Ein langer Herbstabend- Zeit für eine Bestandsaufnahme

Das neue Schuljahr läuft. In der zweiten Klasse wird spürbar ´verlangt´; es geht nicht mehr nur so darum, sich an die Schule als solches zu gewöhnen und irgendwie halt mitzukommen; es geht um abrufbare Leistung. Vielleicht liegt es daran, dass das morgendliche Aufstehen heuer schwerer fällt.

Auch der Kindergarten hat schon mehr begeistert. „Du bist nicht mehr meine Freundin“, sagt die eine, und das Kind spielt allein, und weil alles absolut gesehen wird – Zeit, Freundschaft, alles – ist das jetzt ´immer´ so und wird ´nie wieder´ anders sein. „Probleme sind Lös-Sachen“, sage ich. Aber mit fünf fühlt man sich den meisten Lösungen gar nicht gewachsen. Und so müssen wir uns beide in Geduld üben, was zumindest mir seit je schwer fällt.

Im Frühjahr wächst neues Grass. „Just remember in the winter far beneath the bitter snows, lies the seed, that with the suns love in the spring becomes the rose”. Das ist doch ein Trost.

Im Job geht´s schon um Weihnachtsfeiern und Nikoläuse. Jedes Jahr kommt mir das zu schnell. Wir haben gerade erst die Kastanienketten aufgehängt. Advent, Weihnachten, Besinnlichkeit – ich kaufe Spekulatius für die Bewohner und manövriere mich nach bestem Wissen und Gewissen durch all dies ´Menscheln´, das ein Betrieb mit über tausend Mitarbeitern so mit sich bringt. An manchen Tagen menschelt es so sehr, dass die Sache mit der Besinnlichkeit eher utopisch ist. Das sind auch die Tage, an denen ich froh bin, keine Karriere gemacht zu haben.

Die Gitarre verstaubt in der Ecke, und ich hadere mit der schieren Unmöglichkeit, neben all den vielen Müssens des Alltags noch Zeit für die Wollens zu finden. Dabei straffe ich schon und lass die Neun gerade. Der Hof ist noch immer nicht ganz abgeräumt, und die Palmen, die nicht mehr in die Wohnung passen, warten bis dato aufs Eingepackt-werden. Ich wünsche mir einen Zeitgeist, der den Müßiggang hochhält und nicht so penetrant und gebetsmühlenartig Selbstoptimierung propagiert. Klar versuche ich, immer mein Bestes zu geben. Aber muss man das wirklich pausenlos tun? Dann gibt´s ja immer was zu tun, immer. – Voll stressig.

Ich verfolge die Nachrichten nur noch im groben Überblick. AKK sagt mir gar nichts. Heckler und Koch soll verkauft werden. Dafür WILL ich mich interessieren. Aber bis ich eine Zeitung erwische, ist es schon nicht mehr drin. Die Grundrente interessiert mich nicht sehr, wie mich Rente überhaupt wenig interessiert. Wer weiß schon, was bis dahin ist. Und ich habe auch gar nicht den Ehrgeiz, irgendeinen Lebensstandard halten zu müssen. Ich habe keine Angst vor ´weniger´, vielmehr könnte ich mir vorstellen, dass das Altern leichter fällt, wenn ich das Weniger-werden akzeptiere. Irgendwie ist das ja logisch und alles MUSS  weniger werden, die Energie, die Kräfte, und vielleicht auch die Wollens, und weshalb nicht auch Hab und Gut. Mitnehmen kann man´s eh nicht, und das Meiste ist ohnehin eine ziemliche Last. Trotzdem habe ich den leisen Verdacht, dass dieser Deal mit Grundrente und Unternehmenssteuerreform ziemlich bescheuert und ein ganz absurdes Bürokratiemonster ist.

Für die AfD WILL ich mich nicht interessieren. Es ist gesagt, was gesagt sein muss – diese Partei führt nichts Gutes im Sinn, und wer sie wählt, öffnet dem Hass die Tür. Das ist ein von Nazis und Faschos geführter Haufen Grundwütender, mit deren Wut ich mich nicht auseinandersetzen MUSS, weil zum Donnerwetternochmal jeder irgendeinen Grund hat wütend zu sein und das noch lange nicht das Recht gibt, sich so daneben zu benehmen und andere zu terrorisieren.

(Ach – es geht nicht anders – sie regen mich halt auf!: Da giftet doch tatsächlich einer gegen Merkel und moniert, er verstehe nicht, ´dass eine Frau so wenig Mitgefühl und Liebe empfindet zu dem Volk, das sie regiert und repräsentiert´.

Wow. Da muss ich schlucken. So eine Unverfrorenheit.  Redet der von Liebe.

Jemand, der weiß, wovon er spricht, spürt, wo Liebe ist, und wo nicht. Und dieser Herr will nicht Liebe, sondern Lob und seinen Willen. Dieser Herr denkt, Lieben ist gleich  Auf-einen-Thron-setzen. Dieser Herr möchte Muttis kleiner Prinz sein. Und wenn Mutti ihren Prinzen liebt, dann bekommt der den Garten ganz für sich allein. Und da darf er einladen, wen er will, und so spielt er auch immer nur mit ausgesuchten Gästen, nie mit einer zufälligen, irgendwie zusammengewürfelten Gesellschaft, und bitte auch nur, was ER will, es sind schließlich seine Sachen. Und dann gehen alle brav abends zur selben Zeit ins Bett und stehen morgens tapfer auf und leisten etwas, fettfettfett – Leistung! – und so muss sich dann keiner fragen und darüber nachdenken, ob und wie man wirklich all das so tun muss und ob es nicht auch anders geht und ob hinterm Gartenzaun die Welt vielleicht sogar weitergeht. Und natürlich will er auch fürs Leisten gelobt sein. Er ist schließlich der Beste – Muttis kleiner Prinz.

Diese Herrschaften haben vom Lieben keinen Schimmer und Mitgefühl auch nur für sich selbst und ´ihr Volk´. Und genau diese Definition von ´Volk´  ist so ätzend und krank.  Wie kaputt muss man sein, um das zu wollen.

Ein anderer sieht das Land auf den Weg in die Diktatur und den Geist der Unfreiheit. Und damit hat er ja sicher Recht –nur kommt der aus seinen eigenen Reihen.

Die verdrehen schamlos, machen aus dem Täter das Opfer und aus dem Übelwollen die gute Tat und denken, damit kämen sie durch. Bei mir nicht.)

Das muss jetzt aber wirklich genügen zur AfD.

Über den Irankonflikt weiß ich zu wenig, und ständig nehme ich mir vor, mich zu informieren, aber dann ist wieder was andres, ich suche Opas Gebiss, zum Beispiel, und finde es schließlich zwischen Toaster und Brotschneidemaschine, im Schrank unten rechts. Oder ich muss das Einhorn meiner Tochter reparieren, das aus dem Horn die magische Fülle verliert.

Vom Wochenende ist noch ein Sekt offen im Kühlschrank. Ich werfe den Korken in den Müll, und da fällt mir ein, dass die Müllgebühren steigen sollen. Zwanzig Prozent oder was. Das ist nicht von Pappe. Und ich denke, ich würde diese zwanzig Prozent gerne zahlen, wenn ich dafür die Gewissheit hätte, dass der Müll auch wirklich so entsorgt wird, wie das versprochen ist. “Wir nennen es Wertstoff!“ So steht´s auf dem Müllauto. Und so nenne ich das auch. Der Korken ist Wertstoff, der Metallbügel, die Flasche, die Verpackung der Pralinen, die´s geschenkt dazu gab – alles Wertstoff. Und doch werfe ich das meiste davon, nämlich alles, worauf keines dieser besonderen Embleme gedruckt ist und was nicht groß genug ist, dass das Band automatisch richtig sortiert, in den Hausmüll, weil ich mir da wenigstens sicher sein kann, dass der nicht nach Malaysia oder sonstwohin verschifft und versehentlich über Bord gespült wird. So hat es die Dame vom Landratsamt gesagt – „wenn Sie sich nicht sicher sind, dann werfen Sie in den Hausmüll“. Die zwanzig Prozent seien Ausschreibungskosten. Okay. Aber mich würde interessieren, was da eigentlich wie ausgeschrieben ist.

Und dann geht es um Bäume in der Hochbrücktorstrasse. Herrje – ich fass es nicht, wieviel Wirbel um ein paar Bäume gemacht werden kann. Bäume in der Innenstadt fände ich toll. Ich habe alte Fotos gesehen von einem grünen ´Schwarzen Graben´. Die Stadt war mal grün. Von mir aus darf sie das gerne wieder sein. Aber mir scheint, Stadt und Grün passt in vielen Köpfen nicht zusammen, oder nur als Schau, als temporäre Geschichte, deren wirklich Bleibendes dann wiederum Bauwerk sein soll. Ich dagegen stelle mir diese Schau, die Landesgartenschau als späteres Highlight eines neuen, grünen Daseins vor, mit hängenden Gärten, Bäumen in  Fußgängerzonen, Blumenwiesen, bespielbaren Bachläufen, mit Spazierwegen und Neckarufern, wo Natur und Mensch verwoben sind, wo der Baum so viel Wert hat wie der Mensch, der sich in seinen Schatten setzt, und wo spürbar ist, da ist Grün nicht Schau und Wirtschaftsfaktor, sondern Lebensform.

´Liebe´- da ist sie wieder. Eine Landesgartenschau als eine bombastische Liebeserklärung an ein neues, grünes, gleichwohl urbanes Leben. Ich sehe sie halt nicht – die Liebe, wenn Bäume in Kübeln durch Straßen gekarrt werden sollen, damit sie ja nie im Weg sind. Und ich sehe sie auch nicht – die Liebe, wenn Randstreifen von Wegen so früh gemäht werden, dass keine Blume Zeit hatte fertig zu blühen und keine Larve ein Heim darin fand zum Reifen. Ich sehe sie nicht, wo grauenhaft laute Laubbläser jede kleine Ansammlung bunter Blätter wegblasen, bis nichts mehr bleibt, worin ein Igel sich verstecken könnte. (Abgesehen davon bringt es die Kinder um das völlig harmlose, kostenlose, wunderbare Vergnügen, ein Bad in knisterndem Laub zu nehmen). Ich sehe sie nicht, wo Maschinen, die groß genug wären, Mammutbäume zu fällen, einen Kahlschlag anrichten, der aus forstwirtschaftlicher Sicht sich vielleicht erklären lässt, dem aber jeder Flurschaden offensichtlich schnuppe ist – da bleiben Furchen zurück, in denen man ersaufen könnte, und aus Waldsicht wäre das Wort für all diese abgerissenen Äste und geknickten Stämme rechts und links vermutlich ´Massaker´.  Natürlich bleibt, wo ein Baum gefällt wird – und es mag bisweilen gute Gründe dafür geben – eine erstmal hässliche Leere. Aber mit etwas Feingefühl, da bin ich sicher, müsste die nicht ganz so schockierend sein. Ich unterstelle diesen Baumfällbeauftragten, wie auch den Lohnmähdreschern und Räum – und Streufahrzeugunternehmern eine bubenhafte Lust am großen Gefährt, die nicht entscheidet nach Notwendigkeit und Maß, sondern nach PS – es wird jeweils das stärkst mögliche Gerät benutzt. Ein sensibler Umgang sieht ganz bestimmt anders aus.

Das ´Grüner´ sollte man schon wirklich wollen.

Und jetzt ist Sahra Wagenknecht zurückgetreten. Die war mir bisweilen nicht unsympathisch, wenngleich ich bei den Linken nicht verstehe, weshalb auch sie die Arbeit so hochhalten müssen. Als ob ein Mensch nur etwas wert wäre, wenn er produziert. Schrecklicher Gedanke.

Die Tauben sitzen wieder auf dem Apo-Dach. Die scheinen zufrieden. Immer wieder fliegen sie gesammelt auf und drehen ein paar beschwingte Runden, bevor sie sich erneut niederlassen. Zum intensiven Turteln ist dies nicht die Jahreszeit, aber ein bisschen sich unterhalten und zaghaft die Flügel ausstrecken vor der nächsten Saison kann man ja mal. Die leben auch vorrangig zum Spaß an der Freude. Eine weiße sitzt dazwischen; wir nennen sie Helga. Eine entflohene Hochzeitstaube, von der unter den Hochzeitsgästen gemutmaßt wurde, sie könne in Freiheit nicht überleben. Kann sie offenbar doch. Kann sie ganz hervorragend.

German hatespeech

Der Anschlag in Halle erschüttert mich immer noch.  Geht da einer auf eine Synagoge los, an einem jüdischen Feiertag, wenn die Synagogen schätzungsweise so voll sind wie bei Christen die Kirchen an Heilig-Abend. Hetzt gegen Juden und alles, was ihm irgendwie fremd vorkommt, erschießt im Vorbeirauschen zwei Leute, die so zufällig Opfer werden, dass eigentlich klar ist – da geht´s gar nicht um Feinbilder, da geht´s ums Wüten und Töten selbst,  und da führt sich einer auf wie ein Egoshooter im Computerspiel.

Ganz egal wie man zu Israel steht – das eine ist Politik, das andere praktizierter Glaube. Wenn in egal welchem Land ein Mensch wohnt, der halt Kippa trägt statt Kreuz am Hals, oder sonst ein nicht-christliches, religiöses Symbolstück, aus Stoff oder Metall, Holz oder Fimo, wie auch immer, dann soll der das tun und seine Feiertage feiern und seine Gebete sprechen und seine Lieder singen – er tut nichts mehr als das. Er lebt sein Leben, und so soll es sein, jeder nach seiner  Façon.

Gerade in Deutschland muss man das verstehen. „Nie wieder!“  – Nie wieder solch ein Morden und Wüten wie es das schon gab, nie wieder so ein  „Wir“ gegen „Die“. Und wer das nicht versteht und sich mokiert und findet, nach  (gerade mal)  70 Jahren könnte man das vergessen haben  –

 (HeimatsalatistmandennvonallengutenGeisternverlassen –  es leben noch Zeitzeugen, es leben Opfer,  es leben deren Kinder und Enkel – was sind schon 70 Jahre, es trägt doch hier auch ein  jeder  noch die Geschichten seiner Großeltern in sich)  –

wer das also nicht versteht und sich mokiert, der ist pfeilgenau der lebendige Beweis, dass man nie aufhören darf zu erinnern und zu mahnen.

(Ich finde diese Gedenktafeln an Rottweils Geschäftshäusern gut. Wenn man mal drauf achtet, ist doch an recht vielen Häusern ein silberner Davidstern. Wie groß und rührig die jüdische Gemeinde hier einst gewesen sein muss! Jetzt kenne ich aber einen, der einen kennt, der sagt, dass manche Geschäftsleute und heutige Besitzer sich gegen das Anbringen solcher Tafeln an ihren Häusern gestellt haben. Finde ich blöd. Gut finde ich dagegen, wenn es sichtbare Anker für die Erinnerung gibt. Dann bleibt man dran und keiner ist mit seinen Gedanken und Bildern allein. Ich kenne einen anderen, der einen anderen kennt, der im Krieg an der Ostfront war und nur im Vollrausch an der Stammtischkante runter bitterlichst weinen und erzählen konnte – wie sie ganze Dörfer in eisige Flüsse getrieben haben, wie Frauen und Kinder geschrien haben, „wie´s Vieh“. Und sobald auch nur schemenhaft Bild und Ton in mir entsteht, ist mir zum Mitweinen. Das darf es doch niemals mehr geben! Man muss doch wissen und verstehen.)

Und dann kommt da so ein komplett Irrer daher.

Niemand hat ihm den Auftrag gegeben. Er tat, was er tat allein – und doch –

Wieso passiert so was? Und was kann man dagegen tun? Man kommt um die Frage nach Schuld und Verantwortung  nicht herum.

Alice Weidel von der AfD hält es für eine haltlose Diffamierung, wenn man ihrer Partei eine Mitverantwortung zuschreibt.

Ich sehe die auch.

Schläger, Stänkerer und Dumpfbacken gibt es. Da ist kein Kraut gewachsen dagegen. Stänkern ist leichter als Zufrieden-sein, das einem ein paar bewusst auszuhaltende Zumutungen lässt. Zur Zufriedenheit braucht es Toleranz für Frust, Angst und Stress. Irgendwo drückt immer der Schuh, irgendwas nervt, irgendeine Baustelle gibt es, immer, in jedem einzelnen Leben. Damit muss man klarkommen.

Viele sind viel zu kaputt dazu. Das tut mir mitunter leid – in dem Kaputtgehen stecken schlimme Erfahrungen. Helfen aber lässt sich, wo die ureigenen wunden Punkte nicht gesehen werden wollen, die, wenn sie berührt werden,  komisch reagieren lassen, kaum. Dann wird´s ungut.  

Aber auch damit muss eine Gesellschaft leben. So isses halt. Im Idealfall kümmert sie sich mit vereinten Kräften um die Baustellen und schafft es damit, dem Unguten das Ärgste zu nehmen. Im Idealfall orientiert sie sich nichtsdestotrotz an den Schönheiten des Daseins. Und ich unterstelle einen Konsens darüber, dass Wüten nicht dazu gehört.

Eben diese Schönheiten des Daseins, das, was das Herz wärmt und die Seele jubeln lässt  – für mich zb Freundschaft – erfordern Wohlwollen. Ob zu Mensch, Tier, Baum oder Stein – in jedem Fall braucht es zum Glück Wohlwollen, was, wie ich meine, das Gegenteil von Wut ist. Mit Wohlwollen zeigt sich das Schöne, mit Druck und Wüten halt nicht.

Natürlich wütet auch ein Hooligan nicht die ganze Zeit. Er feiert ein Fest, er lacht und genießt ein Bad in der Sonne, und er küsst seine Freundin. Aber er legt dabei nicht seine aggressive Gesinnung ab.  Diese Wut ist mehr als nur ein momentanes Gefühl.

Weshalb es jetzt Leute gibt, die diese üble Gesinnung   schüren, benutzen, sich vor den Karren spannen, das erklärt sich mir nicht.

Wie kann man Wut als Gesinnung und als politische Kraft wollen? Wohin soll das führen, wozu soll das gut sein? Wo es das doch gar nicht sein kann – ´gut sein´. 

Nichts gegen Wut an sich. Jeder ist mal wütend und unzufrieden. Ich auch. Und dann bin ich hart und ich übertreibe und bin bisweilen so derb und verbalbrutal, dass ich vor mir selbst erschrecke. Aber stets weiß ich, die Wut ist meine und zwar nur und ausschließlich meine. Der Anlaß kommt von außen, mir widerfährt etwas, das mir gegen den Strich geht – die Wut, die folgt, ist meine eigene. Was mich wütend macht, ist etwas anderes, als das, was meine Freundin, meine Schwester, meine Nachbarin wütend macht, die alle andere wunde Punkte haben, andere Ängste, andere Erfahrungen, andere Ausdrucksformen, andere Empfindungen. Jeder ist aus ganz eigenen Gründen und auf ganze eigene Weise wütend.  Es gibt nicht DIE Wut. Jeder ist für sich selbst und wegen sich selbst wütend. Und das ist eigentlich große Klasse! Sie kann mich einen kurzen Moment mitreißen, aber sobald ich sie erkenne, nehme ich sie an die Leine und lasse nicht mehr los. Dann kann ich versuchen zu verstehen, was meine Wut mir sagt. Das kann mitunter recht erhellend sein. Und ich kann mir überlegen, was ich ändern kann und die Energie, die in der Wut steckt – und die ist immens  – benutzen und mich ans Werk machen.  Niemals aber darf ich die Wut entscheiden und mich von ihr führen lassen. (Gab´s auch schon, war aber scheiße).  Dann wird’s nur destruktiv. Wut ist ein legitimes und bisweilen hilfreiches Gefühl, aber ein mieser Ratgeber.

Vielleicht ist das das Ticket der Hassredner : Wut ist ein individuelles und temporäres Gefühl. SIE machen eine Grundhaltung, eine Gesinnung daraus und vermitteln den Eindruck, es gäbe objektive und allgemeingültige Gründe und eine gemeinsame Form der Wut, und es wäre richtig und angebracht, ihr zu folgen.

Das ist fies. Die Höckes, Gaulands, Weidels und von Storchs, die Salvinis und Trumps, und wie sie alle heißen, alle, die  ständig am Hetzen sind  – sie haben alle ein zufriedenstellendes Leben. Unterstelle ich. Sie haben  Jobs und Karrieren, Familien, ein Heim, und mitunter Kohle bergeweise – sie wissen, wie sich ein erfülltes Leben zusammensetzt, und sie könnten ihren Hobbys nachgehen, Golf spielen oder hübsche Bilder malen, irgendwas,  und den Rest der Welt in Frieden lassen.

Sie spielen ein doppeltes Spiel.

Sie sagen nicht „morde!“, aber sie erklären die Wut für richtig und gut, sie geben die Schuld für jede Miesepetrigkeit anderen und propagieren, man könne seinen angeblichen Anteil vom Glückskuchen einfach einfordern.  Funktioniert aber so nicht und hat es bestimmt auch noch nie. Es braucht Rahmenbedingungen, damit Leben freudvoll verlaufen können. Aber schaffen muss sein Glück jeder selbst. Im Wüten gelingt das nicht.

Wozu also dies Propagieren der Wut? Ich versteh´s nicht. Oder sind diese verbalen Wüteriche am Ende eben selbst auch völlig kaputt?  Und lieben das Wüten um des Wütens willen?  

Macht ist geil. Mehr Macht ist geiler. Truppen aufmarschieren lassen ist megageil.  Man sitzt auf seinem Schloss, blickt aufs Land wie früher der Adel, (und wie der das teilweise auch heute noch tut), und überlegt,  (wie dieser Vordenker der Rechten in Sachsen),  wie man die Macht übernimmt, die Truppen formiert und  sie lenkt und dirigiert gegen alles, das einem  die Gefolgschaft verweigert . Man gefällt sich selbstherrlich  in seiner Gutsherrenpose und ist doch eigentlich nichts als anmaßend und elitär.

Von solcher Art Herrschaften lassen sich die Chefs und Chefinnen der AfD inspirieren und instruieren.

Ich wundere mich ja immer, dass ´Gutmensch´ ein Schimpfwort ist. Keiner ist nur und durch und durch gut und lauter und rein wie ein frisches Maiglöckchen. ´Viele Seelen wohnen ach in unsrer Brust´. Ich kenne das Miststück auch in mir, das es in sich hat und das auch schon ziemlich viel von seiner garstigen Seite betrachtet und angegangen hat. Der kurze Spaß und die Prise Freude  dabei hinterließen allerdings einen langen, bitteren Nachgeschmack; ist also nicht zu empfehlen. Ich halte das  Miststück fest am Zügel und gebe dem Guten den Vorrang. In der Tat. Ich will kein schlechter Mensch sein, nicht Schlechtes in die Welt bringen. Was soll daran verwerflich sein?

Da rennt einer und folgt seiner ureigenen Wut und bläst zur Jagd auf Juden und ´Kanaken´, (sorry – nicht MEIN Wort – O-Ton). Es tut mir so leid. Ich find´s so scheiße.

Und  da tragen Leute  die Wut im Mund und tun so, als wüssten sie nicht um die Wirkung ihrer Worte, und tun so, als fühlten sie sich ungerecht behandelt, und  tun so, als müssten sie sich wirklich so dermaßen weinerlich mokieren.   ´So gemein sind alle zur AfD, oh je´. Kein neuer  Einfall, und doch immer wieder neu – der Täter, der sich zum Opfer stilisiert.

Wie perfide. Wie bös.

Zwanzig Prozent nochmal

Oder auch ein bisschen mehr. Über zwanzig Prozent hat die AfD in Thüringen. Zur Regierungsbildung und – beteiligung wenigstens reicht es nicht. Und doch brüstet sich manch einer in der AfD, man sei jetzt eine Volkspartei und bürgerlich. Und also verlangt man Einfluss.

Nein, nein und nochmal nein!

Vielleicht streichen wir endlich mal dieses blöde ´Volks-´ aus Partei. Es gibt Parteien, und fertig und aus. Und keine behauptet von sich, und auch kein anderer, es stecke da irgendwie ein Volk darin.

Und auch das ´bürgerlich´ lassen wir nicht gelten. Die AfD ist nicht bürgerlich!

Bürger waren einst Bewohner in den Städten, die weder adelig noch leibeigen waren, die frei und zum Teil gut gebildet waren, die sich zusammentaten und ihre Geschicke, zumindest soweit irgendwelche Könige das zuließen, selbstverantwortlich bestimmten – und die deshalb  Vernunft und Selbstkontrolle walten lassen mussten. Ich stelle mir vor, man musste schon aufpassen, welchen Gelüsten und Emotionen man freien Lauf ließ, sonst wendeten sich die verschiedenen Machtsphären und Einflüsse gegen einen und man stand abseits – mit all den Strafen, die jene Zeiten so zu bieten hatten. Wären Stadtobrigkeiten wüst agitierend und Pöbel aufstachelnd durch die Gassen gezogen – ich gehe sehr davon aus, sie hätten ihren bürgerlichen Status und mit diesem sämtliche Freiheiten und Privilegien im Nu verloren.

Der Begriff ´Bürger´ ist heute zum Glück weiter gefasst. Der Adel sitzt zwar nach wie vor fest im Sattel auf hohem Ross, aber es gibt keine Leibeigenschaft mehr, und ob Stadt oder Land – alle genießen dieselben Bürgerrechte. Und die werden auch nicht entzogen, die sind Recht, nicht Leihgabe. Das bedeutet aber nicht, dass mit dem Begriff nicht nach wie vor ähnliche Tugenden verbunden werden. Wer hetzt und Feindseligkeit sät, handelt nicht argumentativ und vernünftig und nicht sozial verbindend – und ist darum nicht ´bürgerlich´. 

Es gibt auch gemäßigte Mitglieder in der AfD. Ohne Frage. Aber sie haben keine Macht. Die Partei folgt den Hetzern.

Besonders absurd ist die In-Anspruchnahme des Begriffs ´bürgerlich´ einiger AfD-Funktionäre für sich selbst, wenn man betrachtet, dass eben diese auch Mitglieder in neonazistischen und faschistischen Organisationen sind oder waren.

Die AfD ist rechtsextrem. Extrem. Und auch mit diesem Begriff gilt es vorsichtig zu sein. Wenn ein CDU-Mann den Tag dieser Wahl als schlimm für die Demokratie im Land bezeichnet, weil über 50% in Thüringen ´extrem´ gewählt hätten, wirft er rechts und links in einen Topf, die AfD mit der Linken. Und auch da besteht ein großer Unterschied. Man mag die Positionen der Linken nicht teilen und keine Kompromisse, die koalitionsfähig wären, mit ihr sehen – extrem ist sie nicht. Sie argumentiert vernünftig und angemessen und regiert, wo sie (mit-)regiert, verfassungsgemäß; sie stachelt nicht auf zum Umsturz, und sie schürt nicht Unfrieden.

Wer die Begriffe verwischt, macht sie missbräuchlich und öffnet Türen, die er nicht öffnen will.

Das mag ein bisschen ein Elend in der CDU sein. Man ist so auf das Feindbild ´links´ fixiert, dass man auf dem rechten Auge blind ist. Ein bisschen blöd im Sinn von blöd darf ich das finden.

Rottweilertag

Vom Glück, keine Rasse zu sein

Schon wieder Dienstag. Bevor die Woche vorbei ist, ein Wort zum vergangenen Sonntag. Dem Tag des Rottweilers.

War ein schöner Tag. An der Demo entlanggeschlendert, hier und da ein Schwätzchen gehalten, die Herbstsonne genossen.

Die Demo war ein gedehntes Band mit viel Platz zwischen den Hunden – falls doch mal einem einfällt, dass er auch ein Kampfhund sein könnte. Als der will und soll er ja nicht gelten. Und das verstehe ich. Ich sehe lauter schöne Hunde friedlich Seite an Seite mit Herrchen, Frauchen, Kind und Kegel laufen. Kampfmaschinen sind das nicht.

Ich hatte gedacht, es ginge um Rasselisten an sich, nicht explizit und ausschließlich darum, dass der ROTTWEILER nicht auf eine Liste der Rasse-Kampfhunde gehört, andere das demnach aber schon können.

Und nein – das will ich so nicht stehen lassen.

Es gibt keine Rassen bei Menschen, und bei Hunden auch nicht.

Es mag Unterschiede geben in Größe und Fell, in Schnauze und Körperbau, in der Lebensweise und der Sozialisation, in dem, was notwendig ist um zu überleben. Aber es gibt keine Rassen. Ein Hund ist ein Hund ist ein Hund ist ein Hund und das, was sein Halter/seine Halterin mit ihm macht.

Dass sich Merkmale herauszüchten lassen, ist nicht gleichbedeutend damit, dass es zwangsläufig Rassen gibt. Das ist Zucht.

Ich denke, es ist wie beim Menschen auch: Erst kürzlich habe ich in der ´Zeit´ gelesen, dass in Jena, von wo aus einst die Rassenideologie ihr Unwesen trieb, sich Wissenschaftler getroffen und eine Erklärung veröffentlicht haben, die ein für alle Mal aufräumt mit diesem Unfug. Es ist erwiesen – es  gibt kein einziges Gen, das eine Rasse von einer anderen unterscheiden würde. Menschen unterscheiden sich in Größe, Haarfarbe, Statur, Augen- oder Hautfarbe. Für all das gibt es Stellen auf den Chromosomenpaaren. Aber es gibt kein einziges Merkmal, kein Gen, kein Chromosomenpaar, nichts, das einen Afrikaner generell von einem Europäer unterscheiden würde, einen Indio von einem Amerikaner. Ein Thüringer kann mehr gemeinsame Anlagen mit einem Marokkaner haben als mit einem Sachsen.

Voilà. Von wegen Rasse.

Und alle wandern, immerzu, auch in Europa, heute noch. Von Süd nach Nord, Ost nach West, und andersherum, hin und her, unentwegt. Man mag sein Revier verteidigen wollen. Aber man kann sich nicht auf  angestammte irgendwie völkische, rassische oder sonstwie verquaste Rechte berufen.

Wenn Hunde verwildern, wie im Süden die Präriehunde, dann bilden sich neue Rudel, in denen der Stärkere dominiert und die Kleinen, Zarten es schwer haben, aber leben tun sie alle gleich. Alle haben dieselben Flöhe. Alle bellen nachts dasselbe Lied. Und in der zweiten, dritten Generation ähneln sie sich auch äußerlich, haben dieselbe zerzauste Windschnittigkeit.

Es gibt keine Rassen. Nicht beim Menschen, und ich möchte behaupten – auch nicht bei Hunden.

Nathan der Weise

Nach vielen vielen Jahren mal wieder im Zimmertheater gewesen. (Von dem Sommerstück im Bockshof mal abgesehen, das zwar auch Zimmertheater ist, aber trotzdem irgendwie anders). Hätte ich schon früher machen sollen. Ich habe viel verpasst.

(Theater sind schöne Orte. Ich mag ja auch das Hinterzimmertheater im Adler in Hausen sehr gerne, wobei dies Gefallen eventuell mitunter familiärer Voreingenommenheit geschuldet ist.  Hin wie her – Theater sind Orte wie eine Reise. Und ob im Zimmer, Hinterzimmer, am Ring, im Turm, in der Tonne oder im Unterseeboot – es sind magische Orte. Dies war das Wort, das eine der Bewohnerinnen meiner Station im psychiatrischen Pflegeheim heute verwendete, und ich fand es sehr passend. Im Kino fühle ich mich nicht so als Teil der Geschichte. Ein Theater fühlt sich an wie eine Parallelwelt, die der eigenen zwar eng verbunden ist, aber dennoch für sich selbst existiert. Und streckenweise ist es wie im Spiegelkabinett, ich begegne immer wieder dem eigenen Spiegelbild, manchmal ist es verzerrt, und nicht immer gefällt es mir. Aber immer erkenne ich mich selbst und staune.)

´Nathan der Weise´. Die Reise führte ins zwölfte Jahrhundert, in die Zeit der Kreuzzüge, als alle drei Weltreligionen um Vorherrschaft und Alleingültigkeit stritten und wo zwei sich in einer Katastrophe begegneten und erst nicht, dann doch, dann wieder nicht, dann doch zusammenkommen wollten. Sie waren nicht derselben Religion angehörig, und sie wussten beide nicht, woher sie kamen. Stoff für Tragödien. Einer war reich, ein Anderer brauchte Geld. Es ging um Macht und Deutungshoheit, und Intrigen wurden gesponnen, der Sultan sollte ermordet werden. Und im Herzen brave Leute fanden sich in Fallen und Zwickmühlen wieder, die Köpfe zu kosten drohten. Ein Krimi ist leicht spannend finden – Nathan der Weise ist es auch.

Am Ende siegte die Vernunft. Die Liebenden bekamen sich, aber auf gänzlich andere Weise als erwartet. Niemand starb, und die Religionen waren vereint.

Ach, gäbe es nur mehr solche Nathans, und Mächtige, die ihnen zuhören.

Am Ende ist ´s alles einerlei – Christ, Moslem, Jude – es ist ein bisschen wie in diesen Clips, die im Internet kursieren, in denen die DNA sehr unterschiedlicher Menschen auf ihre jeweilige Abstammung untersucht werden, und herauskommt, dass der Iri halb Grieche ist, der Deutsche teils Türke, der Däne hat arabische Wurzeln, der Engländer wiederum deutsche … es ist ganz egal, was einer zu sein glaubt. Und auch wie er glaubt.  „Man tut das Richtige, weil es richtig ist, nicht, weil man eine Belohnung dafür bekommt.“ So oder so ähnlich in diesem Stück gefallen. Oder war das in der Lesung des Stadtschreibers am Abend zuvor im Schwarzen Lamm?  (War auch klasse!). Egal – hier wie da ging es um Aufklärung und um Humanismus. Die Vernunft als oberster Wächter.  Man tut das Richtige, (von dem man freilich nicht sicher weiß, ob es das ist), weil es nach bestem Wissen und Gewissen für alle Beteiligten annehmbar ist und gute Wege öffnet. Nicht, weil ein Gott oder ein irdischer Vertreter einen Vorteil daraus verspricht. Man weiß nicht immer alles, was man hätte wissen müssen für eine wichtige Entscheidung. Auch mit Vernunft passiert mal Mist. Aber wenigstens wird´s nicht bösartig.

Einer, dem ich mal nahestand, der wiederum der Theaterwelt nahesteht, reagierte – zumindest in meiner Erinnerung ist das so – bisweilen leicht brüskiert, wenn beim Schauspieler das Auswendigkönnen des Textvolumens gelobt wurde. „Das ist das Handwerk, nicht die Kunst.“ Mag sein. Aber trotzdem – in ´Nathan der Weise´ haben alle beachtlich viel Text. Das drauf zu haben IST eine Leistung, vor der man Respekt haben darf. Lessing verteilte ihn auf mehr Darsteller, im Zimmertheater spielen nicht mehr als drei. (Den Musiker ausgenommen. Sowieso – die Musik – ein Knüller für sich!). Und die schlüpfen in ein anderes Hemd und in eine andere Rolle, auf offener Bühne, zwischen zwei Sätzen – und die Szene ist eine andere und das Spiel genauso überzeugend. Verblüffend. Großartig. Es waren mir nicht immer alle in allen Rollen und jedem Moment sympathisch, das wäre vermutlich auch komisch gewesen. Aber nicht nur eine, sondern zwei oder drei Figuren darzustellen in ihrer ganzen Ambivalenz – Chapeau!

So wenig wie es braucht, um von einer Rolle in die nächste zu schlüpfen, so wenig braucht das Bühnenbild, dessen Schlichtheit mir gefiel. Ein Tisch, ein paar Stühle, ein paar kleine Requisiten, an den Wänden die Wechselgewänder aufgehängt – das genügt. Und trotzdem spielt das Stück an verschiedenen Orten und man folgt ganz mühelos. Alles ist ständig in Bewegung und vor meinem inneren Auge entstand ein Sultanspalast, eine Villa, eine ganze Stadt, der Hohe Rat.

Da freilich musste ich schlucken. Der Tempelherr trat vor den Höchsten Rat und suchte um eben dies – um Rat. Er trat an den Rand der Bühne vors Publikum, unter eine Straße von Leuchtröhren, wie in einem langen Tunnel, der Fluchtpunkt war weitweit hinten. Und ich war plötzlich Teil des Hohen Rats – und froh, am Rand zu sitzen. Macht über einen anderen ist mir, glaube ich, nicht wirklich angenehm. Er brachte sein Anliegen vor, die innere Not war groß, aber wie konnte es auch anders sein – statt Rat zu erhalten, musste er das Urteil fürchten. Der Rat war Gericht.

Gut, wenn einer aufs eigene Gewissen hört.

So eine kleine Stadt, und so ein großes Theater. Ich war mir dessen nicht bewusst.

The day before monday

Goldener Oktober. Ein Tag geschaffen für die Leichtigkeiten des Seins.  Für Spagettiträger – oder  breite Nudeln. Der Unterschied ist marginal. Schultern lockern, Sonnenbrille auf und raus. Puh. Das ist ein Leben! Heute Frieden und Freude und selbstgemachte Pommes mit Kräuterquark.

Mit meinem Streben ins Freie bin ich nicht allein. Fahrräder kommen entgegen, irgendwo braust ein Motorrad. Ein Motorflugzeug zieht seine Runden, Viele Leute sind mit vielen Hunden unterwegs, mit Kinderwägen und Rollern – was irgendwie raus kann, geht raus. Irgendwo ist ein Sportturnier mit Musik und Lautsprecheranlage.  Ein Vogel ruft und jagt. Ein Pferd kommt daher. Ich höre es schon von Weitem wiehern. Als es näher kommt und ich es sehen kann, gefällt es mir ausnehmend gut: es hat kräftige, massive Beine und lange Haare um die Knöchel. Ich finde das schöner als diese langbeinigen, noblen Rösser, die oft etwas leicht Affektiertes an sich haben. Die Kuh steht mir näher als die Gazelle, und das soll ein Kompliment an die Kuh sein. Dies Pferd hier jedenfalls steht schwer und robust in seinem Leben, und es wiehert immerzu, und ich frage mich, was das zu bedeuten hat, ob das so seine Art ist laut zu jauchzen und der Reiterin auf seinem Rücken zu sagen, dass sie solche Ausflüge gerne häufig und lang unternehmen darf.

Eine Frau ruft „Stop!“. Stille. Wieder „Stop!“. Stille. Und wieder. Und schließlich sehe ich einen kleinen rosa Helm vorbeisausen. „Stop!“ und „da geht´s runter!!“. Und der Helm saust weiter, und da sehe ich auch die Mama, die hinterher eilt. Der Helm verschwindet hinter der Kurve, die Mama auch, ich hör´s nochmal rufen, und ich hoffe, es passiert nichts, und freue mich, dass es noch andere Kinder gibt, die einfach weiterfahren. Sonne, Wind in den Haaren, und ein flotter Drahtesel unterm Hintern – und da soll man stoppen, bloß weil´s den Berg runtergeht?  Ja  – gerade NICHT!

Meine hätten auch nicht gehalten. Und ich auch nicht.

Ein knallgelber Schmetterling fliegt vorüber. Letzte Grillen. Diesen Klang werde ich vermissen. Der Winter hat sein Gutes, aber Grillenzirpen, warme Luft an bloßen Armen und Sonne auf den Füßen – das werde ich vermissen. Ich sitze im dürren Grass. Ein kleines Tier setzt sich mir auf den Fuß, es hat sechs Beine, einen Körper wie eine Feuerwanze, aber es ist rabenschwarz, und so leicht, dass ich es kaum spüre, reicht grade mal für ein klitzekleines Kitzeln.

Ein Hahn kräht, Vögel zwitschern, ein Insekt brummt vorüber. Leute verreisen – Flugzeuge malen Linien ins Blau, oder sie sind unterwegs ins nächste Städtchen. Ich passiere ein Haus, in dem das Glück wohnt, zumindest steht das an der Klingel,  Autos stehen vor Wirtschaften, und ein Cabriolet fährt vorbei. Vom Beifahrersitz blickt mich ein Hund an, seine Ohren flattern, und er sieht aus wie Struppi aus ´Tim und Struppi´.

Enten dümpeln auf dem Wasser. So ein Entenleben stelle ich mir nicht schlecht vor.

Auf dem Heimweg ein Hugo im Pinocchio. Die Sonne ist untergegangen. Das war ein schöner Sonntag!

Luxusprobleme II

Über das Wie und Woher der Saunahitze mache ich mir beim Schwitzen zugegeben keine Gedanken. Sollte ich vielleicht mal. Die Ökobilanz meiner liebsten Saunalandschaft –

Dabei habe ich mit Verzicht kein großes Problem. Man kann mit sehr viel weniger auch sehr glücklich sein. Ist ja wie bereits erwähnt alles relativ. Aber derzeit stecke ich mitten drin in dem Kreislauf von Produktion und Konsum, von Geldverdienen und – ausgeben. Work – life will gebalanced sein. Selbst wenn jede Aufgabe, jede Arbeit, alles was ich tue und wofür ich zuständig bin, wenn alles noch so sehr Spaß macht – wenn ich mich angestrengt habe, will ich auch wieder locker lassen dürfen.  Arbeit ohne Müßiggang kann´s auch nicht sein, und kein Müssen ohne Dürfen.  

Es ist immer ein Abwägen.  Ich verteile imaginäre Punkte und rechne Pluspunkte gegen Minuspunkte auf, und ich rechne so, dass eine ausreichende Portion Freude  drin liegt. Ich fliege nicht, ich fahre kaum Auto, ich esse wenig Fleisch, wenn, dann nach Möglichkeit Bio, ich lasse so manches Schnäppchen liegen, weil mir Raubbau und Missbrauch schon daraus entgegenschreien. Aber ich kaufe noch immer viel zu viel Plastik, einfach, weil die Sachen, die ich will, in Plastik verpackt sind und ich aus dem Einkaufen weder Marathon noch Wissenschaft machen will, und weil ich denke, was gesetzlich reguliert werden kann, sollte auch so reguliert sein.

Wenn es in ´meinen´ Läden Shampoo meiner Preis – und Gütekategorie in Glas gäbe, würde ich das kaufen. Solange ich dafür zwei Kilometer laufen muss, halt eher nicht.

Da fällt mir das Klimapaket ein, das einem die Tränen in die Augen treiben kann.

So ja nun gerade NICHT.

Gas, Öl, Benzin, Kerosin – Die Mobilität wird teurer. Und das ist noch nicht mal so daneben. Stellen wir uns um! Gerne! Let´s do it.

Aber wo bleibt das Umstellen? Alle zahlen ein bisschen mehr fürs Fortbewegen, und für die einen ist dies bisschen viel, für die andern wenig, und gewonnen ist nichts außer viel Ärger und Frust.  Und die Prioritäten sind dieselben, one man – one car, big man – big car. Es bleibt beim Auto. Keine neuen Angebote für den öffentlichen Personenverkehr, keine Radkultur, die Spaß macht, kein Wursträdle weg von der Massentierhaltung. Wieder nur kleinste, feigste Schrittchen, damit keiner, der vom Klimaerwärmen gut lebt, Einbußen zu beklagen hat und auch das Stimmvolk nicht sofort verprellt ist. Ich hatte gedacht, Firmen bekämen neue Vorgaben. Ich hatte gehofft, Leute mit SUV bezahlten, und die mit Drittwagen und die mit Privatjet und die mit einem halben Dutzend nobelster Wohnsitze. Anteilmäßig verteilt. Jeder wie er kann.

Pustekuchen.

Dabei hatte ich es gerade gelesen. Es gäbe ja Wege.

„Alles auf einmal“,  von Uwe J. Heuser, in der ´Zeit´ vom 29.August. Echt lesenswert.

Es könnte gehen. Man muss nur wollen. Man muss sich nur getrauen.

https://www.zeit.de/2019/36/klimarettung-wohlstand-steigerung-landwirtschaft-fleischkonsum-geoengineering

Der Link führt auf eine Seite, die – zumindest ich – nicht öffnen kann ohne Abo. Hab ich aber keins. Ich hatte mir die Zeitung gekauft. Drum hier eine kleine Zusammenfassung.

Jeffrey Sachs: …“ Mitte des Jahrhunderts dürfe die Menschheit das Klima nicht mehr belasten.“…. “Das darf die Weltwirtschaft nicht kaputtmachen, es darf die fünf Sechstel der Menschheit nicht stoppen, die beim Wohlstand aufholen, und es darf dem wachsenden Wohlergehen für alle nicht im Wege stehen.“ Und das koste  „vielleicht ein Prozent des Volkseinkommens.“ 

…..“Bahn, Autos und Gebäude mit Heizung und Kühlung müssten voll elektrifiziert werden. Für Lastwagen, Flugzeuge und Schiffe müssten rasch Lösungen ohne das Treibhausgas CO2 entwickelt werden, ebenso für die Stahlindustrie, die Zementindustrie und Teile der Chemiebranche“….“Die Zahl der Aufgaben sei übersichtlich; zusammen nur zehn Punkte“.

Die Technik weist die Richtung, die Politik folgt. 

„Die Nationen könnten den Klimawandel nach wie vor noch rechtzeitig bewältigen und auch ihren Wohlstand erhalten – ja sogar steigern. Allerdings dürfen sie sich dabei nicht mehr so viele Fehler erlauben. Vor allem Europa nicht, das seit der Erfindung der Dampfmaschine im 18. Jahrhundert sämtliche Vorteile der Treibhauswirtschaft genossen und deren Kosten auf dem Planeten abgeladen hat. Die Europäer waren es, die jenes verheerende Produktions – und Konsummodell schufen, das die anderen Nationen verführte. Anders als die Vereinigten Staaten fördern sie heute kaum noch Öl und Gas und haben daher auf dem Weg zu einer klimaschonenden Wirtschaft weniger zu verlieren. Egal also, ob man es moralisch oder pragmatisch betrachtet: Wenn Europa nicht bald demonstriert, dass es auch anders geht, dann wird es niemand tun. Von hier aus muss das neue Denken wie eine Welle um die Welt gehen.“

Solche Sätze liebe ich.

Und Hoffnung gibt es auch:

Der Kapitalismus sei geeignet für schnelle große Veränderungen. Die ´Zeit´: „Radikaler Wandel wirkt immer unmöglich – bis er geschieht.“

„Verteilt über die Kontinente ist eine kleine Forscher-Armee dabei, die Blaupause für die Klimarettung zu entwerfen. Was sie brauchen, ist ein fairer Wettbewerb mit den herkömmlichen

und schädlichen Techniken, die vielfach – auch in Deutschland- noch subventioniert oder von starken Lobbyisten und ihren Lieblingspolitikern gehätschelt werden.“…..“Das Klima ist ein Jahrhundertproblem. Normalerweise setzen Staaten aufs Begrenzen und Verbieten. (eigene Anmerkung: und aufs Kosten abwälzen) – oder auf Innovation. Für dieses Entweder-oder ist es nun zu spät. Diesmal müssen ganze Gesellschaften beides verbinden. Erst dann entsteht eine Klimabewegung, die sich selbst verstärkt.“

Alles auf einmal. Der Industrie, und überhaupt allen Emissionären der Treibhausgase  Grenzwerte und Vorgaben  auferlegen, dabei tatsächliche Kosten berücksichtigen. Und neue Technologien fördern, welche die alten klimafreundlicher ersetzen, und die Schäden und Verschmutzungen beheben.

Nochmal aus dem Artikel der ´Zeit´:

„Außerdem koste der  Klimaschutz zwar insgesamt nicht viel, käme jedoch einzelne Gruppen  wie die Kohlekumpel und Ölförderer, Großbauern und Schwerindustrielle durchaus teuer zu stehen. Und auch klimafreundliche Lösungen entfalten auf Dauer unangenehme Nebenwirkungen und provozieren Widerstände. So schneiden etwa Windräder nicht bloß ins Landschaftsbild, sie sind auch schwer zu entsorgen. Die Produktion von E-Autos braucht extrem viel Energie und ist auf die umstrittenen seltenen Erden angewiesen. Zwar alles lösbar – aber zunächst ein Grund zu zaudern. Denn: nichts im Klimaschutz ist so leicht, wie es aussieht. Was umgekehrt heißt: Wenn die Nationen Wohlstand und Klima erhalten wollen, müssen sie mehr tun, als einzelne wohlformulierte Pläne fordern.“

So sieht´s aus!

Und nicht bei jeder neuen Regel anfangen zu heulen.

Die hiesige Tageszeitung titelte jüngst „Die Grünen als Spielverderber“. Weil Niedersachsens Grünen-Chefin fliegen gelassene Luftballons verbieten möchte. Also nicht die Deko beim Kindergeburtstag oder dem Tag der offenen Tür, sondern die, die in den Himmel aufsteigen, irgendwo wieder runterkommen, und dann als Müll in der Pampa liegen. Die Uni Tasmanien hat untersucht, dass jeder fünfte Vogel, der Ballonteile frisst, daran stirbt. Und weshalb auch immer – aber der Vogel weiß nicht, bis er gefressen hat, dass das nicht zum Fressen war.

Und jetzt schimpft Herr Theurer von der FDP, das sei kleinteiliger Verbotswahn. Und obwohl er es anders meint und eine Ökodiktatur heraufdämmern sieht,  hat Herr Theurer Recht.  Jeder Müll in der Natur gehört verboten. Ballons, Papier, Plastik, alles.  Es braucht nur ein einziges Gesetz, und das gilt, für Ballons und alles andere auch: „Kein Müll in die Natur!“ Fertig aus.

Ich find´s ganz selbstverständlich.

Ich staune ja sowieso  immer, mit welcher  Chuzpe man irgendwas einfordert und/oder verteidigt, weil es ja nur ein paar Vögel sind, die verrecken, oder nur eine bedrohte Insektenart endgültig zugrunde geht.  Oder man mokiert sich, wieviel Geld ausgegeben wird, um zb die Frösche auf ihren Wanderungen vor dem Überfahren-werden zu bewahren.

Ja klar tut man das. Man schützt die Natur. Wie kommt man bloß auf die Idee, man kann sich so einfach über sie hinwegsetzen? Bloß weil die Vögel sich keinen Anwalt nehmen und auf Schmerzensgeld verklagen können. Oder weil die Frösche keine Wahlzettel ausfüllen.

Und ich finde auch kleinkariert, Spaß und Lebensqualität von Luftballons abhängig machen zu wollen. Man hat sie schon steigen lassen und es war hübsch. Aber kein Menschenglück darbt, wenn man es nicht tut.

In dem Artikel in der ´Zeit´ ist Kopenhagen beschrieben, wo auf einer Müllverbrennungsanlage Ski gefahren wird. Kopenhagen scheint überhaupt eine Stadt zu sein, die vormacht, wie´s geht.  

Auch in Spaß und Lebensglück kann man umstellen.

Wenn die Ökobilanz zu schlimm ausfiele, dann würde ich auch auf Sauna verzichten. Schweren Herzens, aber ich würd´s tun. Vielleicht ließe mich die Gewissheit, dass da nun eine echte Umstellung im Gange ist, besser schlafen, und dann hätte ich auch die Energie für einen klimafreundlichen Spaziergang stattdessen.

Ach, und vielleicht binde ich mir wie in Holland Blumen ans Rad. Nur weil´s der Freude dient.

Luxusprobleme

Ich gehe gerne in die Sauna. Mir gefällt, wie ich dort nicht das Geringste dafür tun muss, um mich etwas freizumachen vom Gewicht des daily business. Wie beim Sport schwitzt sich das eine oder andere einfach zwischen die Rippen raus, und wie bei diesem kommt das Blut in Wallung, allerdings ohne, dass ich mich dafür anstrengen muss. Und dann der Wechsel vom Heiß zum Kalt – absolut shocking! Aber herrlich. Solche Schocks kann man sich gefallen lassen.  

Zwischen zwei Gängen ins Außensolebecken, vorzugsweise an einem  frühen Winterabend.  Wenn dann helle Schwaden in den nachtschwarzen Himmel aufsteigen, und ich im warmen Sprudel liege, den Kopf auf der Umrandung, und ihnen nachblicke, wie sie sich im Dunkel verlieren, und da ist nicht mehr als das Wasser, der Himmel und ich … dann ist das Luxus! Luxus pur.

Ich mag überhaupt gerne Wasser. Es umfängt vollkommen, lässt nichts unberührt,  und leichtgewichtig lässt es einen schweben. Wenn ich mich flach auf den Rücken lege, muss ich nur hin und wieder leicht mit Händen und Füßen wedeln, und das Wasser trägt mich, und weil auch die Ohren unter Wasser liegen, höre ich das eigene Blut in den Adern rauschen und das Herz klopfen, und das übrige Leben bleibt gedämpft wie hinter einer dicken Scheibe.

Darum gehe ich auch gerne ins Freibad. Auch dies ein Luxus – so ein Freibad in Fußmarschnähe.

Ich heize mit Gas und dusche heiß, und der Strom kommt aus der Steckdose und fließt in manchen Stunden üppig. Ich bin von daher treue Kundin der EnRW und ihr wohlgesinnt.

Das ist ein Verhältnis, das auf Dauer angelegt ist – mein Energieversorger und ich, innig wie Feder und Nut.  

Da kommt man bisweilen um ein offenes Wort nicht drum herum.

Es gab in jüngster Vergangenheit zwei Mal Anlass für  – mmh –  ich will mal sagen –  ´Verbesserungsvorschläge´:

An einem freibadtauglichen Tag Mitte September – die Ferien waren vorbei und die Woche wieder voll und kurz – wollten wir ein allerletztes Mal gehen, und weil es nach Schule, Kindergarten und Job immer ein bisschen gedrängt dahergeht, und sowieso zur Feier des Tages, hatte ich den Kindern ein Abendessen im Freibad versprochen – Pommes, Burger, so in dem Stil.

Um vier waren wir dort, um fünf, dachte ich, ich frag mal an, wie lange es etwas gibt. Da war grade der Rollladen bei der Speiseausgabe runtergegangen; ´kann nicht sein´, dachte ich, das muss was anderes zu bedeuten haben.  

Nein, es gäbe nur noch Getränke.

„Aber Sie haben doch auf bis 20Uhr?“

Ja, das schon, aber es sei zu wenig los – Essen gibt´s keines mehr.

Versteh ich nicht! Ein Angebot ist ein Angebot, auch wenn es grade wenig beansprucht wird. Ein Laden macht ja auch nicht mir-nichts-dir-nichts zu, wenn grad kein Kunde da ist. Und ein Restaurant schließt auch nicht zur Essenszeit, selbst wenn kein Gast da ist.

Irgendwann, wenn Kunden bzw. Gäste gänzlich und dauerhaft ausbleiben, ja – dann so ganz – und dann weiß jeder, da gibt es nichts mehr. Aber so ein Zumachen nach Gutdünken und Lust und Laune – das ist irgendwie blöd. Auch ein Imbiss sollte, wenn er sein Versprechen halten will, zuverlässig sein.  Finde ich.

Und dann also jetzt in der Sauna im wiedereröffneten aquasol.

Die Woche war so voll, dass ich jeden Tag das Gefühl hatte, nicht durchzukommen.  Die Liste war zu lang geraten, zweifellos.  Man kann sich auch selbst stressen.

Überdies kann ich mich bisweilen nur schwer freimachen von diesem allgegenwärtigen Gefühl des permanenten Ausnahmezustandes. Die Welt ist in Aufruhr, und ich bin es auch. Das kann mir schon mal Schlaf und Nerven rauben.

Aber ob selbst verursacht oder nicht – die Energie war weitestgehend alle, und also fiel die Wahl zwischen Spaziergang und Sauna zugunsten dieser aus.

Ich hatte bis vor den Ferien noch eine Zehnerkarte, die mir mal geschenkt geworden war. Die war jetzt aber abgeschwitzt. Ich packte also unseren  Familienpass ein. Damit gibt es auch 10% Ermäßigung. Immerhin. Dachte ich. Bis ich an der Kasse verstand, dass das nicht für die Sauna gilt, sondern nur für den Bade – und Schwimmbereich.

Auch das finde ich blöd.

Verstehe ich auch nicht. Als ob Sauna eine Art Luxus vorrangig für rabattunempfindliche, dickere Geldbeutel wäre. Oder weshalb sonst hat man Sauna als nachlassbefreites Extra definiert.

Ich meine, klar ist das Luxus, Luxus pur. Aber eben darum geht es doch bei all diesen Vergünstigungen und Rabatten und Familiennachlässen und – pässen und  Anträgen auf Teilhabe und all so was – ums Teilhaben, damit alle am Luxus teilhaben können. Weshalb nicht auch an Sauna?  Wo ja dieses Arm-Reich-Ding, solange es nicht in die Extreme ausartet, ziemlich relativ ist, weswegen die Armutsgrenze sich nicht an reinen Notwendigkeiten bemisst, sondern  am Anteil des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens und also am Lebensstandard des betreffenden Landes. Gilt das für Sauna nicht?

Es hilft alles nichts. Ich will in die Sauna, und wenn es denn sein muss, zahle ich halt den vollen Preis. Aber ich stelle so insgeheim fest, dass völlig unbeschwert mit der nicht ganz fairen Tatsache umgegangen wird, dass anteilsmäßig die mit weniger mehr bezahlen als die mit mehr.

Deshalb werde ich nicht abtrünnig und bleiben die EnRW und ich einander innig verbunden, und auch Sauna und Bäder will ich weiterhin gerne besuchen. Zumindest habe ich für meinen Teil das vor.

Aber ein offenes Wort muss mal drinliegen.

Vom rechten Wunsch, geliebt zu werden

Sehr geehrter Herr Sänze,

vor ein paar Tagen habe ich in der Zeitung gelesen, in der AfD regt man sich auf, weil Theaterhäuser Geld dafür bekommen, dass sie eine politische Haltung – in diesem Fall eben eine Ihnen und der AfD eigene – kritisch darstellen. Konkret ging es um das hiesige Zimmertheater, ich weiß nicht, ob Ihre Kritik auch andere Häuser betrifft. Macht auch keinen Unterschied. Theaterhäuser  bekommen  Geld wohlgemerkt nicht ´dafür´. Dem Geld – und denen, die es verteilen –  geht es nicht um Sie, sondern ums Fördern des Darstellens an sich, weil  jede Kunst, so wie ich das verstehe, etwas abbildet, sei es in Ton oder Farbe, Bewegung oder Skulptur – ein Kunstschaffender drückt aus, was ihn umtreibt.  Ich weiß nun nichts über den ´Innovationsfonds Kunst´, aber es steckt ja im Wort drin – wenn einer eine gute Idee hat, für die ihm die Mittel fehlen, dann kann er da was bekommen.

Damit tun Sie sich schwer – zumindest dann, wenn Sie sich negativ dargestellt fühlen.

Das kann einem leidtun, das ist sicher bitter. Aber es ist auch kein anderer dafür zuständig als Sie selbst.

Dass Sie´s mit der Freiheit der Kunst nicht so haben, ist nicht neu. Ihr Verlangen nach Offenlegung, wer auf den Bühnen im Land einen deutschen Pass besitzt, konnte man – Sie verzeihen bitte – schon echt ekelhaft finden. Und es zeugt auch nicht wenig von einem Fehlen von Freude und des Verständnisses dafür, was Kunst mitunter ausmacht – ihr verbindendes Wesen. Komponisten können ein Universum erschließen, Autoren fremde Welten eröffnen, Schauspieler ein Gefühl besser darstellen, als man selbst es je fühlen konnte. Woher der Mensch kommt, der das schafft, ist dabei piepschnurzegal, und wenn einer aus Mombasa in Helsinki verstanden wird, und einer aus Damaskus in Friedrichshafen, dann ist das doch ganz wunderbar.

Sie können das nicht sehen, und das ist das eigentlich Schlimme daran.

Das Geben von Geld davon abhängig zu machen, dass der Inhalt auch allen gleichermaßen gefällt – DAS wäre erst ein Eingriff in die Pflicht zur Neutralität. Die Geschmäcker sind verschieden.  Damit müssen wir alle leben.

Sie wünschen eine positive, Sie bewerbende Darstellung. Darauf gibt es keinen Anspruch. Wie es auch keinen Anspruch darauf gibt, gemocht zu werden.

Sie sind in einer Partei, die von Hetze und scharfer Rhetorik lebt. Wer am schärfsten schießt, kommt am weitesten, Besonnenheit bekommt weder Posten noch Stimmen. Es ist ein Elend dieser Tage, dass jede Auseinandersetzung sofort in Gegeifer mündet, und das ist nicht nur in der AfD so. Aber dort kultiviert man es. Bei Ihnen reden und agieren alle so aggressiv.

Ich will das nicht in meinem Leben haben, und viele andere auch nicht, und das ist legitim. Ich weiß es nicht, aber ich stelle mir vor, je mehr Leute sich dieser Rhetorik und Denke verweigern, desto schwerer fällt Krieg und Zerstörung. Und das ist nun etwas, was ich unbedingt vermeiden will.

Und es klingt alles nicht sehr konstruktiv, was da bei Ihnen und Ihren Parteigenossen rauskommt. Es klingt so rundum selbstgerecht und selbstsüchtig, „wirwirwirwir“ – wen immer dies ´wir´ auch umfasst, und wer immer dann ´die´ sind – ich weiß gar nicht, ob ich zu diesem ´wir´ gehören will. Es ist stets der Schrei nach dem eigenen Vorteil, immer das ´mehr´, in allem.

Das kann, darf, und ich würde sogar sagen sollte, ich übel finden. Das widerspricht so ziemlich allem, was ich mal gelernt habe übers friedliche, und gedeihliche Zusammenleben. Mein ´wir´ ist wohl ein anderes als Ihres.

Sie gefallen sich im Ausgrenzen. Okay. Ihre Wahl. Aber wer so hinausbrüllt, muss mit herbem Gegenwind rechnen. Sie mögen Ihre Fans finden, weit überwiegend vermutlich Leute, denen es auch um eigene Vorteile geht, weil die, die man hat, nicht ausreichen. Aber allgemeines Wohlwollen, gar Applaus, Schulterschluss oder Zuneigung – das kann man nicht einfordern. Die Allermeisten wollen solchem Poltern keinen Raum geben. Das ist alles, und es ist legitim, und ich will behaupten – zum Glück ist es so.

Man stimmt Ihnen nicht zu, man stellt sich dagegen. Sie bekommen wenig positive Darstellung. Da haben Sie Recht. Das ist so, und es ist Plan und Strategie. Eben weil sehr viele dieses Ihr Poltern nicht mögen und wollen.

Und das ist nicht Meinungsdiktatur! Sie können brüllen! Sie dürfen. Aber Sie dürfen nicht auf Abnicken und allgemeinen Zuspruch hoffen. Wenn das eigene Gebaren andere abstößt, dann wird man nicht eingeladen, und auf selbst ausgesprochene Einladungen bleiben Gäste weg. Und wo der eigene Name erwähnt wird, dann oft mit gerunzelter Stirn und wenigstens distanzierter Kühle in der Stimme. So ist das nunmal. Sie haben Ihre Fans, genießen aber beim Gros der Bevölkerung keine Sympathien. Und das ist nicht manipulierter oder sonstwie böser Wille, das ist nur logisch und konsequent. Wie man in den Wald hineinruft -. Sie mögen nur sich selbst und Ihresgleichen – und so mag man Sie andersherum, wer nicht Ihresgleichen ist, halt auch nicht. Und darüber dürfen und können Sie sich beleidigt fühlen. Aber das ist auch alles. Sie poltern und brüllen, und Andere wenden sich ab. Um Leib und Leben oder irgendwelche staatlichen Konsequenzen fürchten müssen Sie nicht. Sie leben nicht in einer Diktatur.

In der ´Zeit´ las ich von einer Buchhändlerin, die, seit sie sich zur AfD bekannt hat, wirtschaftliche Nachteile beklagt. Kunden blieben weg, Autoren auch, Türen gingen zu. Das tut mir natürlich Leid für die Frau, die mir als Buchhändlerin erstmal eher sympathisch ist. Die Buchhändlerin unterstellt staatlich gelenkte Sabotage, ein Unterdrücken wie sie es in der DDR erlebt hat. Aber man kann keinen zwingen, ein Lokal aufzusuchen, eine Buchhandlung, ein Theater. Ich selbst lese geliehene Bücher, ganz selten, dass ich mal eins kaufe, aber wenn, dann gehe auch ich lieber in eine Buchhandlung, deren Geist mir gefällt. Es gibt kein Recht, gemocht zu werden. 

Manche Türen gehen zu, obwohl man deutsch ist. Wir leben nicht in einem Land, in dem man deutsch sein muss, damit man offene Türen hat. Manche Türen gehen auch für andere auf, wir leben mit Leuten aus anderen Ländern. Das ist Basis im Staat, und das mit guten Gründen. Die Würde des Menschen und so. Man hat sie sich ganz oben auf die Flagge geschrieben, weil es davor so anders und so schrecklich war. Sie mögen diesen Teil der Geschichte nicht, Sie sähen ihn gerne anders. Ich auch. Aber es war, wie es war, und die Geschichte einfach zurechtbiegen zu wollen ist mehr als mies und schäbig. Deutschland hat beschlossen, ein international und global verankertes Land zu sein, der Welt und den Menschen freundlich zugewandt. Das gilt als Fundament, als Konsens. Das geht nicht immer so, wie es richtig wäre, aber das will man sein, und also geht nicht für 99% der Erde einfach die Türe zu.

Man kann über Details reden, wer-wie-woher-wohin-wie lang-und-was überhaupt. Aber solches Reden über Details geht anders. Man hebt nicht die Waffen, schreit „Krieg!“ und verhandelt dann über Visa.

So sehe ich das; so, meine ich, läuft der Hase. Und darüber können Sie beleidigt sein und es sich anders wünschen. Aber Sie können nicht einklagen, weil es nicht die Gesetzte gibt dafür, und die Gesetze gibt es nicht, weil es nicht das Land ist, das Sie sich wünschen. Es ist auch nicht das, das ich mir wünsche. Aber ich erkenne es in seinem Prinzip an, und das wäre als zugelassene Partei auch an Ihnen. Das Land, der Staat, richtet sich nicht nach Ihren Befindlichkeiten. Und das ist auch nicht seine Aufgabe. Seine Aufgabe ist es, dem Zusammenleben sehr vieler verschiedener Menschen einen funktionierenden Rahmen zu geben.

Vor dem Gesetz sind alle gleich, es darf keinen Unterschied machen, ob Sie rechts oder links oder upside down stehen. Aber es darf einen Unterschied machen, wie man wahrgenommen und dargestellt wird und wohin man eingeladen wird.

Ich habe kein Bild, keine Vorstellung von Ihnen. Ich habe auch nicht gegoogelt oder irgendwelche social-media-Seiten gestalkt. Ich weiß nicht, wie Sie aussehen, was Sie sonst so machen und schon gemacht haben. Sie leben in Sulz. Soviel weiß ich. Vielleicht würde ich Sie, wenn man auf einem Stadtfest ebenda zufällig nebeneinander stünde, ganz nett finden, wenn man ins Gespräch käme und sich unterhielte über den letzten Urlaub, die Familie, den Job, Schule oder Fronleichnamsmärsche – (ich weiß nicht, wie hoch die Chance ist, dass es so wäre, aber ich will es immerhin nicht ausschließen) – wahrscheinlich würde ich Sie als ´anders unterwegs´ empfinden, aber das entscheidet ja erstmal nicht über Sym- und Antipathie. Wenn die Rede auf Ihre Parteimitgliedschaft und politische Haltung käme, würde es allerdings und wenigstens schwierig.  Argumentationen und andere Blickwinkel verlange ich mir ab auszuhalten, beim Pöbeln hört es auf, (Definition gegoogelt: pöbeln = jemanden in der Öffentlichkeit durch freche, beleidigende Äußerungen provozieren).

Ich und mit mir ein starkes Dreiviertel der Bevölkerung kann und will Ihr Hetzen und Poltern einfach nicht leiden. Und das schlägt sich nieder in Theaterstücken, in Zeitungsartikeln, in Liedern, in Blogbeiträgen, im Bucheinkauf und in vielem anderen. Damit müssen Sie leben. Oder aufhören so zu poltern.

Mit freundlichen Grüßen

Beate Kalmbach

Im Lido

Vielleicht gehört das zu den Dingen, die zu zweit mitunter mehr Spaß machen: im Biergarten sitzen.

Aber was soll´s, es war ein warmer, später Freitagabend, der Platz war schön, das Bier kühl, und ich war gewillt zu genießen. Wenn niemand mit am Tisch sitzt, guck ich halt so rum und sinnier ein bisschen vor mich hin. Die Woche war lang und erlebnisreich; langweilig wird mir nicht mit den Bildern im Kopf.

So ging es bald gegen Mitternacht, und der Biergarten leerte sich, das Stimmgewirr  verebbte, und irgendwann waren da nur noch ich und vorne im Eck eine Gruppe junger Kerls, ein knappes Dutzend, alle so um die zwanzig, und es ging gar nicht anders, als ihre Unterhaltung mitzuhören.

Sie erzählten vom Lido. Anscheinend waren  alle schon mal dort. Weshalb auch immer. Wahrscheinlich, weil der Kanal noch nicht voll genug war.  Anfangen konnten sie offenbar nicht viel damit. Sie machten sich ausnahmslos lustig – was man den Damen für frivole Angebote gemacht hat – nein, nicht frivol – unverschämt, unsittlich auch im Sinne des Etablissements, in dem man sich befunden hatte – weiter, wie eine tanzte und strippte, wie eine andre das gerade nicht tat, wie jemand putzte statt Party zu machen, wie man morgens um fünf mit dem Wirt feilschte und betrunken zum Hinterausgang hinaus wankte, …..

Mein Bier war fast leer, und ich suchte nach Worten, aber bevor sie zu tief im nächsten Thema steckten, brach ich jedes Zurechtlegen ab, trank das Glas in einem Zug aus und ging auf dem Weg hinaus zu ihnen an den Tisch.

„Guten Abend die Herren! Ich will nicht stören. Aber ich habe eben unfreiwillig die Unterhaltung übers Lido mitgehört.“

Johlen.

„Ich war dort auch schon.“

Johlen.

„Ich find´s gut.“

Schweigen.

Und eigentlich wollte ich sie alle am Kragen packen und schütteln, mit der Nase in den Aschenbecher tauchen und ihnen ihre Biere über die Köpfe schütten.

Aber ich tat nichts davon. Ich blieb ganz freundlich. Vielleicht hören sie ja so besser zu.

„Es ist nicht okay, wie Ihr darüber redet. Die Frauen dort gehen ihrer Arbeit nach, und sie tun sie gut. Das verdient Respekt. Da wird nicht ein Körperteil, dem man unterstellt, es macht einen zum Mann, zum Signieren angeboten.“ (Ich blickte den Jungen an, der diese Geschichte zum Besten gegeben hatte. Er guckte trotzig, aber nicht unerreicht zurück).  „Und man verlangt auch nicht einen exklusiven Tanz ohne die Zeche dafür zu bezahlen. Die ist im Weizen nicht inbegriffen.  Und man kommt auch nicht morgens um vier, wenn man sich anderswo die Kanne gegeben und den Geldbeutel geleert hat, und mokiert sich, dass niemand Hurra schreit, wenn eine Horde Besoffener eine Party all inclusive zum Schnäppchenpreis will. Der Deal funktioniert anders: der Gast bestellt sein Getränk, und wenn er etwas mehr will – Tanz und  Unterhaltung – dann spendiert er der Dame ein Piccolo. Wenigstens. Das kostet etwas mehr, aber so läuft´s. Und mit zum Deal gehört Respekt. Der Gast ist König, aber die Dame die Herrin des Geschehens. Der Kunde tut etwas dafür, dass sie sich mit ihm einlässt. Da gibt es nix für 3,80.“

„Mir hen det scho veil meh ausgäbba.“ Einer maulte.

„Sollte nur ein kleiner Denkanstoß sein. Nichts für ungut. Schönen Abend noch.“

Das wünschten sie mir auch. Es blitzte etwas Trotz auf, Widerstand, und der Versuch, den Ernst des Vortrags auf die leichte Schulter zu nehmen , aber in der einen oder andern Stimme meinte ich einen Funken Einsicht zu hören – schön wäre das ja. Ich ging.

Rüpel, die nicht wissen, wie rüpelhaft sie sind. Wie garstig ist doch dies Runtergucken vom hohen Ross! Nie auf sich selbst gestellt gewesen, immer die schützende Hand des eigenen Klüngels genossen, nie in Not gewesen und Verpflichtungen gehabt, für die man sich auch mal veranlasst sieht, Kompromisse mit dem eigenen Befinden zu machen. (Wohlgemerkt: das machen andere auch, aber in dieser Branche lässt es sich nicht so leicht leugnen).  Jungs, die nie das eigene Milieu, den heimischen Wohlfühlkokon verlassen und entdeckt haben, dass in anderen Lebenswirklichkeiten auch andere Regeln stecken. Und  dann über Leute herziehen, die diesen Kokon vielleicht nie hatten, die Kinder versorgen, die so gut es geht aus einer Not das Beste machen, die einfach einen Job haben, den man sich selbst nicht vorstellen kann.

Diese Frauen geben viel von sich. Es ist einfach nicht fair, da noch zu nöhlen und zu feilschen und zur Unzeit das ganze Programm zum Schnäppchenpreis zu wollen. Sie gar dreist und blöd anzumachen geht überhaupt nicht.

Ich kenne nicht alle, aber einige der Damen und Bruchstücke ihrer Geschichten. Ich gehe tatsächlich ganz gerne ins Lido. Manchmal, wenn mir die ganze wohlfeile Gutbürgerlichkeit zu eintönig wird, gefällt es mir dort. Das Bier kostet 8 Euro – ich trink halt nur eins. Und dann entführt mich softer Fahrstuhltechno auf rosa Wolken, und ich sitze da und sehe mir die Clips auf der Leinwand an: langbeinige Bikinifrauen räkeln sich in türkisgrünen Lagunen, breitschultrige Adonisse stürzen sich von hohen  Klippen in die Fluten – schöne Menschen feiern die eigene Schönheit an schönen Orten. Wenn genug los ist und ein Gast Interesse hat, tanzt eine der Damen. Dann komme ich tatsächlich in den Genuss einer Liveshow, für die ich nicht bezahlt habe.  Sie wäre mehr wert, als die 8 Euro fürs Bier. Ich habe schon Tänzerinnen gesehen, die wahre akrobatische Kunststücke vollbrachten, die sich schlangengleich hoch und runter wanden, eben noch oben unter der Decke hingen, dann einmal die Hand ausstreckten, unten im Spagat landeten, sich einarmig wieder hochzogen und den eigenen Leib um die Stange knoteten.  Super!

Ich will nur was Andres sehen, ich will niemanden kennenlernen und bin auch noch nie schräg angequatscht worden. Wenn ich mich unterhalte, dann mit dem Wirt oder den Damen, die witzig, gescheit, stark und sehr nett sind. Die das Tanzen und Strippen beherrschen, und das Flirten und Unterhalten. Und die viel anständiger sind, als diese Flegel aus gutem Hause.

Ich verstehe das Lustigmachen nicht. Was ist denn lustig daran? Ist es wie das Kichern in der sechsten Klasse beim Aufklärungsunterricht? Pubertärer Scheiß? Dann ist man zu klein für so eine Bar! 

Ich finde gut, dass es das in Rottweil gibt. Zu meiner Vorstellung von Stadt gehört das dazu. Nicht nur Läden, Praxen und Kanzleien, Kneipen und Restaurants, auch Kino, eine Diskothek, ein Waschsalon, ein Jugendhaus, ein Nachtclub. Freilich, eine Kleinstadt ist keine City und downtown Rottweil  ist ziemlich übersichtlich, aber wenn so eine Bar abwandert in eine der nächstgrößeren Städte, nur weil man hier zu provinziell ist, um einen adäquaten Umgang zu finden, dann fände ich das ausgesprochen schade.

In erster Linie ist das Lido einfach mal eine Bar, und wer Kraft Gesetz befugt ist, sich nachts eigenverantwortlich zu bewegen, kann hingehen – um was zu trinken, oder um die Neugier zu stillen, oder um mit einer netten Dame zu flirten. Weil man sich einsam fühlt; weil man gerne eine Ahnung zwischenmenschlicher Wärme spürte. Oder weil man den Tapetenwechsel mag, die Musik, die Bilder, die Show.  Man kann, man muss nicht. Und wenn man geht, dann kann es einem gefallen, oder auch nicht. Aber man gehe hin wie man eine Reise antritt – offen und gut gesinnt.

Klar ließe sich auch eine Gesellschaft ohne jede Form der käuflichen Lust vorstellen, das Beste geschieht eh im vertrauten Rahmen und fern der Öffentlichkeit. Aber wir haben sie derzeit nicht, Bedarf und Angebot bestehen, und solange sie das tun, soll sich das auch in der Mitte der Gesellschaft abspielen.  Je weiter an den Rand gedrängt wird, je mehr sich das versteckten muss, desto größer dort die Gefahr des Missbrauchs.