German hatespeech

Der Anschlag in Halle erschüttert mich immer noch.  Geht da einer auf eine Synagoge los, an einem jüdischen Feiertag, wenn die Synagogen schätzungsweise so voll sind wie bei Christen die Kirchen an Heilig-Abend. Hetzt gegen Juden und alles, was ihm irgendwie fremd vorkommt, erschießt im Vorbeirauschen zwei Leute, die so zufällig Opfer werden, dass eigentlich klar ist – da geht´s gar nicht um Feinbilder, da geht´s ums Wüten und Töten selbst,  und da führt sich einer auf wie ein Egoshooter im Computerspiel.

Ganz egal wie man zu Israel steht – das eine ist Politik, das andere praktizierter Glaube. Wenn in egal welchem Land ein Mensch wohnt, der halt Kippa trägt statt Kreuz am Hals, oder sonst ein nicht-christliches, religiöses Symbolstück, aus Stoff oder Metall, Holz oder Fimo, wie auch immer, dann soll der das tun und seine Feiertage feiern und seine Gebete sprechen und seine Lieder singen – er tut nichts mehr als das. Er lebt sein Leben, und so soll es sein, jeder nach seiner  Façon.

Gerade in Deutschland muss man das verstehen. „Nie wieder!“  – Nie wieder solch ein Morden und Wüten wie es das schon gab, nie wieder so ein  „Wir“ gegen „Die“. Und wer das nicht versteht und sich mokiert und findet, nach  (gerade mal)  70 Jahren könnte man das vergessen haben  –

 (HeimatsalatistmandennvonallengutenGeisternverlassen –  es leben noch Zeitzeugen, es leben Opfer,  es leben deren Kinder und Enkel – was sind schon 70 Jahre, es trägt doch hier auch ein  jeder  noch die Geschichten seiner Großeltern in sich)  –

wer das also nicht versteht und sich mokiert, der ist pfeilgenau der lebendige Beweis, dass man nie aufhören darf zu erinnern und zu mahnen.

(Ich finde diese Gedenktafeln an Rottweils Geschäftshäusern gut. Wenn man mal drauf achtet, ist doch an recht vielen Häusern ein silberner Davidstern. Wie groß und rührig die jüdische Gemeinde hier einst gewesen sein muss! Jetzt kenne ich aber einen, der einen kennt, der sagt, dass manche Geschäftsleute und heutige Besitzer sich gegen das Anbringen solcher Tafeln an ihren Häusern gestellt haben. Finde ich blöd. Gut finde ich dagegen, wenn es sichtbare Anker für die Erinnerung gibt. Dann bleibt man dran und keiner ist mit seinen Gedanken und Bildern allein. Ich kenne einen anderen, der einen anderen kennt, der im Krieg an der Ostfront war und nur im Vollrausch an der Stammtischkante runter bitterlichst weinen und erzählen konnte – wie sie ganze Dörfer in eisige Flüsse getrieben haben, wie Frauen und Kinder geschrien haben, „wie´s Vieh“. Und sobald auch nur schemenhaft Bild und Ton in mir entsteht, ist mir zum Mitweinen. Das darf es doch niemals mehr geben! Man muss doch wissen und verstehen.)

Und dann kommt da so ein komplett Irrer daher.

Niemand hat ihm den Auftrag gegeben. Er tat, was er tat allein – und doch –

Wieso passiert so was? Und was kann man dagegen tun? Man kommt um die Frage nach Schuld und Verantwortung  nicht herum.

Alice Weidel von der AfD hält es für eine haltlose Diffamierung, wenn man ihrer Partei eine Mitverantwortung zuschreibt.

Ich sehe die auch.

Schläger, Stänkerer und Dumpfbacken gibt es. Da ist kein Kraut gewachsen dagegen. Stänkern ist leichter als Zufrieden-sein, das einem ein paar bewusst auszuhaltende Zumutungen lässt. Zur Zufriedenheit braucht es Toleranz für Frust, Angst und Stress. Irgendwo drückt immer der Schuh, irgendwas nervt, irgendeine Baustelle gibt es, immer, in jedem einzelnen Leben. Damit muss man klarkommen.

Viele sind viel zu kaputt dazu. Das tut mir mitunter leid – in dem Kaputtgehen stecken schlimme Erfahrungen. Helfen aber lässt sich, wo die ureigenen wunden Punkte nicht gesehen werden wollen, die, wenn sie berührt werden,  komisch reagieren lassen, kaum. Dann wird´s ungut.  

Aber auch damit muss eine Gesellschaft leben. So isses halt. Im Idealfall kümmert sie sich mit vereinten Kräften um die Baustellen und schafft es damit, dem Unguten das Ärgste zu nehmen. Im Idealfall orientiert sie sich nichtsdestotrotz an den Schönheiten des Daseins. Und ich unterstelle einen Konsens darüber, dass Wüten nicht dazu gehört.

Eben diese Schönheiten des Daseins, das, was das Herz wärmt und die Seele jubeln lässt  – für mich zb Freundschaft – erfordern Wohlwollen. Ob zu Mensch, Tier, Baum oder Stein – in jedem Fall braucht es zum Glück Wohlwollen, was, wie ich meine, das Gegenteil von Wut ist. Mit Wohlwollen zeigt sich das Schöne, mit Druck und Wüten halt nicht.

Natürlich wütet auch ein Hooligan nicht die ganze Zeit. Er feiert ein Fest, er lacht und genießt ein Bad in der Sonne, und er küsst seine Freundin. Aber er legt dabei nicht seine aggressive Gesinnung ab.  Diese Wut ist mehr als nur ein momentanes Gefühl.

Weshalb es jetzt Leute gibt, die diese üble Gesinnung   schüren, benutzen, sich vor den Karren spannen, das erklärt sich mir nicht.

Wie kann man Wut als Gesinnung und als politische Kraft wollen? Wohin soll das führen, wozu soll das gut sein? Wo es das doch gar nicht sein kann – ´gut sein´. 

Nichts gegen Wut an sich. Jeder ist mal wütend und unzufrieden. Ich auch. Und dann bin ich hart und ich übertreibe und bin bisweilen so derb und verbalbrutal, dass ich vor mir selbst erschrecke. Aber stets weiß ich, die Wut ist meine und zwar nur und ausschließlich meine. Der Anlaß kommt von außen, mir widerfährt etwas, das mir gegen den Strich geht – die Wut, die folgt, ist meine eigene. Was mich wütend macht, ist etwas anderes, als das, was meine Freundin, meine Schwester, meine Nachbarin wütend macht, die alle andere wunde Punkte haben, andere Ängste, andere Erfahrungen, andere Ausdrucksformen, andere Empfindungen. Jeder ist aus ganz eigenen Gründen und auf ganze eigene Weise wütend.  Es gibt nicht DIE Wut. Jeder ist für sich selbst und wegen sich selbst wütend. Und das ist eigentlich große Klasse! Sie kann mich einen kurzen Moment mitreißen, aber sobald ich sie erkenne, nehme ich sie an die Leine und lasse nicht mehr los. Dann kann ich versuchen zu verstehen, was meine Wut mir sagt. Das kann mitunter recht erhellend sein. Und ich kann mir überlegen, was ich ändern kann und die Energie, die in der Wut steckt – und die ist immens  – benutzen und mich ans Werk machen.  Niemals aber darf ich die Wut entscheiden und mich von ihr führen lassen. (Gab´s auch schon, war aber scheiße).  Dann wird’s nur destruktiv. Wut ist ein legitimes und bisweilen hilfreiches Gefühl, aber ein mieser Ratgeber.

Vielleicht ist das das Ticket der Hassredner : Wut ist ein individuelles und temporäres Gefühl. SIE machen eine Grundhaltung, eine Gesinnung daraus und vermitteln den Eindruck, es gäbe objektive und allgemeingültige Gründe und eine gemeinsame Form der Wut, und es wäre richtig und angebracht, ihr zu folgen.

Das ist fies. Die Höckes, Gaulands, Weidels und von Storchs, die Salvinis und Trumps, und wie sie alle heißen, alle, die  ständig am Hetzen sind  – sie haben alle ein zufriedenstellendes Leben. Unterstelle ich. Sie haben  Jobs und Karrieren, Familien, ein Heim, und mitunter Kohle bergeweise – sie wissen, wie sich ein erfülltes Leben zusammensetzt, und sie könnten ihren Hobbys nachgehen, Golf spielen oder hübsche Bilder malen, irgendwas,  und den Rest der Welt in Frieden lassen.

Sie spielen ein doppeltes Spiel.

Sie sagen nicht „morde!“, aber sie erklären die Wut für richtig und gut, sie geben die Schuld für jede Miesepetrigkeit anderen und propagieren, man könne seinen angeblichen Anteil vom Glückskuchen einfach einfordern.  Funktioniert aber so nicht und hat es bestimmt auch noch nie. Es braucht Rahmenbedingungen, damit Leben freudvoll verlaufen können. Aber schaffen muss sein Glück jeder selbst. Im Wüten gelingt das nicht.

Wozu also dies Propagieren der Wut? Ich versteh´s nicht. Oder sind diese verbalen Wüteriche am Ende eben selbst auch völlig kaputt?  Und lieben das Wüten um des Wütens willen?  

Macht ist geil. Mehr Macht ist geiler. Truppen aufmarschieren lassen ist megageil.  Man sitzt auf seinem Schloss, blickt aufs Land wie früher der Adel, (und wie der das teilweise auch heute noch tut), und überlegt,  (wie dieser Vordenker der Rechten in Sachsen),  wie man die Macht übernimmt, die Truppen formiert und  sie lenkt und dirigiert gegen alles, das einem  die Gefolgschaft verweigert . Man gefällt sich selbstherrlich  in seiner Gutsherrenpose und ist doch eigentlich nichts als anmaßend und elitär.

Von solcher Art Herrschaften lassen sich die Chefs und Chefinnen der AfD inspirieren und instruieren.

Ich wundere mich ja immer, dass ´Gutmensch´ ein Schimpfwort ist. Keiner ist nur und durch und durch gut und lauter und rein wie ein frisches Maiglöckchen. ´Viele Seelen wohnen ach in unsrer Brust´. Ich kenne das Miststück auch in mir, das es in sich hat und das auch schon ziemlich viel von seiner garstigen Seite betrachtet und angegangen hat. Der kurze Spaß und die Prise Freude  dabei hinterließen allerdings einen langen, bitteren Nachgeschmack; ist also nicht zu empfehlen. Ich halte das  Miststück fest am Zügel und gebe dem Guten den Vorrang. In der Tat. Ich will kein schlechter Mensch sein, nicht Schlechtes in die Welt bringen. Was soll daran verwerflich sein?

Da rennt einer und folgt seiner ureigenen Wut und bläst zur Jagd auf Juden und ´Kanaken´, (sorry – nicht MEIN Wort – O-Ton). Es tut mir so leid. Ich find´s so scheiße.

Und  da tragen Leute  die Wut im Mund und tun so, als wüssten sie nicht um die Wirkung ihrer Worte, und tun so, als fühlten sie sich ungerecht behandelt, und  tun so, als müssten sie sich wirklich so dermaßen weinerlich mokieren.   ´So gemein sind alle zur AfD, oh je´. Kein neuer  Einfall, und doch immer wieder neu – der Täter, der sich zum Opfer stilisiert.

Wie perfide. Wie bös.

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