„Dick ist doof“

Und diese Gleichung ist das eigentlich Doofe

Ich war ein dickes Kind. Und damit hatte ich eigentlich keine Probleme. Ich  habe mich wohl gefühlt in meiner Haut, hatte Spaß an Bewegung und habe zwar gerne Süß und Wurst und Pommes gegessen, aber auch viel Obst und Käsebrot und Spinat und Co. Mein Problem war nicht mein Speck, mein Problem war das Problem, das andere mit meinem Speck hatten. Mein Problem war, dass alle so taten, als sei irgendwas völlig aus dem Ruder, gefährlich und verkehrt. Das war es nicht. Ich war nur nicht schlank. Das Einzige, das ich so gelernt habe, war, dass ich meinem  eigenen Gefühl nicht trauen sollte. Wenn ich mich wohl fühle, während alle anderen warnen, dann müssen die wohl Recht haben, ob ich das nun verstehe oder nicht. Ich hab´s nicht verstanden, und deshalb habe ich mich nicht nur dick gefühlt und das als anstößig gelernt zu empfinden, sondern auch doof. Und so, glaube ich, kommt das, dass irgendwann irgendwelche schlanken Arschgeigen daherkommen und über Dicke vom Leder ziehen, als seien sie selbst besser, nur weil sie weniger auf den Rippen haben, und schließlich gilt dick gleich doof.

Alles schreit nach Individualität und Freiheit. Alles darf man sein. Weiß schwarz grün rot blau, getreadet, behaart, rasiert oder bemalt, gepierct, geburnt, rechts links oben unten oder voll daneben, alles, bloß nicht dick. So kommt´s mir vor.

Es gibt Leute, die essen gerne und viel und auch Süß und Junk und nehmen halt nicht zu. Die haben Glück. Dann gibt es Leute, denen ist Essen nicht so wichtig. Die haben entweder andere Leidenschaften oder aber gar keine, was ich auch bedauerlich finde. Und dann gibt es Leute, die essen gerne, und bei denen setzt es an.  Die machen Speckröllchen draus. So what.

Wer sagt, dass Dick nicht schön sein soll und kann? Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Es gibt Leute, die beurteilen Schönheit anhand von irgendwelchen Ästhetiktheorien: zwei unterschiedliche Mischungen von Rot passen nicht zusammen, unterschiedliche Muster kombiniert gehen nicht, Leute mit Krampfadern dürfen keine Shorts tragen, in Sandalen dürfen keine Socken. Und Dicke sollen ihre Formen überspielen. Kein Minirock, keine Spaghettiträger, kein enges Top. Weil der Kopf vielleicht ja noch geht, Masse da, wo andere keine haben, aber anscheinend nicht.

Das ist eine bodenlose Unverschämtheit! Rottöne gehen bestens in Kombination, geblümtes Oberteil und gestreifte Hose mit gepunktenen Strümpfen ist klasse, Socken  – naja – wer´s mag, ist ja eher so eine Gefühlssache – und überdies kenne ich sehr viele dicke Leute, die sehr schön sind, schöner als manch Schlanke, und das auch und gerade da, wo man die Masse fett sieht. Irgendwer behauptet, dick sei nicht gut, sei nicht schön, und nicht gesund, und alle folgen? Fettsucht und Essstörungen gehören behandelt. Freilich. Aber nicht Speckröllchen. Das ist Polster, auch für schlechte Zeiten, und ist der Gesundheit durchaus nicht abträglich.

Es sind die wenigstens kleinkarierten Gefühle der Mahner, die das Problem sind. Bloß weil die ihren Blick nicht wohlwollend weiten können, sollen andere neurotisch anfangen Kalorien zu zählen und eine intime Beziehung mit der Waage eingehen. Und jeden Bissen, den sie zu sich nehmen, sollen sie mit schlechtem Gewissen kauen. Das ist fies und niederträchtig und schafft bloß blöde Stimmung.

Natürlich ist man bis zu einem gewissen Maß Herr über seinen Körper, und auch Dicke können abnehmen und schlank sein. Aber wozu? Viele haben´s probiert und gefunden, dass die Selbstkasteiung, die sie betreiben müssen, um auch schlank zu bleiben, zu sehr auf die Lebensfreude drückt. Nur um es ein paar Leuten recht zu machen, deren Sinn für Schönheit nicht vom Herzen, sondern von Lehrbüchern kommt? Pah! Es böte sich genauso an, die Muskulatur der Mittelfinger zu trainieren und diese öfter mal kraftvoll in die Höhe zu recken, wenn sich wer mokiert.

In diesem Sinne – lassen wir einander und vor allem die Kinder in Ruhe und es uns einfach allen schmecken!

(Die obigen Bilder sind Ausschnitte und gemalt von Sabine Kalmbach, eine Auftragsarbeit nach Foto. Nachfragen an s-kalmbach@live.de)  

„Lieben heisst loslassen können“

So ein Schmarrn

Vielleicht sind es diese trüben Herbsttage, die solche Abschiedsgedanken mit sich bringen. Ich lasse den Sommer nur ungern dahinziehen. Ihn würde ich gerne festhalten, am Liebsten bis kurz vor Weihnachten. Aber es geht nicht, und so bemühe ich mich nach Kräften, den Zauber eines nebligen Herbstmorgens zu fühlen, das bunte Laub zu genießen und den Geruch nach nasser Erde. Glühwein riecht auch nicht schlecht, und abends für Freunde zu kochen ist ein guter Ersatz fürs Draussensitzen. Es ist wieder so früh dunkel, und auf dem Friedhof brennen die Kerzen.

Lieben heißt loslassen können. War mal ein Buchtitel eines viel gelesenen Buches. (Vielleicht hätte ich es lesen sollen, aber ich mochte schon damals den Titel nicht). Natürlich muss ich loslassen – den Sommer, Gewohnheiten, die mir nicht guttun, Emotionen, die im Weg stehen, Menschen, die es nicht gut mit mir meinen. Kann und darf ich alles loslassen.  Und natürlich darf ich andersrum keinen an die kurze Leine nehmen. Jeder bewegt sich wie er will, solange dadurch nicht grobfahrlässig Leid geschieht.

Ich kenne eine Frau, die tatsächlich nicht loslässt. Die heult jedem Mann ihres Lebens jahrelang hinterher, dem letzten und dem vorletzten und auch dem vorvorletzten – wir sind nicht mehr ganz jung – es gab mehr als einen. Die trauert und hadert und weint und lässt sich schließlich auf ein Neues ein, und dies Neue guckt man an und denkt, das wird wieder so eine Heulgeschichte. Da ist das Heulen praktisch schon hineingewoben. („Er liebt mich, aber er weiß es nicht, und er kann nicht, und etwas hindert hin“, und sie muss diese Blockade aufbrechen, zu seinem eigenen Besten, so in dem Stil). So viele unerfüllbare Erwartungen. Vielleicht müsste sie diese mal loslassen, dann sähe sie den Menschen besser, mit dem sie es zu tun hat. Ich weiß nicht. Aber ich glaube, es sollte beim Lieben nicht zu sehr um die eigenen Hoffnungen gehen, jedenfalls nicht in Abhängigkeit davon.

Mit den Kindern hoffe ich, aber ich kann nur bedingt lenken und schon gar nicht festhalten. Will ich auch nicht. Sie werden größer und bewegen sich selbständiger, und manchmal gefällt mir das Wie, manchmal nicht. Aber es ist prima, denn darum geht es doch – dass sie lernen, souverän ihr Leben in die Hand zu nehmen.

Ich lege auch da ´Beistand´ großzügig aus. Es heißt, man solle bei den Hausaufgaben bestenfalls und maximal auf Anfrage helfen, sie aber nicht mitmachen. „Es sind nicht Ihre Hausaufgaben!“, fette Mahnung der Lehrerin. Ich rede trotzdem manchmal von ´jetzt machen wir-´. Es sind Hausaufgaben, und wir sind alle zuhause, und irgendwie ist es ja doch eine Familienangelegenheit, das irgendwie geregelt zu bekommen, also weshalb sollten wir es nicht auch so angehen. Ich habe das Gefühl, sie brauchen diese Art von Beistand. Wir machen das zusammen.

Die Eltern werden älter und neigen sich der eigenen, inneren Welt zu. Auch die kann ich nicht aufhalten. Et kütt wie et kütt un so kütt et ooch. Steht auf dem Grabstein einer Kölnerin, die es ins Ländle verschlagen hat und die ich mal betreut habe. So ist es. Es kommt wie´s kommt. Das allermeiste kann ich eh nicht aufhalten. Aber deshalb loslassen? Die Hand zurückziehen? No way!

Einer, den ich noch immer liebhabe und der mir nahesteht, ist vor vielen Jahren gestorben. Das weiß ich wohl. Ich stehe regelmäßig am Grab. Aber losgelassen habe ich ihn nie und habe das auch nicht vor. Ich spüre bis heute seine Präsenz, er ist Teil meines Lebens, und das ist gut so.

Ich habe – auch vor vielen Jahren – mal eine Ausbildungsstelle nicht bekommen, weil man mir unterstellte, ich machte mir die Probleme meiner Mitmenschen zu Eigen. Hab ich damals ziemlich blöd gefunden und sehe es auch heute anders – ich verfüge über einen verlässlichen und stark aufgestellten Selbstschutzmechanismus. Und selbst wenn es stimmen sollte, dann sehe ich das Problem nicht: das ist Anteilnahme. Die Hand reichen. Das Päckchen tragen helfen.

Da ist einer, dem hat´s den Boden unter den Füßen weggezogen. Unter dem hat sich ein Abgrund geöffnet, und der zieht ihn runter und runter und immer weiter runter, und er ist schon so weit unten, dass er zwar weiß, irgendwo über ihm gibt´s noch Licht – aber nicht für ihn. (Ich stelle fest, ich hatte bis jetzt keine Ahnung, was ´Depression´ ist. Ich hatte immer so ein ´mimimi´ von sich selbst bemitleidenden Leuten im Ohr, die die eigenen Wunden nicht aufhören zu beweinen, anstatt diese mal heilen zu lassen. Es geht nicht um die Wunden. Es geht um einen Zustand, um einen Sog, der mit Nachdruck und ohne Erbarmen echt massiv daherkommt, und dem der, der ihm ausgesetzt ist, kaum Paroli bieten kann.) Der ist mich schon angegangen, müsste mich jetzt vielleicht gar nichts mehr angehen, weil er zu seinem eigenen Schutz anderswo ist, wo andere zuständig sind, und das kann ich frank und frei respektieren und gutheißen. Aber ich will die Hand nicht zurückziehen. Erst konnte er sie noch halten, sie annehmen und sich freuen. Jetzt spüre ich, wie er loslässt. Das sagt er auch so. Bedankt sich für die Hand und sagt, sie hilft nicht mehr.  Ich ziehe trotzdem nicht zurück. Ich kann nicht, und ich will auch nicht. Ich streck sie ihm weiter hin und manchmal greife ich seine, desinfiziert versteht sich, aber ich nehme sie. Wer wäre ich, wenn ich einfach losließe?  Ich will mir das überhaupt nicht vorstellen.

Ich bin mit offenen Türen aufgewachsen. Meine Mutter erzählt heute noch – täglich mehrmals – wie schön es war, wenn sie vorne die Türe aufmachte und die nach hinten genauso, damit mehr reinkonnten und auch Keller und Garten noch voller Gäste waren. Die meisten kamen zum gemütlichen Beisammensein, aber es waren auch ein paar schräge Vögel in Not dabei. Ein Flüchtling aus Ägypten, der sich dort dem Christentum zugewandt hatte, weil er sich von diesem mehr Freiheit versprach. Den hab ich mal abends mit in die Disco genommen, wo er fand, ich tanzte zu schnell. Mir dann egal woher und wieso – wer meint, mein Tanzen beurteilen zu müssen, der kann mich mal. Er schien ein verwöhntes Bürschchen aus wohlhabendem Hause, und ich hoffe, er hat einen Weg gefunden. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Dann gab es einen Sizilianer auf der Flucht vor den Verwandten seiner Frau, die er sitzen gelassen hatte. Den brachten wir in einer Pizzeria unter, von der aus er eine Odyssee durch die italienischen Restaurants Süddeutschlands antrat, wodurch wir häufig in den Genuss von prima Pizza kamen. Der hat meine Eltern lange besucht. Wie auch ein recht Durchgedrehter, der sich von allem möglichen und dem Teufel höchstpersönlich verfolgt gefühlt hatte. Der kam regelmäßig und hielt auf dem Laufenden, wer ihm gerade wie mitspielte, und bekam eine warme Mahlzeit und eine Dusche. Irgendwann hat er Platz und Weg gefunden es auszuhalten.  Keinem hat man die Türe vor der Nase zugemacht, keinem die Hand weggezogen. Ein ganz Junger kam, der völlig heimatlos und verlassen war, und der so viel Grund für Angst und Misstrauen hatte, dass er schließlich wissen wollte, wie weit er gehen muss, um wieder fortgeschickt zu werden. War starker Tobak. Er wurde nie weggeschickt und ist heute ein ganz Toller.

Manchmal hat es meine Eltern bestimmt viel Kraft gekostet, oft viel Geld, und ganz sicher hat es viel Unruhe mitgebracht und sogar bisweilen in den Grundfesten erschüttert, dies Nicht-Loslassen. Aber am Ende, glaube ich, hat es mehr gegeben als genommen. Meine Mutter zehrt heute noch davon. Das ist großer Bestandteil der Schatztruhe ihrer Erinnerungen – die in Bildern und Worten entschwinden. Die Wärme aber, bin ich überzeugt, die bleibt. Wenn ich schon nicht festhalten kann, und auch nicht darf, dann soll das Letzte, das wer mitnimmt, eben die Wärme einer gereichten Hand sein. Wenigstens dies. Desinfiziert, aber nicht entzogen.

„Die zweite Welle“

Coole Schlagzeile, cooler Titel. Raunt einem entgegen von jeder Straßenecke und hört sich an wie aus einem Spielfilm, und im Geiste sehe ich Sturmfluten und Zivilisationen, die von tosendem Grau verschlungen werden. Und gleich darauf sehe ich die Ostsee, die Kinder hinter den Wellenbrechern, wie sie sich fröhlich hineinwerfen, kurz verschwinden, wieder auftauchen, und ich weiß, sie können locker stehen, wo sie sind, aber im Auge behalten will ich´s doch. Ich bin noch immer nicht ganz zurück von der Reise, noch immer ein wenig dort, die Füße im Sand, vor mir weites, glitzerndes Blau, und die Themen vermischen sich, die Wellen und Corona, die Reise und die Demos, das Rauschen am Ufer und die Diskussionen um Weihnachtsmärkte.

Die Demo. Es gibt immer wieder welche, aber keine hat so eingeschlagen wie diese eine Ende August in Berlin. Ich weiß nicht – ein bisschen war das wie in den Achtzigern die Menschenkette. Es gab unzählige Aktionen damals gegen den Nato-Doppelbeschluß, aber keine war so bewegend wie die Menschenkette. Schon davor beherrschte sie jedes Gespräch, wer geht hin, wer nicht, und noch heute freue ich mich, wenn ich jemandem begegne, der auch dort war, und dann tauscht man sich aus an welcher Stelle man gestanden hat, ob die Reihe doppelt oder dreifach war, und das Lied geht mir wieder durch den Kopf – „die Zeit ist reif für ein Nein“, ein simpler Text, aber eine eingängige Melodie, als Kanon gesungen; ich habe damals erst aufgehört zu singen als ich längst wieder daheim war, die Euphorie hat mich begleitet bis zum Zähneputzen. Gebracht es nichts, die Waffen sind stationiert worden, der Kalte Krieg nahm seinen Gang. Das tut mir heute nicht mehr weh, was  eigentlich nicht passt, weil nach wie vor viel zu viele Waffen an viel zu viele Orte verteilt sind. Aber die Menschenkette war klasse, ich spüre sie heute noch.

Vielleicht verhält es sich mit der Demo am 29. August ähnlich – ich weiß es nicht, ich war nicht dabei. Nicht in Berlin. Aber auch diese Demo war davor Bestandteil sehr vieler Gespräche und man unterschied in die, die hingingen, und jene, die das nicht taten, und wer weshalb und weshalb nicht. Egal auf welcher Seite, jeder war in Rechtfertigungsnot. Ich habe Leute getroffen, die hingehen wollten und im Vorfeld bereits empört waren, man werfe sie mit Nazis in einen Topf. Ja wen wundert´s – auch wenn´s wenige waren, die Nazis waren laut und gaben den Ton mit an, und man marschierte Seite an Seite damit. Natürlich kann man sich davon nicht einfach distanzieren, diesen Pakt ist man eingegangen, diese Brücke hat man geschlagen.

Die AHA-Regeln leuchten mir prinzipiell vollkommen ein, und ich folge ihnen weitestgehend. Den Mundschutz trage ich so nebenbei, dass ich manchmal  vergesse, dass ich ihn trage. Abstand ist auch gebongt, wobei ich auch keine Haken schlage; ich will nicht, dass wir einander wie einer Gefahr begegnen. Außerdem braucht jeder Leute für konsequentes  Brechen dieses Gebots. Trotzdem ist vermutlich gerade  tatsächlich nicht die Zeit für Massenveranstaltungen in großen Hallen, wo man sich gegenseitig den Atem ins Genick pustet. Ich empfinde mich als kritisch, aber nicht als ´dagegen´. In manchen Überlegungen konnte ich  mich dennoch mit den Demonstrierenden verständigen. Infektionszahlen hin oder her – das Gesundheitssystem ist gerade beileibe nicht überlastet, also sehe ich keinen Grund für schärfere Maßnahmen. Ganz im Gegenteil. Zwar sehe ich, dass Corona weit mehr ist als eine leichte Grippe und mitunter lange und echt fiese Schäden nach sich zieht. Aber man muss ja tatsächlich abwägen zwischen Infektionsschäden und den Schäden, die die Beschränkungen mit sich bringen. Und die sind auch nicht ohne. Ich verstehe den Zweifel an der zwingenden Notwendigkeit so mancher Maßnahme. Manche Regel, bzw deren Handhabung, ist bisweilen hirnrissig und eine bloße Zumutung, und aus einigen Plexischeiben  spricht die reine Hilflosigkeit. Ich würde mir mehr situativ angepasstes Entscheiden wünschen. Und an einem Sterbebett soll egal sein, wer aus welchem Haushalt kommt, dasselbe beim Gebären. Kinder werden in der Wohnung nicht Quarantäne-isoliert, im Zweifel bleiben die Geschwisterkinder und die Eltern auch daheim – krankgeschrieben. Solche Sachen.                        Ich verstehe den Verdruss über dies Von-oben-herab-bestimmen, das ganze Themenfelder ausklammert. Auch  erschrecke ich über Größenordnungen und Prioritäten. Große Konzerne bekamen viel Geld und fingen nach dem Lockdown scheinbar einfach da wieder an, wo sie aufgehört hatten, so als wäre nichts gewesen. Eltern von schwerbehinderten Kindern jedoch, die nicht mehr betreut werden konnten wie zuvor, die also von den Eltern rundum versorgt wurden, die bekamen nichts, und Künstler darben bis heute, weil es nicht lohnt, vor halbbesetzten Hallen zu spielen.

Ich wäre dafür, Wege zu finden, wie mit der Seuche zu leben ist. Ich gehe davon aus, sie wird uns lange bleiben, denn noch ist weder Therapie noch ein Impfstoff gefunden und auch wenn es den gibt – ich kenne kaum jemanden, der schreit ´ich zuerst´. Und in der ganzen Zeit wird geboren und gestorben, geheiratet, Jubiläum gefeiert, uswusf, und es wird kreativ geschafft und gesponnen. Außerdem wird es nicht die letzte Seuche sein.  Es wäre ein guter Zeitpunkt um nachzudenken über eine neue Form des gesellschaftlichen Zusammenhalts und des verträglichen Wirtschaftens. Dazu liest man bisweilen kluge Abhandlungen im Feuilleton und Gesellschaftsteil, aber in der politischen Debatte kommt das nicht vor, und eigentlich auch nicht in den Gesprächen allerorten. Diese Sau wird nicht geschlachtet, die will jeder weiter mästen.

Wir saßen am 28. August im Zug nach Berlin. Dort stiegen wir um in den IC nach Rügen. Der Zug war voll, die reservierten Plätze waren doppelt reserviert gewesen, jemand saß schon in ´unserem´ Familienabteil, so mussten wir im Großraumwagon Plätze suchen, die also nicht beisammen und auch nicht sehr bequem waren. Die Nacht war kurz, und früh am Morgen lockerten wir die Glieder beim Spaziergang zum Bordrestaurant. Die Demo war spürbar. Hinter uns saßen zwei Schwaben,  die hingingen und sich schon mal einstimmten. Merkel sei an allem Schuld, die allermeisten Wissenschaftler hätten nicht alle Tassen im Schrank, AKK sei eine ´Hackfresse´, und Verteidigungsminister sollte ein General sein, und sowieso – „wie kann die Merkel bestimmen über unsere Kinder, die hat ja selbst keine“. Nichts in Gespräch oder Ausstattung deutete darauf hin, dass die beiden selbst welche hatten. Und echt – WENN sie welche hätten, dann wären die zu bedauern; denn reflektiert wäre diese Vaterschaft eher weniger. Für gesichert aber halte ich, dass ihre Fantasie nicht ausreicht, sich vorzustellen, dass andere mehr Fantasie haben könnten. Mir ist eine Verteidigungsministerin, die sich die Schrecken des Krieges vorstellen kann, lieber als ein General, der zeigen will, was er draufhat. Und ob eigene Kinder oder nicht – niemand muss Mutter sein, um Verantwortung für andere zu spüren. Und dann diese Wortwahl. ´Hackfresse´. Garstiger geht´s kaum. Wir ließen die Demo erstmal rechts liegen und fuhren weiter.

Sie war Thema gleich des ersten Abends auf Rügen. Wer war, wer nicht, und wieso und weshalb. Ein paar waren in Berlin gewesen, aber „nicht dort!“. Einer hatte keine Zeit gehabt, einer zeigte Sympathie, einige nicht. Der Mann meiner Nachbarin am Lagerfeuer war dort; „manche Maßnahmen gehen einfach zu weit“, verteidigte sie. Und da konnte ich zustimmen, das finde ich ja auch. Sie samt und sonders für obsolet zu erklären, wie dies Querdenkengedöns das tut, das allerdings geht nur mit Geringreden bis Leugnen und wird der Situation genauso wenig gerecht wie überzogene Verbote und Schließungen. Ein Mal grob quer drüber ist dies Querdenken – gegen jegliche Beschränkung, gegen das Gros der Wissenschaftler, gegen staatliche Macht an und Regeln an und für sich – differenziert und komplex gedacht dünkt mich das nicht.  Corona hat unter Bevölkerungen, Politikern, Wissenschaftlern und sämtlichen Entscheidern global Verunsicherung ausgelöst. Jeder weiß ein bisschen was, aber keiner genug um Sicherheit behaupten zu können. Und einfach die eine Hälfte wegsperren, damit die andere Hälfte sich in nichts beschränken muss, das kann´s auch nicht sein. Also IST Vor – und Rücksicht geboten, und darin agiert man hierzulande beileibe nicht am schärfsten, wenn man mal so in andere Länder schaut. Die Strategie ist strittig, aber zumindest klar und nachvollziehbar. (Vergleich https://www.zeit.de/arbeit/2020-08/corona-krise-israel-protest-gastronom-tel-aviv)  Es geschieht, auch hier, eine Menge Mist, auch tragischer Mist. Trotzdem plädiere für eine gewisse Fehlertoleranz. Und Wut macht sowieso nichts besser. Und das ist es auch, das mich so stört an ´der Demo´. Die Verachtung und der Hass, die da mitschwingen. Auch in den Achtzigern gab es Beleidigungen; Kohl hatte alle möglichen Schimpfnamen, und Strauß beflügelte die Schmähfantasie. Diesem war das schnurzegal, und Kohl drückte sich einen Klops Butter rein, damit glitt alles Weitere geschmeidig an ihm ab. Allem Schimpf und aller Schande zum Trotz – ihre Gültigkeit aber hatten sie, und man stellte nicht die Position in Frage, die sie bekleideten. Staatliche Macht muss sich rechtfertigen, immer wieder, auch da gehe ich mit. Aber ich stelle sie nicht grundsätzlich in Frage.  So gesehen empfinde die Verachtung, die aus dieser Demo mir entgegenwaberte, eher als Voraussetzung für den Protest denn als Folge einer konkreten, ungehörten Forderung.

Ich hab da freilich gut reden – ich kann leicht vertrauen. Ich habe gegen staatliche Institutionen prozessiert, auch gegen Verwaltungsgerichte, die den Staat mit ausmachen. Manche Regeln sind komisch und manche Handlungen strittig. Aber Staat als solches habe ich noch nie als feindlich wahrgenommen. Ich musste noch nie Angst haben an einer Grenze erschossen zu werden oder weil irgendwem meine Hautfarbe oder Herkunft nicht passt. Das ist global betrachtet durchaus keine Selbstverständlichkeit, sondern sogar ziemlich klasse. Und eben weil das eigentlich klasse ist, weigere ich mich, irgendeine braune, blaue, quergedachte oder sonst eine Verachtung zu übernehmen.

„Der Osten hat nach der Wende drei Jahrzehnte im Schnelldurchlauf aufgeholt und ist sehr kreativ geworden“, beschrieb mir einer der Rügener WG die Gemütslage im Land, „mit dem Lockdown und den Auflagen ist diese Kreativität auf Eis gelegt. Damit kommt man nur schwer klar“. Das verstehe ich. Im Osten scheint die Wirtschaft etwas kleinteiliger, Großkonzerne, die ganze Landstriche prägen, fehlen weitestgehend, stattdessen sieht man überall verstreut charmante Oasen der Selbstbehauptung, kleine Werkstätten und Läden, Kooperativen und Initiativen. Da ist leicht vorstellbar, wie übel es aufstößt, wenn dieser Kreativität der Boden entzogen wird. Und das gilt für Rügen und für den Osten und für Berlin und für den Rest der Welt genauso.

In der WG wohnt auch eine Frau, die hauptberuflich bastelt, wunderschöne Mobile aus Treibgut zum Beispiel. Eines hängt jetzt in der Wohnung unter uns fürs Katerpflegen. Sie verbringt die Sommer auf Rügen, die Winter in Gengenbach, wo der Weihnachtsmarkt vier Wochen lang dauert. Dieses Jahr muss sie sich Sorgen machen. Findet der Weihnachtsmarkt nicht statt, fehlt ihr die Hälfte ihres üblichen Jahreseinkommens. Ein bisschen glich ich vorab aus und kaufte ihr so viele Souvenirs ab, wie ich vorhatte zu verschenken.

Ein paar Abende später war der Mann meiner Lagerfeuernachbarin zurück aus Berlin und man saß wieder am Lagerfeuer.  Ich verstand, was sie an ihm fand. Er war nicht unattraktiv, wirkte kühn und verwegen, und noch Meter entfernt war das Feuer zu fühlen, das in ihm brennt. Er erinnerte mich an Che Guevara; dabei war er Sachse und sah ganz anders aus – brünetter Seitenscheitel, die Haare glatt und halblang, 70er-Jahre-Look, und vielleicht war es genau dieser – der durch nichts zu erschütternde, selbstbewusste Esprit der 70er, der ihm anhaftete wie Che Guevara halt auch, (der einen durchaus ambivalenten Nachruf geniest)., Er habe sich selbst ein Bild machen wollen, sagte der sächsische Che; die Informationen der Mainstreammedien reichten nicht aus – wobei ich nicht recht wusste, wovon er sprach, denn Radio oder Fernsehen sah ich nicht und auch keine Zeitung, und also schätze ich, war das Informationsmedium das Internet, und so große Verdienste dies auch hat – als Quelle der Wahrheit würde ich es nicht propagieren.  Gute Reden seien das gewesen, gute Infos. Und eine Menge Leute habe er getroffen, alle total gut drauf, ein Friedensfest sei das gewesen.  Ein paar Krawallos, okay, die auch, aber im Übrigen sei es eine tolle Stimmung  gewesen auf der Demo. Nachts ein Hin und Her mit der Polizei, ob man nun ein Camp errichten dürfe auf der Straße oder nicht, am Ende habe er sich in einen Park gelegt und sei am Morgen aufgewacht  zwischen lauter Leuten, die wie er irgendwann einfach genug gehabt hatten.

Früher, führte er aus, sei er härter drauf gewesen. Da habe er so eine Todesverachtung gehabt für seine Umwelt, es alles so scheiße gefunden, dass er dafür gewesen sei, rundum die Welt in Grund und Boden zu bombardieren, so lange, bis sie unterginge in einem einzigen gigantischen großen Feuerball. „Hait bin isch ooch a bissi milde“, meinte er. Der totale Overkill ist es nicht mehr, aber „ääne Monarschie wär et schon“, mit ihm als König, und er befreite letztendlich und entließe alle in die selbstverantwortete Eigenständigkeit.  

Ich war froh am Feuer zu sitzen, mich fröstelte.

Dann stand er auf, der sächsische Che, und ich dachte, jetzt hält er eine Rede und bläst zur Revolution, zu Klassenkampf und Sturz der Eliten, für Freiheit und Future, aber er verabschiedete sich, er war müde. Auch Helden brauchen ihren Schlaf, gerade die.

Da bin ich echt froh, dass Che milde geworden ist, und nicht König. Scheint ja doch immer schwierig mit diesen alleinherrschenden Mächtigen, die sich einen Plan machen für die Menschen ´unter ihnen´ und beleidigt sind, wenn die sich nicht dran halten. Und bisschen blöde ist das ja eigentlich auch. Keine Macht den Misanthropen. Es gibt ein paar Wesenszüge, mit denen, meine ich, sollte man nicht regieren dürfen; Selbstüberhöhung und Menschenverachtung gehören dazu. Der sächsische Che hat eine nette Familie – soll er sie genießen und glücklich sein.

Ich würde gerne demonstrieren. Mit Künstlern, die Rahmenbedingungen wollen, innerhalb derer sie  auftreten können. Mit Angehörigen und Bewohnern von Pflegeheimen, damit Angebote und Verbindungen zur Außenwelt nicht ersatzlos gestrichen, sondern Alternativen geschaffen werden. Mit Hebammen, die Müttern und deren Babys intensiver beistehen wollen. Mit Sterbebegleiterinnen, die Sterbende besser begleiten wollen. Mit Passagieren, die Platz und Frischluft in Zug und Bus wollen. Mit Reiseveranstaltern, die ihre Reisen verkaufen wollen. Mit Artisten, die Zirkus machen wollen. Mit Schaustellern, die ihre Fahrgeschäfte aufbauen wollen. Und mit Bastlerinnen, die auf Weihnachtsmärkten verkaufen wollen. Ich will unbedingt, dass der Weihnachtsmarkt in Gengenbach stattfindet. Ich will hin, und ich will eine Freundin mitnehmen, die quasi-heimatliche Gefühle mit der Stadt verbindet. Wir würden Mundschutz tragen und Abstand halten, am Stand, in der Achterbahn, im Zirkuszelt, im Konzert, überall, das Ding tut nicht weh, und wir würden uns hinterher die Hände waschen.

Außerdem würde ich für nachhaltige Politik und Gemeinwohlökonomie demonstrieren.  Und wenn´s Verzicht bedeutet. Wir sind die Babybommer, wir sind die Generation, die grad maßgeblich entscheidet. Die meisten von uns kennen Verzicht, Dinge, die man denken, aber nicht haben kann. Hat sich deshalb wer unfrei gefühlt? In den 70ern ist kaum jemand in den Urlaub geflogen; Schuhe mussten gepflegt werden, damit sie lange hielten, Schnitzel gab es an Sonntagen, und weggeworfen wurde nur Müll, nicht Sachen, die extra dazu gemacht und gekauft wurden. Wir sind ja völlig meschugge, alle zwei Jahre ein neues Handy, ein neues Tablet, einen neuen PC zu brauchen. Wir sind völlig meschugge, stapelweise Tshirts für drei Euro das Stück zu kaufen, nur um sie nach dem dritten Waschen zu entsorgen. Wir sind meschugge, jeder ein eigenes Häuschen mit Doppelgarage und eigenem Spielplatz und zwei bis drei Autos je Haushalt zu brauchen. Und wenn die Wirtschaft das braucht – dass alle haufenweise Sachen kaufen, die keiner braucht – dann muss sich die Wirtschaft ändern, auch wenn wer arbeitslos wird. Was würde denn passieren? Es gäben mehr und schneller Firmen auf, als neue geschaffen werden. Vermutlich. Manche kämen gut durch. Viele andere würde vermutlich Stütze benötigen. Der Lebensstandard sänke, aber flächendeckend und gemeinsam, was es erträglich machte. Und es müsste umverteilt werden, was einigen sicher nicht passt, aber was soll´s. Von einer Welt, die am Stock und zugrunde geht, hat auch der volle Geldsack nichts. Was ist denn so schlimm an Veränderung und Umbruch und Krise und Verzicht? Woher dieser horrende Schiß? Noch nie eine Krise erlebt? Nie gescheitert? Ging immer alles geradeaus?  

Ich will nicht kleinreden. Das ist schon starker Tobak. Aber er ist nicht stärker als der, den man vor einigen Jahren Griechenland und anderen Ländern zumutete, als man von ´Hausaufgaben machen´ sprach, von ´Geschäftsmodellen ändern´; ganze Länder sollten, mussten das tun, mal eben Land, Leute und Wirtschaft umkrempeln.  

Auch wenn man schreit, was das Zeug hält – es hilft nicht, und Schreien kostet viel Puste, die man anderweitig nötiger braucht. So wie´s die letzten Jahrzehnte ging, kann´s halt nicht weitergehen, so schön es auch wäre. Hat man wirklich geglaubt, das ginge – immer mehr, immer besser? Hat man das wirklich geglaubt? Dass es immer bergauf, nie bergab geht, immer nur in eine Richtung?  Raus aus der Wohlfühlblase. Es geht erstmal runter, aber dann geht es auch wieder rauf. Arschbacken zusammen, einander Hände gereicht  und Schritt für Schritt beherzt durch. Das Beste draus machen, jeden Tag neu. Es muss schon seeehr dicke kommen, damit man einem Tag so gar nichts Positives abgewinnen kann, und diese Tage stehen meist unter einem ganz anderen Stern und haben mit wirtschaftlichen oder politischen Rahmenbedingungen wenig zu tun. Wir reden hier nicht von ´Existenz´, und wenn, dann fälschlich. Wir reden hier von Broterwerb und Konsum, und das geht auch anders. Und keiner muss verhungern, erfrieren oder verzweifeln. Es mag rumpeln in der Kiste und auch mal wehtun, aber das geht vorbei, und hinterher ist die Lage eine andere. Die Dinge besser machen – dafür würde ich demonstrieren, mit Lied und Friedensfest und Camp und Kette.

Aber auch wenn das nicht geschieht oder zu wenige es tun – es ändert nichts daran, dass es ganz bestimmt so kommen wird, dass die Schuhe wieder gepflegt werden und Fleisch Luxus ist, dass man Klamotten aufträgt und weiterreicht, dass nicht jeder ein Eigenheim baut und Autos uncool sind. Es wird so kommen, bin ich überzeugt, denn wie soll es anders sein. Es kommt zwangsläufig. Weil die Erde bald nicht mehr hergibt und die Gesellschaften auch nicht. Dann kommt der Wandel, vielleicht etwas später, aber brutaler. Den, den man selbst einläutet, den hat man auch souveräner in der Hand.

Eine globale Menschenkette wäre schöner.

Mitbringsel

Ich sitze im Zug, auf dem Weg zu einem Verwandtschaftstreffen und denke, dies ist ein adäquater Ort den begonnenen Text endlich zu Ende zu bringen. Es ist noch nicht lange her, als wir so in den Urlaub reisten, 15 Stunden diagonal durch die Republik. Ich war begeistert wie die Kinder das wegsteckten. Zugfahren ist toll, jede Fahrt eine Reise, auch jetzt eben fühle ich mich verreisend.

Die Koffer standen bis vor drei Tagen noch teils unausgepackt in der Diele, der Esstisch war begraben unter einzupackendem Zeug für die Schultüte, und in der Küche türmten sich die Einkäufe  fürs Einschulungsfest. Von der Reise gerade erst zurückgekommen, ging’s holterdipolter in Schule und Alltag. Ziemlich abrupt, und das, wo ich mir gerade täglich neu vornehme, weniger in den Plan zu packen und jedem Tag ´freie´ Stunden zu lassen. Multitasking und der Drang nach Effizienzsteigerung stressen, das geht mir auf Dauer ans Gemüt. Eigentlich freuen wir uns auf den Schulstart, aber wir waren gefühlt so lange und so weit fort, dass uns das bloße Heimkommen erstmal schon Aufregung genug war. Dabei waren es gerade mal zwei Wochen, eine auf Rügen, eine in Berlin.  Ich hatte die Reise noch gar nicht richtig abgeschlossen – schriftlich, was bei mir der Knopf drunter ist, der Punkt am Ende, mit dem es dann auch gut ist. Und jetzt bin ich schon an der Retrospektive – „was bleibt“.

Wenig Bilder jedenfalls – uns wurde der Rucksack geklaut mit Kamera, Handy, Geldbeutel, Brille, Schal, Schmusetuch, allem. Das drückte kurz heftig auf die Laune, aber wir haben´s überstanden wie andere Widrigkeiten auch. „Das ist jetzt so“, war ein Satz, den der Sohn häufig gesagt hat, er, der bis vor kurzem Abweichungen von seinen ureigenen Vorstellungen nur schwer ertragen hatte.  Der geklaute Rucksack, der Ärger, dass der Gewinn des Einen dabei in einem so miesen Verhältnis steht zum Verlust des Anderen, Heimweh, Ängste, Mucken und Übellaunigkeiten, Regenwetter – egal –  wir  waren ein klasse Team; wir haben immer gute Wege gefunden und aus jedem Tag einen schönen gemacht. Wenn wir das behielten, das wäre ein großartiges Mitbringsel.

Alle Urlaubsbilder weg, nur noch ein paar per whatsapp verschickte zurückerhalten. das ist mir das Ärgste.

(Das obige Foto hatte ich auf instagram geladen. Weil unsere Unterkunft an der Südküste war, die schönen Seebäder aber an der Ostküste sind, fuhren wir öfter mit dem Rasenden Roland, einer alten Dampflok, dahin, bepackt unter anderem mit Sandelsieb und dem Wedel aus dem hauseigenen Garten, die beide im Grunde nur hin und her geschleppt wurden, damit sie auch mit dabei waren).

Vielleicht ist es ja ganz gut, das Bedürfnis, immer alles fotografisch festhalten zu wollen mal beiseite zu schieben. Ich glaube, ich habe sowieso viel zu oft den Finger am Auslöser. Wir haben viele Ratschläge erhalten, wie wir mit dem Diebstahl umgehen sollen, unter anderem eben diesen – es als Anregung nehmen. Ich gebe zu, manche Tipps haben mich genervt. Heieiei – wie man mit Übel, das ins Leben platzt, umgeht, diese Tricks und Kniffs kenne ich zur Genüge. Deshalb gibt es doch aber trotzdem ein Bedürfnis, und ein Recht, auch mal wütend und stinkig zu sein und Zeter und Mordio zu schreien. Soll ich vom ersten Moment an dankbar sein, „Danke guter Dieb, dass du uns diese Erfahrung beschert hast?“ Ppff.

Ich habe ihn gesehen; wir waren auf dem Flugfeld Tempelhof und haben – es war windig und kühl und kaum einer war da – auf einem Mountainbiketrail Fangen und Verstecken gespielt und währenddessen den Rucksack in eine der vielen Mulden gestellt; man kam ja im Spiel immer wieder daran vorbei. Ja, und dann war da dieser junge, gestriegelte Markenklamottenschnösel mit Miet-E-scooter und verschlagenem Gesichtsausdruck – und dann war der Rucksack weg. Blöder A….! Und überhaupt diese Miet-E-Scooter – die fördern assiges Verhalten! Sie werden – so hat mir eine Frau, die fürs Müllsammeln zuständig ist – anscheinend nicht selten als ´Fluchtfahrzeug´ benutzt. Die Frau fand den leeren Geldbeutel mit Ausweis und Führerschein drin und ließ ihn uns zukommen, samt Sammel-Ottifanten, was ich ganz bezaubernd fand. Solche Kontakte können mit der Welt versöhnen. Dankeschön! Überall in der Stadt sausen diese Mietscooter alles aufscheuchend an einem vorbei und stehen dann mitten im Weg rum, nicht einen Zentimeter zur Seite gerückt, Frauen mit Doppelkinderwagen drücken sich seitlich dran vorbei und alte Leute mit Einkaufstrolley ziehen Bögen. Und so kleine Mistgestalten mieten sie, klauen Handtaschen, die man ausgeräumt auch überall liegen sieht, wenn man dann mal drauf achtet, und zischen flink und flott ab und bezahlen mit dem Diebesgut gleich die nächste Tour. Und das soll man nicht Oberkacke finden dürfen?

Und dann ist da noch Felicitas, genannt Fee, ein elfjähriges Mädchen, das wir an der Megarutsche im Görlitzer Park kennengelernt haben, mit dem die Kinder einen solchen Spaß hatten, dass keines nach Hause wollte und wir erst in der anbrechenden Dunkelheit so weit es ging zusammen den Rückweg antraten. „Seid ihr schon mal gemobbt worden?“ hatte Fee, noch an der Rutsche, ganz unvermittelt gefragt. „Was ist das – mobben?“ wollte meine Tochter wissen. Klärende Gespräche und Erzählungen. Die Familie war gerade erst aus dem Umland nach Berlin hinein gezogen. Am Schluss Telefonnummern getauscht, man wollte sich nochmal treffen, zwei Tage darauf würde Fee zwölf, ich hatte schon über ein kleines Geschenk nachgedacht. Und auch daran trägt dieser blöde Dieb Schuld – dass irgendwo in Berlin ein Mädchen ist, das sich vielleicht wundert und traurig ist, weil nach dem so netten Kontakt so rein gar nichts mehr kam. Ich bleibe dabei – der Blitz soll ihn beim Scheißen treffen.

Wir fuhren schwarz und ohne Maske zurück in unser Kurzzuhause bei einer Freundin, haben uns erst gegrämt, dann besonnen, einen lustigen Film geguckt, uns Geld geliehen, (und zurückgezahlt), sind ins nächste Spaßbad gefahren und außerdem shoppen gegangen. Das erste Mal im Leben im H&M und mit übervoll beladenen Armen vor der Anprobe gestanden. Der Batmananzug ist eigentlich zu klein, zwei Nummern größer wäre besser. Aber die Schaumstoffpolster sind beeindruckend, damit hat der Bub Muckis wie Arnold Schwarzenegger. Wir haben den Kauf nicht bereut, der Anzug blieb gleich an. „Hast du das schon mal gemacht, bist du schon mal mit Batman durch Berlin gelaufen?“, fragt der Sohn. Nein, noch nie. Aber es fühlte sich klasse an, mit Batman im thailändischen Imbiss, im Bus, beim abendlichen Spaziergang, beim Wettrennen. Er fühlte sich unbesiegbar und die Tochter war beruhigt – was soll mit Batman an der Seite schon passieren.

Aber auch das haben wir erfahren – hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Nicht mal mit Batman im Team. „Man muss schon selbst auch vorsichtig sein und mitdenken“ mahne ich meine Tochter, die das als Zumutung empfindet. Da war der Finger schon so tief in die Getränkedose gesteckt, dass er nicht mehr herauszubekommen war, vielmehr schließlich nur unter Inkaufnahme eines Schnittes in der Haut. Schuldfragen – wer hat das zu verantworten – sie?, der Finger?, ich? die Dose? Fragen über Fragen. „Weshalb muss es das überhaupt geben, so scharfe Sachen, an denen man sich wehtun kann?“ klagte sie. Naja, Dosen braucht es oder braucht es nicht, prinzipiell kann man auch aus was anderem trinken, aber selbst ohne Dose – mit Scharf, Spitz, Heiß, usw muss man umzugehen lernen, wie mit vielen anderen Gefahren und Risiken auch.  Wenigstens ist der Finger schnell verheilt. Nicht auszudenken, was gewesen wäre, wenn die Wunde am Baden gehindert hätte. Baden! Meer! Der Sehnsuchtsort, der uns so weit hatte reisen lassen –

Wir haben erfahren, dass die Quallen in der Ostsee harmlos sind und sich anfühlen wie Glibber, und außerdem, was das rote oder pinke Kleeblatt in deren Kuppel ist – „der Magen“, wie der Sohn des Hauses, in dem wir wohnten, erklärte, ein sechs Jahre junger Mensch, der Wert darauf legt, nicht als ´klein´ zu gelten. (Er hat mich öfter verblüfft.)  Das ´grüne Zimmer im bunten Haus´, das selbst durchaus nicht riesig ist, war unseres, und bunt war es da – noch Tage nach der Ankunft entdeckten wir Türen zu verborgenen Wohneinheiten; wie in Hogwarts fanden sich unter Treppen und hinter Verschlägen urplötzlich neue Welten, und begegneten wir Leuten, die auch da wohnten – Reisende, Ölbohrer, Berufstaucher, Grafiker, Retterinnen, Musiker, bastelnde Händlerinnen, Schüler, und solche, die das gerade nicht sind; allerhand Leben zwischen den Mauern, und eins so unkonventionell wie´s andere.

Und was dem einen ein Müssen ist, ist dem anderen bloße Option. Man kann sich mehr aussuchen, als man meinen möchte. Freilich hat alles seinen Preis, aber welchen man bezahlt, bestimmt man mitunter selbst. Das Thema ging mir durchaus nahe. ´Schule´, erkenne ich an, ist ein Müssen, mit dem ich mich bewusst arrangiere, was ich auch meinen Kindern abverlange. Wir haben Leute getroffen, die das anders angehen, und das mit sehr sympathischen Herangehensweisen.

Ich entdecke, dass ich anders erkläre. „Alles hat zwei Seiten“ sage ich – ich weiß nicht – alles – jedenfalls alles, das ich kenne, und zumindest, soweit ich es im Moment erfassen kann. Keine Reise ohne Heimweh, kein Anfang ohne Ende, keine Begegnung ohne Abschied, keine Wunde ohne Trost, kein Frust ohne Freude,…,  so und andersherum. Und auch kein Urlaub ohne Alltag. So ist das ´in unserer Welt´, ein Satz, den ich vor allem in Berlin öfter gehört habe in dieser oder abgewandelter Form. So gibt es da zum Beispiel eine Welt, in der die Butterdose unbedingt! für mich verkehrt herum benutzt wird, das heißt, die Butter sitzt auf der Unterseite des Bodenteils, während ich sie in die Vertiefung setze, was im unbenutzten Zustand den Deckel satter sitzen lässt. Dann aber, erklärt mir die Herrin dieser anderen Welt, muss man das Messer schräger ansetzen und kann nicht waagrecht abschneiden. Okay. Mir auch egal. Und so adrett ich diese Idee eigentlich finde, dass jeder sich so ein bisschen seine eigene Welt bastelt, so seltsam mutet es mich an. Derzeit wäre mir lieber, es würde uns vermehrt bewusst, dass es doch eine einzige, gemeinsame ist, auf die wir achtgeben und die wir teilen sollen.

´In unserer Welt´ also gibt es Urlaub und Alltag, und das Eine ist vom Andern ziemlich strikt getrennt. Das geht auch anders, das weiß ich wohl, und auf dieser Reise, bei der die Wohnmobile vor dem Haus standen und täglich grüßten, bin ich ihm wieder begegnet, diesem ´anders´, und es sprang mich wieder an und schlüpfte unter die Haut und kitzelte. Vielleicht fallen besagte Grenzen auch im ´anders´  nicht unbedingt weg – ich bin über die Jahrzehnte sehr unterschiedlichen Gestaltungen begegnet – aber sie verschieben sich und fühlen sich weit durchlässiger an.

Nein. Bei uns würde es so nicht passen, und ich könnt´s auch nicht, nicht als Familie. „Learning by doing“ gilt für jedes Leben – wir wollen lernen, mit Müssens wie Schule und der Unterscheidung ´Fest- und Alltag´ klarzukommen. Die, bei denen es mich so anspringt, die, bei denen mir die Aufhebung des Gegensatzes so gefällt, die haben alle eine andere Konstante, eine feste – die ich nicht habe. Und ich mag unseren Alltag auch, ich habe ihn gern, und das selbst dann, wenn ich jetzt, und zukünftig mehr, verzichten muss. Das ist ein bisschen wie mit dem Multitasking – ´eins nach dem anderen´ fällt mir leichter. Vielleicht ist das die schwäbische Kleinstadt, die drin steckt, und das Beamtenkind, das eine saubere Einteilung mag. Erst das Eine, dann das Andere, und immer wissen, woran ich gerade bin und was ich tue. Sonst kommt´s durcheinander und wird konfus und ich will zuviel zugleich und verzettle mich. Und ich will, da ich mir ja nun vornehme, den Tag weniger zu verplanen, dem Alltag ja ohnehin auch mehr ´Frei-Momente´ lassen – das geht sicher, und dann passt das wieder. Das mag alles etwas kindisch anmuten. Aber warum nicht. Auch darauf stieß ich täglich – Kinder sind mitunter verblüffend schlau und haben erwachsene Erkenntnisse auf Lager. So traf ich ein Kind, das keine Schulbank drückt, obwohl in dem Alter dafür – jung, nicht klein – das mir bis dahin Unbekanntes erzählte über Länder, in denen ich selbst schon war und das mich beim Qwirkle – ein großartiges, durchaus logisch anspruchsvolles Gesellschaftsspiel – über Stunden hochkonzentriert und immer wieder satt abzog. Ich habe tatsächlich keine Ahnung, was für so ein Kind in der Schule spannend sein könnte.

Und meine eigenen Kinder klärten mich auf über die Zusammenhänge zwischen Arm und Reich.

Von Rügen nach Berlin. Hipster in Altbauwohnungen, die unter-unter-unter- vermietet werden, und kleine Hochbeete in Hinterhöfen, die von einer Familie gepflegt und von allen geerntet werden. Berlin ist super kinderfreundlich. Mitten in der Alltagswoche werden in Parks Kinderfeste gefeiert, und man kann Tage mit Spielplatzhopping verbringen. Und überall finden sich Wagenburgen und Zirkuszelte und allerhand Wohnen und Treiben in irgendwelchen ausrangierten Bauten – überall sprüht es vor Ideen.

Bloß – „Berlin ist so voller Menschen“ – der Sohn vermisste das Alleinsein. (Deshalb der Trip zum stillgelegten Flughafen). Gefallen hat es ihm, aber noch während der Reise fanden wir, dass unsere schwäbische Kleinstadt ja doch ein ganz guter Ort zum Leben ist.

Wir haben, in diskretem Abstand, ´arm´ gespielt. In Berlin ist längst Herbst, die Bäume dort verfärbten sich bereits, und Wiesen und Gehwege waren voller Kastanien. Und wir im Sommerurlaub – das fühlte sich seltsam an. Am Kanal durch Treptow hatten am gegenüberliegenden Ufer unter Planen und gelbwerdenden Trauerweiden Leute ihr Lager aufgeschlagen. „Was machen die da?“ wollten die Kinder wissen. „´Weiß nicht, ich schätze – Wohnen“, sagte ich, und erklärte, dass es Leute gibt, die keine Wohnung mehr bekämen und aus jedem tragenden System fielen. Ich will mir selbst gar nicht vorstellen, wie das für sie im nahenden Winter wird. Die Kinder wollten ´arm´ spielen, und ich sollte die Reiche sein, und böse!, auf jeden Fall böse. Das verlangte die Dramaturgie, gut gegen böse, arm gegen reich. Ich hätte meine , Rolle gerne anders angelegt  – „sonst kann ich mich selbst nicht leiden“, sagte ich – aber ich habe trotzdem mitgespielt und bin sie herb angegangen, von wegen wie sie aussehen und hausen und was sie da treiben und weshalb sie nicht ordentlich wie andere auch…, diese Tour halt, und habe sie angemotzt und ihnen Platz und Sachen streitig gemacht, und ich konnte mich nicht leiden und war gleichzeitig entzückt, wie gut sie sich wehrten und argumentieren, und wie gut sie erfassten, dass ich, die Reiche, mitschuld war an ihrer Lage und es gemein von mir war, sie so anzugehen. Manche Zusammenhänge verstehen sie ganz gut. Hatte mich erst geschämt und war dann doch stolz.

Ein Rezept für Tomatenbutter habe ich mitgebracht, das unserer Einschulungsfeier zugutekam und ausserdem gesehen, wie schön grüne Wände sein können, und dass ausgediente Schubladen sich hervorragend als Bilderrahmen eignen. Wir wissen jetzt, dass ´cool´ nicht eine große Klappe ist, derweil man sich weigert, das Butterbrot selbst zu schmieren, sondern seine Schwester in Seenot zu retten. Wir wissen neuerdings, dass die Tochter ganz tadellos Fahrrad fahren kann und die Vorstellung, dass Zeit gleichmäßig vergeht, ein ziemlich verrückter Irrglaube ist. In der Überfüllung ist Zeit immer zu wenig. Mit etwas Muse aber kann ein Tag kurz oder lang sein und eine Woche weg wie nix oder nahezu ewig. Und dabei ist es durchaus nicht so, dass das Unangenehme immer länger dauert. Ganz im Gegenteil, diese Reise war soo lang und soo weit – Welten lagen darin und Erkenntnisse aus und für viele Leben.

Corona. Wir hatten gefühlt eine Pause, aber mitgereist ist es, Corona mischt überall mit. Und zurück sind wir gesund, nicht infiziert, aber ärmer, und auch nicht unbedingt ausgeruht, aber um viele Erfahrungen reicher, und um ein Batmankostüm, einen Glitzerrock, einen Paillettenpulli, Porzellanquallen von der Bastelfrau, einer Bluse aus dem ´Zu Verschenken-Schrank´ in Neukölln,…. Schön war´s.

Und auch ´DIE Demo´ ist verarbeitet, die ebenfalls mitgefahren war.

Hier folgt in Kürze der Link zum Blogbeitrag.

Summerfeeling 2020

„Wann, wenn nicht jetzt“

…….. sagt Arbeitsminister Heil, sollen die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie verbessert werden. Die Fleischindustrie selbst ist natürlich dagegen und prophezeit einen Preisanstieg von bis zu zwanzig Prozent. (Ich hätte gar nichts dagegen). Mit Summerfeeling hat das freilich nichts zu tun. Aber dies Jahr fühlt sich alles anders an als sonst, sogar der Sommer.

´Fleischindustrie´. Ich mag schon das Wort nicht. Es wird schließlich nicht Kunststoff hergestellt oder Zement gebrannt.  Da geht es um lebende Wesen und um deren Lebens – und Sterbensbedingungen. Natürlich müssen die Arbeitsbedingungen der Leute, die das  mittragen, auch verbessert werden. Erfährt man selbst keinen Respekt, geht man mit denen, mit welchen man zu tun hat, entsprechend mies um. Ich schätze, ein Tier erfährt die schlechte Laune des Schlachters mit seinen letzten Atemzügen. Schlecht leben, elend sterben und für einen despektierlichen Preis an der Theke verhökert werden – das ist dann die Würdelosigkeit, die wir uns wiederum reinstopfen.

Wann, wenn nicht jetzt… Aber ich habe keinen Kopf mehr für das Thema.

Wie ich auch keinen Kopf mehr habe für den Plastikmüll – auch ein Text, der angefangen und in Zetteln rumliegt, zusammen mit etlichen anderen Themen. Ich habe eine Reportage gesehen, eine andere als letztes Mal, als das Thema mich schon mal umtrieb – aber wieder  war darin ´mein´ Frühlingsquark am malaysischen Strand, und außerdem gezeigt wurde eine Demonstration, wieviel Mikroplastik in zB Peelings steckt, eine satte Messerspitze spüle ich jedes Mal in den Abguss, und was Weichmacher mit uns machen, (zB zeugungsunfähig, was mann ja nun nicht unbedingt will). Im Jahr 2050 werden in den Ozeanen mehr Kunststoffteile sein als organisches Material. Das ist so schrecklich wie unvorstellbar. Wir werfen´s auf die Deponie oder verschippern nach irgendwohin und nennen´s recycelt. Weil eine Zahl dann in diese Rubrik der Statistik darf. Das ist „außen hui, innen pfui“ – bloßer schöner Schein. Ich sortiere falsch, weiß ich jetzt. Ich muss Deckel und Gefäß voneinander trennen und die Stoffe so in den gelben Sack stecken, dass sie maschinell oder mit einfachen Handgriffen sortiert werden können. Oder am besten gar kein Plastik mehr kaufen. Ich bin zurück am Kistenschleppen,  Quark, habe ich entdeckt, gibt es auch in Pfandgläsern, und die neuen Vesperdosen für die Kinder sind aus Metall, es wird offen gekauft, was es autounabhängig offen gibt, und was Reinigungs – und Hygieneartikel betrifft, mache ich mich nochmal schlau, was sich wie umweltschonend gestalten lässt. Ich kann auch nicht ewig aufschieben –

Das tue ich genug, und bisweilen purzelt´s dann übereinander. Im Moment ist der Kopf so voll, dass die Koffer mehrfach umgepackt werden, als hätte das eine direkt mit dem andern zu tun. Ein bisschen geht es mir wie Candide, der stets sicher war, in der besten aller Welten zu leben und immer wieder mit der Nase darauf stieß, dass dem nicht so war. Ich neige dazu, die Worte und Vorhaben der Politik mit ihrem Handeln gleichzusetzen und anzunehmen, dass es für alle Abläufe, um die es geht, die betreffenden Regeln gibt. Um später festzustellen, dass es wieder bloß eine Idee war, oft noch nicht mal um eine einzuschlagende Richtung. Nichts verändert sich, und nichts darf sich verändern, weil sofort irgendwer aufschreit, grade sowieso, wo jeder der Wichtigste ist. Vielleicht geht es alles auch gar nicht. Vielleicht ist es wirklich zu viel Wirtschaftstreiben, das da reglementiert und kontrolliert und gelenkt werden müsste. Und vielleicht ist Solidarität auch nur so eine Idee, ein schönes Wort.

Es scheint zu viel für die Welt, zu viel für die Regierenden, zu viel für mich. Zumindest im Moment. Familyaffairs, volle Pulle. Die Kinder werden groß, die Eltern alt und jedes der Geschwister geht anders damit um. Bisweilen bin ich froh, wir schaffen es, die Dinge so zu regeln, dass sich alle noch liebhaben können.

Ich bin an Einschulungsthemen. Manche Schulsachen sind bereits ausverkauft. Zum Glück ist wenigstens die Schultüte jetzt fertig. Wie das mit dem Fest wird, lassen wir auf uns zukommen. Und so halten wir´s auch mit der Fasnet, um die sich bereits gesorgt wird. Das juckt mich noch überhaupt nicht. Ich denke, es gab Ostern trotz Corona, Pfingsten und sogar Freibad und Sommerferien, es wird einen Advent geben und Weihnachten, und eine Fasnet bestimmt auch, anders halt und bestimmt unvergesslich.

Dann natürlich Corona. Die große Demo in Berlin diesen Samstag ist verboten worden. Ich könnte mir vorstellen, den Organisatoren kommt das Verbot mitunter entgegen. So können sie ´trotzdem´, und das ist eigentlich viel geiler. Mir scheint ja, es sind gar nicht so sehr die einzelnen Coronaregeln der Stein des Anstoßes. Abgesehen davon, dass man Regeln nicht gut finden, sondern sich an sie halten soll – in der Tempo-30-Zone kann man auch fünfzig fahren wollen, und Steuertricksereien gelten vielen als schlau –  scheint mir, ist es nicht die Maske, die, wer sie nicht mag, ohnehin unterm Kinn trägt, und auch nicht der eineinhalb-Meter-Abstand, den man überall im Land brechen kann, ohne dafür nach Berlin reisen zu müssen. Dies zu tun ist in der Masse allerdings, friedlich und doch provokant, bei Weitem öffentlichkeitswirksamer. Es geht dort auch weniger, könnte ich mir vorstellen, um die Künstler, die wieder auftreten wollen oder um Reiseveranstalter, die ihre Reisen verkaufen wollen, und vielleicht noch nicht mal um die Angehörigen von Patienten und Bewohnern in Krankenhäusern, Hospizen und Pflegeheimen, die ihre Lieben besser begleiten wollen. Es geht hauptsächlich um die Frage „wer ist der Staat, und darf der das überhaupt“, mit Verweis auf die deutsche Geschichte, die in der Tat eine besondere Verantwortung mit sich bringt. Die Frage nach staatlicher Macht muss  jeder regelmäßig neu beantworten. Aber dabei muss man eben auch abwägen. Eine Regel, die die Freiheit einschränkt, ist nicht zwangsläufig ein Unterdrückungsinstrument. So darf ja auch nicht jeder einfach bauen, wo und wie es ihm passt, nicht mal, wenn ihm das Land gehört. Ökosystemen sind Grundbucheinträge egal. Deshalb gibt es Flächennutzungspläne und Vorschriften. Nur ein Beispiel – es gibt unzählige. Man muss schon differenzieren. Wo Menschen zusammenleben, gibt es Regeln. Und es mag nicht jeder dieses Virus einfach vom Tisch wischen. Nun soll es da also einen großen Aufmarsch geben, die, die durchweg ´nein´ sagen gegen die Staatsmacht. Na prima. Das ist genau, was das Land jetzt braucht. Ich meine, Corona ist eine Krise, die ihre Härten mit sich bringt und ihre Antworten braucht, aber  – da gebe ich den Zweiflern Recht – wir leben nicht im Mittelalter und haben es nicht mit der Pest zu tun – sie ist vergleichsweise handelbar und noch lange nicht die ärgste Krise, in der wir stecken. Wenn wir diese nicht packen, einigermaßen geeint als Gesellschaft, wie dann erst die anderen, für die man sich noch viel mehr einschränken muss, denen man viel geeinter begegnen muss. DA wird mir bang.

Mit Macht umzugehen hat man hierzulande noch immer nicht gelernt. „Nein“ und „nicht mit mir“zu skandieren  ist nicht per se ein Zeichen souveräner Aufgeklärtheit. Aber es will halt jeder ein bisschen König sein.

Ich auch. Ich muss aber meistens die Böse spielen. Da fällt mir ein, ich habe die Krone vergessen. Das Prinzessinnenkleid ist eingepackt, der Zauberstab auch, die Krone fehlt. In unseren Spielen sind die Rollen klar verteilt; der Plot wird besprochen, im Konjunktiv, dann geht’s los, irgendwann sagt eins ´Spielstopp´. Das haben sie so im Kindi gelernt und es gefällt mir gut. Danach geht´s real weiter, Diskussionen um Notwendigkeiten und Müssens inklusive, immer wieder neu abgewogen. Es muss für alle passen.

Koffer nochmal auf. Krone rein. Und wieder zu. Jetzt ist´s aber gut. Nix wie los ans Meer. Ich habe Angst um die Zukunft der Kinder. Aber erstmal wollen wir genießen, so gut wir können. Ferien, Sommer, Meer. So schlecht ist alles vielleicht auch gar nicht. Maske auf und zum Zug – yeah

Eine Verschwörungsgeschichte und ein perfider Plan

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Perfidie

Wikipedia: „Als Perfidie, auch Perfidität,   (lat.  perfidus = treulos, wortbrüchig, niederträchtig), beziehungsweise mit dem davon abgeleiteten Adjektiv perfide, werden Handlungen einer Person oder Personengruppe bezeichnet, die vorsätzlich das Vertrauen oder die Loyalität einer anderen Person oder Personengruppe ausnutzen, um beispielsweise in geschäftlichen Beziehungen oder in militärischen Auseinandersetzungen einen Vorteil zu erlangen. Das bewusste Erzeugen eines solchen Vertrauens durch entsprechende Maßnahmen ist dabei oft ein wesentlicher Teil einer perfiden Handlung….“

Passt! Ich habe ein Gefühl dafür, aber keine Worte. Diese treffen´s exakt.

 

Ich habe mich dem ausgesetzt, nachdem ich von einem, der mir nahe steht, einen Link per Whats-app erhalten hatte, “ Der perfide Plan des World-economic-forum“, versehen mit dem Zusatz „ ANSEHEN! HAMMER! RIESEN-SCHWEINEREI!“ Ich hatte das Gefühl, ich sollte Stellung beziehen. Mich verlangt nicht danach dergleichen Geschichten, aber ich tat´s. Da war eine Frage, die eine Antwort wollte.

Ein Clip – der Text gesprochen von einer dunklen, fast sanften, aber penetrant eindringlichen Frauenstimme – die in einer Mischung aus Nachrichtenduktus und Dozentin den „perfiden Plan des Weltwirtschaftsforums“ erklärte. Ein paar einführende Worte zu den Widersprüchlichkeiten des Virus-Geschehens, die Ankündigung, bald werde jede Form von Selbständigkeit der Vergangenheit angehören, Corona sei keine Pandemie, sondern eine Plandemie, und mit diesem Plan würde die digitale Transformation betrieben – die Ermordung der Schöpfung!, sagt sie, das Ganze nachzuverfolgen auf der Seite des World-economic-forums, Wef, anschließend folgte ich ihren Anweisungen und klickte mich durch dessen Seite.

Ich landete schnell bei einer Grafik, der ´Covid19 transformation map´, die, so verstehe ich das, auf verschiedenen Ebenen die diversen Aufgaben, die Corona global mit sich bringt, aufzeigt, und  – es geht diesem Forum um die Wirtschaft – sämtliche Wirtschaftsbereiche zuordnet.  Ich werde zu ´global governance´ gelotst – ´seht ihr, da ist sie, die Weltregierung´ – , zu ´human enhancement´, wo es um die ´Verbesserung der menschlichen Leistungsfähigkeit´ geht.  Die eindringliche Dozentinnenstimme erwähnt 5G, ohne Link auf der Grafik,  – „wir alle wissen, diese Strahlen sterilisieren“ – , ´in 10-15 Jahren werden wir feststellen, dass eine Massensterilisation stattgefunden hat. Dann werden wir unsere Elternschaft bestellen müssen, bekommen ein industriell, mit genom engineering optimiertes Wesen, ein Industrieprodukt, wir werden schließlich alle Eigentum einer Firma sein, es wird keine Schöpfungskinder mehr geben.´ Ich guckte auf die Leiste unten am Bildschirm, die anzeigt, wie lange der Clip noch geht, ich war kurz davor in die Tischkante zu beißen. Gleich geschafft. Weiter. Am Ende ´die Zerstörung des Seelenbaumes Avatar, die Digitalisierung ist die antichristliche Agenda, wir werden entmenschlicht, wir müssen aufstehen, wir müssen wie Sophie Scholl werden´.

Puh. Das ist starker Tobak. Dicker auftragen und ärger verdrehen geht nicht.

Ich habe beim Klicken durch die Grafik nichts gesehen, was diesen Plan belegen würde. Angeklickt habe ich Themenfelder. Das Wef spricht von Multistake-holders, ich hatte diesen Begriff nicht gekannt, googelte und stieß auf eine Diplomarbeit der Uni Graz über die Wirkweise von solchen Multistakeholdern.

https://unipub.uni-graz.at/obvugrhs/240266

„Die Zusammenarbeit von unterschiedlichen Stakeholdern spielt in der Global Governance eine immer wichtigere Rolle und hat die althergebrachte Form der Zusammenarbeit zwischen Regierungen abgelöst. Die staatlichen Gesetzgebungsorgane haben ihre Monopolstellung in der der internationalen Rechtsetzung verloren. Internationale Organisationen, zivilgesellschaftliche Akteure und Vertreter aus dem Wirtschaftssektor wirken nun mit ihnen zusammen in der Global Governance und tragen mit ihren speziellen Eigenschaften und Fähigkeiten zur Bewältigung globaler Schwierigkeiten bei…..“

Corona ist, daran hege ich keinerlei Zweifel, eine globale Aufgabe und Herausforderung. ´Global governance´ ist nicht ´die Weltregierung´ sondern der Oberbegriff dafür, dass globale Aufgaben global gelöst werden müssen und es dafür mehrere Institutionen braucht, Regierungen, zivilrechtliche, sozialwissenschaftliche Einrichtungen, wirtschaftliche, …, keiner ist allein am Drücker. Durchaus wünschenswert. Wenn´s richtig funktioniert, meine ich, ist das Machtkontrolle. In der Grafik, wird zu jedem Themenfeld auf eine Universität, eine Organisation, ein Institut verwiesen, das in diesem Bereich die Forschung betreibt, vielleicht führt und bündelt, Ideen entwickelt, die das ist, was man wohl Thinktank nennt, so stelle ich mir vor. Zu keinem der Themen steht da eine Ausgestaltung, eine bestehende Denk-oder gar Handlungsrichtung. Was die eindringliche Dozentinnenstimme darüber sagt, ist frei hineininterpretiert, ist nur den Begriff benutzt und etwas daraus gesponnen. Man kann die Themen anklicken, aber um zu den sich dort entwickelnden Überlegungen zu kommen, müsste man sich einloggen. Der Clip ist so weit nicht gegangen, und ich tue es auch nicht, ging auch nicht, ´keine Berechtigung´. Schade.

Ich stehe manchen der aufgelisteten Themen auch kritisch gegenüber. Bei ´Optimierung´denke ich nicht an Veränderung des Erbguts. Ich tue mich schwer mit 5G und der Digitalisierung, deren Verdienste ich anerkenne, die mir aber zu aggressiv in ihrem Tempo und ihren Versprechungen ist. Ich finde unbedingt, dass Macht kontrolliert und begrenzt sein muss. Aber diesem Teufel-an-die-Wand-malen kann ich nicht folgen. Und das tut die sanfte Dozentinnenstimme – da wird der Teufel an die Wand gemalt. Es ist diese Verdrehung  von Bedeutungen und Begrifflichkeiten, die so fies und niederträchtig ist, die mich so ärgert. Die anderen mit dem Dreck bewerfen, in dem man sich selbst suhlt. Und einer, den ich mag, und der aus Gründen, die er eigentlich nur selbst wissen kann, offen dafür ist, dem verdreht´s die Rübe. Der Antichrist, gute Güte, drunter geht’s nicht – und natürlich ist es der andere, der den fiesen Plan hat. Der da gar nicht steht. Das einzige Wort, das stimmte in der Überschrift, war das Wort ´perfide´. Nur trifft es nicht auf einen existierenden Plan zu, den es also nur in den Köpfen derer gibt, die ihn so behaupten.

Ich habe versucht das nachzuvollziehen.

Der youtubekanal wird im Wesentlichen von einem Reichsbürger und einem, der mit Neonazis abhängt, betrieben, außerdem stieß ich beim ersten Suchen noch auf einen  Journalisten, (den ich bei der zweiten Suche nicht wiederfand, weil ich mir die Wege nicht gemerkt hatte), der behauptet, einen Bestseller über die dritte Generation der RAF gelandet zu haben, das kein Enthüllungsbuch wurde, sondern eine Verschwörungserzählung beinhaltet, dennoch wurde es preisgekrönt verfilmt – als Thriller.

Und darum geht´s – alles ist reine Fiktion. Man nehme ein paar Fakten und Eckdaten und spinne eine abgefahrene Geschichte daraus, gut und spannend zu lesen, und wenn man es geschickt anstellt, kann am Ende keiner Wahrheit von Fiktion unterscheiden. Solche Thriller kann man ja schreiben, weshalb nicht, keine schlechte Idee –  aber das dann als Wahrheit zu verkaufen – DAS ist perfide.

Und das sind dann die, die ´Lügenpresse´ schreien.

Und dann wird stets der ausbleibende Dialog beklagt. Okay –  wenn´s unbedingt sein müsste – ich verweigere nicht. Aber der wäre schnell erledigt – mit „bullshit“ ist man durch. Worüber will man sich denn unterhalten, bei diesem Plan, den es nicht gibt?

Wie kommt man darauf, dass 5G sterilisiert?  „Wir alle wissen“, hatte es im Text geheißen. Nein, ich wusste das nicht. Woher wissen DIE das? Das wäre vielleicht eine Frage. Und auch – weshalb tut man das? Weshalb erzählt man solche Lügengeschichten? Wie sieht der geheime Plan dahinter aus?

Löschen – diese Verdreher beklagen Zensur, und ich weiß nicht – ich kann´s und will´s nicht beurteilen – der Clip ist niederträchtig und gelogen, er ist manipulativ, und den Wunsch zu löschen kann ich zumindest nachvollziehen. „Shut up as….le!“ –  das würde ein Löschen dann bedeuten. Sagt man aber nicht. Ich weiß. Tu ich also auch nicht, nicht wirklich.  Aber wenigstens eine Warnung bräuchte es, „Vorsicht, nicht belegte Behauptungen´, und eine Art Hotline, bei der man´s melden kann, damit so mieses Zeug mit einem Verweis gekennzeichnet wird –  ´Fiktion´. Wenigstens.

Widerstand II

Über die Demo in Berlin am 01. August gegen die Coronamaßnahmen

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Es waren anscheiend viele Schwaben dort. Wutbürger schwätzen schwäbisch. Die Zahlen, wie viele Demonstranten es insgesamt waren, schwanken zwischen 20.000 (Polizei) und 1,8 Millionen (Veranstalter und diverse Medien).  Zwei wenigstens sind aus dem Kreis und kommen in der nrwz zu Wort.

Der Eine mit diesem Beitrag:

Antwort eines Demo-Teilnehmers: „Wir wollen lediglich den uns verweigerten Dialog aufnehmen“

Daraufhin habe ich folgenden Leserbrief geschrieben;

 

Lieber Roman,

in einem gebe ich Ihnen unumwunden Recht: „Für ein Leben in Liebe, Frieden, Freiheit, Bewusstheit, Dankbarkeit und im Einklang mit der Natur.“ Ihr Motto. Dafür stehe ich auch, und ich wünsche mir, dass dafür ein weit überwiegender Teil der Menschheit steht.

Ich war trotzdem nicht auf der Demo. Ich sehe auch nicht, dass Meinungen unterdrückt werden. Es wird sehr sehr viel gesagt und sehr sehr viel verbreitet, in allen möglichen Medien, auf allen möglichen Plattformen und Kanälen, es wird demonstriert und protestiert und das ohne, dass es irgendwelche negativen Konsequenzen für irgendwen hätte. Es kommen nur einfach viele Meinungen und Haltungen nicht zum Tragen. Und auch ein wissenschaftlicher Diskurs findet statt. Nur wird nicht allen Wissenschaftlern gefolgt. Mir scheint, dies ständige Beleidigtsein, ´ich werde nicht gehört´, ist Teil des Problems unserer Gesellschaft. Jeder will den Ton angeben und ist beleidigt, wenn es grad ein andrer tut. Demokratie ist auch, Mehrheiten auszuhalten. – Solange sie auf dem Boden des Grundgesetzes sind, freilich. Schön, wenn dies eine solche Würdigung erfährt. Das Grundgesetz aber sehe ich persönlich durch die derzeit beschränkenden Seuchenschutzgesetze nicht in Gefahr, eher dadurch, dass es ad absurdum geführt wird von Leuten, denen es um anderes geht.

´Nicht Spaltung, sondern Gemeinschaft, und einen Konsens für das Wohl der Gesellschaft´ wünschen Sie sich, wenn ich das richtig zusammengetragen habe. Das wünsche ich mir auch. Und viele Demonstranten würden das sicher genau so unterschreiben. Einigen aber, es mögen wenige sein, doch die sind in der Organisation dieser Demos stark vertreten, geht es durchaus um Spaltung.

In den Thinktanks der Rechten werden Strategien gelehrt, wie Begriffe so verdreht werden, dass stets der Angreifer das Opfer ist und der Verursacher der Verwirrung ihr Ankläger. So sind für diese Strategen zB. stets die Anderen die Freiheitsbeschneider und Meinungsdiktatoren, während sie selbst es sind, die ein ganz klar umrissenes Bild davon haben, für wen welche Rechte und Freiheiten gelten und für wen nicht.

Nein, da muss ich Ihnen widersprechen – ich finde, es gibt durchaus Haltungen, die keine Bühne bekommen sollen. Kein Pakt mit Rechtsaußen.

Nichtsdestotrotz finde ich die Energie, die aus diesen Demos spricht, durchaus ermutigend, wie mir auch die Entschlußkraft der Politik gut gefällt. Und da wiederum gebe ich Ihnen Recht – sie zeigt sich mitunter nur an der falschen Stelle.

Ja, es gibt bedrohlichere Krisen als Corona. Aber die heißen nicht Mund-Nasen-Schutz. Die heißen Klimawandel und Umweltzerstörung. Und da sieht es mit der Demonstrationsfreude doch ziemlich anders aus, und mit der Entschlußkraft der Politik auch, und es werden von Klimawandelleugnern, -skeptikern, und – relativierern wieder nur diejenigen Wissenschaftler anerkannt, die die Bälle flach halten und abwiegeln, ´alles nicht so wild, kein Grund irgendwas zu verändern´. Und drum beschleicht mich das Gefühl, dass es in Wahrheit um etwas ganz anders geht. Es wird ja nirgends so viel von Panik gesprochen wie auf den Demos gegen die Corona-Maßnahmen. Und ich glaube, in Wirklichkeit ist ebendiese Panik vieler eine vor einem Ende der Party und die größte Motivation für ein solches kollektives ´Dagegen´.

Die Freiheit des einen hört da auf, wo die des andern anfängt. Und das liegt ziemlich dicht beisammen.

Unsere Kenntnisse über Corona sind allesamt begrenzt, und ja, auch ich sehe mehr Kollateralschäden als tatsächliche Erkrankungen.  Ich sehe aber auch, dass es anderswo auch andersherum stattfindet. Der schwedische Umgang mit Corona gefiel und gefällt auch mir. Allerdings sei hinzugefügt, ist dort  nicht nur die Politik anders und setzt auf mehr Eigenverantwortung, dort reagiert auch die Bevölkerung verständiger und weniger missmutig.

Ich wünsche mir größere Flexibilität und großzügigeres Abwägen in einzelnen Abläufen, Einrichtungen und Detailfragen. Darin stimme ich Ihnen zu. Ich sehe aber auch, dass, wo die Virenlast hoch genug ist, es schnell eskaliert und das Gesundheitssystem sprengt, und so lange das so ist, trage ich Mundschutz und umarme ausgewählter, was auch etwas für sich hat, und halte mich weitestgehend an die Regeln –  denn – eben – keine Panik! Es gibt Schlimmeres.

„Für ein Leben in Liebe, Frieden, Freiheit, Bewusstheit, Dankbarkeit und im Einklang mit der Natur.“ Das bedeutet Rücksicht, Selbstbeschränkung, Verantwortung und Nachhaltigkeit.

Würde mich freuen, man träfe sich auf einer Demo, auf der es genau darum geht.

Herzliche Grüße

Beate Kalmbach

Über Inseln und Häfen und den einen großen Traum vom Leben im Grünen

collagebaugrund

Der Kreis Rottweil wird kein sicherer Hafen. Überrascht mich nicht, hätt ich trotzdem gerne gehabt. Man will kein falsches Signal aussenden nach Afrika. Als ob ganz Afrika nach Rottweil schielen würde. Es wird auch keiner in Afrika ´Konstanz´ sagen, wenn er an ´Europa´ denkt. Konstanz ist sicherer Hafen und deshalb auch nicht überrannt. Und es hat den Klimanotstand ausgerufen und deshalb bewegt sich das Leben dort trotzdem noch. Konstanz hat sich nur zuständig erklärt. Konstanz war mutig.

Das sind doch keine Signale an die Außenwelt. Das sind Signale innerhalb dieser Gesellschaft  Aufgabe und Verantwortung ernst zu nehmen. Sich nicht wegzuducken. Bei sich selbst anzufangen. Nicht vor rechter Hetze und Xenophobie zu kapitulieren. Die Kontingente zur Aufnahme auch tatsächlich auszuschöpfen und nicht ungenutzt zu lassen.  Anzuerkennen, dass Starke und Reiche  mehr leisten können als die anderen. Und stark ist man doch nicht, weil man ignorant über alles Schwächere hinweggeht. Stark ist man, weil man was auf der Pfanne hat.

Alle sehen sie und sind betroffen und  bedauern zutiefst. Aber zuständig will man nicht sein.  Geht auch gut, am Landkreis ziehen Krisen mitunter scheinbar  pfleglich aussparend vorüber, Rottweil  – eine Insel in tosender See. Schon schön, wenn man auf höhere Ebenen verweisen kann. Machen andere auch, das geht grad so durch. Vom Kreis zum Land zum Staat zum Staatenbund. Beim Klimaschutz braucht´s sowieso die ganze Welt. Am Ende helfen nur noch Gott und Engelscharen.

Apropos

Wenn schon Flüchtlinge, dann hätte man die gerne engelgleich, gut ausgebildet  und unbeschadet. Schön wäre das schon – bei uns allen. Schlechtes Benehmen, Respektlosigkeit und Dummheit sind aber nicht an Hautfarben und Pässe gebunden. Das gibt es hierzulande auch zuhauf. Ich würde mal sagen eigenes Benimm, Respekt und Plan helfen mehr als Ignoranz und Hetze.

Aber wir bewegen uns nicht gerne. Wir ändern nicht. Wir passen nicht an. „Lebe Deinen Traum!“ Stapelweise gibt´s diese Postkartensprüche zur Selbstvergewisserung, man kann ganze Häuser damit tapezieren.  Als gäbe es nur einen einzigen unveränderlichen Traum. Ein Häuschen im Grünen, Idyll und Trutzburg.

In Feckenhausen wird ein Baugebiet erschlossen und, weil Boden wertvoll ist, der Quadratmeterpreis angehoben.

Boden ist wertvoll. Ganz genau. Eben darum dürfte es, wenn es nach mir ginge, mal ein Ende haben mit dieser Art Flächenverbrauch.  Ein Haus, eine Familie, zwei PKW, und weil man ja praktisch im Gebirge wohnt, darf es bestimmt auch ein SUV sein, vielleicht Elektro, aber das macht es nicht viel besser. Ewig derselbe Traum, egal, wie die Welt aussieht drumrum? Ich würd ganze Wohnblocks bauen, mit kleinen und großen Wohneinheiten, schicken und schlichten, mit Gemeinschaftsräumen und Innenhöfen und Spielplätzen, und dann würden ganz viele Leute nach Feckenhausen ziehen und es gäb einen Laden dazu und eine Kindergartenerweiterung und weil eben NICHT alle ein Auto haben, bessere Busverbindungen. Und so in dem Stil würd ich das auf der Spitalhöhe machen und in Bühlingen und in Hausen und überall, wo man meint bauen zu müssen.  Ein Zeichen setzen, weniger ist mehr, damit auch Platz bleibt für Träume zukünftiger Generationen.

Es wird vermutlich ein Traum bleiben.

Verwunderliches aus dem Ländle

rottweil

Im Kreistag empfinden es die Freien Wähler als stigmatisierend, dass die Hauptschüler weniger Eigenanteil an ihren Bustickets zahlen. Jetzt sollen sie also entstigmatisiert und ihr Anteil angeglichen werden, wodurch die Tickets für die Gymnasiasten billiger, die für die Hauptschüler teurer werden. Ich bin sicher, die sind darüber echt froh und fühlen sich gleich besser.

Der Bundesinnenminister will keine Untersuchung von rassistischen Tendenzen in der Polizei. Die seien eh verboten, also müsse man sie auch nicht untersuchen.

Nach der Randale in Stuttgart will die Polizei auch im familiären Umfeld der Täter ermitteln. Und weist jeden Verdacht, das könnte eine Form von ´racial profiling´ sein zurück. (Es hatte geheißen, viele der Täter seien Migranten.) Solche Untersuchungen seien Usus und selbstverständlich. Zusammen mit Scharfmacher-Parolen wie „mit aller Härte“  und dergleichen bekommt solches Ermitteln aber schon mehr als nur ein Gschmäckle.

Vertrauen ist mir lieber als Misstrauen. Aber wo´s nicht geht, geht´s nicht.

Frauenpower im Bockshof

Fünf Frauen im Netz

collage5frauen

Man darf nicht, ich weiß, aber meine Kinder haben die Tribüne vom Sommertheater manchmal zum Klettern benutzt, und auch die Bühne war von ihnen häufig abwechselnd bespielt. Eines ließ sich eine kleine Sing-Tanz-oder-Kampf-Clownerie einfallen, das andere filmte mit dem Handy. Ich saß auf einer der oberen Reihen und gab das Publikum. Dieses Jahr nun also ohne Tribüne.

„Fünf Frauen im Netz“.

Ein paar Worte vom Vereinsvorsitzenden Fröhlich zur Premiere.  Dank, dass sie überhaupt stattfinden kann, nach den langen Wochen, in denen das erst unvorstellbar schien, sich dann im Wochen – oder Tagesrhythmus die Regeln änderten. So war bis vor Kurzem noch nicht mal klar, ob überhaupt mehr als eine Person auf der Bühne sein darf. Es ist daher schon eine Leistung an sich, dass es diese Premiere gab, und dann noch eine von dreien. Das finde ich auch.

„Wie – weshalb spielen denn da so viele mit?“ Die Dame neben mir wunderte sich. ´Das kunstseidene Mädchen´, fragte sie mich, die spielt doch allein? Wir kippten beide fast vom Stuhl als wir feststellten, dass sie in der falschen Vorstellung saß.

Apropos Stühle – die Sitzordnung war prima.

Die Geschichte ist toll. Die Schauspielerinnen haben sie mitentwickelt, meine ich gelesen zu haben, und die Figuren sind so, dass auch ich ganz nah bin. Ich kenne sie alle, die Themen, die sich abspielen: eine demente Mutter, ihre Töchter, die sich uneins sind, welche ihr eigenes Leben besser auf die Reihe bekommt, die sich allerdings  einig sind darin, dass keine von ihnen Zeit hat, sich um die Mutter zu kümmern, und die das so weit auslagern und sich buchstäblich von der Backe halten, wie es nur geht. Für liebevolle Zuwendung ist eine zufällige Bekannte, gerade so gelitten, so lange sie sich nicht zu weit einmischt. Hauptsächlich soll sich eine ausländische Haushalts – und Pflegekraft kümmern, von der nicht klar wird, woher sie kommt. Kroatien vermuten die Damen, aber sie scheren sich auch nicht darum. Mit feudaler Überheblichkeit erwarten sowohl die bedürftige Mutter als auch deren Töchter klagloses Dienen und Rundum-Verfügbarkeit. Ihre Anmaßung ist stellenweise schwer erträglich, gerade weil sie so real ist; genau so spielt sich das in der gelebten Wirklichkeit ab. Die Verzweiflung der Pflegekraft und die Unverschämtheit ihrer Arbeitgeberinnen sind  bodenlos. Die Mutter soll – die Seuchenregeln drängen das trefflich auf – ans Netz angeschlossen werden. So könnten die Töchter allzeit bei ihr sein. Aber die Mutter will nicht. Die will nicht face-to-face, die will Arm um Arm, das aber ist, Corona sei Dank, sowieso verboten. Als die Töchter sich verabschieden, quält man sich an einer Umarmung ab und kommt gerade so mit den Fingerspitzen zusammen. Abstandsregel, Kontaktverbot und statt Körperwärme Chats und Videotreffs – die zudringliche Bekannte hat Recht – man muss nicht dement sein, um davon verwirrt zu werden.

Manche Szenen sind herzzerreißend, manche witzig, klug, wütend, verzweifelt, ratlos.

Was ist Familie noch, was verlangt sie ab und was gerade nicht. Wie sieht ein selbstbestimmtes Frauenleben aus, und was ist realer, digital oder unplugged. Zum Geburtstag der Mutter wird gesungen, gedichtet und vorgetragen, und jede gibt etwas preis. Ein schwieriges Frauenbild tritt da zutage, und es ist gut, dass die Schauspielerinnen selbst an ihren Figuren mitentwickelt haben. sonst müsste ich mir den Autor mal zur Brust nehmen. Nicht, dass unwahr wäre, was da zu Leben, Lieben und Selbstverständnis der Frau gesagt wurde, aber es gilt nicht, wenn es von einem Mann so formuliert wird. (Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: das war ein Gag.)

Die Mutter verfällt am Ende der totalen Verwirrung, allerdings nicht alleine. Verschwörungen und Monstrositäten – das Leben im Netz hat sich gerächt.

Absolut überzeugend gespielt, super inszeniert, musikalisch grandios begleitet.  Die Begeisterung im Publikum ist ansteckender und aufbrausender, wenn man näher beisammen sitzt, Jubel gab es trotzdem, aber am Ende vermisste ich die Tribüne doch, weil ich zum Klatschen gerne gestampft und getrampelt hätte. „Das kunstseidene Mädchen war´s nicht, aber klasse allemal“, bestätigten meine Nebensitzerin und ich einander. „Fünf Frauen im Netz“ im Bockshof – das ist zu empfehlen!

Wir rückten die Stühle in einen Halbkreis und blieben sitzen, bis das Licht aus und alles abgeräumt war, und redeten über dies seltsam aufgewühlte Gefühl, das uns kollektiv befallen hat, das Gefühl des Kippens. Der Satz kommt im Stück vor; ´kippt der Kahn, setz ich mich in die Mitte´. Alles kippt, die Gesellschaft, das Klima, der Frieden – ob mit Demenz oder ohne – es gruselt vor dem Irrsinn, der um sich greift. (Demenz scheint ein adäquater Weg, damit umzugehen.) Kippen und Auflösung waren das Gefühl mit dem –  nicht direkt, aber irgendwie doch – das Stück aufhörte, zumindest für mich tat es das. Man kann dieses Stück ganz sicher auf viele verschiedene Arten empfinden. Ich glaube, jeder empfindet es anders, jeden berührt es anderswo. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden NICHT berührt. Es ist voll drin, in den Themen, die mich bewegen.

Weitere Vorstellungen sind am Sonntag, dem 12.07., Dienstag, 14.07., Mittwoch 15.07., Donnerstag 16.07., Freitag 17.07., Donnerstag 23.07., Freitag 24.07., Mittwoch 29.07., Freitag 31.07., Samstag 01.08.

Das kunstseidene Mädchen wollen meine Nebensitzerin und ich auf jeden Fall auch noch sehen! Und wer weiß, vielleicht schaff ich´s sogar noch zu ´Malala´, wollen würd ich schon.