Ferienkurs statt Strandkorb

Nicht der Strandkorb ist das Problem.

Zur Diskussion über Ferienkurse und also eine Verkürzung der Ferien.

Ich nehme ja an, dass das nicht sowohl als auch zur Debatte steht. Wobei – wundern tät´s mich nicht.  Was muten wir den Kindern eigentlich alles zu?

Die machen das alles super! Sie malen Regenbögen und halten sich von Spielplätzen fern, sie bemühen sich im Daheim auch die Schule zu sehen und treffen keine Freunde. Sie sehen nur Erwachsene und die viel am Telefon. Viele sind das einzige Kind, viele sehen kein anderes. Und fürs Quatschen mit Freunden am Handy sind sie zu klein. Sehr viele sind viel isolierter als viele Große.

Dabei überstehen sie eine Infektion in aller Regel symptom – bis problemlos, und sie werden von Erwachsenen eher angesteckt, als sie ihrerseits die Erwachsenen anstecken.

Ich finde gut, wenn sie wieder in Schule und Kindergarten gehen, die Älteren zuerst, die packen das, dann die Kleineren, die können sich abgucken wie der neue Schulalltag geht. Und es wird getestet was das Zeug hält. Und es sind die Großen, die Erwachsenen, die untereinander den Abstand halten.

Was bürden wir den Kindern eigentlich auf?  Was ist mit ihrem ´ zurück zur Normalität´?

Sie gehen wieder in Schule und Kindergarten. Weil sie das so kennen, weil es dazugehört zu ihrem ´normal´. Sollte sich die Frage nach einer generellen Möglichkeit zum Homeschooling stellen, sei die an anderer Stelle diskutiert. Sie waschen sich die Hände und niesen in die Armbeuge, in der Schule sitzen sie möglichst weit auseinander, und die Fenster stehen offen. Man ist angehalten Abstand zu halten, Strafarbeiten gibt es deshalb aber nicht, und auf dem Pausenhof gibt es Spiele. Keiner macht Panik, weil man Stoff verpasst hat, und man setzt nicht da an, wo man aufgehört hat, sondern da wo man noch früher war – und holt erst mal zurück in die Normalität. Und dann noch ein,zwei Sachen aus dem Lehrplan, ohne Stress, nur damit Neues in die Köpfe kommt, und dann sind Ferien, jawohl, und Ferien sind Ferien, auch zu Coronazeiten, ob man nun verreist oder nicht. Es ist Sommer, kein Homeschooling, keine Aufgaben, Eltern haben Urlaub – ich habe meinen eingereicht und genehmigen lassen und lege Wert darauf, diese Zeit mit meinen Kindern zu verbringen – und für die gibt es einen Weg, einen darf es geben, minimiert, aber nicht auf Null gesetzt, einen Weg, Kontakt zu anderen Kindern zu haben, einen, der Spaß macht und nicht Ferienkurs heißt. So wie die Großen auch ihre Wege haben.

Es geht nicht nur um versäumten Lehrstoff. Dann passt man wegen Corona halt die Lehrpläne an. Davon geht die Welt nicht zugrunde. Und in der Nach-Coronazeit wird es berücksichtigt. Wie eine Art Rettungsschirm.  Es geht darum, möglichst stark aus dieser Krise hervorzugehen. Es ist nicht die einzige und wird nicht die letzte sein.

Coronazeit

10.04., April, Karfreitag

Der Papst predigt und segnet im leeren Petersdom. Gab´s auch noch nie. Voll krass.

In Deutschland gibt es viele bestätigte Infektionen, aber das Gesundheitssystem ist durchaus nicht überlastet und die allerallermeisten werden wieder gesund. Gestorben sind noch nicht allzu viele. Diese verschlingende Welle scheint uns nicht zu treffen. In anderen teilen der Welt sieht´s da ganz anders aus. Italien, Spanien – da gehen die Särge aus, und in Amerika wird Corona auch zur Tragödie. Da sterben überwiegend Schwarze und Latinos, was ich ungeheuerlich finde. Corona trennt zwischen arm und reich. Einen schweren Verlauf nimmt es eben doch bei vielen, auch jüngeren; dann hängt es vom Beatmen ab, ob man übersteht oder nicht. In den ganz armen Ländern bahnt sich ebenfalls Furchtbares an. Dies Virus in engen Slums – ich will es mir eigentlich nicht vorstellen. Ganz fürchterlich entwickelt sich die Lage in den Flüchtlingslagern in Griechenland. Beschämend ist kein Ausdruck. Wenn es ein Gebilde namens Europa geben soll, dann macht es sich hier so dermaßen schuldig, dass es jedes Recht verwirkt, jemals wieder über Recht und Unrecht zu urteilen. Wie können wir das nur zulassen? Fies finde ich auch, wenn jetzt eigenes Versagen undoder Themenfremdes mit Corona begründet wird. In Ungarn hat man die Verfassung mal eben umgeschrieben und den Ministerpräsidenten mit autokratischer Macht ausgestattet. In den USA beschuldigt Trump die WHO, die schuld sei, dabei war ER es, der lange nicht ernst nahm, (außerdem wurde er vom Geheimdienst bereits letztes Jahr im November gewarnt), und in der EU streitet man wie gewohnt über Geld. Die italienische Regierung verlangt Coronabonds.

Nun weiß ich darüber zu wenig um dafür oder dagegen zu sein. Grundsätzlich bin ich immer für eher mehr Solidarität und Gemeinsamkeit als für weniger. Aber von einer Regierung, die sonst so europafeindlich ist, in der Klemme nach europäischem Zusammenhalt zu verlangen, empfinde ich dann als schäbig, wenn nicht mal der Ansatz eines Eingeständnisses damit einhergeht, dass man sich getäuscht und auch Fehler gemacht hat. Niemand hat diese Seuche so kommen sehen. Aber auch in Italien hat man erstmal die Augen verschlossen und lieber die Saison laufen lassen, was, so stelle ich mir das vor, die rasante Verbreitung mitverursacht hat. Und wenn das Gesundheitssystem so funktioniert wie manche andere der Institutionen in Italien, dann ist es nicht sonderlich krisenfest. Ich liebe Italien, aber ich habe nie diesen Widerspruch zwischen Mafia und Bigotterie verstanden, zwischen DolceVita und Korruption, Hochkultur und Banalität. Nichtfunktion und Heuchelei kann man nicht zur nationalen Besonderheit stilisieren wollen.

Schön hätte ich gefunden, Deutschland hätte Beatmungsgeräte ausgeliehen. Hier sind welche übrig, und solange sie das sind – man kann ja ausleihen auf Widerruf. Mache ich mit manchen Sachen auch; macht man so, wenn man sich nahe steht.

Die Diskussion, wie es hier weitergehen woll, finde ich wenigstens zum Teil verfrüht. Kann man nicht erstmal Fazit ziehen? Es geht darum, wie man möglichst schnell möglichst viel aufholt, damit jeder Rubel, der es jetzt nicht konnte, wenigstens später rollt. Dabei könnte man auch mal nachdenken, ob es danach nicht anders weitergehen könnte, nachhaltiger, fairer. Und langsamer. Wen ich treffe, sagt dasselbe: die Ruhe tut gut. Ein paar Gänge runterschalten, nicht so hetzen und auf allen Baustellen zugleich sein müssen. So viele genießen das. Und kaum einer klagt über das, was fehlt. Es geht auch bescheidener. Mancher Verzicht ist am Ende ein Gewinn. Und es würde dem Thema gerecht – diese Seucha hat auch mit unserer Lebensweise zu tun. Da kann man doch nicht einfach zurück zu vorher wollen.

Gestern mussten die Kinder und ich lachen. In den Spätnachrichten kam die Meldung, die EU hat ein 500-Milliarden-schweres Wirtschafts-und Finanzprogramm beschlossen. „500 MIlliarden Euro!“, sagte die Kleine staunend, sie ist sechs, die Zahl kann sich keiner von uns vorstellen. Und dann mussten wir lachen. Was für irre Summen – . Die Kinder entstammen einer Wirtschaft, aber es war durchaus nicht nur das der Grund, weshalb der Große, 8, sagte „500 Milliarden – weshalb braucht man dann eigentlich noch eine Wirtschaft?“ Stimmt. Da könnte man auch hinsitzen und es mal gut sein lassen.

Ein mehr oder weniger regelmässiges, nicht ganz tägliches Coronazeit-Tagebuch gibt es unter https://beatekalmbach.home.blog/corona/ in der Kopfzeile.

Hundert Jahre Einsamkeit

oder „Liebe in den Zeiten der Cholera“

zwei wunderbare Bücher von Gabriel Garcia Marquez.

Am Ende wird alles gut, ob nun die Ameisen übernehmen und die Natur zurückholt, wo in sie hineingehaust worden war, oder ob einer ein halbes Jahrhundert um die Liebe ringt und sie erst gewinnt, wenn er fast schon mit einem Bein im Grab steht.  Ich liebe Bücher, die epische Gerechtigkeit walten lassen, denen es gelingt, selbst dem Schlimmen Tröstliches abzugewinnen. In „Hundert Jahre Einsamkeit“ sind die Geschichten der menschlichen Protagonisten tragisch.  Trotzdem bin ich am Ende versöhnt, weil das Leben an sich weitergeht. Am Ende wird alles gut, und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.  Mit diesem Gedanken kann ich mich über ziemlich viel hinwegtrösten.

Ich muss mal weg von Corona.  Das ist freilich leichter gesagt als getan. Corona durchdringt jeden Lebensbereich, so scheint´s.

Und doch hat immer alles zwei Seiten. Der Himmel ist ohne Kondensstreifen, die Luft ist sauberer, das Wasser klarer. Auch die Stille gefällt mir, es brummt und hämmert und lärmt nicht mehr so. Ein paar Monate Shut-down, und die Welt ist eine andere, ich hoffe eine bessere. Dass ein schnelles Umstellen möglich ist, sieht man gerade. Es ist möglich, regional zu agieren und global an einem Strang zu ziehen.

Das ist ein Thema, das mich auch schon vor Corona umtrieb.

Wenn der Natur immer mehr Gebiete weggenommen werden, kommen Tiere und Menschen einander näher. Manche Tiere können sich nicht so weit anpassen, die sterben aus. Andere – die, so habe ich jetzt gehört , sogenannten  Generalisten – passen sich an und bringen ausser ihren Gewohnheiten auch ihre Krankheitserreger mit – die ebenfalls anpassungsfähig und flexibel sind, und also sich auch so verändern können, dass sie auf den Menschen überspringen.

Es empfiehlt sich daher auch als Seuchenprophylaxe, der Natur und allem was darin kreucht und fleucht ihren Raum zu lassen. Vielleicht wäre dies sogar ein Argument für Politik und Wirtschaft endlich umzudenken, wo doch deren Panik vor Rezession und ´Weniger´ die der Klimaschützer vor einer unumkehrbaren Erderwärmung um ein Vielfaches übersteigt.

Ich wäre dafür, der Natur verfassungsrechtlichen Schutz einzuräumen.  Natürlich kann die Natur nicht klagen. Aber Menschen, die sich für den Bereich, der bedroht ist, engagieren, können das tun. So ist das in zb Bolivien und Neuseeland möglich.

Ich habe nie verstanden, dass die Natur erst beweisen muss, dass etwas ihr schadet. Chemikalien gelangen auf Böden, in Gewässer, in die Luft, und die Hersteller produzieren unter der Prämisse, solange nicht bewiesen ist, dass ihr Tun schadhaften Einfluss hat, dürfen sie. Es ist derzeit tatsächlich rechtlich am Staat, als dem Stellvertreter der Interessen der Allgemeinheit, und auch der Natur, nachzuweisen, dass etwas giftig und schadhaft ist, um es dann verbieten zu können.  Das finde ich krass. Es muss am Produzenten liegen, nachzuweisen, dass etwas ungiftig ist.  Und wenn er eine einmal erlangte Genehmigung hat, (die er auf Grundlage nicht naturentsprechender Tests erlangte), und es stellen sich im realen Gebrauch Zweifel, muss damit aufgehört werden. Sofort. Und solange er den Bewies nicht erbringen kann, dass seine Produkte unschädlich sind, darf er sie nicht mehr produzieren. Fertig aus. So herum wird ein Schuh draus. Die Wirtschaft soll den Menschen dienen, nicht anders herum. Gepfiffen auf entgangene Gewinne.

Es ist nicht wie in der Kriminalistik – die Schuld muss bewiesen sein. Sonst müsste man die Produzenten und ihre Komplizen behandeln wie Verbrecher, dann wäre der Herbizidproduzent, der nebenbei auch den Bienen zusetzt, ein Massenmörder. Kann auch keiner wollen. Und wie soll die Natur beweisen, was ihr schadet? Soll die Biene ein Gutachten unter Einhaltung wissenschaftlicher Standarts  anstrengen?

Wer einen Eingriff in die Natur vornimmt, belegt, dass dieser kein Schaden entsteht, oder der wird ernsthaft und glaubwürdig  ausgeglichen. Man muss die realen Kosten rechnen, auch die, welche die Natur treffen, plus die Entsorgungskosten, die Spätfolgen, alles- . Ja, dann wird´s schwieriger für die Menschen und ihr Wirtschaften. Dann müssen sie sich mit weniger Platz und weniger Produzieren und Mobilität begnügen. Auch das ist nur recht. Die Erde gehört uns nicht. Wir dürfen darauf sein. Das ist alles.

Eine Million Arten von insgesamt acht bis zehn Millionen sind in den nächsten Jahrzehnten vom Aussterben bedroht. Wenn es so weiter geht, ist eine davon der Mensch. Steht im Globalen Zustandsbericht zur Biodiversität. Radikal. Ja. Aber weshalb nicht.  Wenn das Problem groß ist, muss es auch die Lösung sein. Dass das geht, sehen wir gerade. Irgendwelche Dumpfbacken schreien immer. Lasse man sie schreien – wenn´s ihnen hilft.

Ich habe Diskussionen verfolgt, in denen Leute sich mokierten, dass der Ausbau einer Landstrasse nur deshalb so teuer war, wie er war, weil Wildübergänge oder Froschpassagen miteingebaut wurden. Und ein Ton schwingt mit – was für eine Vergeudung von Steuergeldern. Vergeudung. Ja klar! Man kann doch nicht einfach so tun, als wären die Tiere nichts wert, in dem Stil „dann sind die Frösche halt platt, so what. Quakt kein Mensch danach“. Das geht doch nicht. Und wenn es der Juchtenkäfer ist, der einem Bahnhof im Weg steht, oder die Gelbbauchunke einem Gefängnisneubau, dann ist das so. Dann haben Juchtenkäfer und Gelbbauchunke Recht, wenn sie sagen „nicht hier!“.

Mit was für einer Anmaßung man sich bislang über alles Hinderliche hinweg gesetzt hat.  Mit was für einer Verve man zB. die AKWs gebaut und behauptet hat, die seien sicher. Mit Material, das zum Teil Millionen von Jahre strahlt. Und man hatte und hat NULL Plan, wie man das wieder abbaut und entsorgt und endlagert, geschweige denn, dass man für solche Zeiträume Endlagerplätze sich überhaupt vorstellen kann.  Tut man einfach. Nach uns die Sintflut. (Und kommt die, sind´s idiotische Verschwörungstheorien, die am Werk sind). Ich denke immer, man muss anfangen, das jetzt wirklich abzuschalten, abzutragen und aufzuräumen, bevor man ganz andere Probleme hat.

Das muss aufhören! Die eigene Freiheit hört da auf, wo die des andern anfängt. Das gilt auch für den Juchtenkäfer und die Gelbbauchunke, und für den Regenwurm und für die Stechmücke, für Wald und Wiese, Wasser und Luft, Erde und Gestein.

21.03., Coronazeit

Es kam so schnell, dies Corona. Grad war es noch weit weg, war irgendwo – eine etwas andere Grippe, um die ein mir eher hysterisch anmutender Zinober gemacht wurde. Durchaus berührend, aber fern wie die Feuer in Australien, die apokalyptisch waren, aber von denen ich auch nicht annahm, dass sie bis hierher brennen.  Gefühlt war es nun eine Woche, vielleicht eineinhalb,  dass Corona die Macht übernahm.  Und noch da dachte ich „naja, wird schon alles nicht so wild werden“, dann wurde das ´naja´ zu „holà!, was um Himmels Willen…?“, und jetzt schließlich zum tiefen Schlucken.

Ok. Das ist  ernst. In der Tat. Und es rechtfertigt alle Maßnahmen und Einschränkungen. Ich war nicht bei den Ersten, die den Ernst der Lage begriffen haben, aber wenigstens – irgendwann

Am Dienstagnachmittag noch mal leichthin das Glück genossen, ein Spaziergang (allein), ein offener Biergarten, ein Tisch ganz für mich – Sicherheitsabstand  satt gewahrt – das Bier alkoholfrei, der Moment zum Schwelgen schön. 

Das wird es wohl für einige Zeit nicht mehr geben.

Ich halte mich  durchweg an die Verhaltensmaßregeln. Auch keine heimlichen Umarmungen mehr. Diese eine am Wochenanfang hatte es gebraucht, so quasi als Selbstvergewisserung, eine Art Gelübde – „ich will das nicht vergessen!“. So hat halt jeder seinen Weg, die Flamme in sich am Leben zu halten. Ich  bewege mich jetzt anders, ich schaue anders, ich plane anders. Alles ist anders. Und doch bleibt immer ein Zweifel, ´was ist notwendig´.  Muss ich wirklich einkaufen? Kommende Woche sind die Kinder da, ich kann nicht bei allem sagen ´gibt´s nicht, geht nicht´. Ich ging, bekam weder Salz noch Toilettenpapier, was beides regulär und turnusgemäß hätte aufgefüllt werden sollen, bekam dafür was zum Basteln.  Und Eis. Salz aus privaten Beständen, und im Klo liegen jetzt Waschlappen. Auf dem Markt Äpfel gekauft, und Blumen für den Friedhof. Notwendig hin oder her. Auch beim Koriander hätte ich sagen können, in den Laden geh ich jetzt nicht auch noch rein. Und dann hätt ich auch keine Melone dort bestellt. Die ich nächste Woche hole.  Aber dann würde die Tochter statt der Melone Kekse essen oder systematisch die Reste aus der Fasnetsschatztruhe niedermachen, und das ist mir dann aus anderen gesundheitlichen Aspekten nicht recht. Also doch notwendig. Dann zu den  Eltern gegangen.  Natürlich könnte man anders Kontakt halten, aber sie haben keinen Umgang mit Internet, und ein Telefonat ist keine Suppe und erst recht kein frisch bezogenes Bett.  Wer weiß, wann ich das nächste Mal hinkomme. Lieber jetzt.

Wo Leben ist, ist Bewegung, und ist Kontakt.  Es lässt sich runterbremsen und entzerren, (dem kann ich durchaus etwas abgewinnen), aber es lässt sich nicht auf Null setzen. Dann ist´s tot.

Corona ist schrecklich. Für mein Empfinden schrecklich genug, da braucht es nicht noch dieses Bashing, in dem einer die Bewegungen des anderen kontrolliert und immer besser weiß, was notwendig ist und was nicht.

Das Internet ist voll davon.

Einer regt sich auf über Mütter mit kleinen Kindern, die er schwatzend beisammenstehen gesehen hat. So was habe ich diese Woche auch mal gesehen, durchaus nicht dicht an dicht, aber zwei Meter Abstand waren´s auch nicht, und bei den Kindern schon gar nicht. Und ich hab´s verstanden. Ich kann mich noch gut an den Schock nach der ersten Geburt erinnern, wie abgeschnitten ich mich gefühlt habe, und das ganz ohne Geburtstraumata oder postnatale Depressionen und eigentlich trotz einem doch recht intakten und reichen sozialen Umfeld. Trotzdem fühlte ich mich isoliert und die einzige auf dem Planeten, der das Muttersein  nicht sofort und ganz natürlich und souverän aus dem Busen und von der Hand floss. Ich habe diese Mütter-Kinder-Treffen gebraucht. Sie waren notwendig und systemrelevant, genauso wie die Hebammen, für die die Glocken auch läuten sollen und für die auch geklatscht werden soll. Jungen Müttern Kontakt zu untersagen kann unterlassener Hilfeleistung gleichkommen.

Zu einem ähnlichen Fazit kam ich am Donnerstag, als ich private Post austrug und an der Ruhe-Christie -Kirche vorbeikam. Es war das erste Mal, dass ich da reinging. Es war die ´blaue Stunde´, und  die Fenster leuchteten so  warm und golden. So ist das wohl – es sind dies Zeiten, in denen das Betreten einer Kirche einem aller Warnungen zum Trotz eben doch näher liegt als sonst.

Was für eine schöne Kirche! Bescheiden, schlicht und ein wenig gedrungen, der Chor duster, nur ein kleiner Schrein war hell erleuchtet.  Ich sah fünf alte Häupter und gebeugte Rücken, einer gehörte dem Geistlichen, der vorbetete und das Lied nannte, das gesungen werden sollte. Das war wirklich berührend. Ich schätze, die Ruhe-Christie-Kirche ist ein guter Ort, um sich der Schwere des Daseins zu ergeben.  Der Sicherheitsabstand betrug so pi mal Daumen einen Meter, nicht mehr, und das ohne Not – es hätte Platz gehabt für zwei Reihen Abstand. Aber mir schien, man saß gerade so, dass jeder der Betenden die Anwesenheit der anderen noch spürte. So erträgt jeder das Gewicht besser, und keiner trägt allein.

Ich hätte nicht hingehen wollen und sie auseinandersetzen.

Und vielleicht ist das bei den ganz Jungen gar nicht so viel anders. Am Mädelesbrunnen saßen zwei , die sonst vielleicht gerade aufs Abi büffeln würden.  Biertrinkend, Abstand zum ins Ohr flüstern. Das war keine Coronaparty, aber auch kein vorsichtiges, vernünftiges Verhalten.

Sie sollen das nicht tun. Freilich nicht. Sie dürfen nicht. Aber jetzt hinzustehen und sie beschimpfen als die Schuldigen, die den anderen all diese Restriktionen einbrocken, das stimmt auch nicht. Es sind nicht sie, es ist das Virus.  Und so hat nunmal jeder sein eigenes Tempo des Begreifens und jeder seinen eigenen Zugang.

Ich habe eine Freundin, die im häuslichen Pflegedienst arbeitet, eine derer, die an vorderer Front stehen. Es gibt nur wenige, die mir so am Herzen liegen wie sie. Und doch streiten wir grad übers Handy, weil sie sich aufregt und alle der Verantwortungslosigkeit bezichtigt, die sich nicht im selben Maß einschränken, wie sie das vermutlich täte, wenn sie´s könnte, und wie sie das als ideal ansähe. Und ich sage dann, alle strengen sich an. Alle tun ihr Bestes.

(Okay – nich alle. Mich erinnert diese Leere bisweilen an 1986, an Tschernobyl, als nach nach einem langen, trostlosen Winter endlich der Frühling kam, und ich mich so nach Sonne sehnte, und dann ging´s nicht, und es war ganz fürchterlich, wieder im Haus eingesperrt zu sein. Auch damals haben die einen schnell, die anderen langsam begriffen, und ein paar wenige nie, die gingen dann in den Wald und dachten ´au geil alle Pilze für mich´.  Ich hoffe, sie haben sie überlebt).

Und die Freundin regt sich dann auf. Wenn Bomben fielen, würde jeder kapieren. Nur, weil man´s nicht sieht, denken jetzt manche, es ist nicht da. Stimmt. So ist das. Bombenhagel und Sirenengeheul wäre eindringlicher. Bei einer stillen, unsichtbaren Gefahr ist das Verstehen anders.

Manchen Leuten genügt ein Zuruf, bei manchen braucht´s einen Erlaß oder ein angedrohtes Bußgeld, bei manchen ein Referat mit einem Dutzend Skizzen und Tabellen, und bei manchen braucht´s Erfahrung. Bei ein paar ist Hopfen und Malz verloren.

Es ist halt nicht so, dass da einer die Parole ausgibt, und dann gehorchen alle und folgen. Und es gibt auch nicht den einen Schalter, den man nur umlegt, und dann hat man´s drauf. Ich hab jetzt auch satte eineinhalb Wochen gebraucht. Einfach mit den Finger schnipsen und dann läuft die Nummer – das mag der Traum einer jeden Macht sein. Auch ich hatte den schon. Wenn ich mit meinem Sohn Hausaufgaben mache und mir die Haare raufe wegen seiner Blockade, dann denk ich, ich hab´s jetzt so oft erklärt – ich weiß, dass du das verstehen könntest, wenn du nur wolltest. Aber er ist auf diese Art halt nicht zugänglich. Und also läuft es nicht so. Und bei meiner Tochter läuft es auch nicht so, wenn es ums Kämmen geht, oder ums Schlecken, um dies, um jenes.  Dieses Zollstockgeschimpfe bringt nichts.

Es braucht offenbar einfach eine Ausgangssperre – dann soll es halt so sein. Aber es ist niemandes Schuld. Das hat niemand eingebrockt, niemand anders als Corona selbst.

Natürlich soll und darf niemand eine Coronaparty feiern.  Das ist zynisch und verantwortungslos und daneben.  Aber die das feiern, die sind in dem Alter, in dem alles möglich ist,  und in dem es naheliegt, sich unverwundbar zu fühlen. Und seltsamerweise geht diese Unverwundbarkeit einher mit Todesverachtung und Übermut. Ich selbst denke manchmal, ich habe Glück gehabt, dass ich diese Phase meines Heranwachsens  überlebt habe; ich habe mir bisweilen irrwitzige Nummern geleistet.

Außerdem, und das finde ich nicht unwichtig, sind es genau  diese Unverwundbarkeit und Todesverachtung, die es so leichtmachen, die junge Generation in den Krieg zu schicken. Das ist nicht mein eigener Gedanke, der ist von Simone de Beauvoir, und ich finde ihn gut.  Er ist aus „Alle Menschen sind sterblich“ – wo es überall um Buchtipps für häusliche Stunden geht – dieses kann ich sehr empfehlen.  Jedenfalls ist das halt die Kehrseite einer zugegeben zweifelhaften Medaille.

Und noch was:  was will man jemandem vorwerfen, der  damit aufwächst, dass es nur und ausschließlich um die eigene Party, das eigene Wohlergehen, den eigenen Luxus geht, der das millionenfach vorgelebt sieht,  und der mitnimmt, dass Elend und Sterben, solange es unsichtbar und anderswo geschieht, einen nichts angehen.  Jahrzehntelang war das die Parole. Gut, wenn die sich ändert. Aber es sitzt nicht über Nacht und fällt auch nicht vom Himmel.

Wir sind im Katastrophenmodus. Es geht ans Eingemachte. Aber wenn wir dabei noch kleinlich sind, dann wird´s erst richtig scheiße. Jeder tut, was er kann, so gut wie er´s kann. Ein paar sind doof – da kann man nix machen. Die gibt´s immer und überall. Aber der Rest  ist dran, jeder auf seine Weise. Und  ab und zu folgen Leute einer eigenen Not und setzen die Priorität anders. Dann ist das so.  Dann üben wir uns in Großmut. Zum ´Gemeinsam schaffen wir das´ gehören auch sie.  „Für eine bessere Welt nach Corona!“ , das fände ich mal eine gute Parole! 

Mit dieser ließe sich noch viel mehr schaffen bestimmt. Man könnte Leute aus den Flüchtlingslagern und dem Niemandsland holen.  Zum Beispiel. Die sind da jetzt völlig verloren.

Das kann´s doch nicht sein!  

Es geht nicht nur darum, eine Krise hinter sich zu bringen und eine Katastrophe zu überleben.  Wir könnten den Ehrgeiz entwickeln daran zu wachsen und  besser zu werden.  Dann macht es danach auch mehr Freude, sich im Spiegel anzusehen.

In der Lagune von Venedig tanzen jetzt Delfine. Hab ich gehört, nicht gesehen. Wäre doch schön, sie tun das auch danach. 

Coronazeit. Keiner weiß so recht, wie lange sie dauert. Wochen, Monate. Vielleicht sind beim nächsten Biergartenbesuch die Blätter schon bunt und in der Vase stecken Astern. Ach nee – so lange geht’s bestimmt nicht. Vielleicht sind  die Bäume dunkelgrün und das Grass ein bisschen verdorrt, und in Kästen und Kübeln leiden Geranien Durst. Auch ziemlich spät. Ach – vielleicht blüht in der Vase eine Margerite und das Grün der Bäume ist fluoreszierend hell und frisch.

Man soll die Hoffnung nicht aufgeben.

(Ein Traum wäre, es wäre geschafft, wenn der Magnolienbaum am unteren Ende des Stadtgrabens, der bei dieser nackten, schönen  Bronzefrau, die so anmutig die Haare auf dem Kopf zusammenhält –   man müsste ihn vom Biergartentisch gerade so sehen – wenn der in voller Pracht steht. Das wäre  echt ein Traum).  

Ausnahmezustände

Es ist Corona-Zeit

Ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus. Das ist neu. Boah.  Ich kenne keinen, der einen kennt, der einen kennt, der sowas schon mal erlebt hat.

Das Leben ist lahm gelegt.

„Vermeiden Sie unnötige Kontakte!“

Fällt mir einigermaßen leicht.  Ich bin gerne mit mir und meinen Kindern allein. Und es gibt ja social media, und streaming, und allerhand häusliche und familiäre Vergnügungen. Es war auch schon anders – es gab schon Zeiten, da hätte mir diese erzwungene Isolation schwer zu schaffen gemacht, und ich kann gut nachvollziehen, dass es das heute bei vielen tut.

Was heißt schon ´nötig´? Das gehen die Definitionen weit auseinander.

Meine Kinder empfinden es als schier unfassbaren Einschnitt, wenn sie keine Freunde mehr treffen können. Und ich verstehe sie. Die Großen, die gehen arbeiten, nach wie vor, sie gehen einkaufen, reden hier und machen da – nur das Nötigste, freilich, aber sie haben Kontakt zu ähnlich gestellten. Den haben die Kleinen nun nicht mehr. Mitunter gar nicht mehr. Das ist nicht leicht zu nehmen, auch mit Spazierengehen, Spielzeug und Internet nicht. Irgendeine Form des Austauschs und Abgleichs braucht´s auch für die, die zu klein sind zum Chatten und dergleichen, zum kontaktlosen Kontakt.

Mit den Kindern war ich am Wochenende noch auf dem Spielplatz. Diese Woche dürfen wir schon nicht mehr. Letzte Woche traf der Sohn noch den Nachbarsbuben. Ob er das nächste Woche noch kann, kann ich ihm nicht versprechen.

Ich war alleine spazieren. Mache ich eh am Liebsten, dann kann ich ungestört meinen Gedanken nachhängen. Von der Haustüre weg brauchte es ein paar Straßenecken, bis ich den ersten Mitmenschen sah. Die Stadt oberhalb des schwarzen Tores war wie ausgestorben, in der oberen Hauptstraße schließlich war es ruhig wie an einem Sonntag im August.  Und überall Schilder ´geschlossen´.

Ich traf ein paar Bekannte, drei Leute, die sich ebenfalls zufällig getroffen hatten und sich unterhielten. „Wenn jetzt noch zwei dazukommen, stehen wir so weit auseinander, dass wir Platz brauchen bis auf die andere Straßenseite!“ Irgendwann rufen wir uns nur noch aus der Ferne zu.  (Oder wir singen wie die Italiener – das ist wundervoll!)

Bei entgegenkommenden Spaziergängerpaaren tritt eins hinter den anderen und man läuft Kolonne, so dass man beim aneinander-Vorbeikommen den nötigen Sicherheitsabstand einhält. 

An der Kasse wurde ich heute dagegen gerügt. Ich hatte mich nicht vordrängeln wollen. Ich hatte die Dame, die so weit weg stand, nur nicht als das Ende der Schlange erkannt.

„ Flatten the curve!“  Vorweg – ich verstehe den Sinn all dieser Maßnahmen und befolge sie, ergeben, aber nicht gerne, bisweilen zähneknirschend.  Aber ich befolge sie – weitestgehend. Es gibt immer eine gewisse Spannbreite, in der Regeln ausgelegt werden können. In den diversen Diskussionen in Whatsapp-Gruppen und Chats liege ich schnell im Clinch mit den Hardlinern, deren Kontakte außerhalb des direkten familiären Umfeldes auf Null gefahren sind. Null. Niemand. Nichts mehr  Alles  darüber Hinausgehende gilt als ´unnötig´. Damit  tu ich mich zugegeben schwer. Vorauseilender Gehorsam ist mir kaum gegeben. Immer hat es ein doppeltes und dreifaches ´Nein´ und eine gute Begründung gebraucht, damit ich folgen konnte. Und ´Einschränken´ ist nunmal nicht ´Streichen´. 

Das Gesundheitssystem muss die Erkrankungen auch verschaffen können. Das leuchtet ein. Es soll niemand mit einem ernsten Verlauf dieser oder einer anderen Krankheit auf Hilfe verzichten müssen, weil das System überlastet ist. Aber deshalb kann ich doch zum Beispiel die alten Eltern nicht auf Wochen und Monate hinaus ihrem Schicksal überlassen. Das wäre das Gegenteil von Zusammenhalt. 

Auch Isolation hat ihre Grenzen.

Ich habe  beim Gesundheitsamt angerufen. Die sagten nicht „Sie dürfen“, aber sie sahen die Problematik – und überlassen die Entscheidung mir. Immerhin. Und ich entscheide, ich gehe. Ich war nicht in einem Risikogebiet, habe keine Symptome, war nicht mit einem Menschen in Kontakt, der welche hatte oder gar positiv getestet  wurde, und wenn ich darüber hinaus ein paar hygienische goldene Regeln berücksichtige – dann kann ich – eingeschränkt – das auch tun.

´Systemrelevant´.  Ein Wort, bei dem ich ein komisches Gefühl bekomme., weil ich nichts als irrelevant einstufen will., und weil es viele Systeme gibt, die am Laufen gehalten werden wollen. Systemrelevant für unser gesellschaftliches, als Staat organisiertes Leben ist vieles. Nach den Eltern gucken empfinde ich als absolut systemrelevant.

Und mein Sohn würde sagen, Kinder treffen ist absolut systemrelevant, für sein System ist es das.

Zum Teil stellt uns die gesamtgesellschaftliche Quarantäne vor durchaus  auch vor willkommene Aufgaben. Kino ist zu, Freizeitpark ist zu, Schwimmbäder, Indoorspielplätze – alle diese Sachen, die regelmäßig gewünscht werden und ein Vermögen kosten, sind zu, und es ist nicht Mutters Schuld und Kleinlichkeit, sondern mit guten Gründen verordnet. So gesehen perfekt. Das Angebot wird bescheidener, und gleichzeitig vielfältiger, weil Tätigkeiten in Betracht kommen, die im sonstigen Angebot meist den Kürzeren zogen.

Oder homeschooling. Ein interessanter Versuch, vor allem mit dem Jungen, der alle Müssens, die mit der Schule üblicherweise zusammenhängen, verabscheut. Letzt geht´s ums reine Lernen und die Bereitschaft dazu. Ich bin gespannt, wie wir das hinbekommen.

Aber allzu lange können wir auf Kinderkontakte nicht verzichten. Eine Ausgangssperre gar wäre ein Horror. Und da fängt bei mir die Unsicherheit an. „Zwei bis drei Wochen“ „hieß es. Aber  abgesagt werden Veranstaltungen bis in den Sommer hinein, und wappnen tut man sich für eine Erkrankungswelle, deren Zenit noch lange nicht überschritten ist.  Wie lange soll diese Isolation denn anhalten?

Kinder, so habe ich gelesen, stecken sich eher bei Erwachsenen an als ihrerseits diese anzustecken, und eine Infektion überwinden sie in aller Regel leicht.

Ein großes Problem in diesem „Was darf man alles nicht“ und was überhaupt noch, ist ja, dass es so schwierig ist, sich testen zu lassen. Man wolle die Infizierten UND  gleichzeitig Gefährdeten weil Vorerkrankten oder Schwachen möglichst schnell herausfiltern – getestet wird nur, wer Symptome aufzeigt und auf irgendeine Weise risikobehaftet ist. Und das verstehe ich nun nicht.  So geschieht es doch gerade, dass viele infiziert sind, es nicht wissen, und andere anstecken, ohne dass einer einer Risikogruppe angehört hat. Von irgendwoher kommen die täglichen Infektionen, und ich schätze mal, aus dem ganz normalen Umfeld.  Wenn aber jeder rätseln muss – war mein Hüsteln und das Kratzen im Hals heute früh vielleicht ein Anzeichen, habe ich nur einen sehr schwachen Verlauf? Oder wie war das gestern mit meiner Müdigkeit und dem Kopfweh? –  dann kann man auch nicht vernünftig entscheiden, wie man sich verhalten soll, und es gehen Leute zur Arbeit, die das nicht sollten, und die andererseits aber auch nicht unkollegial sein wollen, und andere, wie eben Kinder oder Alte, werden in die völlige Isolation gezwungen, und ein Großteil des öffentliches Diskurses kommt zum Erliegen .

Es gibt diese Tests. Und sie sind bezahlbar. Das habe ich in der Welt gelesen, die ja nun als konservativ und seriös gilt. Die Tests würden nicht zuletzt wegen föderaler Unstimmigkeiten  ungeschickt verteilt bzw eben nicht verteilt. Keine Ahnung. Wenn das stimmt, plädiere ich in diesem Zusammenhang für eine Neuordnung!

Echt! Das mit diesen Tests, die nicht zu bekommen sind, ist sehr daneben.

Da liegt ist eine wunderbare, beeindruckende Entschlusskraft in dieser Zeit. Die finde ich großartig! Die würde ich mir in manch anderen Zeiten und Krisen auch wünschen, beim Umweltschutz etwa, beim Klimawandel und bei der Bekämpfung von Fluchtursachen. Kollektiv die Notbremse ziehen – Geht doch!

Und so beherzt, wie da jetzt entschieden und gehandelt wird – wenn man mit etwas mehr Ehrgeiz auch dafür sorgte, dass sich, wer unsicher ist, auch testen lassen kann, dann würde es das Ganze leichter verdaulich machen.  Sicherheit hilft zur Selbstverantwortung. Auch das empfinde ich als systemrelevant. Es soll ja eben  „nicht leichtfertig, und nur temporär“ auf die Lebensqualität gedrückt werden   – so waren Frau Merkels Worte. 

Ich vertraue den Bestimmenden durchaus. Ich bin sicher, sie wissen, was sie tun und haben gute Gründe. Manchmal verstehe ich nicht. Der Ablauf der Geschehnisse  und die Informationen verwirren mich bisweilen und werfen mehr Fragen auf als sie beantworten. Dabei gestehe ich zu, dass die Situation für alle neu ist und man auf nicht sehr viel Erfahrung zurückgreifen kann.  Und ich stelle zur Debatte und lasse mich aufklären. Aber erst einmal vertraue ich und halte es nicht mit Verschwörungstheorien. Lesen tu ich sie allerdings manchmal – schon wegen des Unterhaltungswertes:  die Pharmaindustrie war´s. Die wollen mehr Umsatz. Oder ein in China entwickelter, versehentlich entwichener Virus. Oder das war in Russland, oder in den USA, oder in Israel. Oder er ist eingeschleppt und angehängt – dazu eine Liste aller derer, die immer die Ersten sind, auf die man zeigt und die man ausgrenzt. Und – auch nicht ohne – die Finanzindustrie steckt dahinter: weil man nämlich ein neues Finanzsystem einführen will, und dazu müssen die Zentralbanken abgeschafft werden, und weil das nicht so mir nichts dir nichts geht, muss man einen Notstand ausrufen und das wird also jetzt eingetütet, und dann kommt ein crash, und ein neuer Goldstandart, und ein Schuldenschnitt, und mit dem kommt dann auch der Frieden überall.  Nur die EU wird noch zerschlagen und es wird zwangsgeimpft und jeder bekommt einen Chip. Aber dann ist alles wieder gut.

Uff. Da muss man auch erst drauf kommen.

(Ich habe das von jemandem, den ich ausgesprochen lieb habe, dessen Thesen ich gleichwohl mit allerhöchster Vorsicht genieße. Demnach wäre auch die Erde eine Scheibe. Also – bei aller Liebe…)

Ich stelle nur fest, dass keiner mehr über die zwischen der Türkei und Griechenland feststeckenden Flüchtlinge spricht. In diesen ganzen Krisengesprächen der EU-Spitzen war das offenbar nicht mehr Thema. Die Leute sind einfach immer noch dort. Und hier gilt die Parole „Abschotten“, und jeder findet es völlig in Ordnung und vernünftig und angebracht und richtig. „Vermeiden Sie unnötige Kontakte“ und „Grenzen zu“ – das macht Corona mit uns, und wir beschwören den Gemeinsinn und die Solidarität  und den Schutz unserer Lieben.

Und Ostern fällt aus und wenigstens nageln wir keinen ans Kreuz.

Ein Trost – Es wird ein Leben nach Corona geben.

Ich habe eine Freundin umarmt.  Ohne Küsschen, und auch nur ganz schnell und flüchtig  und mit nur homöopathischem Haut-an-Haut-Kontakt. Und heimlich, nach Blick links und Blick rechts. Wir WOLLTEN einfach. (Getrauen sich eigentlich Liebespaare noch einander zu küssen und so? Ich bin nicht betroffen, aber ich wüsste es gern). 

Eins steht fest, nach dem „Vermeiden Sie!“ muss was andres kommen. Vielleicht besteigt statt Frau Merkel Lena Meyer-Landrut den Ring, mit pinken, zum Turm auftoupierten Glitzerhaaren und verkündet trollsmässigen Knuddelalarm. Und die Glücksbärchis gehen Streife und überprüfen, dass er auch eingehalten wird. Muss ja keiner übertreiben. Make it, but make it safe.

Ich habe auch über die spanische Grippe gelesen. Die hat nach dem ersten Weltkrieg ein Mehrfaches an Toten gefordert als es sie in diesem gab, wo die Überlebensdauer an der Front im Schnitt 14 Tage betrug – dann musste der Nachschub anrollen. Das muss man sich mal vorstellen. Es war von bis zu 50 Millionen Toten weltweit die Rede. Das muss ein übler Virus gewesen sein, und er traf auf von vornherein dezimierte, erschöpfte, gequälte Bevölkerungen und darniederliegende Gesundheits – und Versorgungssysteme. Man wundert sich ja, dass es keine zwanzig Jahre später wieder genug Leute für einen neuerlichen Krieg gab. Die goldenen Zwanziger. Nicht nur in den schillernden Städten – anscheinend hat man es sich allerorten ein bisschen nett gemacht.

Nach der Pest, die die Bevölkerung glatt halbiert hat, erzählt eine Freundin, ist sie wiederum explodiert, und die Lebensfreude feierte neue Blüten. Damals – es hat wohl jemand als übertrieben empfunden – entstanden die Polizey –Ordnungen.

Nach Corona. Man darf gespannt sein. Ob bloß ein wenig geläutert und um eine Erfahrung reicher. Oder gechipt und geimpft und neu verstaatlicht und alle mit Nuggets in der Börse. Oder wir staunen wieder, weil gar nichts zusammengebrochen ist wie befürchtet, und weil man ganz neue Qualitäten entdeckt hat. Vielleicht wird auch einfach nur wieder mehr geküsst.

Rock around the christmastree

Party in der Apo. Ich war zum Geburtstag einer ehemaligen Chorfreundin  eingeladen, sie ist Lehrerin. Im Nebenzimmer spielte eine Band, anscheinend ebenfalls alles Lehrer. Die Lehrerdichte  war an diesem Freitag, dem letzten Schultag, in der Apo enorm hoch.  Die Band war prima, spielte geübt und souverän Rock und Pop aus mehreren Jahrzehnten, ich würde dafür eine glatte Eins-bis-Zwei geben, ohne pienziges Gemaule wofür die halbe Note Abzug. Eins-bis-Zwei ist super, die kann man so stehen lassen, das weiß ich von meinem Sohn, der darauf auch besteht. Und vom anderen Ende aus gedacht geht die Überlegung nicht um Abzug vom Ideal, sondern vom Gewinn gegenüber des kompletten Nichtkönnens. Eh viel sympathischer.

Tanz- und Raucherraum waren eins, die Luft war zum Schneiden, die Band klagte dezent und auch ich dachte „wäre das geil, wenn man jetzt noch frei atmen könnte “. In der Diskussion um ein erweitertes Rauchverbot in Kneipen stehe ich zu meiner eigenen Überraschung diesmal nicht eindeutig und  klipp und klar auf der Seite der Gegner.  Ich rauche nicht, aber ich will auch nicht gerne verbieten.

Wie auch immer es kommt – erstmal  musste frau durch, und hin und wieder ging es eh zum Luftschnappen.

Die Schlange vor dem Frauenklo war lang, es gibt mehr Lehrerinnen als Lehrer.  Aber das kann ja sehr unterhaltsam sein. Während des Wartens unterhielt ich mich mit einer Peruanerin, die seit zwei Jahren in Seedorf wohnt, wo der Peruaneranteil offenbar aussergewöhnlich hoch ist, was ich nett finde, und ich erfuhr, dass ´Cholà´ – so oder so ähnlich – das ´Ch´ kratzig im Hals gesprochen – ´Schlange´ heisst und auch auf Spanisch für Warten steht. So zumindest habe ich das verstanden.

Gestaunt habe ich, als aus einem der Kloabteile – es gibt zwei – zwei Mädchen herauskamen. Okay.  Kenn ich von früher. Und ich dachte, „jetzt aber!“ –  aber dann dauerte es und dauerte, und ich stand so und wartete und wunderte mich, und dann kamen nochmal zwei, und ich war baff, wie viele Mädchen in ein so enges Abteil  passen  und wie sie sich so halten – die Freuden des  Mädchengemeinschaftspieselns.

Ich bleibe dabei – ich weiß ich weiß ich weiß, keine Verallgemeinerungen – trotzdem – Ausnahmen sind stets  gerne gesehen – Frauen machen die bessere Party. Männer rauchen und blockieren mit breiten Rücken und aufgestellten Ellbogen den Weg zur Theke. Es tanzen  die Frauen, und wenn ein lautes Lachen die Musik durchdringt, dann ist es ein weibliches.

Das heißt –  nicht ganz. Zu später Stunde tanzten drei junge Männer ähnlich wie die Mädels zusammen im Kreis, hielten sich bisweilen an den Händen, umarmten sich und genossen sichtlich ihre  Nähe und Verbundenheit. Bei den jungen Jungen geht das offenbar mittlerweile.

Ich tanzte mich müde. Als ich daheim war, war es deutlich später als geplant. Aber egal. Das war ein toller Auftakt in den Weihnachtszauber.

Allseits frohe Weihnachten. Merry X-mas. And don´t forget to rock around the  christmastree.