„Dick ist doof“

Und diese Gleichung ist das eigentlich Doofe

Ich war ein dickes Kind. Und damit hatte ich eigentlich keine Probleme. Ich  habe mich wohl gefühlt in meiner Haut, hatte Spaß an Bewegung und habe zwar gerne Süß und Wurst und Pommes gegessen, aber auch viel Obst und Käsebrot und Spinat und Co. Mein Problem war nicht mein Speck, mein Problem war das Problem, das andere mit meinem Speck hatten. Mein Problem war, dass alle so taten, als sei irgendwas völlig aus dem Ruder, gefährlich und verkehrt. Das war es nicht. Ich war nur nicht schlank. Das Einzige, das ich so gelernt habe, war, dass ich meinem  eigenen Gefühl nicht trauen sollte. Wenn ich mich wohl fühle, während alle anderen warnen, dann müssen die wohl Recht haben, ob ich das nun verstehe oder nicht. Ich hab´s nicht verstanden, und deshalb habe ich mich nicht nur dick gefühlt und das als anstößig gelernt zu empfinden, sondern auch doof. Und so, glaube ich, kommt das, dass irgendwann irgendwelche schlanken Arschgeigen daherkommen und über Dicke vom Leder ziehen, als seien sie selbst besser, nur weil sie weniger auf den Rippen haben, und schließlich gilt dick gleich doof.

Alles schreit nach Individualität und Freiheit. Alles darf man sein. Weiß schwarz grün rot blau, getreadet, behaart, rasiert oder bemalt, gepierct, geburnt, rechts links oben unten oder voll daneben, alles, bloß nicht dick. So kommt´s mir vor.

Es gibt Leute, die essen gerne und viel und auch Süß und Junk und nehmen halt nicht zu. Die haben Glück. Dann gibt es Leute, denen ist Essen nicht so wichtig. Die haben entweder andere Leidenschaften oder aber gar keine, was ich auch bedauerlich finde. Und dann gibt es Leute, die essen gerne, und bei denen setzt es an.  Die machen Speckröllchen draus. So what.

Wer sagt, dass Dick nicht schön sein soll und kann? Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Es gibt Leute, die beurteilen Schönheit anhand von irgendwelchen Ästhetiktheorien: zwei unterschiedliche Mischungen von Rot passen nicht zusammen, unterschiedliche Muster kombiniert gehen nicht, Leute mit Krampfadern dürfen keine Shorts tragen, in Sandalen dürfen keine Socken. Und Dicke sollen ihre Formen überspielen. Kein Minirock, keine Spaghettiträger, kein enges Top. Weil der Kopf vielleicht ja noch geht, Masse da, wo andere keine haben, aber anscheinend nicht.

Das ist eine bodenlose Unverschämtheit! Rottöne gehen bestens in Kombination, geblümtes Oberteil und gestreifte Hose mit gepunktenen Strümpfen ist klasse, Socken  – naja – wer´s mag, ist ja eher so eine Gefühlssache – und überdies kenne ich sehr viele dicke Leute, die sehr schön sind, schöner als manch Schlanke, und das auch und gerade da, wo man die Masse fett sieht. Irgendwer behauptet, dick sei nicht gut, sei nicht schön, und nicht gesund, und alle folgen? Fettsucht und Essstörungen gehören behandelt. Freilich. Aber nicht Speckröllchen. Das ist Polster, auch für schlechte Zeiten, und ist der Gesundheit durchaus nicht abträglich.

Es sind die wenigstens kleinkarierten Gefühle der Mahner, die das Problem sind. Bloß weil die ihren Blick nicht wohlwollend weiten können, sollen andere neurotisch anfangen Kalorien zu zählen und eine intime Beziehung mit der Waage eingehen. Und jeden Bissen, den sie zu sich nehmen, sollen sie mit schlechtem Gewissen kauen. Das ist fies und niederträchtig und schafft bloß blöde Stimmung.

Natürlich ist man bis zu einem gewissen Maß Herr über seinen Körper, und auch Dicke können abnehmen und schlank sein. Aber wozu? Viele haben´s probiert und gefunden, dass die Selbstkasteiung, die sie betreiben müssen, um auch schlank zu bleiben, zu sehr auf die Lebensfreude drückt. Nur um es ein paar Leuten recht zu machen, deren Sinn für Schönheit nicht vom Herzen, sondern von Lehrbüchern kommt? Pah! Es böte sich genauso an, die Muskulatur der Mittelfinger zu trainieren und diese öfter mal kraftvoll in die Höhe zu recken, wenn sich wer mokiert.

In diesem Sinne – lassen wir einander und vor allem die Kinder in Ruhe und es uns einfach allen schmecken!

(Die obigen Bilder sind Ausschnitte und gemalt von Sabine Kalmbach, eine Auftragsarbeit nach Foto. Nachfragen an s-kalmbach@live.de)  

Herbstfest

Ich mag meinen Job. Rundum. Naja, fast immer. Fast! Mal piesakte es schon hier, mal holperte es da – ich nehme an, das ist so, egal, was man wo tut. Mal ging ich schon fröhlich hin und verstimmt heim, mindestens genauso oft war es aber auch anders herum. So alles in allem meine ich das große Los gezogen zu haben. Von all den Jobs, die´s bis jetzt gab, ist das einer der besten.

Diese Woche hat es mir besonders gefallen.

Es war Herbstfest im Pflegeheim. Es ist ein psychiatrisches Pflegeheim für Männer und Frauen zwischen 30 und hochbetagt. Im Grunde ist es wie ´draußen´ auch – jeder ist in seinem eigenen Film, jeder hat seinen eigenen Vogel, nur krasser. Im Festsaal wurde geladen zu Apfelschorle, Eis, Salzbrezeln und Tanz. Ein singender Wirt hatte eine stattliche Playbackanlage aufgebaut.  

Ich habe mich in Diskotheken aufgehalten, war auf Konzerten, bei Partys und Festivals – überall, wo getanzt wird. So was wie da habe ich noch nie erlebt. Nicht die winzigste Spur von Herumlungern um die Tanzfläche, nicht das geringste Zögern ´wer tut den ersten Schritt´.  Kaum hatte meine Chefin die Musik angesagt, und kaum hatte der Musiker auf ´play´ gedrückt und kamen die ersten Töne aus den Boxen, stand die Erste auf, und mit ihr der ganze Rest – alles, was sich irgendwie auf den Beinen halten konnte. Die Tanzfläche war nach den ersten zehn Takten voll. Was sich bewegen konnte, bewegte sich, klassisch in Formationspaartanz, oder sich einfach an den Händen haltend, und wenn es nicht aufging, dann bildeten sich Kreise zu dritt, viert, wie es sich ergab und passte, oder es bildeten sich lange Polonaisen. Rollstühle wirbelten umeinander, und wer sonst nicht aufstehen wollte oder konnte, schunkelte; kaum jemand, der still saß, und selbst die waren´s zufrieden.

Ein Bewohner, der im Rollstuhl mehr liegt als sitzt und nur noch schwer den  Oberkörper bewegen kann, war in Wacken und hob die Hände wie zu Nirvana. Udo Jürgens oder Kurt Cobain – wo ist der Unterschied.  

Singen kann er wirklich, der Wirt; souverän und mit beeindruckender Ausdauer schmetterte er Schlager um Schlager, und alle strahlten, alle waren dabei, viele sangen mit. Zwei Stunden lang, mit nur kurzen Rauch – und Trinkpausen. Chapeau.

Ich war das erste Mal dabei. Ich arbeite normal nur vormittags, was die Art der Tätigkeiten einschränkt. Auch in einem Pflegeheim tanzt man eher nachmittags. Es war ein ganz anderer Blick auf die Bewohner, ein ganz neues Erleben.

Nicht alle, aber viele sind schon sehr in ihrer eigenen Welt und nur wenig dem Außen zugewandt, und wenn, dann schnell überfordert davon. Man will sie im Diesseits halten. Weil es meist nicht so toll ist für den, der sich im eigenen Innern verirrt. Und man will Bindungen schaffen, halt so was ganz normales, von ´Mensch zu Mensch´, dass eben NICHT jeder so ganz für sich in seinem eigenen Film spielt.  Man will Wege in die Welt ebnen.

An diesem Nachmittag taten sich völlig neue, ungeahnte Pfade und (Zu-)Gänge auf. Ein großes fettes WOW.

Nach den Maultaschen leerte sich der Saal bald,  nur ein paar Bewohner waren noch da und wir vom Personal, die die Tische abräumten. Und ich dachte, das war es nun. Feierabend. Aber dem aus Wacken fehlte was. Er begann zu singen, und schnell verstanden singender Wirt und erfahrenere Kolleginnen, was er sang, und also sangen alle mit und der Wirt drückte nochmal auf ´play´. Sierra madre, mit Inbrunst. Ein letzter Kreis, eine letzte Runde.

Das war hammermäßig. Das waren Good vibrations!