Viel Theater über offene Fragen und Missverständnisse

„Max Stirner und der böse Bube“

„Der einzige Schüler, der ihn je verstanden hat, und das falsch!“, klagte Max Stirner am Schluss, und bezog sich damit auf Hegel, der das gesagt haben soll, über ihn, Stirner selbst – so hab ich´s jedenfalls verstanden, ich sag mal – ohne Gewähr, mir hat schon etwas der Kopf geraucht, was bestimmt mit dem Thema des Stücks zusammenhing, aber auch mit dem Umstand, dass ich es neben meiner Eigenschaft als Zuschauerin auch als Mama sowie Ex-Ensemble und -haushaltsmitglied ansah. Auf der Bühne des Hinterzimmertheaters im Adler in Hausen jedenfalls hat der Schüler Richard-Anton – in echt Anton, mein Sohn – seinen Privatlehrer Max Stirner – in echt Peter Burri, sein Papa – falsch verstanden und Schlüsse gezogen, die vom Lehrer so nicht beabsichtigt waren. Ich persönlich hätte mich über dies Missverständnis nicht sonderlich gegrämt, es gibt schlimmere. Aber das kann und soll jede*r Zuschauer*in am Ende selbst entscheiden.

Max Stirner, las ich hinterher auf Wikipedia, war ein deutscher Philosoph, Journalist und Schriftsteller und lebte von 1806 bis 1856. „Hegelianer“ war er, und um die Befreiung aus der Unmündigkeit ging es ihnen beiden. Ich habe sowohl von Max Stirner als auch von Hegel keine Ahnung. Ich hätte das Thema des Stücks grob mit „Das Individuum und die Gesellschaft“ beschrieben, und in welchem Verhältnis die zueinander stehen. Durchaus aktuell. Und da gibt es sehr viele Missverständnisse, schlimmere, für mein Empfinden.

Wenn ich das derzeit tobende Drangsalieren und Bekriegen im Namen der Götter betrachte, komme ich um den Schluss nicht herum, dass dies ganze Religionsgedöns eine einzige Geschichte des Missverständnisses und Missbrauchs ist.

In Bayern und Hessen hat die CDU/CSU die Landtagswahlen gewonnen, und die Afd hat an Stimmanteilen zugelegt. Die „deutsche Kultur“ wollen sie alle schützen, und ich frage mich, worin die deren Meinung nach bestehen soll. Ich hätte sie selbst auf jeden Fall auch in der Aufklärung verortet. Aber vielleicht geht’s auch um Maßbier, Fussball, Malle und BMW. Was die Schwarzen so verkörpern, ist heuchlerisch und verlogen, und der Eigennutz ist über alles gestellt. Und das ist im Grunde auch die Strategie, in der man sich mit den ultrarechten, nationalistischen Braunen gut versteht. Christlich – und das soll ja ebenfalls als Teil einer deutschen Kultur gelten – ist das nicht.

In Bayern kam die CSU auf 37%, die Afd auf 14,6%. In Hessen hat die CDU 34,6, die Afd 18,4%. In Aschaffenburg, das zu Bayern gehört, aber irgendwie eher hessisch ist, hat die CSU 40,4, die Afd 17,4%. Da sind Schwarz und Braun addiert am stärksten. In Aschaffenburg wird ein Mal im Monat von sog. Querdenkern und Rechten protestiert, und die Forderungen sind flexibel und krude, je nach aktuellem Anlass geht’s halt um Unzufriedenheiten im Persönlichen und Allgemeinen, und bisweilen gewähren Demonstranten auch ehrliche Einblicke: „Der Klimaschutz geht uns am Arsch vorbei – wir wollen Wohlstand.“ Und der ist qua System nie genug, der braucht immer „mehr“. Das sieht man in anderen Parteien ganz gleich – am Ende siegt die Wirtschaft und geht es um die eigenen Annehmlichkeiten. Die FDP, meines Erachtens nach eine Partei der Porschefahrer, lädt in einem hiesigen Autohaus zur Diskussion um E-Fuels, die unbestritten eine gute Technologie sind, aber eben nicht für den massenhaften Individualverkehr geeignet, da auch nicht mehr klimaneutral, und nur zum steuerlich subventionierten Vergnügen eben jener Porschefahrer eingesetzt.

Missverständnisse über Missverständnisse, eine Kultur des Eigennutzes und mitnichten von aufgeklärter Eigenverantwortung geprägt. Und alle berufen sich auf irgendwelche Definitionen von „Freiheit“, die gegen das Gemeinwohl ausgespielt wird. Ich selbst stelle Eigennutz und Gemeinwohl nicht in Widerspruch zueinander, sondern sehe meine Freiheit durch das Gemeinwohl sinnvoll begrenzt, fürs Ego habe ich ausreichend Spielraum. Ich habe auch nichts gesellschaftliche Strukturen, in die ich mich füge – solange ich sie mit bestem Wissen und Gewissen annehmen kann, und natürlich, solange sie nicht zu starr sind. Wo grundlos gemauert wird, hole auch ich die Spitzhacke raus. Und ich empfinde eine tröstliche Demut im Bewusstsein von Höherem als der eigenen Existenz.

Und da bin ich wieder am Theaterstück. Mal diskutierten Lehrer und Schüler, mal Lehrer und Gräfin. Es schaukelte sich so hoch. Ist jedes Sich-Fügen Selbstaufgabe und Zwang geschuldet, wie Stirner es ausführt, und tut man nicht alles ohnehin aus Eigennutz? „Alle wollen Hirte sein, keiner Ziege“, so sagte er. Stirner besteht auf umfassende Eigenverantwortlichkeit ohne alle Vorgaben. Aber was bedeuten dann „Gesellschaft“ und „Gemeinwohl“? Da scheiden sich die Geister. Und wenn jeder Hirte ist – will dann nicht einer zwangsläufig den Oberhirten geben? Und gibt es überhaupt eine alle umfassende, übergeordnete Menschenliebe? Die Gräfin, sehr glaubwürdig und toll gespielt von Anneliese Hirsch, findet „ja“ und ist damit nicht mehr auf einer Linie mit dem von ihr engagierten Privatlehrer Stirner – eben Peter Burri, aus dessen Feder das Stück stammt, und der also mit gescheiten Gedanken und souveränem Spiel auch mich – und ich bin durchaus vorbelastet – überzeugte. Von seinen Händen stammt natürlich auch das Bühnenbild, das sich stimmig und ansprechend in den stets bezaubernden Charme des Adlers fügte. Richard-Anton – also mein Sohn Anton, und auch da bin ich voreingenommen, aber absolut einer Meinung mit allen meinen Mitzuschauer*innen – war klasse: selbstbewusst, sicher und präsent. Ich hätte zehn weitere Vorhänge klatschen wollen. Tochter Martha war die süßeste Hausmaus, die man sich vorstellen kann, und auch damit war ich nicht alleine – man hätte sie gerne öfter gesehen.

Unter den Mitzuschauerinnen war auch Ika Sperling, die derzeitige Stadtschreiberin, die in Comics erzählt und zeichnend sieht. Sie hat permanent im abgedunkelten Zuschauerraum „halb blind“ mitgezeichnet. Das beigefügte Bild besteht aus Ausschnitten davon. An dieser Stelle herzlichen Dank, dass ich´s hier verwenden darf. Ihre Bilder-Geschichten sind toll.

Richard-Anton hat Stirner falsch verstanden. Der echte Anton sagt, er habe den Inhalt so ziemlich komplett kapiert. Ich weiß es nicht. Ums eigenmächtige Lernen ging es. Und da denke ich – Lehren kann nur Angebote machen, was wer lernt, entscheidet in der Tat jeder selbst. Und natürlich wird da herausgepickt, was passend erscheint. Ich wage zu behaupten, man verzeihe die Wortwahl, in jedem steckt ein kleines Arschloch und ein Held. Meistens bewegt man sich so mittendrin, aber man hat die Wahl, welchem Licht man folgt. Darum plädiere ich persönlich für eine bestmögliche Herzensbildung, dann pickt man wenigstens nicht ganz verkehrt. (Sind wir wieder bei der allgemeinen Menschenliebe, die der echte Max Stirner, so lese ich im Internet, auch empfunden hat. So fand ich folgendes Zitat: „Ich liebe die Menschen auch, nicht bloß einzelne, sondern jeden. Aber ich liebe sie mit dem Bewusstsein des Egoismus; ich liebe sie, weil die Liebe mich glücklich macht, ich liebe, weil mir das Lieben natürlich ist, weil mir´s gefällt.“ Auch okay.)

Die Premiere, die also auch Uraufführung war, war gut besucht und ein voller Erfolg. Ich für meinen Teil will die Hausmaus nochmal sehen und Richard-Anton brillieren, und will nochmal den Vorbehalten der Gräfin und den Stirnerschen Gedanken folgen. Ich will nochmal hin!

Weitere Vorstellung gibt es im Hinterzimmertheater im Adler in Hausen am Samstag, den 21. Oktober, und an den Samstagen des 4. und des 18. November, jeweils um 20 Uhr.

Mittelschichtsträume und die wunderbare Leichtigkeit des Seins

Ein Vollbad, ein langer Spaziergang, frühes Schlafen, im Sessel sitzen und nichts tun – das Schicksal kann so großzügig sein. Noch immer Ferien. Ich kann sie gediegen verdauen – die leichtlebige Woche „Kulturufer in Friedrichshafen“, mit Sommer – den ich da als eine Frage des Willens mehr denn als eine des Wetters definiert habe – mit Akrobatik, Theater, Kabarett, Tanz und Zauberei und Musik auf jedem Schritt und mit dem Bodensee vor der Wohnwagentür und einem sehr sympathischen Mikrokosmos hinter den Kulissen des Festivals. Schön war das und bedenkenswert. Auf von einem Kurztrip kommt man nicht gleich wieder heim wie man aufbrach.

Da war eine Männerband, Machos in Style und Texten, aber sehr witzig, bisweilen klar ironisch, aber mitunter war ich mir auch nicht sicher, was Ernst war, was Ironie, und was überwog, die Lebensfreude oder der Frust über die Zumutungen eines sich ändernden Männerideals. Der Freund auch der Wohnwagennächte fand die Band überhaupt nicht macho. Am Abend darauf eine feministische Lesung mit Auszügen „von Texten starker Frauen“, die ich teilweise auch sehr bewundere, Simone de Beauvoir zum Beispiel. Der Freund fand die Lesung überhaupt nicht feministisch, „es sei ja mehr um früher gegangen“. Ausgangspunkt war Corona gewesen. Ich hätte mich mit der vortragenden Frau danach ganz gerne noch länger unterhalten, aber so im direkten Gegenüber schien sie mir die Sprache eines fremden Planeten zu sprechen. Am Wein kann´s da noch nicht gelegen haben. Jedenfalls dachte ich, das mit Machismo und Feminismus, das stellt schon je nach Standpunkt sehr unterschiedlich dar.

Sehr viel sehr tolle Kunst in Zelten, und genauso begeisternde auf der Promenade. Straßenkunst ist nicht zu unterschätzen. Der Umstand, dass sie im Freien stattfindet und „in den Hut“ gespielt wird, tut der Kunst keinen Abbruch. Da war eine Tänzerin, die die Menge mitnahm auf eine Reise in unser aller Inneres und die mit spontanen Statisten aus dem Publikum eine atemberaubende Allianz einging. Da war ein Feuer-Künstler, dessen Show ich beeindruckend fand, waghalsig und gekonnt, die mich aber nicht so sehr von den Füßen riss und dessen Auftritt ich etwas aufdringlich fand. Nun gut, ich habe sie tagsüber gesehen und da hat man es als Feuerkünstler sicher schwer. Später habe ich erfahren, dass die beiden, Tänzerin und Feuerakrobat, zusammen mit ihren Kindern unterwegs sind. Was für tolle Lebensentwürfe es doch gibt! Da waren mehrere Paare aus Argentinien, lustige Clown*innen und eines, das mit dem ganzen Körper Kunstwerke auf abwaschbare Leinwände malte. Ein Zauberer gab „meinem“ Mädel einen Ball in die Hand, und sie sollte die Finger drum schließen und darauf pusten, und als sie die Faust wieder öffnete, waren erst zwei, dann drei Bälle darin. Wir staunten. Wir staunten auch über tanzende Stelzenfrauen, die grazil und leidenschaftlich Aufruhr, Zerrissen – und Zerbrechlichkeit und Vertrauen über die Köpfe hinwegtanzten. Eine andere Show endete mit Eichendorffs Kanon „Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort“. Ich liebe ihn.

Mein Mädel war nachgekommen. „Ihr erstes Festival“. Sie war beeindruckt und gefordert. Großwerden ist ja an sich schon schwer und bisweilen ein Buch mit sieben Siegeln. Und dann so ein Mikrokosmos. Da können die besten Shows in den Hintergrund treten. Sie hat lieber im See Fische regiert und mit Seifenproduzentinnen Bekanntschaft gemacht. Und wir haben jetzt viele pastellfarben glitzernde und duftende Seifen als Rose, Hase, Bär,… .

Es waren Tage voller Schöngeist und Menschenliebe. Schöne Menschen machten schöne Dinge. Und dabei waren sie durchaus nicht alle klischeehaft „schön“ – da gab es junge und alte, dicke und dünne, makellose und vom Leben gezeichnete – schön waren sie alle eher in so einer Art Wesenzug, einer Grundhaltung.

Nach zehn Tagen hieß es „vorbei“. Der Mikrokosmos seufzte wehmütig und packte sich selbst in seine Kisten.

Danach, auf meinem Verdauungsspaziergang, kam ich an einem sprudelnden Bach und Feldern entlang durch stillen Wald, sah Schmetterlinge und Mücken im Licht tanzen, sah sehr schöne und auch einen sehr kranken Baum und hörte Grillen zirpen, und ich ging so ziellos dahin und kam von ungewohnter Seite in ein mir fremdes Neubaugebiet, eines, das ich nur vom Namen und der Bezeichnung in der Zeitung her kenne; neu entstanden der letzten 10 Jahre so pi mal Daumen. Grad aus dem Wald heraus stand ich plötzlich neben einer Doppelgarage, davor ein Porsche, E, und auf der anderen Seite ein SUV, und ich ging die Straße entlang und betrachtete die Häuser, an einem hing ein Werbeschild für ein Architekturbüro, und ich dachte „meine Fresse, hier waren vermutlich ganze Legionen von Architekten beschäftigt, und dann kommt so eine Scheiße dabei raus!“: lauter weiße Wohnwürfel unterschiedlichen Formats inmitten lauter grüner Rasenflächen, unterschiedlich geschnitten und begrenzt, und aus jedem Quadratmeter schreit der Wettbewerb „größer-nobler-teurer“. Und das soll also der große Traum des Mittelstands sein! Je nach Geldbeutel und Karrieresprosse mehr oder weniger „gehoben“ oder auch „bescheiden“, aber immer würfelig, weiß-grün und sterbenslangweilig. Die Scheidungsraten in solchen Vierteln seien um gut ein Drittel höher als in anders gemischten, hab ich mal gelesen. Und dafür werden Flächen um Flächen versiegelt als gäb´s kein Morgen. Und ich lief so durch und fand´s so bescheuert und stellte mir vor, es gäbe Architekten, die neue Träume kreierten, grüne Biotope und Mehrparteienwohnen nicht nur für schicke Citys und hippe Vorzeigevorstädte, sondern auch fürs schnöde Land und poplige Kleinstädte ein neues Cool. Ich stellte mir vor  – weil es ja offenbar unbedingt ein Oben und ein Unten geben muss – die Erfolgreicheren oben, die Bescheideneren mittig, die Ärmeren ganz unten – mehrstöckig, mit Balkonen und Höfen, und dazwischen mit Gemeinschaftsräumen, je nach Lebensstandard und Generation, für jeden was dabei, und das Ganze begrünt zu allen Seiten und drüber und drunter, und mit Carsharing im Viertel und witzigen Bushaltestellen, an denen man gerne wartet. Ich stellte mir vor, es gäbe ein Zusammen des Mittelstands, der nicht nacheifert, sondern sich zusammentut auch mit den Armen und sich abhebt von den Superreichen, die sich noch so viel ignoranter breitmachen und auf jedem Kontinent mindestens ein Anwesen brauchen und das so großzügig bemessen, dass diese paar Krösusse ganze Landstriche in Dornröschenschlaf versetzen können, wenn der Jetset grad anderswo weilt, und die den Lebtag lang mit feudaler Selbstverständlichkeit zwischen ihren Bunkern hin und her jetten und von irgendwelchen Finanzjongleuren den Reichtum mehren lassen. SIE gälte es zu begrenzen. Und das stellte ich mir vor und dachte, das wäre gar kein „Weniger“, das wäre so viel mehr Leichtigkeit des Seins für alle und überhaupt für unseren ganzen Mikrokosmos Deutschland.

„Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort…“ Ach, Herr Eichendorff – welchen Traum wollen wir jetzt aufleben lassen, und wie lautet das Zauberwort?

„Immer wenn´s am schönsten ist“- Ein Fasnetsrückblick

„Immer wenn´s am schönsten ist, ist es vorbei“, heult das Mädel und ist empört, wie kurz diese Tage doch sind im Vergleich zu den langen, zähen Schulwochen. Fasnet ist schon auch Kinderparadies – alle verkleiden sich, Lehrer werden ihres Amtes enthoben – was oben ist, ist unten und was unten oben, zumindest scheint es so – , im Kleidle sind alle inkognito, und ohne braucht man nur die Hand auszustrecken und es regnet Süßigkeiten. Heaven, was kann man mehr wollen.

Ich versteh sie und bin doch selbst ganz zufrieden, dass sie vorbeigeht, die Fasnet. Schön war´s und anstrengend. Lange hielte ich das gar nicht aus. Dabei war es eine Fasnet ohne Stress; ich war so gut vorbereitet wie nie. Ich hatte zeitig angefangen, fachfraulichen Rat und fand es im Übrigen auch angenehmer, mich mit Narrenbuch und dem Richten der Kleidle zu befassen, als mit täglichen Katastrophenmeldungen. Schon krass eigentlich, wie viel Raum diese 5. Jahreszeit einnimmt.  Fasnetsbälle habe ich keinen einzigen besucht; „wenn deine Kinder groß sind“, tröstete eine Freundin. Mal schau´n. Sie sollen sich beeilen, sonst bin ich zu alt dazu. Bliebe noch das jährliche Konzert der Stadtkapelle. Da war ich, nachdem ein Schmotzigenfreund dafür Werbung gemacht hatte, dieses Jahr das erste Mal. Uns gegenüber saß ein älteres Ehepaar das schwärmte „so toll war´s noch nie!“. Die Begeisterung brach ihnen aus allen Poren, und meine Freundin und ich, wir fanden´s auch klasse, ein sehr lustiges, musikalisch gekonntes, abwechslungsreiches, fantasievolles, rottweilspezifisches Fasnetsspektakel. Ich hatte eine Karte übrig und meinen Vater eingeladen. Der war ganz im Glück und rockte zwischen Tisch und Wand.

Der Schmotzige kam und mit ihm der abgesehen vom Beginn der großen Ferien liebste Schultag der Schüler*innen, da machen meine, obwohl noch zu klein für die große Sause in der Stadt, keine Ausnahme. Die große Sause sah gut aus dieses Jahr, kein Scherbenmeer, kein exzessives Komasaufen, stattdessen Musik, Tanz und ausgelassene Party. Und natürlich lustige Kostüme. Das witzigste habe ich allerdings am Fasnetssamstag im Schwarzen Lamm gesehen: Zauberstab, Feenflügel und ein Schemel auf dem Kopf, der kein Schemel, sondern Tisch sein wollte – der Name des Kostüms „Feetisch“.

Wir waren am Schmotzigen als „Hitparade“ mit Dieter Thomas Heck unterwegs und hatten von stürmischem Applaus und frenetischen „Zugabe-“Rufen bis hin zum Spielen vor vollkommen reglosem Publikum alles dabei. „Man ist sich gar nicht sicher, ob sie echt sind“, hab ich zu meiner Freundin gesagt. War schon ein bisschen spooky. Später war sowieso der Stecker gezogen – ihr versagte die Stimme. Ins Spital kamen wir so nicht, was ich schade fand. Ich hätte dem frischgebackenen OB schon gerne unter die Nase gerieben, wie schoofel ich finde, dass der Klimamanager schon kurz nach der Wahl nicht mehr wie im Wahlkampf großmundig angekündigt „direkt unterm OB angesiedelt“  sein sollte. „Es wird koi ´weiter so´ gäba, war versprocha. Es einzig „Neue“ bis jetzt sen allerdings Tempo und Leichtigkeit, mit dene Vorhabe über Bord gworfa werded. Dr Klimamanager hot solla direkt unterm OB ahgsiedelt sei. No hot der im Gemeinderat gfrogt, wie mers do gern hett, und die alte Herra hen gmoint, des breicht es it – des duads im Fachbereich 5, mit Isoliera on Zeig ka no ebber ebbes verdiena, drieber naus bassiert nix, on damit war´s gschwätzt.“ Und zu „Aber bitte mit Sahne“ : „Der Klimaschutz hot solla Chefsache sei; Mhmhmh oh yeah; doch so stoht dr Ruf für seine Ziele net ei; Mhmhmh oh yeah; die CDU, dia isch dagega, da muass der Ruf it lang überlega. Was goht mih mei Gschwätz von geschdern scho an? Schorle a mih na – Aber bitte mit Sahne“. Und so schön gesungen hat der Ludo Nirgends das. Schade. Aber sei´s drum – man wird vielleicht noch Gelegenheit haben, darauf zurückzukommen. Ich bin jedenfalls nicht die Einzige, die das krumm nimmt.

Wenigstens kam ich durch den frühen „Feierabend“ in den Genuß, selbst noch ein paar Gruppen zu sehen. „Plombazieher“ mit Omikron, Delta und Co fand ich mega, voll schräg. Und dann wurde die Nacht wieder lang mit Oberflächlichkeiten und Tiefgang, Leichtsinn und Tragödie.

Wie okay alles doch ist. Wie schön es sein kann, selbst in diesem Endzeit- und Katastrophenszenario. Man schämt sich fast. „Nobel geht die Welt zugrunde“. Mancher Spontispruch stimmt halt.

Ich habe den getroffen, mit dem ich am Schmotzigen auch schon rumgezogen bin, den ich nicht oft, aber auch sonst manchmal treffe, und der gerade zurück war aus Afrika, mit Daniel, dem 5-jährigen Jungen mit Tumor, welcher auf die Atemwege drückt. Wenn er nicht operiert wird, wird er ersticken. Man sammelt jetzt. Aber was, wenn die Spenden nicht reichen. So eine Behandlung übersteigt schnell jeden vorgestellten Bereich.

Ein anderer stand noch dabei, und es ging um die sich irgendwie doch als Realitätssinn verbrämte Abgebrühtheit „man kann nicht alle retten“. Ich fühl mich mies dabei. Es gibt Millionen schwerkranker Kinder. Das stimmt. Aber da gibt es „diesen magischen Moment“, sagte der, der ihn erlebt hat, „da kannst du nicht unbedingt vor dem Einen stehen, dich umdrehen, gehen und es seinem Schicksal überlassen“. Das glaube ich gerne. Wiederum ist auch nicht zwangsläufig dem Schuld zu geben, der geht. Vielleicht ist Bleiben eine Aufgabe, wie man sie nur ein einziges Mal im Leben stemmt. „Wer nur einen Menschen rettet, rettet die Welt.“ Ein Ausspruch aus dem Talmud, den ich gut finde. ……

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„Der Himmel ist nicht geerdet!“

„Probleme werden da anders gefixt“,

– auf dem Kongress des ChaosComputerClub, der über einen eigenen Himmel verfügt, erzählte die Frau des Leiters vom kleinen Zelt beim Kulturufer in Friedrichshafen, nämlich „sofort, kollektiv, technikbegeistert und zielorientiert“. Engel gibt es viele auf diesen Kongressen; sie sind zuständig für Müll und allerhand andere Logistik, die es braucht, wenn 30.000 Leute technikbegeistert und zielgerichtet Probleme fixen. Und die Engel haben ihre Base, wie kann es anders sein, im „Himmel“, der ein Zelt ist, das wiederum kein geeigneter Zufluchtsort ist bei einem Unwetter. Wenn es blitzt und stürmt, muss man raus, denn der Himmel ist nicht geerdet. So war es auch bei Gisbert zu Knyphausen und dem Pianisten Kai Schumacher, die ihr Konzert im großen Zelt in Friedrichshafen abbrechen mussten, und das, obwohl man ihnen hätte eigentlich dankbar sein müssen. Kai Schumacher hatte den Regen beschworen. Erst war da nur Wind gewesen, dann legten Schumachers Hände sich auf die Tasten und lockten, und erst kamen vereinzelte Tropfen, und wie die Hände schneller und schneller und schneller wurden und endlich wie wild geworden über die Klaviatur rasten, so prasselten schließlich auch die Tropfen aufs Zeltdach, Klavier und Sturm wurden eins. Magic. Wenigstens den „Leiermann“ von Schubert hat es vor Abbruch noch gegeben. Gisbert von Knyphausen – mega.
 
Der Himmel-Satz begleitete mich tagelang, an den Jongleuren, Akrobaten und Feuerspeiern vorbei, ins Klezmerkonzert, wo die Luft schwül waberte und die Klänge virtuos ins Ohr schwammen, zu Fred Wesley, einer Funk-Legende, die so schräg wie cool war. Bestimmt lag es an meinem Blickwinkel. Ich stand, weil ich nicht vorne sitzen wollte, seitlich in den oberen Rängen und sah ihn von schräg oben. Steinalt und in sich zusammengesunken auf einem quietschroten Küchenhocker sitzend, schwarze Waden über knallgelben Schuhen. Das dunkle Hemd über den rostbraunen Shorts spannte an der Brust und stand ab dem Hosenbund offen auseinander, was einen stattlichen Bauch vermuten ließ; „vielleicht hat er einen Buckel“, dachte ich. Ein hell leuchtender Heiligenschein umgab das schwarze Gesicht. Voll schräg, und soo cool. Er animierte das Publikum zu Lippenakrobatik, „back to the boogie“ oder so ähnlich, mit so vielen Bs aneinandergereiht, dass die Lippen sich verhedderten, später im Wechselgesang „bake a bread with my mom“ und „pass the piece“. Das Publikum erhob sich von den Stühlen, irgendwann standen, tanzten und sangen alle. Auch Fred Wesley stand, alt, aber nicht steinalt, der heiligenschein waren weiße Haare, der Küchenhocker war ein recht schickes Designermöbel, und Wesley hatte keinen Buckel und war auch gar nicht dick. Im Stehen war er weniger schräg, aber immer noch total cool.
Manchmal liegen Himmel und Erde schon sehr nahe beieinander. Das Leben kann so schön sein. Liebe und Wein, See und Sommer, vor der Wohnwagentüre eine Schlemmermeile, Musik, Theater und Straßenkunst, und jeder Quadratmeter birst schier vor Lebensfreude. Den Kindern würde das gefallen, dachte ich, dies Lager am Bodenseeufer, die Wiese mit den vielen Zelten, in denen sie werkeln und basteln, bauen und spielen. Kurz dachte ich an den letzten Tag vor der Abreise, an Rottweils „Ferienzauber“. Die Tochter und ich haben uns mit einem ganz gleichen Duo dort getroffen. War sehr schön; wir kennen uns lange genug um zu wissen, wie wir eine gute Zeit zusammen haben können, egal wo. Der Fahrradparcours im Kinderbereich war bereits abgebaut, die Spielgeräte belagert, im Zelt gab´s Schmetterlingsbasteln. Wir haben unsre Kinder genötigt, „macht mal!“, damit sie wenigstens Etwas im Kinderbereich gemacht hatten. Ferienzauber war schon ein großes Kinderspektakel mit Werkeln, Bauen, Tanzen und so gewesen – bevor Party und Bands vollends übernahmen und es nun reine Location war, mit eher weniger Zauber. Sei´s drum.
Mittlerweile sind beide Kinder in ihren jeweiligen Sommerlagern. Ich habe bis jetzt nichts gehört, demnach ist wohl alles okay. Beim Großen konnte ich nur noch hinterhergerufen „viel Spaß!“, und schon war er weg. Die Kleine war hin und gerissen zwischen Nähe und Abstand, die Tränen so dicht hinter dem Auge, dass jede Berührung die Dämme einzureißen drohte. Besser nicht dem Weinen nachgeben, dachte sie wohl. Nach ner halben Stunde im Zug war´s bestimmt eh vergessen. Wir sind ganz getrennt, fern voneinander. Ich hoffe, es geht allen Familienmitgliedern so gut wie mir gerade.
Ich habe, nachdem die Kleine verabschiedet war, noch zu meiner Freundin gesagt „hoffentlich geht alles gut“. Mir war schon etwas schwer ums Herz. Und sie, deren Kinder jahrelang dabei waren: „es sieht chaotischer aus, als es ist, sie bringen´s immer hin, und wenn nicht gleich, dann etwas später. Und was soll´s – sonst erfahren sie auch nur, dass auch mal was NICHT klappt und glatt läuft, sie erfahren, dass Dinge auch scheitern, und das lernen sie eigentlich viel zu wenig“.
Stimmt. Auch Scheitern will gelernt sein.
Ich weiß nicht, weshalb es mir jetzt einfällt. Als große Träume kläglich scheiterten….

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Eine Fasnet im Krisenmodus



„Ne Freude im Leid“ (Anmerk.: aus dem Rottweiler Narrenmarsch)
Eine Fasnet im Krisenmodus


Es stimmt schon – es war ein Irrsinn, so eigentlich, in solchen Zeiten Fasnet zu feiern. Mt einem Virus im Umlauf, das zwar meistens ganz harmlose Krankheitsverläufe mit sich bringt, immer wieder – und das ziemlich unberechenbar – aber doch mit brachialer Gewalt zuschlägt. Es war und ist ein bisschen wie Roulettespielen – wo bleibt die Kugel hängen. Ich weiß nicht, ob mir der Fatalismus gefällt, der sich damit breit macht. Aber er hilft. Er nimmt den Schrecken. Jetzt, nach der Fasnet, sind ganze Familien „positiv“ und daheim, und in der Tat leiden die allermeisten an nicht mehr als an einer gewöhnlichen Erkältung. Ich kannte allerdings auch Leute, die es nicht überlebt haben, selbst dieses „harmlose“ Omikron nicht.
Dann der Krieg vor der Haustüre. Es war ja nicht unumstritten: ist unter diesen Umständen Fasnetfeiern überhaupt vertretbar? Ich fand, es ist. Ob Corona, der Krieg oder das Klima – es folgt Krise auf Krise, und ich will nicht das Leben absagen. Weihnachten gab es mit Corona, Urlaub mit Klimakrise – und Fasnet mit Krieg; jeweils den Umständen angepasst, aber eben doch. Was würde ich sonst den Kindern vermitteln? Dass sie in eine Welt hineingeboren wurden, die das Feiern nicht mehr erlaubt und aus der jede Leichtigkeit verschwinden muss, weil es als nicht schicklich gilt, das Schlimme und Schwere, das irgendwo in der Welt immerzu passiert, mal beiseite zu schieben? Sie sollen doch zuversichtlich sein können.
Meine Kinder tragen sämtliche Coronaregeln ohne viel Murren, wie ich auch. Und obwohl wir alle drei jeweils von ganz unterschiedlichem Naturell sind, hat jeder von uns diese Fasnet auf seine Weise genossen und nimmt von der Freude etwas mit hinein in den kommenden Alltag. Krisen kommen ungebeten, und mit ihnen leben, meine ich, heißt auch, Freude da tanken, wo es geht. „Die Freude im Leid“ eben – ich bitte drum – so heißt es im Narrenmarsch, die will ich dann auch.
Was kann ich auch tun. Ich weiß nicht viel über Russland und die Ukraine und kann kaum beurteilen, wo „gut“, wo „böse“ ist. Dass Putin einen Schaden hat, das war mir klar; das spricht aus seinen eigentlich lachhaften Machoposen. Grundgütiger – als Taucher mit nacktem Oberkörper, die Amphore, wahlweise der Barsch, in der Hand. Wäre er sexy wie einer der Chippendales, könnte er seinen Komplex anders regeln; so muss es halt Macht- und Größenwahn sein. Aber diesen russischen Großmachtkomplex, den hat er wohl nicht alleine. Auch sind die Nato und die Bündnisse des Westens ebenso keine Pfadfindervereine, wo es täglich um die gute Tat geht. Und doch hätte ich mit solcher Rigorosität, mit einem solchen Angriff nicht gerechnet. Es kommt mir so absurd und archaisch vor – einfach die Panzer aus der Garage zu fahren, ins Kriegshorn zu blasen und das Land zu überrollen, das man als „seins“ betrachtet, aus irgendwelchen Gründen, die tief in der Vergangenheit liegen. „Old fashioned“ nannte ein australischer Bekannter, den ich gefragt hatte, wie es ihnen geht nach der Flutkatastrophe, das. Noch so eine Krise. Eine Freundin, die ich über eben diesen Bekannten kennengelernt habe, hockt ohne Strom im australischen Outback und sagt, es sei ein Inlandstsunami gewesen, wie ihn noch nie jemand gesehen habe. Nun hat sie eine ausgeprägte theatralische Ader und liebt Übertreibungen, aber ich glaube ihr. Es gäbe keine Strassen mehr. Sie rationieren die letzten Liter Diesel für den Generator; sie wissen nicht, wann es wieder welchen gibt. Sie lebt weit draussen und hat deshalb immer genügend Vorräte an wenigstens Grundnahrungsmitteln, aber es gibt andere, denen wird’s knapp. „Old fashioned“ – passt eigentlich schon. Kriege kommen, leider, nicht aus der Mode, aber ich stelle mir dennoch vor, es müsste andere Wege geben, heute, wo die Welt über so viele Kommunikationswege und Netzwerke verfügt, wo sämtliche Belange so offen daliegen könnten, wo so viele doch eigentlich um andere Lösungen wissen und man sich darüber austauschen und darin helfen könnte. Wenn alle anerkennen könnten, dass die Welt sich stetig verändert und es keinen Anspruch auf ewigen Bestandsschutz gibt, stelle ich mir vor, ließe sich viel Streit vermeiden.
Ich versteh´s nicht, und ich wollte mich auch nicht damit befassen.
Auszeit. Muss man sich leisten können. Konnte ich. „Bis zum Aschermittwochmorgen“. Dann wieder.
Den Film „Narren“ habe ich lange nicht angeguckt. Er sei so narrenzunftkonzentriert, hatte es geheißen. Und ich hatte das als Gegenargument genommen und immer anderes vorgehabt. Und schließlich habe ich ihn zwei Mal gesehen und fand ihn toll und durchaus erhellend.

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Manche Tage

haben´s in sich, alles Gute und alles Blöde, was Alltag zu bieten hat

Der vergangene Donnerstag war so ein Tag.

Ich schreibe ihn erst jetzt nieder, weil, seit wieder alles volle Suppe läuft – Schule, Vereine, Jugendgruppen, Kultur und Gedöns – ich wie vor Coronazeiten das Gefühl habe, die Tage und Wochen sind mir zu kurz. Ich komme zu nichts mehr abseits des aktuell Notwendigen.

Früh morgens ging es noch. Der Große sollte von der Schule zuhause bleiben. Er hustete, dass es zum Fürchten war. Und ich dachte, ausschlafen hilft auch. Also nur die Kleine geweckt, sie sanft aus dem Familienbett bugsiert. Auf dem Weg zum Bus klagte sie über Ohrenweh. Ohje. Ich dachte, das bekommen wir jetzt im Moment nicht geregelt – es wird schon werden. Das Klagen war auch ein sehr zurückhaltendes.

Zuhause mich gerichtet um zur Arbeit zu gehen. Ich hatte bereits eingekauft und vorbereitet – ich wollte mit der Wohngruppe kochen. Und dann war ich schon halb in den Schuhen, als der Große, den ich schlafend wähnte, „ich habe Nasenbluten!“ rief und vor mir stand. Ihm schoß eine Fontäne aus der Nase, wie ich sie noch nie gesehen habe, und er sah aus wie nach einem Massaker. Erster Schreck, erstes Putzen, Kind versorgen, das Bluten hörte auf – bis er nieste und es wieder anfing und er in Panik geriet – und ich bei der Arbeit absagte.

Zwei Stunden später rief die Schule an, die Kleine käme heim – das Ohrenweh.

Nach dem Essen und den Schulaufgaben ging es allen wieder ordentlich. Und das war gut so. Ich hatte in der Woche zuvor das alte Auto der verstorbenen Tante verhökert, zwischen Tür und Angel, nebenbei und geschwind, was stets eine zuverlässige Quelle für Ungemach ist. Ich hatte nur mal eben unser Zeug raus- und den zweiten Satz Felgen reingetan, das war´s. Es war kein Kaufvertrag vorbereitet, und das Auto war noch angemeldet. Kann er ja selbst machen, dachte ich. Am Straßenrand im Schein der Laterne sudelten wir das Wichtigste auf die Rückseite des frischen Tüvgutachtens, ich machte ein Foto davon, das Papier nahm er mit – und weg waren Käufer und Auto – und ich hörte nichts mehr und bekam auch keine Ummeldebescheinigung oder dergleichen, und langsam war mir bang geworden, und auf Nachfragen kamen die Antworten erst beschwichtigend und auf Zeit spielend, dann unwahr. Und entgegen seiner Versicherung „alles längst geschehen“ beharrte die Zulassungsstelle, das Auto sei nicht umgemeldet. In mir schrillten sämtliche Alarmlampen. „Nie verkaufen ohne abzumelden“, sagten die Damen vom Landratsamt. Da war´s schon zu spät. Ich solle mit dem Kaufvertrag vorbeikommen, dann würden sie den Herrn anschreiben. Ich versuchte den Kaufvertrag auszudrucken – ging nicht; also zum Copyshop; da ging es erst auch nicht – Panik – dann ging´s doch, und also schnell um die Ecke zur Zulassungsstelle gerannt. Und die Frau an Schalter 10 guckte in den Computer und sagte erst „ist noch angemeldet“ und dann „halt, nein, nein, halt, jetzt kommt was rein!“ , es war 16.10 Uhr. „Um 16.02 Uhr ist umgemeldet worden.“ Eine Lawine rollte vom Herzen. „Danke, Sie haben meinen Tag gerettet!“, (und die Nacht auch), ich verabschiedete mich. Zurück aufs Rad, in die Pedale getreten, heim und die Schulsachen für den Folgetag gerichtet. Der Große war verärgert, auch sein Tag lief nicht wie erhofft, und die Mitfahrgelegenheit zur Jugendgruppe der Kleinen war geplatzt. Wir organisierten eine neue. Dann schnell zur Oma, zu der die Fußpflege kommen sollte – der Opa war nicht da. Auch die Oma war übellaunig und wollte gar keine Fußpflege, und überhaupt wollte sie eigentlich gar nichts, nichts als ihre Ruhe. Und ich komm da und mach im Haushalt rum und was soll das??. Und ich musste mich verteidigen und rechtfertigen, und die Fußpflege kam nicht und ich trug alten Salat nach draussen zu den Schildkröten, um die ich mir Sorgen mache, weil ich denk, denen ist doch bestimmt kalt? Und als ich reinkam, war es viel später als einkalkuliert, dabei sollte ich längst daheim sein – die Kinder, das Abendessen, und außerdem war ich eingeladen zu einem Konzert in der Stallhalle. Ich habe den Elternabend dafür sausen lassen. Man muss Prioritäten setzen. Und jetzt dies Warten, ich zählte Minuten und rechnete, „noch 5 Minuten, maximal, dann geh ich – Fußpflege hin oder her“. So stand ich in der Küche, und es dauerte bis ich es zuordnen konnte: was riecht hier so? Nach Kacke! Dann merkte ich, es ist mein Schuh. WTF. Wie kommt da verkackt nochmal Hundeschiß an meinen Schuh? Wo??

Mir war nach Ausrasten. Aber das bringt auch nichts. Hat das jetzt sein müssen? Scheiße am Schuh. Das ist, als ob der Tag einem den Stinkefinger zeigt und einen auslacht. Ein Tag läuft alles wie geschmiert, der nächste zeigt dir, was eine Harke ist.

Es gibt geeignetere Methoden, Hundekacke abzuwischen, sag ich mal, aber es musste schnell gehen. Gepfiffen auf hygienische Standards – die jucken oder jucken nicht; und ich steh ja eh auf verlorenem Posten mit allem, was ich dafür tun will. Am Ende war die Kacke weg, und die Fußpflege kam und ich schwang mich aufs Rad. Später bereute ich, dass ich im Trubel der Dinge die Oma nicht zum Abschied nochmal in den Arm genommen habe. Man sollte nie ohne innige Verabschiedung auseinandergehen. Nie! Daheim schnell Vesper gerichtet, das Bett, die Nachthemden und Schlafanzüge, Wärmflaschen, einen Film eingelegt, die Nachbarin nochmal instruiert, dann wurde ich abgeholt.

Lisa Simone. Das Konzert war klasse. Zwischendurch fragte sie mal, ob jemand nicht wüsste, wer ihre Mutter gewesen sei. Ein paar Hände gingen hoch, nicht viele. Ich weiß zweifelsfrei, dass es mehr hätten sein müssen. Es ist nicht leicht , sich als Kulturbanause zu outen. Eh egal. Ihre Mutter war Nina Simone, und Lisa sang einen Song über ihr Vermissen. Ich trauerte mit. Außerdem war ich am „Beach“, ihrem und auch meinem Lieblings-und Sehnsuchtsort, wo alles von einem abfallen kann und Frieden ist. Ich sah die von ihr besungenen „falling leafs“ , tanzte sitzend zur Leichtigkeit des Blues, der eigentlich die Schwere des Daseins zum Thema hat. Ich hätte gerne mehr und richtig getanzt, aber es war gestuhlt , und auch wenn man an den Seiten hätte tanzen können – meine FreundInnen saßen, also saß ich auch – weit hinten, was ein wenig schade war, denn Lisa Simone sah wunderschön aus und sie bewegte sich so anmutig, dass ich gerne näher dran gewesen wäre. Am Ende jubelte ich von ganz hinten ihnen allen begeistert zu, als das Schlagzeug (famos!) verstummt war und Lisas letzter Ton gar nicht mehr aufhören wollte . Hammer! Ein letztes Glas Wein im Außenbereich am Feuer. Drumherum war ein hoher Zaun, aber wir hatten eine Stimme aus Amerika gehört, und hatten in unserer Runde Wurzeln im Irak, in Kanada, in Neuseeland, wir redeten über den Schwarzwald, England, Afrika, Persien und Zaratustra. Ich habe in drei Stunden eine Weltreise gemacht.

Das war ein ziemlich geiler Ausklang eines ziemlich bescheuerten Tages.