„You will cry in your heart“

Yes!

Mein gambischer Freund

„Good morning my friend, how are you?“ werde ich jeden Morgen begrüßt, vielmehr – wurde. Ich habe den Kontakt abgebrochen. Nicht wegen der netten Begrüßung morgens. Sondern weil sie gefolgt waren von unzähligen „help us“, „save us“, „we are starving“, „you are the only one to give us hope” bis „send us money“, und ich bin auf diesem Ohr keineswegs taub, aber a) habe ich so viel Geld gar nicht, wie es da Familienmitglieder zu retten gäbe, und b) hat es nicht gestimmt. Mein gambischer Freund hungerte nicht, und ich denke, seine Familie auch nicht.

Ich habe ihn über Twitter kennengelernt. Plötzlich hatte ich einen Follower in Gambia, und weil man sich über Twitter auch persönliche Nachrichten schreiben kann, bald persönlichen Kontakt.

Es ist ja, nebenbei, schon seltsam, wie Kontakte mitunter heute entstehen. Ich bin auf einer Kommunikationsplattform, weil ich mich für Politik und Gesellschaft interessiere, und ein mir völlig fremder, geheimer Algorithmus steuert, mit wem ich in Kontakt komme. Und ich kann nicht beurteilen, welches Verhalten von mir welche Reaktion im Algorithmus auslöst. Das wissen nur dessen Programmierer. Eigentlich ist das ziemlich unheimlich, und ich schließe mich der Forderung an, dass die Social-media-Konzerne ihre Algorithmen offenlegen. Dies world-wide-web ist eine faszinierende Welt, an der ich gerne teilnehme, aber ich will wissen, nach welchen Regeln sie funktioniert. Alles andere ist nicht fair. Es kam schon vor, dass mir Leute gefolgt sind oder Freundschaftsanfragen schickten, je nach Plattform, und wenn ich dann auch folgte oder die Anfrage annahm, dann kam später eine  Meldung „xxx folgt dir jetzt zurück“. Da fühle ich mich dann verschaukelt. ICH war doch die, die ´zurückfolgt´. Seltsam.

Jedenfalls hatte ich Kontakt zu J… oder auch E… – je nachdem, welchen Account er benutzte. Und ich erfuhr, dass sie sechs Geschwister sind, der Vater gerade gestorben ist, er kann seine Schule nicht abschließen, weil sie das Schulgeld nicht aufbringen können. Sie haben Hunger. Es ist Lockdown. Nichts geht mehr in Gambia….

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Ein Gedanke zu “„You will cry in your heart“

  1. Mitzi Irsaj September 8, 2021 / 4:34 pm

    Du hast das Dilemma deiner Situation so nachvollziehbar und gut auf den Punkt gebracht. Und ich kann das alles sehr sehr gut nachvollziehen. Zum einen den Wunsch zum helfen, dann aber auf die Hilflosigkeit wenn es immer mehr wird und man den Überblick verliert. Dein letzter Satz ist der schönste und wichtigste. Liebe Grüße

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