„Die zweite Welle“

Coole Schlagzeile, cooler Titel. Raunt einem entgegen von jeder Straßenecke und hört sich an wie aus einem Spielfilm, und im Geiste sehe ich Sturmfluten und Zivilisationen, die von tosendem Grau verschlungen werden. Und gleich darauf sehe ich die Ostsee, die Kinder hinter den Wellenbrechern, wie sie sich fröhlich hineinwerfen, kurz verschwinden, wieder auftauchen, und ich weiß, sie können locker stehen, wo sie sind, aber im Auge behalten will ich´s doch. Ich bin noch immer nicht ganz zurück von der Reise, noch immer ein wenig dort, die Füße im Sand, vor mir weites, glitzerndes Blau, und die Themen vermischen sich, die Wellen und Corona, die Reise und die Demos, das Rauschen am Ufer und die Diskussionen um Weihnachtsmärkte.

Die Demo. Es gibt immer wieder welche, aber keine hat so eingeschlagen wie diese eine Ende August in Berlin. Ich weiß nicht – ein bisschen war das wie in den Achtzigern die Menschenkette. Es gab unzählige Aktionen damals gegen den Nato-Doppelbeschluß, aber keine war so bewegend wie die Menschenkette. Schon davor beherrschte sie jedes Gespräch, wer geht hin, wer nicht, und noch heute freue ich mich, wenn ich jemandem begegne, der auch dort war, und dann tauscht man sich aus an welcher Stelle man gestanden hat, ob die Reihe doppelt oder dreifach war, und das Lied geht mir wieder durch den Kopf – „die Zeit ist reif für ein Nein“, ein simpler Text, aber eine eingängige Melodie, als Kanon gesungen; ich habe damals erst aufgehört zu singen als ich längst wieder daheim war, die Euphorie hat mich begleitet bis zum Zähneputzen. Gebracht es nichts, die Waffen sind stationiert worden, der Kalte Krieg nahm seinen Gang. Das tut mir heute nicht mehr weh, was  eigentlich nicht passt, weil nach wie vor viel zu viele Waffen an viel zu viele Orte verteilt sind. Aber die Menschenkette war klasse, ich spüre sie heute noch.

Vielleicht verhält es sich mit der Demo am 29. August ähnlich – ich weiß es nicht, ich war nicht dabei. Nicht in Berlin. Aber auch diese Demo war davor Bestandteil sehr vieler Gespräche und man unterschied in die, die hingingen, und jene, die das nicht taten, und wer weshalb und weshalb nicht. Egal auf welcher Seite, jeder war in Rechtfertigungsnot. Ich habe Leute getroffen, die hingehen wollten und im Vorfeld bereits empört waren, man werfe sie mit Nazis in einen Topf. Ja wen wundert´s – auch wenn´s wenige waren, die Nazis waren laut und gaben den Ton mit an, und man marschierte Seite an Seite damit. Natürlich kann man sich davon nicht einfach distanzieren, diesen Pakt ist man eingegangen, diese Brücke hat man geschlagen.

Die AHA-Regeln leuchten mir prinzipiell vollkommen ein, und ich folge ihnen weitestgehend. Den Mundschutz trage ich so nebenbei, dass ich manchmal  vergesse, dass ich ihn trage. Abstand ist auch gebongt, wobei ich auch keine Haken schlage; ich will nicht, dass wir einander wie einer Gefahr begegnen. Außerdem braucht jeder Leute für konsequentes  Brechen dieses Gebots. Trotzdem ist vermutlich gerade  tatsächlich nicht die Zeit für Massenveranstaltungen in großen Hallen, wo man sich gegenseitig den Atem ins Genick pustet. Ich empfinde mich als kritisch, aber nicht als ´dagegen´. In manchen Überlegungen konnte ich  mich dennoch mit den Demonstrierenden verständigen. Infektionszahlen hin oder her – das Gesundheitssystem ist gerade beileibe nicht überlastet, also sehe ich keinen Grund für schärfere Maßnahmen. Ganz im Gegenteil. Zwar sehe ich, dass Corona weit mehr ist als eine leichte Grippe und mitunter lange und echt fiese Schäden nach sich zieht. Aber man muss ja tatsächlich abwägen zwischen Infektionsschäden und den Schäden, die die Beschränkungen mit sich bringen. Und die sind auch nicht ohne. Ich verstehe den Zweifel an der zwingenden Notwendigkeit so mancher Maßnahme. Manche Regel, bzw deren Handhabung, ist bisweilen hirnrissig und eine bloße Zumutung, und aus einigen Plexischeiben  spricht die reine Hilflosigkeit. Ich würde mir mehr situativ angepasstes Entscheiden wünschen. Und an einem Sterbebett soll egal sein, wer aus welchem Haushalt kommt, dasselbe beim Gebären. Kinder werden in der Wohnung nicht Quarantäne-isoliert, im Zweifel bleiben die Geschwisterkinder und die Eltern auch daheim – krankgeschrieben. Solche Sachen.                        Ich verstehe den Verdruss über dies Von-oben-herab-bestimmen, das ganze Themenfelder ausklammert. Auch  erschrecke ich über Größenordnungen und Prioritäten. Große Konzerne bekamen viel Geld und fingen nach dem Lockdown scheinbar einfach da wieder an, wo sie aufgehört hatten, so als wäre nichts gewesen. Eltern von schwerbehinderten Kindern jedoch, die nicht mehr betreut werden konnten wie zuvor, die also von den Eltern rundum versorgt wurden, die bekamen nichts, und Künstler darben bis heute, weil es nicht lohnt, vor halbbesetzten Hallen zu spielen.

Ich wäre dafür, Wege zu finden, wie mit der Seuche zu leben ist. Ich gehe davon aus, sie wird uns lange bleiben, denn noch ist weder Therapie noch ein Impfstoff gefunden und auch wenn es den gibt – ich kenne kaum jemanden, der schreit ´ich zuerst´. Und in der ganzen Zeit wird geboren und gestorben, geheiratet, Jubiläum gefeiert, uswusf, und es wird kreativ geschafft und gesponnen. Außerdem wird es nicht die letzte Seuche sein.  Es wäre ein guter Zeitpunkt um nachzudenken über eine neue Form des gesellschaftlichen Zusammenhalts und des verträglichen Wirtschaftens. Dazu liest man bisweilen kluge Abhandlungen im Feuilleton und Gesellschaftsteil, aber in der politischen Debatte kommt das nicht vor, und eigentlich auch nicht in den Gesprächen allerorten. Diese Sau wird nicht geschlachtet, die will jeder weiter mästen.

Wir saßen am 28. August im Zug nach Berlin. Dort stiegen wir um in den IC nach Rügen. Der Zug war voll, die reservierten Plätze waren doppelt reserviert gewesen, jemand saß schon in ´unserem´ Familienabteil, so mussten wir im Großraumwagon Plätze suchen, die also nicht beisammen und auch nicht sehr bequem waren. Die Nacht war kurz, und früh am Morgen lockerten wir die Glieder beim Spaziergang zum Bordrestaurant. Die Demo war spürbar. Hinter uns saßen zwei Schwaben,  die hingingen und sich schon mal einstimmten. Merkel sei an allem Schuld, die allermeisten Wissenschaftler hätten nicht alle Tassen im Schrank, AKK sei eine ´Hackfresse´, und Verteidigungsminister sollte ein General sein, und sowieso – „wie kann die Merkel bestimmen über unsere Kinder, die hat ja selbst keine“. Nichts in Gespräch oder Ausstattung deutete darauf hin, dass die beiden selbst welche hatten. Und echt – WENN sie welche hätten, dann wären die zu bedauern; denn reflektiert wäre diese Vaterschaft eher weniger. Für gesichert aber halte ich, dass ihre Fantasie nicht ausreicht, sich vorzustellen, dass andere mehr Fantasie haben könnten. Mir ist eine Verteidigungsministerin, die sich die Schrecken des Krieges vorstellen kann, lieber als ein General, der zeigen will, was er draufhat. Und ob eigene Kinder oder nicht – niemand muss Mutter sein, um Verantwortung für andere zu spüren. Und dann diese Wortwahl. ´Hackfresse´. Garstiger geht´s kaum. Wir ließen die Demo erstmal rechts liegen und fuhren weiter.

Sie war Thema gleich des ersten Abends auf Rügen. Wer war, wer nicht, und wieso und weshalb. Ein paar waren in Berlin gewesen, aber „nicht dort!“. Einer hatte keine Zeit gehabt, einer zeigte Sympathie, einige nicht. Der Mann meiner Nachbarin am Lagerfeuer war dort; „manche Maßnahmen gehen einfach zu weit“, verteidigte sie. Und da konnte ich zustimmen, das finde ich ja auch. Sie samt und sonders für obsolet zu erklären, wie dies Querdenkengedöns das tut, das allerdings geht nur mit Geringreden bis Leugnen und wird der Situation genauso wenig gerecht wie überzogene Verbote und Schließungen. Ein Mal grob quer drüber ist dies Querdenken – gegen jegliche Beschränkung, gegen das Gros der Wissenschaftler, gegen staatliche Macht an und Regeln an und für sich – differenziert und komplex gedacht dünkt mich das nicht.  Corona hat unter Bevölkerungen, Politikern, Wissenschaftlern und sämtlichen Entscheidern global Verunsicherung ausgelöst. Jeder weiß ein bisschen was, aber keiner genug um Sicherheit behaupten zu können. Und einfach die eine Hälfte wegsperren, damit die andere Hälfte sich in nichts beschränken muss, das kann´s auch nicht sein. Also IST Vor – und Rücksicht geboten, und darin agiert man hierzulande beileibe nicht am schärfsten, wenn man mal so in andere Länder schaut. Die Strategie ist strittig, aber zumindest klar und nachvollziehbar. (Vergleich https://www.zeit.de/arbeit/2020-08/corona-krise-israel-protest-gastronom-tel-aviv)  Es geschieht, auch hier, eine Menge Mist, auch tragischer Mist. Trotzdem plädiere für eine gewisse Fehlertoleranz. Und Wut macht sowieso nichts besser. Und das ist es auch, das mich so stört an ´der Demo´. Die Verachtung und der Hass, die da mitschwingen. Auch in den Achtzigern gab es Beleidigungen; Kohl hatte alle möglichen Schimpfnamen, und Strauß beflügelte die Schmähfantasie. Diesem war das schnurzegal, und Kohl drückte sich einen Klops Butter rein, damit glitt alles Weitere geschmeidig an ihm ab. Allem Schimpf und aller Schande zum Trotz – ihre Gültigkeit aber hatten sie, und man stellte nicht die Position in Frage, die sie bekleideten. Staatliche Macht muss sich rechtfertigen, immer wieder, auch da gehe ich mit. Aber ich stelle sie nicht grundsätzlich in Frage.  So gesehen empfinde die Verachtung, die aus dieser Demo mir entgegenwaberte, eher als Voraussetzung für den Protest denn als Folge einer konkreten, ungehörten Forderung.

Ich hab da freilich gut reden – ich kann leicht vertrauen. Ich habe gegen staatliche Institutionen prozessiert, auch gegen Verwaltungsgerichte, die den Staat mit ausmachen. Manche Regeln sind komisch und manche Handlungen strittig. Aber Staat als solches habe ich noch nie als feindlich wahrgenommen. Ich musste noch nie Angst haben an einer Grenze erschossen zu werden oder weil irgendwem meine Hautfarbe oder Herkunft nicht passt. Das ist global betrachtet durchaus keine Selbstverständlichkeit, sondern sogar ziemlich klasse. Und eben weil das eigentlich klasse ist, weigere ich mich, irgendeine braune, blaue, quergedachte oder sonst eine Verachtung zu übernehmen.

„Der Osten hat nach der Wende drei Jahrzehnte im Schnelldurchlauf aufgeholt und ist sehr kreativ geworden“, beschrieb mir einer der Rügener WG die Gemütslage im Land, „mit dem Lockdown und den Auflagen ist diese Kreativität auf Eis gelegt. Damit kommt man nur schwer klar“. Das verstehe ich. Im Osten scheint die Wirtschaft etwas kleinteiliger, Großkonzerne, die ganze Landstriche prägen, fehlen weitestgehend, stattdessen sieht man überall verstreut charmante Oasen der Selbstbehauptung, kleine Werkstätten und Läden, Kooperativen und Initiativen. Da ist leicht vorstellbar, wie übel es aufstößt, wenn dieser Kreativität der Boden entzogen wird. Und das gilt für Rügen und für den Osten und für Berlin und für den Rest der Welt genauso.

In der WG wohnt auch eine Frau, die hauptberuflich bastelt, wunderschöne Mobile aus Treibgut zum Beispiel. Eines hängt jetzt in der Wohnung unter uns fürs Katerpflegen. Sie verbringt die Sommer auf Rügen, die Winter in Gengenbach, wo der Weihnachtsmarkt vier Wochen lang dauert. Dieses Jahr muss sie sich Sorgen machen. Findet der Weihnachtsmarkt nicht statt, fehlt ihr die Hälfte ihres üblichen Jahreseinkommens. Ein bisschen glich ich vorab aus und kaufte ihr so viele Souvenirs ab, wie ich vorhatte zu verschenken.

Ein paar Abende später war der Mann meiner Lagerfeuernachbarin zurück aus Berlin und man saß wieder am Lagerfeuer.  Ich verstand, was sie an ihm fand. Er war nicht unattraktiv, wirkte kühn und verwegen, und noch Meter entfernt war das Feuer zu fühlen, das in ihm brennt. Er erinnerte mich an Che Guevara; dabei war er Sachse und sah ganz anders aus – brünetter Seitenscheitel, die Haare glatt und halblang, 70er-Jahre-Look, und vielleicht war es genau dieser – der durch nichts zu erschütternde, selbstbewusste Esprit der 70er, der ihm anhaftete wie Che Guevara halt auch, (der einen durchaus ambivalenten Nachruf geniest)., Er habe sich selbst ein Bild machen wollen, sagte der sächsische Che; die Informationen der Mainstreammedien reichten nicht aus – wobei ich nicht recht wusste, wovon er sprach, denn Radio oder Fernsehen sah ich nicht und auch keine Zeitung, und also schätze ich, war das Informationsmedium das Internet, und so große Verdienste dies auch hat – als Quelle der Wahrheit würde ich es nicht propagieren.  Gute Reden seien das gewesen, gute Infos. Und eine Menge Leute habe er getroffen, alle total gut drauf, ein Friedensfest sei das gewesen.  Ein paar Krawallos, okay, die auch, aber im Übrigen sei es eine tolle Stimmung  gewesen auf der Demo. Nachts ein Hin und Her mit der Polizei, ob man nun ein Camp errichten dürfe auf der Straße oder nicht, am Ende habe er sich in einen Park gelegt und sei am Morgen aufgewacht  zwischen lauter Leuten, die wie er irgendwann einfach genug gehabt hatten.

Früher, führte er aus, sei er härter drauf gewesen. Da habe er so eine Todesverachtung gehabt für seine Umwelt, es alles so scheiße gefunden, dass er dafür gewesen sei, rundum die Welt in Grund und Boden zu bombardieren, so lange, bis sie unterginge in einem einzigen gigantischen großen Feuerball. „Hait bin isch ooch a bissi milde“, meinte er. Der totale Overkill ist es nicht mehr, aber „ääne Monarschie wär et schon“, mit ihm als König, und er befreite letztendlich und entließe alle in die selbstverantwortete Eigenständigkeit.  

Ich war froh am Feuer zu sitzen, mich fröstelte.

Dann stand er auf, der sächsische Che, und ich dachte, jetzt hält er eine Rede und bläst zur Revolution, zu Klassenkampf und Sturz der Eliten, für Freiheit und Future, aber er verabschiedete sich, er war müde. Auch Helden brauchen ihren Schlaf, gerade die.

Da bin ich echt froh, dass Che milde geworden ist, und nicht König. Scheint ja doch immer schwierig mit diesen alleinherrschenden Mächtigen, die sich einen Plan machen für die Menschen ´unter ihnen´ und beleidigt sind, wenn die sich nicht dran halten. Und bisschen blöde ist das ja eigentlich auch. Keine Macht den Misanthropen. Es gibt ein paar Wesenszüge, mit denen, meine ich, sollte man nicht regieren dürfen; Selbstüberhöhung und Menschenverachtung gehören dazu. Der sächsische Che hat eine nette Familie – soll er sie genießen und glücklich sein.

Ich würde gerne demonstrieren. Mit Künstlern, die Rahmenbedingungen wollen, innerhalb derer sie  auftreten können. Mit Angehörigen und Bewohnern von Pflegeheimen, damit Angebote und Verbindungen zur Außenwelt nicht ersatzlos gestrichen, sondern Alternativen geschaffen werden. Mit Hebammen, die Müttern und deren Babys intensiver beistehen wollen. Mit Sterbebegleiterinnen, die Sterbende besser begleiten wollen. Mit Passagieren, die Platz und Frischluft in Zug und Bus wollen. Mit Reiseveranstaltern, die ihre Reisen verkaufen wollen. Mit Artisten, die Zirkus machen wollen. Mit Schaustellern, die ihre Fahrgeschäfte aufbauen wollen. Und mit Bastlerinnen, die auf Weihnachtsmärkten verkaufen wollen. Ich will unbedingt, dass der Weihnachtsmarkt in Gengenbach stattfindet. Ich will hin, und ich will eine Freundin mitnehmen, die quasi-heimatliche Gefühle mit der Stadt verbindet. Wir würden Mundschutz tragen und Abstand halten, am Stand, in der Achterbahn, im Zirkuszelt, im Konzert, überall, das Ding tut nicht weh, und wir würden uns hinterher die Hände waschen.

Außerdem würde ich für nachhaltige Politik und Gemeinwohlökonomie demonstrieren.  Und wenn´s Verzicht bedeutet. Wir sind die Babybommer, wir sind die Generation, die grad maßgeblich entscheidet. Die meisten von uns kennen Verzicht, Dinge, die man denken, aber nicht haben kann. Hat sich deshalb wer unfrei gefühlt? In den 70ern ist kaum jemand in den Urlaub geflogen; Schuhe mussten gepflegt werden, damit sie lange hielten, Schnitzel gab es an Sonntagen, und weggeworfen wurde nur Müll, nicht Sachen, die extra dazu gemacht und gekauft wurden. Wir sind ja völlig meschugge, alle zwei Jahre ein neues Handy, ein neues Tablet, einen neuen PC zu brauchen. Wir sind völlig meschugge, stapelweise Tshirts für drei Euro das Stück zu kaufen, nur um sie nach dem dritten Waschen zu entsorgen. Wir sind meschugge, jeder ein eigenes Häuschen mit Doppelgarage und eigenem Spielplatz und zwei bis drei Autos je Haushalt zu brauchen. Und wenn die Wirtschaft das braucht – dass alle haufenweise Sachen kaufen, die keiner braucht – dann muss sich die Wirtschaft ändern, auch wenn wer arbeitslos wird. Was würde denn passieren? Es gäben mehr und schneller Firmen auf, als neue geschaffen werden. Vermutlich. Manche kämen gut durch. Viele andere würde vermutlich Stütze benötigen. Der Lebensstandard sänke, aber flächendeckend und gemeinsam, was es erträglich machte. Und es müsste umverteilt werden, was einigen sicher nicht passt, aber was soll´s. Von einer Welt, die am Stock und zugrunde geht, hat auch der volle Geldsack nichts. Was ist denn so schlimm an Veränderung und Umbruch und Krise und Verzicht? Woher dieser horrende Schiß? Noch nie eine Krise erlebt? Nie gescheitert? Ging immer alles geradeaus?  

Ich will nicht kleinreden. Das ist schon starker Tobak. Aber er ist nicht stärker als der, den man vor einigen Jahren Griechenland und anderen Ländern zumutete, als man von ´Hausaufgaben machen´ sprach, von ´Geschäftsmodellen ändern´; ganze Länder sollten, mussten das tun, mal eben Land, Leute und Wirtschaft umkrempeln.  

Auch wenn man schreit, was das Zeug hält – es hilft nicht, und Schreien kostet viel Puste, die man anderweitig nötiger braucht. So wie´s die letzten Jahrzehnte ging, kann´s halt nicht weitergehen, so schön es auch wäre. Hat man wirklich geglaubt, das ginge – immer mehr, immer besser? Hat man das wirklich geglaubt? Dass es immer bergauf, nie bergab geht, immer nur in eine Richtung?  Raus aus der Wohlfühlblase. Es geht erstmal runter, aber dann geht es auch wieder rauf. Arschbacken zusammen, einander Hände gereicht  und Schritt für Schritt beherzt durch. Das Beste draus machen, jeden Tag neu. Es muss schon seeehr dicke kommen, damit man einem Tag so gar nichts Positives abgewinnen kann, und diese Tage stehen meist unter einem ganz anderen Stern und haben mit wirtschaftlichen oder politischen Rahmenbedingungen wenig zu tun. Wir reden hier nicht von ´Existenz´, und wenn, dann fälschlich. Wir reden hier von Broterwerb und Konsum, und das geht auch anders. Und keiner muss verhungern, erfrieren oder verzweifeln. Es mag rumpeln in der Kiste und auch mal wehtun, aber das geht vorbei, und hinterher ist die Lage eine andere. Die Dinge besser machen – dafür würde ich demonstrieren, mit Lied und Friedensfest und Camp und Kette.

Aber auch wenn das nicht geschieht oder zu wenige es tun – es ändert nichts daran, dass es ganz bestimmt so kommen wird, dass die Schuhe wieder gepflegt werden und Fleisch Luxus ist, dass man Klamotten aufträgt und weiterreicht, dass nicht jeder ein Eigenheim baut und Autos uncool sind. Es wird so kommen, bin ich überzeugt, denn wie soll es anders sein. Es kommt zwangsläufig. Weil die Erde bald nicht mehr hergibt und die Gesellschaften auch nicht. Dann kommt der Wandel, vielleicht etwas später, aber brutaler. Den, den man selbst einläutet, den hat man auch souveräner in der Hand.

Eine globale Menschenkette wäre schöner.

Mitbringsel

Ich sitze im Zug, auf dem Weg zu einem Verwandtschaftstreffen und denke, dies ist ein adäquater Ort den begonnenen Text endlich zu Ende zu bringen. Es ist noch nicht lange her, als wir so in den Urlaub reisten, 15 Stunden diagonal durch die Republik. Ich war begeistert wie die Kinder das wegsteckten. Zugfahren ist toll, jede Fahrt eine Reise, auch jetzt eben fühle ich mich verreisend.

Die Koffer standen bis vor drei Tagen noch teils unausgepackt in der Diele, der Esstisch war begraben unter einzupackendem Zeug für die Schultüte, und in der Küche türmten sich die Einkäufe  fürs Einschulungsfest. Von der Reise gerade erst zurückgekommen, ging’s holterdipolter in Schule und Alltag. Ziemlich abrupt, und das, wo ich mir gerade täglich neu vornehme, weniger in den Plan zu packen und jedem Tag ´freie´ Stunden zu lassen. Multitasking und der Drang nach Effizienzsteigerung stressen, das geht mir auf Dauer ans Gemüt. Eigentlich freuen wir uns auf den Schulstart, aber wir waren gefühlt so lange und so weit fort, dass uns das bloße Heimkommen erstmal schon Aufregung genug war. Dabei waren es gerade mal zwei Wochen, eine auf Rügen, eine in Berlin.  Ich hatte die Reise noch gar nicht richtig abgeschlossen – schriftlich, was bei mir der Knopf drunter ist, der Punkt am Ende, mit dem es dann auch gut ist. Und jetzt bin ich schon an der Retrospektive – „was bleibt“.

Wenig Bilder jedenfalls – uns wurde der Rucksack geklaut mit Kamera, Handy, Geldbeutel, Brille, Schal, Schmusetuch, allem. Das drückte kurz heftig auf die Laune, aber wir haben´s überstanden wie andere Widrigkeiten auch. „Das ist jetzt so“, war ein Satz, den der Sohn häufig gesagt hat, er, der bis vor kurzem Abweichungen von seinen ureigenen Vorstellungen nur schwer ertragen hatte.  Der geklaute Rucksack, der Ärger, dass der Gewinn des Einen dabei in einem so miesen Verhältnis steht zum Verlust des Anderen, Heimweh, Ängste, Mucken und Übellaunigkeiten, Regenwetter – egal –  wir  waren ein klasse Team; wir haben immer gute Wege gefunden und aus jedem Tag einen schönen gemacht. Wenn wir das behielten, das wäre ein großartiges Mitbringsel.

Alle Urlaubsbilder weg, nur noch ein paar per whatsapp verschickte zurückerhalten. das ist mir das Ärgste.

(Das obige Foto hatte ich auf instagram geladen. Weil unsere Unterkunft an der Südküste war, die schönen Seebäder aber an der Ostküste sind, fuhren wir öfter mit dem Rasenden Roland, einer alten Dampflok, dahin, bepackt unter anderem mit Sandelsieb und dem Wedel aus dem hauseigenen Garten, die beide im Grunde nur hin und her geschleppt wurden, damit sie auch mit dabei waren).

Vielleicht ist es ja ganz gut, das Bedürfnis, immer alles fotografisch festhalten zu wollen mal beiseite zu schieben. Ich glaube, ich habe sowieso viel zu oft den Finger am Auslöser. Wir haben viele Ratschläge erhalten, wie wir mit dem Diebstahl umgehen sollen, unter anderem eben diesen – es als Anregung nehmen. Ich gebe zu, manche Tipps haben mich genervt. Heieiei – wie man mit Übel, das ins Leben platzt, umgeht, diese Tricks und Kniffs kenne ich zur Genüge. Deshalb gibt es doch aber trotzdem ein Bedürfnis, und ein Recht, auch mal wütend und stinkig zu sein und Zeter und Mordio zu schreien. Soll ich vom ersten Moment an dankbar sein, „Danke guter Dieb, dass du uns diese Erfahrung beschert hast?“ Ppff.

Ich habe ihn gesehen; wir waren auf dem Flugfeld Tempelhof und haben – es war windig und kühl und kaum einer war da – auf einem Mountainbiketrail Fangen und Verstecken gespielt und währenddessen den Rucksack in eine der vielen Mulden gestellt; man kam ja im Spiel immer wieder daran vorbei. Ja, und dann war da dieser junge, gestriegelte Markenklamottenschnösel mit Miet-E-scooter und verschlagenem Gesichtsausdruck – und dann war der Rucksack weg. Blöder A….! Und überhaupt diese Miet-E-Scooter – die fördern assiges Verhalten! Sie werden – so hat mir eine Frau, die fürs Müllsammeln zuständig ist – anscheinend nicht selten als ´Fluchtfahrzeug´ benutzt. Die Frau fand den leeren Geldbeutel mit Ausweis und Führerschein drin und ließ ihn uns zukommen, samt Sammel-Ottifanten, was ich ganz bezaubernd fand. Solche Kontakte können mit der Welt versöhnen. Dankeschön! Überall in der Stadt sausen diese Mietscooter alles aufscheuchend an einem vorbei und stehen dann mitten im Weg rum, nicht einen Zentimeter zur Seite gerückt, Frauen mit Doppelkinderwagen drücken sich seitlich dran vorbei und alte Leute mit Einkaufstrolley ziehen Bögen. Und so kleine Mistgestalten mieten sie, klauen Handtaschen, die man ausgeräumt auch überall liegen sieht, wenn man dann mal drauf achtet, und zischen flink und flott ab und bezahlen mit dem Diebesgut gleich die nächste Tour. Und das soll man nicht Oberkacke finden dürfen?

Und dann ist da noch Felicitas, genannt Fee, ein elfjähriges Mädchen, das wir an der Megarutsche im Görlitzer Park kennengelernt haben, mit dem die Kinder einen solchen Spaß hatten, dass keines nach Hause wollte und wir erst in der anbrechenden Dunkelheit so weit es ging zusammen den Rückweg antraten. „Seid ihr schon mal gemobbt worden?“ hatte Fee, noch an der Rutsche, ganz unvermittelt gefragt. „Was ist das – mobben?“ wollte meine Tochter wissen. Klärende Gespräche und Erzählungen. Die Familie war gerade erst aus dem Umland nach Berlin hinein gezogen. Am Schluss Telefonnummern getauscht, man wollte sich nochmal treffen, zwei Tage darauf würde Fee zwölf, ich hatte schon über ein kleines Geschenk nachgedacht. Und auch daran trägt dieser blöde Dieb Schuld – dass irgendwo in Berlin ein Mädchen ist, das sich vielleicht wundert und traurig ist, weil nach dem so netten Kontakt so rein gar nichts mehr kam. Ich bleibe dabei – der Blitz soll ihn beim Scheißen treffen.

Wir fuhren schwarz und ohne Maske zurück in unser Kurzzuhause bei einer Freundin, haben uns erst gegrämt, dann besonnen, einen lustigen Film geguckt, uns Geld geliehen, (und zurückgezahlt), sind ins nächste Spaßbad gefahren und außerdem shoppen gegangen. Das erste Mal im Leben im H&M und mit übervoll beladenen Armen vor der Anprobe gestanden. Der Batmananzug ist eigentlich zu klein, zwei Nummern größer wäre besser. Aber die Schaumstoffpolster sind beeindruckend, damit hat der Bub Muckis wie Arnold Schwarzenegger. Wir haben den Kauf nicht bereut, der Anzug blieb gleich an. „Hast du das schon mal gemacht, bist du schon mal mit Batman durch Berlin gelaufen?“, fragt der Sohn. Nein, noch nie. Aber es fühlte sich klasse an, mit Batman im thailändischen Imbiss, im Bus, beim abendlichen Spaziergang, beim Wettrennen. Er fühlte sich unbesiegbar und die Tochter war beruhigt – was soll mit Batman an der Seite schon passieren.

Aber auch das haben wir erfahren – hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Nicht mal mit Batman im Team. „Man muss schon selbst auch vorsichtig sein und mitdenken“ mahne ich meine Tochter, die das als Zumutung empfindet. Da war der Finger schon so tief in die Getränkedose gesteckt, dass er nicht mehr herauszubekommen war, vielmehr schließlich nur unter Inkaufnahme eines Schnittes in der Haut. Schuldfragen – wer hat das zu verantworten – sie?, der Finger?, ich? die Dose? Fragen über Fragen. „Weshalb muss es das überhaupt geben, so scharfe Sachen, an denen man sich wehtun kann?“ klagte sie. Naja, Dosen braucht es oder braucht es nicht, prinzipiell kann man auch aus was anderem trinken, aber selbst ohne Dose – mit Scharf, Spitz, Heiß, usw muss man umzugehen lernen, wie mit vielen anderen Gefahren und Risiken auch.  Wenigstens ist der Finger schnell verheilt. Nicht auszudenken, was gewesen wäre, wenn die Wunde am Baden gehindert hätte. Baden! Meer! Der Sehnsuchtsort, der uns so weit hatte reisen lassen –

Wir haben erfahren, dass die Quallen in der Ostsee harmlos sind und sich anfühlen wie Glibber, und außerdem, was das rote oder pinke Kleeblatt in deren Kuppel ist – „der Magen“, wie der Sohn des Hauses, in dem wir wohnten, erklärte, ein sechs Jahre junger Mensch, der Wert darauf legt, nicht als ´klein´ zu gelten. (Er hat mich öfter verblüfft.)  Das ´grüne Zimmer im bunten Haus´, das selbst durchaus nicht riesig ist, war unseres, und bunt war es da – noch Tage nach der Ankunft entdeckten wir Türen zu verborgenen Wohneinheiten; wie in Hogwarts fanden sich unter Treppen und hinter Verschlägen urplötzlich neue Welten, und begegneten wir Leuten, die auch da wohnten – Reisende, Ölbohrer, Berufstaucher, Grafiker, Retterinnen, Musiker, bastelnde Händlerinnen, Schüler, und solche, die das gerade nicht sind; allerhand Leben zwischen den Mauern, und eins so unkonventionell wie´s andere.

Und was dem einen ein Müssen ist, ist dem anderen bloße Option. Man kann sich mehr aussuchen, als man meinen möchte. Freilich hat alles seinen Preis, aber welchen man bezahlt, bestimmt man mitunter selbst. Das Thema ging mir durchaus nahe. ´Schule´, erkenne ich an, ist ein Müssen, mit dem ich mich bewusst arrangiere, was ich auch meinen Kindern abverlange. Wir haben Leute getroffen, die das anders angehen, und das mit sehr sympathischen Herangehensweisen.

Ich entdecke, dass ich anders erkläre. „Alles hat zwei Seiten“ sage ich – ich weiß nicht – alles – jedenfalls alles, das ich kenne, und zumindest, soweit ich es im Moment erfassen kann. Keine Reise ohne Heimweh, kein Anfang ohne Ende, keine Begegnung ohne Abschied, keine Wunde ohne Trost, kein Frust ohne Freude,…,  so und andersherum. Und auch kein Urlaub ohne Alltag. So ist das ´in unserer Welt´, ein Satz, den ich vor allem in Berlin öfter gehört habe in dieser oder abgewandelter Form. So gibt es da zum Beispiel eine Welt, in der die Butterdose unbedingt! für mich verkehrt herum benutzt wird, das heißt, die Butter sitzt auf der Unterseite des Bodenteils, während ich sie in die Vertiefung setze, was im unbenutzten Zustand den Deckel satter sitzen lässt. Dann aber, erklärt mir die Herrin dieser anderen Welt, muss man das Messer schräger ansetzen und kann nicht waagrecht abschneiden. Okay. Mir auch egal. Und so adrett ich diese Idee eigentlich finde, dass jeder sich so ein bisschen seine eigene Welt bastelt, so seltsam mutet es mich an. Derzeit wäre mir lieber, es würde uns vermehrt bewusst, dass es doch eine einzige, gemeinsame ist, auf die wir achtgeben und die wir teilen sollen.

´In unserer Welt´ also gibt es Urlaub und Alltag, und das Eine ist vom Andern ziemlich strikt getrennt. Das geht auch anders, das weiß ich wohl, und auf dieser Reise, bei der die Wohnmobile vor dem Haus standen und täglich grüßten, bin ich ihm wieder begegnet, diesem ´anders´, und es sprang mich wieder an und schlüpfte unter die Haut und kitzelte. Vielleicht fallen besagte Grenzen auch im ´anders´  nicht unbedingt weg – ich bin über die Jahrzehnte sehr unterschiedlichen Gestaltungen begegnet – aber sie verschieben sich und fühlen sich weit durchlässiger an.

Nein. Bei uns würde es so nicht passen, und ich könnt´s auch nicht, nicht als Familie. „Learning by doing“ gilt für jedes Leben – wir wollen lernen, mit Müssens wie Schule und der Unterscheidung ´Fest- und Alltag´ klarzukommen. Die, bei denen es mich so anspringt, die, bei denen mir die Aufhebung des Gegensatzes so gefällt, die haben alle eine andere Konstante, eine feste – die ich nicht habe. Und ich mag unseren Alltag auch, ich habe ihn gern, und das selbst dann, wenn ich jetzt, und zukünftig mehr, verzichten muss. Das ist ein bisschen wie mit dem Multitasking – ´eins nach dem anderen´ fällt mir leichter. Vielleicht ist das die schwäbische Kleinstadt, die drin steckt, und das Beamtenkind, das eine saubere Einteilung mag. Erst das Eine, dann das Andere, und immer wissen, woran ich gerade bin und was ich tue. Sonst kommt´s durcheinander und wird konfus und ich will zuviel zugleich und verzettle mich. Und ich will, da ich mir ja nun vornehme, den Tag weniger zu verplanen, dem Alltag ja ohnehin auch mehr ´Frei-Momente´ lassen – das geht sicher, und dann passt das wieder. Das mag alles etwas kindisch anmuten. Aber warum nicht. Auch darauf stieß ich täglich – Kinder sind mitunter verblüffend schlau und haben erwachsene Erkenntnisse auf Lager. So traf ich ein Kind, das keine Schulbank drückt, obwohl in dem Alter dafür – jung, nicht klein – das mir bis dahin Unbekanntes erzählte über Länder, in denen ich selbst schon war und das mich beim Qwirkle – ein großartiges, durchaus logisch anspruchsvolles Gesellschaftsspiel – über Stunden hochkonzentriert und immer wieder satt abzog. Ich habe tatsächlich keine Ahnung, was für so ein Kind in der Schule spannend sein könnte.

Und meine eigenen Kinder klärten mich auf über die Zusammenhänge zwischen Arm und Reich.

Von Rügen nach Berlin. Hipster in Altbauwohnungen, die unter-unter-unter- vermietet werden, und kleine Hochbeete in Hinterhöfen, die von einer Familie gepflegt und von allen geerntet werden. Berlin ist super kinderfreundlich. Mitten in der Alltagswoche werden in Parks Kinderfeste gefeiert, und man kann Tage mit Spielplatzhopping verbringen. Und überall finden sich Wagenburgen und Zirkuszelte und allerhand Wohnen und Treiben in irgendwelchen ausrangierten Bauten – überall sprüht es vor Ideen.

Bloß – „Berlin ist so voller Menschen“ – der Sohn vermisste das Alleinsein. (Deshalb der Trip zum stillgelegten Flughafen). Gefallen hat es ihm, aber noch während der Reise fanden wir, dass unsere schwäbische Kleinstadt ja doch ein ganz guter Ort zum Leben ist.

Wir haben, in diskretem Abstand, ´arm´ gespielt. In Berlin ist längst Herbst, die Bäume dort verfärbten sich bereits, und Wiesen und Gehwege waren voller Kastanien. Und wir im Sommerurlaub – das fühlte sich seltsam an. Am Kanal durch Treptow hatten am gegenüberliegenden Ufer unter Planen und gelbwerdenden Trauerweiden Leute ihr Lager aufgeschlagen. „Was machen die da?“ wollten die Kinder wissen. „´Weiß nicht, ich schätze – Wohnen“, sagte ich, und erklärte, dass es Leute gibt, die keine Wohnung mehr bekämen und aus jedem tragenden System fielen. Ich will mir selbst gar nicht vorstellen, wie das für sie im nahenden Winter wird. Die Kinder wollten ´arm´ spielen, und ich sollte die Reiche sein, und böse!, auf jeden Fall böse. Das verlangte die Dramaturgie, gut gegen böse, arm gegen reich. Ich hätte meine , Rolle gerne anders angelegt  – „sonst kann ich mich selbst nicht leiden“, sagte ich – aber ich habe trotzdem mitgespielt und bin sie herb angegangen, von wegen wie sie aussehen und hausen und was sie da treiben und weshalb sie nicht ordentlich wie andere auch…, diese Tour halt, und habe sie angemotzt und ihnen Platz und Sachen streitig gemacht, und ich konnte mich nicht leiden und war gleichzeitig entzückt, wie gut sie sich wehrten und argumentieren, und wie gut sie erfassten, dass ich, die Reiche, mitschuld war an ihrer Lage und es gemein von mir war, sie so anzugehen. Manche Zusammenhänge verstehen sie ganz gut. Hatte mich erst geschämt und war dann doch stolz.

Ein Rezept für Tomatenbutter habe ich mitgebracht, das unserer Einschulungsfeier zugutekam und ausserdem gesehen, wie schön grüne Wände sein können, und dass ausgediente Schubladen sich hervorragend als Bilderrahmen eignen. Wir wissen jetzt, dass ´cool´ nicht eine große Klappe ist, derweil man sich weigert, das Butterbrot selbst zu schmieren, sondern seine Schwester in Seenot zu retten. Wir wissen neuerdings, dass die Tochter ganz tadellos Fahrrad fahren kann und die Vorstellung, dass Zeit gleichmäßig vergeht, ein ziemlich verrückter Irrglaube ist. In der Überfüllung ist Zeit immer zu wenig. Mit etwas Muse aber kann ein Tag kurz oder lang sein und eine Woche weg wie nix oder nahezu ewig. Und dabei ist es durchaus nicht so, dass das Unangenehme immer länger dauert. Ganz im Gegenteil, diese Reise war soo lang und soo weit – Welten lagen darin und Erkenntnisse aus und für viele Leben.

Corona. Wir hatten gefühlt eine Pause, aber mitgereist ist es, Corona mischt überall mit. Und zurück sind wir gesund, nicht infiziert, aber ärmer, und auch nicht unbedingt ausgeruht, aber um viele Erfahrungen reicher, und um ein Batmankostüm, einen Glitzerrock, einen Paillettenpulli, Porzellanquallen von der Bastelfrau, einer Bluse aus dem ´Zu Verschenken-Schrank´ in Neukölln,…. Schön war´s.

Und auch ´DIE Demo´ ist verarbeitet, die ebenfalls mitgefahren war.

Hier folgt in Kürze der Link zum Blogbeitrag.

Summerfeeling 2020

„Wann, wenn nicht jetzt“

…….. sagt Arbeitsminister Heil, sollen die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie verbessert werden. Die Fleischindustrie selbst ist natürlich dagegen und prophezeit einen Preisanstieg von bis zu zwanzig Prozent. (Ich hätte gar nichts dagegen). Mit Summerfeeling hat das freilich nichts zu tun. Aber dies Jahr fühlt sich alles anders an als sonst, sogar der Sommer.

´Fleischindustrie´. Ich mag schon das Wort nicht. Es wird schließlich nicht Kunststoff hergestellt oder Zement gebrannt.  Da geht es um lebende Wesen und um deren Lebens – und Sterbensbedingungen. Natürlich müssen die Arbeitsbedingungen der Leute, die das  mittragen, auch verbessert werden. Erfährt man selbst keinen Respekt, geht man mit denen, mit welchen man zu tun hat, entsprechend mies um. Ich schätze, ein Tier erfährt die schlechte Laune des Schlachters mit seinen letzten Atemzügen. Schlecht leben, elend sterben und für einen despektierlichen Preis an der Theke verhökert werden – das ist dann die Würdelosigkeit, die wir uns wiederum reinstopfen.

Wann, wenn nicht jetzt… Aber ich habe keinen Kopf mehr für das Thema.

Wie ich auch keinen Kopf mehr habe für den Plastikmüll – auch ein Text, der angefangen und in Zetteln rumliegt, zusammen mit etlichen anderen Themen. Ich habe eine Reportage gesehen, eine andere als letztes Mal, als das Thema mich schon mal umtrieb – aber wieder  war darin ´mein´ Frühlingsquark am malaysischen Strand, und außerdem gezeigt wurde eine Demonstration, wieviel Mikroplastik in zB Peelings steckt, eine satte Messerspitze spüle ich jedes Mal in den Abguss, und was Weichmacher mit uns machen, (zB zeugungsunfähig, was mann ja nun nicht unbedingt will). Im Jahr 2050 werden in den Ozeanen mehr Kunststoffteile sein als organisches Material. Das ist so schrecklich wie unvorstellbar. Wir werfen´s auf die Deponie oder verschippern nach irgendwohin und nennen´s recycelt. Weil eine Zahl dann in diese Rubrik der Statistik darf. Das ist „außen hui, innen pfui“ – bloßer schöner Schein. Ich sortiere falsch, weiß ich jetzt. Ich muss Deckel und Gefäß voneinander trennen und die Stoffe so in den gelben Sack stecken, dass sie maschinell oder mit einfachen Handgriffen sortiert werden können. Oder am besten gar kein Plastik mehr kaufen. Ich bin zurück am Kistenschleppen,  Quark, habe ich entdeckt, gibt es auch in Pfandgläsern, und die neuen Vesperdosen für die Kinder sind aus Metall, es wird offen gekauft, was es autounabhängig offen gibt, und was Reinigungs – und Hygieneartikel betrifft, mache ich mich nochmal schlau, was sich wie umweltschonend gestalten lässt. Ich kann auch nicht ewig aufschieben –

Das tue ich genug, und bisweilen purzelt´s dann übereinander. Im Moment ist der Kopf so voll, dass die Koffer mehrfach umgepackt werden, als hätte das eine direkt mit dem andern zu tun. Ein bisschen geht es mir wie Candide, der stets sicher war, in der besten aller Welten zu leben und immer wieder mit der Nase darauf stieß, dass dem nicht so war. Ich neige dazu, die Worte und Vorhaben der Politik mit ihrem Handeln gleichzusetzen und anzunehmen, dass es für alle Abläufe, um die es geht, die betreffenden Regeln gibt. Um später festzustellen, dass es wieder bloß eine Idee war, oft noch nicht mal um eine einzuschlagende Richtung. Nichts verändert sich, und nichts darf sich verändern, weil sofort irgendwer aufschreit, grade sowieso, wo jeder der Wichtigste ist. Vielleicht geht es alles auch gar nicht. Vielleicht ist es wirklich zu viel Wirtschaftstreiben, das da reglementiert und kontrolliert und gelenkt werden müsste. Und vielleicht ist Solidarität auch nur so eine Idee, ein schönes Wort.

Es scheint zu viel für die Welt, zu viel für die Regierenden, zu viel für mich. Zumindest im Moment. Familyaffairs, volle Pulle. Die Kinder werden groß, die Eltern alt und jedes der Geschwister geht anders damit um. Bisweilen bin ich froh, wir schaffen es, die Dinge so zu regeln, dass sich alle noch liebhaben können.

Ich bin an Einschulungsthemen. Manche Schulsachen sind bereits ausverkauft. Zum Glück ist wenigstens die Schultüte jetzt fertig. Wie das mit dem Fest wird, lassen wir auf uns zukommen. Und so halten wir´s auch mit der Fasnet, um die sich bereits gesorgt wird. Das juckt mich noch überhaupt nicht. Ich denke, es gab Ostern trotz Corona, Pfingsten und sogar Freibad und Sommerferien, es wird einen Advent geben und Weihnachten, und eine Fasnet bestimmt auch, anders halt und bestimmt unvergesslich.

Dann natürlich Corona. Die große Demo in Berlin diesen Samstag ist verboten worden. Ich könnte mir vorstellen, den Organisatoren kommt das Verbot mitunter entgegen. So können sie ´trotzdem´, und das ist eigentlich viel geiler. Mir scheint ja, es sind gar nicht so sehr die einzelnen Coronaregeln der Stein des Anstoßes. Abgesehen davon, dass man Regeln nicht gut finden, sondern sich an sie halten soll – in der Tempo-30-Zone kann man auch fünfzig fahren wollen, und Steuertricksereien gelten vielen als schlau –  scheint mir, ist es nicht die Maske, die, wer sie nicht mag, ohnehin unterm Kinn trägt, und auch nicht der eineinhalb-Meter-Abstand, den man überall im Land brechen kann, ohne dafür nach Berlin reisen zu müssen. Dies zu tun ist in der Masse allerdings, friedlich und doch provokant, bei Weitem öffentlichkeitswirksamer. Es geht dort auch weniger, könnte ich mir vorstellen, um die Künstler, die wieder auftreten wollen oder um Reiseveranstalter, die ihre Reisen verkaufen wollen, und vielleicht noch nicht mal um die Angehörigen von Patienten und Bewohnern in Krankenhäusern, Hospizen und Pflegeheimen, die ihre Lieben besser begleiten wollen. Es geht hauptsächlich um die Frage „wer ist der Staat, und darf der das überhaupt“, mit Verweis auf die deutsche Geschichte, die in der Tat eine besondere Verantwortung mit sich bringt. Die Frage nach staatlicher Macht muss  jeder regelmäßig neu beantworten. Aber dabei muss man eben auch abwägen. Eine Regel, die die Freiheit einschränkt, ist nicht zwangsläufig ein Unterdrückungsinstrument. So darf ja auch nicht jeder einfach bauen, wo und wie es ihm passt, nicht mal, wenn ihm das Land gehört. Ökosystemen sind Grundbucheinträge egal. Deshalb gibt es Flächennutzungspläne und Vorschriften. Nur ein Beispiel – es gibt unzählige. Man muss schon differenzieren. Wo Menschen zusammenleben, gibt es Regeln. Und es mag nicht jeder dieses Virus einfach vom Tisch wischen. Nun soll es da also einen großen Aufmarsch geben, die, die durchweg ´nein´ sagen gegen die Staatsmacht. Na prima. Das ist genau, was das Land jetzt braucht. Ich meine, Corona ist eine Krise, die ihre Härten mit sich bringt und ihre Antworten braucht, aber  – da gebe ich den Zweiflern Recht – wir leben nicht im Mittelalter und haben es nicht mit der Pest zu tun – sie ist vergleichsweise handelbar und noch lange nicht die ärgste Krise, in der wir stecken. Wenn wir diese nicht packen, einigermaßen geeint als Gesellschaft, wie dann erst die anderen, für die man sich noch viel mehr einschränken muss, denen man viel geeinter begegnen muss. DA wird mir bang.

Mit Macht umzugehen hat man hierzulande noch immer nicht gelernt. „Nein“ und „nicht mit mir“zu skandieren  ist nicht per se ein Zeichen souveräner Aufgeklärtheit. Aber es will halt jeder ein bisschen König sein.

Ich auch. Ich muss aber meistens die Böse spielen. Da fällt mir ein, ich habe die Krone vergessen. Das Prinzessinnenkleid ist eingepackt, der Zauberstab auch, die Krone fehlt. In unseren Spielen sind die Rollen klar verteilt; der Plot wird besprochen, im Konjunktiv, dann geht’s los, irgendwann sagt eins ´Spielstopp´. Das haben sie so im Kindi gelernt und es gefällt mir gut. Danach geht´s real weiter, Diskussionen um Notwendigkeiten und Müssens inklusive, immer wieder neu abgewogen. Es muss für alle passen.

Koffer nochmal auf. Krone rein. Und wieder zu. Jetzt ist´s aber gut. Nix wie los ans Meer. Ich habe Angst um die Zukunft der Kinder. Aber erstmal wollen wir genießen, so gut wir können. Ferien, Sommer, Meer. So schlecht ist alles vielleicht auch gar nicht. Maske auf und zum Zug – yeah

Eine Verschwörungsgeschichte und ein perfider Plan

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Perfidie

Wikipedia: „Als Perfidie, auch Perfidität,   (lat.  perfidus = treulos, wortbrüchig, niederträchtig), beziehungsweise mit dem davon abgeleiteten Adjektiv perfide, werden Handlungen einer Person oder Personengruppe bezeichnet, die vorsätzlich das Vertrauen oder die Loyalität einer anderen Person oder Personengruppe ausnutzen, um beispielsweise in geschäftlichen Beziehungen oder in militärischen Auseinandersetzungen einen Vorteil zu erlangen. Das bewusste Erzeugen eines solchen Vertrauens durch entsprechende Maßnahmen ist dabei oft ein wesentlicher Teil einer perfiden Handlung….“

Passt! Ich habe ein Gefühl dafür, aber keine Worte. Diese treffen´s exakt.

 

Ich habe mich dem ausgesetzt, nachdem ich von einem, der mir nahe steht, einen Link per Whats-app erhalten hatte, “ Der perfide Plan des World-economic-forum“, versehen mit dem Zusatz „ ANSEHEN! HAMMER! RIESEN-SCHWEINEREI!“ Ich hatte das Gefühl, ich sollte Stellung beziehen. Mich verlangt nicht danach dergleichen Geschichten, aber ich tat´s. Da war eine Frage, die eine Antwort wollte.

Ein Clip – der Text gesprochen von einer dunklen, fast sanften, aber penetrant eindringlichen Frauenstimme – die in einer Mischung aus Nachrichtenduktus und Dozentin den „perfiden Plan des Weltwirtschaftsforums“ erklärte. Ein paar einführende Worte zu den Widersprüchlichkeiten des Virus-Geschehens, die Ankündigung, bald werde jede Form von Selbständigkeit der Vergangenheit angehören, Corona sei keine Pandemie, sondern eine Plandemie, und mit diesem Plan würde die digitale Transformation betrieben – die Ermordung der Schöpfung!, sagt sie, das Ganze nachzuverfolgen auf der Seite des World-economic-forums, Wef, anschließend folgte ich ihren Anweisungen und klickte mich durch dessen Seite.

Ich landete schnell bei einer Grafik, der ´Covid19 transformation map´, die, so verstehe ich das, auf verschiedenen Ebenen die diversen Aufgaben, die Corona global mit sich bringt, aufzeigt, und  – es geht diesem Forum um die Wirtschaft – sämtliche Wirtschaftsbereiche zuordnet.  Ich werde zu ´global governance´ gelotst – ´seht ihr, da ist sie, die Weltregierung´ – , zu ´human enhancement´, wo es um die ´Verbesserung der menschlichen Leistungsfähigkeit´ geht.  Die eindringliche Dozentinnenstimme erwähnt 5G, ohne Link auf der Grafik,  – „wir alle wissen, diese Strahlen sterilisieren“ – , ´in 10-15 Jahren werden wir feststellen, dass eine Massensterilisation stattgefunden hat. Dann werden wir unsere Elternschaft bestellen müssen, bekommen ein industriell, mit genom engineering optimiertes Wesen, ein Industrieprodukt, wir werden schließlich alle Eigentum einer Firma sein, es wird keine Schöpfungskinder mehr geben.´ Ich guckte auf die Leiste unten am Bildschirm, die anzeigt, wie lange der Clip noch geht, ich war kurz davor in die Tischkante zu beißen. Gleich geschafft. Weiter. Am Ende ´die Zerstörung des Seelenbaumes Avatar, die Digitalisierung ist die antichristliche Agenda, wir werden entmenschlicht, wir müssen aufstehen, wir müssen wie Sophie Scholl werden´.

Puh. Das ist starker Tobak. Dicker auftragen und ärger verdrehen geht nicht.

Ich habe beim Klicken durch die Grafik nichts gesehen, was diesen Plan belegen würde. Angeklickt habe ich Themenfelder. Das Wef spricht von Multistake-holders, ich hatte diesen Begriff nicht gekannt, googelte und stieß auf eine Diplomarbeit der Uni Graz über die Wirkweise von solchen Multistakeholdern.

https://unipub.uni-graz.at/obvugrhs/240266

„Die Zusammenarbeit von unterschiedlichen Stakeholdern spielt in der Global Governance eine immer wichtigere Rolle und hat die althergebrachte Form der Zusammenarbeit zwischen Regierungen abgelöst. Die staatlichen Gesetzgebungsorgane haben ihre Monopolstellung in der der internationalen Rechtsetzung verloren. Internationale Organisationen, zivilgesellschaftliche Akteure und Vertreter aus dem Wirtschaftssektor wirken nun mit ihnen zusammen in der Global Governance und tragen mit ihren speziellen Eigenschaften und Fähigkeiten zur Bewältigung globaler Schwierigkeiten bei…..“

Corona ist, daran hege ich keinerlei Zweifel, eine globale Aufgabe und Herausforderung. ´Global governance´ ist nicht ´die Weltregierung´ sondern der Oberbegriff dafür, dass globale Aufgaben global gelöst werden müssen und es dafür mehrere Institutionen braucht, Regierungen, zivilrechtliche, sozialwissenschaftliche Einrichtungen, wirtschaftliche, …, keiner ist allein am Drücker. Durchaus wünschenswert. Wenn´s richtig funktioniert, meine ich, ist das Machtkontrolle. In der Grafik, wird zu jedem Themenfeld auf eine Universität, eine Organisation, ein Institut verwiesen, das in diesem Bereich die Forschung betreibt, vielleicht führt und bündelt, Ideen entwickelt, die das ist, was man wohl Thinktank nennt, so stelle ich mir vor. Zu keinem der Themen steht da eine Ausgestaltung, eine bestehende Denk-oder gar Handlungsrichtung. Was die eindringliche Dozentinnenstimme darüber sagt, ist frei hineininterpretiert, ist nur den Begriff benutzt und etwas daraus gesponnen. Man kann die Themen anklicken, aber um zu den sich dort entwickelnden Überlegungen zu kommen, müsste man sich einloggen. Der Clip ist so weit nicht gegangen, und ich tue es auch nicht, ging auch nicht, ´keine Berechtigung´. Schade.

Ich stehe manchen der aufgelisteten Themen auch kritisch gegenüber. Bei ´Optimierung´denke ich nicht an Veränderung des Erbguts. Ich tue mich schwer mit 5G und der Digitalisierung, deren Verdienste ich anerkenne, die mir aber zu aggressiv in ihrem Tempo und ihren Versprechungen ist. Ich finde unbedingt, dass Macht kontrolliert und begrenzt sein muss. Aber diesem Teufel-an-die-Wand-malen kann ich nicht folgen. Und das tut die sanfte Dozentinnenstimme – da wird der Teufel an die Wand gemalt. Es ist diese Verdrehung  von Bedeutungen und Begrifflichkeiten, die so fies und niederträchtig ist, die mich so ärgert. Die anderen mit dem Dreck bewerfen, in dem man sich selbst suhlt. Und einer, den ich mag, und der aus Gründen, die er eigentlich nur selbst wissen kann, offen dafür ist, dem verdreht´s die Rübe. Der Antichrist, gute Güte, drunter geht’s nicht – und natürlich ist es der andere, der den fiesen Plan hat. Der da gar nicht steht. Das einzige Wort, das stimmte in der Überschrift, war das Wort ´perfide´. Nur trifft es nicht auf einen existierenden Plan zu, den es also nur in den Köpfen derer gibt, die ihn so behaupten.

Ich habe versucht das nachzuvollziehen.

Der youtubekanal wird im Wesentlichen von einem Reichsbürger und einem, der mit Neonazis abhängt, betrieben, außerdem stieß ich beim ersten Suchen noch auf einen  Journalisten, (den ich bei der zweiten Suche nicht wiederfand, weil ich mir die Wege nicht gemerkt hatte), der behauptet, einen Bestseller über die dritte Generation der RAF gelandet zu haben, das kein Enthüllungsbuch wurde, sondern eine Verschwörungserzählung beinhaltet, dennoch wurde es preisgekrönt verfilmt – als Thriller.

Und darum geht´s – alles ist reine Fiktion. Man nehme ein paar Fakten und Eckdaten und spinne eine abgefahrene Geschichte daraus, gut und spannend zu lesen, und wenn man es geschickt anstellt, kann am Ende keiner Wahrheit von Fiktion unterscheiden. Solche Thriller kann man ja schreiben, weshalb nicht, keine schlechte Idee –  aber das dann als Wahrheit zu verkaufen – DAS ist perfide.

Und das sind dann die, die ´Lügenpresse´ schreien.

Und dann wird stets der ausbleibende Dialog beklagt. Okay –  wenn´s unbedingt sein müsste – ich verweigere nicht. Aber der wäre schnell erledigt – mit „bullshit“ ist man durch. Worüber will man sich denn unterhalten, bei diesem Plan, den es nicht gibt?

Wie kommt man darauf, dass 5G sterilisiert?  „Wir alle wissen“, hatte es im Text geheißen. Nein, ich wusste das nicht. Woher wissen DIE das? Das wäre vielleicht eine Frage. Und auch – weshalb tut man das? Weshalb erzählt man solche Lügengeschichten? Wie sieht der geheime Plan dahinter aus?

Löschen – diese Verdreher beklagen Zensur, und ich weiß nicht – ich kann´s und will´s nicht beurteilen – der Clip ist niederträchtig und gelogen, er ist manipulativ, und den Wunsch zu löschen kann ich zumindest nachvollziehen. „Shut up as….le!“ –  das würde ein Löschen dann bedeuten. Sagt man aber nicht. Ich weiß. Tu ich also auch nicht, nicht wirklich.  Aber wenigstens eine Warnung bräuchte es, „Vorsicht, nicht belegte Behauptungen´, und eine Art Hotline, bei der man´s melden kann, damit so mieses Zeug mit einem Verweis gekennzeichnet wird –  ´Fiktion´. Wenigstens.

Widerstand II

Über die Demo in Berlin am 01. August gegen die Coronamaßnahmen

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Es waren anscheiend viele Schwaben dort. Wutbürger schwätzen schwäbisch. Die Zahlen, wie viele Demonstranten es insgesamt waren, schwanken zwischen 20.000 (Polizei) und 1,8 Millionen (Veranstalter und diverse Medien).  Zwei wenigstens sind aus dem Kreis und kommen in der nrwz zu Wort.

Der Eine mit diesem Beitrag:

Antwort eines Demo-Teilnehmers: „Wir wollen lediglich den uns verweigerten Dialog aufnehmen“

Daraufhin habe ich folgenden Leserbrief geschrieben;

 

Lieber Roman,

in einem gebe ich Ihnen unumwunden Recht: „Für ein Leben in Liebe, Frieden, Freiheit, Bewusstheit, Dankbarkeit und im Einklang mit der Natur.“ Ihr Motto. Dafür stehe ich auch, und ich wünsche mir, dass dafür ein weit überwiegender Teil der Menschheit steht.

Ich war trotzdem nicht auf der Demo. Ich sehe auch nicht, dass Meinungen unterdrückt werden. Es wird sehr sehr viel gesagt und sehr sehr viel verbreitet, in allen möglichen Medien, auf allen möglichen Plattformen und Kanälen, es wird demonstriert und protestiert und das ohne, dass es irgendwelche negativen Konsequenzen für irgendwen hätte. Es kommen nur einfach viele Meinungen und Haltungen nicht zum Tragen. Und auch ein wissenschaftlicher Diskurs findet statt. Nur wird nicht allen Wissenschaftlern gefolgt. Mir scheint, dies ständige Beleidigtsein, ´ich werde nicht gehört´, ist Teil des Problems unserer Gesellschaft. Jeder will den Ton angeben und ist beleidigt, wenn es grad ein andrer tut. Demokratie ist auch, Mehrheiten auszuhalten. – Solange sie auf dem Boden des Grundgesetzes sind, freilich. Schön, wenn dies eine solche Würdigung erfährt. Das Grundgesetz aber sehe ich persönlich durch die derzeit beschränkenden Seuchenschutzgesetze nicht in Gefahr, eher dadurch, dass es ad absurdum geführt wird von Leuten, denen es um anderes geht.

´Nicht Spaltung, sondern Gemeinschaft, und einen Konsens für das Wohl der Gesellschaft´ wünschen Sie sich, wenn ich das richtig zusammengetragen habe. Das wünsche ich mir auch. Und viele Demonstranten würden das sicher genau so unterschreiben. Einigen aber, es mögen wenige sein, doch die sind in der Organisation dieser Demos stark vertreten, geht es durchaus um Spaltung.

In den Thinktanks der Rechten werden Strategien gelehrt, wie Begriffe so verdreht werden, dass stets der Angreifer das Opfer ist und der Verursacher der Verwirrung ihr Ankläger. So sind für diese Strategen zB. stets die Anderen die Freiheitsbeschneider und Meinungsdiktatoren, während sie selbst es sind, die ein ganz klar umrissenes Bild davon haben, für wen welche Rechte und Freiheiten gelten und für wen nicht.

Nein, da muss ich Ihnen widersprechen – ich finde, es gibt durchaus Haltungen, die keine Bühne bekommen sollen. Kein Pakt mit Rechtsaußen.

Nichtsdestotrotz finde ich die Energie, die aus diesen Demos spricht, durchaus ermutigend, wie mir auch die Entschlußkraft der Politik gut gefällt. Und da wiederum gebe ich Ihnen Recht – sie zeigt sich mitunter nur an der falschen Stelle.

Ja, es gibt bedrohlichere Krisen als Corona. Aber die heißen nicht Mund-Nasen-Schutz. Die heißen Klimawandel und Umweltzerstörung. Und da sieht es mit der Demonstrationsfreude doch ziemlich anders aus, und mit der Entschlußkraft der Politik auch, und es werden von Klimawandelleugnern, -skeptikern, und – relativierern wieder nur diejenigen Wissenschaftler anerkannt, die die Bälle flach halten und abwiegeln, ´alles nicht so wild, kein Grund irgendwas zu verändern´. Und drum beschleicht mich das Gefühl, dass es in Wahrheit um etwas ganz anders geht. Es wird ja nirgends so viel von Panik gesprochen wie auf den Demos gegen die Corona-Maßnahmen. Und ich glaube, in Wirklichkeit ist ebendiese Panik vieler eine vor einem Ende der Party und die größte Motivation für ein solches kollektives ´Dagegen´.

Die Freiheit des einen hört da auf, wo die des andern anfängt. Und das liegt ziemlich dicht beisammen.

Unsere Kenntnisse über Corona sind allesamt begrenzt, und ja, auch ich sehe mehr Kollateralschäden als tatsächliche Erkrankungen.  Ich sehe aber auch, dass es anderswo auch andersherum stattfindet. Der schwedische Umgang mit Corona gefiel und gefällt auch mir. Allerdings sei hinzugefügt, ist dort  nicht nur die Politik anders und setzt auf mehr Eigenverantwortung, dort reagiert auch die Bevölkerung verständiger und weniger missmutig.

Ich wünsche mir größere Flexibilität und großzügigeres Abwägen in einzelnen Abläufen, Einrichtungen und Detailfragen. Darin stimme ich Ihnen zu. Ich sehe aber auch, dass, wo die Virenlast hoch genug ist, es schnell eskaliert und das Gesundheitssystem sprengt, und so lange das so ist, trage ich Mundschutz und umarme ausgewählter, was auch etwas für sich hat, und halte mich weitestgehend an die Regeln –  denn – eben – keine Panik! Es gibt Schlimmeres.

„Für ein Leben in Liebe, Frieden, Freiheit, Bewusstheit, Dankbarkeit und im Einklang mit der Natur.“ Das bedeutet Rücksicht, Selbstbeschränkung, Verantwortung und Nachhaltigkeit.

Würde mich freuen, man träfe sich auf einer Demo, auf der es genau darum geht.

Herzliche Grüße

Beate Kalmbach

Bestandsaufnahme KW 26, Halbzeit 2020

Das Jahr fing gefühlt Mitte März an und das mit einem Ende, mit dem Ende des gesellschaftlichen Lebens. Alles Vorherige gehört in eine andere Epoche. Die ersten Wochen des neuen Jahres waren daher von Umwälzungen bestimmt. Als wäre die ganze Familie ausgewandert. In der Fremde ist man ähnlich auf sich und die seinen begrenzt und lernt mit jedem Tag die Regeln der Umgebung neu. Das Fremdsein wird schnell ´normal´, das Vertraut-werden dagegen dauert lang, und selbst kleine Erkenntnisse fühlen sich an wie Meilensteine auf dem Weg zu neuer Sicherheit. Ostern mit Corona war wie Weihnachten in Byron Bay – surreal.

Wir waren nie Meister fester Strukturen und Abläufe. Nicht, weil wir keinen Wert darauf legten, das tun wir, aber manchmal drängt sich auch etwas anderes auf, manchmal ist ´Regelmäßigkeit´ nicht das dringlichste Problem. Die Strukturlosigkeit dieser plötzlichen Fremde gab uns nun den Rest. Quasiferien, Alltag und Katastrophe, Zäsur, Protest und Normalität, und homeschooling, das irgendwie auch – chapeau, wer da Überblick und Ordnung behält. Wir ergaben uns dem Fluß der Dinge und hielten die Köpfe oben. Wenigstens sind wir nicht so schlecht darin, unser bestmögliches aus einer Lage zu machen. Mitunter hatten wir viel Spaß in diesem Gewässer und wir lernten viel von – und miteinander. Und wie die Schule jetzt wieder anfängt, stellen wir fest – es geht. Dem Großen war es durchaus kein großer Schock. Das frühe Aufstehen ist nach wie vor ungeliebt, aber als ich ankündigte ´bald wieder volle Wochen´ zeigte er sich bereit – er will. Das hat mich gefreut. (Wir sind uns einig, dass wir uns eine 9-Uhr-Schule wünschen. Der etwas spätere Beginn nahm viel Dampf aus den Tagen). Und auch schulstofflich kommt er mit; manche Kinder strecken schon, da hat die Lehrerin noch nicht mal den Satz zu Ende gesagt, er muss noch kurz überlegen, aber dagegen ist nicht viel einzuwenden. ´Puh´. Erstmal.  

Im Mai  wurden in Sibirien innerhalb des Polarkreises 30 Grad Celsius gemessen.  Und die EU beschloss ein 500 Milliarden schweres Wirtschafts-Soforthilfeprogramm, das erste von einer ganzen Reihe weiterer.  Die Wirtschaft soll alles wieder aufholen, so schnell wie möglich, und weiterwachsen, wohin auch immer. Der Permafrost taut. Die Lufthansa wird mit 9 Milliarden ´gerettet´ und fliegt mit vollbesetzten Flugzeugen auch wieder fleißig Inlandsflüge. Und Porsche fährt direkt nach der Kurzarbeit Sonderschichten. Versteh wer will.

Bill Gates schickt sich an die Welt zu retten. Ich weiß nicht wie hoch genau die Summe ist, aber er scheint bereit zu sein, ziemlich viel seines Reichtums in die Erforschung eines Impfstoffes zu stecken. Das soll ich jetzt wohl bewundern. Aber eigentlich finde ich es anmaßend. Abgesehen davon, dass ich solche Dimensionen von Reichtum fragwürdig finde, wäre es nicht an einer Einzelperson oder deren Stiftung, diese Forschung zu lenken, sondern an übergeordneten, möglichst globalen Institutionen. Die Uno mag überarbeitungsbedürftig sein, aber ich meine, sie ist unverzichtbar und braucht eher mehr, als weniger Einfluß. Es würde genügen, Bill Gates überwiese Geld, und wenn er dann schon dabei ist, könnt er auch gleich noch an das WorldFoodProgram überweisen. Dann müssten sie im Jemen nicht verhungern.

Das Virus ist noch fieser als gedacht. Es verändert sich rasch, und Antikörper nehmen anscheinend schnell ab. Und selbst wer symptom – oder komplikationslos infiziert war, kann  Schäden an Herz und Lunge zurückbehalten. Das ist fies!

In Brasilien juckt das die Regierung nicht. Die Indigenen werden vertrieben und der Regenwald brennt. Es gibt Konzepte für eine nachhaltige, intelligente Nutzung des Regenwaldes, aber das Interesse einiger am schnellen Geld ist größer. Bolsonaro ist ein Scheißkerl, ärger noch als Trump, und das will was heißen. In Griechenland sitzen unverändert viel zu dicht und elend Tausende in den Lagern fest, und im Mittelmeer ertrinken sie. Ich verliere den Überblick über die Katastrophen der Welt.

Familiengeld. Freilich, das kommt nicht ungelegen. Wir haben wie gewünscht selbst im Lockdown die Wirtschaft angekurbelt und mehr Geld ausgeben, als  eingenommen. Support your locals. Ich bräucht dies Familiengeld dennoch nicht. Ich meine, klar wird es irgendwie ausgegeben werden, und es wird der Familie zugutekommen. Aber würd es es nicht geben, dann würde es nicht fehlen.

Wieder so ein Gießkannending, damit keiner mault, es haben nur die anderen bekommen. Da, wo´s fehlt, fehlt mit und ohne. Und am Ende muss die Wirtschaft noch mehr brummen und kann man auf noch weniger Rücksicht nehmen, damit die Kohle wieder reinkommt.

Im großen Vergleich wirken solche Finanzbetrachtungen eh ganz anders. Wirecard ist insolvent, die Aktie im Keller, 2 Mrd. Luftbuchungen. ´Das könne noch Konsequenzen haben für die Szene der Finanzprüfer´, hieß es in den Nachrichten. Das Wort hallte in mir nach. Die Szene der Finanzprüfer. Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass es da eine Szene gab. Woran macht die sich fest? Woran erkennt man sich da? Was ist das Bindende, wo ist der Kick? Ich kenne Punks und Grufties, die erkennt man sofort; Rocker und Ökos ebenso. Das sieht man an Kleidung, Accessoires, an der Musik, an der Sprache. Aber Finanzprüfer? Was sind das für welche? Sehen die aus wie der blonde Hüne in Boxershorts mit der brünetten Schönheit im Arm, irgendwo – war´s Singapur? Das war ein Mitverantwortlicher bei diesen gigantischen Spekulationsverlusten vor einiger Zeit. ´Die Szene der Finanzprüfer´. Und ich hatte gedacht, das sei ein ganz normaler, bürgerlicher Beruf. Weiß da jemand was? Täte mich interessieren.

In der Familie wird Omas Achtzigster geplant und die Meinungen gehen weit auseinander, wie und ob er überhaupt gefeiert werden soll.  Ich bin dafür. Achtzig. Auf die Zahl ist sie voll stolz. Und sie feiert so gerne Geburtstag.

Wir sind froh, dass das Freibad wieder aufhat.  Das war lange herbeigesehnt; davon ging die Rede schon in Tagen, in denen Corona etwas war, das sich weit weg zutrug. Den ersten Besuch hätten wir auch bei Vollbewölkung und Nieselregen durchgezogen. Die Coronaregeln nehmen wir hin. Aber dann war das Wetter ganz passabel, und es war so wenig los, dass Abstandhalten kein Problem war. Nach ein paar Stunden war die Vertrautheit mit dem Wasser wieder so weit hergestellt, dass der Bub einen Sprung vom Einser wagen konnte. Das Mädel wäre auch gerne, getraute sich aber nicht, stand oben und rang mit sich, und ging wieder runter, und wieder rauf, stand und rang, und wieder runter,… Es war zu hoch, zu wackelig, das Becken zu tief, und ich durfte nicht am Rand mit drin sein. Das Schwimmerbecken nebenan war komplett leer. Es war kaum mehr ein Dutzend Badegäste auf dem Gelände. davon vier Kinder, die zu uns und einem befreundeten Haushalt gehörten. Ich dachte, vielleicht täte sie sich an den Startblöcken bei den Schwimmerbahnen leichter – die wackeln nicht, sind niederer, und ich kann im Becken nebendran sein. Ich rief zur Badeaufsicht, ob ich das ´Gesperrt´- Schild kurz wegnehmen könne. Das Einbahnstrassenschwimmen leuchtet mir ein, und da kann einem dann nicht einer vor die Nase hopsen, ganz klar. Aber es war kein Mensch mehr im Schwimmerbecken und keiner drum herum. Die Badeaufsicht rief ´Nein´ und kam herüber, ich fragte nochmal ´kann man nicht? – es ist keiner mehr da!´, er erklärte, das sei wegen Corona, und ich sagte, ich hätte die Dinger auch ohne Corona kaum je geöffnet gesehen, weder im Freibad noch im Hallenbad, (da waren wir schon ganz ähnlich auf dem Sprungbrett gestanden, hoch, runter, vor und zurück), und jetzt wären sie eventuell hilfreich. Er tue nur seine Arbeit! Klar Mann. War ja nicht als Anmache gemeint; war nur eine Frage, ein Nachhaken und ein Einwand. Muss man da gleich so angesäuert reagieren?  Die Leute sind dünnhäutig in diesen Tagen. Und so grob und wüst wie man auch miteinander auch allerorten umgegangen wird – selbst eine kleine unbedeutende Auseinandersetzung hält kaum jemand noch aus.

(Zur Ehrrettung des hiesigen Freibads sei hinzugefügt, dass wir jetzt noch mehrmals waren, auch bei 1a-Badewetter, als das Bad voll wurde und sämtliche Mitarbeiter mit den vielen Maßnahmen einen schweren Job hatten und das allesamt ganz prima machten, und dass sie es umso schwerer haben, je sorgloser sich die Badegäste benehmen.)

Diese Regel machte in diesem Moment keinen Sinn. Wenn er, der junge Mann von der Badeaufsicht,  da jetzt nachgäbe und das wiederum jemand sähe, dann stünde er in Erklärungsnot, wenn er beim nächsten Anfragen dagegen ´nein´ sage. Sagt er. Das kann ich schon verstehen, aber halt nicht ganz, denn selbstverständlich gehört es zu einer Regel dazu, dass sie unterschiedlich Anwendung findet, wo die Situationen sich unterscheiden, die sie berührt. Meine kleine Tochter geht als die Jüngere häufig früher ins Bett als der Große, der noch etwas aufbleiben darf. Neulich nachts bin ich bei Rot über die Fußgängerampel gegangen, weit und breit war kein Auto und auch das Trottoir war leer. Fast. Kam ein Typ und maulte ´bei Rot müsse man stehen, was gäbe ich denn für ein Beispiel ab´. „Sie sind erwachsen! Brauchen Sie noch immer gute Vorbilder im Straßenverkehr, damit Sie wissen, wann Gehen und wann Stehen?“ Ist doch wahr! Andauernd, im kleinen und im großen Leben, gibt es unterschiedliche Regelhandhabungen für dieselbe Angelegenheit, und das finde ich absolut logisch, ich nenne das Differenzieren. Wo ist das Problem? Es geht nicht ums disziplinierte Einhalten der Regel als oberste Tugend, es geht um deren Sinn.

„Gesunder Menschenverstand“ wird oft angemahnt, ich kann´s bald nicht mehr hören, und die, die ihn am Lautesten  verlangen, haben meist nur eine einzige Auslegung dafür und schieben alle Belange, die anderes nahelegen, konsequent beiseite. Vom gesunden Menschenverstand bleibt dann nur eine ziemliche Beschränktheit. Ich plädiere für ´Augenmaß´, das lässt eigenen Verstand zu, verschiedene Blickwinkel zu und verschiedene Auslegungen in den jeweiligen Situationen.

Ich schätze, das geht allen auch genauso mit diesen Coronaregeln  – mal hält man sich daran, mal nimmt man es entspannt. Ich ziehe öfter den Mundschutz auf als ich muss, aber manchmal halte ich nicht den Abstand. Das Leben kann nicht aus Abstand-halten bestehen. Ich wäge ständig ab. Und ich meine, das ist okay so. Das Thema bleibt präsent und in den Köpfen, aber im Übrigen begrenzen sich die ganz harten Regeln eben auch auf die Gegenden, in denen es zur Sache geht, auf die Hotspots.

Black Lives Matter. Natürlich tun sie das. Jedes Leben zählt. Deswegen geht auch jedes Leid jeden an. Deswegen ist es so wichtig, für alle faire Bedingungen und die Chance auf ein erfolgreiches Streben nach Glück zu schaffen. Und natürlich gibt es Rassismus auch in Deutschland und natürlich ist der in Streitkräften und bei der Polizei weiter verbreitet als im Rest der Bevölkerung. Das weiß man nicht erst seit George Floyd und den weltweiten Demos danach und seit dem Zwölf-Seiten-Brief aus dem KSK in Calw an die Verteidigungsministerin. Das ist seit Langem bekannt. Und natürlich ist das systemimmanent. Das ist so, weil Leute, die ein Faible für Autorität und hierarchische Strukturen haben, oft auch Uniformen und das Tragen von Insignien staatlicher Macht mögen. Macht ist geil, und noch geiler, wenn man sie ausspielen kann, und so ist, wo Macht ist, Machtmissbrauch oft nicht weit. Uniformen geben ein ´Wir´-Gefühl, und ´Recht und Ordnung´ liefert ein paar Feindbilder und so geht ´Wir´ gegen ´die´. Ich stelle mir das so gesehen ganz schlüssig und banal vor.

Man frage mal junge Migranten nach ihren Erfahrungen. Die haben nicht das Knie im Genick und werden nicht in Würgegriff genommen, aber jeder wird Geschichten erzählen können, in denen er sich aufgrund seines Fremd-seins schikaniert fühlte.

Nach der Randale in Stuttgart ist man fassungslos. Überwiegend junge Männer, viele mit Migrationshintergrund, prügeln, plündern und verwüsten die Stadt. „On des bei ons!“  – man reagiert geschockt. Ich verstehe dieses Geschockt-sein nach schweren Verbrechen oder Ausschreitungen nicht. ´SO was bei uns´. Hat da denn wer gedacht, Übel gäbe es stets nur anderswo? „Das war wie Krieg!“ sagten Polizisten. Kann ich mir vorstellen.  War auch die Altersgruppe, die man für gewöhnlich in den Krieg schickt. Anscheinend wähnten sie sich in einem. Kommt auch nicht von ungefähr. Und da jetzt zu viel Testosteron, zu viel Alkohol, Drogen, viel Frust und eine Portion Arschlochmäßigkeit – voilà. Ich will´s nicht relativieren, so geht’s natürlich nicht, aber man muss es auch nicht überbewerten. Ich schätze sehr, das war eine spontane Eskalation, die sich nicht wiederholt. Stattdessen wird nach noch mehr Härte gerufen. Ich weiß nicht, ob´s die richtet. Ich habe da Zweifel.

Deutschland ist jedenfalls nicht Amerika, wo die Unterscheidung nach Hautfarben sich durch alle Lebensbereiche zieht und Cops sich benehmen wie Straßengangster. Wundert eigentlich schon. Aber in Amerika waren von  Beginn an alle Auswanderer, von denen jeder einzelne sein Päckchen mitbrachte. Wem es gut geht und wer daheim glücklich ist, den zieht es nicht weg. Es gehen die, die an irgendwas verzweifeln, vor irgendwas abhauen, im Bleiben keine Chance sehen, sich einen Neuanfang anderswo aber zutrauen. So gesehen gründet Amerika auf Mut und einem Schuß Draufgängertum, aber auch auf viel Gewalt und Verzweiflung. Das ist offenbar geblieben. Die Vorfahren derer, die in USA am stärksten diskriminiert werden, kamen sowieso nicht freiwillig. Sklaverei ist nicht Migration. Heute machen diese Nachfahren  den Großteil der Strafgefangenen aus in dem Land mit den meisten Strafgefangenen der Welt. Und dort arbeiten sie in zum Teil privatisierten Gefängnissen und in diesen angeschlossenen Fabriken. Feudalherrschaft ist nicht viel anders. Natürlich kennt die Geschichte auch hierzulande Sklaverei. Aber der Rassismus hier hat ein anderes Gesicht. Schöner ist das allerdings auch nicht.

Ich würde das Wort ´Rasse´ aus den Wörterbüchern streichen. Ich finde das durchaus keine unnütze Diskussion. Es gibt keine Rassen, nicht bei Menschen, nicht bei Tieren. Im  Übrigen empfinde ich diese Diskussion zwar als wichtig, aber nicht als vorrangig, nicht in dem Maß, dass sie die Frage verdrängt, wie es nach und mit Corona weitergeht,  im Ländle, im Staat, im Staatenbund. Wie und wohin. Dass wir unser Verhältnis zur Umwelt und allem, was darin lebt, ändern müssen, steht eh außer Frage.

Ein neues Kohlekraftwerk ist trotz Kohleausstieg in Betrieb gegangen. Ein großer Wald wird gefällt für eine neue Autobahn. Nach der großen Zäsur kommt jetzt ´weiter so´, weiter so, wie es nie richtig war. Und ich und viele, die ich kenne, fragen sich, wann da mal ein Umdenken kommt, wann sie durchschlägt, die Zäsur.

1500 Infektionen bei Toennies. Die in Quarantäne sollten, sind massenhaft abgehauen. Verständlich, aber scheiße. Bei Toennies ist Mensch und Vieh egal und vieles andere auch. Toennies ist in den Cum-Ex-Betrug verwickelt, war wegen Kartellabsprachen zu einer Millionenstrafe verurteilt und hat sich dieser durch ein Ändern der Betriebsstruktur entzogen, hat ein rassistisch geprägtes Weltbild und interessiert sich außer für Fußball nur für den eigenen Vorteil. Das wusste man auch vorher schon. Jetzt dieser Ausbruch – auch das darf eigentlich keinen wundern – Mensch und Tier unter elenden Bedingungen massenhaft dicht an dicht, das ist wie Ursache und Wirkung in einem.

Einen Fleischpfennig soll es geben und Werkverträge sollen verboten werden. Das wird wohl nicht so einfach sein; das ist schließlich auch EU-rechtlich geregelt. Außerdem frage ich mich, ob das die Lösung allen Übels ist.  Toennies wird andere Schlupflöcher finden, der ist ja nicht gewillt grundlegend was zu ändern im Geschäftsmodell; genauso unterstelle ich dem Fleischpfennig, dass er kaum dem Fleisch-gebenden Wesen zugutekommen wird.   

Es braucht nicht neue Regeln. Es braucht eine neue Haltung. Ausbeutung geht nicht, nicht von Menschen, nicht von Tieren, nicht von der Natur. Die Erde ist keine Beute. Jeder Sau ein Recht auf Tageslicht, jedem Rindvieh seine Würde.  Und allem einen fairen Preis. Mindestlohn für alle, egal woher jemand kommt, auch Arbeitsschutzgesetzte gelten für alle gleich, und für die Frage, wie viel Quadratmeter jemandem zustehen, gibt es ebenfalls gesetzliche Vorgaben. Das muss man nur  durchsetzen wollen. Unser Problem heißt nicht so sehr Rassismus, unser Problem heißt Feigheit. Die Freizügigkeit im Regelauslegen wird ja durchaus auch im großen Stil praktiziert, und zwar so, dass ganze Regelwerke karikiert werden. Mietwucher ist verboten. Tierquälerei auch. Weshalb also geschah in der Vergangenheit nichts? In einem Betrieb haftet der Chef,  für Verfehlungen von Subunternehmen haftet deren Auftraggeber. Der nordrheinwestfälische Ministerpräsident hat den Behörden in Gütersloh gedankt für ihren großartigen Einsatz. Ich möchte wissen wofür.

Ich habe einen Artikel gelesen in der ´Zeit´ über Stadtplanung nach Corona.

https://www.zeit.de/2020-06/zukunft-stadt-verkehr-bueros-laeden-veraenderungen-coronavirus

Wo kein Laden mehr reinwill, kann wer wohnen. Das belebt die Innenstädte genauso und nachhaltig und krisensicherer.  Außerdem machen im Umfeld neuer Bewohner neue Läden auf. (Ich wäre sehr für einen Kinder-Second-Hand-Laden. Uns fehlen die Flohmärkte.) Das gäbe nicht wenig neuen Wohnraum, was den Flächenverbrauch drum herum verringert. In Berlin werden Straßen gesperrt und temporär zu Spielstrassen. Dann kommt  der Kiezbeauftragte und öffnet die Hydranten oder schließt den Schlauch am  Brunnen an.  Man stelle sich vor. Wasserrutschen in der oberen Hauptstrasse. Und im Winter, sollte es mal halbwegs gehen, schlittenfahren vom Schwarzen Tor bis runter in die Au. Das wäre ein Spaß! Und cool obendrein. Dann noch Bäume in der Stadt gepflanzt und begrünt, was zu begrünen geht – wer sehnte sich da noch nach dem Einfamilienhaus am Stadtrand.

 „Zäsur!“. Das Jahr begann mit diesem Wort. Ich warte noch immer darauf, dass man sie angeht.

Übers Streiten, über Nachsicht

und über gute Laune

Es wird wieder gestritten. Nach dem kurzen Schock des Lockdowns im März, als von jetzt auf gleich alles zu hatte und jeder verdattert zuhause saß, wird also wieder gestritten.

Ging mir auch privat so, weswegen ich demnächst in den Pfingstferien ein Date für einen Versöhnungsspaziergang habe. Ein Konflikt, der schon lange schwelte, ist im Zusammenhang mit dem unterschiedlichen Umgang mit Coronaregeln richtig aufgebrochen. Nun denn. Ich weiß, wie ich reingekommen bin, ich komm auch wieder raus – Hand reichen, drüber reden, nicht unbedingt übernehmen, aber wenigstens verstehen. Irgendeinen Zugang gibt´s immer. Ich freu mich aufs Versöhnen, (Mindestabstand wird eingehalten – naja, vielleicht ein kleines Umarmen, aber ohne Austausch irgendwelcher Tröpfchen). Außerdem ist immer hilfreich, ich führe mir – günstig ist, mein Gegenüber tut dasselbe – vor Augen, dass zwar jeder jederzeit und zu allem seine Meinung und seinen Standpunkt kundtun kann und darf, dass der aber nicht immer zum Tragen kommt. Manchmal gibt es gute, bessere Gründe, einem anderen Standpunkt den Vorzug zu geben. Es kann sogar geschehen, dass, wo die Sachlage das nahelegt und die Gegensätze der Haltungen weit auseinanderreichen, dass ich da also häufig zurückstehen muss mit meiner Meinung. Sei´s drum. Auch nachgeben will gekonnt sein, und mein Selbstverständnis hängt ja nun nicht  – das wäre traurig –  an der Erwartung, mich stets durchsetzen zu müssen.

Und gestritten wird auch auf der großen, öffentlichen Bühne. Und wie. Zurück zu ´normal´ ist halt auch schnell ´zurück zum alten Irrsinn´. In der Politik das übliche Geschacher und Geschiebe und Veränderung ohne Veränderung. Auf der Bühne nebenan geht es um den Protest dagegen, aber vielfach gar nicht ums Streiten – nicht um einen Konflikt, für den man eine Lösung sucht – sondern um die bloße Vorherrschaft, ums Hauen und Stechen und darum, dem Gegner eins auszuwischen. Und das gibt es so auf dem Land im Schwäbischen wie auch am Sitz des mächtigsten Mannes der Welt, im Weißen Haus. Das ist ein Elend, ob dem ich bisweilen an der Welt verzweifeln könnte. Wo kommt nur all diese Wut her, die einen daraus anschreit? Haben die so schlechte Erfahrungen mit Liebe gemacht? Oder einfach nicht genug? Aber die Wut ausgerechnet von Leuten, die durchaus – zumindest sieht das für mich so aus – genauso viele Gründe hätten, frohgemut und zufrieden zu sein, wie offenbar welche wütend zu sein. Es wüten ja durchaus nicht die ärmsten Säcke unter der Sonne, sondern die, die halt doch eher auf der privilegierten Seite des Daseins hocken. Vielleicht ist es das – ob sie das nun wissen oder nicht – wie privilegiert sie sind – sie leiden unter Verlustängsten, unter fürchterlichsten Verlustängsten. Und Angst macht wütend. Das tut mir leid, aber helfen lassen sie sich auch nicht. Helfen lassen würden sie sich nur auf eine einzige Art und Weise – mehr! Gegen die Angst gegen ´weniger´ hilft nur ´mehr´. Das ist tragisch. Und ziemlich kacke ist, dass Wut sich gerne jemanden sucht, an dem sie sich auslassen kann. Daher dies ewige Hetzen und Sticheln und Stänkern und Treten in alle Richtungen. Nun denn. Es ist nicht meine Wut, und ich nehme sie auch nicht an. Ich hoffe, es ist auch nicht die Ihre. Das kränkt sie wieder, die Wütenden, und macht sie umso wütender.

Ich sag ja – es ist ein Elend.

Wut ist ein Scheiß-Gefühl. Gut drauf sein kann man damit, aber es ist ein zynisches Gut-drauf-sein, ein giftiges, und lebensfrohe, sprühende Freude wird nicht daraus.

Wo es weniger wütend ist, sondern themenbezogen und konkret wird, gehen den Einen die Lockerungen nicht schnell und weit genug, manche verlangen umfassenden Wegfall, anderen gehen sie viel zu schnell, oder es geht um mehr Geld hier, mehr Unterstützung da  – gute Gründe haben alle. Und ich sitz noch immer im Hof,  und es zieht mich nicht hinaus, jedenfalls nicht auf die Straße. Berge wären schön; oben ist, was unten so schwer lastet, leicht und klein. Das wäre jetzt genau das Richtige. Aber für das, wofür es mich auf die Straße ziehen könnte – dafür, die richtigen Schlüsse aus dieser Krise namens Corona zu ziehen – dafür scheint die Straße gerade nicht der richtige Ort zu sein, allen Lockerungen und niedrigen Reproduktionszahlen zum Trotz.   

Ich will weiter innehalten. Ich will nicht antreiben. Ich will besser und länger innehalten. Ich will, wenn, dann anders wieder anfangen, wohlüberlegt und mit nachhaltigem Plan. Jedenfalls in diese Richtung sollte es gehen. Wo gelockert wird, da soll´s mir recht sein. Aber dies hitzige Antreiben, diese Ungeduld, nur, damit man da weitermachen kann, wo man aufgehört hat und die Suppe möglichst noch schneller hochkocht, das will ich nicht. 

Ungewöhnliche Zeiten bringen ungewöhnliche Erfahrungen mit sich, und selbst üble Begebenheiten entwickeln ihr Gutes. So empfanden in der erzwungenen Pause viele auch als durchaus angenehm, dass der Fuß mal vom Gas ging. Dass es einen kurzen Moment der Stille gab, in denen sich eine Zäsur erahnen ließ, eine epochale, globale Zäsur; es war eine Stille, in der bewusst wurde, was so alles schief läuft auf dem Planeten.

Das fand ich gut. Leider ging sie schnell vorbei.

Wir Menschen nehmen der Natur zu viel weg. Das haben wir vorher schon gewusst, nur haben sich jetzt mal alle kollektiv gleich verletzlich gefühlt.

Ich schätze mal, dass es schwer ist, in diesen Tagen zu regieren. So viele Konflikte, so viele Krisen und Brennpunkte, auf so vielen Ebenen. Und dann ist so ein Virus auch für Berufspolitiker eine noch nie dagewesene Aufgabe und Herausforderung. So viel so schnell so sehr zu ändern und anzupassen – da will ich gerade nicht tauschen. Und dann will man noch wiedergewählt werden –

Protestieren ist leichter. Das diskreditiert es nicht, aber erwähnt darf es sein.

Gemeinsam Wege finden – darum würd´s gehen.

Gründe zu protestieren gab´s und gibt´s genug. Auch ohne Corona. Und auch ohne Corona war spürbar, dass in der öffentlichen Debatte hierzulande etwas fehlt/e. Das trat nun halt deutlicher zutage. Und außerdem kamen mit Corona ein paar Gründe dazu –  die Beschränkungen, die Hilfen – wer wo und wieviel – und wer übernimmt welche Aufgabe, und wie. Und wie protestiert man gegen all das.

Es gibt keine Rubrik ´öffentliche Debatten´ und ´Protest´ im Seuchenschutzgesetz. Und das Internet reicht nicht und ist dafür auch nicht unbedingt geeignet. Eine findige, lebendige Debattenkultur hätte es schaffen können. So wie Bäcker aus Latten und Schneeschippen spontan ´Drive thru´s bastelten, das eigene Schaffen der neuen Lage angepasst, so hätte es auch ein neu geschaffenes Forum für eine öffentliche Debatte geben können, das über die üblichen klassischen Medien und Formate und social medias hinausgeht und das nicht so leicht zu vereinnahmen ist.

Ich hätte mir eine Art Podiumsdiskussionen vorstellen können, mit Zuhörerbeteiligung, eine Diskussion, an der Leute mit sämtlichen verschiedenen Anliegen und Positionen teilnehmen, jeder, der seine Situation, sein Anliegen, seinen Standpunkt klar formulieren kann und vortragen will und der sich an die Spielregeln hält.  Moderiert, auf lokaler oder überregionaler Ebene, indoor oder outdoor, wo immer es passt, wo sonst demonstriert wird, mit begrenzter Zuschauerzahl und ausreichend Abstand, und wenn von überregionalem Interesse zur besten Sendezeit gesendet und gestreamt in alle Kanäle und Plattformen.

Sonntagsumfragen hätte es geben können zu Detaillösungen. (Es gab sie in Zeitungen. Aber die hat ja auch nicht jeder abonniert). Die Entscheidungen, die dann folgen, müssten, wie auch immer sie den Umfragen dann Rechnung tragen und ob überhaupt, sich besser rechtfertigen und wichtiger als das – diese Begründungen würden vielleicht auch von denen, die anders votierten, zur Kenntnis genommen.

Nur so ne Idee.

Erklärt worden ist ja viel; Zahlen und Kurven und Eigenwille und Reproduktionsriten eines Virus. Aber Erklären ist so wenig automatisch ein Sich-auseinandersetzen wie Protestieren. In der Erklärung fehlen die Fürs und Widers des Abwägens. Protestieren geht sowieso ohne.

Im Auseinandersetzen lassen verschiedene Haltungen sich aufeinander ein und suchen Wege der Verständigung. Und das wie im Sport mit Regeln – es geht schließlich nicht ums Plattmachen, auch nicht, wo man´s ganz leicht könnte wie im Kampfsport. Es muss nicht bis zum bittren Ende gehen. Man kann´s auch gut sein lassen.

Und da hängt´s, an den Regeln, am Fairplay.

Vielleicht kann man zu Recht beklagen, Regierung und Entscheider führten keine Auseinandersetzung auf Augenhöhe, bestimmten zu sehr von oben herab und versagten Respekt. Mag sein. Aber man macht es nicht besser, indem man es schlechter macht.

So ist es  unfair, ´Lüge´ zu schreien bei allem, was nicht ins Bild passt und allem, womit man sich nicht befassen will. Und unfair ist auch, Worte zu verdrehen und Köpfe zu verwirren und den anderen mit demselben Dreck zu bewerfen, in dem man selbst badet. Unfair ist ebenso, und das finde ich übel und obermies, wenn in einem Konflikt die Einen die Anderen vor sich her treiben. Das geschieht oft. In allen Konflikten und Krisen – und auch die sind nicht selten – sind es dieselben, die auf den Karren aufspringen und anheizen, was das Zeug hält. Hier war es nur sehr deutlich: ich hätte dieses Aufheizen inmitten des Corona-Chaos – und wenn sich so schnell, so stark, so viel verändert, dann ist das immer auch mit einem Quantum Chaos verbunden – ich hätte dies Aufheizen nicht gebraucht. Es war weniger das Demonstrieren an sich – die kleinen Demos im Städtle, mit 150 Leuten am Abstandsbändel, die waren´s  nicht – es war das Vereinnahmen der Proteste durch eine Minderheit, der es um ganz anderes ging und geht, und die zwar an Zahlen unterlegen, aber an Organisation und Reden maßgeblich war. Und es war außerdem der Versuch der Masse, der, und das war klar, in diesen Tagen einigermaßen unpassend ist und zwar perfekt als Provokation taugt, aber nicht als Weg der Auseinandersetzung. Provokation rüttelt auf, das ist, was sie kann. Das ist, wozu sie gut ist. Sie klärt und sie löst nicht. Dies sollte, wenn das Provozieren sich nicht nur selbst genügen will, allerdings schon darauf folgen.

Außerdem ist Demonstrieren und Provozieren nicht dasselbe. Man kann sehr gut seinem Protest Ausdruck verleihen ohne Feindseligkeit zu schüren. Natürlich kann und konnte man gegen die Bestimmungen sein. Aber mir zeigt sich jeden Tag, wie temporär sie sind. Das Graß wächst nicht schneller, wenn man dran zieht. Ich empfinde den Protest in der gegenwärtigen Form so wenig verhältnismäßig wie die Regeln, gegen die er sich richtet.

In einer fairen Auseinandersetzung bestimmen die Protagonisten  gemeinsam Zeit, Ort und Form des Disputs; das Thema ist den Streit wert, es ist klar benannt, vorgetragene Fakten und Zahlen können belegt werden, und jeder bringt die Bereitschaft mit, sich komplex auseinanderzusetzen und einen Konsens zu finden, selbst da, wo es unterschiedliche Vorstellungen davon gibt, für wen alles der Konsens gut sein soll, ob auf kleinster regionaler, nationaler, oder international sich verpflichtet fühlender Ebene. Von mir aus kann auch der Leugner mit am Tisch sitzen, aber wenn es um Lösungswege aus einer Krise geht, ist er halt wenig gefragt. Wer die Krise leugnet, hat auch keine Lösung dafür. Dann ist das Gespräch mit diesem Gesprächspartner eben schnell vorbei. Ähnlich verhält es sich mit dem Verschwörungserzähler. Der ist an einem anderen Thema. Die Lösungsideen aus der esoterischen Ecke, auf die hätte ich mich allerdings gefreut.

Fairplay. „Wenn ihr´s nicht fühlt, ihr werdet´s nicht erjagen“, (Goethe).

Mir ist gerade nicht nach Protest. Es gäbe viel, unendlich viel, ich weiß gar nicht wo anfangen – Protest dagegen, dass die Autoindustrie, die seit Jahrzehnten weiß, dass der Individualverkehr so nicht weiterwachsen kann, Abwrack- und/oder Kaufprämien will. Dagegen, dass sie einen so willigen Helfer im Verkehrsminister haben, der an diesem Punkt auf Experten pfeift und macht, was den Lieblingsfirmen das Liebste ist. Ich würde protestieren dafür, dass Nachhaltigkeit auch wirklich nachhaltig ist und Politik nicht so sehr nach Lobbyarbeit riecht. Ich will, dass weniger geflogen wird und kein Plastik ins Meer kommt. Ich will, dass die Fleischproduktion keine Industrie ist und die Agrarindustrie wieder Landwirtschaft betreibt. Ich will, dass weniger Pestizide versprüht werden und der Lebensraum selbst der winzigsten Tiere so geschützt wird wie die eigene Hütte. Ich will die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens und ein Wirtschaftssystem, das nachhaltig funktioniert,  und ich will eine gerechte Verteilung  des Reichtums der Welt und dass jedem lebenden Wesen ein Recht auf Streben nach Glück zugestanden wird und keines einfach die Arschkarte zugeschoben bekommt… ich will ganz viel…ich will, dass der gute Gedanke, die gute Idee, das, wofür alle stehen, worauf alle vertrauen, die überhaupt bereit sind zu vertrauen, dass der besser spürbar ist.

Ich will Rücksicht und Nachsicht. Staatlich verordnete Nachsicht, von oben nach unten und unten nach oben und von rechts nach links und andersherum, und die jetzt und so lange wie diese Krise reicht, und als zu Ende gilt sie erst, wenn die letzte Plexischeibe wieder abgehängt ist und es keine Einschränkungen für Umarmungen mehr gibt, und die Nachsicht gilt noch Jahre darüber hinaus, weil so lange die Nachwirkungen mindestens dauern. Nachsicht beim Anträge bearbeiten, die dann eher ´zugunsten´ bearbeitet werden als mit maximaler Kleinlichkeit aus Angst, es könnte dem hinterm Schreibtisch ein Versäumnis angelastet werden. Nachsicht gegenüber diesen Versäumnissen.

Nachsicht und Großmut, und Spielraum lassen zur Eigenverantwortung.  Es gibt einen juristischen Begriff, ich habe ihn leider vergessen und konnte ihn auch nicht wiederfinden, der in etwa besagt, dass eine Regel im Sinn gilt, auch da, wo sie nicht wortgetreu wiedergegeben ist. Der Zusammenhang war ein anderer, aber mir würde so eine Klausel gut gefallen: Wer sein Handeln gut begründen kann und im Sinne der Idee des geltenden Gemeinwohls agiert, hat nichts Schlimmes zu befürchten. Die Regel dient dem Menschen, nicht der Mensch der Regel.

Natürlich wird keiner gegen seinen Willen geimpft und keinem, der einen auch nur annähernd nachvollziehbaren Wunsch hat, getestet zu werden, wird der Test vorenthalten. Und keiner wird ´abgehängt´. Schon das Wort regt mich auf. ´Viele Schüler seien im homeschooling bereits abgehängt´. Dies Homeschooling war und ist eine Notlösung, kein von einer Gesellschaft und einer Familie beschlossener Bildungsweg, für den man im Moment der Entscheidung bereits Mittel, Wege und Strukturen hat, und es stehen weder Eltern am Pranger, die nicht zum Lehrer taugen und das auch nie behauptet haben, noch dürfen die Kinder einen Nachteil daraus haben. Wer abgehängt ist, wird wieder angehängt, basta. In den Schulen gibt´s für so was Personal, die haben das studiert, die können das, und wo eins halt partout nicht mitkommt, da bugsiert man es mit Nachsicht einen Schritt weiter – wird schon für jedes einen Weg geben. Nachsicht auch für den Herrn in Zeitvertrag und Kurzarbeit, dessen zwei-Jahres-Vertrag ausläuft und der wieder mal auf Stellensuche ist und sich die Hacken abläuft und kurz vor der Rente auch nicht anfangen will sein Online-Gebaren aufzurüsten und der noch nicht mal eine Email hat. Gebe man dem Mann ein Einkommen, mit dem er es aushalten kann. Schaffen will er sowieso – tut er es halt freiwillig und ehrenamtlich – hat auch jeder was davon. Aus dem ´Fördern und Fordern´ , ein Satz, der beileibe nicht nur für HartzIV-Bezieher gilt, das Fordern zurücknehmen, weil das in einer Zeit, in der es ohnehin um weniger statt mehr gehen muss, deplatziert ist und als bloßer Druck um des Drucks Willen rüberkommt, zu jemand anderes Vorteil und Gewinn. Seien wir nicht so kleinlich, seien wir großmütig und nachsichtig, dann fühlt sich auch jeder besser aufgehoben und kann vertrauen. Wer dann noch schreit und wütend sein will, herrje, der ist es halt. Irgendwann ist die Hebamme nicht mehr schuld. Irgendwann ist es an einem selbst.  Nicht das Problem der Welt.

Nachsicht und Großmut. Davon träume ich.

Amerika zeigt uns grad ein hässliches Gesicht und ich will mich mit Schaudern abwenden. Aber dann fällt mir ein, wie nett und liebenswert fast sämtliche AmerikanerInnen waren, die ich traf, wie großmütig und frohgemut. Wie ich sie beneidet habe um ihre Leichtigkeit im Dasein. (Es sind – das sei dazu gesagt, aber alles Leute eher aus der Fraktion der Obamafreunde). Wenn wir uns alle nicht so megaschwer und wichtig nähmen, dann wäre auch manches leichter. Einfach nicht so  garstig und kleinlich drauf sein. Über sich lachen und sich bescheiden können, dem andern auch was gönnen. Die Dinge ernst, aber nicht zu schwer nehmen. Veränderungen wagen.  SO will ich aus dieser Krise rausgehen. Und ich glaube, das tu ich auch einfach.

Yes we can

Widerstand

Gegen wen oder was eigentlich?

Ich gebe zu – und das hätte ich nicht für möglich gehalten – mich irritieren diese Demobilder und die vielen Parolen. Ich habe durchaus ein Herz fürs Demonstrieren wie überhaupt für alle, die den freien Diskurs lieben und Regeln in Frage stellen, zumal solche, die aufs Wohlbefinden drücken. Aber dies irritiert mich. Und ich habe nicht den Eindruck, die Demos wären in dieser Form meiner, unserer, irgendeines Menschen Freiheit und Wohlbefinden zuträglich.

Gegen wen geht’s eigentlich? Es ist ja nun nicht von der Hand zu weisen, dass da ein aggressives Virus unterwegs ist, das die Power hat – wo es geballt auftritt  und die Virenlast hoch genug ist – reihenweise niederzustrecken und das sich dann eben auch nicht an Alte und Schwache hält, (die man auch nicht einfach so preisgibt), sondern auch an Ärzte und Krankenschwestern und – pfleger und an alle, die der geballten Ladung ausgesetzt sind. Und wo das so ist, will man nicht sein. Das ist eine Situation, die niemand ernsthaft wünschen kann. Dagegen werden Vorsichts – und Schutzmaßnahmen ergriffen. Völlig logisch.

Man kann darüber streiten, wie genau die aussehen sollen, aber generell die Notwendigkeit in Zweifel zu ziehen, scheint mir schon sehr absurd. Natürlich nimmt diese Seuche keinen Verlauf wie die Pest im 14. Jahrhundert. Wir haben eine ganz andere Situation als damals. Und natürlich sterben nicht so viele wie an der spanischen Grippe. Wir haben nicht gerade erst einen Weltkrieg überlebt und sind von vornherein geschwächt. Und selbst die armen Staaten, in denen Abstandhalten mitunter schwer ist und wo die Gesundheitssysteme schon in normalen Zeiten schlecht funktionieren, sind heute vorgewarnt und reagieren schneller als man es zu den Zeiten tat, als solche Plagen aus heiterem Himmel zu kommen schienen und plötzlich da waren, und WENN sie dann da waren, sich bereits ausgebreitet hatten. (Während der Pest hat man auch social distancing betrieben, nur anders. Man hat die Häuser der Infizierten zugemauert. Und Eltern ließen ihre kranken Kinder im Stich, die dann weniger an der Pest starben – die man mit robuster Natur und guter Pflege durchaus hat überleben können – sondern an mangelnder Versorgung). Dass nun also nicht die Apokalypse über uns hereinbricht, ist Folge unserer besseren Konstitution UND der Vorsichtsmaßnahmen. Das bringt sie doch nicht in Misskredit! Wie widersinnig! Mir leuchtet dies Abstandhalten vollkommen ein. Ich find´s scheiße, aber es leuchtet mir ein.

Eine Freundin entrüstet sich; sie versteht nicht, wie alle das so leichtgläubig hinnehmen – das Vorhandensein des Virus und die Maßnahmen dagegen. Und ich verstehe sie nicht. Was ist es denn, das ich – anscheinend also naiv bis dumm – glaube, aber nicht glauben soll? Den Leuten wird nicht Lachgas verabreicht, und sie sterben nicht am Dreck unter den Nägeln; ihre Krankheit heißt Corona, das geht auf die Lunge, und es ist ein neuer Virus, den die Welt noch nicht kennt. Wo soll da jetzt eine Leichtgläubigkeit sein? Ich brauche nicht höhere Infektionskurven und mehr Massengräber um zu glauben. Plagen kommen und gehen, das ist ja nun nicht neu. Grad ist eine! Man kann sie Plage nennen, oder Seuche, oder Tuttifrutti, ganz egal – da ist etwas da, das vorher nicht da war, und das aggressiv ist, das man besser in den Griff bekommt.  

Heute  erst habe ich im Radio einen Mann gehört, der auf einer Demo war und sich gekränkt fühlt, weil er sich mit allerhand Radikalen und Tunichtguten in einen Topf geworfen sieht. Das ist er selbst nicht, ihm geht es um seine Rechte. Okay. Verstehe ich. Ich würde trotzdem nicht auf eine Demo zusammen mit Rechten gehen, und auch nicht mit Verschwörungserzählern und sonstigen Hetzern. Mit der Afd gemeinsam für die Wahrung des Grundgesetztes. Ha! Das ist doch ein schlechter Witz! Die sind einfach überall dabei, wo es was aufzumischen gibt. Wie will er sich denn distanzieren? Die zählen ihn dazu und so läuft die Nummer. Wenn es ihm so wichtig ist, dann muss er es anders machen. Ich würde versuchen mein Anliegen abzukoppeln und explizit und ohne Themen zu mischen anzugeben, WOGEGEN ich denn bin, bzw WAS ich fordere, und ich würde nicht auf massenhaftes Auftreten setzen, sondern auf Klarheit, und auf offene Ansprache ohne Feindbilder.

Ich für meinen Teil finde dies ewige Gekränkt-sein ja kindisch – selbst mit der Faust auf den Tisch hauen, aber heulen, wenn wer schimpft. Ich finde übrigens auch nicht sehr nett, als dumm und naiv zu gelten, wenn ich den Ausführungen eines Virologen folge und Vertrauen in die Politik hege. Und diese Diffamierung höre ich auch nicht eben selten, eben auch von mir nahen Leuten, denen es auch nur um ihre Rechte geht und darum, ´dass man sich wundern muss, dass da alle einfach so mitmachen´.

´Einfach´ ist´s nicht. Ganz und gar nicht. Aber wenn 98 Ärzte eine Meinung vertreten und zwei eine andere, dann bin ich in der Tat erstmal geneigt, den 98 Glauben zu schenken und mir die zwei anderen genau anzusehen.

Und dann immer dies „Wir sind das Volk“ – Gedöns. Man kann´s ja nicht mehr hören. Ich find´s auch anmaßend, dass ein paar Wirrköpfe alle für sich einnehmen . Da schließt mich jemand mit ein, dessen Haltung ich nicht teile. Das sind dieselben, die auch auf Pegida-Demos schreien. Das sind die Stimmen der Rechten. Die gröhlen immer jeweils die Parolen, die zum Anlaß passen. „Ausländer raus“ passt nicht, „Wir sind das Volk“ passt immer. Gehen tut es aber letztlich um die Macht – und Gewaltfantasien einer Horde emotional gestörter Narzisten.  „Wir sind das Volk“; hör mir auf.

Ich denke überdies, dass die meisten Leute im Land – die sich vielleicht weniger als Volk denn als Bevölkerung sehen – durchaus die allgemeine Strategie mittragen, vielleicht ungern, vielleicht knirschend, vielleicht auch flexibel, aber im Wesentlichen und Grundsätzlichen eben doch.

Ich kann diese Feindseligkeit nicht leiden. Immerzu muss es gegen irgendwen gehen.  ´Zusammen´ und ´für alle´ und im Vertrauen darauf, dass die anderen, wenigstens die meisten, es auch so handhaben, das geht anscheinend nicht. Ich unterstelle uns ein neurotisches Verhältnis zu Macht und Auseinandersetzung. In England stellt sich, wer was zu sagen hat,  im Hydepark auf einen Stuhl und redet – wer will, der darf und tut auch. Die Zuhörer suchen sich aus wo sie zuhören, lauschen mal hier, mal da. Es ist eine Art Thesenduell mit viel Witz und Charme und Leichtigkeit, die aus der Distanz betrachtet. Hier nimmt man absolut persönlich, alles voll auf harte Kante, und man verschanzt man sich lieber hinter Polterern und Schaumschlägern, als mal eine Ecke weiterzutreten, was andres zu hören, und am Ende über die eigene Begrenztheit zu lachen.  In Schweden vertraut man der eigenen Regierung und geht davon aus, dass die es nicht böse meint mit Land und Leuten. Weshalb sollte sie auch. Dort genügen Empfehlungen, und die Leute wissen, was sie zu tun haben – jeder übernimmt Verantwortung für sich selbst und handelt nach bestem Wissen und Gewissen, aber im Sinne der Empfehlungen. So funktioniert Respekt.  Hier misstraut man und giftet und sieht in jeder Zumutung einen Angriff und bekämpft und sabotiert bei der erstbesten Gelegenheit. Und wenn dann einer voranstürmt und laut genug anbrüllt gegen die Zumutungen, dann rennen die anderen hinterher  und merken in der Abwehr gar nicht, dass da auch bloß einer sein eigenes Süppchen kocht, und von neuer Macht und Ordnung und Regelwerken träumt, die durchaus nicht besser sind. Eigenverantwortliches Handeln und souveränes Umsetzen von Regeln ist anscheinend nicht so unser Ding.

Ich finde, da ist Luft nach oben. Das könnte besser gehen.

„Für die Freiheit!“ Eine Parole dieser Demos. Freiheit. Klar. Gerne. Wer würde da nicht nicken. Aber weshalb jetzt? Weshalb entdeckt man jetzt auf einmal den Wert des Grundgesetzes? – Weil uns ein Stück Lebensqualität fehlt. Wir sind nicht bessere Demokraten geworden. Und schon gar nicht freigeistiger. Uns stinkt nur, dass wir nicht in Urlaub fahren und zusammen abhängen können. Wenn der Spa aufhätte, wäre man dort. Jetzt ist der aber zu – dann geht man halt auf die Demo.

Das Recht als solches, die Gewaltenteilung und das Grundgesetz, all das ist nicht außer Kraft. Es gelten allerdings einschränkende Seuchenschutzgesetze. Die will ich nicht schönreden. Die sind eine Zumutung, und ich würde sie in einigenTeilen auch anders erlassen, wenn ich´s zu tun hätte. Aber Freiheit bedeutet nicht die dauerhafte und gänzliche Abwesenheit von Zumutungen. Zumutungen gibt´s halt, die kommen und gehen wie Blasen an den Füßen. Was soll´s, wir sind nicht aus Zucker. Wir haben uns diese nicht ausgesucht, das stimmt. Aber wir sind selbst auch eine Zumutung für so manches Wesen, und die haben sich das auch nicht ausgesucht. Man hat nicht immer die Freiheit der Wahl.

Ich sympathisiere sehr mit dem schwedischen Weg. Hier ist´s halt ein anderer. Ich nehm´s hin. Darüber kann man noch immer reden. Aber lassen wir die Kirche im Dorf. „Freiheit!“ Als ob wir die großen Freiheitskämpfer wären. Ich bin 50+. Ich sehe die Bilder und sehe meine Generation demonstrieren und Parolen schwingen, als wären wir es selbst gewesen, die uns die Freiheit erkämpft haben. Wenn dem so wäre, wüssten wir besser, von welcher Seite sie bedroht wird. Wenn dem so wäre, sähen wir Wege, für unsere Überzeugungen einzustehen – ohne mit denen Schulter an Schulter zu demonstrieren, denen man sich eigentlich scheut zum Gruß die Hand zu reichen. Uns ist ´Freiheit´ in den Schoß gefallen und als die Freiheit des Konsumierens präsentiert worden. Und auf dem Trip hängen wir fest. Und jetzt sind wir dran, die vielbemühte Freiheit den Erstbesten, Lautesten, Aggressivsten, Giftigsten vor die Füße zu werfen, nur weil uns daheim langweilig ist.

„Fake“ rufen andere und „keine Angst!“. ´Das Virus gibt es gar nicht, oder ist es nicht mehr als ein starker Husten, und man setze am besten auf die inneren Selbstheilungskräfte.´  Ich habe auch keine Angst, aber Respekt – vor dem was es anrichten kann, wenn man es lässt.  Und ich kenne durchaus diese Sehnsucht nach Harmonie und innerer Stärke, die wie eine Wunderwaffe gegen alles wappnet, das droht, eine Sehnsucht dazu neigt, sich Widrigkeiten und von außen oktroierten Zumutungen zu entziehen und sie umzudeuten. Das klappt nicht immer.  Dies Virus ist eine Krise in der Krise in der Krise in der Krise. Es kommt ja eben NICHT aus heiterem Himmel; wir haben ihm mit unserer Lebensweise den Weg bereitet. Wir müssen da durch. Da ist nicht ein Hell auf der einen und ein Dunkel auf der anderen Seite. Da gibt´s ein Dunkel und ein Weniger-Dunkel – eine Chance.  Umwälzungen kommen hin wie her, massive. Es ist nur noch nicht ganz ausgemacht auf welche Weise. Träumen wir von einer besseren Welt, jawohl, Harmonie und innerer Friede und gesamtheitliche Gesundheit  und Freiheit, alles das. Aber fangen wir mal an, an dem Traum zu arbeiten und ihn nicht bloß auf unserer Wohlfühlinsel zu träumen.  Diese bessere Welt wird nicht geschaffen auf einer Demo, die zum Spalten und Aufmischen  gemacht ist und die Gesundheit verhöhnt.

Und dann natürlich die Verschwörungserzähler. „Gegen die Bösen!“ Ihre Parole.  Irgendwer muss schuld sein. Ihre Geschichten klingen allesamt schrecklich – es ist ja keine darunter, die von einer guten Verschwörung oder Absicht erzählt, immer ist da wenigstens ein Bösewicht, den es zu bekämpfen gilt. Aber die Erzählungen bergen einen gewissen Trost.  Irgendwer hat einen Plan, irgendwer weiß es besser, man halte sich an den, dann wird alles gut.

(Das sind dann die, die den anderen Naivität – oder noch ärger – Dummheit unterstellen. ´Hat auch eine Pointe!)

Wir sind alle ab von der Rolle. An keinem geht dies Virus vorüber, ob wir nun infiziert sind oder nicht, wir darben daran. Wir rudern alle durch sich auflösende Strukturen. Kinder gehen nicht mehr zur Schule und in den Kindergarten. In den Jobs ist das Arbeiten ein gänzlich anderes. Was man davor so unternommen hat um sich ein wenig zu zerstreuen und erfreuen, funktioniert so nicht mehr, und dann weiß man nicht, wie´s weitergeht. Wie lange dauert das noch, und wie geht es danach weiter, und hat man dann überhaupt noch einen Job, oder seine Familie. Der Rückzug ins Private zehrt auch an Beziehungen und Freundschaften. Allerorten wird gezerft und gestritten und kleinlich genöhlt.

Ich versteh´s ja: ein paar Schuldige könnten ein wenig den Prellbock geben und man hätte wen, auf den man seine Wut und seinen Verdruss lenken kann. Und was uns nachts den Schlaf raubt, weil der Überblick fehlt, bekommt wieder Sinn und eine scheinbare innere Ordnung. Und dann ist da ein ganz Großer, Starker, Unüberhörbarer, der weiß, wo es langgeht – das hilft auch gegen das Gefühl der Machtlosigkeit angesichts einem Gang der Dinge, der stärker ist als man selbst.

Ich versteh´s. Aber ich finde diese Machtlosigkeit nicht so schlimm. Es gibt ziemlich viel, das stärker ist als ich. So what. Klar gibt es das. Das hindert mich nicht, trotzdem meinen eigenen Weg zu gehen. Es liegt jeden Tag in meiner Macht, das zu tun, das ich als richtig empfinde. Und in meinem Richtig steckt Gemeinsinn und der Wunsch nach Frieden. Da passt Hetzen nicht dazu. Ich brauche keine Verschwörungsgeschichte, die mir abseits aller wissenschaftlichen Erkenntnisse die Welt erklären will. Ich kann ganz gut damit leben, dass  es mitunter ziemlich banal zugeht  und keiner einen Masterplan hat. Ist doch klasse. So hat die Geschichte ein offenes Ende. Und wir können mit dran schreiben. Ganz ohne Master. Aber es geht nicht um Fantasy oder Science-fiction. Die Geschichte soll kein Horrortrip sein. Wer dran rumfuckt, soll die Finger davon lassen.

Die Verschwörungsgeschichten entziehen sich, indem sie die Wissenschaft als solche angreifen, jeder Beweislast; sie stellen sich keinen Gegenargumenten. Den klassischen Medien werden Lügen unterstellt, aber in den social medias wird ungefragt und von jedem, der ins Schema passt, jeder Mist abgenommen. Jeder, der einigermaßen transparent sein Amt versieht, wird zerpflückt, aber den eigenen Helden guckt man nicht auf die Finger. Begriffe werden verdreht, bis keiner mehr durchblickt. Ein Nutznießer einer Krise wird automatisch Verursacher …. Und allen ist gemein, dass es Menschen sind, die uns bedrohen, nicht Viren, nicht Umwelteinflüsse, nein, Menschen, und gegen die muss es gehen. Was juckt ein Virus.   

Ich weiß nicht. Ich denke, es gehört, wenn man sich differenziert ein Bild gemacht hat, ein großes Maß an Selbstverbiegen dazu, wirklich alles auszublenden, was an diesen Verschwörungsgeschichten stört. Die muss man wirklich aus innerem Antrieb glauben WOLLEN. Und es ist Glauben, nicht Wissen, um das es da geht. Man glaubt, was einem gut tut. Es geht ums eigene Gefühl und das wider bessres Wissen.  So gut kann keine diese Erzählungen sein, dass sie diesen Verrat verdient.

Und dann natürlich die ´Impfgegner´. Allein das Wort ist schräg. Als wäre es schlimm, gegen Impfen zu sein. Und jetzt in einem Atemzug mit ´Rechten´ und ´Reichsbürgern´. Das passt nicht. Impfen gehört zu den Dingen, von denen ich finde, die soll jeder für sich selbst entscheiden dürfen. Für die ´Impfgegner´ habe ich Sympathien, wenngleich ich finde, dass die Diskussion darum zur Unzeit kommt.

Ich bin keine ´Impfgegnerin´. Meine Kinder sind geimpft und ich bin  es auch. Es ist ja nicht so, dass das Impfen keine Verbesserungen mit sich gebracht hätte. Kinderlähmung und Diphterie zB. gibt es praktisch nicht mehr. Aber ich habe sie nicht gegen alles und meist später impfen lassen als Impfplan und Empfehlung das vorsahen, bei der ersten Masernimpfung waren sie beide deutlich älter als ein Jahr.  Ich habe schon Respekt davor, Erreger in ein so kleines Immunsystem einzubringen.

Ich denke mal, die Kinder sollen, wenn ein Impfstoff gegen Corona gefunden ist, sicher nicht die ersten sein, die geimpft werden. Einen Impfzwang würde ich nicht mittragen. Ich weiß nicht, wie so ein Zwang aussehen müsste, dass ich mich beugen würde. Einen kaum erprobten Stoff bei Kindern anwenden, denen die Krankheit wenig anhat? Was macht das für einen Sinn? Wäre es nicht viel sinnvoller, wenn, dann die zu impfen, die gefährdet sind, so wie man das mit der jährlichen Grippeimpfung auch handhabt?  

Was soll´s. Das ist jetzt nicht der Punkt.  Ich verstehe nicht, weshalb man dies Thema gerade jetzt diskutieren und entscheiden muss, weshalb ein Politiker das Wort überhaupt in den Mund nimmt. Kann man noch ärger Öl ins Feuer gießen? In den Forderungen nach einer Impfpflicht steckt ein bisschen die Kehrseite unseres neurotischen Verhältnisses zu Macht und Auseinandersetzungen: die Wählenden verweigern die Gefolgschaft, die Gewählten holen sofort den Knüppel raus. Könnte man es nicht mal mit mehr Respekt versuchen? Hin wie her? Ich halte den Zeitpunkt dieser Diskussion für äußerst ungeschickt. Zumal es noch gar keinen Impfstoff gibt. Und WENN es ihn gibt, in einem oder mehr Jahren, dann sieht die Welt ganz anders aus, und es gibt bestimmt auch erst einmal viele viele Freiwillige, die sich gerne impfen lassen. Und welche, die einer entsprechenden Empfehlung folgen. Kann doch ganz gut sein, es braucht überhaupt keinen Zwang und keine Pflicht. Es müssen ja auch nicht ausnahmslos alle geimpft sein.

Es ist mir klar,  dass ein Vertreter des Impfwesens dafür ist, flächendeckend alle zu impfen. 100 % und fertig und aus. Und das werfe ich ihm auch nicht vor. Ich werfe einem Fußballer auch nicht vor, dass er einen Ball sieht und ´kicken´ denkt. Das steckt so drin. Und ein Virologe ist vermutlich dafür, das Virus auszuhungern, damit es sich nicht verbreitet und vermehrt und im Vermehren sich verändert und vielleicht noch aggressiver wird. Ein Virologe kann sich einen längeren Shutdown vorstellen als ein Politiker und Selbständiger und als ein Kind und als eine Mutter. Auch logisch. Aber sowohl der Politiker, als auch der Selbständige, das Kind, die Mutter, der Impfstoffhersteller, der Virologe – alle müssen damit leben, dass ihre Wünsche und Wege nicht eins zu eins umgesetzt werden. Wenn Kompromisse und Mischwege verunglimpft werden sollen, heißt das oft ´verwässern´. Weil es anscheinend von Übel ist, mehrere Ideen und Ansätze zusammenzubringen. Nun, das ist Aufgabe der Verantwortlichen, das so zu tun, dass es trotzdem passt. Es geht gar nicht anders, glaube ich.  Das ist wie beim Elternsein, der Vater will auf die eine, die Mutter auf die andre Weise, und beide denken, sie haben Recht und wenn man nachgibt, nimmt das Kind Schaden – das geht auch in die Hose. Dann nimmt´s genau daran Schaden. Auch beim Elternsein mischen sich unterschiedliche Ansätze und Vorstellungen, zwangsläufig, ob man will oder nicht. Dies Virus ist in der Welt und die bewegt sich. Es gibt halt nicht den einen, den Königsweg. Und welchen Ansatz man verfolgt, ich finde, auch das darf diskutiert werden. Aber doch nicht unter der Überschrift ´Impfpflicht´.

Geduld! Nicht meine Stärke. Ganz und gar nicht. Aber ich denke, wir sollten der Entwicklung mehr Zeit lassen, nicht sofort und alles verlangen, und alles soll so sein wie zuvor. Egal, was man von dem Virus denkt und hält – er ist da und hat einen globalen Ausnahmezustand mit sich gebracht. Der ist jetzt auch da. Und darf uns zu denken geben. Debattieren wir über Lockerungen und Öffnungen, über neue Regeln und Strukturen, über das Wie und Wohin, es geht nicht zurück zu ´davor´. Aber sabotieren wir uns nicht gegenseitig und lassen uns gegeneinander ausspielen.  

Ich glaube nicht, dass es – wer jetzt nicht aus Freude am Aufmischen dabei ist – grad ein gutes Gefühl gibt in Massen und Gedrängen zu demonstrieren. Ich glaube, man spürt, dass das mehr Krawall ist und am Kern der Sache vorbeigeht, und dies Gefühl trügt nicht. Es ist nicht die Zeit dafür.

Zurück in die Zukunft

Gedanken zum 1. Mai

Dies Jahr ist alles anders. Keine Kundgebungen, keine auf Fahnen geschwenkten Parolen. Sogar die Randale fiel aus.  Nicht, dass ich jemals dabei gewesen wäre, nicht beim Fahnenschwenken und nicht bei der Randale, aber die Meldung gehörte zum Datum wie der Christbaum zu Weihnachten. Das war ´normal´. Ein viel bemühtes Wort in diesen Tagen, und ich mag es eigentlich nicht. Es steckt so viel ´Norm´ drin und so viel Ausschließlichkeit.

Noch immer führen wir ein Leben im Ausnahmezustand, und der fängt an ´normal´ zu werden. Kurz ist mal alles übereinander gepurzelt und völlig verschoben liegen geblieben. Und wenn die Sehnsucht noch so groß ist – es ist einfach nicht machbar, es wieder so hinzubekommen, dass es ist wie vorher. Es gibt ein Davor und Danach, und sie sind halt nicht gleich.

Massenveranstaltungen wird es für längere Zeit nicht geben, und einige Regeln des Social Distancing werden uns genauso lange bleiben. Das gefällt mir nicht, aber ich nehme es hin. Während der Pest hat man ewig gebraucht, bis man draufkam, dass es besser ist, es leckt nicht jeder am Kelch mit dem Messwein. Der war bis dahin durch die Reihen gewandert. Seither gibt es den Wein nur noch für den Geistlichen. Nach der Pest gab es neue Glaubensrichtungen, Erfindungen und Wirtschaftsstrukturen – eine neue Kultur.

Es geht eben nicht ´zurück´. Soll es auch nicht. Es gibt ja Gründe für das Auftauchen einer Seuche. Die übergroße Nähe von Mensch und Tier, Armut, Enge und mangelnde Hygiene….

Trump behauptet jetzt, wider bessres Wissen, denn sein Geheimdienst hat es ihm anderes berichtet – es verwundert mich nicht, dass auch er so ein Verschwörungstheoretiker ist – das Virus sei aus einem chinesischen Labor entwichen. (Selbst wenn es so wäre – dann braucht es dieselben Bedingungen, um sich zu verbreiten). Es wäre halt so geschickt, man hätte den einen Schuldigen. Dann könnte man dem die Rechnung schicken und im Übrigen weitermachen wie bisher. Alles alles – nur nicht neu denken.

Dabei ist so eine Seuche eine Zäsur. Ich WILL überhaupt nicht ´zurück zu normal´. Und es regt mich auf, wenn Verantwortliche so tun, als ginge das. Die Dinge sind verschoben, und sie werden neu zusammengesetzt, es kommen neue Teile hinzu, alte fallen weg.

Dies ist ein guter Zeitpunkt, neue Wege einzuschlagen. Dem Unfug im Weißen Haus die Gefolgschaft kündigen zb..  Handel treiben, aber fair. Nicht mehr jeden Vorteil für sich selbst  nutzen. Global denken und agieren, auch auf regionaler Ebene. Die Wirtschaft so strukturieren, dass sie eine nachhaltige Existenz der Menschen auf dem Planeten erlaubt.

Anstatt mit nervtötender Unerschütterlichkeit nur hilflos eine zerschlagene ´Normalität´ wiederaufnehmen zu wollen, könnte man neue Thesen und Parolen zur Diskussion stellen. Let´s talk about it. Wohin soll´s gehen?  Keiner braucht eine Panik. Aber es darf schon auch Umstände geben, die mal aus der Ruhe bringen. Es ist was passiert, wir müssen neu nachdenken. Es ist nicht immer Zeit für Ruhe. Manchmal ist auch Zeit für Umbruch, und da rumort´s und knirscht´s im Gebälk. Den Mut dafür sollte man schon aufbringen, wenn man angemessen reagieren will. So zu tun, als wäre nichts gewesen, als ginge das – ´zurück zu normal´- ist nicht angemessen.  Eine Zäsur ist eine Zäsur. Das darf schon rüberkommen

Die Autoindustrie will Milliardenhilfen und Abwrackprämien, und das – versteht sich  – unabhängig von der Antriebsart. Als hätte man nicht auch dort schon lange gewusst, dass es neue Wege der Mobilität geben muss. Der Individualverkehr insgesamt kann so nicht mehr funktionieren.  Wirtschaft und Handel müssen sich grundlegend verändern.

Das bedingungslose Grundeinkommen könnte jetzt helfen. Es darf bescheiden sein, aber wenn keiner Angst um seine Grundbedürfnisse haben muss, lassen sich auch ganze Branchen umbauen.  Auch nach der Pest hat sich der Arbeitsmarkt verändert. In England wurde die Leibeigenschaft abgeschafft. Es ist Zeit unser Verständnis von ´Arbeit´ und ´Schaffen´ zu überdenken. ´Ich arbeite, also bin ich – was wert´ – so´n Quatsch. Deswegen liegt noch lange nicht jeder auf der faulen Haut. Viele Leute schaffen ganz gerne und haben großartige Ideen. „Geschäftsmodelle überdenken“ hat  Frau Merkel das mal genannt. Bitte – gern! (Sie hat das gesagt in Bezug auf Griechenland und die anderen ungeliebten Kinder der EU, aber was da passt, passt auf alle). Und bezahlen tut das das reiche Prozent. Oder die reichsten zehn Prozent. Die werden das nicht wollen, aber es ist ja nicht so, dass sie nicht auch was bekämen dafür – auch sie leben dann in einer besseren Welt. Arm müssen sie deswegen nicht werden. Aber dies Ausmaß an Reichtum ist ohnehin absurd.

Weg vom ´mehr mehr mehr´. Stattdessen weniger – für alle. Und für die, die sehr viel haben, eben auch sehr viel weniger. Kein Egoismus mehr, kein ´alles unsers´, ´alles mein´s´. Das ist auch gut fürs Gemüt. Dann reicht sehr viel weniger, um glücklich zu sein.

Ich will nicht ´zurück zu normal´. Ich will in eine bessere Welt, in ein besseres, geläutertes  ´Normal´.

Corona und die Kinder

Ich bin stinksauer. Habe gerade die Einkäufe eingeräumt.  Und ich stelle fest, ´zurück zu normal´ heißt für viele, wir passen jetzt auf gar nichts mehr auf. Ganz viele halten sich weder an Abstandsgebot noch das Tragen eines Mundschutzes. Im Kaufland ist die Hölle los und da hat man jeden Quadratmeter so vollgestellt mit Aufstellern und Wühlboxen, dass an einen Abstand überhaupt zu denken ist. Und auf dem Markt trägt kaum jemand Mundschutz, und es wird ungeniert ins Genick gepustet und auf die Pelle gerückt, und fröhliche Frauen erzählen fröhlich, wie viel Platz man hat, sobald man ein Mal herzhaft niest.

Mir fehlen die Worte für ein solches Ausmaß an gutbürgerlichem, fehlendem Anstand.

Ich trage den Mundschutz auch nicht und halte den Abstand auch nicht wegen Angst, weil ich hypochondrisch veranlagt, neurotisch, überspannt oder sonstwas bin. Ich habe keine Angst vor dem Virus. Ich vertraue auf meine robuste Natur und auf ein robustes Gesundheitssystem. Im Übrigen weiß ich, dass ich sterblich bin und habe auch damit kein Problem. Ich halte mich an die Regeln aus Respekt, (zumindest an die, die mein eigenes Gebaren betreffen. Was die Kinder angeht, so sehe ich nicht mehr wirklich ein, weshalb ich sie isolieren sollte). Aus Respekt vor den Kleinen nämlich, vor den ganz Kleinen.

Ständig wird gefaselt, wir Großen sollten uns an die Regeln halten aus Solidarität mit den Alten und Schwachen. Das ist Nonsens. Wir sollten es tun wegen uns selbst. Es ist die mittlere Generation, der nicht im Home-office arbeitende Teil der Bevölkerung, der am häufigsten infiziert ist, und der derzeit auf den Intensivstationen liegt. Denn es stimmt auch nicht, dass Covid19 nur bei den Vorbelasteten einen schweren Verlauf nimmt – das kann es auch bei Jungen, Gesunden tun. Die genesen zwar wieder, müssen aber mitunter wochenlang beatmet werden (und tragen davon teilweise bleibende Lungenschäden davon). Wir tun es also aus eigenem Interesse, zum eigenen Schutz.

Die Kleinen aber, die tun es nicht für sich selbst. An den Kleinen geht eine Infektion meist problem – bis symptomlos vorüber; sie hätten eine wunderbare Chance auf ganz natürlichem Weg eine Herdenimmunität wenigstens ihrer Generation aufzubauen. Sie werden weggesperrt, damit sie die Großen nicht anstecken. (Was dem Virus nicht ganz leicht zu fallen scheint; anscheinend stecken sich Kleine eher an Großen an als andersherum). Sie werden isoliert für uns. Das heißt im Umkehrschluß je besser wir Großen auf uns selbst aufpassen, desto freier könnten die Kleinen sich bewegen. Wenn wir Großen unter uns bleiben, Abstand halten, die Hände waschen, all das, wenn wir Großen dafür Sorge tragen, dass wir das Virus nicht weiterreichen, dann könnten die Kleinen auch wieder in Kindergärten, Schule und auf Spielplätze. Dazu müsste jeder Große  a) Kontakte minimieren bzw sich in dem Maß isolieren, wie man es derzeit von den Kindern verlangt, b) auf die Hygieneregeln achten, c) sich selbst genau beobachten, sprich Temperatur messen, auf Husten, Niesen, Geschmackssinn usw achten und d) beim ersten leisen Verdacht einen Test bekommen und im Zweifel auch vorsorglich zu Hause bleiben (dürfen).

Und das ist der springende Punkt. In all diesen ´Zurück zur Normalität´-Reden stehen die ganz Kleinen an letzter Stelle, werden häufig nicht einmal genannt. Die Großen gehen shoppen, halten locker vom Hocker einen fröhlichen Quatsch auf dem Markt, und die Kleinen dürfen noch nichtmal auf den Spielplatz. Und wenn es die Tage in den Nachrichten hieß, Ziel sei, dass alle Schüler vor den Sommerferien Präsenzunterricht bekämen und die Kinder in die Kindergärten könnten, vor allem die Vorschüler, so klang das in einem Brief der Kultusministerin Eisenmann heute schon wieder anders, ´wenn es die Lage erlaubt´. Jajaja. Das kennt man ja. Man wollte, aber es ging halt nicht. Das ist schon wieder halb zurück gerudert.

Und das ist die Unverschämtheit unserer Generation: damit wir uns nicht so plagen müssen, werden die ganz Kleinen weggesperrt Aus den Augen aus dem Sinn. Und  es wird so getan, als könne man im Lehrplan grade so weiterfahren, damit das nächste Schuljahr dann kraftvoll angegangen werden kann.

Geht’s noch?

Ich bin nicht dazu da, einem Grundschüler die Lehrerin zu ersetzen. Ich ersetze bereits Freund und Freundin. Und ich werde den Teufel tun und meine Beziehung zum Kind mit neuem Schulstoff belasten, den ich nicht gelernt habe zu vermitteln. Das ist Aufgabe der Lehrer, und wenn die Zeit in diesem Schuljahr eine Einhaltung des Lehrplans nicht erlaubt, dann wird der Lehrplan angepasst und nicht das Elternhaus, und nicht die Ferien, und nicht das Kind.

Die Kinder erdulden gerade genug. Und wie Herr Spahn sagt, wir werden viel verzeihen müssen. Das mag sein. Dann können wir nur hoffen, die Kleinen werden das dereinst auch können. Wer weiß, was sie erinnern, was aus dieser Zeit sie im Gedächtnis behalten. Das Isoliert-sein wird manchen sehr präsent bleiben. Und wenn sie irgendwann kapieren, dass man sie nicht zum eigenen  Schutz, sondern zu dem der Großen weggesperrt hat, damit die es ein bisschen netter haben, dann kann gut sein, sie haben wenig Lust zu verzeihen, sondern sind erstmal wütend. Grund dazu hätten sie.

Leute, lasst die Kinder raus und passt auf euch selbst auf! Haltet diesen beschissenen Abstand und tragt einen Lappen vor dem Gesicht, wascht euch die Hände und beobachtet euch sorgsam. Es ist einfach nicht fair, die Last den Kindern aufzubürden!

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