„Gekippt“  sei sie, in dieser Zeit,

sagte eine Bekannte, die ich die ganze Coronazeit über nicht getroffen hatte. Wir teilen ein Hobby, über welches wir uns mitunter schon recht nahe gekommen sind.  Sie ist gebildet, hat Witz und Esprit, ist gesellschaftlich engagiert und finanziell gut gestellt. Sie steht noch immer mit beiden Beinen fest in ihrem Leben, nur anders, und es ist ein anderes Leben als zuvor, eines, das auf mehr Abstand konzipiert ist. Der Umgang mit Corona habe sie schwer enttäuscht, sagte sie. In Wissenschaft, Medien und Politik hat sie ihr Vertrauen verloren.  Und das ist natürlich übel. Ohne Vertrauen ist alles scheiße, jedes Leben, ich behaupte, selbst das nobelste. Die Diskussionen um die Impflicht haben ihr zugesetzt, und WIE dann geimpft wurde – „alles, was einen Arm hinstrecken konnte“, Schwangere, Kranke, alle. Jede Vorsicht, die beim Impfen stets gegolten hatte, war obsolet. Ich muss dazu sagen – sie ist Medizinerin und weiß, wovon sie spricht. Die Rigorosität der Politik, die mitunter drangsalierte, was sie zu schützen vorgab, die Medien, die keinen Diskurs mehr zuließen und Zweifeln, Ängsten und konträren Positionen meist nur so viel Raum gaben, dass sie sich gleichzeitig diskreditieren ließen – entsetzt war sie schließlich, als sie mitbekam, wie renommierte Wissenschaftler, die andere Thesen vertraten, Ämter und Reputation verloren, Thesen, die auch nicht von Pappe waren.

Das stimmt schon – diese verkürzten Diskussionen, bei denen es nicht mehr um Argumente geht und man sich mit dem gegnerischen Standpunkt tatsächlich auseinandersetzt, sondern Meinungsvielfalt zum Schlagabtausch verkommt, in dem unterschiedliche Positionen wüst und wild aufeinander eindreschen, die sind voll übel. Ich bekomm´s auf Twitter mit, das wegen jedem Mist hyperventiliert,  und ich find´s echt krass. Von „gesinnungsethischer Intoleranz“ sprechen Precht und Welzer in ihrem Buch „Die 4. Gewalt“.  Ich will mich der Medienschelte nicht anschließen. Mir will scheinen, in diesen krisengeschüttelten Zeiten haben alle das Bedürfnis nach Schulterschluss und klarer Position – „pro oder contra“ – Bürger, Politiker, Wissenschaftler, Journalisten und die *innen, alle. Polarisieren, weil in dem Dazwischen  so viele Unabwägbarkeiten stecken und das dann so anstrengend, wenn nicht zermürbend wird. Keine gute Entwicklung. Aber in der öffentlichen Diskussion müssen halt alle Stimmen abgebildet sein. Manche sind mir zu blöd für eine wirkliche Auseinandersetzung, weder ist die Erde eine Scheibe, noch sind wir von Aliens unterwandert, und den Großen Reset muss ich auch nicht unbedingt durchhecheln. Das sag ich dann auch. Aber „Politik und Öffentlichkeit“ sollte zu Ängsten, Zweifeln und Anliegen dennoch Stellung beziehen, so dass auch sie Gegenstand der öffentlichen Debatte sind. 

Das Gespräch kam, wie die Zeit eben auch, von Krise zu Krise, von Corona zum Krieg. „Wer jetzt im Krieg in der Ukraine zu Vorsicht mahnt, gilt sofort als Freund Putins“, monierte die Bekannte. Ich bin mit „Schwerter zu Pflugscharen“ und „Make love not war“ aufgewachsen. Mit dieser Kriegstreiberei tue auch ich mich schwer.

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Mein Städtle von außen, Potsdam hin und zurück

Potsdam, Herz hohenzollern-preussischer Lebensart und Macht. Ich war vier Tage dort einen Jugendfreund besuchen, mit dem ich nicht immer einen sehr regen, aber wenn, dann überaus schönen Kontakt pflege. Wir sind uns einig, Rottweil ist ein Ort, den man mal verlassen haben darf. Aber, auch das war Thema, und das betone ich ihm gegenüber, es ist auch ein Ort, an den es gut ist zurückzukommen. Es waren denn auch dies Mal wunderbare Tage. Ich mag die Havel und den Freund, sein Restaurant und das Reisen mit dem Zug. Potsdam selbst geht mir mitunter auf den Zeiger. Ich habe kein einziges Foto von der Stadt gemacht. Prachtbau an Prachtbau an Prachtbau, dazwischen mal eine Kirche, oder ein Schloss, oder ein Triumphbogen, und sonst wieder Prachtbau neben Prachtbau neben Prachtbau. Stein gewordene Großkotzigkeit. Im Park Sanssouci dasselbe in Grün: das Schloss Sanssouci selbst, dazu die Orangerie, und die wurde umgebaut zum Gästeschloss, und also brauchte es ja wieder eine Orangerie, und also noch eine solche, und das Gästeschloss war auch zu klein, so brauchte es ein weiteres, das dann „Neue Kammern“  heißt, die freilich nicht Kammern sind, sondern prächtige Säle mit vergoldeten Bildhauereien an den Wänden, und das reichte immer noch nicht, und also brauchte es das neue Palais, das so groß ist wie die andern zusammen, und hinter diesem noch Communs – Wirtschafts-und Verwaltungsgebäude, mit Bogen verbunden, auch irgendwie ein Schloss, und dann natürlich noch kleine Bauten für die schöne Aussicht, das Fernweh, die Fantasie, die Lust – was weiß ich, die eigene Selbstherrlichkeit. Friedrich der Große war aufklärerischen Idealen verbunden und mag mitunter Großes geleistet haben. Eine aggressive Politik verfolgt hat er trotzdem, und es haben für seine Größe viele Leute geschuftet, gelitten und ihr Leben gelassen. Da ist Dankbarkeit gemischt mit Groll. Nun hat er nach einigem Umbetten seine letzte Ruhestätte in seinem Lieblingsschloss gefunden. Anscheinend liegen aus Dank dafür, dass er Brandenburg die Kartoffel gebracht hat, immer solche auf der Platte, hat mir ein Einheimischer erzählt, ich war selbst nicht drin. Der „Alte Markt“ im Stadtzentrum, an Landtag und Nikolaikirche, ist ein  großer Platz ohne einen einzigen Grasshalm, ohne einen Blumenkasten, nicht mal ein Baum im Kübel, nichts, nur Stein – ein Manifest fehlenden Bewusstseins der Klimakatastrophe. Ein paar Straßen weiter hängt ein Transparent zwischen Bäumen, und der Freund erklärt mir, dass der Wohnkomplex dahinter, Sozialwohnungsbau, mitsamt den Bäumen abgerissen werden soll. Man wartet noch auf einen Investor, der da dann schick und neu baut. Das ist aus gentrifizierungs – und ökologischen Gründen NoGo. Die Tafeln haben wegen steigender Energiepreise um moderne Kühlgeräte gebeten, Kosten 25.000 Euro. Potsdam verfügt über eine hohe Promi-und Reichendichte. Viele spenden und sponsern – hier ein Bild, da eine Skulptur, einer hat gar 23 Millionen für das Kupferdach überm Landtag springen ließ. Bis jetzt fühlte keiner sich veranlasst, bei den Tafeln unterstützend tätig zu werden. Das regt mich auf.  Wie kann das sein? Wie kann es geschehen, dass Reichtum und Macht so losgelöst sich um sich selbst drehen?  Da will ich dagegen anrennen wie die Franzosen 1789 gegen die Bastille. Natürlich sehe ich die Großartigkeit in diesen Kunstwerken und Bauten, ihre Ästhetik, Glanz und Genie. Aber der Preis ist zu hoch, und er wird von Leuten entrichtet, die nichts davon abbekommen. Da sind mir Künstler lieber, die nicht das ganz Große brauchen und es doch erfassen.

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Die Qual der Wahl




Ich habe einen schweren Kopf, bin lange bei einer Housewarmingparty gewesen und habe dort in einen Geburtstag reingefeiert. Zwei Partys in einer; eine Nacht ist zu kurz für so was. Und dann die Themen – Männer, Kinder, Kirche, Gas, Job, …, und natürlich die OB-Wahl. Es ist meine erste. Und ich bin unentschlossen. Ich find´s echt schwer. Dabei ist tröstlich, dass es anderen genauso geht. Keine der Frauen gestern wusste ohne Zögern, wen sie wählen wird.

Den Herrn Dr. Ruf, den kennt man nun schon, hat ihn öfter gesehen, und immer war er freundlich, nie ist er unangenehm aufgefallen. Der macht seinen Job vermutlich ganz famos, als Bürgermeister bestimmt. Es bleibt halt die Frage, wie das mit dem Wechsel von Verwalten zu Gestalten so klappen würde. Er kommt auf den Plakaten ein wenig lockerer daher, das steht ihm gut. Aber trotzdem – so richtig den inspirierten Macher mit frischen Ideen seh ich halt nicht in ihm. Außerdem stelle ich mir vor, dass die Kontakte schon stehen/ die Verbindungen, und dass in den vergangenen Jahren schon so viele Gespräche geführt sind, die alle ihre Resultate gebracht haben, so dass „anders“ nur bedingt drin liegt. Und dann redet er halt doch wieder von neu auszuweisenden Baugebieten, und das geht halt gar nicht. Irgendwann, will ich meinen, muss man mal aufhören mit zubetonieren und mit dem Vorhandenen schaffen.

Das gefällt mir an Kai Jehle-Mungenast nicht schlecht, der ein sehr reserviertes Verhältnis zu Abriss und Neubau zu haben scheint, der mit ressourcenschonender Politik tatsächlich genau dies zu meinen scheint….

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Neues Lieblingswort: minimalinvasiv

Es ist ein Segen, wenn das eigene Leben so ist, wie man es sich wünscht und wie es guttut. Die Welt drumrum ist bei Weitem nicht so, wie ich sie mir wünsche – meine eigenen Strukturen schon. Das darf gerne so bleiben. Es ist auch ein Segen, wenn nichts mit Gewalt oder übermäßigen Ansprüchen einbricht.
Ich habe gefühlt immer zu wenig Zeit. Dabei ist das blöd. Ein Tag hat 24 Stunden, nie mehr, nie weniger. Und was man schafft, schafft man, was nicht, das nicht. Es war eine volle und erlebnisreiche Woche, mit nicht nur Job und Familie, sondern mit für meine Verhältnisse viel Öffentlichkeit, fand ich. Der krönende Abschluß war der Samstagsabend, das letzte Konzert des Jazzfestes. War ziemlich elektronisch alles, aber mega. Ich finde Akkordeon toll. So saß ich mit einem leichten Schwips und einem verliebten Gefühl im Bauch, ließ mich von Musik und Lichtern entführen und fand alles ganz klasse. Ich hatte meine Freundin zum VIP-Empfang begleitet, und das ist schon ein Spaß, sowieso mit Sekt und Häppchen und grünem Bändel, mit dem man frei konsumieren darf, inklusive Gin-Tonic. Gerade noch die Kurve gekriegt und dem fetten Kater ausgewichen. So war der Sonntag gerettet, der dem Aufräumen gewidmet sein sollte, haushälterisch wie mental.
So geschehen. Minimalinvasiv, was das Haushalten anging. Es zog mich hinaus; ich war lange nicht spazieren………………………

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„Zwischen den Jahren“

Ein Blick zurück, vor und ein Mal ringsum

Es fühlt sich nicht „dazwischen“ an, sondern mitten drin.  Meine Mutter erzählt, früher haben sie gearbeitet bis HeiligAbend vier Uhr. Bis dahin musste alles gemacht sein. Dann war geschafft, vorbereitet und das Haus blitzblank. Dann kam Waschen und Umziehen, und die Weihnachtszeit begann. Und der Rest des Lebens ruhte. Das Vieh wurde versorgt, sonst nichts. Vielleicht war da „zwischen den Jahren“ echt Auszeit und ein Dazwischen.

Egal. Weihnachten ist vorbei, und es war schön, so, wie es sein soll, mit Frieden, Freuden und Kuchen. Über Konsumrausch und Völlerei lässt sich streiten, aber trotzdem finde ich wundervoll zu wissen, dass zeitgleich Menschen überall auf der Welt die Liebe und den Frieden feiern und kindliche Unschuld, die der Stern sein soll, an dem man sich orientiert. Ich schenke gern zu diesen Ehren und meine, wenn das überall geschieht, dann ist das Christkind so als Idee doch auch ziemlich real, auch ohne Frömmigkeit.

Und nun steht Silvester vor der Tür. Ich habe eine Weile getüftelt, bis ich einen Rahmen beisammen hatte. In diesen kontaktreduzierten Zeiten scheinen sich allmählich auch Umfeld und Freundschaften zu verändern. Vor Corona ließen sich viele Kontakte nebenbei halten. Man traf sich an Fasnet, Ferienzauber, Stadtfest und Weihnachtsmarkt, Geburtstage wurden groß gefeiert, man traf immer wieder aufeinander. Der Kreis der Nächsten scheint kleiner geworden. Wenn wer ausfällt, fällt schnell auch die Party flach, es müssen ja Groß und Klein zueinander passen, und außerdem will ich mich schon einigermaßen an die Kontaktbeschränkungen halten, nach einigem Dafürhalten interpretiert, das schon, aber nicht negiert.

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Alltägliches

Ich habe frei, unverhofft, so richtig und so ganz für mich. Das ist großartig. Es sind Ferien, und ich hatte zwei Tage Urlaub genommen – für wenigstens einen Ausflug mit den Nachbarn oder so. Nun haben die Kinder ihr „Frei“ ganz anders aufgeteilt. Und das ist auch okay. Ich habe die Kinder gerne um mich, aber man kommt halt auch zu nichts so wirklich. Jetzt ist die Bühne aufgeräumt und die Pflanzen sind vom Hof nach oben geholt, die Stulpen sind fertig gestrickt, und die Sache mit dem Kontowechsel habe ich endlich in die Hand genommen. Das sind typische Baustellen für Prokrastination – ewiges Vor-sich-herschieben. Ich muss schon echt Zeit übrig haben, um das anzupacken.

Ich hatte kein Problem mit meinem Konto; das war umsatzgering, aber solide geführt. Nur machte meine Filiale dicht. Wo die BW-Bank in der unteren Hauptstrasse war, ist jetzt zappenduster und leergeräumt. Das ist bedauerlich, vor allem für die, die da arbeiteten. Es wird gemunkelt wieso und weshalb; „Die Roten“ hätten eventuell etwas damit zu tun, und damit ist nicht die SPD gemeint. Keine Ahnung. Ich weiß es nicht und kann und will es auch nicht beurteilen. Und natürlich könnte ich Kundin der Bank bleiben, ich mache eh fast alles online. Und auch bei der BW-Bank gibt es Hotlines und werden Fragen am Telefon geklärt. Aber manchmal gibt es doch Momente, da will ich vor jemandem stehen oder bei jemandem sitzen und mein Anliegen von Angesicht zu Angesicht klären. Manchmal brauche ich ein Gesicht und die persönliche Sachbearbeiter*in. Zum Beispiel wenn es um technische Probleme des Onlinebankings geht. So wie jetzt mit meinem Wechsel zur Postbank. Das Problem hätte ich freilich nicht, hätte ich nicht gewechselt. Der Tan-Generator von der BW-Bank hat ja noch tadellos funktioniert. Die Postbank aber, dachte ich, die hat überall Filialen. Das ist doch was.

Das mit dem Kontowechselservice klappte nicht. Am Ende war´s mehr Generve als Service; die eine Bank verwies mit allem, was sie NICHT tun konnte, auf die andere, die Zeit drängte und erste Zahlungen klappten nicht. Und schließlich musste ich es doch alles selbst in die Hand nehmen. Und eben dies ist ohne Onlinebanking schwierig. Also habe ich mir einen Termin geholt.

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Empören wir uns

Das Reden über den Impfstatus ist so allgegenwärtig wie der Smalltalk übers Wetter. „Bist du schon oder machst du noch?“  fehlt in kaum einem Gespräch. Und meistens verläuft das auch so nonchalant wie Wettergespräche – den einen stört der Regen, der andere beschwört dessen segensreiche Wirkung, jeder geht halt irgendwie damit um, und es ist vollkommen schnuppe, wen was stört und was nicht. Es ist, wie´s ist. Und so könnte man es eigentlich auch sein lassen.

Ich bin frisch geimpft und freu mich richtig. Das finde ich lustig, weil ich Impfen so noch nie erlebt habe. Es war immer Nebenbeisache: weil die Stiko es empfahl und ein Rückblick in die Geschichte zeigte, dass Impfen da Gutes bewirkt hatte, oder weil ich verreisen wollte, oder weil ich Leute kannte, die an just der Krankheit litten, gegen die ich mich also nun impfen ließ und in der Risikoabwägung das Impfen gewonnen hatte. Ein Pieks, ein Stempel und fertig – Impfbuch zurück in die Kiste, und irgendwann ist das Pflaster weg und keiner denkt mehr dran. Noch nie war das ein so heiß gekämpfter Glaubenskrieg gewesen. Plötzlich ist Impfen eine Riesenkiste. Gestern kurz vor knapp ein Anruf, „es klappt doch“, und ich fuhr los, keine Zeit, das Fahrradschloß zu suchen. Die Reinigungskräfte machten schon sauber und schleppten Mülltüten, da bekam ich noch geschwind meine erste Dosis in den Arm. Am Ende war´s mir jetzt ganz egal, welcher Impfstoff es ist.  Der, den ich am Liebsten gehabt hätte, Novavax, den gibt es noch eine ganze Weile nicht, und diese Corona-Geschichte läuft weiter, und so hab ich mich umentschieden  – „ich mach doch“  – und jetzt nahm ich, was es gab. Ich bin ein Herdentier und habe was übrig für Herdenschutz. Und ich bin ein Individuum von robuster Gesundheit. Mir haben weder Krankheiten noch Impfungen bis jetzt groß was anhaben können. Und so, denke ich, wird das auch bleiben. Das Altern wird das seine halt bringen, da kann ich mich jetzt schon drauf einstellen. Wenigstens weiß ich, ist auch mein Immunsystem nicht mehr ganz jung und unerfahren; es wird wissen, was es zu tun hat. Keine große Sache also. Eigentlich. Ist es aber doch. Vorgestern bekam ich Emojis mit klingenden Sektgläsern, und tatsächlich war mir zum Feiern. Und ich bekam andere, empörte und abfällige Nachrichten. Es gibt Whatsapp – und Facebookkontakte, die haben mich jetzt blockiert, entfreundet und sich verabschiedet. Das finde ich krass. Ich habe keinen Druck gespürt, mich impfen zu lassen; keine ChefIn hat gedrängt, keine Angehörige,  keine Freundin. Ich hab´s mir nur anders überlegt. Die ganze Sache verläuft halt auch anders als erwartet. Der Druck, den manche Impfgegner ausüben, den empfinde ich dagegen als ungemein aggressiv, mehr als alles andere. Was soll das denn jetzt! Da ist wer mutwillig am Spalten.

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Eine Wette auf die Zukunft

Harte Wochen! Und statt Erleichterung kommt´s nur immer noch dicker. Aber ein Ende scheint absehbar. Irgendwann ist auch wieder Frühling, und man kann mehr nach draussen verlagern, und außerdem wird geimpft, und dann ist irgendwann gut. Das hoffe ich, ich habe auch vor, mich impfen zu lassen.

Bald ist Corona Geschichte. Dann geht man wieder zur Tagesordnung über – und zu Politik as usual. Ich weiß nicht mehr – eine Bundestagsdebatte, glaube ich, war es, bei der es um eine Corona-Vermögensabgabe ging. Da sagte Frau Merkel zu den Kosten dieser Pandemiebekämpfung, das bezahle zukünftiges Wachstum. Diese Kosten belaufen sich je nach Rechnung auf Tausende Milliarden  bis zu eineinhalb Billionen, nur für Deutschland.  Das ist ein Betrag, vor dem man Respekt haben kann. Dies mag es leichter machen, von vornherein und kategorisch zu erklären, dass vorhandenes Guthaben und die Gegenwart dafür also nicht in Anspruch genommen wird.

Trotzdem finde ich das ungeheuerlich. Keine Vermögensabgabe? Die Zukunft soll die Pandemiekosten bezahlen?

Wir streiten  hier um sehr diesseitige und auf unsere eigene Generation bezogene Leiden. Da ist eine Pandemie – wohlgemerkt entstanden auch unter den Bedingungen eines ungebremsten Wachstumsglaubens – und die Überlegung, wie man damit verfährt…..

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Ich steige aus

Ich steige aus. Ich habe keinen Nerv mehr, nicht für diesen zweiten Lockdown, nicht für die Wahl in Amerika, nicht für den Vorsitz der CDU, den ein eitler und von sich eingenommener Gockel unbedingt meint haben zu müssen, nicht für die stümperhafte und komplett ignorante Art und Weise, wie mit den Krisen dieser Welt umgegangen wird.

Da wird regelmäßig das Artensterben festgestellt, in immer größerem, dramatischerem  Ausmaß, einen Rückgang der Fluginsekten um bis zu 97%, das muss man sich mal geben, und Bauernpräsident und Landwirtschaftsministerin beglückwünschen einander für den prima new Deal, der die EU-Subventionen weiter nahezu auflagenlos und störungsfrei fließen lässt, wie immer ohne Rücksicht auf Verluste. Und dann ein schwindendes Ansehen beklagen. Ja soll  man denn noch dankbar sein?

Der Vergleich ist überspitzt, zugegeben, aber das kommt mir vor wie der züchtigende Lehrer von vorvorvorgestern, der Respekt und Dankbarkeit einfordert, weil die Schläge es anscheinend ja nur gut meinen. Diese Agrarindustrie ist nicht das Treiben einer verantwortungsvollen Bauernschaft, sondern es schädigt das Land, auf dem wir alle leben.

Und in Rottweil denkt man darüber nach, für die Landesgartenschau ein paar weitere Grünflächen für neues Wohnen zu versiegeln, dort, wo die Insekten am Liebsten sind, am Wasser und in Hecken. Der Leerstand in der Stadt bleibt was er ist, Fasnetwohnungen, Baustellen bis zum Warten auf die Abrissgenehmigung, oder einem Handel vorbehalten, der dem Wandel hinterher hechelt; neues Wohnen in der Stadt ein Fragezeichen.

Was muss eigentlich geschehen, dass Politik mal umsteuert? Dass neu gedacht wird? Ich fass es nicht.

Der Irrsinn ist maßlos. Ein komplett verquerer amerikanischer Präsident, Diktatoren in der Türkei und in Osteuropa, Kriminelle an der Macht in Südamerika. Und in der arabischen Welt verwechselt man Täter mit Opfern. Ich verstehe diesen Aufruhr nicht. Opfer, in Frankreich, sind ein französischer Lehrer und drei christliche Kirchenbesucher. Täter sind jeweils islamistische Fundamentalisten. Punkt. Und so lange die nicht als Täter gelten und dafür verurteilt werden, solange die wie Helden hochgehalten werden, auch und gerade von arabischen Politikern und Klerikalen, denke ich mir, so lange kann es kein friedliches Zusammenleben geben, nicht aus bösem Willen nicht, sondern wegen fehlender Kompatibilität. Frankreich ist eine abendländisch –westliche Demokratie, die strikt zwischen Kirche und Politik trennt und viel auf Meinungsfreiheit gibt, was in dieser Kultur Karikaturen einschließt über allerhand Würdenträger von Göttern, Propheten, Engeln und Teufeln, Kaisern und Königen bis hin zu Präsidenten und sich selbst überschätzenden Männern. Das ist in Frankreich so und in Deutschland auch. Das muss wissen und aushalten, wer da lebt. Im andern Fall, wenn man das nicht akzeptieren kann, wäre man gut beraten, darüber nachzudenken, ob man nicht in ein Land gehen will, in dem die Werte und Gesetze herrschen, die man sich wünscht. In Arabien dürfen Karikaturen verboten sein. Deren Sache. Aber keiner kann schließlich seine eigenen Regeln mitbringen und sie dem Land, in das man geht, überstülpen wollen. Was ist das für ein Unfug? Das müssten die arabischen Herrscher ihren Leuten sagen. Das tun sie nicht und also heizen sie selbst immerzu weiter auf. Von wegen, sie seien einer Hasskultur ausgesetzt. Auch da wird Ursache und Wirkung verwechselt. Gute Güte, das kann doch nicht so schwer sein zu kapieren. Hier herrscht neben Meinungsfreiheit auch ein anderes Verständnis von Respekt. Ein Witz gilt nicht unbedingt als Respektlosigkeit, sondern als kritische Auseinandersetzung, und er ist Selbstschutz – worüber ich lachen kann, dem fühle ich mich gewachsen. Ich will keine Götter, die mich niederknüppeln. Wer das will – bitte. Der Glaube ist frei.  Aber das muss schon jeder für sich selbst entscheiden dürfen.

Überhaupt – dieses ewige Rumgeflenne über verletzte Gefühle. Und das beileibe nicht nur von Muslimen – das ist universell en vogue. Alle sind andauernd gekränkt, wegen irgendeiner Lappalie. Gute Güte. Wenn jeder wirklich so empfindsam wäre, wie er da behauptet und sich selbst so verhielte, wie die zarten Saiten es demzufolge nahelegen, dann sähe die Welt anders aus.

Charlie Hebdo – keep it up! Ich bin mit Euch.

Zu uns ins Haus kommt manchmal eine Frau zu Besuch, die jedes Mal was rumzustänkern hat, und die sich dann beschwert, dass es stinke. Jetzt wird unentwegt gelüftet, und es zieht wie Hechtsuppe. Die rümpft die Nase, meint, sie sei was Bessres und weiß sich dabei noch nicht mal einigermaßen zu benehmen. Wer macht denn so was – in fremde Häuser gehen und sich mokieren, was alles nicht gefällt? Kein Verstand, kein Benehmen. Aber Respekt einfordern. Das hat man ja gern.

Meine eigene Laune war schon mal besser, zugegeben. So gesehen ist es ganz okay, jetzt in den Lockdown zu gehen und mich zurückzuziehen. Aber es nervt mich auch. So viele Einrichtungen haben so gute Hygienekonzepte entwickelt, und jetzt sollen die allesamt nichts wert sein. Theater, Konzerte, Kinos, Hotels und Restaurants sind dicht, während die Infektionen anderswo stattfinden. Ich versteh´s nicht. Kontakte reduzieren, ja freilich, aber doch eher dort, wo es keine Hygienekonzepte gibt, im Privaten, im öffentlichen Verkehr, in Bussen, Zügen und Flugzeugen, und bei der Arbeit, wo eben doch auch Köpfe zusammengesteckt werden und der Mundschutz häufig am Kinn hängt. Mundschutz, sagen einige, sei wie ein Maschendrahtzaun als Fliegengitter – komplett wirkungslos. Ich weiß es nicht. Ich denke, eine gewisse Wirkung wird´s schon haben. Und es tut mir nicht weh. Wenn es nur ein kleines bisschen hilft, soll´s recht sein. Die Wut dagegen und der Umstand, dass dieses Stück Stoff als Inbegriff fehlender Freiheit gilt,  das scheint mir doch reichlich überzogen. Jetzt ist eine Querdenkendemo ohne Maske genehmigt worden, das versteh ich auch nicht. Wir waren im Schwimmbad in Überlingen, da gibt es einen Strudel, in dem man sich im Kreis herumtreiben lassen kann, die Kinder lieben ihn. Den gab es diesmal nicht, weil, wie der Bademeister sagte, es schwierig sei, unter diesen Bedingungen den Mindestabstand einzuhalten. Die Kinder waren enttäuscht, aber uns war das vollkommen logisch. Und das soll auf einer Querdenkendemo anders sein? Dort ist Abstandhalten dann ganz easy? Ich bin gespannt.

Da wird einerseits so beherzt regiert und dann gekuscht vor irgendeiner blödsinnigen Wut. So kommt man nicht durch Krisen. Mit seiner Wut muss jeder selbst fertig werden. Wut ist wie Angst ein mieser Ratgeber. Und wenn einer tobt ohne Sinn und Verstand, dann muss man ihn toben lassen. Man kann ihm doch nicht darin folgen! Auseinandersetzung kommt besser ohne aus. Siehe oben. Und mir geht auch dies Geschwafel vom ´Aufwachen´ auf den Zeiger. Es sind doch eher diese völlig verquer Denkenden die Tiefschläfer, die nicht aufwachen und sehen wollen. Irgendwas an dem Traum, den sie träumen, ist offenbar zu geil. Sie träumen sich ja geradezu in eine Diktatur. Sie träumen sie herbei und sich hinein, und sie stritten ab, etwas damit zu tun zu haben, wenn der Traum sich anschicken wollte, in Erfüllung zu gehen. Manche Träume gehen nämlich in Erfüllung, gerade die schlechten tun das. Wenn einer vom Unfrieden träumt, dann bekommt er ihn leicht. Und seltsamerweise lassen sich solche Träume ziemlich detailgetreu träumen, wie Bausätze quasi. Was andersherum weniger funktioniert – die guten Träume tun sich schwerer. Eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Politik – komplette Fehlanzeige. Nur ein Beispiel. Und man sieht es auch an der Sache mit den Märchenprinzen und Traumfrauen. Unzählige Male geträumt und so selten gefunden. Ein Sechser im Lotto ist vermutlich häufiger.

Wir denken überhaupt nicht mehr gemeinschaftlich und setzen Freiheit mit Eigennutz gleich. Wir fürchten um eine Wirtschaftsform, die produziert um der Kapitalvermehrung willen, nicht für den Bedarf. Und wir sind unfähig umzudenken und die Politik unfähig umzulenken.

Ich geh jetzt in den Lockdown und reduziere. Kein Problem. Und ich werde das Netz durchkämmen auf der Suche nach Karikaturen, die mich lachen lassen und mir die Qual nehmen angesichts des Irrsinns dieser Wel. Und wenn ´s die Götter sind, die mich lachen lassen.

Und hier noch ein Link zum Text einer mir lieben und teuren Bloggerfreundin, Lachmitmaren, über die fehlende Kommunikation in dieser Corona-Politik

https://wordpress.com/read/blogs/163593389/posts/611

„Die zweite Welle“

Coole Schlagzeile, cooler Titel. Raunt einem entgegen von jeder Straßenecke und hört sich an wie aus einem Spielfilm, und im Geiste sehe ich Sturmfluten und Zivilisationen, die von tosendem Grau verschlungen werden. Und gleich darauf sehe ich die Ostsee, die Kinder hinter den Wellenbrechern, wie sie sich fröhlich hineinwerfen, kurz verschwinden, wieder auftauchen, und ich weiß, sie können locker stehen, wo sie sind, aber im Auge behalten will ich´s doch. Ich bin noch immer nicht ganz zurück von der Reise, noch immer ein wenig dort, die Füße im Sand, vor mir weites, glitzerndes Blau, und die Themen vermischen sich, die Wellen und Corona, die Reise und die Demos, das Rauschen am Ufer und die Diskussionen um Weihnachtsmärkte.

Die Demo. Es gibt immer wieder welche, aber keine hat so eingeschlagen wie diese eine Ende August in Berlin. Ich weiß nicht – ein bisschen war das wie in den Achtzigern die Menschenkette. Es gab unzählige Aktionen damals gegen den Nato-Doppelbeschluß, aber keine war so bewegend wie die Menschenkette. Schon davor beherrschte sie jedes Gespräch, wer geht hin, wer nicht, und noch heute freue ich mich, wenn ich jemandem begegne, der auch dort war, und dann tauscht man sich aus an welcher Stelle man gestanden hat, ob die Reihe doppelt oder dreifach war, und das Lied geht mir wieder durch den Kopf – „die Zeit ist reif für ein Nein“, ein simpler Text, aber eine eingängige Melodie, als Kanon gesungen; ich habe damals erst aufgehört zu singen als ich längst wieder daheim war, die Euphorie hat mich begleitet bis zum Zähneputzen. Gebracht es nichts, die Waffen sind stationiert worden, der Kalte Krieg nahm seinen Gang. Das tut mir heute nicht mehr weh, was  eigentlich nicht passt, weil nach wie vor viel zu viele Waffen an viel zu viele Orte verteilt sind. Aber die Menschenkette war klasse, ich spüre sie heute noch.

Vielleicht verhält es sich mit der Demo am 29. August ähnlich – ich weiß es nicht, ich war nicht dabei. Nicht in Berlin. Aber auch diese Demo war davor Bestandteil sehr vieler Gespräche und man unterschied in die, die hingingen, und jene, die das nicht taten, und wer weshalb und weshalb nicht. Egal auf welcher Seite, jeder war in Rechtfertigungsnot. Ich habe Leute getroffen, die hingehen wollten und im Vorfeld bereits empört waren, man werfe sie mit Nazis in einen Topf. Ja wen wundert´s – auch wenn´s wenige waren, die Nazis waren laut und gaben den Ton mit an, und man marschierte Seite an Seite damit. Natürlich kann man sich davon nicht einfach distanzieren, diesen Pakt ist man eingegangen, diese Brücke hat man geschlagen.

Die AHA-Regeln leuchten mir prinzipiell vollkommen ein, und ich folge ihnen weitestgehend. Den Mundschutz trage ich so nebenbei, dass ich manchmal  vergesse, dass ich ihn trage. Abstand ist auch gebongt, wobei ich auch keine Haken schlage; ich will nicht, dass wir einander wie einer Gefahr begegnen. Außerdem braucht jeder Leute für konsequentes  Brechen dieses Gebots. Trotzdem ist vermutlich gerade  tatsächlich nicht die Zeit für Massenveranstaltungen in großen Hallen, wo man sich gegenseitig den Atem ins Genick pustet. Ich empfinde mich als kritisch, aber nicht als ´dagegen´. In manchen Überlegungen konnte ich  mich dennoch mit den Demonstrierenden verständigen. Infektionszahlen hin oder her – das Gesundheitssystem ist gerade beileibe nicht überlastet, also sehe ich keinen Grund für schärfere Maßnahmen. Ganz im Gegenteil. Zwar sehe ich, dass Corona weit mehr ist als eine leichte Grippe und mitunter lange und echt fiese Schäden nach sich zieht. Aber man muss ja tatsächlich abwägen zwischen Infektionsschäden und den Schäden, die die Beschränkungen mit sich bringen. Und die sind auch nicht ohne. Ich verstehe den Zweifel an der zwingenden Notwendigkeit so mancher Maßnahme. Manche Regel, bzw deren Handhabung, ist bisweilen hirnrissig und eine bloße Zumutung, und aus einigen Plexischeiben  spricht die reine Hilflosigkeit. Ich würde mir mehr situativ angepasstes Entscheiden wünschen. Und an einem Sterbebett soll egal sein, wer aus welchem Haushalt kommt, dasselbe beim Gebären. Kinder werden in der Wohnung nicht Quarantäne-isoliert, im Zweifel bleiben die Geschwisterkinder und die Eltern auch daheim – krankgeschrieben. Solche Sachen.                        Ich verstehe den Verdruss über dies Von-oben-herab-bestimmen, das ganze Themenfelder ausklammert. Auch  erschrecke ich über Größenordnungen und Prioritäten. Große Konzerne bekamen viel Geld und fingen nach dem Lockdown scheinbar einfach da wieder an, wo sie aufgehört hatten, so als wäre nichts gewesen. Eltern von schwerbehinderten Kindern jedoch, die nicht mehr betreut werden konnten wie zuvor, die also von den Eltern rundum versorgt wurden, die bekamen nichts, und Künstler darben bis heute, weil es nicht lohnt, vor halbbesetzten Hallen zu spielen.

Ich wäre dafür, Wege zu finden, wie mit der Seuche zu leben ist. Ich gehe davon aus, sie wird uns lange bleiben, denn noch ist weder Therapie noch ein Impfstoff gefunden und auch wenn es den gibt – ich kenne kaum jemanden, der schreit ´ich zuerst´. Und in der ganzen Zeit wird geboren und gestorben, geheiratet, Jubiläum gefeiert, uswusf, und es wird kreativ geschafft und gesponnen. Außerdem wird es nicht die letzte Seuche sein.  Es wäre ein guter Zeitpunkt um nachzudenken über eine neue Form des gesellschaftlichen Zusammenhalts und des verträglichen Wirtschaftens. Dazu liest man bisweilen kluge Abhandlungen im Feuilleton und Gesellschaftsteil, aber in der politischen Debatte kommt das nicht vor, und eigentlich auch nicht in den Gesprächen allerorten. Diese Sau wird nicht geschlachtet, die will jeder weiter mästen.

Wir saßen am 28. August im Zug nach Berlin. Dort stiegen wir um in den IC nach Rügen. Der Zug war voll, die reservierten Plätze waren doppelt reserviert gewesen, jemand saß schon in ´unserem´ Familienabteil, so mussten wir im Großraumwagon Plätze suchen, die also nicht beisammen und auch nicht sehr bequem waren. Die Nacht war kurz, und früh am Morgen lockerten wir die Glieder beim Spaziergang zum Bordrestaurant. Die Demo war spürbar. Hinter uns saßen zwei Schwaben,  die hingingen und sich schon mal einstimmten. Merkel sei an allem Schuld, die allermeisten Wissenschaftler hätten nicht alle Tassen im Schrank, AKK sei eine ´Hackfresse´, und Verteidigungsminister sollte ein General sein, und sowieso – „wie kann die Merkel bestimmen über unsere Kinder, die hat ja selbst keine“. Nichts in Gespräch oder Ausstattung deutete darauf hin, dass die beiden selbst welche hatten. Und echt – WENN sie welche hätten, dann wären die zu bedauern; denn reflektiert wäre diese Vaterschaft eher weniger. Für gesichert aber halte ich, dass ihre Fantasie nicht ausreicht, sich vorzustellen, dass andere mehr Fantasie haben könnten. Mir ist eine Verteidigungsministerin, die sich die Schrecken des Krieges vorstellen kann, lieber als ein General, der zeigen will, was er draufhat. Und ob eigene Kinder oder nicht – niemand muss Mutter sein, um Verantwortung für andere zu spüren. Und dann diese Wortwahl. ´Hackfresse´. Garstiger geht´s kaum. Wir ließen die Demo erstmal rechts liegen und fuhren weiter.

Sie war Thema gleich des ersten Abends auf Rügen. Wer war, wer nicht, und wieso und weshalb. Ein paar waren in Berlin gewesen, aber „nicht dort!“. Einer hatte keine Zeit gehabt, einer zeigte Sympathie, einige nicht. Der Mann meiner Nachbarin am Lagerfeuer war dort; „manche Maßnahmen gehen einfach zu weit“, verteidigte sie. Und da konnte ich zustimmen, das finde ich ja auch. Sie samt und sonders für obsolet zu erklären, wie dies Querdenkengedöns das tut, das allerdings geht nur mit Geringreden bis Leugnen und wird der Situation genauso wenig gerecht wie überzogene Verbote und Schließungen. Ein Mal grob quer drüber ist dies Querdenken – gegen jegliche Beschränkung, gegen das Gros der Wissenschaftler, gegen staatliche Macht an und Regeln an und für sich – differenziert und komplex gedacht dünkt mich das nicht.  Corona hat unter Bevölkerungen, Politikern, Wissenschaftlern und sämtlichen Entscheidern global Verunsicherung ausgelöst. Jeder weiß ein bisschen was, aber keiner genug um Sicherheit behaupten zu können. Und einfach die eine Hälfte wegsperren, damit die andere Hälfte sich in nichts beschränken muss, das kann´s auch nicht sein. Also IST Vor – und Rücksicht geboten, und darin agiert man hierzulande beileibe nicht am schärfsten, wenn man mal so in andere Länder schaut. Die Strategie ist strittig, aber zumindest klar und nachvollziehbar. (Vergleich https://www.zeit.de/arbeit/2020-08/corona-krise-israel-protest-gastronom-tel-aviv)  Es geschieht, auch hier, eine Menge Mist, auch tragischer Mist. Trotzdem plädiere für eine gewisse Fehlertoleranz. Und Wut macht sowieso nichts besser. Und das ist es auch, das mich so stört an ´der Demo´. Die Verachtung und der Hass, die da mitschwingen. Auch in den Achtzigern gab es Beleidigungen; Kohl hatte alle möglichen Schimpfnamen, und Strauß beflügelte die Schmähfantasie. Diesem war das schnurzegal, und Kohl drückte sich einen Klops Butter rein, damit glitt alles Weitere geschmeidig an ihm ab. Allem Schimpf und aller Schande zum Trotz – ihre Gültigkeit aber hatten sie, und man stellte nicht die Position in Frage, die sie bekleideten. Staatliche Macht muss sich rechtfertigen, immer wieder, auch da gehe ich mit. Aber ich stelle sie nicht grundsätzlich in Frage.  So gesehen empfinde die Verachtung, die aus dieser Demo mir entgegenwaberte, eher als Voraussetzung für den Protest denn als Folge einer konkreten, ungehörten Forderung.

Ich hab da freilich gut reden – ich kann leicht vertrauen. Ich habe gegen staatliche Institutionen prozessiert, auch gegen Verwaltungsgerichte, die den Staat mit ausmachen. Manche Regeln sind komisch und manche Handlungen strittig. Aber Staat als solches habe ich noch nie als feindlich wahrgenommen. Ich musste noch nie Angst haben an einer Grenze erschossen zu werden oder weil irgendwem meine Hautfarbe oder Herkunft nicht passt. Das ist global betrachtet durchaus keine Selbstverständlichkeit, sondern sogar ziemlich klasse. Und eben weil das eigentlich klasse ist, weigere ich mich, irgendeine braune, blaue, quergedachte oder sonst eine Verachtung zu übernehmen.

„Der Osten hat nach der Wende drei Jahrzehnte im Schnelldurchlauf aufgeholt und ist sehr kreativ geworden“, beschrieb mir einer der Rügener WG die Gemütslage im Land, „mit dem Lockdown und den Auflagen ist diese Kreativität auf Eis gelegt. Damit kommt man nur schwer klar“. Das verstehe ich. Im Osten scheint die Wirtschaft etwas kleinteiliger, Großkonzerne, die ganze Landstriche prägen, fehlen weitestgehend, stattdessen sieht man überall verstreut charmante Oasen der Selbstbehauptung, kleine Werkstätten und Läden, Kooperativen und Initiativen. Da ist leicht vorstellbar, wie übel es aufstößt, wenn dieser Kreativität der Boden entzogen wird. Und das gilt für Rügen und für den Osten und für Berlin und für den Rest der Welt genauso.

In der WG wohnt auch eine Frau, die hauptberuflich bastelt, wunderschöne Mobile aus Treibgut zum Beispiel. Eines hängt jetzt in der Wohnung unter uns fürs Katerpflegen. Sie verbringt die Sommer auf Rügen, die Winter in Gengenbach, wo der Weihnachtsmarkt vier Wochen lang dauert. Dieses Jahr muss sie sich Sorgen machen. Findet der Weihnachtsmarkt nicht statt, fehlt ihr die Hälfte ihres üblichen Jahreseinkommens. Ein bisschen glich ich vorab aus und kaufte ihr so viele Souvenirs ab, wie ich vorhatte zu verschenken.

Ein paar Abende später war der Mann meiner Lagerfeuernachbarin zurück aus Berlin und man saß wieder am Lagerfeuer.  Ich verstand, was sie an ihm fand. Er war nicht unattraktiv, wirkte kühn und verwegen, und noch Meter entfernt war das Feuer zu fühlen, das in ihm brennt. Er erinnerte mich an Che Guevara; dabei war er Sachse und sah ganz anders aus – brünetter Seitenscheitel, die Haare glatt und halblang, 70er-Jahre-Look, und vielleicht war es genau dieser – der durch nichts zu erschütternde, selbstbewusste Esprit der 70er, der ihm anhaftete wie Che Guevara halt auch, (der einen durchaus ambivalenten Nachruf geniest)., Er habe sich selbst ein Bild machen wollen, sagte der sächsische Che; die Informationen der Mainstreammedien reichten nicht aus – wobei ich nicht recht wusste, wovon er sprach, denn Radio oder Fernsehen sah ich nicht und auch keine Zeitung, und also schätze ich, war das Informationsmedium das Internet, und so große Verdienste dies auch hat – als Quelle der Wahrheit würde ich es nicht propagieren.  Gute Reden seien das gewesen, gute Infos. Und eine Menge Leute habe er getroffen, alle total gut drauf, ein Friedensfest sei das gewesen.  Ein paar Krawallos, okay, die auch, aber im Übrigen sei es eine tolle Stimmung  gewesen auf der Demo. Nachts ein Hin und Her mit der Polizei, ob man nun ein Camp errichten dürfe auf der Straße oder nicht, am Ende habe er sich in einen Park gelegt und sei am Morgen aufgewacht  zwischen lauter Leuten, die wie er irgendwann einfach genug gehabt hatten.

Früher, führte er aus, sei er härter drauf gewesen. Da habe er so eine Todesverachtung gehabt für seine Umwelt, es alles so scheiße gefunden, dass er dafür gewesen sei, rundum die Welt in Grund und Boden zu bombardieren, so lange, bis sie unterginge in einem einzigen gigantischen großen Feuerball. „Hait bin isch ooch a bissi milde“, meinte er. Der totale Overkill ist es nicht mehr, aber „ääne Monarschie wär et schon“, mit ihm als König, und er befreite letztendlich und entließe alle in die selbstverantwortete Eigenständigkeit.  

Ich war froh am Feuer zu sitzen, mich fröstelte.

Dann stand er auf, der sächsische Che, und ich dachte, jetzt hält er eine Rede und bläst zur Revolution, zu Klassenkampf und Sturz der Eliten, für Freiheit und Future, aber er verabschiedete sich, er war müde. Auch Helden brauchen ihren Schlaf, gerade die.

Da bin ich echt froh, dass Che milde geworden ist, und nicht König. Scheint ja doch immer schwierig mit diesen alleinherrschenden Mächtigen, die sich einen Plan machen für die Menschen ´unter ihnen´ und beleidigt sind, wenn die sich nicht dran halten. Und bisschen blöde ist das ja eigentlich auch. Keine Macht den Misanthropen. Es gibt ein paar Wesenszüge, mit denen, meine ich, sollte man nicht regieren dürfen; Selbstüberhöhung und Menschenverachtung gehören dazu. Der sächsische Che hat eine nette Familie – soll er sie genießen und glücklich sein.

Ich würde gerne demonstrieren. Mit Künstlern, die Rahmenbedingungen wollen, innerhalb derer sie  auftreten können. Mit Angehörigen und Bewohnern von Pflegeheimen, damit Angebote und Verbindungen zur Außenwelt nicht ersatzlos gestrichen, sondern Alternativen geschaffen werden. Mit Hebammen, die Müttern und deren Babys intensiver beistehen wollen. Mit Sterbebegleiterinnen, die Sterbende besser begleiten wollen. Mit Passagieren, die Platz und Frischluft in Zug und Bus wollen. Mit Reiseveranstaltern, die ihre Reisen verkaufen wollen. Mit Artisten, die Zirkus machen wollen. Mit Schaustellern, die ihre Fahrgeschäfte aufbauen wollen. Und mit Bastlerinnen, die auf Weihnachtsmärkten verkaufen wollen. Ich will unbedingt, dass der Weihnachtsmarkt in Gengenbach stattfindet. Ich will hin, und ich will eine Freundin mitnehmen, die quasi-heimatliche Gefühle mit der Stadt verbindet. Wir würden Mundschutz tragen und Abstand halten, am Stand, in der Achterbahn, im Zirkuszelt, im Konzert, überall, das Ding tut nicht weh, und wir würden uns hinterher die Hände waschen.

Außerdem würde ich für nachhaltige Politik und Gemeinwohlökonomie demonstrieren.  Und wenn´s Verzicht bedeutet. Wir sind die Babybommer, wir sind die Generation, die grad maßgeblich entscheidet. Die meisten von uns kennen Verzicht, Dinge, die man denken, aber nicht haben kann. Hat sich deshalb wer unfrei gefühlt? In den 70ern ist kaum jemand in den Urlaub geflogen; Schuhe mussten gepflegt werden, damit sie lange hielten, Schnitzel gab es an Sonntagen, und weggeworfen wurde nur Müll, nicht Sachen, die extra dazu gemacht und gekauft wurden. Wir sind ja völlig meschugge, alle zwei Jahre ein neues Handy, ein neues Tablet, einen neuen PC zu brauchen. Wir sind völlig meschugge, stapelweise Tshirts für drei Euro das Stück zu kaufen, nur um sie nach dem dritten Waschen zu entsorgen. Wir sind meschugge, jeder ein eigenes Häuschen mit Doppelgarage und eigenem Spielplatz und zwei bis drei Autos je Haushalt zu brauchen. Und wenn die Wirtschaft das braucht – dass alle haufenweise Sachen kaufen, die keiner braucht – dann muss sich die Wirtschaft ändern, auch wenn wer arbeitslos wird. Was würde denn passieren? Es gäben mehr und schneller Firmen auf, als neue geschaffen werden. Vermutlich. Manche kämen gut durch. Viele andere würde vermutlich Stütze benötigen. Der Lebensstandard sänke, aber flächendeckend und gemeinsam, was es erträglich machte. Und es müsste umverteilt werden, was einigen sicher nicht passt, aber was soll´s. Von einer Welt, die am Stock und zugrunde geht, hat auch der volle Geldsack nichts. Was ist denn so schlimm an Veränderung und Umbruch und Krise und Verzicht? Woher dieser horrende Schiß? Noch nie eine Krise erlebt? Nie gescheitert? Ging immer alles geradeaus?  

Ich will nicht kleinreden. Das ist schon starker Tobak. Aber er ist nicht stärker als der, den man vor einigen Jahren Griechenland und anderen Ländern zumutete, als man von ´Hausaufgaben machen´ sprach, von ´Geschäftsmodellen ändern´; ganze Länder sollten, mussten das tun, mal eben Land, Leute und Wirtschaft umkrempeln.  

Auch wenn man schreit, was das Zeug hält – es hilft nicht, und Schreien kostet viel Puste, die man anderweitig nötiger braucht. So wie´s die letzten Jahrzehnte ging, kann´s halt nicht weitergehen, so schön es auch wäre. Hat man wirklich geglaubt, das ginge – immer mehr, immer besser? Hat man das wirklich geglaubt? Dass es immer bergauf, nie bergab geht, immer nur in eine Richtung?  Raus aus der Wohlfühlblase. Es geht erstmal runter, aber dann geht es auch wieder rauf. Arschbacken zusammen, einander Hände gereicht  und Schritt für Schritt beherzt durch. Das Beste draus machen, jeden Tag neu. Es muss schon seeehr dicke kommen, damit man einem Tag so gar nichts Positives abgewinnen kann, und diese Tage stehen meist unter einem ganz anderen Stern und haben mit wirtschaftlichen oder politischen Rahmenbedingungen wenig zu tun. Wir reden hier nicht von ´Existenz´, und wenn, dann fälschlich. Wir reden hier von Broterwerb und Konsum, und das geht auch anders. Und keiner muss verhungern, erfrieren oder verzweifeln. Es mag rumpeln in der Kiste und auch mal wehtun, aber das geht vorbei, und hinterher ist die Lage eine andere. Die Dinge besser machen – dafür würde ich demonstrieren, mit Lied und Friedensfest und Camp und Kette.

Aber auch wenn das nicht geschieht oder zu wenige es tun – es ändert nichts daran, dass es ganz bestimmt so kommen wird, dass die Schuhe wieder gepflegt werden und Fleisch Luxus ist, dass man Klamotten aufträgt und weiterreicht, dass nicht jeder ein Eigenheim baut und Autos uncool sind. Es wird so kommen, bin ich überzeugt, denn wie soll es anders sein. Es kommt zwangsläufig. Weil die Erde bald nicht mehr hergibt und die Gesellschaften auch nicht. Dann kommt der Wandel, vielleicht etwas später, aber brutaler. Den, den man selbst einläutet, den hat man auch souveräner in der Hand.

Eine globale Menschenkette wäre schöner.