht überlastet und die allerallermeisten werden wieder gesund. Gestorben sind noch nicht allzu viele. Diese verschlingende Welle scheint uns nicht zu treffen. In anderen teilen der Welt sieht´s da ganz anders aus. Italien, Spanien – da gehen die Särge aus, und in Amerika wird Corona auch zur Tragödie. Da sterben überwiegend Schwarze und Latinos, was ich ungeheuerlich finde. Corona trennt zwischen arm und reich. Einen schweren Verlauf nimmt es eben doch bei vielen, auch jüngeren; dann hängt es vom Beatmen ab, ob man übersteht oder nicht. In den ganz armen Ländern bahnt sich ebenfalls Furchtbares an. Dies Virus in engen Slums – ich will es mir eigentlich nicht vorstellen. Ganz fürchterlich entwickelt sich die Lage in den Flüchtlingslagern in Griechenland. Beschämend ist kein Ausdruck. Wenn es ein Gebilde namens Europa geben soll, dann macht es sich hier so dermaßen schuldig, dass es jedes Recht verwirkt, jemals wieder über Recht und Unrecht zu urteilen. Wie können wir das nur zulassen? Fies finde ich auch, wenn jetzt eigenes Versagen undoder Themenfremdes mit Corona begründet wird. In Ungarn hat man die Verfassung mal eben umgeschrieben und den Ministerpräsidenten mit autokratischer Macht ausgestattet. In den USA beschuldigt Trump die WHO, die schuld sei, dabei war ER es, der lange nicht ernst nahm, (außerdem wurde er vom Geheimdienst bereits letztes Jahr im November gewarnt), und in der EU streitet man wie gewohnt über Geld. Die italienische Regierung verlangt Coronabonds.

Nun weiß ich darüber zu wenig um dafür oder dagegen zu sein. Grundsätzlich bin ich immer für eher mehr Solidarität und Gemeinsamkeit als für weniger. Aber von einer Regierung, die sonst so europafeindlich ist, in der Klemme nach europäischem Zusammenhalt zu verlangen, empfinde ich dann als schäbig, wenn nicht mal der Ansatz eines Eingeständnisses damit einhergeht, dass man sich getäuscht und auch Fehler gemacht hat. Niemand hat diese Seuche so kommen sehen. Aber auch in Italien hat man erstmal die Augen verschlossen und lieber die Saison laufen lassen, was, so stelle ich mir das vor, die rasante Verbreitung mitverursacht hat. Und wenn das Gesundheitssystem so funktioniert wie manche andere der Institutionen in Italien, dann ist es nicht sonderlich krisenfest. Ich liebe Italien, aber ich habe nie diesen Widerspruch zwischen Mafia und Bigotterie verstanden, zwischen DolceVita und Korruption, Hochkultur und Banalität. Nichtfunktion und Heuchelei kann man nicht zur nationalen Besonderheit stilisieren wollen.

Schön hätte ich gefunden, Deutschland hätte Beatmungsgeräte ausgeliehen. Hier sind welche übrig, und solange sie das sind – man kann ja ausleihen auf Widerruf. Mache ich mit manchen Sachen auch; macht man so, wenn man sich nahe steht.

Die Diskussion, wie es hier weitergehen woll, finde ich wenigstens zum Teil verfrüht. Kann man nicht erstmal Fazit ziehen? Es geht darum, wie man möglichst schnell möglichst viel aufholt, damit jeder Rubel, der es jetzt nicht konnte, wenigstens später rollt. Dabei könnte man auch mal nachdenken, ob es danach nicht anders weitergehen könnte, nachhaltiger, fairer. Und langsamer. Wen ich treffe, sagt dasselbe: die Ruhe tut gut. Ein paar Gänge runterschalten, nicht so hetzen und auf allen Baustellen zugleich sein müssen. So viele genießen das. Und kaum einer klagt über das, was fehlt. Es geht auch bescheidener. Mancher Verzicht ist am Ende ein Gewinn. Und es würde dem Thema gerecht – diese Seucha hat auch mit unserer Lebensweise zu tun. Da kann man doch nicht einfach zurück zu vorher wollen.

Gestern mussten die Kinder und ich lachen. In den Spätnachrichten kam die Meldung, die EU hat ein 500-Milliarden-schweres Wirtschafts-und Finanzprogramm beschlossen. „500 MIlliarden Euro!“, sagte die Kleine staunend, sie ist sechs, die Zahl kann sich keiner von uns vorstellen. Und dann mussten wir lachen. Was für irre Summen – . Die Kinder entstammen einer Wirtschaft, aber es war durchaus nicht nur das der Grund, weshalb der Große, 8, sagte „500 Milliarden – weshalb braucht man dann eigentlich noch eine Wirtschaft?“ Stimmt. Da könnte man auch hinsitzen und es mal gut sein lassen.

Ein mehr oder weniger regelmässiges, nicht ganz tägliches Coronazeit-Tagebuch gibt es unter https://beatekalmbach.home.blog/corona/ in der Kopfzeile.