Viel Theater über offene Fragen und Missverständnisse

„Max Stirner und der böse Bube“

„Der einzige Schüler, der ihn je verstanden hat, und das falsch!“, klagte Max Stirner am Schluss, und bezog sich damit auf Hegel, der das gesagt haben soll, über ihn, Stirner selbst – so hab ich´s jedenfalls verstanden, ich sag mal – ohne Gewähr, mir hat schon etwas der Kopf geraucht, was bestimmt mit dem Thema des Stücks zusammenhing, aber auch mit dem Umstand, dass ich es neben meiner Eigenschaft als Zuschauerin auch als Mama sowie Ex-Ensemble und -haushaltsmitglied ansah. Auf der Bühne des Hinterzimmertheaters im Adler in Hausen jedenfalls hat der Schüler Richard-Anton – in echt Anton, mein Sohn – seinen Privatlehrer Max Stirner – in echt Peter Burri, sein Papa – falsch verstanden und Schlüsse gezogen, die vom Lehrer so nicht beabsichtigt waren. Ich persönlich hätte mich über dies Missverständnis nicht sonderlich gegrämt, es gibt schlimmere. Aber das kann und soll jede*r Zuschauer*in am Ende selbst entscheiden.

Max Stirner, las ich hinterher auf Wikipedia, war ein deutscher Philosoph, Journalist und Schriftsteller und lebte von 1806 bis 1856. „Hegelianer“ war er, und um die Befreiung aus der Unmündigkeit ging es ihnen beiden. Ich habe sowohl von Max Stirner als auch von Hegel keine Ahnung. Ich hätte das Thema des Stücks grob mit „Das Individuum und die Gesellschaft“ beschrieben, und in welchem Verhältnis die zueinander stehen. Durchaus aktuell. Und da gibt es sehr viele Missverständnisse, schlimmere, für mein Empfinden.

Wenn ich das derzeit tobende Drangsalieren und Bekriegen im Namen der Götter betrachte, komme ich um den Schluss nicht herum, dass dies ganze Religionsgedöns eine einzige Geschichte des Missverständnisses und Missbrauchs ist.

In Bayern und Hessen hat die CDU/CSU die Landtagswahlen gewonnen, und die Afd hat an Stimmanteilen zugelegt. Die „deutsche Kultur“ wollen sie alle schützen, und ich frage mich, worin die deren Meinung nach bestehen soll. Ich hätte sie selbst auf jeden Fall auch in der Aufklärung verortet. Aber vielleicht geht’s auch um Maßbier, Fussball, Malle und BMW. Was die Schwarzen so verkörpern, ist heuchlerisch und verlogen, und der Eigennutz ist über alles gestellt. Und das ist im Grunde auch die Strategie, in der man sich mit den ultrarechten, nationalistischen Braunen gut versteht. Christlich – und das soll ja ebenfalls als Teil einer deutschen Kultur gelten – ist das nicht.

In Bayern kam die CSU auf 37%, die Afd auf 14,6%. In Hessen hat die CDU 34,6, die Afd 18,4%. In Aschaffenburg, das zu Bayern gehört, aber irgendwie eher hessisch ist, hat die CSU 40,4, die Afd 17,4%. Da sind Schwarz und Braun addiert am stärksten. In Aschaffenburg wird ein Mal im Monat von sog. Querdenkern und Rechten protestiert, und die Forderungen sind flexibel und krude, je nach aktuellem Anlass geht’s halt um Unzufriedenheiten im Persönlichen und Allgemeinen, und bisweilen gewähren Demonstranten auch ehrliche Einblicke: „Der Klimaschutz geht uns am Arsch vorbei – wir wollen Wohlstand.“ Und der ist qua System nie genug, der braucht immer „mehr“. Das sieht man in anderen Parteien ganz gleich – am Ende siegt die Wirtschaft und geht es um die eigenen Annehmlichkeiten. Die FDP, meines Erachtens nach eine Partei der Porschefahrer, lädt in einem hiesigen Autohaus zur Diskussion um E-Fuels, die unbestritten eine gute Technologie sind, aber eben nicht für den massenhaften Individualverkehr geeignet, da auch nicht mehr klimaneutral, und nur zum steuerlich subventionierten Vergnügen eben jener Porschefahrer eingesetzt.

Missverständnisse über Missverständnisse, eine Kultur des Eigennutzes und mitnichten von aufgeklärter Eigenverantwortung geprägt. Und alle berufen sich auf irgendwelche Definitionen von „Freiheit“, die gegen das Gemeinwohl ausgespielt wird. Ich selbst stelle Eigennutz und Gemeinwohl nicht in Widerspruch zueinander, sondern sehe meine Freiheit durch das Gemeinwohl sinnvoll begrenzt, fürs Ego habe ich ausreichend Spielraum. Ich habe auch nichts gesellschaftliche Strukturen, in die ich mich füge – solange ich sie mit bestem Wissen und Gewissen annehmen kann, und natürlich, solange sie nicht zu starr sind. Wo grundlos gemauert wird, hole auch ich die Spitzhacke raus. Und ich empfinde eine tröstliche Demut im Bewusstsein von Höherem als der eigenen Existenz.

Und da bin ich wieder am Theaterstück. Mal diskutierten Lehrer und Schüler, mal Lehrer und Gräfin. Es schaukelte sich so hoch. Ist jedes Sich-Fügen Selbstaufgabe und Zwang geschuldet, wie Stirner es ausführt, und tut man nicht alles ohnehin aus Eigennutz? „Alle wollen Hirte sein, keiner Ziege“, so sagte er. Stirner besteht auf umfassende Eigenverantwortlichkeit ohne alle Vorgaben. Aber was bedeuten dann „Gesellschaft“ und „Gemeinwohl“? Da scheiden sich die Geister. Und wenn jeder Hirte ist – will dann nicht einer zwangsläufig den Oberhirten geben? Und gibt es überhaupt eine alle umfassende, übergeordnete Menschenliebe? Die Gräfin, sehr glaubwürdig und toll gespielt von Anneliese Hirsch, findet „ja“ und ist damit nicht mehr auf einer Linie mit dem von ihr engagierten Privatlehrer Stirner – eben Peter Burri, aus dessen Feder das Stück stammt, und der also mit gescheiten Gedanken und souveränem Spiel auch mich – und ich bin durchaus vorbelastet – überzeugte. Von seinen Händen stammt natürlich auch das Bühnenbild, das sich stimmig und ansprechend in den stets bezaubernden Charme des Adlers fügte. Richard-Anton – also mein Sohn Anton, und auch da bin ich voreingenommen, aber absolut einer Meinung mit allen meinen Mitzuschauer*innen – war klasse: selbstbewusst, sicher und präsent. Ich hätte zehn weitere Vorhänge klatschen wollen. Tochter Martha war die süßeste Hausmaus, die man sich vorstellen kann, und auch damit war ich nicht alleine – man hätte sie gerne öfter gesehen.

Unter den Mitzuschauerinnen war auch Ika Sperling, die derzeitige Stadtschreiberin, die in Comics erzählt und zeichnend sieht. Sie hat permanent im abgedunkelten Zuschauerraum „halb blind“ mitgezeichnet. Das beigefügte Bild besteht aus Ausschnitten davon. An dieser Stelle herzlichen Dank, dass ich´s hier verwenden darf. Ihre Bilder-Geschichten sind toll.

Richard-Anton hat Stirner falsch verstanden. Der echte Anton sagt, er habe den Inhalt so ziemlich komplett kapiert. Ich weiß es nicht. Ums eigenmächtige Lernen ging es. Und da denke ich – Lehren kann nur Angebote machen, was wer lernt, entscheidet in der Tat jeder selbst. Und natürlich wird da herausgepickt, was passend erscheint. Ich wage zu behaupten, man verzeihe die Wortwahl, in jedem steckt ein kleines Arschloch und ein Held. Meistens bewegt man sich so mittendrin, aber man hat die Wahl, welchem Licht man folgt. Darum plädiere ich persönlich für eine bestmögliche Herzensbildung, dann pickt man wenigstens nicht ganz verkehrt. (Sind wir wieder bei der allgemeinen Menschenliebe, die der echte Max Stirner, so lese ich im Internet, auch empfunden hat. So fand ich folgendes Zitat: „Ich liebe die Menschen auch, nicht bloß einzelne, sondern jeden. Aber ich liebe sie mit dem Bewusstsein des Egoismus; ich liebe sie, weil die Liebe mich glücklich macht, ich liebe, weil mir das Lieben natürlich ist, weil mir´s gefällt.“ Auch okay.)

Die Premiere, die also auch Uraufführung war, war gut besucht und ein voller Erfolg. Ich für meinen Teil will die Hausmaus nochmal sehen und Richard-Anton brillieren, und will nochmal den Vorbehalten der Gräfin und den Stirnerschen Gedanken folgen. Ich will nochmal hin!

Weitere Vorstellung gibt es im Hinterzimmertheater im Adler in Hausen am Samstag, den 21. Oktober, und an den Samstagen des 4. und des 18. November, jeweils um 20 Uhr.

„Immer wenn´s am schönsten ist“- Ein Fasnetsrückblick

„Immer wenn´s am schönsten ist, ist es vorbei“, heult das Mädel und ist empört, wie kurz diese Tage doch sind im Vergleich zu den langen, zähen Schulwochen. Fasnet ist schon auch Kinderparadies – alle verkleiden sich, Lehrer werden ihres Amtes enthoben – was oben ist, ist unten und was unten oben, zumindest scheint es so – , im Kleidle sind alle inkognito, und ohne braucht man nur die Hand auszustrecken und es regnet Süßigkeiten. Heaven, was kann man mehr wollen.

Ich versteh sie und bin doch selbst ganz zufrieden, dass sie vorbeigeht, die Fasnet. Schön war´s und anstrengend. Lange hielte ich das gar nicht aus. Dabei war es eine Fasnet ohne Stress; ich war so gut vorbereitet wie nie. Ich hatte zeitig angefangen, fachfraulichen Rat und fand es im Übrigen auch angenehmer, mich mit Narrenbuch und dem Richten der Kleidle zu befassen, als mit täglichen Katastrophenmeldungen. Schon krass eigentlich, wie viel Raum diese 5. Jahreszeit einnimmt.  Fasnetsbälle habe ich keinen einzigen besucht; „wenn deine Kinder groß sind“, tröstete eine Freundin. Mal schau´n. Sie sollen sich beeilen, sonst bin ich zu alt dazu. Bliebe noch das jährliche Konzert der Stadtkapelle. Da war ich, nachdem ein Schmotzigenfreund dafür Werbung gemacht hatte, dieses Jahr das erste Mal. Uns gegenüber saß ein älteres Ehepaar das schwärmte „so toll war´s noch nie!“. Die Begeisterung brach ihnen aus allen Poren, und meine Freundin und ich, wir fanden´s auch klasse, ein sehr lustiges, musikalisch gekonntes, abwechslungsreiches, fantasievolles, rottweilspezifisches Fasnetsspektakel. Ich hatte eine Karte übrig und meinen Vater eingeladen. Der war ganz im Glück und rockte zwischen Tisch und Wand.

Der Schmotzige kam und mit ihm der abgesehen vom Beginn der großen Ferien liebste Schultag der Schüler*innen, da machen meine, obwohl noch zu klein für die große Sause in der Stadt, keine Ausnahme. Die große Sause sah gut aus dieses Jahr, kein Scherbenmeer, kein exzessives Komasaufen, stattdessen Musik, Tanz und ausgelassene Party. Und natürlich lustige Kostüme. Das witzigste habe ich allerdings am Fasnetssamstag im Schwarzen Lamm gesehen: Zauberstab, Feenflügel und ein Schemel auf dem Kopf, der kein Schemel, sondern Tisch sein wollte – der Name des Kostüms „Feetisch“.

Wir waren am Schmotzigen als „Hitparade“ mit Dieter Thomas Heck unterwegs und hatten von stürmischem Applaus und frenetischen „Zugabe-“Rufen bis hin zum Spielen vor vollkommen reglosem Publikum alles dabei. „Man ist sich gar nicht sicher, ob sie echt sind“, hab ich zu meiner Freundin gesagt. War schon ein bisschen spooky. Später war sowieso der Stecker gezogen – ihr versagte die Stimme. Ins Spital kamen wir so nicht, was ich schade fand. Ich hätte dem frischgebackenen OB schon gerne unter die Nase gerieben, wie schoofel ich finde, dass der Klimamanager schon kurz nach der Wahl nicht mehr wie im Wahlkampf großmundig angekündigt „direkt unterm OB angesiedelt“  sein sollte. „Es wird koi ´weiter so´ gäba, war versprocha. Es einzig „Neue“ bis jetzt sen allerdings Tempo und Leichtigkeit, mit dene Vorhabe über Bord gworfa werded. Dr Klimamanager hot solla direkt unterm OB ahgsiedelt sei. No hot der im Gemeinderat gfrogt, wie mers do gern hett, und die alte Herra hen gmoint, des breicht es it – des duads im Fachbereich 5, mit Isoliera on Zeig ka no ebber ebbes verdiena, drieber naus bassiert nix, on damit war´s gschwätzt.“ Und zu „Aber bitte mit Sahne“ : „Der Klimaschutz hot solla Chefsache sei; Mhmhmh oh yeah; doch so stoht dr Ruf für seine Ziele net ei; Mhmhmh oh yeah; die CDU, dia isch dagega, da muass der Ruf it lang überlega. Was goht mih mei Gschwätz von geschdern scho an? Schorle a mih na – Aber bitte mit Sahne“. Und so schön gesungen hat der Ludo Nirgends das. Schade. Aber sei´s drum – man wird vielleicht noch Gelegenheit haben, darauf zurückzukommen. Ich bin jedenfalls nicht die Einzige, die das krumm nimmt.

Wenigstens kam ich durch den frühen „Feierabend“ in den Genuß, selbst noch ein paar Gruppen zu sehen. „Plombazieher“ mit Omikron, Delta und Co fand ich mega, voll schräg. Und dann wurde die Nacht wieder lang mit Oberflächlichkeiten und Tiefgang, Leichtsinn und Tragödie.

Wie okay alles doch ist. Wie schön es sein kann, selbst in diesem Endzeit- und Katastrophenszenario. Man schämt sich fast. „Nobel geht die Welt zugrunde“. Mancher Spontispruch stimmt halt.

Ich habe den getroffen, mit dem ich am Schmotzigen auch schon rumgezogen bin, den ich nicht oft, aber auch sonst manchmal treffe, und der gerade zurück war aus Afrika, mit Daniel, dem 5-jährigen Jungen mit Tumor, welcher auf die Atemwege drückt. Wenn er nicht operiert wird, wird er ersticken. Man sammelt jetzt. Aber was, wenn die Spenden nicht reichen. So eine Behandlung übersteigt schnell jeden vorgestellten Bereich.

Ein anderer stand noch dabei, und es ging um die sich irgendwie doch als Realitätssinn verbrämte Abgebrühtheit „man kann nicht alle retten“. Ich fühl mich mies dabei. Es gibt Millionen schwerkranker Kinder. Das stimmt. Aber da gibt es „diesen magischen Moment“, sagte der, der ihn erlebt hat, „da kannst du nicht unbedingt vor dem Einen stehen, dich umdrehen, gehen und es seinem Schicksal überlassen“. Das glaube ich gerne. Wiederum ist auch nicht zwangsläufig dem Schuld zu geben, der geht. Vielleicht ist Bleiben eine Aufgabe, wie man sie nur ein einziges Mal im Leben stemmt. „Wer nur einen Menschen rettet, rettet die Welt.“ Ein Ausspruch aus dem Talmud, den ich gut finde. ……

Kontakt

Über die Sehnsucht nach adventlicher Besinnlichkeit, Tierschutz und über fleischloses Essen an Rottweils Schulen

Mir war schwer ums Herz. Der November ist der eigentliche Trauermonat; im Dezember soll der Advent das Gemüt mit Frohlocken erhellen. Aber noch wirkt der nicht, wie er soll. Es läuft alles, aber es holpert auch. Es läuft schwerer als es meiner Meinung nach müsste. Manchmal legen wir Zweibeiner uns schon unnötig Steine in den Weg und machen einander das Leben schwer. Ich bin bisweilen ein bisschen aggro. Eine Freundin vermutete schon wechseljahrsbedingte Stimmungsschwankungen. Aber ich weiß nicht. Die Wechseljahre sind bis dato symptomlos an mir vorübergezogen. Dagegen sehe ich stets den Auslöser meines Zorns, der den Zorn wohl rechtfertigt. Aber ich müsste halt auch nicht ganz so aufdrehen. Ich tu es trotzdem – und brauche hinterher so viel Nerven mich abzuregen und mir den eignen Zorn zu verzeihen, wie ich vermutlich gebraucht hätte, ihn zu unterdrücken.

Et kütt wie et kütt, und manchmal kütt et einfach über mich.

Am Morgen früh aufgestanden und Holz geholt für die geplante Katzenkletterwand, dann die Werkstatt organisiert, in der ich´s  sägen und schleifen kann. Anschließend einkaufen. Ich habe den ganzen Tag gefroren. Die Heizung war aus. Ich war ja eh kaum zuhaus, da tut´s zur Not auch ein kurzes Brot mit kalten Fingern im Stehen. In früheren Wintern ging das leicht. Ich spüre gerne die winterliche Kälte im Treppenhaus, Atemfahnen am Morgen und sehe Eisblumen an den Fenstern. Ich habe immer gerne so gewohnt, dass man im Winter die Jahreszeit auch beim Wohnen spürte. Diese wohltemperierten 24 Grad jahrein jahraus finde ich tröge. In diesem Krisenwinter neige ich bisweilen dazu, die Kälte als Zumutung zu empfinden. Das finde ich von mir selbst bescheuert.

Da kam der Anruf. Das Tierheim sagte ab. Der Termin zum Abholen hatte schon gestanden. Jetzt dies – wir sind kein Haushalt, in den man Katzen geben kann. Das saß.

Ich habe sofort in meinen Gedanken das Mädel herzzerreißend weinen und wehklagen gehört und in vorauseilendem Mitleiden selbst ungebremst mitgeheult, mit ihren Worten, „ach, wär doch nur Jazz noch da.“

Der Tag war längst entglitten. Aber was sein muss, muss sein. Ich musste mich beeilen. Auf dem Friedhof war noch der Kürbis vom Oktober. Ich hatte Grabschmuck und Kerzen gekauft, es dunkelte schon. Jetzt aber los. Ich ging an dem Grab vorüber, das ich stets passiere, gleich bei der Aufbahrungshalle. Ich gehe, obwohl es viele Wege gäbe, immer diesen und guck auf dieses eine Grab – ein Einzelgrab mit schlichtem, schon verwittertem Holzkreuz, das Foto einer alten Frau daran, die blanke Erde mit traurigem Unkraut fleckig bedeckt, dazwischen ein paar dünne Rosenzweige eines Strauches, der nicht recht weiß, ob er wachsen will oder nicht. Und immer denke ich an die junge Frau, die mal davorstand, so schmerzerfüllt und verzweifelt heulte und in einer mir fremden Sprache der Frau im Grab viel zu erzählen hatte. Ich verstand nicht den Inhalt, aber es klang nach Trauer, riesigem Schmerz und schwerer Schuld….

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Eine Woche im Oktober

Das Stück hieß „Pure Scheiße“, und es lief tagelang, fast zwei Wochen. Dabei war ich in die erste relaxt und voll Vorfreude gestartet, weil wir an ihrem Ende ein Fest feiern wollten.
Es fing damit an, dass ich krank wurde. Eine Erkältung eigentlich nur, wenngleich stärker als gekannt. So schlapp fühle ich mich sonst nicht. Die Tests waren negativ, aber es fühlte sich alles positiv an, oder andersherum – ich war ein bisschen verwirrt über diesen Zustand. Und ich konnte der Müdigkeit auch nicht allzuviel Platz einräumen; es liefen ja die Festvorbereitungen, viel mit Maske.
Und dann war der Kater weg, ging abends nochmal raus, eine letzte Runde, und kam nicht wieder heim. Ich habe nach der ersten Nacht gewusst, dass etwas nicht stimmt. Aber es konnte ja immer noch alles ein gutes Ende nehmen. Er war so neugierig und ging durch jede offene Türe. Vielleicht war er irgendwo eingesperrt. Ich leierte die Suche an mit Plakaten und geteilten Profilen, Tierschutzorganisationen und sogar einer Art Katzenschamanin. So eine Ungewissheit quält. Aber wir wollten hoffen…..

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Mein Städtle von außen, Potsdam hin und zurück

Potsdam, Herz hohenzollern-preussischer Lebensart und Macht. Ich war vier Tage dort einen Jugendfreund besuchen, mit dem ich nicht immer einen sehr regen, aber wenn, dann überaus schönen Kontakt pflege. Wir sind uns einig, Rottweil ist ein Ort, den man mal verlassen haben darf. Aber, auch das war Thema, und das betone ich ihm gegenüber, es ist auch ein Ort, an den es gut ist zurückzukommen. Es waren denn auch dies Mal wunderbare Tage. Ich mag die Havel und den Freund, sein Restaurant und das Reisen mit dem Zug. Potsdam selbst geht mir mitunter auf den Zeiger. Ich habe kein einziges Foto von der Stadt gemacht. Prachtbau an Prachtbau an Prachtbau, dazwischen mal eine Kirche, oder ein Schloss, oder ein Triumphbogen, und sonst wieder Prachtbau neben Prachtbau neben Prachtbau. Stein gewordene Großkotzigkeit. Im Park Sanssouci dasselbe in Grün: das Schloss Sanssouci selbst, dazu die Orangerie, und die wurde umgebaut zum Gästeschloss, und also brauchte es ja wieder eine Orangerie, und also noch eine solche, und das Gästeschloss war auch zu klein, so brauchte es ein weiteres, das dann „Neue Kammern“  heißt, die freilich nicht Kammern sind, sondern prächtige Säle mit vergoldeten Bildhauereien an den Wänden, und das reichte immer noch nicht, und also brauchte es das neue Palais, das so groß ist wie die andern zusammen, und hinter diesem noch Communs – Wirtschafts-und Verwaltungsgebäude, mit Bogen verbunden, auch irgendwie ein Schloss, und dann natürlich noch kleine Bauten für die schöne Aussicht, das Fernweh, die Fantasie, die Lust – was weiß ich, die eigene Selbstherrlichkeit. Friedrich der Große war aufklärerischen Idealen verbunden und mag mitunter Großes geleistet haben. Eine aggressive Politik verfolgt hat er trotzdem, und es haben für seine Größe viele Leute geschuftet, gelitten und ihr Leben gelassen. Da ist Dankbarkeit gemischt mit Groll. Nun hat er nach einigem Umbetten seine letzte Ruhestätte in seinem Lieblingsschloss gefunden. Anscheinend liegen aus Dank dafür, dass er Brandenburg die Kartoffel gebracht hat, immer solche auf der Platte, hat mir ein Einheimischer erzählt, ich war selbst nicht drin. Der „Alte Markt“ im Stadtzentrum, an Landtag und Nikolaikirche, ist ein  großer Platz ohne einen einzigen Grasshalm, ohne einen Blumenkasten, nicht mal ein Baum im Kübel, nichts, nur Stein – ein Manifest fehlenden Bewusstseins der Klimakatastrophe. Ein paar Straßen weiter hängt ein Transparent zwischen Bäumen, und der Freund erklärt mir, dass der Wohnkomplex dahinter, Sozialwohnungsbau, mitsamt den Bäumen abgerissen werden soll. Man wartet noch auf einen Investor, der da dann schick und neu baut. Das ist aus gentrifizierungs – und ökologischen Gründen NoGo. Die Tafeln haben wegen steigender Energiepreise um moderne Kühlgeräte gebeten, Kosten 25.000 Euro. Potsdam verfügt über eine hohe Promi-und Reichendichte. Viele spenden und sponsern – hier ein Bild, da eine Skulptur, einer hat gar 23 Millionen für das Kupferdach überm Landtag springen ließ. Bis jetzt fühlte keiner sich veranlasst, bei den Tafeln unterstützend tätig zu werden. Das regt mich auf.  Wie kann das sein? Wie kann es geschehen, dass Reichtum und Macht so losgelöst sich um sich selbst drehen?  Da will ich dagegen anrennen wie die Franzosen 1789 gegen die Bastille. Natürlich sehe ich die Großartigkeit in diesen Kunstwerken und Bauten, ihre Ästhetik, Glanz und Genie. Aber der Preis ist zu hoch, und er wird von Leuten entrichtet, die nichts davon abbekommen. Da sind mir Künstler lieber, die nicht das ganz Große brauchen und es doch erfassen.

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Die Qual der Wahl




Ich habe einen schweren Kopf, bin lange bei einer Housewarmingparty gewesen und habe dort in einen Geburtstag reingefeiert. Zwei Partys in einer; eine Nacht ist zu kurz für so was. Und dann die Themen – Männer, Kinder, Kirche, Gas, Job, …, und natürlich die OB-Wahl. Es ist meine erste. Und ich bin unentschlossen. Ich find´s echt schwer. Dabei ist tröstlich, dass es anderen genauso geht. Keine der Frauen gestern wusste ohne Zögern, wen sie wählen wird.

Den Herrn Dr. Ruf, den kennt man nun schon, hat ihn öfter gesehen, und immer war er freundlich, nie ist er unangenehm aufgefallen. Der macht seinen Job vermutlich ganz famos, als Bürgermeister bestimmt. Es bleibt halt die Frage, wie das mit dem Wechsel von Verwalten zu Gestalten so klappen würde. Er kommt auf den Plakaten ein wenig lockerer daher, das steht ihm gut. Aber trotzdem – so richtig den inspirierten Macher mit frischen Ideen seh ich halt nicht in ihm. Außerdem stelle ich mir vor, dass die Kontakte schon stehen/ die Verbindungen, und dass in den vergangenen Jahren schon so viele Gespräche geführt sind, die alle ihre Resultate gebracht haben, so dass „anders“ nur bedingt drin liegt. Und dann redet er halt doch wieder von neu auszuweisenden Baugebieten, und das geht halt gar nicht. Irgendwann, will ich meinen, muss man mal aufhören mit zubetonieren und mit dem Vorhandenen schaffen.

Das gefällt mir an Kai Jehle-Mungenast nicht schlecht, der ein sehr reserviertes Verhältnis zu Abriss und Neubau zu haben scheint, der mit ressourcenschonender Politik tatsächlich genau dies zu meinen scheint….

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„Der Himmel ist nicht geerdet!“

„Probleme werden da anders gefixt“,

– auf dem Kongress des ChaosComputerClub, der über einen eigenen Himmel verfügt, erzählte die Frau des Leiters vom kleinen Zelt beim Kulturufer in Friedrichshafen, nämlich „sofort, kollektiv, technikbegeistert und zielorientiert“. Engel gibt es viele auf diesen Kongressen; sie sind zuständig für Müll und allerhand andere Logistik, die es braucht, wenn 30.000 Leute technikbegeistert und zielgerichtet Probleme fixen. Und die Engel haben ihre Base, wie kann es anders sein, im „Himmel“, der ein Zelt ist, das wiederum kein geeigneter Zufluchtsort ist bei einem Unwetter. Wenn es blitzt und stürmt, muss man raus, denn der Himmel ist nicht geerdet. So war es auch bei Gisbert zu Knyphausen und dem Pianisten Kai Schumacher, die ihr Konzert im großen Zelt in Friedrichshafen abbrechen mussten, und das, obwohl man ihnen hätte eigentlich dankbar sein müssen. Kai Schumacher hatte den Regen beschworen. Erst war da nur Wind gewesen, dann legten Schumachers Hände sich auf die Tasten und lockten, und erst kamen vereinzelte Tropfen, und wie die Hände schneller und schneller und schneller wurden und endlich wie wild geworden über die Klaviatur rasten, so prasselten schließlich auch die Tropfen aufs Zeltdach, Klavier und Sturm wurden eins. Magic. Wenigstens den „Leiermann“ von Schubert hat es vor Abbruch noch gegeben. Gisbert von Knyphausen – mega.
 
Der Himmel-Satz begleitete mich tagelang, an den Jongleuren, Akrobaten und Feuerspeiern vorbei, ins Klezmerkonzert, wo die Luft schwül waberte und die Klänge virtuos ins Ohr schwammen, zu Fred Wesley, einer Funk-Legende, die so schräg wie cool war. Bestimmt lag es an meinem Blickwinkel. Ich stand, weil ich nicht vorne sitzen wollte, seitlich in den oberen Rängen und sah ihn von schräg oben. Steinalt und in sich zusammengesunken auf einem quietschroten Küchenhocker sitzend, schwarze Waden über knallgelben Schuhen. Das dunkle Hemd über den rostbraunen Shorts spannte an der Brust und stand ab dem Hosenbund offen auseinander, was einen stattlichen Bauch vermuten ließ; „vielleicht hat er einen Buckel“, dachte ich. Ein hell leuchtender Heiligenschein umgab das schwarze Gesicht. Voll schräg, und soo cool. Er animierte das Publikum zu Lippenakrobatik, „back to the boogie“ oder so ähnlich, mit so vielen Bs aneinandergereiht, dass die Lippen sich verhedderten, später im Wechselgesang „bake a bread with my mom“ und „pass the piece“. Das Publikum erhob sich von den Stühlen, irgendwann standen, tanzten und sangen alle. Auch Fred Wesley stand, alt, aber nicht steinalt, der heiligenschein waren weiße Haare, der Küchenhocker war ein recht schickes Designermöbel, und Wesley hatte keinen Buckel und war auch gar nicht dick. Im Stehen war er weniger schräg, aber immer noch total cool.
Manchmal liegen Himmel und Erde schon sehr nahe beieinander. Das Leben kann so schön sein. Liebe und Wein, See und Sommer, vor der Wohnwagentüre eine Schlemmermeile, Musik, Theater und Straßenkunst, und jeder Quadratmeter birst schier vor Lebensfreude. Den Kindern würde das gefallen, dachte ich, dies Lager am Bodenseeufer, die Wiese mit den vielen Zelten, in denen sie werkeln und basteln, bauen und spielen. Kurz dachte ich an den letzten Tag vor der Abreise, an Rottweils „Ferienzauber“. Die Tochter und ich haben uns mit einem ganz gleichen Duo dort getroffen. War sehr schön; wir kennen uns lange genug um zu wissen, wie wir eine gute Zeit zusammen haben können, egal wo. Der Fahrradparcours im Kinderbereich war bereits abgebaut, die Spielgeräte belagert, im Zelt gab´s Schmetterlingsbasteln. Wir haben unsre Kinder genötigt, „macht mal!“, damit sie wenigstens Etwas im Kinderbereich gemacht hatten. Ferienzauber war schon ein großes Kinderspektakel mit Werkeln, Bauen, Tanzen und so gewesen – bevor Party und Bands vollends übernahmen und es nun reine Location war, mit eher weniger Zauber. Sei´s drum.
Mittlerweile sind beide Kinder in ihren jeweiligen Sommerlagern. Ich habe bis jetzt nichts gehört, demnach ist wohl alles okay. Beim Großen konnte ich nur noch hinterhergerufen „viel Spaß!“, und schon war er weg. Die Kleine war hin und gerissen zwischen Nähe und Abstand, die Tränen so dicht hinter dem Auge, dass jede Berührung die Dämme einzureißen drohte. Besser nicht dem Weinen nachgeben, dachte sie wohl. Nach ner halben Stunde im Zug war´s bestimmt eh vergessen. Wir sind ganz getrennt, fern voneinander. Ich hoffe, es geht allen Familienmitgliedern so gut wie mir gerade.
Ich habe, nachdem die Kleine verabschiedet war, noch zu meiner Freundin gesagt „hoffentlich geht alles gut“. Mir war schon etwas schwer ums Herz. Und sie, deren Kinder jahrelang dabei waren: „es sieht chaotischer aus, als es ist, sie bringen´s immer hin, und wenn nicht gleich, dann etwas später. Und was soll´s – sonst erfahren sie auch nur, dass auch mal was NICHT klappt und glatt läuft, sie erfahren, dass Dinge auch scheitern, und das lernen sie eigentlich viel zu wenig“.
Stimmt. Auch Scheitern will gelernt sein.
Ich weiß nicht, weshalb es mir jetzt einfällt. Als große Träume kläglich scheiterten….

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Von guten und nicht so guten Mächten

und allerhand Nebensächlichkeiten

Ich fühle mich etwas zweigeteilt, zerrissen: Krisen – und Katastrophenmodus versus Lebensfreude. Und so viele Aufgaben und Baustellen, die es zeitgleich zu koordinieren gilt – ein permanentes Multitasking. Eigentlich überhaupt nicht mein Ding. Wenn ich in einer konstanten Betriebstemperatur bleibe, unabhängig von der jeweiligen Aufgabe, geht’s – aber wehe, es wird mal fiebrig oder unterkühlt, dann ist sofort der Wurm drin.
Temperament und Emotionen zu kontrollieren empfand ich als junger Mensch als eine Zumutung. Dessen ungeachtet verlangt das Dasein es trotzdem ab. Ich bin froh, dass ich in der Lage bin zu lernen. Ich kenne eine Frau, die von Dauerpsychosen gemartert wird und immerzu fragt, ob sie „durch Arbeit an der Krankheit hinter diese kommen könne“. Sie könnte bestimmt Erleichterung erfahren, denk ich. Nur leider scheint die Krankheit eben diesem Arbeiten und Lernen im Weg. Das ist bitter. Das Schicksal kann einem schon übel mitspielen.
Ein Grund mehr der Lebensfreude nachzugehen. Verzweiflungsprophylaxe. Es ist Sommer, so richtig satt und heiß, und das schon morgens beim ersten Schritt vor die Türe. Ich schiebe den Gedanken an Klimawandel beiseite und genieße die Luft an den Beinen. Ich habe mein Rad verändert. Statt Friseur. Mir war nach Stilveränderung. Es waren Stunden meditativen Bastelns inklusive kindischer Anwandlungen. Das Rad ist jetzt blau, dekoriert mit glitzernden Delfinstickern, vornedran gibt eine einbeinige und zur Meerjungfrau umgebaute Barbie die Galionsfigur und um den Korb ist ein Fischernetz. Mein Rad ist ein Schiff, der Asphalt das Meer und ich bin die Kapitänin auf hoher See. Ein Segel täte mir noch gefallen.

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Neues Lieblingswort: minimalinvasiv

Es ist ein Segen, wenn das eigene Leben so ist, wie man es sich wünscht und wie es guttut. Die Welt drumrum ist bei Weitem nicht so, wie ich sie mir wünsche – meine eigenen Strukturen schon. Das darf gerne so bleiben. Es ist auch ein Segen, wenn nichts mit Gewalt oder übermäßigen Ansprüchen einbricht.
Ich habe gefühlt immer zu wenig Zeit. Dabei ist das blöd. Ein Tag hat 24 Stunden, nie mehr, nie weniger. Und was man schafft, schafft man, was nicht, das nicht. Es war eine volle und erlebnisreiche Woche, mit nicht nur Job und Familie, sondern mit für meine Verhältnisse viel Öffentlichkeit, fand ich. Der krönende Abschluß war der Samstagsabend, das letzte Konzert des Jazzfestes. War ziemlich elektronisch alles, aber mega. Ich finde Akkordeon toll. So saß ich mit einem leichten Schwips und einem verliebten Gefühl im Bauch, ließ mich von Musik und Lichtern entführen und fand alles ganz klasse. Ich hatte meine Freundin zum VIP-Empfang begleitet, und das ist schon ein Spaß, sowieso mit Sekt und Häppchen und grünem Bändel, mit dem man frei konsumieren darf, inklusive Gin-Tonic. Gerade noch die Kurve gekriegt und dem fetten Kater ausgewichen. So war der Sonntag gerettet, der dem Aufräumen gewidmet sein sollte, haushälterisch wie mental.
So geschehen. Minimalinvasiv, was das Haushalten anging. Es zog mich hinaus; ich war lange nicht spazieren………………………

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Auftauchen

Die Wochen und Tage sind zu kurz. Das ist das Pech der späten Mütter: die Kinder sind noch klein, die Eltern schon alt und teilweise und zunehmend gebrechlich, dazu der Job, die ganze Lebensgestaltung, der ganze Scheiß drumrum. Ab und zu habe ich nachts keine Ruhe zum Schlafen. Dann muss ich raus und mir einen Plan machen. Bisweilen ist der so ausgeklügelt und voll, dass ich am Ende selbst überrascht bin, wenn er aufging.
Ein Pflegebett ist noch keine Pflege, ein volles Glas ist noch nicht getrunken. Buchstaben erkennen ist nicht lesen-können, an sozialen Medien hängen nicht Kommunikationsfähigkeit. Und so geht’s fort. Es sind die Wege dahin, die Nerven kosten. Und wenn der Weg das Ziel sein soll, braucht´s eine klare Richtung, und also muss jeder Schritt überlegt sein.
Ich gönne mir wenigstens den Luxus und tauche ab. Die Krisen kriseln heuer ohne mich. Ich bin ein Wal in unruhiger See. Meine Lieben bleiben in Echolot-Rufweite und halten mit mir Kurs. Nur manchmal tauche ich auf, und dann staune ich, wie die Welt da oben aussieht und wie verrückt sie sich dreht.
Exkanzler Schröder war mit seiner jungen Gattin in Moskau. Ich habe ein Foto gesehen, auf dem sie – der Kreml im Hintergrund – andächtig betet – für die Vermittlungsversuche ihres Mannes oder für besser Wetter, keine Ahnung. Es sieht so andächtig aus.  Dabei muss wenigstens noch eine weitere Person mitanwesend gewesen sein, die, welche das Foto gemacht hat, und so andächtig stelle ich mir den Moment also gar nicht vor. Das erinnert mich an eine mir vor Jahren zugetragene Erzählung eines Journalisten, der mit Horst Seehofer auf Wahlkampftour in Bayern unterwegs gewesen war. Es sollte ein Foto gemacht werden, Seehofer in stiller Andacht in einer schlichten Kapelle. Der Tross rauscht an, drei Dutzend Journalisten, Wahlkampfmanager, Visagisten, uswusf. Seehofer nimmt Platz, faltet die Hände, guckt beseelt. „Das war nix. Nochmal!“ Also nochmal, ein Licht verrückt und die Nase frisch gepudert. Nochmal hinknien, nochmal Hände falten, stille Rührung ins Gesicht. Klick. Seehofer: „Hammers?“ Sie ham´s. Seehofer steht auf, der Tross packt ein und rauscht weiter. Besinnlichkeit kommt erst auf, als alle weg sind, auch Seehofer. Was soll das? Ein Auftauchen ist das jedenfalls kaum wert.

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