„Proletarier aller Länder!- wir müssen reden!“

„Revolution!“, „Umsturz!“ „Ende, aus, Amen“ oder „Systemwandel!“. Es brodelt. Es kippt.

„Wenn der Kahn nach rechts kippt, setze ich mich nach links“. Was hat man sich in der Afd aufgeregt über dieses Stück des Zimmertheaters und den Umstand, dass Kultur im Land unabhängig von politischer Gesinnung gefördert wird. Wenn die Kunst das Gären bespricht, dann bitte nur, wenn man gut wegkommt dabei. Steuergeld nur für Lobgesänge. Es war nicht das Stück, das man eben gesehen hatte, mir fällt´s nur gerade ein. Wegen dem ´Kippen´.

Sehenden Auges, will mir scheinen, stürzen wir uns ins Unglück.  Es ist, als müssten wir schnellschnell wissen, wie unsere Geschichte zu Ende geht. Wie jemand, der vor und ins letzte Kapitel blättert. Dabei ist das noch nicht mal geschrieben. Und ich muss mich selbst mahnen – es ist auch noch gar nicht raus, ob es eine Tragödie gibt. Von einer Tragödie spricht man erst, wenn am Ende wirklich restlos alles seine schlimmstmögliche Wendung genommen hat. Bis dahin aber gibt es immer noch bessere Möglichkeiten. Der Gedanke tröstet, er lässt einen Funken Hoffnung.

Draußen liegt Schnee heute, dabei scheint der Sommer eben erst vergangen. Es war doch erst gerade, da saß ich im Sommertheater im Bockshof, in einem kurzweiligeren, sommerlaunigen Stück. Nach der Vorstellung blieb man sitzen, ein kleiner Kreis, (Sicherabstand gewahrt), um uns wurde verpackt und aufgestuhlt, drumherum war Dunkelheit. Wir saßen und redeten, und in unserem Kreis war man sich einig – es kippt – das Klima, die Ökosysteme, der Frieden, der Zusammenhalt der Gesellschaften, alles, es geht den Bach runter. Und wir sitzen da und versuchen, die Nerven zu bewahren.

„Halte dich an Jesus“, sagte neulich eine ehemalige Nachbarin zu mir, die ich auf dem Spaziergang zufällig getroffen hatte. Sie liest Biographien von Christen, die sich in Krisen umso stärker an ihren Glauben hielten und viel in der Bibel. „Das hilft es auszuhalten!“

Ich will aber gar nicht aushalten. Im Übrigen bin ich mir gar nicht sicher, ob das das Problem nicht eher verschärft. Ein Bekannter, ein Perser, der jetzt seit vielen Jahren in Deutschland lebt, hatte mir unlängst erklärt, wie in seiner Heimat über die vergangenen Jahrzehnte alles wegbrach, (nicht zuletzt mit Betreiben des Westens) – erst die Wirtschaft, der Wohlstand, die Kultur, Frieden und Freiheiten, zuletzt die innere Sicherheit, geblieben ist nur die Religion, der Glaube, und heute halten sich alle daran fest, auch die, die den vordem eher moderat und gelassen genommen hatten. Es gibt nichts mehr sonst zu verlieren.

So eine Fixierung auf den Glauben macht die Welt aber auch nicht besser, will ich meinen.

Wir haben die Wohnung jetzt adventlich geschmückt, und die Kinder freuen sich auf Weihnachten. Ich mag dieses Fest auch, und den Gedanken, dass die Nächstenliebe gefeiert wird, und überhaupt die Liebe und die Toleranz und die Nachsicht. Außerdem gibt man im Christentum viel auf Vergebung der Sünden, was ich sympathisch finde. Strafsysteme und Rachegelüste vergiften auch bloß und schüren üble Neigungen.  Glaube kann ein schon Halt sein, und eine Struktur geben, einen Faden in die Hand, so wie die Aufteilung in Alltag und Wochenende und Feiertage die Zeit strukturieren hilft. Aber dass da irgendwelche überirdischen Mächte unsere selbstgemachten Probleme für uns lösen, das schließe ich aus. Das wird nicht geschehen. Und wenn wir noch so viel beten.

Es brodelt, es kippt, es rumort, überall. Die Auslöser sind unterschiedlich, aber ich empfinde das Brodeln als dasselbe. So viele Menschen wollen so viel, viele völlig zu Recht, und einige wollen mehr als andere, einige wenige das Meiste für sich.

“The world is looking at you!”, sagte der persische Freund. „Die Welt schaut auf Europa“.

Herrje. Ich weiß nicht, wie ich das finden soll. Was eine Bürde, und hier gärt es ja genauso. Nationalismus gegen Gemeinsamkeit. Populismus gegen Demokratie. Ich dachte, wir leben in Ländern und Gesellschaften, die im Geist der Aufklärung verwurzelt sind – die Befreiung von der Knechtschaft unter Kirche und Aristokratie, und  Ideale, die ´Vernunft´, ´Toleranz´, ´Bildung´ und ´Bürgerrechte´ und ´Emanzipation´ heißen. Freie, aufgeklärte Bürger bestimmen ihr Schicksal selbst. Sie lieben und empfinden und glauben, jeder nach seiner Fasson, aber entscheiden tut man schließlich anhand von wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen und nach den Regeln der Vernunft, und ´Staat´ ist ein dem Gemeinwohl verpflichtetes, selbstverwaltetes Gebilde. Und jetzt müssen gerade Wissenschaft und Bildung sich so verteidigen und wird Toleranz verunglimpft als Gutmenschentum, und es gilt als fraglich, ob wirklich alle dieselben Rechte haben. Und es sind wieder alles ´Glaubensfragen´, Fakten gelten als bloße Ansichtssache. Es kommt ja schon so weit, dass Zweifel geschürt werden, ob die Erde tatsächlich eine Kugel ist und nicht vielleicht doch eine Scheibe. Gute Güte. Mir bleibt die Spucke weg.  Natürlich muss sich Wissenschaft Zweifel stellen. Ich denke, Wissenschaft lebt von Zweifel und Fragen, aber mit Vernunft auch diese einkalkuliert, haben ihre Erkenntnisse Gültigkeit. Und eben die wird ihr aberkannt von denen, die grad am Lautesten  ´Revolution!´ schreien.

Es liegt immer etwas Hehres in diesen Rufen, es klingt mutig und kühn und verwegen, und es greift so gut die Unruhe auf, die in der Luft liegt. Aber dann sehe ich mir die an, die da rufen und denke „nee, Veränderung ja, revolutionäre auch, bitte, gerne“, aber nicht so. Nach den Barrikaden kommen manchmal auch die Jakobiner, und dann neue Kaiser, und nichts ist besser, es ist nur eine Menge Leid geschehen, und es sind andere Köpfe oben, aber wieder gibt es ´oben´ und ´unten´.

Man darf es nicht den Ärschen überlassen, das Brodeln aufzugreifen und die Parolen zu formulieren. Man darf nicht sie ´Angst´ definieren lassen. Natürlich liegt Angst in der Luft. Aber die vor dem Virus und seinen Begleiterscheinungen scheint mir eine der Geringeren. Ich habe Angst vor der Zukunft meiner, unser aller Kinder, und mit dieser  Angst stehe ich nicht allein. Ich habe Angst davor, was wir dem Planeten antun.  Ich will, dass sich etwas tut! Es muss sicht-und spürbar sich Wandel zeigen. In der Politik wundert man sich über das Erstarken der Rechten und Komplett-Durchgeknallten. „Was sind sie denn alle so unzufrieden?“. Stimmt ja. Es geht den allermeisten ja eigentlich viel zu gut für eine solche Wut. Ich glaube, es ist die Angst, egal, wie die jeder für sich für sich selbst definiert. Es ist die Angst, die brodelt, und das übermächtige Gefühl ´so geht es nicht weiter´. Und je länger weiterregiert und verwaltet wird wie gewohnt, je mehr leistet man dem unguten Anteil in dieser Angst und diesem Brodeln Vorschub.

Es braucht eigene, andere Parolen. Bei den AHA-Regeln geht´s doch auch. „Abstand, Mundschutz und Hygiene“ – fertig. Kurz und bündig. Geht doch.

„Keine neue Versiegelung von Flächen, ehe nicht bereits zerschnitte undoder versiegelte, mittlerweile ungenutzte Flächen nicht verbraucht sind“. Mit Maßstäben der Vernunft und dem Gemeinwohl verpflichtet gemeinsam entschieden.

„Kein Müll in die Natur, unter keinen Umständen. Alles wird nach den neuesten technischen Möglichkeiten möglichst emissionslos entsorgt oder besser noch recycelt, im Land des Entstehens.“

„Öffentliche Transportmittel statt Individualverkehr. Gefördert wird, was dem gerecht wird.“

„Keine Kriege oder Unterstützung derselben!“ Es sei denn vielleicht sie dienen, zweifelsfrei und akut, der Verhinderung eines Genozids, was die einzige Rechtfertigung sein kann. Die Opfer eines laufenden Krieges genießen selbstverständlich Schutz und Hilfe.

„Keine Produktion von irgendwas, solange die Fragen nach Folgen und der Müllentsorgung nach Gebrauch nicht nachhaltig geklärt und sichergestellt sind.“

„Keine Produktion von irgendwas, ohne dass der Ressourcenverbrauch nachhaltig hineingerechnet ist.“

„Keine Produktion von irgendwas, ohne dass nicht alle an der Produktion Beteiligten angemessen entlohnt sind.“ Das gilt auch für Fleisch. Ställe müssen Luxus-Viehhotels sein. Wenn schon jung sterben zu anderer Wesen Genuss, dann wenigstens davor vortrefflich gelebt.

„Keine Handelsabkommen, die arme, kleine oder schwächere Marktteilnehmer übervorteilen“.

„Finanzmarktteilnehmer sind verpflichtet sämtliche Transaktionen offen zu legen. Sämtliche. In jedem Land, in dem sie aktiv sind.“ Eigentum verpflichtet, auch und gerade dem Gemeinwohl. Habenichtse legen schließlich auch offen.

Und mehr Ehrlichkeit.

„Das Wachsen ist vorbei. Wir müssen uns auf weniger einstellen. Wir verteilen so, dass möglichst keiner Not leiden muss!“…..

Es ist ja nicht so, ich verstehe die überwiegend ja doch vorherrschende Gelassenheit und Akzeptanz, in der sich die Leute derzeit einschränken, nicht anders: sehr viele Leute sind sehr bereit sich sehr weit fürs Gemein- und eigene Wohl einzuschränken. Das ist doch was. Das ist doch eine Basis.

Weit über 50 Prozent tragen derzeit Regeln mit, die als teilweise ungerecht, als unausgegoren, als widersinnig und unlogisch, als gemein, als schwer, als unter normalen Umständen unzumutbar gelten. Zu Recht. Sie sind starker Tobak. Und doch nehmen die meisten sie hin und das sind nicht unbedingt die, die weniger darunter leiden.

Manche spüren den Druck vielleicht gar nicht, denen geht es einfach gut, die genießen die gewonnenen Ruhe und ihr auskömmliches Dasein. Ich will´s nicht missgönnen. Wer glücklich ist, den lasse man glücklich. Ich find´s oft aber auch leicht bourgeois und biedermaieresk. Die  haben kein Problem mit Lockdown, nicht mit light oder strong, denen passt es hin wie her. Die sind sich selbst genug und sehen die Not anderer gar nicht.

Es gibt aber durchaus viele Freischaffende, Künstler, Selbständige, Wirte, uswusf., Leute, die mitunter schwer zu darben haben und die dennoch sehr bereit sind mitzutragen – solange die Gründe dafür nachvollziehbar sind. Die weiß man halt gerne. Man will mit abwägen.

Vielleicht hat der persische Freund ja Recht. Vielleicht könnte man es vormachen. Europa hat eine starke Zivilgesellschaft, eine starke Wirtschaft und eine starke Demokratie. Von wegen ´Krise der Demokratie´. Nur weil paar Dumpfbacken den Reichstag stürmen,  ist noch lange nicht die Demokratie bedroht. Und auch nicht beschmutzt. Herrje. Stelle man sich nicht so an. Das sind Flecken auf der Weste, die gut wieder rausgehen.

Vielleicht ist die Demokratie ja die beste Form, um Umwälzungen, wie sie stattfinden müssen, zu bewältigen. Sie ist nicht die einfachste, unkomplizierteste, das nicht, aber die gerechteste, und sie nimmt die meisten mit, anders wie viele andere Revolutionen und Umstürze das tun, in denen nur ein ausgewählter Teil profitiert. ´Systemwandel´. Da steckt das ganze Spektrum der Aufgaben drin, die anstehen, ohne den plötzlichen Umsturz. Systemwandel ist etwas, das sich denken und lenken lässt. Angehen muss man ihn freilich schon. Bereden. Thematisieren. Diskutieren. Hin und her drehen, von oben nach unten und umgekehrt und von links nach rechts und wieder zurück, von innen nach außen und von außen nach innen – Systemwandel ist das Thema, das ansteht.

Systemwandel ist ein Wort, das in der offiziellen Politik bislang nicht vorkommt, und so lange es das nicht tut, glaube ich, erstarken die Ultra-Rechten und Voll-Arschigen.

„Let´s move it!“  Und hey, Ihr Gewählten und Entscheidungsträger – Ihr auch – „move it!“ Habt nicht so einen Schiss vor Fehlern und Gegenwind oder gar dem Verlust eines Amtes. Keiner muss schließlich im Regen stehen bleiben. Und wir sind nicht dazu da, uns gegenseitig Zucker in den Hintern zu blasen.

Am Tisch des persischen Freundes breche ich eine Lanze für Gemeinwohlökonomie und das bedingungslose Grundeinkommen, für Frührente und  Sozialhilfe, und dass die Reichen selbstverständlich mehr abgeben als Arme. Wer ganz wenig hat, muss auch auf ganz wenig verzichten, bei dem bleibt´s mit marginalem Abstrich gleich, was die Lebensstandards einander näher bringt. Auch gut. Proportional. Wo ist das Problem?  – bei so viel Reichtum in so wenigen Händen bei so viel Bedarf in so vielen. Wenn man den Wandel mitdenkt, der Einkommensstrukturen verändert, sind´s, auf jeden Fall erstmal, umso mehr Bedürftige. Das macht den Gedanken umso logischer. Der persische Freund lacht. „Es gibt Länder, auch westliche, sieh nur Amerika, da getrautest du dich solche Worte kaum in den Mund zu nehmen! Du wärest erledigt. Das klingt nach Sozialismus, und der kommt gleich nach dem Antichristen.“  Ich schlucke. Da mag er Recht haben. Komisch ist es aber. Die Sünden des Kommunismus waren schlimm, aber in der Liste der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte steht er in bester Gesellschaft gleich neben dem Faschismus, den Kirchen, den Kaisern und Königen. Der Holocaust steht für sich. Den will ich als Einzig in seinem Bösen und Horror verstehen.  Es will mir nicht einleuchten, weshalb Umverteilung und sozial konzipierte Politik schlecht sein soll. Die Welt geht den Bach runter, außer die Finanzmärkte, die nicht. Da darf man doch nachhaken!

„Revolution!“ Darin steckt „Jetzt! Auf die Barrikaden! Heute und sofort!“ Es hat bestimmt schon Zeiten gegeben, da hat das gegolten. Aber so ist es gerade nicht. Die, die „jetzt!“ schreien, sind nicht die, denen ich einen Wandel anvertrauen will.

„Systemwandel.“ So geht es nicht weiter. Jeder weiß es. Systemwandel – das könnte gehen.

Man kann das Kippen geringreden – das ist scheiße; man kann es leugnen – das ist mies. Aber eigentlich muss man es anerkennen. So geht es nicht weiter. Es wird nach Corona neue Krisen geben. Und freilich bringt auch ein Systemwandel Krisen mit sich, aber die, die man selbst lenkt, die hat man auch besser im Griff. Krisenpolitik ist die Anstrengung, es im Griff zu be- und für möglichst alle bewältigbar zu halten. Dies und ein Plan B, der einigermaßen verträglich und zielführend ist. Zielführend dahin, so würde ich es anstreben, dass der Plan das Kippen mindert und abfedert, so gut das geht, und der die derzeit existierenden Ökosysteme rettet. Freilich kann die Natur auch gut ohne uns Menschen, aber so ein schnelles Rundum-Sterben-und-Ausrotten ist ein Schock, der Leid bringt, und Leben ist schöner ohne solche Schocks. Für das Leben also, das, welches da ist. Keinen abschreiben oder einfach zurücklassen. 100% Glückliche gehen nie. Aber es soll auch mit und nach Systemwandel und Plan B  möglichst vielen so gut gehen, dass sie eine faire Chance auf Glück haben.

Ach, ich weiß nicht, wie dies Ziel zu setzen und zu formulieren wäre. Frage man Politiker. „Wie sieht ein Plan B aus, habt Ihr einen? Sehr viele hätten gerne einen. Und wie könnte der gehen und worauf sollte er zielen?“.

Wir müssen reden. Wir müssen alle Bedenken und Ängste hören und aufgreifen und darüber reden. Es lassen sich bestimmt nicht alle zerstreuen, aber man kann verstehen und helfen und Anteil übernehmen. Solidarität und Frieden ist nicht umsonst. Und  Politik ist auch nicht ´Beschließen und Verkünden´. Politik muss reden. Ich will den Werdegang der Entscheidungen wissen, die Bedenken und Zweifel, die Hoffnungen, die Für-und-Widers, das Abwägen, die Trotzdems. Ich will das alles wissen, und ich will die Worte, die mich bewegen, in den Überlegungen wiederfinden.

Wir müssen über den Systemwandel reden, und über einen Plan B.

21.03., Coronazeit

Es kam so schnell, dies Corona. Grad war es noch weit weg, war irgendwo – eine etwas andere Grippe, um die ein mir eher hysterisch anmutender Zinober gemacht wurde. Durchaus berührend, aber fern wie die Feuer in Australien, die apokalyptisch waren, aber von denen ich auch nicht annahm, dass sie bis hierher brennen.  Gefühlt war es nun eine Woche, vielleicht eineinhalb,  dass Corona die Macht übernahm.  Und noch da dachte ich „naja, wird schon alles nicht so wild werden“, dann wurde das ´naja´ zu „holà!, was um Himmels Willen…?“, und jetzt schließlich zum tiefen Schlucken.

Ok. Das ist  ernst. In der Tat. Und es rechtfertigt alle Maßnahmen und Einschränkungen. Ich war nicht bei den Ersten, die den Ernst der Lage begriffen haben, aber wenigstens – irgendwann

Am Dienstagnachmittag noch mal leichthin das Glück genossen, ein Spaziergang (allein), ein offener Biergarten, ein Tisch ganz für mich – Sicherheitsabstand  satt gewahrt – das Bier alkoholfrei, der Moment zum Schwelgen schön. 

Das wird es wohl für einige Zeit nicht mehr geben.

Ich halte mich  durchweg an die Verhaltensmaßregeln. Auch keine heimlichen Umarmungen mehr. Diese eine am Wochenanfang hatte es gebraucht, so quasi als Selbstvergewisserung, eine Art Gelübde – „ich will das nicht vergessen!“. So hat halt jeder seinen Weg, die Flamme in sich am Leben zu halten. Ich  bewege mich jetzt anders, ich schaue anders, ich plane anders. Alles ist anders. Und doch bleibt immer ein Zweifel, ´was ist notwendig´.  Muss ich wirklich einkaufen? Kommende Woche sind die Kinder da, ich kann nicht bei allem sagen ´gibt´s nicht, geht nicht´. Ich ging, bekam weder Salz noch Toilettenpapier, was beides regulär und turnusgemäß hätte aufgefüllt werden sollen, bekam dafür was zum Basteln.  Und Eis. Salz aus privaten Beständen, und im Klo liegen jetzt Waschlappen. Auf dem Markt Äpfel gekauft, und Blumen für den Friedhof. Notwendig hin oder her. Auch beim Koriander hätte ich sagen können, in den Laden geh ich jetzt nicht auch noch rein. Und dann hätt ich auch keine Melone dort bestellt. Die ich nächste Woche hole.  Aber dann würde die Tochter statt der Melone Kekse essen oder systematisch die Reste aus der Fasnetsschatztruhe niedermachen, und das ist mir dann aus anderen gesundheitlichen Aspekten nicht recht. Also doch notwendig. Dann zu den  Eltern gegangen.  Natürlich könnte man anders Kontakt halten, aber sie haben keinen Umgang mit Internet, und ein Telefonat ist keine Suppe und erst recht kein frisch bezogenes Bett.  Wer weiß, wann ich das nächste Mal hinkomme. Lieber jetzt.

Wo Leben ist, ist Bewegung, und ist Kontakt.  Es lässt sich runterbremsen und entzerren, (dem kann ich durchaus etwas abgewinnen), aber es lässt sich nicht auf Null setzen. Dann ist´s tot.

Corona ist schrecklich. Für mein Empfinden schrecklich genug, da braucht es nicht noch dieses Bashing, in dem einer die Bewegungen des anderen kontrolliert und immer besser weiß, was notwendig ist und was nicht.

Das Internet ist voll davon.

Einer regt sich auf über Mütter mit kleinen Kindern, die er schwatzend beisammenstehen gesehen hat. So was habe ich diese Woche auch mal gesehen, durchaus nicht dicht an dicht, aber zwei Meter Abstand waren´s auch nicht, und bei den Kindern schon gar nicht. Und ich hab´s verstanden. Ich kann mich noch gut an den Schock nach der ersten Geburt erinnern, wie abgeschnitten ich mich gefühlt habe, und das ganz ohne Geburtstraumata oder postnatale Depressionen und eigentlich trotz einem doch recht intakten und reichen sozialen Umfeld. Trotzdem fühlte ich mich isoliert und die einzige auf dem Planeten, der das Muttersein  nicht sofort und ganz natürlich und souverän aus dem Busen und von der Hand floss. Ich habe diese Mütter-Kinder-Treffen gebraucht. Sie waren notwendig und systemrelevant, genauso wie die Hebammen, für die die Glocken auch läuten sollen und für die auch geklatscht werden soll. Jungen Müttern Kontakt zu untersagen kann unterlassener Hilfeleistung gleichkommen.

Zu einem ähnlichen Fazit kam ich am Donnerstag, als ich private Post austrug und an der Ruhe-Christie -Kirche vorbeikam. Es war das erste Mal, dass ich da reinging. Es war die ´blaue Stunde´, und  die Fenster leuchteten so  warm und golden. So ist das wohl – es sind dies Zeiten, in denen das Betreten einer Kirche einem aller Warnungen zum Trotz eben doch näher liegt als sonst.

Was für eine schöne Kirche! Bescheiden, schlicht und ein wenig gedrungen, der Chor duster, nur ein kleiner Schrein war hell erleuchtet.  Ich sah fünf alte Häupter und gebeugte Rücken, einer gehörte dem Geistlichen, der vorbetete und das Lied nannte, das gesungen werden sollte. Das war wirklich berührend. Ich schätze, die Ruhe-Christie-Kirche ist ein guter Ort, um sich der Schwere des Daseins zu ergeben.  Der Sicherheitsabstand betrug so pi mal Daumen einen Meter, nicht mehr, und das ohne Not – es hätte Platz gehabt für zwei Reihen Abstand. Aber mir schien, man saß gerade so, dass jeder der Betenden die Anwesenheit der anderen noch spürte. So erträgt jeder das Gewicht besser, und keiner trägt allein.

Ich hätte nicht hingehen wollen und sie auseinandersetzen.

Und vielleicht ist das bei den ganz Jungen gar nicht so viel anders. Am Mädelesbrunnen saßen zwei , die sonst vielleicht gerade aufs Abi büffeln würden.  Biertrinkend, Abstand zum ins Ohr flüstern. Das war keine Coronaparty, aber auch kein vorsichtiges, vernünftiges Verhalten.

Sie sollen das nicht tun. Freilich nicht. Sie dürfen nicht. Aber jetzt hinzustehen und sie beschimpfen als die Schuldigen, die den anderen all diese Restriktionen einbrocken, das stimmt auch nicht. Es sind nicht sie, es ist das Virus.  Und so hat nunmal jeder sein eigenes Tempo des Begreifens und jeder seinen eigenen Zugang.

Ich habe eine Freundin, die im häuslichen Pflegedienst arbeitet, eine derer, die an vorderer Front stehen. Es gibt nur wenige, die mir so am Herzen liegen wie sie. Und doch streiten wir grad übers Handy, weil sie sich aufregt und alle der Verantwortungslosigkeit bezichtigt, die sich nicht im selben Maß einschränken, wie sie das vermutlich täte, wenn sie´s könnte, und wie sie das als ideal ansähe. Und ich sage dann, alle strengen sich an. Alle tun ihr Bestes.

(Okay – nich alle. Mich erinnert diese Leere bisweilen an 1986, an Tschernobyl, als nach nach einem langen, trostlosen Winter endlich der Frühling kam, und ich mich so nach Sonne sehnte, und dann ging´s nicht, und es war ganz fürchterlich, wieder im Haus eingesperrt zu sein. Auch damals haben die einen schnell, die anderen langsam begriffen, und ein paar wenige nie, die gingen dann in den Wald und dachten ´au geil alle Pilze für mich´.  Ich hoffe, sie haben sie überlebt).

Und die Freundin regt sich dann auf. Wenn Bomben fielen, würde jeder kapieren. Nur, weil man´s nicht sieht, denken jetzt manche, es ist nicht da. Stimmt. So ist das. Bombenhagel und Sirenengeheul wäre eindringlicher. Bei einer stillen, unsichtbaren Gefahr ist das Verstehen anders.

Manchen Leuten genügt ein Zuruf, bei manchen braucht´s einen Erlaß oder ein angedrohtes Bußgeld, bei manchen ein Referat mit einem Dutzend Skizzen und Tabellen, und bei manchen braucht´s Erfahrung. Bei ein paar ist Hopfen und Malz verloren.

Es ist halt nicht so, dass da einer die Parole ausgibt, und dann gehorchen alle und folgen. Und es gibt auch nicht den einen Schalter, den man nur umlegt, und dann hat man´s drauf. Ich hab jetzt auch satte eineinhalb Wochen gebraucht. Einfach mit den Finger schnipsen und dann läuft die Nummer – das mag der Traum einer jeden Macht sein. Auch ich hatte den schon. Wenn ich mit meinem Sohn Hausaufgaben mache und mir die Haare raufe wegen seiner Blockade, dann denk ich, ich hab´s jetzt so oft erklärt – ich weiß, dass du das verstehen könntest, wenn du nur wolltest. Aber er ist auf diese Art halt nicht zugänglich. Und also läuft es nicht so. Und bei meiner Tochter läuft es auch nicht so, wenn es ums Kämmen geht, oder ums Schlecken, um dies, um jenes.  Dieses Zollstockgeschimpfe bringt nichts.

Es braucht offenbar einfach eine Ausgangssperre – dann soll es halt so sein. Aber es ist niemandes Schuld. Das hat niemand eingebrockt, niemand anders als Corona selbst.

Natürlich soll und darf niemand eine Coronaparty feiern.  Das ist zynisch und verantwortungslos und daneben.  Aber die das feiern, die sind in dem Alter, in dem alles möglich ist,  und in dem es naheliegt, sich unverwundbar zu fühlen. Und seltsamerweise geht diese Unverwundbarkeit einher mit Todesverachtung und Übermut. Ich selbst denke manchmal, ich habe Glück gehabt, dass ich diese Phase meines Heranwachsens  überlebt habe; ich habe mir bisweilen irrwitzige Nummern geleistet.

Außerdem, und das finde ich nicht unwichtig, sind es genau  diese Unverwundbarkeit und Todesverachtung, die es so leichtmachen, die junge Generation in den Krieg zu schicken. Das ist nicht mein eigener Gedanke, der ist von Simone de Beauvoir, und ich finde ihn gut.  Er ist aus „Alle Menschen sind sterblich“ – wo es überall um Buchtipps für häusliche Stunden geht – dieses kann ich sehr empfehlen.  Jedenfalls ist das halt die Kehrseite einer zugegeben zweifelhaften Medaille.

Und noch was:  was will man jemandem vorwerfen, der  damit aufwächst, dass es nur und ausschließlich um die eigene Party, das eigene Wohlergehen, den eigenen Luxus geht, der das millionenfach vorgelebt sieht,  und der mitnimmt, dass Elend und Sterben, solange es unsichtbar und anderswo geschieht, einen nichts angehen.  Jahrzehntelang war das die Parole. Gut, wenn die sich ändert. Aber es sitzt nicht über Nacht und fällt auch nicht vom Himmel.

Wir sind im Katastrophenmodus. Es geht ans Eingemachte. Aber wenn wir dabei noch kleinlich sind, dann wird´s erst richtig scheiße. Jeder tut, was er kann, so gut wie er´s kann. Ein paar sind doof – da kann man nix machen. Die gibt´s immer und überall. Aber der Rest  ist dran, jeder auf seine Weise. Und  ab und zu folgen Leute einer eigenen Not und setzen die Priorität anders. Dann ist das so.  Dann üben wir uns in Großmut. Zum ´Gemeinsam schaffen wir das´ gehören auch sie.  „Für eine bessere Welt nach Corona!“ , das fände ich mal eine gute Parole! 

Mit dieser ließe sich noch viel mehr schaffen bestimmt. Man könnte Leute aus den Flüchtlingslagern und dem Niemandsland holen.  Zum Beispiel. Die sind da jetzt völlig verloren.

Das kann´s doch nicht sein!  

Es geht nicht nur darum, eine Krise hinter sich zu bringen und eine Katastrophe zu überleben.  Wir könnten den Ehrgeiz entwickeln daran zu wachsen und  besser zu werden.  Dann macht es danach auch mehr Freude, sich im Spiegel anzusehen.

In der Lagune von Venedig tanzen jetzt Delfine. Hab ich gehört, nicht gesehen. Wäre doch schön, sie tun das auch danach. 

Coronazeit. Keiner weiß so recht, wie lange sie dauert. Wochen, Monate. Vielleicht sind beim nächsten Biergartenbesuch die Blätter schon bunt und in der Vase stecken Astern. Ach nee – so lange geht’s bestimmt nicht. Vielleicht sind  die Bäume dunkelgrün und das Grass ein bisschen verdorrt, und in Kästen und Kübeln leiden Geranien Durst. Auch ziemlich spät. Ach – vielleicht blüht in der Vase eine Margerite und das Grün der Bäume ist fluoreszierend hell und frisch.

Man soll die Hoffnung nicht aufgeben.

(Ein Traum wäre, es wäre geschafft, wenn der Magnolienbaum am unteren Ende des Stadtgrabens, der bei dieser nackten, schönen  Bronzefrau, die so anmutig die Haare auf dem Kopf zusammenhält –   man müsste ihn vom Biergartentisch gerade so sehen – wenn der in voller Pracht steht. Das wäre  echt ein Traum).  

Gedanken zum und am 8. März

Bin ich also ein Gutmensch.

Manchmal lasse ich mich auf Facebook -Diskussionen ein. Meist vermeide ich es oder blockiere solche Posts.  Weil sie so ätzend sind und das Diskutieren darüber so müßig. Und weil es sich halt auch scheiße anfühlt. Manchmal mach ich´s. Weil ich etwas nicht so stehen lassen will und den Nerv übrig habe, meine Wohlfühlblase zu verlassen.

Diesmal war es eine Fotomontage,  eine auf den Betrachter zu fliehende Menschenmenge und darüber der Spruch, bald müsse man selbst flüchten.  Darunter zig Kommentare, bei denen einem übel werden konnte.  ´Wir´ und  ´die´. Die nichts schaffen wollten, die kriminell seien, und wir, die wir so fleißig seien, es verdient besser hätten, die wir nichts zu sagen hätten – dieser ganze Rotz. Mir dreht sich da der Magen rum, und ich will eigentlich bös werden. Aber das bringt auch nichts. Also deutlich, aber höflich gehaltene Kommentare und Richtigstellungen meinerseits. In dem Zusammenhang eben dann der ´Gutmensch´ und ob ich einen Teddy wollte.

Danke. Ich habe einen.

(Eben wollte ich ein Foto von diesem Kommentar  machen, so eine Art Auszug aus einem screenshot. Da war der ganze Post weg. Ich habe nachgefragt und erfahren, dass er auf Mahnung von Facebook entfernt wurde).

Also einmal ´wir´.

Wir haben in all diesen globalen Deals Vorteile auf unserer Seite und nutzen und genießen sie.  Wir  genießen Wohlstand und Frieden und eine Gesellschaft, die uns weitestgehend sein lässt was wir sein wollen. In Kriegen wird geraubt und vergewaltigt, und das systematisch,  das machen alle Kriegführenden so, und je länger jemand damit lebt oder aufwächst, je mehr lernt er das. Und wir produzieren fleißig die Waffen, mit denen anderswo Krieg geführt wird.  Wir machen Profit und halten den Wohlstand für verdient. Ja haben denn die, die da in Not sind, ihr Los ebenfalls verdient? Das unterstellen wir damit doch. Nein!  Und  wir drehen uns weg, wenn wir mit den Folgen  unserer Privilegien konfrontiert werden und bilden uns noch ein, was Bessres zu sein.

Das ist absolut ekelhaft.  

Und es sind nicht nur die krätzigen Rechten, die sich daran noch laben. Wir sehen alle zu wie Leute an der Grenze zur EU um ihr Leben ringen. Wir sehen zu und getrauen uns nicht das Richtige zu tun. Aus Angst vor den krätzigen Rechten. Oder aus Feigheit, weil wir Angst haben was zu verlieren.

Verlieren kann man immer was. That´s life. Deshalb müssen wir uns doch aber nicht vor Angst in die Hosen machen. Wir sind doch fleißig, und schlau! Außerdem haben wir im Überfluss und können abgeben, ohne dass irgendwer hier Not leiden müsste. Und wer sagt überhaupt, dass immer dieselben die Reichen sind? Oder die Mächtigen. Gibt es da ein göttliches Recht oder was?

Das ist rassistisch, wenigstens feudal. Wie dieser abgebrührte Kaiserenkel, der Besitztümer zurückfordert und Wohnrechte und ernsthaft denkt, das wäre ehrlich erworben und stünde ihm zu, als ´Enkel von´, einem wohlgemerkt, der am Drücker war, als ein ganzer Kontinent und eine ganze Generation dem Erdboden gleich gemacht wurde, und als Neffe von einem, der beim nächsten noch schlimmeren Kriegen und Treiben auch auf der Seite der Macht war. Dieser Enkel lässt sich noch als kaiserliche Hoheit anreden und will Schlösser zurück. Geht’s noch? Soll dankbar sein, dass es ihm noch so gut geht, dass es zu goldenen Wasserhähnen und diesem ganzen restlichen herrschaftlichen Luxus  reicht.

Solche Machtfülle und solcher Reichtum ist NIE ehrlich verdient. Kann es nicht sein. Es gibt keine Stundenlöhne, mit denen man es aus eigener Kraft zu Milliarden bringen. Das ist immer auch Ellbogen und Hartherzigkeit, und  die Rücken anderer. Und wenn man am Schreibtisch sitzt und Geld aus Geld macht, dann auch. All das ist Schläue, keine reale Leistung.

Schlau darf man sein, zweifellos. Das ist eine Gabe. Aber wer sagt, dass sie berechtigt alle anderen aufs Kreuz zu legen, Leute, die andere Talente haben?

Teilen. Einfach helfen.

Hier wird gefastet. Und bis in ein paar Wochen gedenkt man Kreuzigung und Auferstehung und so, für den, der für uns gestorben ist. So heißt´s. Ich will überhaupt nicht, dass wer für mich stirbt. Keiner, damals nicht und heute nicht.  Ich will meine Nächsten lieben und auch die weiter weg und überhaupt den ganzen Planeten. Jawohl, so ein Gutmensch bin ich. Weil – was ist denn das Gegenteil davon? Wie lautet das? Und ist das etwas, das man ernsthaft und guten Grundes wollen kann?

Ich sähe gerne, wenn Rottweil  zum sicheren Hafen würde. Ich bin sicher, wir hätten gewonnen. Weil man einfach das Richtige tut und nicht verkorkst das Egoistische verteidigt.

Einfach das Richtige tun. Weshalb tut man sich damit so schwer? Und weshalb mitunter gerade die, die Recht und Ordnung und Werte und all das so plakativ vor sich hertragen?

Frieden wollen heißt nicht nur, aber auch, bereit sein zu teilen.

Und zum internationalen Tag der Frauen

In Portugal ist der ganz klasse. Da ist Feiertag und der ganze weibliche Teil einer Familie, alle Generationen und Verwandtschaftsgrade, feiern miteinander.  

Ich war gestern mit den Freundinnen weg.

Wir haben einander Neuigkeiten erzählt und allerhand beratschlagt. Es ging unter anderem  um Frauen im Job, und Männer dazwischen, die streiten, und Frauen, die den Streit übernehmen und einander nicht beistehen. Und es ging darum, welche davon als Feministin gelten und weshalb. Es ging um die Frage „Was ist für uns Feminismus“.

Selbstbestimmung, klar. Und Gleichheit aller. Und Solidarität. Feminismus bedeutet, dass Frauen einander beistehen.

An der Grenze zu Griechenland sitzen auch Frauen fest, im Matsch, und Mädchen, und Mütter, die ihre Kinder auch in Frieden und Geborgenheit großziehen wollen, Frauen, die jetzt auf offenem Feld schlafen, zwischen Männern, die auch nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht.

Seien wir solidarisch. Helfen wir.

Eine Weihnachtsbotschaft

Sie gehört ´Zum Fest´ dazu,  zu DEM Fest, diesem so bedeutsamen.  Nur Schmücken und Schenken und die Geschichte weglassen gilt irgendwie nicht. Es ist ja auch eine sehr schöne Geschichte.

Deshalb sag ich gerne „ein Mal im Jahr kann man in die Kirche“, wenigstens an Weihnachten. Zugegeben, ich halte mich selbst nicht daran. Mit den Kindern habe ich mich aufs heimische Krippenspiel verlegt und finde, das gilt auch. Dieses Jahr ist es für mich sogar beides geworden – Krippenspiel und Gottesdienst.

Dass der zweite Weihnachtsfeiertag zuallererst als Stephanitag gefeiert wird – vielleicht wusste ich das mal. Präsent war es mir nicht mehr.  Aber es ist der Gedenktag des heiligen Stephanus. Der hat in den ersten Jahrzehnten nach Christus gelebt und war Diakon in der Urgemeinde in Jerusalem, bis er vor den Hohen Rat gezerrt wurde mit der Anschuldigung, er kehre sich gegen das Judentum, gegen deren Stätten und Gebräuche. Stephanus habe die längste verzeichnete Verteidigungsrede gehalten – geholfen hat sie ihm nicht – er wurde gleich im Anschluß gesteinigt.

Das ist schlimm und bitter und tragisch und alles. Aber die Schlüsse daraus finde ich auch starken Tobak.

Stephanus gilt als der Erzmärtyrer, als ´Protomärtyrer´, was dann wohl der Prototyp des Märtyrers ist. Sagt Wikipedia. Sagte so oder so ähnlich auch der Pfarrer. Und er zitierte  Matthäus 10: „Denn ihr seid es nicht, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet. Es wird aber ein Bruder den andern zum Tod überantworten und der Vater den Sohn, und die Kinder werden sich empören wider die Eltern und ihnen zum Tode helfen. Und ihr müsset gehaßt werden von jedermann um meines Namens willen. Wer aber bis an das Ende beharrt, der wird selig.“

Zwar darf nach kirchlichem Verständnis – so habe ich jetzt gelesen – als Märtyrer nur bezeichnet werden, wer seine Überzeugung nicht gewaltsam durchsetzt. Aber trotzdem – das  wird hochgehalten? Das ist doch wider den Frieden. Oder verstehe ich das falsch? Der Glaube über alles,  und zwar ganz ausschließlich, mit einer einzig wahren Form, bis zum bitteren Ende durchgezogen, und zerbrechen noch so viele Familien, Freundschaften, Nachbarschaften, Dörfer, Gesellschaften. Alles egal, es zählt nur der Glaube. 

Auch Gewissenskonflikte können gewaltig sein – wenn man zwischen Glaube und Liebe oder Zuneigung oder Loyalität steht. Und wenn da einer ist, der sagt, wofür man sich zu entscheiden hat. Und da soll immer der Glaube gewinnen, egal wie groß die Not ist, egal wie groß der Schaden?  Eltern gegen Kinder, Kinder gegen Eltern, Eheleute, Freunde, alle gegeneinander, Gesellschaften gespalten, weil jeder die Wahrheit für sich reklamiert?  Ich dachte es ginge um Liebe, um Nächstenliebe, um Großmut und Vergebung. Und dann so eine Nummer? Geht’s noch?

Am ersten Weihnachtsfeiertag mit den Kindern ´Merida´ gesehen, ein Animationsfilm, in dem es um ein schottisches Burgfräulein geht, das lieber reiten und Pfeil-und-Bogen-schießen will als heiraten, und das im Zorn über den Zwang eine Prinzessin sein zu müssen eine Zauberin bemüht. Doch der Zauber hat schlimme Nebenwirkungen, und die Prinzessin hadert mit sich, wie sie so egoistisch war und so viel Leid über die Familie gebracht hat. Ich verstehe sie voll und ganz in ihrem unbeugsamen Willen, ihr Geschick selbst bestimmen zu wollen. Und genauso gut verstehe ich, dass sie mit sich hadert und ihr Gewissen sie fürchterlich plagt.  Wollen ist erlaubt. Der Flurschaden, den der eigene, durchgesetzte Wille aber bisweilen anrichtet, der gehört halt mit dazu. Abwägen ist kein Fehler. Natürlich geht der Film gut aus.

Ohne Witz – ich schreibe das mit eigenartigem Gefühl in den Fingern – da liegt mir Disney näher als die Bibel.  Bei aller Liebe – ´Glaube über alles´, und sei der Schaden noch so groß – das ist einfach nicht mehr angesagt. Das ist erwiesenermaßen käse. Und wenn es 100 Mal in der Bibel steht – das mit dem Bruder gegen Bruder usw. wird tatsächlich an mehreren Stellen wiederholt – es wird trotzdem nicht besser.

Im Gottesdienst erst Stephanus und die gesellschaftlichen Brüche, dann  die Weihnachtsbotschaft. Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Ich krieg´s nicht zusammen.

Die Münstersängerknaben waren da, und das versöhnte doch etwas. Ich weiß nicht mehr zu welchem Lied – einer dieser evergreens, von denen man die ersten drei Worte hört und die ganze Strophe weiß -und die Gemeinde sang und die Sängerknaben mischten sich mit glockenhellem Halleluja hinein – das war schön.

Anmerkung: wer und was das auf dem Bild ist, weiß ich nicht. Das hat mit Stephanus vermutlich nicht das Geringste zu tun. Fiel mir nur so ins Auge.

Angst

Es wird bisweilen so getan, als wäre sie was Schlechtes, die Angst. Etwas, das man unbedingt überwinden muss. Etwas, das nur die Schwachen betrifft. Pustekuchen. In erster Linie will Angst ja schützen. Das leuchtet jedem ein, wenn´s um die rote Ampel geht, an der man hält, oder das Sprungbrettverbot im Freibad für die, die nicht schwimmen können.  Als  Ratgeber der Politik – das ist in der Tat neu.

Sie treibt alle um, irgendwie. Die einen haben Angst vor dem Weltuntergang, die anderen vor  jeder Art Veränderung.  Vor Verlusten. Ums tägliche Schnitzel.

Angst ist immer blöd. Kaum ein Gefühl fühlt sich so übel an wie Angst. Finde ich. Und entweder leide ich sie ungehemmt, oder ich halte mir sie nach Kräften vom Hals, mit leicht esoterisch angehauchtem Geschwurbel von wegen ´nichts in der Welt geht verloren´, also auch nichts Gutes. Alle gute Energie bleibt. Weswegen es oberste Bürgerspflicht ist, möglichst viel Freude und Glück in die Welt zu bringen. Und am Ende wird alles gut. Wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht zu Ende. uswusf.

Andere beten. Es läuft wohl aufs Gleiche hinaus.

Seelenhygiene.

Es gab in meinem Lebenslauf mal eine angstfreie Zeit, komplett angstfrei; keine Angst um nix und niemanden, nicht um Karriere, nicht um Reichtümer, nicht um Familie und Lieben, nicht ums eigene  Leben – es war ein gnadenvoller Zustand. Ich habe mich durchaus nicht benommen wie das Wildschwein im Maisacker, aber den Gang der Dinge, so schlimm er daherkommt, den konnte ich gleichmütiger und ohne dies quälende Bauchweh betrachten. Bei allem, was das Leben heuer ausmacht, was mich beglückt und erfüllt – diesem Zustand trauere ich nicht selten nicht wenig nach. 

Trotzdem gebe ich Greta Thunberg darin recht: alle sollen  Angst haben, jedenfalls diejenige vor dem ökologischen Kollaps. Alle, die Macht haben – Politiker und Bosse auf jeden Fall – sollen diese Angst haben.  Ohne sie sollte man gar keine Politik mehr machen dürfen und keine Entscheidungen fällen, die auch nur im Entferntesten  Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft haben.

Es gibt so viele sichtbare Belege, und Erkenntnisse und Warnungen ernstzunehmender Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen, die die Welt kurz vor dem Kollaps sehen, dass daran zu zweifeln mir anrüchig erscheint.  Nichts gegen Hoffnung und Optimismus – aber Ignoranz ist schon viel zu lange am Drücker. Da kann man als Eltern oder Großeltern schon ein komisches Gefühl in der Magengegend haben, wenn man an die Zukunft der Kinder denkt.  Meine Tochter redet vom Kinderbekommen, und ich rechne hoch, wie alt sie bei welcher  Prognose sein wird, und schweige betreten. Ich weiß nicht was ich sagen soll. Es kommt mir vor wie lügen; ich verschweige etwas, und ich fühle mich nicht gut dabei.

Es ist Zeit wegzugehen von dem Prinzip „mehr Reichtum“. Alle Politik, alles Streben ordnet sich dem unter – „mehr Reichtum“.  Das ist irre. Wir haben zum Wegwerfen! Was also soll das? Darum darf es nicht mehr gehen. Es darf auch weniger sein.  Und es bedeutete dennoch ´besser leben´.

Ich glaube, das ist mehrheitsfähig. Man stelle sich das vor – eine Wahl, die nicht mit Versprechungen von ´mehr´ gewonnen wird, sondern mit Ehrlichkeit und einer europäischen Variante von „Yes we can“.

Man stelle sich vor, was da für eine Politik möglich wäre. Ein Traum.

Klar – jeder empfindet seine eigenen Zumutungen. Aber  keiner ist wirklich frei davon.  Jedem wird etwas abverlangt, worauf er keine  Böcke hat. So isses.  Dann mutet einem das Leben, das Zusammenleben, und die Rücksicht auf nachfolgende Generationen eben etwas zu. So what?  Was ist verkehrt daran?

Ich persönlich rege mich mehr auf über das schlechte Funktionieren der Bahn und über das miese Angebot  des öffentlichen Personennahverkehrs , und über immer billigere Kurzstreckenflüge, als über Dieselmotoren. Wer ein altes Auto hat, muss, ginge es nach mir, nicht verschrotten.  Neuproduzieren ist nicht unbedingt die ökologischste Lösung. Und auch ich stelle nicht gleich um auf vegan, wenn ich die industrielle Massenproduktion von immer mehr und immer billigerem Fleisch sofort abschaffen will.

Aber ich würd sie abschaffen! Und Fleisch wäre wieder so teuer, dass man es nur zu Festtagen isst.

Ist doch nicht schlimm. Essen wir Soja und Getreide selber und nicht die Sau. Kann auch lecker sein, und ist gesünder.

Und damit das denen, denen jeder Verzicht ein Anschlag auf die menschliche Würde ist, etwas annehmbarer wird, würde ich andererseits Verbote lockern und Sachen erlauben, die Spaß machen.

Legalize-

Tanzen an hohen christlichen Feiertagen  zum Beispiel.  Das mag wiederum religiösen Gefühlen widerstreben und dem Einen oder Anderen sauer aufstoßen. Man darf dabei aber sehen, dass die Kirche als Institution oft sich selbst über den Glauben gestellt hat und die Wahrung der eigenen Interessen wichtiger war als religiöse Grundsätze.  So gesehen hat man diese Gefühle also selbst zur Disposition gestellt. Ich unterstelle eine gewisse Übung.

Man kann den Feiertag ja behalten, und wer nicht tanzen will, muss nicht.

Ich würde  freies Campen erlauben – okay, vielleicht nicht überall – und coolere öffentliche Plätze einrichten, gerne auch in der Innenstadt, wo junge Leute sich aufhalten können, ohne dass das jemanden zu stören hat.

Ich würde Streetworker einstellen, die für Leben im Revier sorgen.

Und ich würde stattlich gesponserte Ferienanlagen anbieten für Leute mit kleinem Budget. Meer für alle, auch ohne Tui und Malle.

Statt Klimaanlagen gäbe es hitzefrei, und die Schule würde später anfangen. Spielen wäre Pflicht-.  Sport und Musik wären Hauptfächer, und in der Mittagspause gäb´s auf Schulhöfen und in Parks, in Aulen und Mensen, Kantinen und Großraumbüros Yoga für alle, oder Kickboxing, für die, die es lebhafter mögen….

Ach – mir tät so einiges einfallen, was gut und gerne Schnitzel und Flugreise ersetzt.