Frauenpower im Bockshof

Fünf Frauen im Netz

collage5frauen

Man darf nicht, ich weiß, aber meine Kinder haben die Tribüne vom Sommertheater manchmal zum Klettern benutzt, und auch die Bühne war von ihnen häufig abwechselnd bespielt. Eines ließ sich eine kleine Sing-Tanz-oder-Kampf-Clownerie einfallen, das andere filmte mit dem Handy. Ich saß auf einer der oberen Reihen und gab das Publikum. Dieses Jahr nun also ohne Tribüne.

„Fünf Frauen im Netz“.

Ein paar Worte vom Vereinsvorsitzenden Fröhlich zur Premiere.  Dank, dass sie überhaupt stattfinden kann, nach den langen Wochen, in denen das erst unvorstellbar schien, sich dann im Wochen – oder Tagesrhythmus die Regeln änderten. So war bis vor Kurzem noch nicht mal klar, ob überhaupt mehr als eine Person auf der Bühne sein darf. Es ist daher schon eine Leistung an sich, dass es diese Premiere gab, und dann noch eine von dreien. Das finde ich auch.

„Wie – weshalb spielen denn da so viele mit?“ Die Dame neben mir wunderte sich. ´Das kunstseidene Mädchen´, fragte sie mich, die spielt doch allein? Wir kippten beide fast vom Stuhl als wir feststellten, dass sie in der falschen Vorstellung saß.

Apropos Stühle – die Sitzordnung war prima.

Die Geschichte ist toll. Die Schauspielerinnen haben sie mitentwickelt, meine ich gelesen zu haben, und die Figuren sind so, dass auch ich ganz nah bin. Ich kenne sie alle, die Themen, die sich abspielen: eine demente Mutter, ihre Töchter, die sich uneins sind, welche ihr eigenes Leben besser auf die Reihe bekommt, die sich allerdings  einig sind darin, dass keine von ihnen Zeit hat, sich um die Mutter zu kümmern, und die das so weit auslagern und sich buchstäblich von der Backe halten, wie es nur geht. Für liebevolle Zuwendung ist eine zufällige Bekannte, gerade so gelitten, so lange sie sich nicht zu weit einmischt. Hauptsächlich soll sich eine ausländische Haushalts – und Pflegekraft kümmern, von der nicht klar wird, woher sie kommt. Kroatien vermuten die Damen, aber sie scheren sich auch nicht darum. Mit feudaler Überheblichkeit erwarten sowohl die bedürftige Mutter als auch deren Töchter klagloses Dienen und Rundum-Verfügbarkeit. Ihre Anmaßung ist stellenweise schwer erträglich, gerade weil sie so real ist; genau so spielt sich das in der gelebten Wirklichkeit ab. Die Verzweiflung der Pflegekraft und die Unverschämtheit ihrer Arbeitgeberinnen sind  bodenlos. Die Mutter soll – die Seuchenregeln drängen das trefflich auf – ans Netz angeschlossen werden. So könnten die Töchter allzeit bei ihr sein. Aber die Mutter will nicht. Die will nicht face-to-face, die will Arm um Arm, das aber ist, Corona sei Dank, sowieso verboten. Als die Töchter sich verabschieden, quält man sich an einer Umarmung ab und kommt gerade so mit den Fingerspitzen zusammen. Abstandsregel, Kontaktverbot und statt Körperwärme Chats und Videotreffs – die zudringliche Bekannte hat Recht – man muss nicht dement sein, um davon verwirrt zu werden.

Manche Szenen sind herzzerreißend, manche witzig, klug, wütend, verzweifelt, ratlos.

Was ist Familie noch, was verlangt sie ab und was gerade nicht. Wie sieht ein selbstbestimmtes Frauenleben aus, und was ist realer, digital oder unplugged. Zum Geburtstag der Mutter wird gesungen, gedichtet und vorgetragen, und jede gibt etwas preis. Ein schwieriges Frauenbild tritt da zutage, und es ist gut, dass die Schauspielerinnen selbst an ihren Figuren mitentwickelt haben. sonst müsste ich mir den Autor mal zur Brust nehmen. Nicht, dass unwahr wäre, was da zu Leben, Lieben und Selbstverständnis der Frau gesagt wurde, aber es gilt nicht, wenn es von einem Mann so formuliert wird. (Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: das war ein Gag.)

Die Mutter verfällt am Ende der totalen Verwirrung, allerdings nicht alleine. Verschwörungen und Monstrositäten – das Leben im Netz hat sich gerächt.

Absolut überzeugend gespielt, super inszeniert, musikalisch grandios begleitet.  Die Begeisterung im Publikum ist ansteckender und aufbrausender, wenn man näher beisammen sitzt, Jubel gab es trotzdem, aber am Ende vermisste ich die Tribüne doch, weil ich zum Klatschen gerne gestampft und getrampelt hätte. „Das kunstseidene Mädchen war´s nicht, aber klasse allemal“, bestätigten meine Nebensitzerin und ich einander. „Fünf Frauen im Netz“ im Bockshof – das ist zu empfehlen!

Wir rückten die Stühle in einen Halbkreis und blieben sitzen, bis das Licht aus und alles abgeräumt war, und redeten über dies seltsam aufgewühlte Gefühl, das uns kollektiv befallen hat, das Gefühl des Kippens. Der Satz kommt im Stück vor; ´kippt der Kahn, setz ich mich in die Mitte´. Alles kippt, die Gesellschaft, das Klima, der Frieden – ob mit Demenz oder ohne – es gruselt vor dem Irrsinn, der um sich greift. (Demenz scheint ein adäquater Weg, damit umzugehen.) Kippen und Auflösung waren das Gefühl mit dem –  nicht direkt, aber irgendwie doch – das Stück aufhörte, zumindest für mich tat es das. Man kann dieses Stück ganz sicher auf viele verschiedene Arten empfinden. Ich glaube, jeder empfindet es anders, jeden berührt es anderswo. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden NICHT berührt. Es ist voll drin, in den Themen, die mich bewegen.

Weitere Vorstellungen sind am Sonntag, dem 12.07., Dienstag, 14.07., Mittwoch 15.07., Donnerstag 16.07., Freitag 17.07., Donnerstag 23.07., Freitag 24.07., Mittwoch 29.07., Freitag 31.07., Samstag 01.08.

Das kunstseidene Mädchen wollen meine Nebensitzerin und ich auf jeden Fall auch noch sehen! Und wer weiß, vielleicht schaff ich´s sogar noch zu ´Malala´, wollen würd ich schon.

Bäume sind Raufklettersachen

Der zerbroch´ne Krug im Hinterzimmertheater

Fasnet und Premierenwoche zur selben Zeit.

Es hat schon auch Vorteile, getrennt und unter verschiedenen Dächern zu wohnen. Die Fasnet hier, in der Stadt, Theaterpremiere dort, im Adler in Hausen, bei Papa  – so hat alles seinen Platz. Die Kinder waren freilich in beides involviert. Sie haben zum Glück eine gewisse Übung im Wechseln zwischen verschiedenen Betriebszuständen.

Doch auch sie waren durchaus aufgeregt. „Premiere“ ist ein Wort, dessen Wichtigkeit sie kennen. Premierenwochen stehen unter einem besonderen Stern. Und diesmal spielten sie beide mit, diesmal war es auch ihre Premiere. Die kleine Tochter, gerade sechs geworden, sollte zum ersten Mal auf der Bühne stehen.

Sie wussten nicht recht, was da auf sie zukam und hatten viele Fragen und Unklarheiten. Die konnte ich kaum beantworten und klären. Schon deshalb freute ich mich selbst auch auf den Besuch der Premiere. Nach dem Besuch eines Theaters ist man bisweilen ja tatsächlich schlauer. Und ich gebe zu, ich habe mich seinerzeit auch in das Flair des Adlers verliebt. Ein Haus wie eine Burg. Ein Haus, das auch schon Unfrieden erlebt hat, und dennoch Frieden und Behaglichkeit ausstrahlt. Ein guter Ort, sich wenigstens einen stattlichen Teil der Zumutungen der Welt von der Pelle zu halten.

Natürlich waren meine Kinder klasse! Auch wenn sie in ihrem zweiten Auftritt so gut wie den gesamten Text vergessen hatten. Vielmehr, eins hat vergessen und das andere sich dann nicht mehr getraut. Aber sie waren großartig. Ich weiß ja, was sie alles an Rollen drauf haben – Prinzessin, Superman, der ultimative Ninja, Mutter, Vater, Kind, Monster, Fee oder Fiesling. Hier sind sie zwei Wildfänge. Das passt.

Wild daher geht´s im Stück. Bei den Kleinen fallen Stühle um, bei den Großen Krüge und ganze Männer. Bäume sind Raufklettersachen, Dellen Ansichtssachen und Moral spontane Sachlagensachen. Das Verursacherprinzip wird frei Schnauze ausgelegt. Wer mit dem Auto gegen einen Baum knallt, verklage den Baum. Schwäbisch, hemdsärmelig und vertraut; dabei wähnt man solche Justizapparate in Schurkenstaaten. Naja. So ist das eben. Ist immer alles relativ.

Hier geht es ja nicht um Macht. Im Grunde geht´s auch im zerbrochnen Krug ums Lieben und Begehren. Und was wie sein darf und wie nicht. Da kommen kleinere Manipulationen und Verdreher schnell als gute Tat daher.

Witzig ist´s. Ein paar gute Gags hat er immer drauf, der Herr Papa, das muss man ihm lassen. Und den sich im Schlamassel windenden, nichtsdestotrotz gewitzten  Richter geben kann er auch. Und jetzt kann ich den Kindern erklären – woran es liegen könnte, dass ´Regina´ – (Regina Wisser) – die Mutter Marthe –  so unbedingt wissen muss, wer den Krug zerdeppert hat. Wo es ihr doch gar nicht um den Krug geht. Und weshalb Mucki – Michael Otto – als Schreiber so viel mehr aussieht wie ein Richter, als Papa, der doch der Richter ist. Und worüber die beiden sich streiten. Und was hat die Regina – Mutter Marthe – eigentlich gegen den Tobi – Tobias Otto – Ruprecht – wo der doch so nett ist. Und wieso schimpft der Papa-Richter so mit der Jessica (Madeja), der Magd? 

Ich weiß es jetzt. Ich bin im Bild. Und geh trotzdem nochmal hin. Kinder bejubeln, laut und frenetisch. Ich bin voreingenommen, absolut. Trotzdem – meine Begleiter*innen und ich hatten einen tollen Abend.  Ich kann´s also empfehlen:

Weitere Vorstellungen sind am 14. und am 21. März, sowie am 04. April. jeweils 20 Uhr, im Adler in Hausen.

Nathan der Weise

Nach vielen vielen Jahren mal wieder im Zimmertheater gewesen. (Von dem Sommerstück im Bockshof mal abgesehen, das zwar auch Zimmertheater ist, aber trotzdem irgendwie anders). Hätte ich schon früher machen sollen. Ich habe viel verpasst.

(Theater sind schöne Orte. Ich mag ja auch das Hinterzimmertheater im Adler in Hausen sehr gerne, wobei dies Gefallen eventuell mitunter familiärer Voreingenommenheit geschuldet ist.  Hin wie her – Theater sind Orte wie eine Reise. Und ob im Zimmer, Hinterzimmer, am Ring, im Turm, in der Tonne oder im Unterseeboot – es sind magische Orte. Dies war das Wort, das eine der Bewohnerinnen meiner Station im psychiatrischen Pflegeheim heute verwendete, und ich fand es sehr passend. Im Kino fühle ich mich nicht so als Teil der Geschichte. Ein Theater fühlt sich an wie eine Parallelwelt, die der eigenen zwar eng verbunden ist, aber dennoch für sich selbst existiert. Und streckenweise ist es wie im Spiegelkabinett, ich begegne immer wieder dem eigenen Spiegelbild, manchmal ist es verzerrt, und nicht immer gefällt es mir. Aber immer erkenne ich mich selbst und staune.)

´Nathan der Weise´. Die Reise führte ins zwölfte Jahrhundert, in die Zeit der Kreuzzüge, als alle drei Weltreligionen um Vorherrschaft und Alleingültigkeit stritten und wo zwei sich in einer Katastrophe begegneten und erst nicht, dann doch, dann wieder nicht, dann doch zusammenkommen wollten. Sie waren nicht derselben Religion angehörig, und sie wussten beide nicht, woher sie kamen. Stoff für Tragödien. Einer war reich, ein Anderer brauchte Geld. Es ging um Macht und Deutungshoheit, und Intrigen wurden gesponnen, der Sultan sollte ermordet werden. Und im Herzen brave Leute fanden sich in Fallen und Zwickmühlen wieder, die Köpfe zu kosten drohten. Ein Krimi ist leicht spannend finden – Nathan der Weise ist es auch.

Am Ende siegte die Vernunft. Die Liebenden bekamen sich, aber auf gänzlich andere Weise als erwartet. Niemand starb, und die Religionen waren vereint.

Ach, gäbe es nur mehr solche Nathans, und Mächtige, die ihnen zuhören.

Am Ende ist ´s alles einerlei – Christ, Moslem, Jude – es ist ein bisschen wie in diesen Clips, die im Internet kursieren, in denen die DNA sehr unterschiedlicher Menschen auf ihre jeweilige Abstammung untersucht werden, und herauskommt, dass der Iri halb Grieche ist, der Deutsche teils Türke, der Däne hat arabische Wurzeln, der Engländer wiederum deutsche … es ist ganz egal, was einer zu sein glaubt. Und auch wie er glaubt.  „Man tut das Richtige, weil es richtig ist, nicht, weil man eine Belohnung dafür bekommt.“ So oder so ähnlich in diesem Stück gefallen. Oder war das in der Lesung des Stadtschreibers am Abend zuvor im Schwarzen Lamm?  (War auch klasse!). Egal – hier wie da ging es um Aufklärung und um Humanismus. Die Vernunft als oberster Wächter.  Man tut das Richtige, (von dem man freilich nicht sicher weiß, ob es das ist), weil es nach bestem Wissen und Gewissen für alle Beteiligten annehmbar ist und gute Wege öffnet. Nicht, weil ein Gott oder ein irdischer Vertreter einen Vorteil daraus verspricht. Man weiß nicht immer alles, was man hätte wissen müssen für eine wichtige Entscheidung. Auch mit Vernunft passiert mal Mist. Aber wenigstens wird´s nicht bösartig.

Einer, dem ich mal nahestand, der wiederum der Theaterwelt nahesteht, reagierte – zumindest in meiner Erinnerung ist das so – bisweilen leicht brüskiert, wenn beim Schauspieler das Auswendigkönnen des Textvolumens gelobt wurde. „Das ist das Handwerk, nicht die Kunst.“ Mag sein. Aber trotzdem – in ´Nathan der Weise´ haben alle beachtlich viel Text. Das drauf zu haben IST eine Leistung, vor der man Respekt haben darf. Lessing verteilte ihn auf mehr Darsteller, im Zimmertheater spielen nicht mehr als drei. (Den Musiker ausgenommen. Sowieso – die Musik – ein Knüller für sich!). Und die schlüpfen in ein anderes Hemd und in eine andere Rolle, auf offener Bühne, zwischen zwei Sätzen – und die Szene ist eine andere und das Spiel genauso überzeugend. Verblüffend. Großartig. Es waren mir nicht immer alle in allen Rollen und jedem Moment sympathisch, das wäre vermutlich auch komisch gewesen. Aber nicht nur eine, sondern zwei oder drei Figuren darzustellen in ihrer ganzen Ambivalenz – Chapeau!

So wenig wie es braucht, um von einer Rolle in die nächste zu schlüpfen, so wenig braucht das Bühnenbild, dessen Schlichtheit mir gefiel. Ein Tisch, ein paar Stühle, ein paar kleine Requisiten, an den Wänden die Wechselgewänder aufgehängt – das genügt. Und trotzdem spielt das Stück an verschiedenen Orten und man folgt ganz mühelos. Alles ist ständig in Bewegung und vor meinem inneren Auge entstand ein Sultanspalast, eine Villa, eine ganze Stadt, der Hohe Rat.

Da freilich musste ich schlucken. Der Tempelherr trat vor den Höchsten Rat und suchte um eben dies – um Rat. Er trat an den Rand der Bühne vors Publikum, unter eine Straße von Leuchtröhren, wie in einem langen Tunnel, der Fluchtpunkt war weitweit hinten. Und ich war plötzlich Teil des Hohen Rats – und froh, am Rand zu sitzen. Macht über einen anderen ist mir, glaube ich, nicht wirklich angenehm. Er brachte sein Anliegen vor, die innere Not war groß, aber wie konnte es auch anders sein – statt Rat zu erhalten, musste er das Urteil fürchten. Der Rat war Gericht.

Gut, wenn einer aufs eigene Gewissen hört.

So eine kleine Stadt, und so ein großes Theater. Ich war mir dessen nicht bewusst.

Vom rechten Wunsch, geliebt zu werden

Sehr geehrter Herr Sänze,

vor ein paar Tagen habe ich in der Zeitung gelesen, in der AfD regt man sich auf, weil Theaterhäuser Geld dafür bekommen, dass sie eine politische Haltung – in diesem Fall eben eine Ihnen und der AfD eigene – kritisch darstellen. Konkret ging es um das hiesige Zimmertheater, ich weiß nicht, ob Ihre Kritik auch andere Häuser betrifft. Macht auch keinen Unterschied. Theaterhäuser  bekommen  Geld wohlgemerkt nicht ´dafür´. Dem Geld – und denen, die es verteilen –  geht es nicht um Sie, sondern ums Fördern des Darstellens an sich, weil  jede Kunst, so wie ich das verstehe, etwas abbildet, sei es in Ton oder Farbe, Bewegung oder Skulptur – ein Kunstschaffender drückt aus, was ihn umtreibt.  Ich weiß nun nichts über den ´Innovationsfonds Kunst´, aber es steckt ja im Wort drin – wenn einer eine gute Idee hat, für die ihm die Mittel fehlen, dann kann er da was bekommen.

Damit tun Sie sich schwer – zumindest dann, wenn Sie sich negativ dargestellt fühlen.

Das kann einem leidtun, das ist sicher bitter. Aber es ist auch kein anderer dafür zuständig als Sie selbst.

Dass Sie´s mit der Freiheit der Kunst nicht so haben, ist nicht neu. Ihr Verlangen nach Offenlegung, wer auf den Bühnen im Land einen deutschen Pass besitzt, konnte man – Sie verzeihen bitte – schon echt ekelhaft finden. Und es zeugt auch nicht wenig von einem Fehlen von Freude und des Verständnisses dafür, was Kunst mitunter ausmacht – ihr verbindendes Wesen. Komponisten können ein Universum erschließen, Autoren fremde Welten eröffnen, Schauspieler ein Gefühl besser darstellen, als man selbst es je fühlen konnte. Woher der Mensch kommt, der das schafft, ist dabei piepschnurzegal, und wenn einer aus Mombasa in Helsinki verstanden wird, und einer aus Damaskus in Friedrichshafen, dann ist das doch ganz wunderbar.

Sie können das nicht sehen, und das ist das eigentlich Schlimme daran.

Das Geben von Geld davon abhängig zu machen, dass der Inhalt auch allen gleichermaßen gefällt – DAS wäre erst ein Eingriff in die Pflicht zur Neutralität. Die Geschmäcker sind verschieden.  Damit müssen wir alle leben.

Sie wünschen eine positive, Sie bewerbende Darstellung. Darauf gibt es keinen Anspruch. Wie es auch keinen Anspruch darauf gibt, gemocht zu werden.

Sie sind in einer Partei, die von Hetze und scharfer Rhetorik lebt. Wer am schärfsten schießt, kommt am weitesten, Besonnenheit bekommt weder Posten noch Stimmen. Es ist ein Elend dieser Tage, dass jede Auseinandersetzung sofort in Gegeifer mündet, und das ist nicht nur in der AfD so. Aber dort kultiviert man es. Bei Ihnen reden und agieren alle so aggressiv.

Ich will das nicht in meinem Leben haben, und viele andere auch nicht, und das ist legitim. Ich weiß es nicht, aber ich stelle mir vor, je mehr Leute sich dieser Rhetorik und Denke verweigern, desto schwerer fällt Krieg und Zerstörung. Und das ist nun etwas, was ich unbedingt vermeiden will.

Und es klingt alles nicht sehr konstruktiv, was da bei Ihnen und Ihren Parteigenossen rauskommt. Es klingt so rundum selbstgerecht und selbstsüchtig, „wirwirwirwir“ – wen immer dies ´wir´ auch umfasst, und wer immer dann ´die´ sind – ich weiß gar nicht, ob ich zu diesem ´wir´ gehören will. Es ist stets der Schrei nach dem eigenen Vorteil, immer das ´mehr´, in allem.

Das kann, darf, und ich würde sogar sagen sollte, ich übel finden. Das widerspricht so ziemlich allem, was ich mal gelernt habe übers friedliche, und gedeihliche Zusammenleben. Mein ´wir´ ist wohl ein anderes als Ihres.

Sie gefallen sich im Ausgrenzen. Okay. Ihre Wahl. Aber wer so hinausbrüllt, muss mit herbem Gegenwind rechnen. Sie mögen Ihre Fans finden, weit überwiegend vermutlich Leute, denen es auch um eigene Vorteile geht, weil die, die man hat, nicht ausreichen. Aber allgemeines Wohlwollen, gar Applaus, Schulterschluss oder Zuneigung – das kann man nicht einfordern. Die Allermeisten wollen solchem Poltern keinen Raum geben. Das ist alles, und es ist legitim, und ich will behaupten – zum Glück ist es so.

Man stimmt Ihnen nicht zu, man stellt sich dagegen. Sie bekommen wenig positive Darstellung. Da haben Sie Recht. Das ist so, und es ist Plan und Strategie. Eben weil sehr viele dieses Ihr Poltern nicht mögen und wollen.

Und das ist nicht Meinungsdiktatur! Sie können brüllen! Sie dürfen. Aber Sie dürfen nicht auf Abnicken und allgemeinen Zuspruch hoffen. Wenn das eigene Gebaren andere abstößt, dann wird man nicht eingeladen, und auf selbst ausgesprochene Einladungen bleiben Gäste weg. Und wo der eigene Name erwähnt wird, dann oft mit gerunzelter Stirn und wenigstens distanzierter Kühle in der Stimme. So ist das nunmal. Sie haben Ihre Fans, genießen aber beim Gros der Bevölkerung keine Sympathien. Und das ist nicht manipulierter oder sonstwie böser Wille, das ist nur logisch und konsequent. Wie man in den Wald hineinruft -. Sie mögen nur sich selbst und Ihresgleichen – und so mag man Sie andersherum, wer nicht Ihresgleichen ist, halt auch nicht. Und darüber dürfen und können Sie sich beleidigt fühlen. Aber das ist auch alles. Sie poltern und brüllen, und Andere wenden sich ab. Um Leib und Leben oder irgendwelche staatlichen Konsequenzen fürchten müssen Sie nicht. Sie leben nicht in einer Diktatur.

In der ´Zeit´ las ich von einer Buchhändlerin, die, seit sie sich zur AfD bekannt hat, wirtschaftliche Nachteile beklagt. Kunden blieben weg, Autoren auch, Türen gingen zu. Das tut mir natürlich Leid für die Frau, die mir als Buchhändlerin erstmal eher sympathisch ist. Die Buchhändlerin unterstellt staatlich gelenkte Sabotage, ein Unterdrücken wie sie es in der DDR erlebt hat. Aber man kann keinen zwingen, ein Lokal aufzusuchen, eine Buchhandlung, ein Theater. Ich selbst lese geliehene Bücher, ganz selten, dass ich mal eins kaufe, aber wenn, dann gehe auch ich lieber in eine Buchhandlung, deren Geist mir gefällt. Es gibt kein Recht, gemocht zu werden. 

Manche Türen gehen zu, obwohl man deutsch ist. Wir leben nicht in einem Land, in dem man deutsch sein muss, damit man offene Türen hat. Manche Türen gehen auch für andere auf, wir leben mit Leuten aus anderen Ländern. Das ist Basis im Staat, und das mit guten Gründen. Die Würde des Menschen und so. Man hat sie sich ganz oben auf die Flagge geschrieben, weil es davor so anders und so schrecklich war. Sie mögen diesen Teil der Geschichte nicht, Sie sähen ihn gerne anders. Ich auch. Aber es war, wie es war, und die Geschichte einfach zurechtbiegen zu wollen ist mehr als mies und schäbig. Deutschland hat beschlossen, ein international und global verankertes Land zu sein, der Welt und den Menschen freundlich zugewandt. Das gilt als Fundament, als Konsens. Das geht nicht immer so, wie es richtig wäre, aber das will man sein, und also geht nicht für 99% der Erde einfach die Türe zu.

Man kann über Details reden, wer-wie-woher-wohin-wie lang-und-was überhaupt. Aber solches Reden über Details geht anders. Man hebt nicht die Waffen, schreit „Krieg!“ und verhandelt dann über Visa.

So sehe ich das; so, meine ich, läuft der Hase. Und darüber können Sie beleidigt sein und es sich anders wünschen. Aber Sie können nicht einklagen, weil es nicht die Gesetzte gibt dafür, und die Gesetze gibt es nicht, weil es nicht das Land ist, das Sie sich wünschen. Es ist auch nicht das, das ich mir wünsche. Aber ich erkenne es in seinem Prinzip an, und das wäre als zugelassene Partei auch an Ihnen. Das Land, der Staat, richtet sich nicht nach Ihren Befindlichkeiten. Und das ist auch nicht seine Aufgabe. Seine Aufgabe ist es, dem Zusammenleben sehr vieler verschiedener Menschen einen funktionierenden Rahmen zu geben.

Vor dem Gesetz sind alle gleich, es darf keinen Unterschied machen, ob Sie rechts oder links oder upside down stehen. Aber es darf einen Unterschied machen, wie man wahrgenommen und dargestellt wird und wohin man eingeladen wird.

Ich habe kein Bild, keine Vorstellung von Ihnen. Ich habe auch nicht gegoogelt oder irgendwelche social-media-Seiten gestalkt. Ich weiß nicht, wie Sie aussehen, was Sie sonst so machen und schon gemacht haben. Sie leben in Sulz. Soviel weiß ich. Vielleicht würde ich Sie, wenn man auf einem Stadtfest ebenda zufällig nebeneinander stünde, ganz nett finden, wenn man ins Gespräch käme und sich unterhielte über den letzten Urlaub, die Familie, den Job, Schule oder Fronleichnamsmärsche – (ich weiß nicht, wie hoch die Chance ist, dass es so wäre, aber ich will es immerhin nicht ausschließen) – wahrscheinlich würde ich Sie als ´anders unterwegs´ empfinden, aber das entscheidet ja erstmal nicht über Sym- und Antipathie. Wenn die Rede auf Ihre Parteimitgliedschaft und politische Haltung käme, würde es allerdings und wenigstens schwierig.  Argumentationen und andere Blickwinkel verlange ich mir ab auszuhalten, beim Pöbeln hört es auf, (Definition gegoogelt: pöbeln = jemanden in der Öffentlichkeit durch freche, beleidigende Äußerungen provozieren).

Ich und mit mir ein starkes Dreiviertel der Bevölkerung kann und will Ihr Hetzen und Poltern einfach nicht leiden. Und das schlägt sich nieder in Theaterstücken, in Zeitungsartikeln, in Liedern, in Blogbeiträgen, im Bucheinkauf und in vielem anderen. Damit müssen Sie leben. Oder aufhören so zu poltern.

Mit freundlichen Grüßen

Beate Kalmbach