„Gekippt“  sei sie, in dieser Zeit,

sagte eine Bekannte, die ich die ganze Coronazeit über nicht getroffen hatte. Wir teilen ein Hobby, über welches wir uns mitunter schon recht nahe gekommen sind.  Sie ist gebildet, hat Witz und Esprit, ist gesellschaftlich engagiert und finanziell gut gestellt. Sie steht noch immer mit beiden Beinen fest in ihrem Leben, nur anders, und es ist ein anderes Leben als zuvor, eines, das auf mehr Abstand konzipiert ist. Der Umgang mit Corona habe sie schwer enttäuscht, sagte sie. In Wissenschaft, Medien und Politik hat sie ihr Vertrauen verloren.  Und das ist natürlich übel. Ohne Vertrauen ist alles scheiße, jedes Leben, ich behaupte, selbst das nobelste. Die Diskussionen um die Impflicht haben ihr zugesetzt, und WIE dann geimpft wurde – „alles, was einen Arm hinstrecken konnte“, Schwangere, Kranke, alle. Jede Vorsicht, die beim Impfen stets gegolten hatte, war obsolet. Ich muss dazu sagen – sie ist Medizinerin und weiß, wovon sie spricht. Die Rigorosität der Politik, die mitunter drangsalierte, was sie zu schützen vorgab, die Medien, die keinen Diskurs mehr zuließen und Zweifeln, Ängsten und konträren Positionen meist nur so viel Raum gaben, dass sie sich gleichzeitig diskreditieren ließen – entsetzt war sie schließlich, als sie mitbekam, wie renommierte Wissenschaftler, die andere Thesen vertraten, Ämter und Reputation verloren, Thesen, die auch nicht von Pappe waren.

Das stimmt schon – diese verkürzten Diskussionen, bei denen es nicht mehr um Argumente geht und man sich mit dem gegnerischen Standpunkt tatsächlich auseinandersetzt, sondern Meinungsvielfalt zum Schlagabtausch verkommt, in dem unterschiedliche Positionen wüst und wild aufeinander eindreschen, die sind voll übel. Ich bekomm´s auf Twitter mit, das wegen jedem Mist hyperventiliert,  und ich find´s echt krass. Von „gesinnungsethischer Intoleranz“ sprechen Precht und Welzer in ihrem Buch „Die 4. Gewalt“.  Ich will mich der Medienschelte nicht anschließen. Mir will scheinen, in diesen krisengeschüttelten Zeiten haben alle das Bedürfnis nach Schulterschluss und klarer Position – „pro oder contra“ – Bürger, Politiker, Wissenschaftler, Journalisten und die *innen, alle. Polarisieren, weil in dem Dazwischen  so viele Unabwägbarkeiten stecken und das dann so anstrengend, wenn nicht zermürbend wird. Keine gute Entwicklung. Aber in der öffentlichen Diskussion müssen halt alle Stimmen abgebildet sein. Manche sind mir zu blöd für eine wirkliche Auseinandersetzung, weder ist die Erde eine Scheibe, noch sind wir von Aliens unterwandert, und den Großen Reset muss ich auch nicht unbedingt durchhecheln. Das sag ich dann auch. Aber „Politik und Öffentlichkeit“ sollte zu Ängsten, Zweifeln und Anliegen dennoch Stellung beziehen, so dass auch sie Gegenstand der öffentlichen Debatte sind. 

Das Gespräch kam, wie die Zeit eben auch, von Krise zu Krise, von Corona zum Krieg. „Wer jetzt im Krieg in der Ukraine zu Vorsicht mahnt, gilt sofort als Freund Putins“, monierte die Bekannte. Ich bin mit „Schwerter zu Pflugscharen“ und „Make love not war“ aufgewachsen. Mit dieser Kriegstreiberei tue auch ich mich schwer.

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Eine Woche im Oktober

Das Stück hieß „Pure Scheiße“, und es lief tagelang, fast zwei Wochen. Dabei war ich in die erste relaxt und voll Vorfreude gestartet, weil wir an ihrem Ende ein Fest feiern wollten.
Es fing damit an, dass ich krank wurde. Eine Erkältung eigentlich nur, wenngleich stärker als gekannt. So schlapp fühle ich mich sonst nicht. Die Tests waren negativ, aber es fühlte sich alles positiv an, oder andersherum – ich war ein bisschen verwirrt über diesen Zustand. Und ich konnte der Müdigkeit auch nicht allzuviel Platz einräumen; es liefen ja die Festvorbereitungen, viel mit Maske.
Und dann war der Kater weg, ging abends nochmal raus, eine letzte Runde, und kam nicht wieder heim. Ich habe nach der ersten Nacht gewusst, dass etwas nicht stimmt. Aber es konnte ja immer noch alles ein gutes Ende nehmen. Er war so neugierig und ging durch jede offene Türe. Vielleicht war er irgendwo eingesperrt. Ich leierte die Suche an mit Plakaten und geteilten Profilen, Tierschutzorganisationen und sogar einer Art Katzenschamanin. So eine Ungewissheit quält. Aber wir wollten hoffen…..

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Mein Städtle von außen, Potsdam hin und zurück

Potsdam, Herz hohenzollern-preussischer Lebensart und Macht. Ich war vier Tage dort einen Jugendfreund besuchen, mit dem ich nicht immer einen sehr regen, aber wenn, dann überaus schönen Kontakt pflege. Wir sind uns einig, Rottweil ist ein Ort, den man mal verlassen haben darf. Aber, auch das war Thema, und das betone ich ihm gegenüber, es ist auch ein Ort, an den es gut ist zurückzukommen. Es waren denn auch dies Mal wunderbare Tage. Ich mag die Havel und den Freund, sein Restaurant und das Reisen mit dem Zug. Potsdam selbst geht mir mitunter auf den Zeiger. Ich habe kein einziges Foto von der Stadt gemacht. Prachtbau an Prachtbau an Prachtbau, dazwischen mal eine Kirche, oder ein Schloss, oder ein Triumphbogen, und sonst wieder Prachtbau neben Prachtbau neben Prachtbau. Stein gewordene Großkotzigkeit. Im Park Sanssouci dasselbe in Grün: das Schloss Sanssouci selbst, dazu die Orangerie, und die wurde umgebaut zum Gästeschloss, und also brauchte es ja wieder eine Orangerie, und also noch eine solche, und das Gästeschloss war auch zu klein, so brauchte es ein weiteres, das dann „Neue Kammern“  heißt, die freilich nicht Kammern sind, sondern prächtige Säle mit vergoldeten Bildhauereien an den Wänden, und das reichte immer noch nicht, und also brauchte es das neue Palais, das so groß ist wie die andern zusammen, und hinter diesem noch Communs – Wirtschafts-und Verwaltungsgebäude, mit Bogen verbunden, auch irgendwie ein Schloss, und dann natürlich noch kleine Bauten für die schöne Aussicht, das Fernweh, die Fantasie, die Lust – was weiß ich, die eigene Selbstherrlichkeit. Friedrich der Große war aufklärerischen Idealen verbunden und mag mitunter Großes geleistet haben. Eine aggressive Politik verfolgt hat er trotzdem, und es haben für seine Größe viele Leute geschuftet, gelitten und ihr Leben gelassen. Da ist Dankbarkeit gemischt mit Groll. Nun hat er nach einigem Umbetten seine letzte Ruhestätte in seinem Lieblingsschloss gefunden. Anscheinend liegen aus Dank dafür, dass er Brandenburg die Kartoffel gebracht hat, immer solche auf der Platte, hat mir ein Einheimischer erzählt, ich war selbst nicht drin. Der „Alte Markt“ im Stadtzentrum, an Landtag und Nikolaikirche, ist ein  großer Platz ohne einen einzigen Grasshalm, ohne einen Blumenkasten, nicht mal ein Baum im Kübel, nichts, nur Stein – ein Manifest fehlenden Bewusstseins der Klimakatastrophe. Ein paar Straßen weiter hängt ein Transparent zwischen Bäumen, und der Freund erklärt mir, dass der Wohnkomplex dahinter, Sozialwohnungsbau, mitsamt den Bäumen abgerissen werden soll. Man wartet noch auf einen Investor, der da dann schick und neu baut. Das ist aus gentrifizierungs – und ökologischen Gründen NoGo. Die Tafeln haben wegen steigender Energiepreise um moderne Kühlgeräte gebeten, Kosten 25.000 Euro. Potsdam verfügt über eine hohe Promi-und Reichendichte. Viele spenden und sponsern – hier ein Bild, da eine Skulptur, einer hat gar 23 Millionen für das Kupferdach überm Landtag springen ließ. Bis jetzt fühlte keiner sich veranlasst, bei den Tafeln unterstützend tätig zu werden. Das regt mich auf.  Wie kann das sein? Wie kann es geschehen, dass Reichtum und Macht so losgelöst sich um sich selbst drehen?  Da will ich dagegen anrennen wie die Franzosen 1789 gegen die Bastille. Natürlich sehe ich die Großartigkeit in diesen Kunstwerken und Bauten, ihre Ästhetik, Glanz und Genie. Aber der Preis ist zu hoch, und er wird von Leuten entrichtet, die nichts davon abbekommen. Da sind mir Künstler lieber, die nicht das ganz Große brauchen und es doch erfassen.

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Die Qual der Wahl II und III

und was Alice damit zu tun hat

Teil II

Es ist ja nun nicht so, dass wir nicht eine gewisse Erfahrung hätten mit dergleichen Situationen. „Welchen nehm ich?“. Einen Vertrauensvorschuss gewährt man immer. Wem traut man was zu? Nimmt man die Nummer sicher, den, der eine auskömmliche Zeit erahnen lässt, soweit die diversen Krisen es zulassen, mit Neuerungen, aber ohne weitere Aufreger? Oder wagt man den energetischen Fremden, der eine großartige Bilder an die Wand malt? Oder den herzerwärmenden, von Idealismus Getragenen, dessen Vorstellungen von zeitgemäßer Lebensqualität man kennt und teilt, der in die Schuhe hineinwachsen muss und würde, mit dem man dann aber gerne mitgeht?

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Und Teil III

Ein Wochenende mit viel Kultur und Lokalgeschehen – das war ziemlich viel „Rottweil“ aufs Mal. Gleich darauf das neue Schuljahr, was der eigentliche Jahresanfang ist; dazu eine Wahl – das will sortiert sein.

Am Freitag war ich mit der Tochter im Musical im Festsaal der Gymnasien, in„Alice im Wunderland“ – eine Premiere, eine Uraufführung sogar. Wir fanden´s toll; Musik, Text, Gesang und Darbietung – alles ganz ganz klasse und richtig viel Wunderland. Da gab es eine Unterwasserwelt mit bunten Fischen und wogenden Quallen und einen Garten mit Riesenpilzen. Die Raupe gefiel uns und die Schildkröte, der Schmetterling, der über unsere Köpfe hinwegflatterte, und dann die singenden Karten -. Das Mädel stand mehr als es saß, und sie staunte und lauschte mit offenem Mund. Und ich staunte auch – wie viele Effekte da mit im Grunde doch einfachen Mitteln auf die Bühne gezaubert wurden, und wie fantastisch Leute singen, die doch als Amateure gelten. Wir waren mit bei den Ersten, die am Ende aufstanden und im Stehen applaudierten, (wobei das Mädel die Länge des Klatschens für übertrieben hielt. „Ja, my love, so ist das – wenn es richtig klasse ist, müssen die Hände heiß werden und kribbeln“). Im fahlen Vollmondlicht liefen wir heim und zählten auf, was alles beeindruckt hat: wie die Darsteller*innen versteinert still standen, nicht die kleinste Bewegung war zu sehen, und wie gemein die Herzkönigin war, die sich für die Schönste hielt und es doch gar nicht war, dann das Elend der Pik Sieben und das des Küchenjungen, der doch so schön gesungen hat; der Hutmacher mit Hase und Haselmaus, die so lustig getanzt haben,…, und natürlich Alice, die sich mit den vielen Müssens im Schulalltag quält und viel lieber Abenteuer erleben möchte. Das kennen wir, das konnten wir beide gut nachvollziehen.

Das Mädel singt im Schulchor und mag überhaupt Musik, Rhythmus und Tanz, und ich würde nicht ungern sehen, wenn sie Lust bekäme mitzumachen. Aber da winkt sie ab, „soo viel üben, wie man da muss – das ist ihr zu viel“. Prima. Und was folgt daraus nun? „In jeglichem Ding steckt ein Sinn“, so singt die Herzogin im Stück. Die Moral von der Geschicht wurd in Sprichwörtern im Stück virtuos besungen. Wenn einer eine Grube gräbt, fällt man, den Spatz in der Hand, nach einer Lüge mit kurzen Beinen, weil aller guter Dinge drei sind, wie der Apfel nicht weit vom Stamm… am Ende selbst hinein. „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“, sag ich zur Tochter, und denke doch an Alice, die singt „Aus den Fehlern unsres Lebens, da lernen wir etwas dazu. Und aus den Früchten unsres Strebens, macht man einer ein Ragout“ – so kann´s halt auch gehen, auch wenn dann nicht so heiß gegessen wird wie gekocht. Vielleicht hat sie Recht, Alice wie auch das Mädel……

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Die Qual der Wahl




Ich habe einen schweren Kopf, bin lange bei einer Housewarmingparty gewesen und habe dort in einen Geburtstag reingefeiert. Zwei Partys in einer; eine Nacht ist zu kurz für so was. Und dann die Themen – Männer, Kinder, Kirche, Gas, Job, …, und natürlich die OB-Wahl. Es ist meine erste. Und ich bin unentschlossen. Ich find´s echt schwer. Dabei ist tröstlich, dass es anderen genauso geht. Keine der Frauen gestern wusste ohne Zögern, wen sie wählen wird.

Den Herrn Dr. Ruf, den kennt man nun schon, hat ihn öfter gesehen, und immer war er freundlich, nie ist er unangenehm aufgefallen. Der macht seinen Job vermutlich ganz famos, als Bürgermeister bestimmt. Es bleibt halt die Frage, wie das mit dem Wechsel von Verwalten zu Gestalten so klappen würde. Er kommt auf den Plakaten ein wenig lockerer daher, das steht ihm gut. Aber trotzdem – so richtig den inspirierten Macher mit frischen Ideen seh ich halt nicht in ihm. Außerdem stelle ich mir vor, dass die Kontakte schon stehen/ die Verbindungen, und dass in den vergangenen Jahren schon so viele Gespräche geführt sind, die alle ihre Resultate gebracht haben, so dass „anders“ nur bedingt drin liegt. Und dann redet er halt doch wieder von neu auszuweisenden Baugebieten, und das geht halt gar nicht. Irgendwann, will ich meinen, muss man mal aufhören mit zubetonieren und mit dem Vorhandenen schaffen.

Das gefällt mir an Kai Jehle-Mungenast nicht schlecht, der ein sehr reserviertes Verhältnis zu Abriss und Neubau zu haben scheint, der mit ressourcenschonender Politik tatsächlich genau dies zu meinen scheint….

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„Der Himmel ist nicht geerdet!“

„Probleme werden da anders gefixt“,

– auf dem Kongress des ChaosComputerClub, der über einen eigenen Himmel verfügt, erzählte die Frau des Leiters vom kleinen Zelt beim Kulturufer in Friedrichshafen, nämlich „sofort, kollektiv, technikbegeistert und zielorientiert“. Engel gibt es viele auf diesen Kongressen; sie sind zuständig für Müll und allerhand andere Logistik, die es braucht, wenn 30.000 Leute technikbegeistert und zielgerichtet Probleme fixen. Und die Engel haben ihre Base, wie kann es anders sein, im „Himmel“, der ein Zelt ist, das wiederum kein geeigneter Zufluchtsort ist bei einem Unwetter. Wenn es blitzt und stürmt, muss man raus, denn der Himmel ist nicht geerdet. So war es auch bei Gisbert zu Knyphausen und dem Pianisten Kai Schumacher, die ihr Konzert im großen Zelt in Friedrichshafen abbrechen mussten, und das, obwohl man ihnen hätte eigentlich dankbar sein müssen. Kai Schumacher hatte den Regen beschworen. Erst war da nur Wind gewesen, dann legten Schumachers Hände sich auf die Tasten und lockten, und erst kamen vereinzelte Tropfen, und wie die Hände schneller und schneller und schneller wurden und endlich wie wild geworden über die Klaviatur rasten, so prasselten schließlich auch die Tropfen aufs Zeltdach, Klavier und Sturm wurden eins. Magic. Wenigstens den „Leiermann“ von Schubert hat es vor Abbruch noch gegeben. Gisbert von Knyphausen – mega.
 
Der Himmel-Satz begleitete mich tagelang, an den Jongleuren, Akrobaten und Feuerspeiern vorbei, ins Klezmerkonzert, wo die Luft schwül waberte und die Klänge virtuos ins Ohr schwammen, zu Fred Wesley, einer Funk-Legende, die so schräg wie cool war. Bestimmt lag es an meinem Blickwinkel. Ich stand, weil ich nicht vorne sitzen wollte, seitlich in den oberen Rängen und sah ihn von schräg oben. Steinalt und in sich zusammengesunken auf einem quietschroten Küchenhocker sitzend, schwarze Waden über knallgelben Schuhen. Das dunkle Hemd über den rostbraunen Shorts spannte an der Brust und stand ab dem Hosenbund offen auseinander, was einen stattlichen Bauch vermuten ließ; „vielleicht hat er einen Buckel“, dachte ich. Ein hell leuchtender Heiligenschein umgab das schwarze Gesicht. Voll schräg, und soo cool. Er animierte das Publikum zu Lippenakrobatik, „back to the boogie“ oder so ähnlich, mit so vielen Bs aneinandergereiht, dass die Lippen sich verhedderten, später im Wechselgesang „bake a bread with my mom“ und „pass the piece“. Das Publikum erhob sich von den Stühlen, irgendwann standen, tanzten und sangen alle. Auch Fred Wesley stand, alt, aber nicht steinalt, der heiligenschein waren weiße Haare, der Küchenhocker war ein recht schickes Designermöbel, und Wesley hatte keinen Buckel und war auch gar nicht dick. Im Stehen war er weniger schräg, aber immer noch total cool.
Manchmal liegen Himmel und Erde schon sehr nahe beieinander. Das Leben kann so schön sein. Liebe und Wein, See und Sommer, vor der Wohnwagentüre eine Schlemmermeile, Musik, Theater und Straßenkunst, und jeder Quadratmeter birst schier vor Lebensfreude. Den Kindern würde das gefallen, dachte ich, dies Lager am Bodenseeufer, die Wiese mit den vielen Zelten, in denen sie werkeln und basteln, bauen und spielen. Kurz dachte ich an den letzten Tag vor der Abreise, an Rottweils „Ferienzauber“. Die Tochter und ich haben uns mit einem ganz gleichen Duo dort getroffen. War sehr schön; wir kennen uns lange genug um zu wissen, wie wir eine gute Zeit zusammen haben können, egal wo. Der Fahrradparcours im Kinderbereich war bereits abgebaut, die Spielgeräte belagert, im Zelt gab´s Schmetterlingsbasteln. Wir haben unsre Kinder genötigt, „macht mal!“, damit sie wenigstens Etwas im Kinderbereich gemacht hatten. Ferienzauber war schon ein großes Kinderspektakel mit Werkeln, Bauen, Tanzen und so gewesen – bevor Party und Bands vollends übernahmen und es nun reine Location war, mit eher weniger Zauber. Sei´s drum.
Mittlerweile sind beide Kinder in ihren jeweiligen Sommerlagern. Ich habe bis jetzt nichts gehört, demnach ist wohl alles okay. Beim Großen konnte ich nur noch hinterhergerufen „viel Spaß!“, und schon war er weg. Die Kleine war hin und gerissen zwischen Nähe und Abstand, die Tränen so dicht hinter dem Auge, dass jede Berührung die Dämme einzureißen drohte. Besser nicht dem Weinen nachgeben, dachte sie wohl. Nach ner halben Stunde im Zug war´s bestimmt eh vergessen. Wir sind ganz getrennt, fern voneinander. Ich hoffe, es geht allen Familienmitgliedern so gut wie mir gerade.
Ich habe, nachdem die Kleine verabschiedet war, noch zu meiner Freundin gesagt „hoffentlich geht alles gut“. Mir war schon etwas schwer ums Herz. Und sie, deren Kinder jahrelang dabei waren: „es sieht chaotischer aus, als es ist, sie bringen´s immer hin, und wenn nicht gleich, dann etwas später. Und was soll´s – sonst erfahren sie auch nur, dass auch mal was NICHT klappt und glatt läuft, sie erfahren, dass Dinge auch scheitern, und das lernen sie eigentlich viel zu wenig“.
Stimmt. Auch Scheitern will gelernt sein.
Ich weiß nicht, weshalb es mir jetzt einfällt. Als große Träume kläglich scheiterten….

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Von guten und nicht so guten Mächten

und allerhand Nebensächlichkeiten

Ich fühle mich etwas zweigeteilt, zerrissen: Krisen – und Katastrophenmodus versus Lebensfreude. Und so viele Aufgaben und Baustellen, die es zeitgleich zu koordinieren gilt – ein permanentes Multitasking. Eigentlich überhaupt nicht mein Ding. Wenn ich in einer konstanten Betriebstemperatur bleibe, unabhängig von der jeweiligen Aufgabe, geht’s – aber wehe, es wird mal fiebrig oder unterkühlt, dann ist sofort der Wurm drin.
Temperament und Emotionen zu kontrollieren empfand ich als junger Mensch als eine Zumutung. Dessen ungeachtet verlangt das Dasein es trotzdem ab. Ich bin froh, dass ich in der Lage bin zu lernen. Ich kenne eine Frau, die von Dauerpsychosen gemartert wird und immerzu fragt, ob sie „durch Arbeit an der Krankheit hinter diese kommen könne“. Sie könnte bestimmt Erleichterung erfahren, denk ich. Nur leider scheint die Krankheit eben diesem Arbeiten und Lernen im Weg. Das ist bitter. Das Schicksal kann einem schon übel mitspielen.
Ein Grund mehr der Lebensfreude nachzugehen. Verzweiflungsprophylaxe. Es ist Sommer, so richtig satt und heiß, und das schon morgens beim ersten Schritt vor die Türe. Ich schiebe den Gedanken an Klimawandel beiseite und genieße die Luft an den Beinen. Ich habe mein Rad verändert. Statt Friseur. Mir war nach Stilveränderung. Es waren Stunden meditativen Bastelns inklusive kindischer Anwandlungen. Das Rad ist jetzt blau, dekoriert mit glitzernden Delfinstickern, vornedran gibt eine einbeinige und zur Meerjungfrau umgebaute Barbie die Galionsfigur und um den Korb ist ein Fischernetz. Mein Rad ist ein Schiff, der Asphalt das Meer und ich bin die Kapitänin auf hoher See. Ein Segel täte mir noch gefallen.

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La dolce vita

und ein Hauch von Ewigkeit

Im Urlaub scheinen die Tage länger. Erstmal. Randvoll gefüllt mit neuen Eindrücken sind sie jedenfalls intensiver, so dass im Erleben mir bereits am Montag ist, als wäre der Samstag, der Tag der Ankunft, ewig her. Das ist kein Fehler, in dieser sogenannten „Ewigen Stadt“, in der man durch mehr als zweitausend Jahre Geschichte läuft. Rom. Was war das nur für eine Schnapsidee, so weit zu reisen für nur eine Woche, und die noch zweigeteilt in Stadt und Strand. Die Woche darauf bin ich krank und der Kopf schafft es selbst im Nachhinein kaum, die Eindrücke zu sortieren. Im Grunde genieße ich das. Das ist eine Form des „dolce vita“ – die Süße der Gedankenlosigkeit. Ich will mich dennoch an einem Ordnen versuchen.
Da war zuerst mal der Dom, den ich hätte sehen wollen bei dem Zwischenstopp in Mailand. Eine der größten Kirchen der Welt, 12.000 qm Fläche, Platz für 35.000 Leute. Im 14. Jahrhundert begonnen und erst im 19. fertiggestellt. Wir waren nicht dort. Bis wir vom Bahnhof zur Unterkunft gefunden haben, ist es zu spät, und Mailand ist halt doch größer als gedacht und der Dom keineswegs grade mal so um die Ecke. Und da rächt sich auch zum ersten Mal, dass ich mich mit dem Handy zu wenig auskenne und weder mit Googlemaps bewandert bin noch mit diversen anderen Apps und Portalen, so dass sowohl das Finden als auch das Einchecken in die AirBnB-Unterkünfte jedes Mal eine kleine Herausforderung ist. Ich habe mich kaum je so viel verlaufen wie in dieser Woche. Mittlerweile habe ich Googlemaps installiert und versuche mich am Wandern mit Kompass. In Mailand sind wir erstmal froh, drin in der Unterkunft zu sein, ich stehe auf dem Balkon und blicke auf Dreharbeiten unten auf dem Gehsteig, auf den trotz später Stunde noch tosenden Verkehr und auf das Lichtermeer. Eine Stadt, eine richtige, große, quicklebendige Stadt.
Mailänderinnen sind wie Römerinnen schicker. Die Tops sind knapper, die Röcke kürzer, die Nägel länger, Haare schwärzer, die Absätze höher; Frau geizt nicht mit Reizen. Zurück in München fällt mir das erst so richtig auf, als die Mädchen wieder Jeans und Sneakers tragen – und die Jungs Schlabbershorts und blöde Tshirts, statt Hemd. Den Männern täte eine Prise italienischen Chics mitunter nicht übel, meine ich.
Die ersten Eindrücke in Rom sind allerdings andere………………..

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Neues Lieblingswort: minimalinvasiv

Es ist ein Segen, wenn das eigene Leben so ist, wie man es sich wünscht und wie es guttut. Die Welt drumrum ist bei Weitem nicht so, wie ich sie mir wünsche – meine eigenen Strukturen schon. Das darf gerne so bleiben. Es ist auch ein Segen, wenn nichts mit Gewalt oder übermäßigen Ansprüchen einbricht.
Ich habe gefühlt immer zu wenig Zeit. Dabei ist das blöd. Ein Tag hat 24 Stunden, nie mehr, nie weniger. Und was man schafft, schafft man, was nicht, das nicht. Es war eine volle und erlebnisreiche Woche, mit nicht nur Job und Familie, sondern mit für meine Verhältnisse viel Öffentlichkeit, fand ich. Der krönende Abschluß war der Samstagsabend, das letzte Konzert des Jazzfestes. War ziemlich elektronisch alles, aber mega. Ich finde Akkordeon toll. So saß ich mit einem leichten Schwips und einem verliebten Gefühl im Bauch, ließ mich von Musik und Lichtern entführen und fand alles ganz klasse. Ich hatte meine Freundin zum VIP-Empfang begleitet, und das ist schon ein Spaß, sowieso mit Sekt und Häppchen und grünem Bändel, mit dem man frei konsumieren darf, inklusive Gin-Tonic. Gerade noch die Kurve gekriegt und dem fetten Kater ausgewichen. So war der Sonntag gerettet, der dem Aufräumen gewidmet sein sollte, haushälterisch wie mental.
So geschehen. Minimalinvasiv, was das Haushalten anging. Es zog mich hinaus; ich war lange nicht spazieren………………………

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Übers Runterkommen, Familie, Krieg und Frieden

Runterkommen ist schwerer als rauf. Bergsteiger wissen das. Der Abstieg lässt nicht so prusten, aber er geht mehr in die Beine. Als Radfahrerin bevorzuge ich das Bergab. Seit ich ein EBike habe, ist es eigentlich ziemlich schnuppe, das ist das Schöne daran, jeder Berg wird flach. Trotzdem hat es sich in mir festgebrannt – lieber bergab, und so brauchte es nun eine Weile, bis mir klar wurde, weshalb ich mich so wundere und schwertue dieser Tage. – Weil mir das Runterkommen schwerer fällt als raufwärts.

Als familienbedingt das Leben plötzlich so voll wurde, dass jeder Tag zu kurz wird und die Woche zu wenig Tage hat, ging es leicht, mich drauf einzustellen. „Das ist jetzt so.“ Basta. Dann wird anders geplant und jeder Leerlauf rausgeschnitten. Dann gibt es keine Minute mehr ohne „dringend“. Ohnehin verschieben sich die Prioritäten; das Notwendigste zuerst. Alles, das warten kann, tut das auf unbestimmte Zeit. So geht´s.

Aber irgendwann merke ich dann doch, dass es mir zuviel wird. Wenn sich rechts und links meiner Strecke zu viel anhäuft, wenn all das Liegengebliebene, Wartende, anfängt auf mich runterzuschauen. Dann schiebt es sich in die Nächte und drückt auf die Laune. Dann werde ich unduldsam in Momenten, die das weder verschuldet noch verdient haben. Mein darauf folgendes schlechtes Gewissen macht die Lage nicht besser. Spätestens dann weiß ich, es muss was geschehen.

……

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