Wie die alt Fasnet, so kommt´s daher

Eine Woche seit Aschermittwoch. Die Kleidle sind noch nicht wieder alle beisammen, und das Leergut türmt sich im Trolley. Aber der Kopf ist wieder klar, die Füße haben Bodenhaftung, und das Fahrrad ist umdekoriert. Die Vorräte sind weitestgehend aufgebraucht. Und das ist freilich noch ein Problem – wie es aussieht, gibt es die nächsten Wochen keine Spaghetti und keine passierten Tomaten mehr zu kaufen, und Mehl ist auch Mangelware. Ich habe überhaupt keine Angst vor Corona und keinen Drang für Hamsterkäufe. Aber echt – die nächsten Nudeln und Tomatenkonserven, die ich entdecke, sind meine, und Mehl wird gekauft ob ich gerade backen will oder nicht. Hamsterkaufen ist ansteckend, ansteckender als Corona, wie´s scheint. Das habe ich auch nicht gewusst. Ich weiß wirklich nicht, ob diese Panik sein muss – sie kommt mir recht närrisch vor, ganz ohne Fasnet.

Schön war sie, die Fasnet; vollgestopft mit Eindrücken, und aufgewühlt und aufregend. So was muss ich sortieren. Das kann ich nicht einfach so stehen lassen. Zeit für einen ausgiebigen Rückblick.

Den Schmotzigen im Job begonnen, Donnerstag ist Kochtag auf der Wohngruppe. An diesem Tag mit Verkleidung und einer kleinen Rede.

Jedem Bewohner ein Verslein als Vorspeise. Dann gab es Selbstgekochtes.

…………

„Ihr liabe Leit, des gilt für mih wie für dih,…

lassets Verzweifla und feiret wie ih.

Die Fasnet in Rottweil, die sagt, worum´s goht,

fast jeder Dag hat sei schees, wenn mer´s nu loht.

Jedem zur Freud und niemand zum Leid, so heißt das Brevier.

Drum gibt´s heut Gulasch on Kiachle zu euerm Plaisir…“

Das mochten auch die Nichtschwaben.

Danach schnell heim und umgezogen. Der Lippenstift, der die Nase rot angemalt hatte, hat einen Ausschlag dahin gezaubert; die Nase war originalrot und geschwollen, und ich brauchte viel Creme und Schminke, um das zu übertünchen. Das sind so die Details, mit denen man nie rechnet. Schnell noch den Schminktopf in die Handtasche gepackt. Um zwei trafen sich die Cops zu Lagebesprechung, letzter Probe und zum Einsatz.  Ich watete durch ein Meer von Scherben und leeren Flaschen zum alten Kaufhaus.

Der Schmotzige abends in den Sälen und Wirtschaften – das ist schon ein rechtes Spektakel, im positiven Sinn, ein Stadtfest der besonderen Art.

So was kann mich schon mal erschlagen mit Eindrücken.

Jetzt kenne ich also beide Seiten. Die letzten Jahre war ich zusammen mit den geliebten ´Vielen Damen´ mal hier mal da im Publikum, mottogekleidet. Als schwarze Witwen waren wir nicht die liebreizendsten – das waren wir als Stewardessen – aber die attraktivsten, fand ich. Seit ich einmal als Putzfrau mit Piratinnen unterwegs war, achte ich auf stimmige Mottobekleidung. (Damals hat eine Freundin den Mann ihres Lebens kennengelernt, zum Heiraten jedenfalls hat´s gereicht).

Dies Umherziehen mit Gruppe war neu. Vor vielen vielen Jahren mal, da war ich als Lambada-Tänzerin im Backgrounddabei. Ich hatte mich damals mit tubenweise Selbstbräunungscreme eingeschmiert und habe noch lange nach der Fasnet ausgesehen wie gerade von den Malediven zurückgekehrt.

(Bei der Wiederholung solcher Cremegeschmiergeschichten innerhalb von zwei Absätzen fällt mir auf, dass ich über meinen Gebrauch von Kosmetika nachdenken sollte).

Polizistin war ich ebenfalls noch nie. Gefiel mir nicht schlecht. Und tatsächlich ist es ganz naheliegend, die uniformelle Autorität auszunutzen und frischfrommfrei reihum ein paar verbale Knöllchen zu verteilen.

In jeder Lokalität war´s anders, jede hatte ihre ganz eigene Stimmung, in jeder wurde an anderer Stelle gelacht, frei, bedenklich, mit schmalen Lippen, oder auch mal gar nicht, und Verse, denen ich das gar nicht zugetraut hätte, erweckten mitunter ein Raunen. Eine ganze Stadt an- und besingen und ihr zusammen gedichtete Verse entgegen schmettern, ´vegan und spaßfrei´, und im Zweifel völlig losgelöst von der Realität, das ist schon ein mega Spaß.

After hour im Schwarzen Lamm. Ich war so voll Eindrücken, dass nichts mehr hineinpasste und es noch nicht mal für smalltalk reichte. Canale grande ohne Betrunkensein. Beim Tanzen ist man aufgeräumt. Bis auch dazu die Energie fehlt. Dann kann man sich festhalten am Tresen, und damit ist man nie allein. Immer gibt es wen, der oder die sich noch mehr festhalten muss, aus ganz eigenen Gründen. So ziehen Stunden dahin, mit Tanzen und Festhalten, und Gesprächen, an die sich eine Stunde später keiner mehr erinnert, und einer Pause auf dem Sofa. Bis zum Frühstück im Café Herz, wo sich die ganze Einsatztruppe sammelte bei Kaffee und Brezeln. Lagebesprechung. Manche gingen heim, andere auf ein letztes Glas Homebrewn zurück ins Lamm. Ich auch. Tresenhanging, das aber ziemlich souverän. Hinter uns zog unentwegt  ein Typ durch mit einer Art Bauchladen-Mischpult und ließ in Dauerschleife Demis Roussos laufen, „Good bye my love good bye“. Um diese Stunde nimmt man so was ungerührt zur Kenntnis.

Um zehn war ich daheim, schlief etwas, und verbrachte den Nachmittag dann zusammen mit dem Kater, (das Felltier auf vier Pfoten), am offenen Wohnzimmerfenster, von der Sonne beschienen, von Vögeln bezwitschert, und von Trompeten beschallt, die vom Narrenmarsch nur jeden dritten Ton fanden.  Im Laufe des frühen Abends mehrten sich Nachrichten, wonach ein Copkollege von der Familie als vermisst gemeldet wurde. Zuletzt gesehen worden war er nachmittags im Lamm. Anderntags meldete er sich wohlbehalten zurück zum Dienst; er habe bis in die Nacht hinein im Russ versucht den Bären einzufangen, der da los war, und dabei leider seine Muttersprache verloren. Es freute mich sehr zu erfahren, dass sie mittlerweile wieder aufgetaucht war.

Am Samstag mussten alle Vorbereitungen zugleich geschehen, die Bajasse bügeln, Kleidle holen und richten, mehr Süßis kaufen und Gulasch kochen, den Bollerwagen schmücken, das Gästebett richten. Ich war froh um Hilfe. Man kennt sich aus Kindertagen, schon die Eltern haben zusammen gefeiert, sein Opa hat Mutters Schantle genäht. Ein Mann, der bügeln kann und gute Suppen zu schätzen weiß. So ergab es sich ganz im Fluß, dass man von dieser Fasnet viel miteinander verbringen würde. Als Schneiderenkel hatte er ein paar gute Tricks auf Lager, wie die letzten Federn geschwind an den Hannes kamen, und so war am Abend tatsächlich alles fertig, und ich lud ein auf ein Feierabendschorle in einem Besen seiner Wahl; wir gingen zu den Suppen. Es kann kein Zufall sein, dass ausgerechnet dahin auch die Nudeln kamen – eine Gruppe junger Frauen, verkleidet als Nudeln – Farfalle – überdimensional aus Moosgummi geformt  und umgehängt. Ich sprach sie an und bewunderte auch den Kopfschmuck – Pesto bei der einen, Tomate bei der anderen, und ich stelle mir frutti di mare vor und spinaci-mozzarella. Großartig.

Sonntag früh die Kinder geholt. Zum Bajassumzug ging auch der Opa nochmal mit. Das macht er wie ein Junger, echt cool. Man traf sich zum Schminken bei uns, einer konnte aus familiären Gründen nicht mit, also wurden spontan Bajasse getauscht, außerdem suchten Halskrausen ihren Besitzer und Wedel ihren Duft. Wem welches Sektglas gehört war schnell unerheblich. Ein Foto, dann endlich vor zum Tor.

Bajassnarren ist ein bisschen wie Tanzen, so leicht und beschwingt. Der Sultan in unserer Runde verwies darauf, ein Sultan müsse großzügig sein, und so waren seine zwei Flaschen ´Geist des Ostens´ bereits am Spital unten leer und er kehrte heim in seinen Palast. Wir Bajasse bemühten uns, es an Großzügigkeit ebenfalls nicht fehlen zu lassen und verteilten Clownweiß und Bonbons in alle Richtungen. es ist wie tanzen, und es macht genauso müde. Am Friedrichsplatz Pommes zur Stärkung, kurzes Sitzen am Bordstein, und dann eine sterneverdächtige Suppe in einer privaten Narrenstube.

Und dann geht´s Schlag auf Schlag. Ein Mal kurz die Augen zugemacht und schon ist´s Montagmorgen acht Uhr.

Narren ist immer anders. Immer neu.

Ich weiß jetzt einen guten Grund, weshalb es miiindestens genau so schön ist, Fremden aufzusagen: sie lachen bei der Pointe genauso, und sie haben niemanden zum Erkennen. Jedes Mal denke ich „SO erkennt mich aber keiner!“ Mistbimbam. Einer schafft es halt doch immer. Wenn nicht mehr. Die Dunkelziffer ist da nicht abzuschätzen.

Ein Besuch bei der Narrenmutter. Dann war erstmal gut. Runter mit allem und in Zivil als Sheriff, Prinzessin und Zigeunerin in die obere Hauptstrasse. Bei solchem Wetter ist das ein wunderbares Fest. Die Kinder lieben das Umherstromern und Singen. Trotzdem war da eine neue Scheu, die meine Unterstützung verlangte. Oder war´s nur das Bedürfnis nach Mamanähe. Egal. ´Narro kugelrund´ verlernt man ja nicht. Eine Gruppe Narren baute  sich vor uns auf wie die Jury bei ´Voice of Germany´ und hat uns richtig schaffen lassen, nochmal von vorne und noch lauter, und nochmal und noch mehr, und wenn so ein halbes Dutzend Narrenwürste es verlangt – was will man tun – wir gaben alles. Das waren hart verdiente Guzle. Wir sangen vor schönen Uralten, die aussahen, als hätten sie schon im Kaiserreich schnupfen lassen, und vor ganz kleinen, die grad so den Korb halten konnten, und so gekonnt singen ließen und die Hand hoben, dass es ans Herz rührte. Die Kinder trafen einen alten Freund in Uniform und waren davon so begeistert, dass sie hernach auch ohne mich mit Inbrunst loszogen. Der Bettelnarr war unterwegs, und meine kleine Tochter gab ihm von ihrer Beute ab. Und das gefiel ihr so gut, dass sie fortan sang und verteilte und singen ließ und verteilte, und alles mischte, eine kleine Prinzessin war, die sich bewegte wie ein Narrole und singen ließ und mitsang und Bonbons schenkte.

Abends eine kleine Runde im Esszimmer zu ein paar immer wieder letzten Gläsern, Fasnet ohne Trubel und ein spontanes Vesper, das die Tochter brachte, weil sie eh Hilfe brauchte mit der Salami. Ein Blick aus dem Fenster. Die Stadtmusikanten spielten auf. In der Strasse wurde geschunkelt und getanzt. Und bei uns wurden wieder Kleidle hin und her gekarrt. Neuer Tag, neue Narren.

Den Dienstag ließen wir geruhsamer angehen und kamen erst spät an den Friedrichsplatz. Es war kalt und klamm, aber Singen geht immer – so wird schnell der Beutel voll. Im Kinderbesen dann family affairs,  die Kinder spielten in der Ecke und waren zufrieden mit Waffeln und Apfelschorle, bei den Großen wurde ein Faß aufgemacht ´was läuft wie und wieso und wie ginge es besser. Und  wer sagt hü und wer hott´.  

Ich stieg aus. „Das kann ich nicht“. Das stimmte. Völlig überfordert. Das war too much, auf jeden Fall für diesen Tag.

Zum Mittag sollten Oma und Opa zum Gulaschessen kommen, aber dann kam der Opa alleine, die Oma habe nicht gewollt. Waaas? Kann nicht sein!

Sie weiß das allererste Narren noch und wem sie was aufgesagt hat. Das ist vierzig Jahre her. Dass jedes Jahr Fasnet ist und sie, solange es noch geht, dazu will, vergisst sie dagegen leicht. Aber ich weiß, wie ich sie an dieser Stelle kitzeln kann.

Als ich dort ins Haus ging und rief „Taxi! Die Spätzle sind schon im Wasser und der Sekt ist kalt gestellt, der Sprung fängt bald an“ stand sie auf und hatte schon die Schuhe an. In dem Alter fahren die Kräfte mitunter Achterbahn, kommen und verschwinden wie es ihnen gerade einfällt, aber man kann sie auch am Wickel packen und ihnen ein Schnippchen schlagen.

Sie kam mit, überzeugt davon, nie etwas anderes im Sinn gehabt zu haben, aß mit Appetit und sah dann den Sprung von einem Fenster am Friedrichsplatz aus. Sie setzte sich auch mal, dachte zurück und vergoß eine Träne, aber sie fing sich wieder und stand auf und kam ans Fenster.

Bajasse warfen Bonbons hoch und machten Zielübungen, da musste der Große runter und es ihnen nachtun, und bald flogen uns die Bonbons nur so um die Ohren. Er fragte nach einer kurzen, ruhigen Runde über den Bockshof, der zum Rüberspucken nah war, Dort war der Narrensprung ein fernes Klingen, und wir sortieren die Lage und träumen uns in Häuser. Wir kamen gerade rechtzeitig zum Abschluss zurück und sahen von oben wie von einer Tribüne  die Kapellen noch einmal gemeinsam aufspielen. Schön war das.

Dann brachte ich die Eltern nach Haus und die Kinder nach Hausen zum Spaghettikehraus im Adler, kam zum letzten, verregneten Narrenmarsch zurück ans Rathaus und verfolgte später, wie die Rössle heim getrieben werden. Das war toll. Das war mir neu, wie mir überhaupt dies ganze Rössletreiben bislang recht verborgen geblieben war. Später landeten wir wieder im Nudel-Suppen-Besen. Da war ich baff. So muss es am Ballermann sein. Die Texte sind nicht zum Wiedergeben. Ich klebte am Tresen und war einigermaßen erschüttert. Ein Gefühl wie bei Gerhard Polt in ´Kehraus´ erfüllte mich. Ich war durchaus nicht blau, kein bisschen, aber viel zu belämmert, um die ganze Dimension dieses Dramas zu erfassen. Das ganze Elend des Daseins johlte sich mir freudetrunken ins Hirn. Krass. Megakrass. Nach einem Schorle hatte ich genug.

Ein letztes letztes Glas in der Kanne. Das Gespräch war müde. Am Fenster ein paar ältere Herren im Bauernkittel, die einander frauenfeindliche Witze erzählten. Und ich wäre  gerne treffsicherer Oberndorfer Schantle gewesen mit einem Korb voll saftiger Orangen.

Ich ging aufs Klo, und obwohl nicht zum ersten Mal in diesem Haus fand ich es nicht. Ein freundlicher Küchenmitarbeiter, oder der Koch, ich weiß es nicht, wies mir den Weg. Auf dem Rückweg machte ich mich bemerkbar, „zahlen bitte!“; man war schon am Aufräumen.

Der Heimweg war zum Glück überschaubar. Ich fiel in den Sessel und bewegte mich lange nicht mehr. Geschafft.

Jetzt geht’s wieder.

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