Die Fasnet, die nicht war

Doch, am Ende, so im Nachhinein, meine ich doch, fühlte sie sich an wie ausgefallen. Abgesagt und ausgefallen. Was war, war keine neue Form von Fasnet, eine der Pandemie angepasste. Ja, es war noch nicht mal eine Notlösung. Es war eher eine Art Ehrbezeugung, a tribute to -, als würde halt irgendwie der Umstand, dass sie gewesen wäre, gewürdigt.

Die Clips mit der Schmotzigengruppe und mit den Kindern waren schön zu machen. Da war kurz Fasnet. Außerdem waren just in diesen Tagen diverse Kindergeburtstage, verkleidete natürlich. Wenn so ein Kind sich ein ganzes Jahr auf seinen Geburtstag freut, und dann ist der und es darf aber nur ein einziges weiteres Kind einladen, dann macht das die Sache nicht einfacher, wenn das Ganze  dennoch eine Party geben soll. Wir hingen uns also ziemlich rein, und am Abend des Schmotzigen hing die Krone denn auch schief und war die Schminke verschmiert. Fürs Zoomtrinken anschließend hatte ich kaum mehr Energie. So weit so gut. Am Samstag eine Freundin auf einen Fasnetssekt besucht, am Abend die Küche geputzt. Am Sonntag wäre normal der Bajassumzug gewesen, da waren die Kinder heuer nicht mal da. Stattdessen die Eltern besucht und abends Schulsachen sortiert. Stapelweise Arbeitsblätter versucht einem Wirrwarr von Schnellheftern zuzuordnen, deren Inhalt bestimmt einem System unterlag, aber keinem, das ich verstand. Jetzt ist alles irgendwo drin, und es sind neue Ordner gekauft. Künftig will ich aufmerksamer Schulranzen aufräumen. Alles ist zu was gut. Ich bin näher dran jetzt. In viele Hefte hatte ich kaum je wirklich hineingeguckt. Am Montag wurde ich um sechs Uhr wach, weil eine kleine Prozession, ein mageres, trauriges, herzanrührendes Orchester in noch stockfinstrer Nacht, das erste  Morgengrauen war noch weit, am Fenster vorüberzog und „Oh-jerum“ spielte, in Moll. Dazu defilierte ein langer Mann vorüber, der mir aus dieser Perspektive fremd vorkam – der Kopf riesig, und so harte, kantige Züge; ausserdem schien der Körper geschrumpft. Ich kannte den langen Mann eher aus Kinderperspektive, die eigenen Augen irgendwo auf Kniehöhe, darüber bis zum fernen Kopf hoch oben viel wallendes Blau. Komisch. So sieht der aus? In diesen Zeiten ist sogar der lange Mann nicht mehr das, was er mal war.

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HomeschoolingII

Hausaufgaben – ein Reizwort, sobald  es fällt. Ich fange an das zu verstehen. Familiär steht´s für  Disziplin und Ordnung – wer und welche Familie hat wieviel Energie übrig, sie durchzusetzen – weil ein Wollen ist´s ja selten. Politisch steht´s für Ignoranz und Anmaßung. Hausaufgaben sollen immer da gemacht werden, wo Schlendrian und zu großes Wünschen bei zu wenig Initiative unterstellt wird.

Homeschooling ist eine ziemlich große Hausaufgabe. Die hat niemand ausgesucht, die ist einfach so geworden. Ist halt ein Elend mit diesem Corona. Mit der Schule meiner Kinder bin ich allgemein und hier insbesondere hochzufrieden. Man hat versucht für alle Klassenstufen ein  praktikables Modell des Homeschoolings anzubieten – eine Mischung zwischen zugesandten Plänen inklusiv Arbeitsmaterial und Online-Schulstunden, die dem Ganzen durchaus Rhythmus, Schulbewusstsein und sogar ein gewisses Gefühl von Klassengemeinschaft vermitteln.

Wir kennen nun alles. Homeschooling ohne jede Form von Digital, homeschooling mit Digital, und Notbetreuung. Und wir kennen die jeweiligen Vorzüge und Nachteile. Notbetreuung funktioniert überraschend gut, was die Motivation der Kinder angeht. Die finden´s dort ganz prima. Sie kommen mit  weitestgehend gemachten Aufgaben heim. Aber kontrollieren und korrigieren muss man zuhause trotzdem. Sie sind dort betreut, nicht unterrichtet. Fair enough. Homeschooling ohne Digital ist gechillt und bietet Freiräume, hat aber wenig mit Schule zu tun. Homeschooling mit Digital bietet einen gewissen Komfort, schon was das frühmorgendliche aus dem Bett und in die Klamotten quälen angeht, ist bisweilen durchaus effektiv, fühlt sich echt an wie Schule daheim, hat aber auch seine Tücken. Manchmal hindert einfach Unlust oder zu viele Ablenkungsmöglichkeiten. Der Kater legt sich aufs Blatt, die Barbie oder Legofigur drängt sich auf, man hat Hunger, Durst, muss aufs Klo, muss aus dem Fenster gucken, sieht zum ersten Mal im Leben, dass schräg gegenüber ein Kind wohnt, hat nochmal Hunger, nochmal Durst, muss nochmal aufs Klo, braucht endlich eine Pause. Das dreht sich im Kreis und kann sich über Stunden ziehen…..

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„Proletarier aller Länder!- wir müssen reden!“

„Revolution!“, „Umsturz!“ „Ende, aus, Amen“ oder „Systemwandel!“. Es brodelt. Es kippt.

„Wenn der Kahn nach rechts kippt, setze ich mich nach links“. Was hat man sich in der Afd aufgeregt über dieses Stück des Zimmertheaters und den Umstand, dass Kultur im Land unabhängig von politischer Gesinnung gefördert wird. Wenn die Kunst das Gären bespricht, dann bitte nur, wenn man gut wegkommt dabei. Steuergeld nur für Lobgesänge. Es war nicht das Stück, das man eben gesehen hatte, mir fällt´s nur gerade ein. Wegen dem ´Kippen´.

Sehenden Auges, will mir scheinen, stürzen wir uns ins Unglück.  Es ist, als müssten wir schnellschnell wissen, wie unsere Geschichte zu Ende geht. Wie jemand, der vor und ins letzte Kapitel blättert. Dabei ist das noch nicht mal geschrieben. Und ich muss mich selbst mahnen – es ist auch noch gar nicht raus, ob es eine Tragödie gibt. Von einer Tragödie spricht man erst, wenn am Ende wirklich restlos alles seine schlimmstmögliche Wendung genommen hat. Bis dahin aber gibt es immer noch bessere Möglichkeiten. Der Gedanke tröstet, er lässt einen Funken Hoffnung.

Draußen liegt Schnee heute, dabei scheint der Sommer eben erst vergangen. Es war doch erst gerade, da saß ich im Sommertheater im Bockshof, in einem kurzweiligeren, sommerlaunigen Stück. Nach der Vorstellung blieb man sitzen, ein kleiner Kreis, (Sicherabstand gewahrt), um uns wurde verpackt und aufgestuhlt, drumherum war Dunkelheit. Wir saßen und redeten, und in unserem Kreis war man sich einig – es kippt – das Klima, die Ökosysteme, der Frieden, der Zusammenhalt der Gesellschaften, alles, es geht den Bach runter. Und wir sitzen da und versuchen, die Nerven zu bewahren.

„Halte dich an Jesus“, sagte neulich eine ehemalige Nachbarin zu mir, die ich auf dem Spaziergang zufällig getroffen hatte. Sie liest Biographien von Christen, die sich in Krisen umso stärker an ihren Glauben hielten und viel in der Bibel. „Das hilft es auszuhalten!“

Ich will aber gar nicht aushalten. Im Übrigen bin ich mir gar nicht sicher, ob das das Problem nicht eher verschärft. Ein Bekannter, ein Perser, der jetzt seit vielen Jahren in Deutschland lebt, hatte mir unlängst erklärt, wie in seiner Heimat über die vergangenen Jahrzehnte alles wegbrach, (nicht zuletzt mit Betreiben des Westens) – erst die Wirtschaft, der Wohlstand, die Kultur, Frieden und Freiheiten, zuletzt die innere Sicherheit, geblieben ist nur die Religion, der Glaube, und heute halten sich alle daran fest, auch die, die den vordem eher moderat und gelassen genommen hatten. Es gibt nichts mehr sonst zu verlieren.

So eine Fixierung auf den Glauben macht die Welt aber auch nicht besser, will ich meinen.

Wir haben die Wohnung jetzt adventlich geschmückt, und die Kinder freuen sich auf Weihnachten. Ich mag dieses Fest auch, und den Gedanken, dass die Nächstenliebe gefeiert wird, und überhaupt die Liebe und die Toleranz und die Nachsicht. Außerdem gibt man im Christentum viel auf Vergebung der Sünden, was ich sympathisch finde. Strafsysteme und Rachegelüste vergiften auch bloß und schüren üble Neigungen.  Glaube kann ein schon Halt sein, und eine Struktur geben, einen Faden in die Hand, so wie die Aufteilung in Alltag und Wochenende und Feiertage die Zeit strukturieren hilft. Aber dass da irgendwelche überirdischen Mächte unsere selbstgemachten Probleme für uns lösen, das schließe ich aus. Das wird nicht geschehen. Und wenn wir noch so viel beten.

Es brodelt, es kippt, es rumort, überall. Die Auslöser sind unterschiedlich, aber ich empfinde das Brodeln als dasselbe. So viele Menschen wollen so viel, viele völlig zu Recht, und einige wollen mehr als andere, einige wenige das Meiste für sich.

“The world is looking at you!”, sagte der persische Freund. „Die Welt schaut auf Europa“.

Herrje. Ich weiß nicht, wie ich das finden soll. Was eine Bürde, und hier gärt es ja genauso. Nationalismus gegen Gemeinsamkeit. Populismus gegen Demokratie. Ich dachte, wir leben in Ländern und Gesellschaften, die im Geist der Aufklärung verwurzelt sind – die Befreiung von der Knechtschaft unter Kirche und Aristokratie, und  Ideale, die ´Vernunft´, ´Toleranz´, ´Bildung´ und ´Bürgerrechte´ und ´Emanzipation´ heißen. Freie, aufgeklärte Bürger bestimmen ihr Schicksal selbst. Sie lieben und empfinden und glauben, jeder nach seiner Fasson, aber entscheiden tut man schließlich anhand von wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen und nach den Regeln der Vernunft, und ´Staat´ ist ein dem Gemeinwohl verpflichtetes, selbstverwaltetes Gebilde. Und jetzt müssen gerade Wissenschaft und Bildung sich so verteidigen und wird Toleranz verunglimpft als Gutmenschentum, und es gilt als fraglich, ob wirklich alle dieselben Rechte haben. Und es sind wieder alles ´Glaubensfragen´, Fakten gelten als bloße Ansichtssache. Es kommt ja schon so weit, dass Zweifel geschürt werden, ob die Erde tatsächlich eine Kugel ist und nicht vielleicht doch eine Scheibe. Gute Güte. Mir bleibt die Spucke weg.  Natürlich muss sich Wissenschaft Zweifel stellen. Ich denke, Wissenschaft lebt von Zweifel und Fragen, aber mit Vernunft auch diese einkalkuliert, haben ihre Erkenntnisse Gültigkeit. Und eben die wird ihr aberkannt von denen, die grad am Lautesten  ´Revolution!´ schreien.

Es liegt immer etwas Hehres in diesen Rufen, es klingt mutig und kühn und verwegen, und es greift so gut die Unruhe auf, die in der Luft liegt. Aber dann sehe ich mir die an, die da rufen und denke „nee, Veränderung ja, revolutionäre auch, bitte, gerne“, aber nicht so. Nach den Barrikaden kommen manchmal auch die Jakobiner, und dann neue Kaiser, und nichts ist besser, es ist nur eine Menge Leid geschehen, und es sind andere Köpfe oben, aber wieder gibt es ´oben´ und ´unten´.

Man darf es nicht den Ärschen überlassen, das Brodeln aufzugreifen und die Parolen zu formulieren. Man darf nicht sie ´Angst´ definieren lassen. Natürlich liegt Angst in der Luft. Aber die vor dem Virus und seinen Begleiterscheinungen scheint mir eine der Geringeren. Ich habe Angst vor der Zukunft meiner, unser aller Kinder, und mit dieser  Angst stehe ich nicht allein. Ich habe Angst davor, was wir dem Planeten antun.  Ich will, dass sich etwas tut! Es muss sicht-und spürbar sich Wandel zeigen. In der Politik wundert man sich über das Erstarken der Rechten und Komplett-Durchgeknallten. „Was sind sie denn alle so unzufrieden?“. Stimmt ja. Es geht den allermeisten ja eigentlich viel zu gut für eine solche Wut. Ich glaube, es ist die Angst, egal, wie die jeder für sich für sich selbst definiert. Es ist die Angst, die brodelt, und das übermächtige Gefühl ´so geht es nicht weiter´. Und je länger weiterregiert und verwaltet wird wie gewohnt, je mehr leistet man dem unguten Anteil in dieser Angst und diesem Brodeln Vorschub.

Es braucht eigene, andere Parolen. Bei den AHA-Regeln geht´s doch auch. „Abstand, Mundschutz und Hygiene“ – fertig. Kurz und bündig. Geht doch.

„Keine neue Versiegelung von Flächen, ehe nicht bereits zerschnitte undoder versiegelte, mittlerweile ungenutzte Flächen nicht verbraucht sind“. Mit Maßstäben der Vernunft und dem Gemeinwohl verpflichtet gemeinsam entschieden.

„Kein Müll in die Natur, unter keinen Umständen. Alles wird nach den neuesten technischen Möglichkeiten möglichst emissionslos entsorgt oder besser noch recycelt, im Land des Entstehens.“

„Öffentliche Transportmittel statt Individualverkehr. Gefördert wird, was dem gerecht wird.“

„Keine Kriege oder Unterstützung derselben!“ Es sei denn vielleicht sie dienen, zweifelsfrei und akut, der Verhinderung eines Genozids, was die einzige Rechtfertigung sein kann. Die Opfer eines laufenden Krieges genießen selbstverständlich Schutz und Hilfe.

„Keine Produktion von irgendwas, solange die Fragen nach Folgen und der Müllentsorgung nach Gebrauch nicht nachhaltig geklärt und sichergestellt sind.“

„Keine Produktion von irgendwas, ohne dass der Ressourcenverbrauch nachhaltig hineingerechnet ist.“

„Keine Produktion von irgendwas, ohne dass nicht alle an der Produktion Beteiligten angemessen entlohnt sind.“ Das gilt auch für Fleisch. Ställe müssen Luxus-Viehhotels sein. Wenn schon jung sterben zu anderer Wesen Genuss, dann wenigstens davor vortrefflich gelebt.

„Keine Handelsabkommen, die arme, kleine oder schwächere Marktteilnehmer übervorteilen“.

„Finanzmarktteilnehmer sind verpflichtet sämtliche Transaktionen offen zu legen. Sämtliche. In jedem Land, in dem sie aktiv sind.“ Eigentum verpflichtet, auch und gerade dem Gemeinwohl. Habenichtse legen schließlich auch offen.

Und mehr Ehrlichkeit.

„Das Wachsen ist vorbei. Wir müssen uns auf weniger einstellen. Wir verteilen so, dass möglichst keiner Not leiden muss!“…..

Es ist ja nicht so, ich verstehe die überwiegend ja doch vorherrschende Gelassenheit und Akzeptanz, in der sich die Leute derzeit einschränken, nicht anders: sehr viele Leute sind sehr bereit sich sehr weit fürs Gemein- und eigene Wohl einzuschränken. Das ist doch was. Das ist doch eine Basis.

Weit über 50 Prozent tragen derzeit Regeln mit, die als teilweise ungerecht, als unausgegoren, als widersinnig und unlogisch, als gemein, als schwer, als unter normalen Umständen unzumutbar gelten. Zu Recht. Sie sind starker Tobak. Und doch nehmen die meisten sie hin und das sind nicht unbedingt die, die weniger darunter leiden.

Manche spüren den Druck vielleicht gar nicht, denen geht es einfach gut, die genießen die gewonnenen Ruhe und ihr auskömmliches Dasein. Ich will´s nicht missgönnen. Wer glücklich ist, den lasse man glücklich. Ich find´s oft aber auch leicht bourgeois und biedermaieresk. Die  haben kein Problem mit Lockdown, nicht mit light oder strong, denen passt es hin wie her. Die sind sich selbst genug und sehen die Not anderer gar nicht.

Es gibt aber durchaus viele Freischaffende, Künstler, Selbständige, Wirte, uswusf., Leute, die mitunter schwer zu darben haben und die dennoch sehr bereit sind mitzutragen – solange die Gründe dafür nachvollziehbar sind. Die weiß man halt gerne. Man will mit abwägen.

Vielleicht hat der persische Freund ja Recht. Vielleicht könnte man es vormachen. Europa hat eine starke Zivilgesellschaft, eine starke Wirtschaft und eine starke Demokratie. Von wegen ´Krise der Demokratie´. Nur weil paar Dumpfbacken den Reichstag stürmen,  ist noch lange nicht die Demokratie bedroht. Und auch nicht beschmutzt. Herrje. Stelle man sich nicht so an. Das sind Flecken auf der Weste, die gut wieder rausgehen.

Vielleicht ist die Demokratie ja die beste Form, um Umwälzungen, wie sie stattfinden müssen, zu bewältigen. Sie ist nicht die einfachste, unkomplizierteste, das nicht, aber die gerechteste, und sie nimmt die meisten mit, anders wie viele andere Revolutionen und Umstürze das tun, in denen nur ein ausgewählter Teil profitiert. ´Systemwandel´. Da steckt das ganze Spektrum der Aufgaben drin, die anstehen, ohne den plötzlichen Umsturz. Systemwandel ist etwas, das sich denken und lenken lässt. Angehen muss man ihn freilich schon. Bereden. Thematisieren. Diskutieren. Hin und her drehen, von oben nach unten und umgekehrt und von links nach rechts und wieder zurück, von innen nach außen und von außen nach innen – Systemwandel ist das Thema, das ansteht.

Systemwandel ist ein Wort, das in der offiziellen Politik bislang nicht vorkommt, und so lange es das nicht tut, glaube ich, erstarken die Ultra-Rechten und Voll-Arschigen.

„Let´s move it!“  Und hey, Ihr Gewählten und Entscheidungsträger – Ihr auch – „move it!“ Habt nicht so einen Schiss vor Fehlern und Gegenwind oder gar dem Verlust eines Amtes. Keiner muss schließlich im Regen stehen bleiben. Und wir sind nicht dazu da, uns gegenseitig Zucker in den Hintern zu blasen.

Am Tisch des persischen Freundes breche ich eine Lanze für Gemeinwohlökonomie und das bedingungslose Grundeinkommen, für Frührente und  Sozialhilfe, und dass die Reichen selbstverständlich mehr abgeben als Arme. Wer ganz wenig hat, muss auch auf ganz wenig verzichten, bei dem bleibt´s mit marginalem Abstrich gleich, was die Lebensstandards einander näher bringt. Auch gut. Proportional. Wo ist das Problem?  – bei so viel Reichtum in so wenigen Händen bei so viel Bedarf in so vielen. Wenn man den Wandel mitdenkt, der Einkommensstrukturen verändert, sind´s, auf jeden Fall erstmal, umso mehr Bedürftige. Das macht den Gedanken umso logischer. Der persische Freund lacht. „Es gibt Länder, auch westliche, sieh nur Amerika, da getrautest du dich solche Worte kaum in den Mund zu nehmen! Du wärest erledigt. Das klingt nach Sozialismus, und der kommt gleich nach dem Antichristen.“  Ich schlucke. Da mag er Recht haben. Komisch ist es aber. Die Sünden des Kommunismus waren schlimm, aber in der Liste der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte steht er in bester Gesellschaft gleich neben dem Faschismus, den Kirchen, den Kaisern und Königen. Der Holocaust steht für sich. Den will ich als Einzig in seinem Bösen und Horror verstehen.  Es will mir nicht einleuchten, weshalb Umverteilung und sozial konzipierte Politik schlecht sein soll. Die Welt geht den Bach runter, außer die Finanzmärkte, die nicht. Da darf man doch nachhaken!

„Revolution!“ Darin steckt „Jetzt! Auf die Barrikaden! Heute und sofort!“ Es hat bestimmt schon Zeiten gegeben, da hat das gegolten. Aber so ist es gerade nicht. Die, die „jetzt!“ schreien, sind nicht die, denen ich einen Wandel anvertrauen will.

„Systemwandel.“ So geht es nicht weiter. Jeder weiß es. Systemwandel – das könnte gehen.

Man kann das Kippen geringreden – das ist scheiße; man kann es leugnen – das ist mies. Aber eigentlich muss man es anerkennen. So geht es nicht weiter. Es wird nach Corona neue Krisen geben. Und freilich bringt auch ein Systemwandel Krisen mit sich, aber die, die man selbst lenkt, die hat man auch besser im Griff. Krisenpolitik ist die Anstrengung, es im Griff zu be- und für möglichst alle bewältigbar zu halten. Dies und ein Plan B, der einigermaßen verträglich und zielführend ist. Zielführend dahin, so würde ich es anstreben, dass der Plan das Kippen mindert und abfedert, so gut das geht, und der die derzeit existierenden Ökosysteme rettet. Freilich kann die Natur auch gut ohne uns Menschen, aber so ein schnelles Rundum-Sterben-und-Ausrotten ist ein Schock, der Leid bringt, und Leben ist schöner ohne solche Schocks. Für das Leben also, das, welches da ist. Keinen abschreiben oder einfach zurücklassen. 100% Glückliche gehen nie. Aber es soll auch mit und nach Systemwandel und Plan B  möglichst vielen so gut gehen, dass sie eine faire Chance auf Glück haben.

Ach, ich weiß nicht, wie dies Ziel zu setzen und zu formulieren wäre. Frage man Politiker. „Wie sieht ein Plan B aus, habt Ihr einen? Sehr viele hätten gerne einen. Und wie könnte der gehen und worauf sollte er zielen?“.

Wir müssen reden. Wir müssen alle Bedenken und Ängste hören und aufgreifen und darüber reden. Es lassen sich bestimmt nicht alle zerstreuen, aber man kann verstehen und helfen und Anteil übernehmen. Solidarität und Frieden ist nicht umsonst. Und  Politik ist auch nicht ´Beschließen und Verkünden´. Politik muss reden. Ich will den Werdegang der Entscheidungen wissen, die Bedenken und Zweifel, die Hoffnungen, die Für-und-Widers, das Abwägen, die Trotzdems. Ich will das alles wissen, und ich will die Worte, die mich bewegen, in den Überlegungen wiederfinden.

Wir müssen über den Systemwandel reden, und über einen Plan B.

Ein kleiner Mann

Er wohnt nicht weit von mir, um ein paar Ecken, doch trotz der Nähe sehen wir uns manchmal länger nicht, und wenn schließlich, dann bleibt es meist beim kurzen ´Hallo´. Heute sehe ich ihn im offenen Fenster, er blickt auf und mich direkt an, hält inne in seiner Bewegung und signalisiert ´Reden´. Gut, ich bleibe stehen. Er hält den Lappen in der Hand, auf dem Büffet steht ein Eimer dampfenden Wassers. Sein Oberkörper ist leicht vornüber gebeugt, die Schultern hängen nach vorn, was ihn kleiner und gedrungener wirken lässt als er ohnehin ist. Das Haar ist schütter, das Gesicht zerfurcht, der Kopf ist eingezogen als regnete es. Das tut es nicht, die Sonne scheint, aber die erreicht ihn selten. Die dunkelste und klammste Wohnung hat er, klagt er, eine Stadtwohnung im Erdgeschoß, mit Blick auf Mauern und Hauswände aus jedem Fenster. ´Lichtdurchflutet´ ist in der Tat anders. Er ist recht nett eingerichtet – für einen quasi Junggesellen. Da war mal was, lange her, aber ich kenne ihn nur solo. Früher, denk ich, lebten Junggesellen auf Matratzen auf dem Boden, zwischen Magazinen, Plattensammlungen, verstreuten Tellern und Kleiderhäufen. Naja, wir sind alle in die Jahre gekommen. Die gut Gestellten besitzen heute Kaffeevollautomat und Induktionsherd, und sie kochen frisch und sterneverdächtig. Bei diesem hier geht’s bescheidener zu, es riecht nach Maggi und schlechtem Öl, und am Tisch steht nur ein einziger Stuhl. Auf Besuch eingerichtet ist man hier nicht.  Geschieden ist er, schon lange, die Kinder sind anderswo groß geworden und sie melden sich selten. „Ist alles nicht so geschickt gelaufen“, meint er, wenn das Gespräch auf Familie kommt, und zieht den Kopf dann noch etwas tiefer. Aufgaben, die schwierig sind und Zweifel mit sich bringen, so schließe ich aus seinen Erzählungen, begegnet er mit Furcht und Fluchtgedanken. Übersichtliche Arbeiten und klare Ansagen sind ihm das Liebste. Das ist nur nicht mehr so einfach, in diesen aufgewühlten, krisengeschüttelten Zeiten.

Der Herbst drückt ihm aufs Gemüt, die Tage sind zu kurz und zu lang zugleich, die nassen Blätter kleben am Trottoir, und die vorüberfahrenden Autos sprühen feine, aschgraue Regentröpfchen an seine Fenster. Er ist am Putzen. Das Leben ist voller Widrigkeiten und auch viele kleine geben zusammen eine große. Eine satte Prise Depression liegt in seiner Stimme, auch wenn er sich um Tapferkeit bemüht. „Man muss ja“. Das Leben ist voller Müssens. Und das selbst in diesen Zeiten, in denen die Natur sich in den Winterschlaf begibt und die Städter zwischen Quarantäne und Kurzarbeit wechseln. „Besorgen Sie sich schöne Lichter“, sage ich. Eine Stehlampe ersetzt die Sonne nicht, aber auch ihr Licht tut gut. „Ach. Jaa“, ich höre das Nein im Ja, und ein ´bringt doch auch nichts´. Düsternis macht sich ungehindert breit bei ihm, es ist ein Elend. Weihnachtsmärkte sind abgesagt; die vielen Lichter, die Musik und der Geruch nach Glühwein – ja, er hat ja Recht. Das konnte einem den Winter schon etwas schmackhafter machen.  Wenngleich ich persönlich immer fand, die Kombination von süßem, klebrigem Wein in dicken Tassen und Schupfnudeln auf Papptellern ist zum Einen schon optisch kaum zu toppen und zum andern auch nur für robuste Mägen. Dem Gourmet stehen da vermutlich die Haare zu Berge. ´Geröstetes Kraut auf Buabaspitzle´- man will das Bild nicht weiter vertiefen. Dazu braucht´s tatsächlich einen Schuss Hochprozentiges im Wein. Dass es danach mit dem Abstandhalten nicht mehr so einfach ist, liegt auf der Hand; so gesehen kann ich Marktabsage und Alkoholverbot durchaus nachvollziehen.

Ach, er wäre sowieso bloß mal so durchgelaufen, sagt er. Er hat ja sowieso kein Geld. Immer nur Zeitverträge und Leiharbeitsfirmen, und zwischendurch wieder das Jobcenter. Und jetzt Corona, und alles hat zu, und er kommt nicht mehr raus, und da bricht es aus ihm, und ich will eigentlich weiter gehen, ich bin in Eile, aber das verbietet sich.

Depressionen begleiten ihn schon lange, und dass es ihn jetzt erwischt, das war ja klar, sagt er. Der letzte Job war auch wieder befristet und ist jetzt zu Ende. Und wer stellt jetzt schon ein, wo alles auf Kurzarbeit ist. „Die im Jobcenter, die machen jetzt Homeoffice. Aber sobald die wieder in ihren Büros sitzen, geht´s wieder los, mit Schreiben und Aufforderungen und Druck. „Bewerben Sie sich hier und da“, die unmöglichsten Jobs zu den unmöglichsten Bedingungen. Sonst wird gekürzt.“ Mit Vollzeit hat er grade mal 1000 Euro netto, sagt er. „Und wenn sie jetzt wieder einstellen, dann sind´s wieder Leiharbeitsfirmen, und die drücken weiter, und am Ende sind´s kaum neun Euro die Stunde, und fahren muss man dafür eine halbe Stunde bei Tag und bei Nacht und bei jedem Wetter. Und wehe, man ist mal krank, dann ist´s mit einer Festanstellung sowieso gleich vorbei.“ Er WAR öfter mal krank. Das war auch schon anders; er ist gelernter Handwerker und hat seine Arbeit gehabt und jahrein jahraus geschafft. Aber dann kamen die Probleme. Es lief nicht alles geradeaus, und das hat ihn mitunter gebeutelt, und die Dinge schlagen ihm halt schnell auf Gemüt und Magen. So hat es in den letzten Jahren immer wieder Jobwechsel, Kranksein und Phasen von Arbeitslosigkeit gegeben.  Hat er es mal mit einer Therapie versucht?, frage ich. Er mag zu den Leuten gehören, die dazu ein empfindliches Verhältnis haben; ´Therapie´; es gibt ja Leute, die setzen das sofort mit einer Diagnose ´spinnt´ oder ´hysterisch´ gleich. „Es hat ja jeder so seine Baustellen, auf denen was im Argen liegt“, erläutere ich, um die Hürde niedrig zu halten. Er war in einer. „Ach, das bringt ja auch nichts. Die verschreiben Medikamente, und mit denen ist es ein bisschen besser, aber weg ist es nicht, und man ist wie neben sich.“ Irgendwann hat er sie abgesetzt. Wenn er sich schon vergiftet, sagt er, dann will er wenigstens, dass es ihm auch gut geht damit und er sich gesund fühlt. Scharfe Logik, denke ich. „Früher“, sagt er, „da haben sich die Ärzte Zeit genommen. Da hat man zwei, drei Stunden warten müssen. Aber WENN man dann dran war, dann hatte die Frau Doktor eine dreiviertel Stunde Zeit. Und schon dadurch ging es besser.“ Heute wartet er kürzer, aber er ist nur fünf Minuten drin und bekommt halt ein Rezept mit. Wozu also hingehen. Und dann sei mal einer eingeschlafen. Das ist natürlich bitter. Das Wasser dampft im Eimer, der Mann redet als hätten all die Worte keinen Platz mehr in ihm und drängten gewaltsam raus. Aber ich kenne ihn auch anders; er scheint mir keiner, der das Herz auf der Zunge trägt. Und dann ist das bitter – vor dem Therapeuten sitzen, reden und erzählen und sich offenbaren, und das Gegenüber schläft ein. „Man braucht Energie für so was. Das kostet ja Kraft“, sagt er. Klar! Dem Therapeuten gehört der Stuhl unterm Hintern weggezogen. Dann war er in Selbsthilfegruppen. Das war ganz gut. „Aber die haben ja jetzt alle zu – wegen Corona.“  Es gibt nichts mehr, sagt er. Und da schlucke ich. Das ist so einer der Punkte, die ich nicht verstehe. Man kann doch nicht einfach dichtmachen und zumuten und den Leuten die Hilfen verweigern, die sie brauchen, um die Zumutungen auszuhalten. Offenbar gibt es keine anderen Konzepte als ersatzlos zu streichen. Das kann´s doch nicht sein. Aber offenbar doch. Zuletzt war er in Reha. Obwohl ich einen anderen Eindruck habe, sagt er, sie habe nichts gebracht. Jetzt sei er ´gesund geschrieben´; er lacht; „so was geht. Gesundschreiben. Es sei alles Einbildung.“ „Käme nicht eine Frührente in Frage?“ will ich wissen. Er geht stramm auf die Sechzig zu, und ich denke, wenn einer eh so geplagt ist und offenbar nirgends richtig gebraucht wird -. ´Hätten doch alle was davon. Dann könnt er sich besser um seine alten Eltern kümmern, und vielleicht ehrenamtlich was machen; er ist handwerklich geschickt und WILL ja was tun. „Das wird nichts. Das wollen alle. Die Wartezimmer sind voll.“ Wieder lacht er bitter. „Lauter Ausländer. Hier nie groß eingezahlt, wollen aber alle in Frührente. Und für DIE muss man andere Geschichten auftischen – dafür muss man lügen. Das schaff ich nicht. Die Lüge muss man ja durchziehen. So einfach ist das alles nicht mehr. Die gucken schon, dass man sich zum Schaffen schleppt bis zuletzt.“ Ich nehme den Ausländerverweis unwidersprochen hin, und das ´Lügen´ ebenso, obwohl es mich beides stört. Solche Pauschalisierungen und Vereinfachungen sind auch verkehrt. Ich denke ans bedingungslose Grundeinkommen, und wie viel Gift das aus Leuten und System nehmen würde. Ich sage nichts. Dies ist seine Geschichte. Er sagt, er sei müde. Dann soll er sich halt hinlegen, entgegne ich. Er hat ja Zeit. Man muss es sich doch nicht schwerer machen als notwendig. Aber das getraut er sich nicht. „Der Körper gewöhnt sich dran, und dann fordert er es ein, und dann schaff ich es nicht mehr ohne. Und was ist, wenn ich dann wieder ein Gschäft habe? Dann pack ich das nicht. Davor hab ich Angst, und also lege ich mich nicht hin.“ Er steht morgens früh auf, hält sich irgendwie auf den Beinen und verkneift sich den Mittagschlaf. Kein Internet. Das hat er nicht. Und das ist vermutlich gut so; „die lügen uns alle an“ ist er überzeugt. Keiner „da oben“ meint es wirklich gut. Hätte er Internet, er wäre Verschwörungsanhänger. Er hält sich an feste Rhythmen und feste Abläufe und ist bemüht alles recht zu machen und das erwartet er genau so von anderen auch. Deswegen hat er gelegentliche Reibereien in seiner Hausgemeinschaft. Ich kann´s mir gut vorstellen – ein bisschen kleinlich und engstirnig kommt er schon rüber. Aber mangelnde Disziplin kann man ihm sicher nicht vorwerfen.

Neulich hatte ich eine Suppe vorbei gebracht. Die habe ihm geschmeckt. Er bedankt mich und gibt mir die gespülte Dose. Er tut mir ja leid. Ich sehe seine Not schon länger und verstehe seine Ängste, und ich denke, so kann man mit den Leuten nicht umgehen. Sein Durchhaltewille ist wirklich das Einzige, was er den Herausforderungen dieser Zeit noch entgegenzusetzen hat. Nur, dies Fazit, das er selbst zieht, darin folge ich ihm nicht. ´Die Ausländer´ sind´s für ihn, und die, die nicht schaffen wollen, und die, die rücksichtslos sind und über die Stränge schlagen uswusf – in seinen Schuldzuweisungen werden sie alle geschützt von ´den Großen´, die ihn ´kleinen Mann´ nicht hören. Auch das nimmt er tapfer und mit bitterem Lachen; „muss man halt weitermachen“. Er taucht den Lappen ins Wasser und wringt ihn aus.  Vielleicht ist das so. Ich weiß es nicht. Vielleicht hören ´die Großen´ wirklich nicht. Kann schon sein. Aber dass ´Ausländer´ und ´Flichtling´ größeren Schutz genießen, das stimmt sicher nicht.

Auf Lesbos wurde ein von der UN als vorbildlich gelobtes, selbstverwaltetes Flüchtlingslager brutalst geräumt. In dem Lager waren Schwangere, Familien mit kleinen Kindern, schwer Traumatisierte, Behinderte, und Opfer von Folter. Mitarbeitern der dort tätigen Organisationen wurde Zugang und jede Hilfe verwehrt. Die Leute wurden in das Lager Kara Tepe gebracht, das ebenfalls bis Dezember geräumt werden soll. Das macht mich sprachlos, und ich denke  wie Greta Thunberg wegen des Klimawandels „how dare you“. Wie kann man nur.

https://www.kindernothilfe.de/presseuebersicht/pressemeldung-uebersicht/pressemitteilungen-2020/griechenland-pikpa-geraeumt

Unter anderen Umständen könnten wir alle Ausländer und Flüchtlinge sein, irgendwo. Es ist fies, Not gegen Not auszuspielen. Und es hilft auch keinem. Unser Wirtschaftssystem ist menschenverachtend. Und so lange das so bleibt, bleiben auch die Krisen. ´Weitermachen´, das ist es ja eben. Das tun auch Politik und Wirtschaft, als passierte nichts und drängte nichts zum Umdenken.

„Das sind keine Probleme von uns“, sagt er und lacht sein kurzes, scharfes Lachen, „die machen eh, was sie wollen“. Die Großen und die Kleinen. Den einen die Wollens, den andern die Müssens, so einfach sei das. Er beginnt die Fenster zu wischen, und ich denk, vielleicht kann man das so sehen. Aber man kann es nicht unwidersprochen so stehen lassen. Ich gehe weiter. Ich will darüber nachdenken. Widersprüche wollen schließlich gut durchdacht und vorbereitet sein.

Ich steige aus

Ich steige aus. Ich habe keinen Nerv mehr, nicht für diesen zweiten Lockdown, nicht für die Wahl in Amerika, nicht für den Vorsitz der CDU, den ein eitler und von sich eingenommener Gockel unbedingt meint haben zu müssen, nicht für die stümperhafte und komplett ignorante Art und Weise, wie mit den Krisen dieser Welt umgegangen wird.

Da wird regelmäßig das Artensterben festgestellt, in immer größerem, dramatischerem  Ausmaß, einen Rückgang der Fluginsekten um bis zu 97%, das muss man sich mal geben, und Bauernpräsident und Landwirtschaftsministerin beglückwünschen einander für den prima new Deal, der die EU-Subventionen weiter nahezu auflagenlos und störungsfrei fließen lässt, wie immer ohne Rücksicht auf Verluste. Und dann ein schwindendes Ansehen beklagen. Ja soll  man denn noch dankbar sein?

Der Vergleich ist überspitzt, zugegeben, aber das kommt mir vor wie der züchtigende Lehrer von vorvorvorgestern, der Respekt und Dankbarkeit einfordert, weil die Schläge es anscheinend ja nur gut meinen. Diese Agrarindustrie ist nicht das Treiben einer verantwortungsvollen Bauernschaft, sondern es schädigt das Land, auf dem wir alle leben.

Und in Rottweil denkt man darüber nach, für die Landesgartenschau ein paar weitere Grünflächen für neues Wohnen zu versiegeln, dort, wo die Insekten am Liebsten sind, am Wasser und in Hecken. Der Leerstand in der Stadt bleibt was er ist, Fasnetwohnungen, Baustellen bis zum Warten auf die Abrissgenehmigung, oder einem Handel vorbehalten, der dem Wandel hinterher hechelt; neues Wohnen in der Stadt ein Fragezeichen.

Was muss eigentlich geschehen, dass Politik mal umsteuert? Dass neu gedacht wird? Ich fass es nicht.

Der Irrsinn ist maßlos. Ein komplett verquerer amerikanischer Präsident, Diktatoren in der Türkei und in Osteuropa, Kriminelle an der Macht in Südamerika. Und in der arabischen Welt verwechselt man Täter mit Opfern. Ich verstehe diesen Aufruhr nicht. Opfer, in Frankreich, sind ein französischer Lehrer und drei christliche Kirchenbesucher. Täter sind jeweils islamistische Fundamentalisten. Punkt. Und so lange die nicht als Täter gelten und dafür verurteilt werden, solange die wie Helden hochgehalten werden, auch und gerade von arabischen Politikern und Klerikalen, denke ich mir, so lange kann es kein friedliches Zusammenleben geben, nicht aus bösem Willen nicht, sondern wegen fehlender Kompatibilität. Frankreich ist eine abendländisch –westliche Demokratie, die strikt zwischen Kirche und Politik trennt und viel auf Meinungsfreiheit gibt, was in dieser Kultur Karikaturen einschließt über allerhand Würdenträger von Göttern, Propheten, Engeln und Teufeln, Kaisern und Königen bis hin zu Präsidenten und sich selbst überschätzenden Männern. Das ist in Frankreich so und in Deutschland auch. Das muss wissen und aushalten, wer da lebt. Im andern Fall, wenn man das nicht akzeptieren kann, wäre man gut beraten, darüber nachzudenken, ob man nicht in ein Land gehen will, in dem die Werte und Gesetze herrschen, die man sich wünscht. In Arabien dürfen Karikaturen verboten sein. Deren Sache. Aber keiner kann schließlich seine eigenen Regeln mitbringen und sie dem Land, in das man geht, überstülpen wollen. Was ist das für ein Unfug? Das müssten die arabischen Herrscher ihren Leuten sagen. Das tun sie nicht und also heizen sie selbst immerzu weiter auf. Von wegen, sie seien einer Hasskultur ausgesetzt. Auch da wird Ursache und Wirkung verwechselt. Gute Güte, das kann doch nicht so schwer sein zu kapieren. Hier herrscht neben Meinungsfreiheit auch ein anderes Verständnis von Respekt. Ein Witz gilt nicht unbedingt als Respektlosigkeit, sondern als kritische Auseinandersetzung, und er ist Selbstschutz – worüber ich lachen kann, dem fühle ich mich gewachsen. Ich will keine Götter, die mich niederknüppeln. Wer das will – bitte. Der Glaube ist frei.  Aber das muss schon jeder für sich selbst entscheiden dürfen.

Überhaupt – dieses ewige Rumgeflenne über verletzte Gefühle. Und das beileibe nicht nur von Muslimen – das ist universell en vogue. Alle sind andauernd gekränkt, wegen irgendeiner Lappalie. Gute Güte. Wenn jeder wirklich so empfindsam wäre, wie er da behauptet und sich selbst so verhielte, wie die zarten Saiten es demzufolge nahelegen, dann sähe die Welt anders aus.

Charlie Hebdo – keep it up! Ich bin mit Euch.

Zu uns ins Haus kommt manchmal eine Frau zu Besuch, die jedes Mal was rumzustänkern hat, und die sich dann beschwert, dass es stinke. Jetzt wird unentwegt gelüftet, und es zieht wie Hechtsuppe. Die rümpft die Nase, meint, sie sei was Bessres und weiß sich dabei noch nicht mal einigermaßen zu benehmen. Wer macht denn so was – in fremde Häuser gehen und sich mokieren, was alles nicht gefällt? Kein Verstand, kein Benehmen. Aber Respekt einfordern. Das hat man ja gern.

Meine eigene Laune war schon mal besser, zugegeben. So gesehen ist es ganz okay, jetzt in den Lockdown zu gehen und mich zurückzuziehen. Aber es nervt mich auch. So viele Einrichtungen haben so gute Hygienekonzepte entwickelt, und jetzt sollen die allesamt nichts wert sein. Theater, Konzerte, Kinos, Hotels und Restaurants sind dicht, während die Infektionen anderswo stattfinden. Ich versteh´s nicht. Kontakte reduzieren, ja freilich, aber doch eher dort, wo es keine Hygienekonzepte gibt, im Privaten, im öffentlichen Verkehr, in Bussen, Zügen und Flugzeugen, und bei der Arbeit, wo eben doch auch Köpfe zusammengesteckt werden und der Mundschutz häufig am Kinn hängt. Mundschutz, sagen einige, sei wie ein Maschendrahtzaun als Fliegengitter – komplett wirkungslos. Ich weiß es nicht. Ich denke, eine gewisse Wirkung wird´s schon haben. Und es tut mir nicht weh. Wenn es nur ein kleines bisschen hilft, soll´s recht sein. Die Wut dagegen und der Umstand, dass dieses Stück Stoff als Inbegriff fehlender Freiheit gilt,  das scheint mir doch reichlich überzogen. Jetzt ist eine Querdenkendemo ohne Maske genehmigt worden, das versteh ich auch nicht. Wir waren im Schwimmbad in Überlingen, da gibt es einen Strudel, in dem man sich im Kreis herumtreiben lassen kann, die Kinder lieben ihn. Den gab es diesmal nicht, weil, wie der Bademeister sagte, es schwierig sei, unter diesen Bedingungen den Mindestabstand einzuhalten. Die Kinder waren enttäuscht, aber uns war das vollkommen logisch. Und das soll auf einer Querdenkendemo anders sein? Dort ist Abstandhalten dann ganz easy? Ich bin gespannt.

Da wird einerseits so beherzt regiert und dann gekuscht vor irgendeiner blödsinnigen Wut. So kommt man nicht durch Krisen. Mit seiner Wut muss jeder selbst fertig werden. Wut ist wie Angst ein mieser Ratgeber. Und wenn einer tobt ohne Sinn und Verstand, dann muss man ihn toben lassen. Man kann ihm doch nicht darin folgen! Auseinandersetzung kommt besser ohne aus. Siehe oben. Und mir geht auch dies Geschwafel vom ´Aufwachen´ auf den Zeiger. Es sind doch eher diese völlig verquer Denkenden die Tiefschläfer, die nicht aufwachen und sehen wollen. Irgendwas an dem Traum, den sie träumen, ist offenbar zu geil. Sie träumen sich ja geradezu in eine Diktatur. Sie träumen sie herbei und sich hinein, und sie stritten ab, etwas damit zu tun zu haben, wenn der Traum sich anschicken wollte, in Erfüllung zu gehen. Manche Träume gehen nämlich in Erfüllung, gerade die schlechten tun das. Wenn einer vom Unfrieden träumt, dann bekommt er ihn leicht. Und seltsamerweise lassen sich solche Träume ziemlich detailgetreu träumen, wie Bausätze quasi. Was andersherum weniger funktioniert – die guten Träume tun sich schwerer. Eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Politik – komplette Fehlanzeige. Nur ein Beispiel. Und man sieht es auch an der Sache mit den Märchenprinzen und Traumfrauen. Unzählige Male geträumt und so selten gefunden. Ein Sechser im Lotto ist vermutlich häufiger.

Wir denken überhaupt nicht mehr gemeinschaftlich und setzen Freiheit mit Eigennutz gleich. Wir fürchten um eine Wirtschaftsform, die produziert um der Kapitalvermehrung willen, nicht für den Bedarf. Und wir sind unfähig umzudenken und die Politik unfähig umzulenken.

Ich geh jetzt in den Lockdown und reduziere. Kein Problem. Und ich werde das Netz durchkämmen auf der Suche nach Karikaturen, die mich lachen lassen und mir die Qual nehmen angesichts des Irrsinns dieser Wel. Und wenn ´s die Götter sind, die mich lachen lassen.

Und hier noch ein Link zum Text einer mir lieben und teuren Bloggerfreundin, Lachmitmaren, über die fehlende Kommunikation in dieser Corona-Politik

https://wordpress.com/read/blogs/163593389/posts/611

Widerstand II

Über die Demo in Berlin am 01. August gegen die Coronamaßnahmen

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Es waren anscheiend viele Schwaben dort. Wutbürger schwätzen schwäbisch. Die Zahlen, wie viele Demonstranten es insgesamt waren, schwanken zwischen 20.000 (Polizei) und 1,8 Millionen (Veranstalter und diverse Medien).  Zwei wenigstens sind aus dem Kreis und kommen in der nrwz zu Wort.

Der Eine mit diesem Beitrag:

Antwort eines Demo-Teilnehmers: „Wir wollen lediglich den uns verweigerten Dialog aufnehmen“

Daraufhin habe ich folgenden Leserbrief geschrieben;

 

Lieber Roman,

in einem gebe ich Ihnen unumwunden Recht: „Für ein Leben in Liebe, Frieden, Freiheit, Bewusstheit, Dankbarkeit und im Einklang mit der Natur.“ Ihr Motto. Dafür stehe ich auch, und ich wünsche mir, dass dafür ein weit überwiegender Teil der Menschheit steht.

Ich war trotzdem nicht auf der Demo. Ich sehe auch nicht, dass Meinungen unterdrückt werden. Es wird sehr sehr viel gesagt und sehr sehr viel verbreitet, in allen möglichen Medien, auf allen möglichen Plattformen und Kanälen, es wird demonstriert und protestiert und das ohne, dass es irgendwelche negativen Konsequenzen für irgendwen hätte. Es kommen nur einfach viele Meinungen und Haltungen nicht zum Tragen. Und auch ein wissenschaftlicher Diskurs findet statt. Nur wird nicht allen Wissenschaftlern gefolgt. Mir scheint, dies ständige Beleidigtsein, ´ich werde nicht gehört´, ist Teil des Problems unserer Gesellschaft. Jeder will den Ton angeben und ist beleidigt, wenn es grad ein andrer tut. Demokratie ist auch, Mehrheiten auszuhalten. – Solange sie auf dem Boden des Grundgesetzes sind, freilich. Schön, wenn dies eine solche Würdigung erfährt. Das Grundgesetz aber sehe ich persönlich durch die derzeit beschränkenden Seuchenschutzgesetze nicht in Gefahr, eher dadurch, dass es ad absurdum geführt wird von Leuten, denen es um anderes geht.

´Nicht Spaltung, sondern Gemeinschaft, und einen Konsens für das Wohl der Gesellschaft´ wünschen Sie sich, wenn ich das richtig zusammengetragen habe. Das wünsche ich mir auch. Und viele Demonstranten würden das sicher genau so unterschreiben. Einigen aber, es mögen wenige sein, doch die sind in der Organisation dieser Demos stark vertreten, geht es durchaus um Spaltung.

In den Thinktanks der Rechten werden Strategien gelehrt, wie Begriffe so verdreht werden, dass stets der Angreifer das Opfer ist und der Verursacher der Verwirrung ihr Ankläger. So sind für diese Strategen zB. stets die Anderen die Freiheitsbeschneider und Meinungsdiktatoren, während sie selbst es sind, die ein ganz klar umrissenes Bild davon haben, für wen welche Rechte und Freiheiten gelten und für wen nicht.

Nein, da muss ich Ihnen widersprechen – ich finde, es gibt durchaus Haltungen, die keine Bühne bekommen sollen. Kein Pakt mit Rechtsaußen.

Nichtsdestotrotz finde ich die Energie, die aus diesen Demos spricht, durchaus ermutigend, wie mir auch die Entschlußkraft der Politik gut gefällt. Und da wiederum gebe ich Ihnen Recht – sie zeigt sich mitunter nur an der falschen Stelle.

Ja, es gibt bedrohlichere Krisen als Corona. Aber die heißen nicht Mund-Nasen-Schutz. Die heißen Klimawandel und Umweltzerstörung. Und da sieht es mit der Demonstrationsfreude doch ziemlich anders aus, und mit der Entschlußkraft der Politik auch, und es werden von Klimawandelleugnern, -skeptikern, und – relativierern wieder nur diejenigen Wissenschaftler anerkannt, die die Bälle flach halten und abwiegeln, ´alles nicht so wild, kein Grund irgendwas zu verändern´. Und drum beschleicht mich das Gefühl, dass es in Wahrheit um etwas ganz anders geht. Es wird ja nirgends so viel von Panik gesprochen wie auf den Demos gegen die Corona-Maßnahmen. Und ich glaube, in Wirklichkeit ist ebendiese Panik vieler eine vor einem Ende der Party und die größte Motivation für ein solches kollektives ´Dagegen´.

Die Freiheit des einen hört da auf, wo die des andern anfängt. Und das liegt ziemlich dicht beisammen.

Unsere Kenntnisse über Corona sind allesamt begrenzt, und ja, auch ich sehe mehr Kollateralschäden als tatsächliche Erkrankungen.  Ich sehe aber auch, dass es anderswo auch andersherum stattfindet. Der schwedische Umgang mit Corona gefiel und gefällt auch mir. Allerdings sei hinzugefügt, ist dort  nicht nur die Politik anders und setzt auf mehr Eigenverantwortung, dort reagiert auch die Bevölkerung verständiger und weniger missmutig.

Ich wünsche mir größere Flexibilität und großzügigeres Abwägen in einzelnen Abläufen, Einrichtungen und Detailfragen. Darin stimme ich Ihnen zu. Ich sehe aber auch, dass, wo die Virenlast hoch genug ist, es schnell eskaliert und das Gesundheitssystem sprengt, und so lange das so ist, trage ich Mundschutz und umarme ausgewählter, was auch etwas für sich hat, und halte mich weitestgehend an die Regeln –  denn – eben – keine Panik! Es gibt Schlimmeres.

„Für ein Leben in Liebe, Frieden, Freiheit, Bewusstheit, Dankbarkeit und im Einklang mit der Natur.“ Das bedeutet Rücksicht, Selbstbeschränkung, Verantwortung und Nachhaltigkeit.

Würde mich freuen, man träfe sich auf einer Demo, auf der es genau darum geht.

Herzliche Grüße

Beate Kalmbach

Über Inseln und Häfen und den einen großen Traum vom Leben im Grünen

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Der Kreis Rottweil wird kein sicherer Hafen. Überrascht mich nicht, hätt ich trotzdem gerne gehabt. Man will kein falsches Signal aussenden nach Afrika. Als ob ganz Afrika nach Rottweil schielen würde. Es wird auch keiner in Afrika ´Konstanz´ sagen, wenn er an ´Europa´ denkt. Konstanz ist sicherer Hafen und deshalb auch nicht überrannt. Und es hat den Klimanotstand ausgerufen und deshalb bewegt sich das Leben dort trotzdem noch. Konstanz hat sich nur zuständig erklärt. Konstanz war mutig.

Das sind doch keine Signale an die Außenwelt. Das sind Signale innerhalb dieser Gesellschaft  Aufgabe und Verantwortung ernst zu nehmen. Sich nicht wegzuducken. Bei sich selbst anzufangen. Nicht vor rechter Hetze und Xenophobie zu kapitulieren. Die Kontingente zur Aufnahme auch tatsächlich auszuschöpfen und nicht ungenutzt zu lassen.  Anzuerkennen, dass Starke und Reiche  mehr leisten können als die anderen. Und stark ist man doch nicht, weil man ignorant über alles Schwächere hinweggeht. Stark ist man, weil man was auf der Pfanne hat.

Alle sehen sie und sind betroffen und  bedauern zutiefst. Aber zuständig will man nicht sein.  Geht auch gut, am Landkreis ziehen Krisen mitunter scheinbar  pfleglich aussparend vorüber, Rottweil  – eine Insel in tosender See. Schon schön, wenn man auf höhere Ebenen verweisen kann. Machen andere auch, das geht grad so durch. Vom Kreis zum Land zum Staat zum Staatenbund. Beim Klimaschutz braucht´s sowieso die ganze Welt. Am Ende helfen nur noch Gott und Engelscharen.

Apropos

Wenn schon Flüchtlinge, dann hätte man die gerne engelgleich, gut ausgebildet  und unbeschadet. Schön wäre das schon – bei uns allen. Schlechtes Benehmen, Respektlosigkeit und Dummheit sind aber nicht an Hautfarben und Pässe gebunden. Das gibt es hierzulande auch zuhauf. Ich würde mal sagen eigenes Benimm, Respekt und Plan helfen mehr als Ignoranz und Hetze.

Aber wir bewegen uns nicht gerne. Wir ändern nicht. Wir passen nicht an. „Lebe Deinen Traum!“ Stapelweise gibt´s diese Postkartensprüche zur Selbstvergewisserung, man kann ganze Häuser damit tapezieren.  Als gäbe es nur einen einzigen unveränderlichen Traum. Ein Häuschen im Grünen, Idyll und Trutzburg.

In Feckenhausen wird ein Baugebiet erschlossen und, weil Boden wertvoll ist, der Quadratmeterpreis angehoben.

Boden ist wertvoll. Ganz genau. Eben darum dürfte es, wenn es nach mir ginge, mal ein Ende haben mit dieser Art Flächenverbrauch.  Ein Haus, eine Familie, zwei PKW, und weil man ja praktisch im Gebirge wohnt, darf es bestimmt auch ein SUV sein, vielleicht Elektro, aber das macht es nicht viel besser. Ewig derselbe Traum, egal, wie die Welt aussieht drumrum? Ich würd ganze Wohnblocks bauen, mit kleinen und großen Wohneinheiten, schicken und schlichten, mit Gemeinschaftsräumen und Innenhöfen und Spielplätzen, und dann würden ganz viele Leute nach Feckenhausen ziehen und es gäb einen Laden dazu und eine Kindergartenerweiterung und weil eben NICHT alle ein Auto haben, bessere Busverbindungen. Und so in dem Stil würd ich das auf der Spitalhöhe machen und in Bühlingen und in Hausen und überall, wo man meint bauen zu müssen.  Ein Zeichen setzen, weniger ist mehr, damit auch Platz bleibt für Träume zukünftiger Generationen.

Es wird vermutlich ein Traum bleiben.

Verwunderliches aus dem Ländle

rottweil

Im Kreistag empfinden es die Freien Wähler als stigmatisierend, dass die Hauptschüler weniger Eigenanteil an ihren Bustickets zahlen. Jetzt sollen sie also entstigmatisiert und ihr Anteil angeglichen werden, wodurch die Tickets für die Gymnasiasten billiger, die für die Hauptschüler teurer werden. Ich bin sicher, die sind darüber echt froh und fühlen sich gleich besser.

Der Bundesinnenminister will keine Untersuchung von rassistischen Tendenzen in der Polizei. Die seien eh verboten, also müsse man sie auch nicht untersuchen.

Nach der Randale in Stuttgart will die Polizei auch im familiären Umfeld der Täter ermitteln. Und weist jeden Verdacht, das könnte eine Form von ´racial profiling´ sein zurück. (Es hatte geheißen, viele der Täter seien Migranten.) Solche Untersuchungen seien Usus und selbstverständlich. Zusammen mit Scharfmacher-Parolen wie „mit aller Härte“  und dergleichen bekommt solches Ermitteln aber schon mehr als nur ein Gschmäckle.

Vertrauen ist mir lieber als Misstrauen. Aber wo´s nicht geht, geht´s nicht.

Frauenpower im Bockshof

Fünf Frauen im Netz

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Man darf nicht, ich weiß, aber meine Kinder haben die Tribüne vom Sommertheater manchmal zum Klettern benutzt, und auch die Bühne war von ihnen häufig abwechselnd bespielt. Eines ließ sich eine kleine Sing-Tanz-oder-Kampf-Clownerie einfallen, das andere filmte mit dem Handy. Ich saß auf einer der oberen Reihen und gab das Publikum. Dieses Jahr nun also ohne Tribüne.

„Fünf Frauen im Netz“.

Ein paar Worte vom Vereinsvorsitzenden Fröhlich zur Premiere.  Dank, dass sie überhaupt stattfinden kann, nach den langen Wochen, in denen das erst unvorstellbar schien, sich dann im Wochen – oder Tagesrhythmus die Regeln änderten. So war bis vor Kurzem noch nicht mal klar, ob überhaupt mehr als eine Person auf der Bühne sein darf. Es ist daher schon eine Leistung an sich, dass es diese Premiere gab, und dann noch eine von dreien. Das finde ich auch.

„Wie – weshalb spielen denn da so viele mit?“ Die Dame neben mir wunderte sich. ´Das kunstseidene Mädchen´, fragte sie mich, die spielt doch allein? Wir kippten beide fast vom Stuhl als wir feststellten, dass sie in der falschen Vorstellung saß.

Apropos Stühle – die Sitzordnung war prima.

Die Geschichte ist toll. Die Schauspielerinnen haben sie mitentwickelt, meine ich gelesen zu haben, und die Figuren sind so, dass auch ich ganz nah bin. Ich kenne sie alle, die Themen, die sich abspielen: eine demente Mutter, ihre Töchter, die sich uneins sind, welche ihr eigenes Leben besser auf die Reihe bekommt, die sich allerdings  einig sind darin, dass keine von ihnen Zeit hat, sich um die Mutter zu kümmern, und die das so weit auslagern und sich buchstäblich von der Backe halten, wie es nur geht. Für liebevolle Zuwendung ist eine zufällige Bekannte, gerade so gelitten, so lange sie sich nicht zu weit einmischt. Hauptsächlich soll sich eine ausländische Haushalts – und Pflegekraft kümmern, von der nicht klar wird, woher sie kommt. Kroatien vermuten die Damen, aber sie scheren sich auch nicht darum. Mit feudaler Überheblichkeit erwarten sowohl die bedürftige Mutter als auch deren Töchter klagloses Dienen und Rundum-Verfügbarkeit. Ihre Anmaßung ist stellenweise schwer erträglich, gerade weil sie so real ist; genau so spielt sich das in der gelebten Wirklichkeit ab. Die Verzweiflung der Pflegekraft und die Unverschämtheit ihrer Arbeitgeberinnen sind  bodenlos. Die Mutter soll – die Seuchenregeln drängen das trefflich auf – ans Netz angeschlossen werden. So könnten die Töchter allzeit bei ihr sein. Aber die Mutter will nicht. Die will nicht face-to-face, die will Arm um Arm, das aber ist, Corona sei Dank, sowieso verboten. Als die Töchter sich verabschieden, quält man sich an einer Umarmung ab und kommt gerade so mit den Fingerspitzen zusammen. Abstandsregel, Kontaktverbot und statt Körperwärme Chats und Videotreffs – die zudringliche Bekannte hat Recht – man muss nicht dement sein, um davon verwirrt zu werden.

Manche Szenen sind herzzerreißend, manche witzig, klug, wütend, verzweifelt, ratlos.

Was ist Familie noch, was verlangt sie ab und was gerade nicht. Wie sieht ein selbstbestimmtes Frauenleben aus, und was ist realer, digital oder unplugged. Zum Geburtstag der Mutter wird gesungen, gedichtet und vorgetragen, und jede gibt etwas preis. Ein schwieriges Frauenbild tritt da zutage, und es ist gut, dass die Schauspielerinnen selbst an ihren Figuren mitentwickelt haben. sonst müsste ich mir den Autor mal zur Brust nehmen. Nicht, dass unwahr wäre, was da zu Leben, Lieben und Selbstverständnis der Frau gesagt wurde, aber es gilt nicht, wenn es von einem Mann so formuliert wird. (Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: das war ein Gag.)

Die Mutter verfällt am Ende der totalen Verwirrung, allerdings nicht alleine. Verschwörungen und Monstrositäten – das Leben im Netz hat sich gerächt.

Absolut überzeugend gespielt, super inszeniert, musikalisch grandios begleitet.  Die Begeisterung im Publikum ist ansteckender und aufbrausender, wenn man näher beisammen sitzt, Jubel gab es trotzdem, aber am Ende vermisste ich die Tribüne doch, weil ich zum Klatschen gerne gestampft und getrampelt hätte. „Das kunstseidene Mädchen war´s nicht, aber klasse allemal“, bestätigten meine Nebensitzerin und ich einander. „Fünf Frauen im Netz“ im Bockshof – das ist zu empfehlen!

Wir rückten die Stühle in einen Halbkreis und blieben sitzen, bis das Licht aus und alles abgeräumt war, und redeten über dies seltsam aufgewühlte Gefühl, das uns kollektiv befallen hat, das Gefühl des Kippens. Der Satz kommt im Stück vor; ´kippt der Kahn, setz ich mich in die Mitte´. Alles kippt, die Gesellschaft, das Klima, der Frieden – ob mit Demenz oder ohne – es gruselt vor dem Irrsinn, der um sich greift. (Demenz scheint ein adäquater Weg, damit umzugehen.) Kippen und Auflösung waren das Gefühl mit dem –  nicht direkt, aber irgendwie doch – das Stück aufhörte, zumindest für mich tat es das. Man kann dieses Stück ganz sicher auf viele verschiedene Arten empfinden. Ich glaube, jeder empfindet es anders, jeden berührt es anderswo. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden NICHT berührt. Es ist voll drin, in den Themen, die mich bewegen.

Weitere Vorstellungen sind am Sonntag, dem 12.07., Dienstag, 14.07., Mittwoch 15.07., Donnerstag 16.07., Freitag 17.07., Donnerstag 23.07., Freitag 24.07., Mittwoch 29.07., Freitag 31.07., Samstag 01.08.

Das kunstseidene Mädchen wollen meine Nebensitzerin und ich auf jeden Fall auch noch sehen! Und wer weiß, vielleicht schaff ich´s sogar noch zu ´Malala´, wollen würd ich schon.