Parallelgesellschaften

Herr Lebe-wohl und das Leben in der Bubble

Ich weiß nicht, weshalb er mir gerade einfällt, der Herr Lebe-wohl. Ich bin verreist, sitze in Ulm im Wohnzimmer einer Freundin, der ich vor Jahren., als es noch Sachen wie Fasnet gab, am Narrentag das Kinderzimmer vermietet hatte, und genieße den Blick aufs Münster. Wir überlegen auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, hier findet er derzeit – noch – statt; mit 2Gplus. Am Samstag ist´s vorbei. Es ist bescheuert, noch mitzunehmen, was man mitnehmen kann – „solange es noch geht“. Reduzieren sollen wir, jetzt gleich. Aber herrje, man kann nicht ewig und immer mehr reduzieren. Ich halte mich gerne an Regeln, aber ich schöpfe sie auch gerne aus. Ich tendiere zu „wir gehen“.

Es reist alles mit. Corona, der ganze Unfrieden zwischen 2G und 3G und geimpft und ungeimpft. Kurz vor der Abfahrt habe ich noch eine Bekannte beim Einkaufen getroffen, die sich über das Urteil des Bundesverfassungsgerichts aufregte; keine, die auf Krawall gebürstet ist. „Jetzt haben wir Diktatur. Jetzt können sie machen, was sie wollen“, sagte sie. Uff. Solche Thesen aus diesem Mund. Ich sage „nein! Diktatur ist es nicht. Es ist ein Urteil eines Gerichts, das dir nicht gefällt, aber das wohl abgewogen und begründet ist. Und das außerdem von der Mehrheit der Bevölkerung gutgeheißen wird – Gericht wie Urteil. So gesehen absolut demokratisch. Und es geht um ein Virus, nicht um bloße Machtgier.“ Das ist der springende Punkt. Es geht um ein Virus, mehr als um Macht. An dem Punkt wird dann das Virus relativiert, „bloß eine Grippe“ und so, und „die anderen sind schlecht informiert.“ Auch eine These, die mich verfolgt; bei Geimpften wie Ungeimpften – wer anderer Meinung ist, wägt nicht etwa anders ab – nein, der ist schlecht informiert. Vielleicht fällt mir deshalb Herr Lebewohl nun ein, mit dem ich kürzlich eine ausgiebige Diskussion auf Twitter zu dem Thema hatte. In seiner Bubble gelte ich als eine, die schlecht informiert ist.

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Alltägliches

Ich habe frei, unverhofft, so richtig und so ganz für mich. Das ist großartig. Es sind Ferien, und ich hatte zwei Tage Urlaub genommen – für wenigstens einen Ausflug mit den Nachbarn oder so. Nun haben die Kinder ihr „Frei“ ganz anders aufgeteilt. Und das ist auch okay. Ich habe die Kinder gerne um mich, aber man kommt halt auch zu nichts so wirklich. Jetzt ist die Bühne aufgeräumt und die Pflanzen sind vom Hof nach oben geholt, die Stulpen sind fertig gestrickt, und die Sache mit dem Kontowechsel habe ich endlich in die Hand genommen. Das sind typische Baustellen für Prokrastination – ewiges Vor-sich-herschieben. Ich muss schon echt Zeit übrig haben, um das anzupacken.

Ich hatte kein Problem mit meinem Konto; das war umsatzgering, aber solide geführt. Nur machte meine Filiale dicht. Wo die BW-Bank in der unteren Hauptstrasse war, ist jetzt zappenduster und leergeräumt. Das ist bedauerlich, vor allem für die, die da arbeiteten. Es wird gemunkelt wieso und weshalb; „Die Roten“ hätten eventuell etwas damit zu tun, und damit ist nicht die SPD gemeint. Keine Ahnung. Ich weiß es nicht und kann und will es auch nicht beurteilen. Und natürlich könnte ich Kundin der Bank bleiben, ich mache eh fast alles online. Und auch bei der BW-Bank gibt es Hotlines und werden Fragen am Telefon geklärt. Aber manchmal gibt es doch Momente, da will ich vor jemandem stehen oder bei jemandem sitzen und mein Anliegen von Angesicht zu Angesicht klären. Manchmal brauche ich ein Gesicht und die persönliche Sachbearbeiter*in. Zum Beispiel wenn es um technische Probleme des Onlinebankings geht. So wie jetzt mit meinem Wechsel zur Postbank. Das Problem hätte ich freilich nicht, hätte ich nicht gewechselt. Der Tan-Generator von der BW-Bank hat ja noch tadellos funktioniert. Die Postbank aber, dachte ich, die hat überall Filialen. Das ist doch was.

Das mit dem Kontowechselservice klappte nicht. Am Ende war´s mehr Generve als Service; die eine Bank verwies mit allem, was sie NICHT tun konnte, auf die andere, die Zeit drängte und erste Zahlungen klappten nicht. Und schließlich musste ich es doch alles selbst in die Hand nehmen. Und eben dies ist ohne Onlinebanking schwierig. Also habe ich mir einen Termin geholt.

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Schaffen schaffen Häusle bauen

Stadtplanung im Ländle

Ich war auf der Einwohnerversammlung, in der es um das umstrittene, geplante Parkhaus am Nägelesgraben ging. Beeindruckend. Umstritten ist es – in der Tat – heftig. Schon vor Beginn hatte ich eine Diskussion über die Zusammensetzung der Anwesenden. Es seien zu wenig Junge da, „die interessieren sich offenbar nicht dafür“. Sah ich anders. Es waren junge Leute da, nicht in Massen, das stimmt, aber wer es zuhause vor dem Bildschirm verfolgte, weiß man nicht. (Und es waren auch die Alten nicht in Massen da.) Vielleicht geht es denen auch nicht so sehr um Stadtplanung, im Moment. „Weshalb kommen die nicht ins Boot – wo es um IHRE Zukunft geht?“, monierte mein Gegenüber.  „Sie steuern andere, eigene Boote?“ fragte ich, und unterstellte – sie tun das mit guten Gründen. Die Jungen engagieren sich in Fridays for future, die älteren in lokalen Agenden, jede/r, wo er/sie sich am Besten einbringen kann. Bei den Alten ist auch oft eine Portion Wutbürgertum dabei, der es schnell um eigene Befindlichkeiten geht, um den Frust des Übergangen -seins etwa, mit dem Alt und Jung verschieden umgeht. Mit Befindlichkeit ist´s schnell weg vom Thema. Dieses hat just einer der Jungen – Carl Soballa, einer der Initiatoren der Unterschriftenaktion – am besten auf den Punkt gebracht. Alles steht und fällt und macht nur Sinn mit einem anderen ÖPNV, einer neuen Form der Mobilität und des Umgangs mit Ressourcen.

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Aus dem Nähkästchen

Es ist Herbst, ein sehr schöner zwar, aber unzweifelhaft Herbst. Danach ist lange Winter. Da trösten auch die marmorierten Kastanien und bunten Blätter nicht ganz darüber hinweg. Es steckt immer „Ende“ im Herbst, und weil im Herbst das neue Schuljahr anfängt und mit ihm viel Neues, auch Anfang. Zeit zum Sortieren und Ordnen, was will ich und was will ich nicht. Und was packe ich wie in die Beziehungskiste, und will ich überhaupt eine haben? Sich als Teil eines Paares zu fühlen ist so schlecht nicht, schon, weil damit ein geeigneter Rahmen für ein paar Grundbedürfnisse wie Nähe und Körperwärme geschaffen ist. Und für jemanden mit-zuständig zu sein, ist auch schön. Aber egal, wie man es angeht – es vermischen sich Leben, und der eine wird irgendwie Teil vom anderen. Das sollte schon einigermaßen passen. Und ohne ist auch nicht schlecht. Ich habe nicht das Gefühl, dabei auf Liebe verzichten zu müssen. Mit der Liebe verhält es sich, glaube ich, ziemlich konsequent wie mit dem Echo – so wie man ruft, ruft es zurück. Da kann Liebe aus allen Ecken und Nischen kommen, völlig frei von Beziehungskisten und Geschlechterrollen, und das, ganz ohne dass wer sein Lebensgefühl einem anderen anpasst und sich früher oder später eventuell komisch damit fühlt. Und ohne dass Schmetterlingsschwärme die Sicht vernebeln. Und ohne dass das C zwangsläufig nach dem B und dies nach dem A kommen muss und schon im Voraus festgelegt ist, was B und C und alle ihre Kompagnons beinhalten. Wenn ich so um mich sehe, finde ich das A oft vielleicht noch ganz nett, manche Bs und Cs aber wenig erstrebenswert. Und das ist nicht Rosinenpicken. Freundschaft und Liebe dürfen mir durchaus etwas abverlangen, zweitweise auch viel, zeitweise darf es auch weh tun -jemanden leiden können hat durchaus aus mit es-leiden zu tun – aber ich lege doch Wert darauf, mitbestimmen zu können, was und wie sie das tun.

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Rot-grün-Schwäche

Die Aufregung des Wahlkampfes legt sich. Ernüchterung bleibt übrig. Das sieht nach viel „weiter so“ aus, nach wenig Wechsel und Veränderung, und nach wenig Klimapolitik. Die meisten befragten Wähler*innen hielten Klima für das dringlichste Problem, aber gewählt wurde nach dem eigenen Vorteil und dem eigenem Schiß. Und das wird ganz klar vertreten: „ich wähle x, weil die mir y bieten“. Die Politik soll „Angebote“ machen – wie ein Discounter – und man wählt das Günstigste aus. Keine Spur vom Blick übern Tellerrand und gesamtgesellschaftlicher Verantwortung. Ich hatte auf ein deutlicheres Signal gehofft, das es auch den braven Grünen ermöglichst hätte, etwas forscher für ihren Auftrag einzutreten. Weit daneben. Jetzt laufen Koalitionsverhandlungen mit der CDU, ich fasse es nicht. (Paul Ziemiak/CDU hatte schon während des Wahlkampfes geunkt, bei eventuell stattfindenden Koalitionsverhandlungen zwischen Grünen und CDU würden die Grünen mehr Kröten schlucken, als sie je über die Strassse getragen haben.) Auf Twitter habe ich jetzt den hübschen Tweet gesehen „das wäre dann Jamaica ohne Grass“ – mit der CDU ist „Legalize“ bekanntlich schwierig. Das kann ja heiter werden.

(Philip Amthor – der hat wirklich gar nichts kapiert – will die zehn Prozent von der CDU zur AfD abgewanderten Wähler zurückgewinnen. Dafür müsste sich die CDU seehr weit nach rechts bewegen. Und den Klimawandel leugnen. Und die Verantwortung für die Konsequenzen des globalen Handels, und vieles mehr. Er ist der Jungspund der CDU, ein schnöseliger Tausendsassa. Aber von seiner Partei beklatscht! Er ist schließlich nicht der Einzige im Verein, der so drauf ist.)

„Freie Fahrt für freie Bürger“ ist eher Thema. „Hightech statt Verbote“ – war der erfolgreichste Slogan der FDP im Wahlkampf der sozialen Medien. Die FDP hat den erfolgreichsten Wahlkampf in den sozialen Medien geführt. Die Algorithmen richtig genutzt, kann man so jeder potentiellen Wähler*in genau das Versprechen machen, das sie haben will. Wenn die in der Gesamtschau auch mal nicht so zusammenpassen – sei´s drum – es merkt kaum einer. Es wird ja sortiert und gefiltert, wer was bekommt.

Ich weiß nicht, mir ist das unheimlich. Von der nächsten Regierung würde ich eine Walhlrechtsreform erwarten – wie zB. Offenlegung der Wahlkampffinanzierung, Förderung der kleinen Parteien, Begrenzung der Größe des Bundestages, Beschränkung der Kanzlerschaft auf zwei Legislaturperioden, eine stärkere Gewichtung der jungen Jahrgänge … – und Anstrengungen, dass youtube, facebook, twitter, instagram und Co ihre Algorithmen offenlegen müssen. Es soll jeder wissen dürfen, nach welchen Regeln gespielt wird.

Jamaica hatte ich für unmöglich gehalten. Es haben so viele Leute die Grünen gewählt – ich auch – damit die CDU es gerade NICHT wieder wird. Damit das Klima eine Chance hat und der Wechsel. Und jetzt dies Liebäugeln und diese Bereitschaft zu schwarz-gelb-grün. Nach diesem Wahlkampf? Mit dieser Vorgeschichte, diesen Skandalen? Ich bin fassungslos. Ich hätte mir ein klares Bekenntnis der Grünen zu einer Koalition mit der SPD gewünscht, und die Frage an die FDP „seid ihr dabei?“. Das hätte die Prioritäten gleich entsprechend gesetzt. Es geht um was, es darf auch knirschen. Stattdessen dies Kuscheln der Grünen mit der FDP. Und jetzt guckt man gemeinsam, bei welcher der größeren Parteien man mehr rausschlägt. Das kann man pragmatisch nennen, aber auch prinzipienlos und nah am Verrat. Macht korrumpiert.

Sie sind vielleicht gar nicht so weit auseinander, die Grünen und die FDP. Das war bislang nur nicht so aufgefallen. Dabei hat Jutta Ditfurth es schon moniert. Jutta Ditfurth, schon lange keine Stimme mehr bei den Grünen. Schade. Eine Prise dieser Vehemenz fürs eigentliche Thema würde ich mir heute wünschen. Das ist genau, was fehlt. Ihr Tweet auf Twitter: „Da bemüht eine sich seit Jahren, zu erklären, dass und warum die #Grünen eine neoliberale Partei sind – und dann erzählen sie das nach ersten Gesprächen mit der #FDP selbst.“ Smiley mit Sonnenbrille. Muss man auf sich wirken lassen. Ich wundere mich ja selbst auch, wie gut in BaWü die Grünen mit der CDU können, und welche Positionen sie bisweilen vertreten. Stets sind sie für das, womit der Rubel ungestört weiterrollt und für das, was dem eigenen, satten Lebensgefühl zugutekommt. Es muss einfach immer irgendwer Geld verdienen, sonst ist es nix. Und jeder Kompromiss zulasten der Umwelt wird zum klugen Pragmatismus verklärt. Am Ende ist man so wenig grün wie die CDU christlich ist. Da trifft man sich, und dann kann man freilich auch mit der FDP ganz leichten Herzens.

Die Jungen haben häufig grün, aber noch häufiger die FDP gewählt. Da war ich schon ziemlich baff. Wie kann das sein? Bekommen die nicht mit, was los ist in der Welt? Oder können sie sich einfach „weniger“ nicht vorstellen? Das wäre dann, mit Verlaub, ziemlich verzogen. Oder denken sie, sie werden alle mal Bestverdiener sein? Nichts gegen Optimismus, aber mit Vollgas in die Klimakatastrophe ist nicht optimistisch, sondern blöd. Ich bin baff. Die FDP verspricht Klimaschutz mit Technik und Markt. „Hightech statt Verbote.“ Man macht weiter wie bisher, nur schneller und ärger. Leute, macht euch keine Sorgen. Alles wird gut. Dream on. Da hält man dann sogar einen Elon Musk für visionär – einen Mann, (einen ehrgeizigen), und ein Geschäftsmodell, das die Mobilität kein bisschen verändert. Wo soll da die Vision sein? Nach wie vor geht es um große, schwere Luxuskarossen für den Indiviualverkehr. Der Kauf eines Tesla wird mit 10.000 Euro gefördert. Wenn es um Zuschüsse für Lastenräder oder kleine Kabinenroller geht, schreit alles auf „das ist ungerecht. Dann können sich nur die besser Gestellten ein E-bike oder – Mobil leisten“. Hää? Elon Musk schert sich in Brandenburg keinen Deut um die Umwelt, und er tut es generell nicht. Was aus dem ganzen Material wird, das er grade tausendfach ins All schießt, wenn es ausgebraucht und also Müll ist, ist nicht geklärt. Das kommt auch wieder runter. Und überhaupt schießt er lieber sein Geld – und sich selbst – ins All, als sich um die Probleme der Welt zu kümmern. Er ist nichts als ein reicher Fatzke, und die Hälfte der Welt klatscht ihm auf seinem Egotrip begeistert Beifall. Geht´s noch? Tesla und grün – das ist kein Greenwashing mehr, das ist gelogen.

Die Technik mag gut sein – aber doch nicht so! Jede neue Technik MUSS reglementiert sein. Das ist mit der Kernspaltung so, mit der DNA-Technologie, mit Dünge-und Spritzmitteln, mit der Reproduktionsmedizin, mit allem. Es geht nicht ohne Verbote. Was soll das Geschwätz von „das regelt der Markt“. Das kann man doch nicht ernst nehmen. Der Markt regelt einen Scheiß. Der Markt will Geld verdienen und sonst gar nichts.

Heute macht man mit einer Mitgliedschaft bei den Grünen im Ländle so wenig verkehrt wie früher bei der CDU. Man ist automatisch bei den Guten. Seit der revolutionären Grundstimmung in den Achtzigern ist es gut gelaufen, gradlinig und auskömmlich bis heute. Nur die Revolution, das Brennen fürs eigene Thema, die ist weg. In manchen Familien haben die Kinder es übernommen; die engagieren sich für „Fridays for Future“. Das ist klasse. Sie haben Recht. Sie sollen streiken und demonstrieren und laut sein und es in jeden Winkel dieser Erde schreien – es muss sich was ändern! Wir sollten sie darin unterstützen. Es gibt „Parents for Future“ und „Omas for Future“. Wenn es die Politik nicht schafft, muss eine APO es bewegen.

Vielleicht ist es ja so – wenn man/frau es in einer Partei und in dem politischen Postengeschacher nach oben geschafft hat, dann will man/frau auch regieren. Egal, unter welchen Bedingungen. Das ist deprimierend.

Ich will die Hoffnung nicht aufgeben. Das bekommt auch meiner Laune nicht. Aber der kommenden Legislaturperiode sehe ich eher skeptisch entgegen. Das mit „Wechsel“ und „Klimapolitik“ lässt sich nicht gut an. Ein bisschen hier, ein bisschen da, nur ja nicht zu viele Prinzipien, nur ja keine NoGos, nur ja nicht zu viel Konsequenz. Am Ende verbrennen bekiffte Raser mit dem E-Porsche Kohle ins Nirwana. Na prima.

Manche Tage

haben´s in sich, alles Gute und alles Blöde, was Alltag zu bieten hat

Der vergangene Donnerstag war so ein Tag.

Ich schreibe ihn erst jetzt nieder, weil, seit wieder alles volle Suppe läuft – Schule, Vereine, Jugendgruppen, Kultur und Gedöns – ich wie vor Coronazeiten das Gefühl habe, die Tage und Wochen sind mir zu kurz. Ich komme zu nichts mehr abseits des aktuell Notwendigen.

Früh morgens ging es noch. Der Große sollte von der Schule zuhause bleiben. Er hustete, dass es zum Fürchten war. Und ich dachte, ausschlafen hilft auch. Also nur die Kleine geweckt, sie sanft aus dem Familienbett bugsiert. Auf dem Weg zum Bus klagte sie über Ohrenweh. Ohje. Ich dachte, das bekommen wir jetzt im Moment nicht geregelt – es wird schon werden. Das Klagen war auch ein sehr zurückhaltendes.

Zuhause mich gerichtet um zur Arbeit zu gehen. Ich hatte bereits eingekauft und vorbereitet – ich wollte mit der Wohngruppe kochen. Und dann war ich schon halb in den Schuhen, als der Große, den ich schlafend wähnte, „ich habe Nasenbluten!“ rief und vor mir stand. Ihm schoß eine Fontäne aus der Nase, wie ich sie noch nie gesehen habe, und er sah aus wie nach einem Massaker. Erster Schreck, erstes Putzen, Kind versorgen, das Bluten hörte auf – bis er nieste und es wieder anfing und er in Panik geriet – und ich bei der Arbeit absagte.

Zwei Stunden später rief die Schule an, die Kleine käme heim – das Ohrenweh.

Nach dem Essen und den Schulaufgaben ging es allen wieder ordentlich. Und das war gut so. Ich hatte in der Woche zuvor das alte Auto der verstorbenen Tante verhökert, zwischen Tür und Angel, nebenbei und geschwind, was stets eine zuverlässige Quelle für Ungemach ist. Ich hatte nur mal eben unser Zeug raus- und den zweiten Satz Felgen reingetan, das war´s. Es war kein Kaufvertrag vorbereitet, und das Auto war noch angemeldet. Kann er ja selbst machen, dachte ich. Am Straßenrand im Schein der Laterne sudelten wir das Wichtigste auf die Rückseite des frischen Tüvgutachtens, ich machte ein Foto davon, das Papier nahm er mit – und weg waren Käufer und Auto – und ich hörte nichts mehr und bekam auch keine Ummeldebescheinigung oder dergleichen, und langsam war mir bang geworden, und auf Nachfragen kamen die Antworten erst beschwichtigend und auf Zeit spielend, dann unwahr. Und entgegen seiner Versicherung „alles längst geschehen“ beharrte die Zulassungsstelle, das Auto sei nicht umgemeldet. In mir schrillten sämtliche Alarmlampen. „Nie verkaufen ohne abzumelden“, sagten die Damen vom Landratsamt. Da war´s schon zu spät. Ich solle mit dem Kaufvertrag vorbeikommen, dann würden sie den Herrn anschreiben. Ich versuchte den Kaufvertrag auszudrucken – ging nicht; also zum Copyshop; da ging es erst auch nicht – Panik – dann ging´s doch, und also schnell um die Ecke zur Zulassungsstelle gerannt. Und die Frau an Schalter 10 guckte in den Computer und sagte erst „ist noch angemeldet“ und dann „halt, nein, nein, halt, jetzt kommt was rein!“ , es war 16.10 Uhr. „Um 16.02 Uhr ist umgemeldet worden.“ Eine Lawine rollte vom Herzen. „Danke, Sie haben meinen Tag gerettet!“, (und die Nacht auch), ich verabschiedete mich. Zurück aufs Rad, in die Pedale getreten, heim und die Schulsachen für den Folgetag gerichtet. Der Große war verärgert, auch sein Tag lief nicht wie erhofft, und die Mitfahrgelegenheit zur Jugendgruppe der Kleinen war geplatzt. Wir organisierten eine neue. Dann schnell zur Oma, zu der die Fußpflege kommen sollte – der Opa war nicht da. Auch die Oma war übellaunig und wollte gar keine Fußpflege, und überhaupt wollte sie eigentlich gar nichts, nichts als ihre Ruhe. Und ich komm da und mach im Haushalt rum und was soll das??. Und ich musste mich verteidigen und rechtfertigen, und die Fußpflege kam nicht und ich trug alten Salat nach draussen zu den Schildkröten, um die ich mir Sorgen mache, weil ich denk, denen ist doch bestimmt kalt? Und als ich reinkam, war es viel später als einkalkuliert, dabei sollte ich längst daheim sein – die Kinder, das Abendessen, und außerdem war ich eingeladen zu einem Konzert in der Stallhalle. Ich habe den Elternabend dafür sausen lassen. Man muss Prioritäten setzen. Und jetzt dies Warten, ich zählte Minuten und rechnete, „noch 5 Minuten, maximal, dann geh ich – Fußpflege hin oder her“. So stand ich in der Küche, und es dauerte bis ich es zuordnen konnte: was riecht hier so? Nach Kacke! Dann merkte ich, es ist mein Schuh. WTF. Wie kommt da verkackt nochmal Hundeschiß an meinen Schuh? Wo??

Mir war nach Ausrasten. Aber das bringt auch nichts. Hat das jetzt sein müssen? Scheiße am Schuh. Das ist, als ob der Tag einem den Stinkefinger zeigt und einen auslacht. Ein Tag läuft alles wie geschmiert, der nächste zeigt dir, was eine Harke ist.

Es gibt geeignetere Methoden, Hundekacke abzuwischen, sag ich mal, aber es musste schnell gehen. Gepfiffen auf hygienische Standards – die jucken oder jucken nicht; und ich steh ja eh auf verlorenem Posten mit allem, was ich dafür tun will. Am Ende war die Kacke weg, und die Fußpflege kam und ich schwang mich aufs Rad. Später bereute ich, dass ich im Trubel der Dinge die Oma nicht zum Abschied nochmal in den Arm genommen habe. Man sollte nie ohne innige Verabschiedung auseinandergehen. Nie! Daheim schnell Vesper gerichtet, das Bett, die Nachthemden und Schlafanzüge, Wärmflaschen, einen Film eingelegt, die Nachbarin nochmal instruiert, dann wurde ich abgeholt.

Lisa Simone. Das Konzert war klasse. Zwischendurch fragte sie mal, ob jemand nicht wüsste, wer ihre Mutter gewesen sei. Ein paar Hände gingen hoch, nicht viele. Ich weiß zweifelsfrei, dass es mehr hätten sein müssen. Es ist nicht leicht , sich als Kulturbanause zu outen. Eh egal. Ihre Mutter war Nina Simone, und Lisa sang einen Song über ihr Vermissen. Ich trauerte mit. Außerdem war ich am „Beach“, ihrem und auch meinem Lieblings-und Sehnsuchtsort, wo alles von einem abfallen kann und Frieden ist. Ich sah die von ihr besungenen „falling leafs“ , tanzte sitzend zur Leichtigkeit des Blues, der eigentlich die Schwere des Daseins zum Thema hat. Ich hätte gerne mehr und richtig getanzt, aber es war gestuhlt , und auch wenn man an den Seiten hätte tanzen können – meine FreundInnen saßen, also saß ich auch – weit hinten, was ein wenig schade war, denn Lisa Simone sah wunderschön aus und sie bewegte sich so anmutig, dass ich gerne näher dran gewesen wäre. Am Ende jubelte ich von ganz hinten ihnen allen begeistert zu, als das Schlagzeug (famos!) verstummt war und Lisas letzter Ton gar nicht mehr aufhören wollte . Hammer! Ein letztes Glas Wein im Außenbereich am Feuer. Drumherum war ein hoher Zaun, aber wir hatten eine Stimme aus Amerika gehört, und hatten in unserer Runde Wurzeln im Irak, in Kanada, in Neuseeland, wir redeten über den Schwarzwald, England, Afrika, Persien und Zaratustra. Ich habe in drei Stunden eine Weltreise gemacht.

Das war ein ziemlich geiler Ausklang eines ziemlich bescheuerten Tages.

Mein Linksrutsch

Ich rutsche nach links

weil das Land nach rechts rutscht

Es ist nur eine Frage der Wahrnehmung. Je weiter rechts jemand steht, desto früher beginnt links. Für die CDU ist die FDP schon Teil eines Linksrutsches. Das wäre witzig, wenn es nicht so bitter wäre.Deren Steuerprogramm entlastet die Spitzenverdiener von allen am meisten. Was gerade geschieht, ist nicht ein Linksrutsch, sondern einer nach weit rechts. Vergangene Woche war Kanzlerkandidat Armin Laschet in Rottenburg und beklagte zwar Hass und Hetze, welche die Afd in die Parlamente und die Gesellschaft trüge, und „die Afd muss weg“,aberin der CDU hat halt auch ein Maaßen Platz, der in Thüringen Direktkandidat ist – mit guten Aussichten, weil es keinen passenden CDU-Mann gibt, und Maaßen klingt wie von der Afd, was dort gut ankommt. Die Afd und die Werteunion stehen sich nahe. Sie haben ähnliche ´Werte´. Mit „Wir“ meint man nur sich selbst. „Freiheit“ steht für Egoismus und Rücksichtslosigkeit, und „normal“ ist wie „wir“ nur das eigene. Und was einem nicht passt, das gibt es nicht. Nach rechts ist die CDU offener, als sie behauptet. Und das ist es, was diesen den Weg bereitet.

Jedem seine eigene Panik. Die einen fürchten Corona, die anderen die Maßnahmen. Die einen den Klimawandel, die anderen den Verzicht. Man hat zum Wegwerfen, aber ´weniger´ ist keine Option. Die einen werfen Greta Thunberg vor, sie schüre Panik, die aber ist nichts gegen die Panik in manchen Chefbüros vor einer auf Nachhaltigkeit geeichten Politik. Und die einen fürchten rechten Nationalismus, die andern Rot-rot-grün. Eine Partei, die die Flagge der sozialen Gerechtigkeit hochhält, mit einer, die die für Klima und Umwelt trägt, mit einer, die die krass auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich schließen möchte. Kompromisse machen müssen alle. Aber für Leute, die in den Jahren des geruhsamen Vor-sich-hin-Regierens gelernt haben, wie man die entstandenen Netzwerke zum eigenen Vorteil ausnutzt und seine Schäfchen ins Trockene bringt, und denen es ein großes Anliegen ist, das nicht zu verlieren, denen ist DIES ein ärgerer Horror als so ein Ausländer-raus-Deutschland-den-Deutschen-und-Klimawandel-gibt-es-nicht-Ding? Geht’s noch?

Ich will die SPD nicht in Schutz nehmen. Cum-Ex geschah unter Scholz´ Ägide. Aber die Skandale bezüglich Korruption und Machtmissbrauch betreffen fast samt und sonders die CDU/CSU. Worum geht es denen?

Die Linken wollen umverteilen. Was daran ist verkehrt? Ein paar Handvoll Leute sind so reich, dass sie die Politik kaufen können, die sie gerne hätten. Und wir tun ihnen den Gefallen und wählen so, dass sie auch in der nächsten Legislaturperiode die altbekannten Büros aufsuchen und weiter ihren Deals nachgehen können? Wieso??

Die Linken hadern mit der Nato und der Aussenpolitik. Sie haben dafür gute Gründe. Diese ganzen Kriege, die da geführt werden, sie sind lang, und teuer, grausam und meist vergeblich. Und wenn man nach Arabien guckt, sieht man Europa vor 100 Jahren: die Kriege hören erst auf, wenn alle komplett am Arsch sind und keiner mehr kann. Frieden ist nur die Pause zwischen zwei Kriegen. Sobald eine neue, kräftige Generation herangewachsen ist, soll diese wieder losziehen wegen irgendeinem anderen Irrsinn, der genauso daneben ist. WOZU? Die Frage nach den Wegen zum und im Frieden darf gestellt werden! Diese Haltung ist in einer globalisierten Welt sperrig, und eine Regierung würde unklug handeln, wenn sie einfach so Bündnisse aufkündigte. Das wissen die Linken auch. Es geht aber auch nicht um Umsturz und Revolution. Es geht um neue Akzente und Diskussionen. Die Grünen haben schon mit einer ähnlichen Haltung in einer Koalition mitregiert. Und die Welt ist nicht untergegangen. Noch nicht mal in Baden Württemberg, wo die Grünen seit 2016 am Ruder sind.

Ich finde dies Rechts-Links-Ding, „die Rechten“ und „die Linken“, perfide, zumal mit der doch sehr antiquierten Belegung „recht = gut, link = heimtückisch“, (in seiner ganz gehässigen Form ein Relikt aus dem Nationalsozialismus; ursprüngl. von linkisch – ungeschickt und also falsch. Weil überwiegend mit rechts besser gearbeitet wird. Aber das ist Übungssache. Linkshändern wird eine bessere Vernetzung ihrer beiden Gehirnhälften nachgesagt, und das ist sicher kein Nachteil). Ursprünglich kommt die politische Unterscheidung in Rechts-Links-Spektren aus der französischen Nationalversammlung 1789. Rechts saßen die Freunde der Monarchie, links die Republikaner.

Wer wofür steht, wer was zu verantworten hat, was da recht und richtig, was falsch ist, sei dahingestellt. Die französische Revolution kam jedenfalls nicht aus dem Nichts; es bestand da ein absurdes Verhältnis zwischen Adel und Volk.

Rechts war (und ist! Anders ist das Selbstbild zb der Werteunion nicht zu verstehen), mit bestem Wissen und Gewissen, „elitär“. Viele Strömungen des Liberalismus sind es auch. Man findet eine Ungleichheit in der Gesellschaft richtig und wichtig. Das sporne an zu Leistung und fördere die Ausbildung von – eben – Eliten, welche die Geschicke dann lenken. Freiheit wird in diesem Zusammenhang als das Recht zur freien Entfaltung angesehen. Was ich als nichts anderes verstehe denn als ein „Recht des Stärkeren“. Dass ´Talent´ dem widersprechend dann auch Herkunftssache ist, weil besser ausgebildet wird wo besser verdient, wird hingenommen. Ein in-/akzeptables Maß an Ungleichheit ist nicht definiert.

Links war, und ist, „egalitär“. Alle Menschen sind gleich, allen dieselben Rechte. Keine Gruppe darf systematisch benachteiligt werden. Keine Gruppe darf dauerhaft über eine andere herrschen.

Egalité! Ganz klar! Was sonst. Die Freiheit des einen hört bei der des anderen auf.

Dies ´rechts-links´-Schema bildet nur einen Bruchteil ab. Ich stehe in unterschiedlichen Aspekten auf unterschiedlichen Positionen dieser schlichten Skala. Es wollen sowieso alle ´Mitte´ sein. Dabei geht es auch um die, die am Rand stehen, oder außerhalb. Die gar nicht reinkommen – dürfen.

Die Rechten wollen nicht mehr rechts heißen. Die Linken nennen sie aber gerne links. Wenn es von ganz rechts kommt, sind´s oft Tiernamen aus dem Reich der Gattungen, die die Menschen schnell als Plage empfinden. Das kann nur den einen Grund haben: man IST gar nicht republikanisch gesinnt. Man ist eigentlich elitär und empfindet das Ende der Monarchie – und wenn es nicht König heißt dann halt Führer oder was in der Art – jedenfalls ein feststehendes Oben und Unten – als einen großen Verlust. Und die, die das Untere auch mal nach oben holen und das Obere nach unten, die für maximalen Chancengleichheit eintreten, die sind dann Plage und Gefahr.

Und dann fragt man sich, woran die Demokratie krankt. Daran! Daran, dass Leute gar nicht verinnerlichen wollen, wofür sie angeblich stehen.

Was ist so verwerflich am Links-sein? Sozialen Ausgleich zu wollen, ist erstmal nicht aggressiv. Und linksextrem ist auch nicht gleich rechtsextrem. Natürlich gibt es Leute, die hin und her switchen zwischen beidem. Ich kenne welche. Das ist aber weniger politisch als Wesenszug. Die brauchen den größtmöglichen Aufruhr. Bei denen, die eine politische Haltung haben, ist es anders. „Extrem“ drauf sein übersetze ich mal mit „notfalls mit kaputtmachen“. Aber bei den Linksextremen sind es Sachen, bei den Rechtsextremen Menschen. Das ist ein großer Unterschied. Und damit will ich nicht relativieren. Ich bin nicht für ´extrem´. Ich bin für konsequent und mutig. Es gibt bessere Wege. Ausgleich. Teilen. Integrieren. Es haben nicht alle denselben Weg hinter sich, deshalb kann man trotzdem an einem Tisch sitzen.

Es geht um Krieg oder Frieden. Der Weg zum Frieden geht über Frieden. Und das schließt Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, alles mit ein. Welchen Preis ist man bereit, für den Frieden zu zahlen. Frieden gibt es nicht umsonst. Wie die Kriege auch nicht. Einige verdienen sogar gut daran. Dem Rest erzählt man, dass die Kosten durch wirtschaftliche Vorteile aufgewogen würden. Demnach wird der Krieg von alleine und von anderen bezahlt; vom Gegner, ´danach´. Das schließt den nächsten Krieg gleich mit ein. Frieden kostet vorher, und den Preis bezahlt man selbst. Alle bezahlen. Etwas. Und alle gewinnen – den Frieden. Das ist immer billiger.

Die Afd wird im Osten vermutlich stärkste Kraft, und die CDU beschwört einen Linksrutsch. Gute Güte. Da muss man mal drauf kommen. Für Laschet stand die SPD immer „auf der falschen Seite“, in Wirtschafts – und Finanzpolitik. Mindestlohn und Grundrente – falsche Seite. Verhinderung von Transparenzregeln in der Korruptionsbekämpfung, Verhinderung einer Vermögenssteuer für große Vermögen – richtige Seite. Ah ja. Wer viel Geld für viele Aktien hat, hält öfter auch welche der Rüstungsindustrie im Portfolio, oder die von großen Konzernen, die es mit der Fairness eher lax handhaben und denen Nachhaltigkeit hinderlich ist. Da mag man anders wählen.

Aber bitte, diese Panik vor einem Linksrutsch – die ist lächerlich.

Von Zwängen und Schönheiten der Mauern




Das war toll! Den ganzen Sonntag verbrachte ich noch im Bewusstsein, etwas Einmaliges und Unvergessliches erlebt zu haben. Ach, eigentlich reichte der Rausch bis weit in den Montag hinein. Kein Rausch mit Promille; eher ein Wind, wie von einem Fahnenschlag, der seine Liebe in die Luft schmeißt und mich mitnimmt. Ich liebe einen solchen Nachhall.

Das war phänomenal, grandios, überwältigend. Mega. Glückwunsch Forum Kunst zum 50. Und Danke. Das war ein voll gelungener Geburtstag. Was für eine Show. Wie die Gespenster aus den Mauern krochen. Wie die Töne die Fugen hinab rannen. Wie Hände Farben herausklopften und Steine bespielten. Wie Töne sich zart in den Nachthimmel erhoben. Wie das Tor bebte und tanzte und sich klirrend um sich selbst drehte. Wie Arme übers Dach hoch oben hingen und vorklatschten, und alle klatschten nach. Wie das Tor im Technorausch fluoreszierte. Wie es am Ende zersprang und in sich zusammenfiel. Ich will es immer wieder sehen.

Ich bin ja überzeugt, dass jedem Ding ein Wesen innewohnt. So stecken in alten Gemäuern die Geschichten aus Jahrhunderten….

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Fürstliche Aussichten

Über die Hohenzollern

Kulturprogramm während der Ferien. Man kann zu diesen ganzen Adels – und Königsgeschichten stehen wie man will, aber die Burg Hohenzollern sollte man schon mal besucht haben. Finde ich. Wenn wir an den Stausee fahren, sehen wir sie von Weitem. Wenn wir die Sicht von der Alb genießen, liegt sie vor uns – sie ist so nah und aus der deutschen Geschichte nicht wegzudenken. Was schade ist. Eine tolle Figur, finde ich, machen die Hohenzollern nicht.

Mein Blick mag da etwas verengt sein. Ich bin nicht monarchistisch geprägt. Macht gibt es, und vielleicht ist der Gedanke, es gäbe einen König, eine Königin, die treu und fürsorglich regieren, nicht ganz abwegig. Aber so war und ist es eben nicht. Königshäuser sind sich selbst spürbar die nächsten und kümmern sich allem voran um das eigene Wohlergehen und den Machterhalt, und das bisweilen recht skrupellos. Was andere dafür zu leiden haben wird sehr großzügig zu eigenen Gunsten ausgelegt, und dann kann anders als in einer Demokratie keiner fürs Leiden verantwortlich gemacht werden. Das muss einfach gelitten werden. Da sind die Hohenzollern keine Ausnahme. Im Gegenteil.

Als Kind derselben Zeit ist Georg Friedrich Prinz von Preußen mir der präsenteste. Und er macht es mir leicht, an ihm meine ganze Ablehnung, meinen Abscheu festzumachen. Mich gruselt, wenn ich mitverfolge, wie er sich gebärdet.

22 Euro war mir der Burgbesuch wert, so hoch ist der Preis für eine Einzelkarte ´Erwachsener ohne Ermäßigung“. Kinder im Grundschulalter sind frei….

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„You will cry in your heart“

Yes!

Mein gambischer Freund

„Good morning my friend, how are you?“ werde ich jeden Morgen begrüßt, vielmehr – wurde. Ich habe den Kontakt abgebrochen. Nicht wegen der netten Begrüßung morgens. Sondern weil sie gefolgt waren von unzähligen „help us“, „save us“, „we are starving“, „you are the only one to give us hope” bis „send us money“, und ich bin auf diesem Ohr keineswegs taub, aber a) habe ich so viel Geld gar nicht, wie es da Familienmitglieder zu retten gäbe, und b) hat es nicht gestimmt. Mein gambischer Freund hungerte nicht, und ich denke, seine Familie auch nicht.

Ich habe ihn über Twitter kennengelernt. Plötzlich hatte ich einen Follower in Gambia, und weil man sich über Twitter auch persönliche Nachrichten schreiben kann, bald persönlichen Kontakt.

Es ist ja, nebenbei, schon seltsam, wie Kontakte mitunter heute entstehen. Ich bin auf einer Kommunikationsplattform, weil ich mich für Politik und Gesellschaft interessiere, und ein mir völlig fremder, geheimer Algorithmus steuert, mit wem ich in Kontakt komme. Und ich kann nicht beurteilen, welches Verhalten von mir welche Reaktion im Algorithmus auslöst. Das wissen nur dessen Programmierer. Eigentlich ist das ziemlich unheimlich, und ich schließe mich der Forderung an, dass die Social-media-Konzerne ihre Algorithmen offenlegen. Dies world-wide-web ist eine faszinierende Welt, an der ich gerne teilnehme, aber ich will wissen, nach welchen Regeln sie funktioniert. Alles andere ist nicht fair. Es kam schon vor, dass mir Leute gefolgt sind oder Freundschaftsanfragen schickten, je nach Plattform, und wenn ich dann auch folgte oder die Anfrage annahm, dann kam später eine  Meldung „xxx folgt dir jetzt zurück“. Da fühle ich mich dann verschaukelt. ICH war doch die, die ´zurückfolgt´. Seltsam.

Jedenfalls hatte ich Kontakt zu J… oder auch E… – je nachdem, welchen Account er benutzte. Und ich erfuhr, dass sie sechs Geschwister sind, der Vater gerade gestorben ist, er kann seine Schule nicht abschließen, weil sie das Schulgeld nicht aufbringen können. Sie haben Hunger. Es ist Lockdown. Nichts geht mehr in Gambia….

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