Im Lido

Vielleicht gehört das zu den Dingen, die zu zweit mitunter mehr Spaß machen: im Biergarten sitzen.

Aber was soll´s, es war ein warmer, später Freitagabend, der Platz war schön, das Bier kühl, und ich war gewillt zu genießen. Wenn niemand mit am Tisch sitzt, guck ich halt so rum und sinnier ein bisschen vor mich hin. Die Woche war lang und erlebnisreich; langweilig wird mir nicht mit den Bildern im Kopf.

So ging es bald gegen Mitternacht, und der Biergarten leerte sich, das Stimmgewirr  verebbte, und irgendwann waren da nur noch ich und vorne im Eck eine Gruppe junger Kerls, ein knappes Dutzend, alle so um die zwanzig, und es ging gar nicht anders, als ihre Unterhaltung mitzuhören.

Sie erzählten vom Lido. Anscheinend waren  alle schon mal dort. Weshalb auch immer. Wahrscheinlich, weil der Kanal noch nicht voll genug war.  Anfangen konnten sie offenbar nicht viel damit. Sie machten sich ausnahmslos lustig – was man den Damen für frivole Angebote gemacht hat – nein, nicht frivol – unverschämt, unsittlich auch im Sinne des Etablissements, in dem man sich befunden hatte – weiter, wie eine tanzte und strippte, wie eine andre das gerade nicht tat, wie jemand putzte statt Party zu machen, wie man morgens um fünf mit dem Wirt feilschte und betrunken zum Hinterausgang hinaus wankte, …..

Mein Bier war fast leer, und ich suchte nach Worten, aber bevor sie zu tief im nächsten Thema steckten, brach ich jedes Zurechtlegen ab, trank das Glas in einem Zug aus und ging auf dem Weg hinaus zu ihnen an den Tisch.

„Guten Abend die Herren! Ich will nicht stören. Aber ich habe eben unfreiwillig die Unterhaltung übers Lido mitgehört.“

Johlen.

„Ich war dort auch schon.“

Johlen.

„Ich find´s gut.“

Schweigen.

Und eigentlich wollte ich sie alle am Kragen packen und schütteln, mit der Nase in den Aschenbecher tauchen und ihnen ihre Biere über die Köpfe schütten.

Aber ich tat nichts davon. Ich blieb ganz freundlich. Vielleicht hören sie ja so besser zu.

„Es ist nicht okay, wie Ihr darüber redet. Die Frauen dort gehen ihrer Arbeit nach, und sie tun sie gut. Das verdient Respekt. Da wird nicht ein Körperteil, dem man unterstellt, es macht einen zum Mann, zum Signieren angeboten.“ (Ich blickte den Jungen an, der diese Geschichte zum Besten gegeben hatte. Er guckte trotzig, aber nicht unerreicht zurück).  „Und man verlangt auch nicht einen exklusiven Tanz ohne die Zeche dafür zu bezahlen. Die ist im Weizen nicht inbegriffen.  Und man kommt auch nicht morgens um vier, wenn man sich anderswo die Kanne gegeben und den Geldbeutel geleert hat, und mokiert sich, dass niemand Hurra schreit, wenn eine Horde Besoffener eine Party all inclusive zum Schnäppchenpreis will. Der Deal funktioniert anders: der Gast bestellt sein Getränk, und wenn er etwas mehr will – Tanz und  Unterhaltung – dann spendiert er der Dame ein Piccolo. Wenigstens. Das kostet etwas mehr, aber so läuft´s. Und mit zum Deal gehört Respekt. Der Gast ist König, aber die Dame die Herrin des Geschehens. Der Kunde tut etwas dafür, dass sie sich mit ihm einlässt. Da gibt es nix für 3,80.“

„Mir hen det scho veil meh ausgäbba.“ Einer maulte.

„Sollte nur ein kleiner Denkanstoß sein. Nichts für ungut. Schönen Abend noch.“

Das wünschten sie mir auch. Es blitzte etwas Trotz auf, Widerstand, und der Versuch, den Ernst des Vortrags auf die leichte Schulter zu nehmen , aber in der einen oder andern Stimme meinte ich einen Funken Einsicht zu hören – schön wäre das ja. Ich ging.

Rüpel, die nicht wissen, wie rüpelhaft sie sind. Wie garstig ist doch dies Runtergucken vom hohen Ross! Nie auf sich selbst gestellt gewesen, immer die schützende Hand des eigenen Klüngels genossen, nie in Not gewesen und Verpflichtungen gehabt, für die man sich auch mal veranlasst sieht, Kompromisse mit dem eigenen Befinden zu machen. (Wohlgemerkt: das machen andere auch, aber in dieser Branche lässt es sich nicht so leicht leugnen).  Jungs, die nie das eigene Milieu, den heimischen Wohlfühlkokon verlassen und entdeckt haben, dass in anderen Lebenswirklichkeiten auch andere Regeln stecken. Und  dann über Leute herziehen, die diesen Kokon vielleicht nie hatten, die Kinder versorgen, die so gut es geht aus einer Not das Beste machen, die einfach einen Job haben, den man sich selbst nicht vorstellen kann.

Diese Frauen geben viel von sich. Es ist einfach nicht fair, da noch zu nöhlen und zu feilschen und zur Unzeit das ganze Programm zum Schnäppchenpreis zu wollen. Sie gar dreist und blöd anzumachen geht überhaupt nicht.

Ich kenne nicht alle, aber einige der Damen und Bruchstücke ihrer Geschichten. Ich gehe tatsächlich ganz gerne ins Lido. Manchmal, wenn mir die ganze wohlfeile Gutbürgerlichkeit zu eintönig wird, gefällt es mir dort. Das Bier kostet 8 Euro – ich trink halt nur eins. Und dann entführt mich softer Fahrstuhltechno auf rosa Wolken, und ich sitze da und sehe mir die Clips auf der Leinwand an: langbeinige Bikinifrauen räkeln sich in türkisgrünen Lagunen, breitschultrige Adonisse stürzen sich von hohen  Klippen in die Fluten – schöne Menschen feiern die eigene Schönheit an schönen Orten. Wenn genug los ist und ein Gast Interesse hat, tanzt eine der Damen. Dann komme ich tatsächlich in den Genuss einer Liveshow, für die ich nicht bezahlt habe.  Sie wäre mehr wert, als die 8 Euro fürs Bier. Ich habe schon Tänzerinnen gesehen, die wahre akrobatische Kunststücke vollbrachten, die sich schlangengleich hoch und runter wanden, eben noch oben unter der Decke hingen, dann einmal die Hand ausstreckten, unten im Spagat landeten, sich einarmig wieder hochzogen und den eigenen Leib um die Stange knoteten.  Super!

Ich will nur was Andres sehen, ich will niemanden kennenlernen und bin auch noch nie schräg angequatscht worden. Wenn ich mich unterhalte, dann mit dem Wirt oder den Damen, die witzig, gescheit, stark und sehr nett sind. Die das Tanzen und Strippen beherrschen, und das Flirten und Unterhalten. Und die viel anständiger sind, als diese Flegel aus gutem Hause.

Ich verstehe das Lustigmachen nicht. Was ist denn lustig daran? Ist es wie das Kichern in der sechsten Klasse beim Aufklärungsunterricht? Pubertärer Scheiß? Dann ist man zu klein für so eine Bar! 

Ich finde gut, dass es das in Rottweil gibt. Zu meiner Vorstellung von Stadt gehört das dazu. Nicht nur Läden, Praxen und Kanzleien, Kneipen und Restaurants, auch Kino, eine Diskothek, ein Waschsalon, ein Jugendhaus, ein Nachtclub. Freilich, eine Kleinstadt ist keine City und downtown Rottweil  ist ziemlich übersichtlich, aber wenn so eine Bar abwandert in eine der nächstgrößeren Städte, nur weil man hier zu provinziell ist, um einen adäquaten Umgang zu finden, dann fände ich das ausgesprochen schade.

In erster Linie ist das Lido einfach mal eine Bar, und wer Kraft Gesetz befugt ist, sich nachts eigenverantwortlich zu bewegen, kann hingehen – um was zu trinken, oder um die Neugier zu stillen, oder um mit einer netten Dame zu flirten. Weil man sich einsam fühlt; weil man gerne eine Ahnung zwischenmenschlicher Wärme spürte. Oder weil man den Tapetenwechsel mag, die Musik, die Bilder, die Show.  Man kann, man muss nicht. Und wenn man geht, dann kann es einem gefallen, oder auch nicht. Aber man gehe hin wie man eine Reise antritt – offen und gut gesinnt.

Klar ließe sich auch eine Gesellschaft ohne jede Form der käuflichen Lust vorstellen, das Beste geschieht eh im vertrauten Rahmen und fern der Öffentlichkeit. Aber wir haben sie derzeit nicht, Bedarf und Angebot bestehen, und solange sie das tun, soll sich das auch in der Mitte der Gesellschaft abspielen.  Je weiter an den Rand gedrängt wird, je mehr sich das versteckten muss, desto größer dort die Gefahr des Missbrauchs.

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