Auftauchen

Die Wochen und Tage sind zu kurz. Das ist das Pech der späten Mütter: die Kinder sind noch klein, die Eltern schon alt und teilweise und zunehmend gebrechlich, dazu der Job, die ganze Lebensgestaltung, der ganze Scheiß drumrum. Ab und zu habe ich nachts keine Ruhe zum Schlafen. Dann muss ich raus und mir einen Plan machen. Bisweilen ist der so ausgeklügelt und voll, dass ich am Ende selbst überrascht bin, wenn er aufging.
Ein Pflegebett ist noch keine Pflege, ein volles Glas ist noch nicht getrunken. Buchstaben erkennen ist nicht lesen-können, an sozialen Medien hängen nicht Kommunikationsfähigkeit. Und so geht’s fort. Es sind die Wege dahin, die Nerven kosten. Und wenn der Weg das Ziel sein soll, braucht´s eine klare Richtung, und also muss jeder Schritt überlegt sein.
Ich gönne mir wenigstens den Luxus und tauche ab. Die Krisen kriseln heuer ohne mich. Ich bin ein Wal in unruhiger See. Meine Lieben bleiben in Echolot-Rufweite und halten mit mir Kurs. Nur manchmal tauche ich auf, und dann staune ich, wie die Welt da oben aussieht und wie verrückt sie sich dreht.
Exkanzler Schröder war mit seiner jungen Gattin in Moskau. Ich habe ein Foto gesehen, auf dem sie – der Kreml im Hintergrund – andächtig betet – für die Vermittlungsversuche ihres Mannes oder für besser Wetter, keine Ahnung. Es sieht so andächtig aus.  Dabei muss wenigstens noch eine weitere Person mitanwesend gewesen sein, die, welche das Foto gemacht hat, und so andächtig stelle ich mir den Moment also gar nicht vor. Das erinnert mich an eine mir vor Jahren zugetragene Erzählung eines Journalisten, der mit Horst Seehofer auf Wahlkampftour in Bayern unterwegs gewesen war. Es sollte ein Foto gemacht werden, Seehofer in stiller Andacht in einer schlichten Kapelle. Der Tross rauscht an, drei Dutzend Journalisten, Wahlkampfmanager, Visagisten, uswusf. Seehofer nimmt Platz, faltet die Hände, guckt beseelt. „Das war nix. Nochmal!“ Also nochmal, ein Licht verrückt und die Nase frisch gepudert. Nochmal hinknien, nochmal Hände falten, stille Rührung ins Gesicht. Klick. Seehofer: „Hammers?“ Sie ham´s. Seehofer steht auf, der Tross packt ein und rauscht weiter. Besinnlichkeit kommt erst auf, als alle weg sind, auch Seehofer. Was soll das? Ein Auftauchen ist das jedenfalls kaum wert.

………………………….

weiterlesen auf https://www.rottweil-ist-ueberall.de/magazin/topthema.php?conid=189&p=2

Werbung

Eine Fasnet im Krisenmodus



„Ne Freude im Leid“ (Anmerk.: aus dem Rottweiler Narrenmarsch)
Eine Fasnet im Krisenmodus


Es stimmt schon – es war ein Irrsinn, so eigentlich, in solchen Zeiten Fasnet zu feiern. Mt einem Virus im Umlauf, das zwar meistens ganz harmlose Krankheitsverläufe mit sich bringt, immer wieder – und das ziemlich unberechenbar – aber doch mit brachialer Gewalt zuschlägt. Es war und ist ein bisschen wie Roulettespielen – wo bleibt die Kugel hängen. Ich weiß nicht, ob mir der Fatalismus gefällt, der sich damit breit macht. Aber er hilft. Er nimmt den Schrecken. Jetzt, nach der Fasnet, sind ganze Familien „positiv“ und daheim, und in der Tat leiden die allermeisten an nicht mehr als an einer gewöhnlichen Erkältung. Ich kannte allerdings auch Leute, die es nicht überlebt haben, selbst dieses „harmlose“ Omikron nicht.
Dann der Krieg vor der Haustüre. Es war ja nicht unumstritten: ist unter diesen Umständen Fasnetfeiern überhaupt vertretbar? Ich fand, es ist. Ob Corona, der Krieg oder das Klima – es folgt Krise auf Krise, und ich will nicht das Leben absagen. Weihnachten gab es mit Corona, Urlaub mit Klimakrise – und Fasnet mit Krieg; jeweils den Umständen angepasst, aber eben doch. Was würde ich sonst den Kindern vermitteln? Dass sie in eine Welt hineingeboren wurden, die das Feiern nicht mehr erlaubt und aus der jede Leichtigkeit verschwinden muss, weil es als nicht schicklich gilt, das Schlimme und Schwere, das irgendwo in der Welt immerzu passiert, mal beiseite zu schieben? Sie sollen doch zuversichtlich sein können.
Meine Kinder tragen sämtliche Coronaregeln ohne viel Murren, wie ich auch. Und obwohl wir alle drei jeweils von ganz unterschiedlichem Naturell sind, hat jeder von uns diese Fasnet auf seine Weise genossen und nimmt von der Freude etwas mit hinein in den kommenden Alltag. Krisen kommen ungebeten, und mit ihnen leben, meine ich, heißt auch, Freude da tanken, wo es geht. „Die Freude im Leid“ eben – ich bitte drum – so heißt es im Narrenmarsch, die will ich dann auch.
Was kann ich auch tun. Ich weiß nicht viel über Russland und die Ukraine und kann kaum beurteilen, wo „gut“, wo „böse“ ist. Dass Putin einen Schaden hat, das war mir klar; das spricht aus seinen eigentlich lachhaften Machoposen. Grundgütiger – als Taucher mit nacktem Oberkörper, die Amphore, wahlweise der Barsch, in der Hand. Wäre er sexy wie einer der Chippendales, könnte er seinen Komplex anders regeln; so muss es halt Macht- und Größenwahn sein. Aber diesen russischen Großmachtkomplex, den hat er wohl nicht alleine. Auch sind die Nato und die Bündnisse des Westens ebenso keine Pfadfindervereine, wo es täglich um die gute Tat geht. Und doch hätte ich mit solcher Rigorosität, mit einem solchen Angriff nicht gerechnet. Es kommt mir so absurd und archaisch vor – einfach die Panzer aus der Garage zu fahren, ins Kriegshorn zu blasen und das Land zu überrollen, das man als „seins“ betrachtet, aus irgendwelchen Gründen, die tief in der Vergangenheit liegen. „Old fashioned“ nannte ein australischer Bekannter, den ich gefragt hatte, wie es ihnen geht nach der Flutkatastrophe, das. Noch so eine Krise. Eine Freundin, die ich über eben diesen Bekannten kennengelernt habe, hockt ohne Strom im australischen Outback und sagt, es sei ein Inlandstsunami gewesen, wie ihn noch nie jemand gesehen habe. Nun hat sie eine ausgeprägte theatralische Ader und liebt Übertreibungen, aber ich glaube ihr. Es gäbe keine Strassen mehr. Sie rationieren die letzten Liter Diesel für den Generator; sie wissen nicht, wann es wieder welchen gibt. Sie lebt weit draussen und hat deshalb immer genügend Vorräte an wenigstens Grundnahrungsmitteln, aber es gibt andere, denen wird’s knapp. „Old fashioned“ – passt eigentlich schon. Kriege kommen, leider, nicht aus der Mode, aber ich stelle mir dennoch vor, es müsste andere Wege geben, heute, wo die Welt über so viele Kommunikationswege und Netzwerke verfügt, wo sämtliche Belange so offen daliegen könnten, wo so viele doch eigentlich um andere Lösungen wissen und man sich darüber austauschen und darin helfen könnte. Wenn alle anerkennen könnten, dass die Welt sich stetig verändert und es keinen Anspruch auf ewigen Bestandsschutz gibt, stelle ich mir vor, ließe sich viel Streit vermeiden.
Ich versteh´s nicht, und ich wollte mich auch nicht damit befassen.
Auszeit. Muss man sich leisten können. Konnte ich. „Bis zum Aschermittwochmorgen“. Dann wieder.
Den Film „Narren“ habe ich lange nicht angeguckt. Er sei so narrenzunftkonzentriert, hatte es geheißen. Und ich hatte das als Gegenargument genommen und immer anderes vorgehabt. Und schließlich habe ich ihn zwei Mal gesehen und fand ihn toll und durchaus erhellend.

weiterlesen auf https://www.rottweil-ist-ueberall.de/magazin/topthema.php?conid=188&p=2

Immer wieder montags

Sie waren im Grunde an mir vorübergezogen, die Montagsspaziergänge. Ich bleibe so leidlich meinem Neujahrsvorsatz treu und schiebe die geballte Wucht der Krisen öfter mal beiseite. Aber neulich saß ich montags um kurz vor sechs an der Bushaltestelle und wunderte mich über den Menschenstrom, der sich Richtung Schwarzes Tor und Fußgängerzone bewegte. Ich habe einige Leute darin gekannt, nette, friedliche Leute, die mit rechts null und nichts und null am Hut haben. Es dauerte, bis ich kapierte, dass sie wohl Teilnehmer des Protest-Demo-Spaziergangs waren.
Über die wird jetzt gestritten. Muss das sein und wieso und geht das nicht auch anders und weshalb sind sie gegen was eigentlich und vor allem mit wem. Mancherorts gibt es Gegendemonstrationen, und dann wird gestritten, wer sich falscher verhält. Den einen gehen die Maßnahmen nicht weit genug, andere lehnen sie alle rundum ab. Und zwischen den Gegensätzen „NoCovid“ und „Gar keine Maßnahmen“ ist viel Wut und Unverständnis und anscheinend „Spaltung“.
Ich mag dies Trennen in „geimpft“ und „ungeimpft“ und den Druck, der darauf aufgebaut wird, auch nicht. Aus Infektionsschutzgründen mag das die am nächsten liegende Lösung sein, aber mit etwas mehr Mut und Willen hätte es vielleicht doch auch andere Wege gegeben. Hin wie her – spalten tun wir wenn, dann selbst. Wir sind es, die auf die jeweils andern schimpfen und uns entzweien. Die Politik kann kaum besser sein als die Bevölkerung, über die sie regiert. Wären wir nicht so leidenschaftlich bereit zu streiten und uns zu entzweien und wären wir toleranter gegenüber anderen Haltungen und nachsichtiger bei Fehlern, die es überall gibt, wo gehandelt wird, würde sich nichts und niemand spalten. Wir sind mitunter schrecklich kleinmütig…..

weiterlesen auf

https://www.rottweil-ist-ueberall.de/magazin/topthema.php?conid=187&p=2

„Zwischen den Jahren“

Ein Blick zurück, vor und ein Mal ringsum

Es fühlt sich nicht „dazwischen“ an, sondern mitten drin.  Meine Mutter erzählt, früher haben sie gearbeitet bis HeiligAbend vier Uhr. Bis dahin musste alles gemacht sein. Dann war geschafft, vorbereitet und das Haus blitzblank. Dann kam Waschen und Umziehen, und die Weihnachtszeit begann. Und der Rest des Lebens ruhte. Das Vieh wurde versorgt, sonst nichts. Vielleicht war da „zwischen den Jahren“ echt Auszeit und ein Dazwischen.

Egal. Weihnachten ist vorbei, und es war schön, so, wie es sein soll, mit Frieden, Freuden und Kuchen. Über Konsumrausch und Völlerei lässt sich streiten, aber trotzdem finde ich wundervoll zu wissen, dass zeitgleich Menschen überall auf der Welt die Liebe und den Frieden feiern und kindliche Unschuld, die der Stern sein soll, an dem man sich orientiert. Ich schenke gern zu diesen Ehren und meine, wenn das überall geschieht, dann ist das Christkind so als Idee doch auch ziemlich real, auch ohne Frömmigkeit.

Und nun steht Silvester vor der Tür. Ich habe eine Weile getüftelt, bis ich einen Rahmen beisammen hatte. In diesen kontaktreduzierten Zeiten scheinen sich allmählich auch Umfeld und Freundschaften zu verändern. Vor Corona ließen sich viele Kontakte nebenbei halten. Man traf sich an Fasnet, Ferienzauber, Stadtfest und Weihnachtsmarkt, Geburtstage wurden groß gefeiert, man traf immer wieder aufeinander. Der Kreis der Nächsten scheint kleiner geworden. Wenn wer ausfällt, fällt schnell auch die Party flach, es müssen ja Groß und Klein zueinander passen, und außerdem will ich mich schon einigermaßen an die Kontaktbeschränkungen halten, nach einigem Dafürhalten interpretiert, das schon, aber nicht negiert.

weiterlesen auf https://www.rottweil-ist-ueberall.de/magazin/topthema.php?conid=185&p=1

Parallelgesellschaften

Herr Lebe-wohl und das Leben in der Bubble

Ich weiß nicht, weshalb er mir gerade einfällt, der Herr Lebe-wohl. Ich bin verreist, sitze in Ulm im Wohnzimmer einer Freundin, der ich vor Jahren., als es noch Sachen wie Fasnet gab, am Narrentag das Kinderzimmer vermietet hatte, und genieße den Blick aufs Münster. Wir überlegen auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, hier findet er derzeit – noch – statt; mit 2Gplus. Am Samstag ist´s vorbei. Es ist bescheuert, noch mitzunehmen, was man mitnehmen kann – „solange es noch geht“. Reduzieren sollen wir, jetzt gleich. Aber herrje, man kann nicht ewig und immer mehr reduzieren. Ich halte mich gerne an Regeln, aber ich schöpfe sie auch gerne aus. Ich tendiere zu „wir gehen“.

Es reist alles mit. Corona, der ganze Unfrieden zwischen 2G und 3G und geimpft und ungeimpft. Kurz vor der Abfahrt habe ich noch eine Bekannte beim Einkaufen getroffen, die sich über das Urteil des Bundesverfassungsgerichts aufregte; keine, die auf Krawall gebürstet ist. „Jetzt haben wir Diktatur. Jetzt können sie machen, was sie wollen“, sagte sie. Uff. Solche Thesen aus diesem Mund. Ich sage „nein! Diktatur ist es nicht. Es ist ein Urteil eines Gerichts, das dir nicht gefällt, aber das wohl abgewogen und begründet ist. Und das außerdem von der Mehrheit der Bevölkerung gutgeheißen wird – Gericht wie Urteil. So gesehen absolut demokratisch. Und es geht um ein Virus, nicht um bloße Machtgier.“ Das ist der springende Punkt. Es geht um ein Virus, mehr als um Macht. An dem Punkt wird dann das Virus relativiert, „bloß eine Grippe“ und so, und „die anderen sind schlecht informiert.“ Auch eine These, die mich verfolgt; bei Geimpften wie Ungeimpften – wer anderer Meinung ist, wägt nicht etwa anders ab – nein, der ist schlecht informiert. Vielleicht fällt mir deshalb Herr Lebewohl nun ein, mit dem ich kürzlich eine ausgiebige Diskussion auf Twitter zu dem Thema hatte. In seiner Bubble gelte ich als eine, die schlecht informiert ist.

weiterlesen auf https://www.rottweil-ist-ueberall.de/magazin/topthema.php/?conid=181#con181

Alltägliches

Ich habe frei, unverhofft, so richtig und so ganz für mich. Das ist großartig. Es sind Ferien, und ich hatte zwei Tage Urlaub genommen – für wenigstens einen Ausflug mit den Nachbarn oder so. Nun haben die Kinder ihr „Frei“ ganz anders aufgeteilt. Und das ist auch okay. Ich habe die Kinder gerne um mich, aber man kommt halt auch zu nichts so wirklich. Jetzt ist die Bühne aufgeräumt und die Pflanzen sind vom Hof nach oben geholt, die Stulpen sind fertig gestrickt, und die Sache mit dem Kontowechsel habe ich endlich in die Hand genommen. Das sind typische Baustellen für Prokrastination – ewiges Vor-sich-herschieben. Ich muss schon echt Zeit übrig haben, um das anzupacken.

Ich hatte kein Problem mit meinem Konto; das war umsatzgering, aber solide geführt. Nur machte meine Filiale dicht. Wo die BW-Bank in der unteren Hauptstrasse war, ist jetzt zappenduster und leergeräumt. Das ist bedauerlich, vor allem für die, die da arbeiteten. Es wird gemunkelt wieso und weshalb; „Die Roten“ hätten eventuell etwas damit zu tun, und damit ist nicht die SPD gemeint. Keine Ahnung. Ich weiß es nicht und kann und will es auch nicht beurteilen. Und natürlich könnte ich Kundin der Bank bleiben, ich mache eh fast alles online. Und auch bei der BW-Bank gibt es Hotlines und werden Fragen am Telefon geklärt. Aber manchmal gibt es doch Momente, da will ich vor jemandem stehen oder bei jemandem sitzen und mein Anliegen von Angesicht zu Angesicht klären. Manchmal brauche ich ein Gesicht und die persönliche Sachbearbeiter*in. Zum Beispiel wenn es um technische Probleme des Onlinebankings geht. So wie jetzt mit meinem Wechsel zur Postbank. Das Problem hätte ich freilich nicht, hätte ich nicht gewechselt. Der Tan-Generator von der BW-Bank hat ja noch tadellos funktioniert. Die Postbank aber, dachte ich, die hat überall Filialen. Das ist doch was.

Das mit dem Kontowechselservice klappte nicht. Am Ende war´s mehr Generve als Service; die eine Bank verwies mit allem, was sie NICHT tun konnte, auf die andere, die Zeit drängte und erste Zahlungen klappten nicht. Und schließlich musste ich es doch alles selbst in die Hand nehmen. Und eben dies ist ohne Onlinebanking schwierig. Also habe ich mir einen Termin geholt.

weiterlesen auf

https://www.rottweil-ist-ueberall.de/magazin/topthema.php/?conid=176#con176

Schaffen schaffen Häusle bauen

Stadtplanung im Ländle

Ich war auf der Einwohnerversammlung, in der es um das umstrittene, geplante Parkhaus am Nägelesgraben ging. Beeindruckend. Umstritten ist es – in der Tat – heftig. Schon vor Beginn hatte ich eine Diskussion über die Zusammensetzung der Anwesenden. Es seien zu wenig Junge da, „die interessieren sich offenbar nicht dafür“. Sah ich anders. Es waren junge Leute da, nicht in Massen, das stimmt, aber wer es zuhause vor dem Bildschirm verfolgte, weiß man nicht. (Und es waren auch die Alten nicht in Massen da.) Vielleicht geht es denen auch nicht so sehr um Stadtplanung, im Moment. „Weshalb kommen die nicht ins Boot – wo es um IHRE Zukunft geht?“, monierte mein Gegenüber.  „Sie steuern andere, eigene Boote?“ fragte ich, und unterstellte – sie tun das mit guten Gründen. Die Jungen engagieren sich in Fridays for future, die älteren in lokalen Agenden, jede/r, wo er/sie sich am Besten einbringen kann. Bei den Alten ist auch oft eine Portion Wutbürgertum dabei, der es schnell um eigene Befindlichkeiten geht, um den Frust des Übergangen -seins etwa, mit dem Alt und Jung verschieden umgeht. Mit Befindlichkeit ist´s schnell weg vom Thema. Dieses hat just einer der Jungen – Carl Soballa, einer der Initiatoren der Unterschriftenaktion – am besten auf den Punkt gebracht. Alles steht und fällt und macht nur Sinn mit einem anderen ÖPNV, einer neuen Form der Mobilität und des Umgangs mit Ressourcen.

weiterlesen auf https://www.rottweil-ist-ueberall.de/magazin/topthema.php?conid=175&p=2

Aus dem Nähkästchen

Es ist Herbst, ein sehr schöner zwar, aber unzweifelhaft Herbst. Danach ist lange Winter. Da trösten auch die marmorierten Kastanien und bunten Blätter nicht ganz darüber hinweg. Es steckt immer „Ende“ im Herbst, und weil im Herbst das neue Schuljahr anfängt und mit ihm viel Neues, auch Anfang. Zeit zum Sortieren und Ordnen, was will ich und was will ich nicht. Und was packe ich wie in die Beziehungskiste, und will ich überhaupt eine haben? Sich als Teil eines Paares zu fühlen ist so schlecht nicht, schon, weil damit ein geeigneter Rahmen für ein paar Grundbedürfnisse wie Nähe und Körperwärme geschaffen ist. Und für jemanden mit-zuständig zu sein, ist auch schön. Aber egal, wie man es angeht – es vermischen sich Leben, und der eine wird irgendwie Teil vom anderen. Das sollte schon einigermaßen passen. Und ohne ist auch nicht schlecht. Ich habe nicht das Gefühl, dabei auf Liebe verzichten zu müssen. Mit der Liebe verhält es sich, glaube ich, ziemlich konsequent wie mit dem Echo – so wie man ruft, ruft es zurück. Da kann Liebe aus allen Ecken und Nischen kommen, völlig frei von Beziehungskisten und Geschlechterrollen, und das, ganz ohne dass wer sein Lebensgefühl einem anderen anpasst und sich früher oder später eventuell komisch damit fühlt. Und ohne dass Schmetterlingsschwärme die Sicht vernebeln. Und ohne dass das C zwangsläufig nach dem B und dies nach dem A kommen muss und schon im Voraus festgelegt ist, was B und C und alle ihre Kompagnons beinhalten. Wenn ich so um mich sehe, finde ich das A oft vielleicht noch ganz nett, manche Bs und Cs aber wenig erstrebenswert. Und das ist nicht Rosinenpicken. Freundschaft und Liebe dürfen mir durchaus etwas abverlangen, zweitweise auch viel, zeitweise darf es auch weh tun -jemanden leiden können hat durchaus aus mit es-leiden zu tun – aber ich lege doch Wert darauf, mitbestimmen zu können, was und wie sie das tun.

weiterlesen auf

https://www.rottweil-ist-ueberall.de/magazin/topthema.php/?conid=174#con174

Rot-grün-Schwäche

Die Aufregung des Wahlkampfes legt sich. Ernüchterung bleibt übrig. Das sieht nach viel „weiter so“ aus, nach wenig Wechsel und Veränderung, und nach wenig Klimapolitik. Die meisten befragten Wähler*innen hielten Klima für das dringlichste Problem, aber gewählt wurde nach dem eigenen Vorteil und dem eigenem Schiß. Und das wird ganz klar vertreten: „ich wähle x, weil die mir y bieten“. Die Politik soll „Angebote“ machen – wie ein Discounter – und man wählt das Günstigste aus. Keine Spur vom Blick übern Tellerrand und gesamtgesellschaftlicher Verantwortung. Ich hatte auf ein deutlicheres Signal gehofft, das es auch den braven Grünen ermöglichst hätte, etwas forscher für ihren Auftrag einzutreten. Weit daneben. Jetzt laufen Koalitionsverhandlungen mit der CDU, ich fasse es nicht. (Paul Ziemiak/CDU hatte schon während des Wahlkampfes geunkt, bei eventuell stattfindenden Koalitionsverhandlungen zwischen Grünen und CDU würden die Grünen mehr Kröten schlucken, als sie je über die Strassse getragen haben.) Auf Twitter habe ich jetzt den hübschen Tweet gesehen „das wäre dann Jamaica ohne Grass“ – mit der CDU ist „Legalize“ bekanntlich schwierig. Das kann ja heiter werden.

(Philip Amthor – der hat wirklich gar nichts kapiert – will die zehn Prozent von der CDU zur AfD abgewanderten Wähler zurückgewinnen. Dafür müsste sich die CDU seehr weit nach rechts bewegen. Und den Klimawandel leugnen. Und die Verantwortung für die Konsequenzen des globalen Handels, und vieles mehr. Er ist der Jungspund der CDU, ein schnöseliger Tausendsassa. Aber von seiner Partei beklatscht! Er ist schließlich nicht der Einzige im Verein, der so drauf ist.)

„Freie Fahrt für freie Bürger“ ist eher Thema. „Hightech statt Verbote“ – war der erfolgreichste Slogan der FDP im Wahlkampf der sozialen Medien. Die FDP hat den erfolgreichsten Wahlkampf in den sozialen Medien geführt. Die Algorithmen richtig genutzt, kann man so jeder potentiellen Wähler*in genau das Versprechen machen, das sie haben will. Wenn die in der Gesamtschau auch mal nicht so zusammenpassen – sei´s drum – es merkt kaum einer. Es wird ja sortiert und gefiltert, wer was bekommt.

Ich weiß nicht, mir ist das unheimlich. Von der nächsten Regierung würde ich eine Walhlrechtsreform erwarten – wie zB. Offenlegung der Wahlkampffinanzierung, Förderung der kleinen Parteien, Begrenzung der Größe des Bundestages, Beschränkung der Kanzlerschaft auf zwei Legislaturperioden, eine stärkere Gewichtung der jungen Jahrgänge … – und Anstrengungen, dass youtube, facebook, twitter, instagram und Co ihre Algorithmen offenlegen müssen. Es soll jeder wissen dürfen, nach welchen Regeln gespielt wird.

Jamaica hatte ich für unmöglich gehalten. Es haben so viele Leute die Grünen gewählt – ich auch – damit die CDU es gerade NICHT wieder wird. Damit das Klima eine Chance hat und der Wechsel. Und jetzt dies Liebäugeln und diese Bereitschaft zu schwarz-gelb-grün. Nach diesem Wahlkampf? Mit dieser Vorgeschichte, diesen Skandalen? Ich bin fassungslos. Ich hätte mir ein klares Bekenntnis der Grünen zu einer Koalition mit der SPD gewünscht, und die Frage an die FDP „seid ihr dabei?“. Das hätte die Prioritäten gleich entsprechend gesetzt. Es geht um was, es darf auch knirschen. Stattdessen dies Kuscheln der Grünen mit der FDP. Und jetzt guckt man gemeinsam, bei welcher der größeren Parteien man mehr rausschlägt. Das kann man pragmatisch nennen, aber auch prinzipienlos und nah am Verrat. Macht korrumpiert.

Sie sind vielleicht gar nicht so weit auseinander, die Grünen und die FDP. Das war bislang nur nicht so aufgefallen. Dabei hat Jutta Ditfurth es schon moniert. Jutta Ditfurth, schon lange keine Stimme mehr bei den Grünen. Schade. Eine Prise dieser Vehemenz fürs eigentliche Thema würde ich mir heute wünschen. Das ist genau, was fehlt. Ihr Tweet auf Twitter: „Da bemüht eine sich seit Jahren, zu erklären, dass und warum die #Grünen eine neoliberale Partei sind – und dann erzählen sie das nach ersten Gesprächen mit der #FDP selbst.“ Smiley mit Sonnenbrille. Muss man auf sich wirken lassen. Ich wundere mich ja selbst auch, wie gut in BaWü die Grünen mit der CDU können, und welche Positionen sie bisweilen vertreten. Stets sind sie für das, womit der Rubel ungestört weiterrollt und für das, was dem eigenen, satten Lebensgefühl zugutekommt. Es muss einfach immer irgendwer Geld verdienen, sonst ist es nix. Und jeder Kompromiss zulasten der Umwelt wird zum klugen Pragmatismus verklärt. Am Ende ist man so wenig grün wie die CDU christlich ist. Da trifft man sich, und dann kann man freilich auch mit der FDP ganz leichten Herzens.

Die Jungen haben häufig grün, aber noch häufiger die FDP gewählt. Da war ich schon ziemlich baff. Wie kann das sein? Bekommen die nicht mit, was los ist in der Welt? Oder können sie sich einfach „weniger“ nicht vorstellen? Das wäre dann, mit Verlaub, ziemlich verzogen. Oder denken sie, sie werden alle mal Bestverdiener sein? Nichts gegen Optimismus, aber mit Vollgas in die Klimakatastrophe ist nicht optimistisch, sondern blöd. Ich bin baff. Die FDP verspricht Klimaschutz mit Technik und Markt. „Hightech statt Verbote.“ Man macht weiter wie bisher, nur schneller und ärger. Leute, macht euch keine Sorgen. Alles wird gut. Dream on. Da hält man dann sogar einen Elon Musk für visionär – einen Mann, (einen ehrgeizigen), und ein Geschäftsmodell, das die Mobilität kein bisschen verändert. Wo soll da die Vision sein? Nach wie vor geht es um große, schwere Luxuskarossen für den Indiviualverkehr. Der Kauf eines Tesla wird mit 10.000 Euro gefördert. Wenn es um Zuschüsse für Lastenräder oder kleine Kabinenroller geht, schreit alles auf „das ist ungerecht. Dann können sich nur die besser Gestellten ein E-bike oder – Mobil leisten“. Hää? Elon Musk schert sich in Brandenburg keinen Deut um die Umwelt, und er tut es generell nicht. Was aus dem ganzen Material wird, das er grade tausendfach ins All schießt, wenn es ausgebraucht und also Müll ist, ist nicht geklärt. Das kommt auch wieder runter. Und überhaupt schießt er lieber sein Geld – und sich selbst – ins All, als sich um die Probleme der Welt zu kümmern. Er ist nichts als ein reicher Fatzke, und die Hälfte der Welt klatscht ihm auf seinem Egotrip begeistert Beifall. Geht´s noch? Tesla und grün – das ist kein Greenwashing mehr, das ist gelogen.

Die Technik mag gut sein – aber doch nicht so! Jede neue Technik MUSS reglementiert sein. Das ist mit der Kernspaltung so, mit der DNA-Technologie, mit Dünge-und Spritzmitteln, mit der Reproduktionsmedizin, mit allem. Es geht nicht ohne Verbote. Was soll das Geschwätz von „das regelt der Markt“. Das kann man doch nicht ernst nehmen. Der Markt regelt einen Scheiß. Der Markt will Geld verdienen und sonst gar nichts.

Heute macht man mit einer Mitgliedschaft bei den Grünen im Ländle so wenig verkehrt wie früher bei der CDU. Man ist automatisch bei den Guten. Seit der revolutionären Grundstimmung in den Achtzigern ist es gut gelaufen, gradlinig und auskömmlich bis heute. Nur die Revolution, das Brennen fürs eigene Thema, die ist weg. In manchen Familien haben die Kinder es übernommen; die engagieren sich für „Fridays for Future“. Das ist klasse. Sie haben Recht. Sie sollen streiken und demonstrieren und laut sein und es in jeden Winkel dieser Erde schreien – es muss sich was ändern! Wir sollten sie darin unterstützen. Es gibt „Parents for Future“ und „Omas for Future“. Wenn es die Politik nicht schafft, muss eine APO es bewegen.

Vielleicht ist es ja so – wenn man/frau es in einer Partei und in dem politischen Postengeschacher nach oben geschafft hat, dann will man/frau auch regieren. Egal, unter welchen Bedingungen. Das ist deprimierend.

Ich will die Hoffnung nicht aufgeben. Das bekommt auch meiner Laune nicht. Aber der kommenden Legislaturperiode sehe ich eher skeptisch entgegen. Das mit „Wechsel“ und „Klimapolitik“ lässt sich nicht gut an. Ein bisschen hier, ein bisschen da, nur ja nicht zu viele Prinzipien, nur ja keine NoGos, nur ja nicht zu viel Konsequenz. Am Ende verbrennen bekiffte Raser mit dem E-Porsche Kohle ins Nirwana. Na prima.

Manche Tage

haben´s in sich, alles Gute und alles Blöde, was Alltag zu bieten hat

Der vergangene Donnerstag war so ein Tag.

Ich schreibe ihn erst jetzt nieder, weil, seit wieder alles volle Suppe läuft – Schule, Vereine, Jugendgruppen, Kultur und Gedöns – ich wie vor Coronazeiten das Gefühl habe, die Tage und Wochen sind mir zu kurz. Ich komme zu nichts mehr abseits des aktuell Notwendigen.

Früh morgens ging es noch. Der Große sollte von der Schule zuhause bleiben. Er hustete, dass es zum Fürchten war. Und ich dachte, ausschlafen hilft auch. Also nur die Kleine geweckt, sie sanft aus dem Familienbett bugsiert. Auf dem Weg zum Bus klagte sie über Ohrenweh. Ohje. Ich dachte, das bekommen wir jetzt im Moment nicht geregelt – es wird schon werden. Das Klagen war auch ein sehr zurückhaltendes.

Zuhause mich gerichtet um zur Arbeit zu gehen. Ich hatte bereits eingekauft und vorbereitet – ich wollte mit der Wohngruppe kochen. Und dann war ich schon halb in den Schuhen, als der Große, den ich schlafend wähnte, „ich habe Nasenbluten!“ rief und vor mir stand. Ihm schoß eine Fontäne aus der Nase, wie ich sie noch nie gesehen habe, und er sah aus wie nach einem Massaker. Erster Schreck, erstes Putzen, Kind versorgen, das Bluten hörte auf – bis er nieste und es wieder anfing und er in Panik geriet – und ich bei der Arbeit absagte.

Zwei Stunden später rief die Schule an, die Kleine käme heim – das Ohrenweh.

Nach dem Essen und den Schulaufgaben ging es allen wieder ordentlich. Und das war gut so. Ich hatte in der Woche zuvor das alte Auto der verstorbenen Tante verhökert, zwischen Tür und Angel, nebenbei und geschwind, was stets eine zuverlässige Quelle für Ungemach ist. Ich hatte nur mal eben unser Zeug raus- und den zweiten Satz Felgen reingetan, das war´s. Es war kein Kaufvertrag vorbereitet, und das Auto war noch angemeldet. Kann er ja selbst machen, dachte ich. Am Straßenrand im Schein der Laterne sudelten wir das Wichtigste auf die Rückseite des frischen Tüvgutachtens, ich machte ein Foto davon, das Papier nahm er mit – und weg waren Käufer und Auto – und ich hörte nichts mehr und bekam auch keine Ummeldebescheinigung oder dergleichen, und langsam war mir bang geworden, und auf Nachfragen kamen die Antworten erst beschwichtigend und auf Zeit spielend, dann unwahr. Und entgegen seiner Versicherung „alles längst geschehen“ beharrte die Zulassungsstelle, das Auto sei nicht umgemeldet. In mir schrillten sämtliche Alarmlampen. „Nie verkaufen ohne abzumelden“, sagten die Damen vom Landratsamt. Da war´s schon zu spät. Ich solle mit dem Kaufvertrag vorbeikommen, dann würden sie den Herrn anschreiben. Ich versuchte den Kaufvertrag auszudrucken – ging nicht; also zum Copyshop; da ging es erst auch nicht – Panik – dann ging´s doch, und also schnell um die Ecke zur Zulassungsstelle gerannt. Und die Frau an Schalter 10 guckte in den Computer und sagte erst „ist noch angemeldet“ und dann „halt, nein, nein, halt, jetzt kommt was rein!“ , es war 16.10 Uhr. „Um 16.02 Uhr ist umgemeldet worden.“ Eine Lawine rollte vom Herzen. „Danke, Sie haben meinen Tag gerettet!“, (und die Nacht auch), ich verabschiedete mich. Zurück aufs Rad, in die Pedale getreten, heim und die Schulsachen für den Folgetag gerichtet. Der Große war verärgert, auch sein Tag lief nicht wie erhofft, und die Mitfahrgelegenheit zur Jugendgruppe der Kleinen war geplatzt. Wir organisierten eine neue. Dann schnell zur Oma, zu der die Fußpflege kommen sollte – der Opa war nicht da. Auch die Oma war übellaunig und wollte gar keine Fußpflege, und überhaupt wollte sie eigentlich gar nichts, nichts als ihre Ruhe. Und ich komm da und mach im Haushalt rum und was soll das??. Und ich musste mich verteidigen und rechtfertigen, und die Fußpflege kam nicht und ich trug alten Salat nach draussen zu den Schildkröten, um die ich mir Sorgen mache, weil ich denk, denen ist doch bestimmt kalt? Und als ich reinkam, war es viel später als einkalkuliert, dabei sollte ich längst daheim sein – die Kinder, das Abendessen, und außerdem war ich eingeladen zu einem Konzert in der Stallhalle. Ich habe den Elternabend dafür sausen lassen. Man muss Prioritäten setzen. Und jetzt dies Warten, ich zählte Minuten und rechnete, „noch 5 Minuten, maximal, dann geh ich – Fußpflege hin oder her“. So stand ich in der Küche, und es dauerte bis ich es zuordnen konnte: was riecht hier so? Nach Kacke! Dann merkte ich, es ist mein Schuh. WTF. Wie kommt da verkackt nochmal Hundeschiß an meinen Schuh? Wo??

Mir war nach Ausrasten. Aber das bringt auch nichts. Hat das jetzt sein müssen? Scheiße am Schuh. Das ist, als ob der Tag einem den Stinkefinger zeigt und einen auslacht. Ein Tag läuft alles wie geschmiert, der nächste zeigt dir, was eine Harke ist.

Es gibt geeignetere Methoden, Hundekacke abzuwischen, sag ich mal, aber es musste schnell gehen. Gepfiffen auf hygienische Standards – die jucken oder jucken nicht; und ich steh ja eh auf verlorenem Posten mit allem, was ich dafür tun will. Am Ende war die Kacke weg, und die Fußpflege kam und ich schwang mich aufs Rad. Später bereute ich, dass ich im Trubel der Dinge die Oma nicht zum Abschied nochmal in den Arm genommen habe. Man sollte nie ohne innige Verabschiedung auseinandergehen. Nie! Daheim schnell Vesper gerichtet, das Bett, die Nachthemden und Schlafanzüge, Wärmflaschen, einen Film eingelegt, die Nachbarin nochmal instruiert, dann wurde ich abgeholt.

Lisa Simone. Das Konzert war klasse. Zwischendurch fragte sie mal, ob jemand nicht wüsste, wer ihre Mutter gewesen sei. Ein paar Hände gingen hoch, nicht viele. Ich weiß zweifelsfrei, dass es mehr hätten sein müssen. Es ist nicht leicht , sich als Kulturbanause zu outen. Eh egal. Ihre Mutter war Nina Simone, und Lisa sang einen Song über ihr Vermissen. Ich trauerte mit. Außerdem war ich am „Beach“, ihrem und auch meinem Lieblings-und Sehnsuchtsort, wo alles von einem abfallen kann und Frieden ist. Ich sah die von ihr besungenen „falling leafs“ , tanzte sitzend zur Leichtigkeit des Blues, der eigentlich die Schwere des Daseins zum Thema hat. Ich hätte gerne mehr und richtig getanzt, aber es war gestuhlt , und auch wenn man an den Seiten hätte tanzen können – meine FreundInnen saßen, also saß ich auch – weit hinten, was ein wenig schade war, denn Lisa Simone sah wunderschön aus und sie bewegte sich so anmutig, dass ich gerne näher dran gewesen wäre. Am Ende jubelte ich von ganz hinten ihnen allen begeistert zu, als das Schlagzeug (famos!) verstummt war und Lisas letzter Ton gar nicht mehr aufhören wollte . Hammer! Ein letztes Glas Wein im Außenbereich am Feuer. Drumherum war ein hoher Zaun, aber wir hatten eine Stimme aus Amerika gehört, und hatten in unserer Runde Wurzeln im Irak, in Kanada, in Neuseeland, wir redeten über den Schwarzwald, England, Afrika, Persien und Zaratustra. Ich habe in drei Stunden eine Weltreise gemacht.

Das war ein ziemlich geiler Ausklang eines ziemlich bescheuerten Tages.