Eine Fasnet im Krisenmodus



„Ne Freude im Leid“ (Anmerk.: aus dem Rottweiler Narrenmarsch)
Eine Fasnet im Krisenmodus


Es stimmt schon – es war ein Irrsinn, so eigentlich, in solchen Zeiten Fasnet zu feiern. Mt einem Virus im Umlauf, das zwar meistens ganz harmlose Krankheitsverläufe mit sich bringt, immer wieder – und das ziemlich unberechenbar – aber doch mit brachialer Gewalt zuschlägt. Es war und ist ein bisschen wie Roulettespielen – wo bleibt die Kugel hängen. Ich weiß nicht, ob mir der Fatalismus gefällt, der sich damit breit macht. Aber er hilft. Er nimmt den Schrecken. Jetzt, nach der Fasnet, sind ganze Familien „positiv“ und daheim, und in der Tat leiden die allermeisten an nicht mehr als an einer gewöhnlichen Erkältung. Ich kannte allerdings auch Leute, die es nicht überlebt haben, selbst dieses „harmlose“ Omikron nicht.
Dann der Krieg vor der Haustüre. Es war ja nicht unumstritten: ist unter diesen Umständen Fasnetfeiern überhaupt vertretbar? Ich fand, es ist. Ob Corona, der Krieg oder das Klima – es folgt Krise auf Krise, und ich will nicht das Leben absagen. Weihnachten gab es mit Corona, Urlaub mit Klimakrise – und Fasnet mit Krieg; jeweils den Umständen angepasst, aber eben doch. Was würde ich sonst den Kindern vermitteln? Dass sie in eine Welt hineingeboren wurden, die das Feiern nicht mehr erlaubt und aus der jede Leichtigkeit verschwinden muss, weil es als nicht schicklich gilt, das Schlimme und Schwere, das irgendwo in der Welt immerzu passiert, mal beiseite zu schieben? Sie sollen doch zuversichtlich sein können.
Meine Kinder tragen sämtliche Coronaregeln ohne viel Murren, wie ich auch. Und obwohl wir alle drei jeweils von ganz unterschiedlichem Naturell sind, hat jeder von uns diese Fasnet auf seine Weise genossen und nimmt von der Freude etwas mit hinein in den kommenden Alltag. Krisen kommen ungebeten, und mit ihnen leben, meine ich, heißt auch, Freude da tanken, wo es geht. „Die Freude im Leid“ eben – ich bitte drum – so heißt es im Narrenmarsch, die will ich dann auch.
Was kann ich auch tun. Ich weiß nicht viel über Russland und die Ukraine und kann kaum beurteilen, wo „gut“, wo „böse“ ist. Dass Putin einen Schaden hat, das war mir klar; das spricht aus seinen eigentlich lachhaften Machoposen. Grundgütiger – als Taucher mit nacktem Oberkörper, die Amphore, wahlweise der Barsch, in der Hand. Wäre er sexy wie einer der Chippendales, könnte er seinen Komplex anders regeln; so muss es halt Macht- und Größenwahn sein. Aber diesen russischen Großmachtkomplex, den hat er wohl nicht alleine. Auch sind die Nato und die Bündnisse des Westens ebenso keine Pfadfindervereine, wo es täglich um die gute Tat geht. Und doch hätte ich mit solcher Rigorosität, mit einem solchen Angriff nicht gerechnet. Es kommt mir so absurd und archaisch vor – einfach die Panzer aus der Garage zu fahren, ins Kriegshorn zu blasen und das Land zu überrollen, das man als „seins“ betrachtet, aus irgendwelchen Gründen, die tief in der Vergangenheit liegen. „Old fashioned“ nannte ein australischer Bekannter, den ich gefragt hatte, wie es ihnen geht nach der Flutkatastrophe, das. Noch so eine Krise. Eine Freundin, die ich über eben diesen Bekannten kennengelernt habe, hockt ohne Strom im australischen Outback und sagt, es sei ein Inlandstsunami gewesen, wie ihn noch nie jemand gesehen habe. Nun hat sie eine ausgeprägte theatralische Ader und liebt Übertreibungen, aber ich glaube ihr. Es gäbe keine Strassen mehr. Sie rationieren die letzten Liter Diesel für den Generator; sie wissen nicht, wann es wieder welchen gibt. Sie lebt weit draussen und hat deshalb immer genügend Vorräte an wenigstens Grundnahrungsmitteln, aber es gibt andere, denen wird’s knapp. „Old fashioned“ – passt eigentlich schon. Kriege kommen, leider, nicht aus der Mode, aber ich stelle mir dennoch vor, es müsste andere Wege geben, heute, wo die Welt über so viele Kommunikationswege und Netzwerke verfügt, wo sämtliche Belange so offen daliegen könnten, wo so viele doch eigentlich um andere Lösungen wissen und man sich darüber austauschen und darin helfen könnte. Wenn alle anerkennen könnten, dass die Welt sich stetig verändert und es keinen Anspruch auf ewigen Bestandsschutz gibt, stelle ich mir vor, ließe sich viel Streit vermeiden.
Ich versteh´s nicht, und ich wollte mich auch nicht damit befassen.
Auszeit. Muss man sich leisten können. Konnte ich. „Bis zum Aschermittwochmorgen“. Dann wieder.
Den Film „Narren“ habe ich lange nicht angeguckt. Er sei so narrenzunftkonzentriert, hatte es geheißen. Und ich hatte das als Gegenargument genommen und immer anderes vorgehabt. Und schließlich habe ich ihn zwei Mal gesehen und fand ihn toll und durchaus erhellend.

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Die Fasnet, die nicht war

Doch, am Ende, so im Nachhinein, meine ich doch, fühlte sie sich an wie ausgefallen. Abgesagt und ausgefallen. Was war, war keine neue Form von Fasnet, eine der Pandemie angepasste. Ja, es war noch nicht mal eine Notlösung. Es war eher eine Art Ehrbezeugung, a tribute to -, als würde halt irgendwie der Umstand, dass sie gewesen wäre, gewürdigt.

Die Clips mit der Schmotzigengruppe und mit den Kindern waren schön zu machen. Da war kurz Fasnet. Außerdem waren just in diesen Tagen diverse Kindergeburtstage, verkleidete natürlich. Wenn so ein Kind sich ein ganzes Jahr auf seinen Geburtstag freut, und dann ist der und es darf aber nur ein einziges weiteres Kind einladen, dann macht das die Sache nicht einfacher, wenn das Ganze  dennoch eine Party geben soll. Wir hingen uns also ziemlich rein, und am Abend des Schmotzigen hing die Krone denn auch schief und war die Schminke verschmiert. Fürs Zoomtrinken anschließend hatte ich kaum mehr Energie. So weit so gut. Am Samstag eine Freundin auf einen Fasnetssekt besucht, am Abend die Küche geputzt. Am Sonntag wäre normal der Bajassumzug gewesen, da waren die Kinder heuer nicht mal da. Stattdessen die Eltern besucht und abends Schulsachen sortiert. Stapelweise Arbeitsblätter versucht einem Wirrwarr von Schnellheftern zuzuordnen, deren Inhalt bestimmt einem System unterlag, aber keinem, das ich verstand. Jetzt ist alles irgendwo drin, und es sind neue Ordner gekauft. Künftig will ich aufmerksamer Schulranzen aufräumen. Alles ist zu was gut. Ich bin näher dran jetzt. In viele Hefte hatte ich kaum je wirklich hineingeguckt. Am Montag wurde ich um sechs Uhr wach, weil eine kleine Prozession, ein mageres, trauriges, herzanrührendes Orchester in noch stockfinstrer Nacht, das erste  Morgengrauen war noch weit, am Fenster vorüberzog und „Oh-jerum“ spielte, in Moll. Dazu defilierte ein langer Mann vorüber, der mir aus dieser Perspektive fremd vorkam – der Kopf riesig, und so harte, kantige Züge; ausserdem schien der Körper geschrumpft. Ich kannte den langen Mann eher aus Kinderperspektive, die eigenen Augen irgendwo auf Kniehöhe, darüber bis zum fernen Kopf hoch oben viel wallendes Blau. Komisch. So sieht der aus? In diesen Zeiten ist sogar der lange Mann nicht mehr das, was er mal war.

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Wie die alt Fasnet, so kommt´s daher

Eine Woche seit Aschermittwoch. Die Kleidle sind noch nicht wieder alle beisammen, und das Leergut türmt sich im Trolley. Aber der Kopf ist wieder klar, die Füße haben Bodenhaftung, und das Fahrrad ist umdekoriert. Die Vorräte sind weitestgehend aufgebraucht. Und das ist freilich noch ein Problem – wie es aussieht, gibt es die nächsten Wochen keine Spaghetti und keine passierten Tomaten mehr zu kaufen, und Mehl ist auch Mangelware. Ich habe überhaupt keine Angst vor Corona und keinen Drang für Hamsterkäufe. Aber echt – die nächsten Nudeln und Tomatenkonserven, die ich entdecke, sind meine, und Mehl wird gekauft ob ich gerade backen will oder nicht. Hamsterkaufen ist ansteckend, ansteckender als Corona, wie´s scheint. Das habe ich auch nicht gewusst. Ich weiß wirklich nicht, ob diese Panik sein muss – sie kommt mir recht närrisch vor, ganz ohne Fasnet.

Schön war sie, die Fasnet; vollgestopft mit Eindrücken, und aufgewühlt und aufregend. So was muss ich sortieren. Das kann ich nicht einfach so stehen lassen. Zeit für einen ausgiebigen Rückblick.

Den Schmotzigen im Job begonnen, Donnerstag ist Kochtag auf der Wohngruppe. An diesem Tag mit Verkleidung und einer kleinen Rede.

Jedem Bewohner ein Verslein als Vorspeise. Dann gab es Selbstgekochtes.

…………

„Ihr liabe Leit, des gilt für mih wie für dih,…

lassets Verzweifla und feiret wie ih.

Die Fasnet in Rottweil, die sagt, worum´s goht,

fast jeder Dag hat sei schees, wenn mer´s nu loht.

Jedem zur Freud und niemand zum Leid, so heißt das Brevier.

Drum gibt´s heut Gulasch on Kiachle zu euerm Plaisir…“

Das mochten auch die Nichtschwaben.

Danach schnell heim und umgezogen. Der Lippenstift, der die Nase rot angemalt hatte, hat einen Ausschlag dahin gezaubert; die Nase war originalrot und geschwollen, und ich brauchte viel Creme und Schminke, um das zu übertünchen. Das sind so die Details, mit denen man nie rechnet. Schnell noch den Schminktopf in die Handtasche gepackt. Um zwei trafen sich die Cops zu Lagebesprechung, letzter Probe und zum Einsatz.  Ich watete durch ein Meer von Scherben und leeren Flaschen zum alten Kaufhaus.

Der Schmotzige abends in den Sälen und Wirtschaften – das ist schon ein rechtes Spektakel, im positiven Sinn, ein Stadtfest der besonderen Art.

So was kann mich schon mal erschlagen mit Eindrücken.

Jetzt kenne ich also beide Seiten. Die letzten Jahre war ich zusammen mit den geliebten ´Vielen Damen´ mal hier mal da im Publikum, mottogekleidet. Als schwarze Witwen waren wir nicht die liebreizendsten – das waren wir als Stewardessen – aber die attraktivsten, fand ich. Seit ich einmal als Putzfrau mit Piratinnen unterwegs war, achte ich auf stimmige Mottobekleidung. (Damals hat eine Freundin den Mann ihres Lebens kennengelernt, zum Heiraten jedenfalls hat´s gereicht).

Dies Umherziehen mit Gruppe war neu. Vor vielen vielen Jahren mal, da war ich als Lambada-Tänzerin im Backgrounddabei. Ich hatte mich damals mit tubenweise Selbstbräunungscreme eingeschmiert und habe noch lange nach der Fasnet ausgesehen wie gerade von den Malediven zurückgekehrt.

(Bei der Wiederholung solcher Cremegeschmiergeschichten innerhalb von zwei Absätzen fällt mir auf, dass ich über meinen Gebrauch von Kosmetika nachdenken sollte).

Polizistin war ich ebenfalls noch nie. Gefiel mir nicht schlecht. Und tatsächlich ist es ganz naheliegend, die uniformelle Autorität auszunutzen und frischfrommfrei reihum ein paar verbale Knöllchen zu verteilen.

In jeder Lokalität war´s anders, jede hatte ihre ganz eigene Stimmung, in jeder wurde an anderer Stelle gelacht, frei, bedenklich, mit schmalen Lippen, oder auch mal gar nicht, und Verse, denen ich das gar nicht zugetraut hätte, erweckten mitunter ein Raunen. Eine ganze Stadt an- und besingen und ihr zusammen gedichtete Verse entgegen schmettern, ´vegan und spaßfrei´, und im Zweifel völlig losgelöst von der Realität, das ist schon ein mega Spaß.

After hour im Schwarzen Lamm. Ich war so voll Eindrücken, dass nichts mehr hineinpasste und es noch nicht mal für smalltalk reichte. Canale grande ohne Betrunkensein. Beim Tanzen ist man aufgeräumt. Bis auch dazu die Energie fehlt. Dann kann man sich festhalten am Tresen, und damit ist man nie allein. Immer gibt es wen, der oder die sich noch mehr festhalten muss, aus ganz eigenen Gründen. So ziehen Stunden dahin, mit Tanzen und Festhalten, und Gesprächen, an die sich eine Stunde später keiner mehr erinnert, und einer Pause auf dem Sofa. Bis zum Frühstück im Café Herz, wo sich die ganze Einsatztruppe sammelte bei Kaffee und Brezeln. Lagebesprechung. Manche gingen heim, andere auf ein letztes Glas Homebrewn zurück ins Lamm. Ich auch. Tresenhanging, das aber ziemlich souverän. Hinter uns zog unentwegt  ein Typ durch mit einer Art Bauchladen-Mischpult und ließ in Dauerschleife Demis Roussos laufen, „Good bye my love good bye“. Um diese Stunde nimmt man so was ungerührt zur Kenntnis.

Um zehn war ich daheim, schlief etwas, und verbrachte den Nachmittag dann zusammen mit dem Kater, (das Felltier auf vier Pfoten), am offenen Wohnzimmerfenster, von der Sonne beschienen, von Vögeln bezwitschert, und von Trompeten beschallt, die vom Narrenmarsch nur jeden dritten Ton fanden.  Im Laufe des frühen Abends mehrten sich Nachrichten, wonach ein Copkollege von der Familie als vermisst gemeldet wurde. Zuletzt gesehen worden war er nachmittags im Lamm. Anderntags meldete er sich wohlbehalten zurück zum Dienst; er habe bis in die Nacht hinein im Russ versucht den Bären einzufangen, der da los war, und dabei leider seine Muttersprache verloren. Es freute mich sehr zu erfahren, dass sie mittlerweile wieder aufgetaucht war.

Am Samstag mussten alle Vorbereitungen zugleich geschehen, die Bajasse bügeln, Kleidle holen und richten, mehr Süßis kaufen und Gulasch kochen, den Bollerwagen schmücken, das Gästebett richten. Ich war froh um Hilfe. Man kennt sich aus Kindertagen, schon die Eltern haben zusammen gefeiert, sein Opa hat Mutters Schantle genäht. Ein Mann, der bügeln kann und gute Suppen zu schätzen weiß. So ergab es sich ganz im Fluß, dass man von dieser Fasnet viel miteinander verbringen würde. Als Schneiderenkel hatte er ein paar gute Tricks auf Lager, wie die letzten Federn geschwind an den Hannes kamen, und so war am Abend tatsächlich alles fertig, und ich lud ein auf ein Feierabendschorle in einem Besen seiner Wahl; wir gingen zu den Suppen. Es kann kein Zufall sein, dass ausgerechnet dahin auch die Nudeln kamen – eine Gruppe junger Frauen, verkleidet als Nudeln – Farfalle – überdimensional aus Moosgummi geformt  und umgehängt. Ich sprach sie an und bewunderte auch den Kopfschmuck – Pesto bei der einen, Tomate bei der anderen, und ich stelle mir frutti di mare vor und spinaci-mozzarella. Großartig.

Sonntag früh die Kinder geholt. Zum Bajassumzug ging auch der Opa nochmal mit. Das macht er wie ein Junger, echt cool. Man traf sich zum Schminken bei uns, einer konnte aus familiären Gründen nicht mit, also wurden spontan Bajasse getauscht, außerdem suchten Halskrausen ihren Besitzer und Wedel ihren Duft. Wem welches Sektglas gehört war schnell unerheblich. Ein Foto, dann endlich vor zum Tor.

Bajassnarren ist ein bisschen wie Tanzen, so leicht und beschwingt. Der Sultan in unserer Runde verwies darauf, ein Sultan müsse großzügig sein, und so waren seine zwei Flaschen ´Geist des Ostens´ bereits am Spital unten leer und er kehrte heim in seinen Palast. Wir Bajasse bemühten uns, es an Großzügigkeit ebenfalls nicht fehlen zu lassen und verteilten Clownweiß und Bonbons in alle Richtungen. es ist wie tanzen, und es macht genauso müde. Am Friedrichsplatz Pommes zur Stärkung, kurzes Sitzen am Bordstein, und dann eine sterneverdächtige Suppe in einer privaten Narrenstube.

Und dann geht´s Schlag auf Schlag. Ein Mal kurz die Augen zugemacht und schon ist´s Montagmorgen acht Uhr.

Narren ist immer anders. Immer neu.

Ich weiß jetzt einen guten Grund, weshalb es miiindestens genau so schön ist, Fremden aufzusagen: sie lachen bei der Pointe genauso, und sie haben niemanden zum Erkennen. Jedes Mal denke ich „SO erkennt mich aber keiner!“ Mistbimbam. Einer schafft es halt doch immer. Wenn nicht mehr. Die Dunkelziffer ist da nicht abzuschätzen.

Ein Besuch bei der Narrenmutter. Dann war erstmal gut. Runter mit allem und in Zivil als Sheriff, Prinzessin und Zigeunerin in die obere Hauptstrasse. Bei solchem Wetter ist das ein wunderbares Fest. Die Kinder lieben das Umherstromern und Singen. Trotzdem war da eine neue Scheu, die meine Unterstützung verlangte. Oder war´s nur das Bedürfnis nach Mamanähe. Egal. ´Narro kugelrund´ verlernt man ja nicht. Eine Gruppe Narren baute  sich vor uns auf wie die Jury bei ´Voice of Germany´ und hat uns richtig schaffen lassen, nochmal von vorne und noch lauter, und nochmal und noch mehr, und wenn so ein halbes Dutzend Narrenwürste es verlangt – was will man tun – wir gaben alles. Das waren hart verdiente Guzle. Wir sangen vor schönen Uralten, die aussahen, als hätten sie schon im Kaiserreich schnupfen lassen, und vor ganz kleinen, die grad so den Korb halten konnten, und so gekonnt singen ließen und die Hand hoben, dass es ans Herz rührte. Die Kinder trafen einen alten Freund in Uniform und waren davon so begeistert, dass sie hernach auch ohne mich mit Inbrunst loszogen. Der Bettelnarr war unterwegs, und meine kleine Tochter gab ihm von ihrer Beute ab. Und das gefiel ihr so gut, dass sie fortan sang und verteilte und singen ließ und verteilte, und alles mischte, eine kleine Prinzessin war, die sich bewegte wie ein Narrole und singen ließ und mitsang und Bonbons schenkte.

Abends eine kleine Runde im Esszimmer zu ein paar immer wieder letzten Gläsern, Fasnet ohne Trubel und ein spontanes Vesper, das die Tochter brachte, weil sie eh Hilfe brauchte mit der Salami. Ein Blick aus dem Fenster. Die Stadtmusikanten spielten auf. In der Strasse wurde geschunkelt und getanzt. Und bei uns wurden wieder Kleidle hin und her gekarrt. Neuer Tag, neue Narren.

Den Dienstag ließen wir geruhsamer angehen und kamen erst spät an den Friedrichsplatz. Es war kalt und klamm, aber Singen geht immer – so wird schnell der Beutel voll. Im Kinderbesen dann family affairs,  die Kinder spielten in der Ecke und waren zufrieden mit Waffeln und Apfelschorle, bei den Großen wurde ein Faß aufgemacht ´was läuft wie und wieso und wie ginge es besser. Und  wer sagt hü und wer hott´.  

Ich stieg aus. „Das kann ich nicht“. Das stimmte. Völlig überfordert. Das war too much, auf jeden Fall für diesen Tag.

Zum Mittag sollten Oma und Opa zum Gulaschessen kommen, aber dann kam der Opa alleine, die Oma habe nicht gewollt. Waaas? Kann nicht sein!

Sie weiß das allererste Narren noch und wem sie was aufgesagt hat. Das ist vierzig Jahre her. Dass jedes Jahr Fasnet ist und sie, solange es noch geht, dazu will, vergisst sie dagegen leicht. Aber ich weiß, wie ich sie an dieser Stelle kitzeln kann.

Als ich dort ins Haus ging und rief „Taxi! Die Spätzle sind schon im Wasser und der Sekt ist kalt gestellt, der Sprung fängt bald an“ stand sie auf und hatte schon die Schuhe an. In dem Alter fahren die Kräfte mitunter Achterbahn, kommen und verschwinden wie es ihnen gerade einfällt, aber man kann sie auch am Wickel packen und ihnen ein Schnippchen schlagen.

Sie kam mit, überzeugt davon, nie etwas anderes im Sinn gehabt zu haben, aß mit Appetit und sah dann den Sprung von einem Fenster am Friedrichsplatz aus. Sie setzte sich auch mal, dachte zurück und vergoß eine Träne, aber sie fing sich wieder und stand auf und kam ans Fenster.

Bajasse warfen Bonbons hoch und machten Zielübungen, da musste der Große runter und es ihnen nachtun, und bald flogen uns die Bonbons nur so um die Ohren. Er fragte nach einer kurzen, ruhigen Runde über den Bockshof, der zum Rüberspucken nah war, Dort war der Narrensprung ein fernes Klingen, und wir sortieren die Lage und träumen uns in Häuser. Wir kamen gerade rechtzeitig zum Abschluss zurück und sahen von oben wie von einer Tribüne  die Kapellen noch einmal gemeinsam aufspielen. Schön war das.

Dann brachte ich die Eltern nach Haus und die Kinder nach Hausen zum Spaghettikehraus im Adler, kam zum letzten, verregneten Narrenmarsch zurück ans Rathaus und verfolgte später, wie die Rössle heim getrieben werden. Das war toll. Das war mir neu, wie mir überhaupt dies ganze Rössletreiben bislang recht verborgen geblieben war. Später landeten wir wieder im Nudel-Suppen-Besen. Da war ich baff. So muss es am Ballermann sein. Die Texte sind nicht zum Wiedergeben. Ich klebte am Tresen und war einigermaßen erschüttert. Ein Gefühl wie bei Gerhard Polt in ´Kehraus´ erfüllte mich. Ich war durchaus nicht blau, kein bisschen, aber viel zu belämmert, um die ganze Dimension dieses Dramas zu erfassen. Das ganze Elend des Daseins johlte sich mir freudetrunken ins Hirn. Krass. Megakrass. Nach einem Schorle hatte ich genug.

Ein letztes letztes Glas in der Kanne. Das Gespräch war müde. Am Fenster ein paar ältere Herren im Bauernkittel, die einander frauenfeindliche Witze erzählten. Und ich wäre  gerne treffsicherer Oberndorfer Schantle gewesen mit einem Korb voll saftiger Orangen.

Ich ging aufs Klo, und obwohl nicht zum ersten Mal in diesem Haus fand ich es nicht. Ein freundlicher Küchenmitarbeiter, oder der Koch, ich weiß es nicht, wies mir den Weg. Auf dem Rückweg machte ich mich bemerkbar, „zahlen bitte!“; man war schon am Aufräumen.

Der Heimweg war zum Glück überschaubar. Ich fiel in den Sessel und bewegte mich lange nicht mehr. Geschafft.

Jetzt geht’s wieder.

Mein Narrentag

Ein ähnlich betitelter Text existierte bereits im Dezember. Und dann gefiel er mir nicht mehr. Für manche Witze und Blickwinkel muss man sich gut kennen, sonst tritt man auf Schlipse. Und die darf man irgendwann in diesen aktuellen Tagen anscheinend reihenweise abschneiden, darauf treten aber sollte man nicht. Will ich auch nicht. „Jedem zur Freude, niemand zum Leid“ darf von mir aus gerne generell, immer und für alle Motto sein.  Ich bin sowieso für ein bisschen mehr Narrertei auch unterm Jahr. Ausserdem ist Vorsicht die Mutter der Porzellankiste, und das gilt auch und gerade für Elefanten.

Ich hatte im Dezember Überlingen besucht. Um den Weihnachtsmarkt war es gegangen, den ich schräg fand.  Um das coole Kino, das selbst dann cool ist, wenn gar kein Film läuft. Um die Freundlichkeit aller. Um den See, um den ich Überlingen glühend beneide. Um den Vollmond über See und Stadt, was wie gemalt aussah. Überhaupt um die schöne Stadt und um den Kirchturm vor dem Giebelfenster, der aussah wie ein Leuchtturm, und zum ersten Mal fiel mir auf, dass das ja eventuell und überhaupt Gott weiß wie zusammenhängen könnte – von wegen ´ in der Not´ und so. Die hatte ich freilich nicht. Der Wein damals hätte besser sein können, aber das schwitzt sich raus – die Überlingentherme können mich mit so ziemlich allem versöhnen. Es war ein echt schöner Ausflug gewesen.

Ich war mir sicher gewesen, zum Narrentag nicht gehen zu können und hatte meinen eigenen deshalb also damit vorgezogen angesehen. Und dann hat es doch geklappt. Und in Überlingen wollte ich nachholen, was ich am Narrentag 2017 in  Rottweil nicht gekonnt hatte – auf den Wackel gehen  mit meiner Gästin, die ich an jenen Tagen beherbergt hatte. Die Rottweiler Stadtverwaltung hatte damals gebeten, privat Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. Und so kam eben sie samt Freundin in unser Haus, sowie ein Hänsel aus Überlingen. Eben jener, bei dem also nun  ich heuer eine Bleibe bekam. Kurz zuvor hatte der mich mit einem Wahlspruch irritiert, in dem es um Hechte und ihre Lebensgewohnheiten ging, vor allem in Bezug um das Zusammenkommen mit anderen Fischarten. Wahrscheinlich muss man am See aufgewachsen sein, um das zu verstehen. Ich befand es für besser, mich nicht weiter dafür zu interessieren. Der Hänsel und seine Frau erwiesen sich jedenfalls als überaus charmante Gastgeber. Und noch im Nachhinein freue ich mich über den kleinen mitgebrachten Federahannes, der jetzt also in Überlingen neben einem Hänsel unter einem zum Narrenbaum gewordenen Christbaum steht.  

Wir gingen zum Bus, der eine kam nicht, der andre war voll, und also liefen wir weiter zum Shuttle und vertrieben uns Wartezeit  und Fahrt mit drei Federahannes aus Dietingen. Und ohne mein Zutun kam die Rede auf ´Bollahannes´, ein bis dato von mir nicht gekannter Begriff für  Frauen im Federahannes. Holà. Ich fühle mich in solchen Momenten immer ein wenig aus der Zeit gefallen, als müsste ich 100 Jahre nach der Einführung noch das Frauenwahlrecht verteidigen (auch das gab es schon). JA – Frauen narren im Hannes, und JA, das sieht man manchmal auch. Ich fragte freundlichst, was denn daran so stört, gewillt, die Antwort nicht zu wichtig zu nehmen. Am Ende macht es eh jede/r, wie er´s will. Und  in diesen Belangen ist die Rottweiler Zunft offenbar mitunter toleranter als ihre Narren. Solange also keiner mit dem Maßband am Tor steht, soll es schnuppe sein.  Es folgte ein Parfümtest. (Die Kalbsschwänze an den Steckenenden des Federahannes sind parfümiert). Manchmal können halt nicht beide gleich gut sein, manchmal ist eins besser. „Am Hals gerochen sei das ganz bestimmt anders!“ . Zu einer Überprüfung kam es nicht, auch weil Schuttig in den Bus stiegen, mit Saubloddern, die aussahen, als wären sie noch warm, und die so infernalisch stanken, dass ich auf meine Nase auch gerne mal verzichtet hätte. Lustig war´s trotzdem. Und außerdem nicht weit.  Ich passierte das Weinhaus Renker, das war in der langen Liste der Empfehlungen, die ich nach meiner Frage nach netten Lokalen auf fb erhalten hatte, gleich mehrmals erwähnt.  Und wirklich wirkte es ganz so, wie man sich ein Weinlokal an der Fasnet vorstellt – eine Kapelle und singende, schunkelnde Gäste, und eine volle Bude, an der alles am Platz und irgendwie aufgeräumt ist. Und eine 1a Toilette. In der Stadt standen Zuschauer in Fünferreihen. Meine Freundin stand irgendwo, und sie hatte auch meinen Elefanten dabei, aber  es bestand eh keine Chance auf ein Durchkommen.   Ich kletterte auf einen Müllverschlag und wollte erst einmal zusehen.  Die Orangen verliehen dem Oberndorfer Schantle eine ziemlich fokussierte Aufmerksamkeit. Meine Müllverschlagsnachbarn und ich waren bald ganz Auge um sie heranfliegen zu sehen. Brezeln sind halt doch weicher, und sie hauen auch nicht vom Sockel. Ihrer Großzügigkeit machten die Oberndorfer alle Ehre. (Trotzdem will ich nicht unerwähnt lassen, dass ich später an einem Vater mit Kind vorbeilief und aufschnappte, wie das Kind sagte „am besten haben mir die Rottweiler gefallen. Da gab´s die meisten Bonbons.“ Dies nebenbei zur Ehrrettung der Rottweiler, denen man auch schon Sparsamkeit in diesen Dingen nachgesagt hat). In Ermangelung eines Porzellanladens schlug meine Freundin vor sich in der Stangenbar zu treffen, was ich adrett fand. Im Rottweiler Lido war ich zum ersten Mal, als es eben an einer Fasnet zum ´Stangenhannes´ geworden war, und so hatte ich einen mir bislang fremden Ort entdeckt, an den auch frau gut und gern gehen kann. Der Weg zur Stangenbar gestaltete sich indes alles andere als einfach. Ich lief erst zum Franziskanertor, da wurde zu Walzer geschunkelt, die Gesichter und alles waren in rotes Licht getaucht. Das hatte eine ergreifende Stimmung. Weiter  aussenrum, das Tor von oben. Da stand ich auf einer Treppe,  die Hänsel schnellten, die Musik spielte, das Spektakel ist wunderschön. Neben mir feierten etliche Junge, die abgesehen davon, dass sie zum Teil die Flaschen fallen ließen, wo sie grad standen, ihre eigene Musik dabei hatten und diese dem Treiben des Umzugs vorzogen. Und kurz fragte ich mich, ob es dann nicht sinnvoller wäre, überhaupt eine eigene Party an einem anderen Ort zu feiern, so dass die zwei Musiken sich nicht so gruslig überlappen müssten.  Aber egal.  Im Zweifel immer für Großmut und Gemeinsamkeit. Dann dreht halt auf. Auch hier kein Durchkommen zur Stangenbar. Von mir aus hätt´s auch ein leichter zugänglicher Besen sein können.  Also weiter.  Den Berg hinauf, an einer alten Mauer entlang, Schnellen und  Musik klangen gedämpft und es wurde duster. Eine Ahnung Mittelalter flog mich an. Zwei Schuttig kamen mir entgegen.  Mir gefällt, dass sie die Larven immer unten haben. Immer. Noch nie habe ich das Gesicht eines Schuttig gesehen. Das ist in Rottweil anders, wo sich die meisten zwar daran halten, wenigstens im Stadtkern auf der Hauptstrasse die Larven nicht zu heben, es mit dem ersten Schritt in die Seitenstrasse aber sofort anders halten. Und im selben Augenblick ist der Zauber weg.  Der Verlauf des  Dialoges mit den Schuttig  lässt sich unschwer erahnen. Wohin des Wegs. Stangenbar.  Wir trinken einen. Wer braucht schon eine Stange. Andere Verabredung gibt es nicht. Feuer und Glut,…uswusf. Ein Hu-hu-hu, und jeder zog seines Weges, wir waren schließlich nicht zum Spaß da. Ich kam zu den Schuttig wo sie sich sammelten. Die Fackeln ließen die Häuser tanzen. Als ob Dämonen spukten. Und das war absolut  schauderhaft und zwar  in bestem Sinn – ein großartiger Schauder!  Ich schloss mich ein paar Zunfthonoratioren an, die, so nehme ich das jetzt zumindest an,  in allen Zünften an einer Art Wadelkappe zu erkennen sind, und schlängelte mich mit ihnen an Schuttig und Publikum vorbei und  endlich hinab zur Stangenbar. Es war kurz vor neun. Ich war pünktlich und jetzt doch  entzückt über den Treffpunkt. Ich war viel unterwegs gewesen und hatte die halbe Stadt umrundet,  aber doch richtig viel gesehen. Meine Freundin kam mit Freund, beides Elefanten, und ich bekam den meinen. War nicht ganz einfach ihn mir aufs Haupt zu drapieren. Ein Bauernkittel wäre sicher bequemer und tanzfreudiger gewesen.  Aber das habe ich keinen und will auch keinen, und sowieso wollte der Elefant in mir auch mal raus. Ein erster Sekt, jeder brachte jeden auf den neuesten Stand, ein paar Besen auf dem Weg. Im Hafen trommelte eine Frauencombo in roten Jacken. Die Elefantenherde stampfte begeistert im Takt. Weiter aufs Schiff. Da traf ich eine Freundin seit Rottweiler Kindertagen. Wir haben einander schon sehr nahe gestanden, uns jetzt aber ewig nicht gesehen. „Mein ganzen Leben träume ich davon, nach Überlingen zu fahren, auf einem Schiff zu tanzen und dabei dich zu treffen!“ lachte ich, und wir fielen einander in die Arme, und ich hatte das Gefühl, es stimmte. Ein paar Neuigkeiten ausgetauscht. Und weiter. Im Galgenhölzle  abgefahren eng.  Im hinteren Bereich war etwas Luft, aber um zum Beispiel aufs Klo zu gehen, musste man durch den ganzen Laden. Enger geht´s nicht mehr, was so schlimm aber nicht war, alle hatten ein so flirtbereites Strahlen im Gesicht, eine Zugewandtheit, die entschlossen schien, es für heute gut sein zu lassen, und mehr braucht es auch nicht, und es verblüfft, aber tatsächlich klingt, was unterm Jahr nur Kopfschütteln auslöst, in dieser Szenerie absolut adäquat. Ein Lachen links, ein Schäkern rechts, ein leichtes ´später´, das unausgesprochen ´nie´ heißt. Ich musste wohin, ich hatte eine Mission und ich wollte auch zurück zu meinen Elefanten.  Ein Kapitän und ein Matrose, der aussah wie Popeye tanzten mit zwei schmucken Hafenmädel. Die Kellnerin bugsierte die Drinks drum herum ohne irgendwas zu verschütten. Es wurde bedient!  Fand ich Hammer. Ich ziehe den Hut. Eine letzte Runde, ´Tschüß´ und ´wir sehen uns wieder´, und der Heimweg am See entlang.  Der Dunst überm Wasser verschluckte die Geräusche, und Baumgerippe lösten sich im Nebel auf; es wurde langsam leise und dunkler.  In Nussdorf  war der Spuk vorbei.

Überlingen, das war toll.

Allen eine glückselige Fasnet

Huhuhu

Ich bekenne. Ich habe es auch getan.

Ich habe original Rottweiler Kleidle nicht originalen Rottweilern ausgeliehen, mehrmals. Und ich bereue nicht.

Beim einen ist es viele Jahre her, und der wohnt heute in just dem Haus, in das wir damals gingen zum Aufsagen. Der, kann man sagen, ist heute Rottweiler.  Einer Frau aus dem Badischen habe ich Mutters Schantle ausgeliehen; die Frau ist ihrer alten Heimat nach wie vor eng verbunden, aber die Tochter wächst in Rottweil auf und wollte so gerne mal – aber nur mit Mama.  Und dann ein Verwandter. Das entzieht sich meiner Zuständigkeit, aber ich würd es auch nicht  streitig machen. Wegen des familiären Friedens, und weil ich nicht so pienzig sein will. Der hat enge familiäre Beziehungen nach Rottweil, hat indes nie selbst in Rottweil gelebt. Trotzdem erlebte er eine original schwäbisch-alemannische Fasnet aus mehr als nur dem Zuschauerblickwinkel und erfuhr die Magie, die sich unter der Larve entfaltet. Und ich stelle mir vor, die festigt nicht nur  familiäre Bande, die nimmt er mit, wird Botschafter eben dieser Magie und trägt sie hinaus, auf dass sie auch in der Ferne blüht.

Was will man mehr?

Ich würde das keinen Bruch eines Brauchtums nennen, und auch keinen Ausverkauf eines Kulturguts, sondern Integration und Weltoffenheit.  Die Fasnet gehört nach Rottweil, gehören tut sie niemandem. Gehören tut sie sich selbst. Und sie macht mir nicht den Eindruck, als täte sie sich sonderlich schwer damit, sich je nach Lage der Dinge anzupassen.

Meine Eltern kamen in den später 60ern hierher, ich war eineinhalb Jahre alt.  Als meine Mutter in den fortgeschrittenen 70ern das erste Kleidle, einen wunderschönen Schantle,  zur Zulassung anmeldete, wurde sie von etlichen Bekannten angefeindet, das stehe ihr nicht zu.  Dem Schantle folgten andere, wenigstens zwei Kleidle wurden in der Zeit gekauft, in der diese mehr oder weniger meistbietend versteigert wurden. So kam das Gschell ins Haus. Es war sündhaft teuer, aber das Glück war groß. Ich sehe meinen Bruder noch, wie er von der Schule heimkam, den Wäschekorb im Flur sah, auf die Knie ging und es heraus und glückselig in Arm nahm. Sein Jubel durchdrang das ganze Haus. Im ersten Jahr ging er zum Abstempeln mit den Riemenverschlüssen auf dem Rücken. Vor dem Klo des Café Lehre hat eine Freundin den Faux-pas korrigiert. Gschellnarr mit Leib und Seele war er trotzdem.

In Rottweil Aufwachsen ist mit Fasnet aufwachsen. Wenn´s Heimat sein soll. Um diesen derzeit etwas determinierten Begriff zu verwenden. Ich finde es ein gutes Gefühl – Heimat. Selbst in der Fremde bewegt man sich sicherer, wenn man im Herzen diese Wurzeln hat. So habe ich das zumindest erfahren. Für Rottweiler ist die Fasnet identitätsstiftend und wurzelbildend. Aber wer bestimmt, wer sich als Rottweiler fühlen darf und wer nicht? Es gibt Rottweiler mit Stammbaum bis ins 15. Jahrhundert, und Zugezogene, alte und neue, Teilzeitrottweiler und Temporärrottweiler, innerstädtische und auswärtige, und ich behaupte, jedem steht es frei, sich dieser Stadt verbunden zu fühlen, so wie es ihm gut tut. Wer sagt, er ist ein Berliner, ist ein Berliner. Wer sagt, er ist Rottweiler, ist Rottweiler. So einfach sehe ich das.

Ich verstehe, dass man Tradition bewahren will und muss und jeder Wandel Fragen aufwirft. Ich verstehe, dass es mitunter neue Regeln brauchen kann, damit die Tradition nicht auseinanderfällt. Aber vielleicht ließe sich nicht nur das Bewahren, sondern  auch der Wandel wohlwollend denken. Die schiere Menge der Narren ist jedes Jahr aufs Neue Thema. Die Narren werden mehr, die Zuschauer weniger, und der Sprung hat bisweilen eine Länge, die schwer zu lenken ist. Und jedes Jahr werden mit Grusel und Schauder in der Stimme Geschichten erzählt, oder kolportiert, von Narren, die nach dem Beginn des ´Umzugs´ fragen, und keine Ahnung haben, was gemeint ist mit der Mahnung, während des Sprungs in jedem Fall die Larve unten zu lassen. Und manche können nicht mal Schwäbisch. Man stelle sich vor.

Ungeheuerlich?

Ich meine nicht.

Abgesehen davon, dass ich manche Geschichten für übertrieben halte, finde ich vieles auch nicht so schlimm. Die Welt ist heute eine andere als die vor 50 Jahren. Auch im Ländle spürt man die Folgen von Völkerwanderungen und zunehmender Mobilität. Rottweil ist Ausflugsort und lädt Touristen zu sich ein. Das verlangt der Stadt etwas Offenheit ab. Wer selbst schon gereist ist, weiß, wie großartig und inspirierend es ist, wenn man als Tourist nicht nur Zaungast bleibt, sondern teilhaben darf, wenn eine Tür zu einer anderen Kultur sich so öffnet, dass die sich hautnah erfahren lässt. Manch einem Gast will es eventuell nicht genügen, nur die Bonbons aus dem Rinnstein zu klauben und teures Geld für Souvenirs und mittelmäßige  Schorle auszugeben. Manch einer will erleben.

Und wie die Welt heute eine andere ist, so verändert sich halt auch die Fasnet. Herrje. Dann IST der Sprung halt lang. Dann wird auch mal hochdeutsch gejuchzt. Das hält sie aus, die Fasnet, da bin ich sicher. Sie hat schon sehr viel ausgehalten und sehr viele Gesichter gehabt. Tradition bewahren heißt nicht zwangsläufig einen Status-quo einfrieren zu müssen.

Früher durften Frauen nicht narren. Heute undenkbar. Weitestgehend. Von der Unmöglichkeit, als Frau auch mal Treiber im Rössle zu sein oder der ewigen Stammtischdiskussion, wieviel Oberweite als Federahannes noch schicklich ist mal abgesehen. Reichlich schräg! Wovor hat man denn da Angst? Was muss man denn da schützen? Dass die Fasnet einer anderen Zeitrechnung unterliegt, mag wohl sein. Aber in ihre Zeit passen darf sie schon.

Obwohl es ja noch Zünfte gibt, in denen Frauen nach wie vor als Narr verboten sind. Da schlucke ich und staune. Wenn ich mich zum Beispiel an die Schuttig erinnere, die sich 2017 abends vor dem Schwarzen Tor versammelten und zum (geringen) Teil so sturzbesoffen waren, dass sie am eigenen Kleidle hinabkotzten und den Platz in der Reihe nur mit Mühe und viel Unterstützung fanden, dann stelle ich mir vor, wäre so ein intergeschlechtliches Korrektiv vielleicht gar nicht so übel.

Nichts gegen Schuttig –sie sind toll!

Ich find´s nur komisch, dass alles, was an Narrentypen irgendetwas Wildes, Ungestümes, Triebhaftes an sich hat, Männern vorbehalten ist, sei es bei den Hänseln, den Schuttig, den Treibern, und eben den Federahannes, die zwar weiblich sein dürfen, aber bitte nicht zu offensichtlich. Versteh ich nicht. Wieso? Weil das früher so war? Früher war der Schantle im Anzug und mit Besen unterwegs. Ist er heute nicht mehr. Offenbar verändern auch Narrentypen sich und gewinnen Facetten hinzu. Ich empfinde das gerade NICHT als Verfall der Sitten sondern als Bereicherung.

Mein Verwandter kann zwar durchaus schwäbisch, aber das Auswärtige hört man. Er ist trotzdem ein toller Federahannes. Er springt toll, und er flirtet sehr charmant mit dem Publikum. Es gebe zu viele Federahannes, heißt es. Und das mag stimmen. Aber auch das ist kein Drama. Flirtende Federahannes sind noch lange nicht das Schlechteste.  Und wenn ein Gschell, Biß oder Fransenkleidle, oder Schantle, narrt, und kaum ein Rottweiler Gesicht und niemanden in den Zuschauerreihen kennt, aber einen netten Spruch drauf hat und wahllos und zufällig ausgewählt schnupfen lässt – die Chance, dass ein Fremder so auch mal zum Zug kommt, ist groß. Und was wäre dann Schlimmes passiert?

Der Sprung ist länger. Aber es haben auch mehr Leute Freude dran. So what.

Ich will nicht einem endlos ausufernden Sprung das Wort reden. Aber ich finde dies Jammern und Klagen und den Teufel an die Wand malen übertrieben.  Die Fasnet ist noch immer sehr schön, auch wenn sie sich verändert hat.

Mein Verwandter ist jetzt ein junger Mann, und irgendwann wird er vielleicht nicht mehr kommen. Aber wer weiß, vergessen wird er die Fasnet in Rottweil nicht, und in zwanzig Jahren hat er vielleicht Jahrgangstreffen und die Frage steht an, was man tut, und er organisiert den Bus nach Rottweil, mit Führung und Turm und Kuchen im Schädle. Es ist nicht unbedingt  schlimm, wenn auch Auswärtige eine Bindung zur Stadt bekommen.

Bei aller verständlichen Sorge um Brauchtum  und Wandel – ich kann diesen Geist des krampfhaften und/oder reflexartigen Draussenhalten-wollens einfach nicht besonders leiden. Meine Horrorgeschichten sind andere. Ich habe von Leuten gehört, die sich mehr oder weniger mit Stammbaum und Lebenslauf um ein Kleidle bewarben – und es am Ende doch nicht bekamen. Andere hatten mehr Glück, mussten das erhaltene Kleidle aber im Schutz der Dunkelheit zu später Stunde abholen und versprechen, absolutes Stillschweigen zu bewahren.

Ich habe auch keinen Rottweiler Stammbaum. Und wir hatten keine Kinderkleidle, sondern haben uns als Narrensamen stoisch und tapfer Füße und Finger abgefroren. Und unsere Larven stauben wir jedes Jahr selbst ab. Hab ich überhaupt kein Ding damit.

Und jetzt steht also wieder die Frage im Raum, wer wann in welchem Kleidle.

Für die Großen ist gesorgt. Aber das mit dem Narrensamen ist anders geworden. Kinder wachsen heute praktisch ins Kleidle hinein. Für den Buben haben wir einen Federahannes machen lassen; darauf sind wir stolz wie Bolle; er ist jetzt im zweiten Jahr mit Plakette und Fug und Recht dabei. Das Mädel will dies Jahr auch. Sie singt zwar mit Begeisterung und nicht nachlassender Energie ´Narro kugelrund´ und ´Ohjerum´ und hat das auch dieses Jahr wieder vor, sie liebt Bonbons, aber wenigstens ein Mal will sie dabei sein.  Für sie fehlt noch ein Kleidle. Sie ist sechs und einen starken Meter groß. Und ich meine, sie ist ein Fransenkleidle. Außerdem will das Mädchen mit der badischen Mutter wieder; diesmal getraut sie sich ohne Mama. Sie ist ca. 1,50 groß und war letztes Jahr mit großer Freude ein kleines Gschell. Wir freuen uns über Angebote. Wir leihen auch inkognito. Übergabe wenn gewünscht auf einem Autobahnparkplatz, wenn´s sein muss Sonntagmorgens um sechs, da ist garantiert keiner.  

Sorry. Kleiner Scherz 🙂

In diesem Sinne – allseits eine glückselige Fasnet – Huhuhu.