Ein langer Herbstabend- Zeit für eine Bestandsaufnahme

Das neue Schuljahr läuft. In der zweiten Klasse wird spürbar ´verlangt´; es geht nicht mehr nur so darum, sich an die Schule als solches zu gewöhnen und irgendwie halt mitzukommen; es geht um abrufbare Leistung. Vielleicht liegt es daran, dass das morgendliche Aufstehen heuer schwerer fällt.

Auch der Kindergarten hat schon mehr begeistert. „Du bist nicht mehr meine Freundin“, sagt die eine, und das Kind spielt allein, und weil alles absolut gesehen wird – Zeit, Freundschaft, alles – ist das jetzt ´immer´ so und wird ´nie wieder´ anders sein. „Probleme sind Lös-Sachen“, sage ich. Aber mit fünf fühlt man sich den meisten Lösungen gar nicht gewachsen. Und so müssen wir uns beide in Geduld üben, was zumindest mir seit je schwer fällt.

Im Frühjahr wächst neues Grass. „Just remember in the winter far beneath the bitter snows, lies the seed, that with the suns love in the spring becomes the rose”. Das ist doch ein Trost.

Im Job geht´s schon um Weihnachtsfeiern und Nikoläuse. Jedes Jahr kommt mir das zu schnell. Wir haben gerade erst die Kastanienketten aufgehängt. Advent, Weihnachten, Besinnlichkeit – ich kaufe Spekulatius für die Bewohner und manövriere mich nach bestem Wissen und Gewissen durch all dies ´Menscheln´, das ein Betrieb mit über tausend Mitarbeitern so mit sich bringt. An manchen Tagen menschelt es so sehr, dass die Sache mit der Besinnlichkeit eher utopisch ist. Das sind auch die Tage, an denen ich froh bin, keine Karriere gemacht zu haben.

Die Gitarre verstaubt in der Ecke, und ich hadere mit der schieren Unmöglichkeit, neben all den vielen Müssens des Alltags noch Zeit für die Wollens zu finden. Dabei straffe ich schon und lass die Neun gerade. Der Hof ist noch immer nicht ganz abgeräumt, und die Palmen, die nicht mehr in die Wohnung passen, warten bis dato aufs Eingepackt-werden. Ich wünsche mir einen Zeitgeist, der den Müßiggang hochhält und nicht so penetrant und gebetsmühlenartig Selbstoptimierung propagiert. Klar versuche ich, immer mein Bestes zu geben. Aber muss man das wirklich pausenlos tun? Dann gibt´s ja immer was zu tun, immer. – Voll stressig.

Ich verfolge die Nachrichten nur noch im groben Überblick. AKK sagt mir gar nichts. Heckler und Koch soll verkauft werden. Dafür WILL ich mich interessieren. Aber bis ich eine Zeitung erwische, ist es schon nicht mehr drin. Die Grundrente interessiert mich nicht sehr, wie mich Rente überhaupt wenig interessiert. Wer weiß schon, was bis dahin ist. Und ich habe auch gar nicht den Ehrgeiz, irgendeinen Lebensstandard halten zu müssen. Ich habe keine Angst vor ´weniger´, vielmehr könnte ich mir vorstellen, dass das Altern leichter fällt, wenn ich das Weniger-werden akzeptiere. Irgendwie ist das ja logisch und alles MUSS  weniger werden, die Energie, die Kräfte, und vielleicht auch die Wollens, und weshalb nicht auch Hab und Gut. Mitnehmen kann man´s eh nicht, und das Meiste ist ohnehin eine ziemliche Last. Trotzdem habe ich den leisen Verdacht, dass dieser Deal mit Grundrente und Unternehmenssteuerreform ziemlich bescheuert und ein ganz absurdes Bürokratiemonster ist.

Für die AfD WILL ich mich nicht interessieren. Es ist gesagt, was gesagt sein muss – diese Partei führt nichts Gutes im Sinn, und wer sie wählt, öffnet dem Hass die Tür. Das ist ein von Nazis und Faschos geführter Haufen Grundwütender, mit deren Wut ich mich nicht auseinandersetzen MUSS, weil zum Donnerwetternochmal jeder irgendeinen Grund hat wütend zu sein und das noch lange nicht das Recht gibt, sich so daneben zu benehmen und andere zu terrorisieren.

(Ach – es geht nicht anders – sie regen mich halt auf!: Da giftet doch tatsächlich einer gegen Merkel und moniert, er verstehe nicht, ´dass eine Frau so wenig Mitgefühl und Liebe empfindet zu dem Volk, das sie regiert und repräsentiert´.

Wow. Da muss ich schlucken. So eine Unverfrorenheit.  Redet der von Liebe.

Jemand, der weiß, wovon er spricht, spürt, wo Liebe ist, und wo nicht. Und dieser Herr will nicht Liebe, sondern Lob und seinen Willen. Dieser Herr denkt, Lieben ist gleich  Auf-einen-Thron-setzen. Dieser Herr möchte Muttis kleiner Prinz sein. Und wenn Mutti ihren Prinzen liebt, dann bekommt der den Garten ganz für sich allein. Und da darf er einladen, wen er will, und so spielt er auch immer nur mit ausgesuchten Gästen, nie mit einer zufälligen, irgendwie zusammengewürfelten Gesellschaft, und bitte auch nur, was ER will, es sind schließlich seine Sachen. Und dann gehen alle brav abends zur selben Zeit ins Bett und stehen morgens tapfer auf und leisten etwas, fettfettfett – Leistung! – und so muss sich dann keiner fragen und darüber nachdenken, ob und wie man wirklich all das so tun muss und ob es nicht auch anders geht und ob hinterm Gartenzaun die Welt vielleicht sogar weitergeht. Und natürlich will er auch fürs Leisten gelobt sein. Er ist schließlich der Beste – Muttis kleiner Prinz.

Diese Herrschaften haben vom Lieben keinen Schimmer und Mitgefühl auch nur für sich selbst und ´ihr Volk´. Und genau diese Definition von ´Volk´  ist so ätzend und krank.  Wie kaputt muss man sein, um das zu wollen.

Ein anderer sieht das Land auf den Weg in die Diktatur und den Geist der Unfreiheit. Und damit hat er ja sicher Recht –nur kommt der aus seinen eigenen Reihen.

Die verdrehen schamlos, machen aus dem Täter das Opfer und aus dem Übelwollen die gute Tat und denken, damit kämen sie durch. Bei mir nicht.)

Das muss jetzt aber wirklich genügen zur AfD.

Über den Irankonflikt weiß ich zu wenig, und ständig nehme ich mir vor, mich zu informieren, aber dann ist wieder was andres, ich suche Opas Gebiss, zum Beispiel, und finde es schließlich zwischen Toaster und Brotschneidemaschine, im Schrank unten rechts. Oder ich muss das Einhorn meiner Tochter reparieren, das aus dem Horn die magische Fülle verliert.

Vom Wochenende ist noch ein Sekt offen im Kühlschrank. Ich werfe den Korken in den Müll, und da fällt mir ein, dass die Müllgebühren steigen sollen. Zwanzig Prozent oder was. Das ist nicht von Pappe. Und ich denke, ich würde diese zwanzig Prozent gerne zahlen, wenn ich dafür die Gewissheit hätte, dass der Müll auch wirklich so entsorgt wird, wie das versprochen ist. “Wir nennen es Wertstoff!“ So steht´s auf dem Müllauto. Und so nenne ich das auch. Der Korken ist Wertstoff, der Metallbügel, die Flasche, die Verpackung der Pralinen, die´s geschenkt dazu gab – alles Wertstoff. Und doch werfe ich das meiste davon, nämlich alles, worauf keines dieser besonderen Embleme gedruckt ist und was nicht groß genug ist, dass das Band automatisch richtig sortiert, in den Hausmüll, weil ich mir da wenigstens sicher sein kann, dass der nicht nach Malaysia oder sonstwohin verschifft und versehentlich über Bord gespült wird. So hat es die Dame vom Landratsamt gesagt – „wenn Sie sich nicht sicher sind, dann werfen Sie in den Hausmüll“. Die zwanzig Prozent seien Ausschreibungskosten. Okay. Aber mich würde interessieren, was da eigentlich wie ausgeschrieben ist.

Und dann geht es um Bäume in der Hochbrücktorstrasse. Herrje – ich fass es nicht, wieviel Wirbel um ein paar Bäume gemacht werden kann. Bäume in der Innenstadt fände ich toll. Ich habe alte Fotos gesehen von einem grünen ´Schwarzen Graben´. Die Stadt war mal grün. Von mir aus darf sie das gerne wieder sein. Aber mir scheint, Stadt und Grün passt in vielen Köpfen nicht zusammen, oder nur als Schau, als temporäre Geschichte, deren wirklich Bleibendes dann wiederum Bauwerk sein soll. Ich dagegen stelle mir diese Schau, die Landesgartenschau als späteres Highlight eines neuen, grünen Daseins vor, mit hängenden Gärten, Bäumen in  Fußgängerzonen, Blumenwiesen, bespielbaren Bachläufen, mit Spazierwegen und Neckarufern, wo Natur und Mensch verwoben sind, wo der Baum so viel Wert hat wie der Mensch, der sich in seinen Schatten setzt, und wo spürbar ist, da ist Grün nicht Schau und Wirtschaftsfaktor, sondern Lebensform.

´Liebe´- da ist sie wieder. Eine Landesgartenschau als eine bombastische Liebeserklärung an ein neues, grünes, gleichwohl urbanes Leben. Ich sehe sie halt nicht – die Liebe, wenn Bäume in Kübeln durch Straßen gekarrt werden sollen, damit sie ja nie im Weg sind. Und ich sehe sie auch nicht – die Liebe, wenn Randstreifen von Wegen so früh gemäht werden, dass keine Blume Zeit hatte fertig zu blühen und keine Larve ein Heim darin fand zum Reifen. Ich sehe sie nicht, wo grauenhaft laute Laubbläser jede kleine Ansammlung bunter Blätter wegblasen, bis nichts mehr bleibt, worin ein Igel sich verstecken könnte. (Abgesehen davon bringt es die Kinder um das völlig harmlose, kostenlose, wunderbare Vergnügen, ein Bad in knisterndem Laub zu nehmen). Ich sehe sie nicht, wo Maschinen, die groß genug wären, Mammutbäume zu fällen, einen Kahlschlag anrichten, der aus forstwirtschaftlicher Sicht sich vielleicht erklären lässt, dem aber jeder Flurschaden offensichtlich schnuppe ist – da bleiben Furchen zurück, in denen man ersaufen könnte, und aus Waldsicht wäre das Wort für all diese abgerissenen Äste und geknickten Stämme rechts und links vermutlich ´Massaker´.  Natürlich bleibt, wo ein Baum gefällt wird – und es mag bisweilen gute Gründe dafür geben – eine erstmal hässliche Leere. Aber mit etwas Feingefühl, da bin ich sicher, müsste die nicht ganz so schockierend sein. Ich unterstelle diesen Baumfällbeauftragten, wie auch den Lohnmähdreschern und Räum – und Streufahrzeugunternehmern eine bubenhafte Lust am großen Gefährt, die nicht entscheidet nach Notwendigkeit und Maß, sondern nach PS – es wird jeweils das stärkst mögliche Gerät benutzt. Ein sensibler Umgang sieht ganz bestimmt anders aus.

Das ´Grüner´ sollte man schon wirklich wollen.

Und jetzt ist Sahra Wagenknecht zurückgetreten. Die war mir bisweilen nicht unsympathisch, wenngleich ich bei den Linken nicht verstehe, weshalb auch sie die Arbeit so hochhalten müssen. Als ob ein Mensch nur etwas wert wäre, wenn er produziert. Schrecklicher Gedanke.

Die Tauben sitzen wieder auf dem Apo-Dach. Die scheinen zufrieden. Immer wieder fliegen sie gesammelt auf und drehen ein paar beschwingte Runden, bevor sie sich erneut niederlassen. Zum intensiven Turteln ist dies nicht die Jahreszeit, aber ein bisschen sich unterhalten und zaghaft die Flügel ausstrecken vor der nächsten Saison kann man ja mal. Die leben auch vorrangig zum Spaß an der Freude. Eine weiße sitzt dazwischen; wir nennen sie Helga. Eine entflohene Hochzeitstaube, von der unter den Hochzeitsgästen gemutmaßt wurde, sie könne in Freiheit nicht überleben. Kann sie offenbar doch. Kann sie ganz hervorragend.

German hatespeech

Der Anschlag in Halle erschüttert mich immer noch.  Geht da einer auf eine Synagoge los, an einem jüdischen Feiertag, wenn die Synagogen schätzungsweise so voll sind wie bei Christen die Kirchen an Heilig-Abend. Hetzt gegen Juden und alles, was ihm irgendwie fremd vorkommt, erschießt im Vorbeirauschen zwei Leute, die so zufällig Opfer werden, dass eigentlich klar ist – da geht´s gar nicht um Feinbilder, da geht´s ums Wüten und Töten selbst,  und da führt sich einer auf wie ein Egoshooter im Computerspiel.

Ganz egal wie man zu Israel steht – das eine ist Politik, das andere praktizierter Glaube. Wenn in egal welchem Land ein Mensch wohnt, der halt Kippa trägt statt Kreuz am Hals, oder sonst ein nicht-christliches, religiöses Symbolstück, aus Stoff oder Metall, Holz oder Fimo, wie auch immer, dann soll der das tun und seine Feiertage feiern und seine Gebete sprechen und seine Lieder singen – er tut nichts mehr als das. Er lebt sein Leben, und so soll es sein, jeder nach seiner  Façon.

Gerade in Deutschland muss man das verstehen. „Nie wieder!“  – Nie wieder solch ein Morden und Wüten wie es das schon gab, nie wieder so ein  „Wir“ gegen „Die“. Und wer das nicht versteht und sich mokiert und findet, nach  (gerade mal)  70 Jahren könnte man das vergessen haben  –

 (HeimatsalatistmandennvonallengutenGeisternverlassen –  es leben noch Zeitzeugen, es leben Opfer,  es leben deren Kinder und Enkel – was sind schon 70 Jahre, es trägt doch hier auch ein  jeder  noch die Geschichten seiner Großeltern in sich)  –

wer das also nicht versteht und sich mokiert, der ist pfeilgenau der lebendige Beweis, dass man nie aufhören darf zu erinnern und zu mahnen.

(Ich finde diese Gedenktafeln an Rottweils Geschäftshäusern gut. Wenn man mal drauf achtet, ist doch an recht vielen Häusern ein silberner Davidstern. Wie groß und rührig die jüdische Gemeinde hier einst gewesen sein muss! Jetzt kenne ich aber einen, der einen kennt, der sagt, dass manche Geschäftsleute und heutige Besitzer sich gegen das Anbringen solcher Tafeln an ihren Häusern gestellt haben. Finde ich blöd. Gut finde ich dagegen, wenn es sichtbare Anker für die Erinnerung gibt. Dann bleibt man dran und keiner ist mit seinen Gedanken und Bildern allein. Ich kenne einen anderen, der einen anderen kennt, der im Krieg an der Ostfront war und nur im Vollrausch an der Stammtischkante runter bitterlichst weinen und erzählen konnte – wie sie ganze Dörfer in eisige Flüsse getrieben haben, wie Frauen und Kinder geschrien haben, „wie´s Vieh“. Und sobald auch nur schemenhaft Bild und Ton in mir entsteht, ist mir zum Mitweinen. Das darf es doch niemals mehr geben! Man muss doch wissen und verstehen.)

Und dann kommt da so ein komplett Irrer daher.

Niemand hat ihm den Auftrag gegeben. Er tat, was er tat allein – und doch –

Wieso passiert so was? Und was kann man dagegen tun? Man kommt um die Frage nach Schuld und Verantwortung  nicht herum.

Alice Weidel von der AfD hält es für eine haltlose Diffamierung, wenn man ihrer Partei eine Mitverantwortung zuschreibt.

Ich sehe die auch.

Schläger, Stänkerer und Dumpfbacken gibt es. Da ist kein Kraut gewachsen dagegen. Stänkern ist leichter als Zufrieden-sein, das einem ein paar bewusst auszuhaltende Zumutungen lässt. Zur Zufriedenheit braucht es Toleranz für Frust, Angst und Stress. Irgendwo drückt immer der Schuh, irgendwas nervt, irgendeine Baustelle gibt es, immer, in jedem einzelnen Leben. Damit muss man klarkommen.

Viele sind viel zu kaputt dazu. Das tut mir mitunter leid – in dem Kaputtgehen stecken schlimme Erfahrungen. Helfen aber lässt sich, wo die ureigenen wunden Punkte nicht gesehen werden wollen, die, wenn sie berührt werden,  komisch reagieren lassen, kaum. Dann wird´s ungut.  

Aber auch damit muss eine Gesellschaft leben. So isses halt. Im Idealfall kümmert sie sich mit vereinten Kräften um die Baustellen und schafft es damit, dem Unguten das Ärgste zu nehmen. Im Idealfall orientiert sie sich nichtsdestotrotz an den Schönheiten des Daseins. Und ich unterstelle einen Konsens darüber, dass Wüten nicht dazu gehört.

Eben diese Schönheiten des Daseins, das, was das Herz wärmt und die Seele jubeln lässt  – für mich zb Freundschaft – erfordern Wohlwollen. Ob zu Mensch, Tier, Baum oder Stein – in jedem Fall braucht es zum Glück Wohlwollen, was, wie ich meine, das Gegenteil von Wut ist. Mit Wohlwollen zeigt sich das Schöne, mit Druck und Wüten halt nicht.

Natürlich wütet auch ein Hooligan nicht die ganze Zeit. Er feiert ein Fest, er lacht und genießt ein Bad in der Sonne, und er küsst seine Freundin. Aber er legt dabei nicht seine aggressive Gesinnung ab.  Diese Wut ist mehr als nur ein momentanes Gefühl.

Weshalb es jetzt Leute gibt, die diese üble Gesinnung   schüren, benutzen, sich vor den Karren spannen, das erklärt sich mir nicht.

Wie kann man Wut als Gesinnung und als politische Kraft wollen? Wohin soll das führen, wozu soll das gut sein? Wo es das doch gar nicht sein kann – ´gut sein´. 

Nichts gegen Wut an sich. Jeder ist mal wütend und unzufrieden. Ich auch. Und dann bin ich hart und ich übertreibe und bin bisweilen so derb und verbalbrutal, dass ich vor mir selbst erschrecke. Aber stets weiß ich, die Wut ist meine und zwar nur und ausschließlich meine. Der Anlaß kommt von außen, mir widerfährt etwas, das mir gegen den Strich geht – die Wut, die folgt, ist meine eigene. Was mich wütend macht, ist etwas anderes, als das, was meine Freundin, meine Schwester, meine Nachbarin wütend macht, die alle andere wunde Punkte haben, andere Ängste, andere Erfahrungen, andere Ausdrucksformen, andere Empfindungen. Jeder ist aus ganz eigenen Gründen und auf ganze eigene Weise wütend.  Es gibt nicht DIE Wut. Jeder ist für sich selbst und wegen sich selbst wütend. Und das ist eigentlich große Klasse! Sie kann mich einen kurzen Moment mitreißen, aber sobald ich sie erkenne, nehme ich sie an die Leine und lasse nicht mehr los. Dann kann ich versuchen zu verstehen, was meine Wut mir sagt. Das kann mitunter recht erhellend sein. Und ich kann mir überlegen, was ich ändern kann und die Energie, die in der Wut steckt – und die ist immens  – benutzen und mich ans Werk machen.  Niemals aber darf ich die Wut entscheiden und mich von ihr führen lassen. (Gab´s auch schon, war aber scheiße).  Dann wird’s nur destruktiv. Wut ist ein legitimes und bisweilen hilfreiches Gefühl, aber ein mieser Ratgeber.

Vielleicht ist das das Ticket der Hassredner : Wut ist ein individuelles und temporäres Gefühl. SIE machen eine Grundhaltung, eine Gesinnung daraus und vermitteln den Eindruck, es gäbe objektive und allgemeingültige Gründe und eine gemeinsame Form der Wut, und es wäre richtig und angebracht, ihr zu folgen.

Das ist fies. Die Höckes, Gaulands, Weidels und von Storchs, die Salvinis und Trumps, und wie sie alle heißen, alle, die  ständig am Hetzen sind  – sie haben alle ein zufriedenstellendes Leben. Unterstelle ich. Sie haben  Jobs und Karrieren, Familien, ein Heim, und mitunter Kohle bergeweise – sie wissen, wie sich ein erfülltes Leben zusammensetzt, und sie könnten ihren Hobbys nachgehen, Golf spielen oder hübsche Bilder malen, irgendwas,  und den Rest der Welt in Frieden lassen.

Sie spielen ein doppeltes Spiel.

Sie sagen nicht „morde!“, aber sie erklären die Wut für richtig und gut, sie geben die Schuld für jede Miesepetrigkeit anderen und propagieren, man könne seinen angeblichen Anteil vom Glückskuchen einfach einfordern.  Funktioniert aber so nicht und hat es bestimmt auch noch nie. Es braucht Rahmenbedingungen, damit Leben freudvoll verlaufen können. Aber schaffen muss sein Glück jeder selbst. Im Wüten gelingt das nicht.

Wozu also dies Propagieren der Wut? Ich versteh´s nicht. Oder sind diese verbalen Wüteriche am Ende eben selbst auch völlig kaputt?  Und lieben das Wüten um des Wütens willen?  

Macht ist geil. Mehr Macht ist geiler. Truppen aufmarschieren lassen ist megageil.  Man sitzt auf seinem Schloss, blickt aufs Land wie früher der Adel, (und wie der das teilweise auch heute noch tut), und überlegt,  (wie dieser Vordenker der Rechten in Sachsen),  wie man die Macht übernimmt, die Truppen formiert und  sie lenkt und dirigiert gegen alles, das einem  die Gefolgschaft verweigert . Man gefällt sich selbstherrlich  in seiner Gutsherrenpose und ist doch eigentlich nichts als anmaßend und elitär.

Von solcher Art Herrschaften lassen sich die Chefs und Chefinnen der AfD inspirieren und instruieren.

Ich wundere mich ja immer, dass ´Gutmensch´ ein Schimpfwort ist. Keiner ist nur und durch und durch gut und lauter und rein wie ein frisches Maiglöckchen. ´Viele Seelen wohnen ach in unsrer Brust´. Ich kenne das Miststück auch in mir, das es in sich hat und das auch schon ziemlich viel von seiner garstigen Seite betrachtet und angegangen hat. Der kurze Spaß und die Prise Freude  dabei hinterließen allerdings einen langen, bitteren Nachgeschmack; ist also nicht zu empfehlen. Ich halte das  Miststück fest am Zügel und gebe dem Guten den Vorrang. In der Tat. Ich will kein schlechter Mensch sein, nicht Schlechtes in die Welt bringen. Was soll daran verwerflich sein?

Da rennt einer und folgt seiner ureigenen Wut und bläst zur Jagd auf Juden und ´Kanaken´, (sorry – nicht MEIN Wort – O-Ton). Es tut mir so leid. Ich find´s so scheiße.

Und  da tragen Leute  die Wut im Mund und tun so, als wüssten sie nicht um die Wirkung ihrer Worte, und tun so, als fühlten sie sich ungerecht behandelt, und  tun so, als müssten sie sich wirklich so dermaßen weinerlich mokieren.   ´So gemein sind alle zur AfD, oh je´. Kein neuer  Einfall, und doch immer wieder neu – der Täter, der sich zum Opfer stilisiert.

Wie perfide. Wie bös.

Zwanzig Prozent nochmal

Oder auch ein bisschen mehr. Über zwanzig Prozent hat die AfD in Thüringen. Zur Regierungsbildung und – beteiligung wenigstens reicht es nicht. Und doch brüstet sich manch einer in der AfD, man sei jetzt eine Volkspartei und bürgerlich. Und also verlangt man Einfluss.

Nein, nein und nochmal nein!

Vielleicht streichen wir endlich mal dieses blöde ´Volks-´ aus Partei. Es gibt Parteien, und fertig und aus. Und keine behauptet von sich, und auch kein anderer, es stecke da irgendwie ein Volk darin.

Und auch das ´bürgerlich´ lassen wir nicht gelten. Die AfD ist nicht bürgerlich!

Bürger waren einst Bewohner in den Städten, die weder adelig noch leibeigen waren, die frei und zum Teil gut gebildet waren, die sich zusammentaten und ihre Geschicke, zumindest soweit irgendwelche Könige das zuließen, selbstverantwortlich bestimmten – und die deshalb  Vernunft und Selbstkontrolle walten lassen mussten. Ich stelle mir vor, man musste schon aufpassen, welchen Gelüsten und Emotionen man freien Lauf ließ, sonst wendeten sich die verschiedenen Machtsphären und Einflüsse gegen einen und man stand abseits – mit all den Strafen, die jene Zeiten so zu bieten hatten. Wären Stadtobrigkeiten wüst agitierend und Pöbel aufstachelnd durch die Gassen gezogen – ich gehe sehr davon aus, sie hätten ihren bürgerlichen Status und mit diesem sämtliche Freiheiten und Privilegien im Nu verloren.

Der Begriff ´Bürger´ ist heute zum Glück weiter gefasst. Der Adel sitzt zwar nach wie vor fest im Sattel auf hohem Ross, aber es gibt keine Leibeigenschaft mehr, und ob Stadt oder Land – alle genießen dieselben Bürgerrechte. Und die werden auch nicht entzogen, die sind Recht, nicht Leihgabe. Das bedeutet aber nicht, dass mit dem Begriff nicht nach wie vor ähnliche Tugenden verbunden werden. Wer hetzt und Feindseligkeit sät, handelt nicht argumentativ und vernünftig und nicht sozial verbindend – und ist darum nicht ´bürgerlich´. 

Es gibt auch gemäßigte Mitglieder in der AfD. Ohne Frage. Aber sie haben keine Macht. Die Partei folgt den Hetzern.

Besonders absurd ist die In-Anspruchnahme des Begriffs ´bürgerlich´ einiger AfD-Funktionäre für sich selbst, wenn man betrachtet, dass eben diese auch Mitglieder in neonazistischen und faschistischen Organisationen sind oder waren.

Die AfD ist rechtsextrem. Extrem. Und auch mit diesem Begriff gilt es vorsichtig zu sein. Wenn ein CDU-Mann den Tag dieser Wahl als schlimm für die Demokratie im Land bezeichnet, weil über 50% in Thüringen ´extrem´ gewählt hätten, wirft er rechts und links in einen Topf, die AfD mit der Linken. Und auch da besteht ein großer Unterschied. Man mag die Positionen der Linken nicht teilen und keine Kompromisse, die koalitionsfähig wären, mit ihr sehen – extrem ist sie nicht. Sie argumentiert vernünftig und angemessen und regiert, wo sie (mit-)regiert, verfassungsgemäß; sie stachelt nicht auf zum Umsturz, und sie schürt nicht Unfrieden.

Wer die Begriffe verwischt, macht sie missbräuchlich und öffnet Türen, die er nicht öffnen will.

Das mag ein bisschen ein Elend in der CDU sein. Man ist so auf das Feindbild ´links´ fixiert, dass man auf dem rechten Auge blind ist. Ein bisschen blöd im Sinn von blöd darf ich das finden.

Vom rechten Wunsch, geliebt zu werden

Sehr geehrter Herr Sänze,

vor ein paar Tagen habe ich in der Zeitung gelesen, in der AfD regt man sich auf, weil Theaterhäuser Geld dafür bekommen, dass sie eine politische Haltung – in diesem Fall eben eine Ihnen und der AfD eigene – kritisch darstellen. Konkret ging es um das hiesige Zimmertheater, ich weiß nicht, ob Ihre Kritik auch andere Häuser betrifft. Macht auch keinen Unterschied. Theaterhäuser  bekommen  Geld wohlgemerkt nicht ´dafür´. Dem Geld – und denen, die es verteilen –  geht es nicht um Sie, sondern ums Fördern des Darstellens an sich, weil  jede Kunst, so wie ich das verstehe, etwas abbildet, sei es in Ton oder Farbe, Bewegung oder Skulptur – ein Kunstschaffender drückt aus, was ihn umtreibt.  Ich weiß nun nichts über den ´Innovationsfonds Kunst´, aber es steckt ja im Wort drin – wenn einer eine gute Idee hat, für die ihm die Mittel fehlen, dann kann er da was bekommen.

Damit tun Sie sich schwer – zumindest dann, wenn Sie sich negativ dargestellt fühlen.

Das kann einem leidtun, das ist sicher bitter. Aber es ist auch kein anderer dafür zuständig als Sie selbst.

Dass Sie´s mit der Freiheit der Kunst nicht so haben, ist nicht neu. Ihr Verlangen nach Offenlegung, wer auf den Bühnen im Land einen deutschen Pass besitzt, konnte man – Sie verzeihen bitte – schon echt ekelhaft finden. Und es zeugt auch nicht wenig von einem Fehlen von Freude und des Verständnisses dafür, was Kunst mitunter ausmacht – ihr verbindendes Wesen. Komponisten können ein Universum erschließen, Autoren fremde Welten eröffnen, Schauspieler ein Gefühl besser darstellen, als man selbst es je fühlen konnte. Woher der Mensch kommt, der das schafft, ist dabei piepschnurzegal, und wenn einer aus Mombasa in Helsinki verstanden wird, und einer aus Damaskus in Friedrichshafen, dann ist das doch ganz wunderbar.

Sie können das nicht sehen, und das ist das eigentlich Schlimme daran.

Das Geben von Geld davon abhängig zu machen, dass der Inhalt auch allen gleichermaßen gefällt – DAS wäre erst ein Eingriff in die Pflicht zur Neutralität. Die Geschmäcker sind verschieden.  Damit müssen wir alle leben.

Sie wünschen eine positive, Sie bewerbende Darstellung. Darauf gibt es keinen Anspruch. Wie es auch keinen Anspruch darauf gibt, gemocht zu werden.

Sie sind in einer Partei, die von Hetze und scharfer Rhetorik lebt. Wer am schärfsten schießt, kommt am weitesten, Besonnenheit bekommt weder Posten noch Stimmen. Es ist ein Elend dieser Tage, dass jede Auseinandersetzung sofort in Gegeifer mündet, und das ist nicht nur in der AfD so. Aber dort kultiviert man es. Bei Ihnen reden und agieren alle so aggressiv.

Ich will das nicht in meinem Leben haben, und viele andere auch nicht, und das ist legitim. Ich weiß es nicht, aber ich stelle mir vor, je mehr Leute sich dieser Rhetorik und Denke verweigern, desto schwerer fällt Krieg und Zerstörung. Und das ist nun etwas, was ich unbedingt vermeiden will.

Und es klingt alles nicht sehr konstruktiv, was da bei Ihnen und Ihren Parteigenossen rauskommt. Es klingt so rundum selbstgerecht und selbstsüchtig, „wirwirwirwir“ – wen immer dies ´wir´ auch umfasst, und wer immer dann ´die´ sind – ich weiß gar nicht, ob ich zu diesem ´wir´ gehören will. Es ist stets der Schrei nach dem eigenen Vorteil, immer das ´mehr´, in allem.

Das kann, darf, und ich würde sogar sagen sollte, ich übel finden. Das widerspricht so ziemlich allem, was ich mal gelernt habe übers friedliche, und gedeihliche Zusammenleben. Mein ´wir´ ist wohl ein anderes als Ihres.

Sie gefallen sich im Ausgrenzen. Okay. Ihre Wahl. Aber wer so hinausbrüllt, muss mit herbem Gegenwind rechnen. Sie mögen Ihre Fans finden, weit überwiegend vermutlich Leute, denen es auch um eigene Vorteile geht, weil die, die man hat, nicht ausreichen. Aber allgemeines Wohlwollen, gar Applaus, Schulterschluss oder Zuneigung – das kann man nicht einfordern. Die Allermeisten wollen solchem Poltern keinen Raum geben. Das ist alles, und es ist legitim, und ich will behaupten – zum Glück ist es so.

Man stimmt Ihnen nicht zu, man stellt sich dagegen. Sie bekommen wenig positive Darstellung. Da haben Sie Recht. Das ist so, und es ist Plan und Strategie. Eben weil sehr viele dieses Ihr Poltern nicht mögen und wollen.

Und das ist nicht Meinungsdiktatur! Sie können brüllen! Sie dürfen. Aber Sie dürfen nicht auf Abnicken und allgemeinen Zuspruch hoffen. Wenn das eigene Gebaren andere abstößt, dann wird man nicht eingeladen, und auf selbst ausgesprochene Einladungen bleiben Gäste weg. Und wo der eigene Name erwähnt wird, dann oft mit gerunzelter Stirn und wenigstens distanzierter Kühle in der Stimme. So ist das nunmal. Sie haben Ihre Fans, genießen aber beim Gros der Bevölkerung keine Sympathien. Und das ist nicht manipulierter oder sonstwie böser Wille, das ist nur logisch und konsequent. Wie man in den Wald hineinruft -. Sie mögen nur sich selbst und Ihresgleichen – und so mag man Sie andersherum, wer nicht Ihresgleichen ist, halt auch nicht. Und darüber dürfen und können Sie sich beleidigt fühlen. Aber das ist auch alles. Sie poltern und brüllen, und Andere wenden sich ab. Um Leib und Leben oder irgendwelche staatlichen Konsequenzen fürchten müssen Sie nicht. Sie leben nicht in einer Diktatur.

In der ´Zeit´ las ich von einer Buchhändlerin, die, seit sie sich zur AfD bekannt hat, wirtschaftliche Nachteile beklagt. Kunden blieben weg, Autoren auch, Türen gingen zu. Das tut mir natürlich Leid für die Frau, die mir als Buchhändlerin erstmal eher sympathisch ist. Die Buchhändlerin unterstellt staatlich gelenkte Sabotage, ein Unterdrücken wie sie es in der DDR erlebt hat. Aber man kann keinen zwingen, ein Lokal aufzusuchen, eine Buchhandlung, ein Theater. Ich selbst lese geliehene Bücher, ganz selten, dass ich mal eins kaufe, aber wenn, dann gehe auch ich lieber in eine Buchhandlung, deren Geist mir gefällt. Es gibt kein Recht, gemocht zu werden. 

Manche Türen gehen zu, obwohl man deutsch ist. Wir leben nicht in einem Land, in dem man deutsch sein muss, damit man offene Türen hat. Manche Türen gehen auch für andere auf, wir leben mit Leuten aus anderen Ländern. Das ist Basis im Staat, und das mit guten Gründen. Die Würde des Menschen und so. Man hat sie sich ganz oben auf die Flagge geschrieben, weil es davor so anders und so schrecklich war. Sie mögen diesen Teil der Geschichte nicht, Sie sähen ihn gerne anders. Ich auch. Aber es war, wie es war, und die Geschichte einfach zurechtbiegen zu wollen ist mehr als mies und schäbig. Deutschland hat beschlossen, ein international und global verankertes Land zu sein, der Welt und den Menschen freundlich zugewandt. Das gilt als Fundament, als Konsens. Das geht nicht immer so, wie es richtig wäre, aber das will man sein, und also geht nicht für 99% der Erde einfach die Türe zu.

Man kann über Details reden, wer-wie-woher-wohin-wie lang-und-was überhaupt. Aber solches Reden über Details geht anders. Man hebt nicht die Waffen, schreit „Krieg!“ und verhandelt dann über Visa.

So sehe ich das; so, meine ich, läuft der Hase. Und darüber können Sie beleidigt sein und es sich anders wünschen. Aber Sie können nicht einklagen, weil es nicht die Gesetzte gibt dafür, und die Gesetze gibt es nicht, weil es nicht das Land ist, das Sie sich wünschen. Es ist auch nicht das, das ich mir wünsche. Aber ich erkenne es in seinem Prinzip an, und das wäre als zugelassene Partei auch an Ihnen. Das Land, der Staat, richtet sich nicht nach Ihren Befindlichkeiten. Und das ist auch nicht seine Aufgabe. Seine Aufgabe ist es, dem Zusammenleben sehr vieler verschiedener Menschen einen funktionierenden Rahmen zu geben.

Vor dem Gesetz sind alle gleich, es darf keinen Unterschied machen, ob Sie rechts oder links oder upside down stehen. Aber es darf einen Unterschied machen, wie man wahrgenommen und dargestellt wird und wohin man eingeladen wird.

Ich habe kein Bild, keine Vorstellung von Ihnen. Ich habe auch nicht gegoogelt oder irgendwelche social-media-Seiten gestalkt. Ich weiß nicht, wie Sie aussehen, was Sie sonst so machen und schon gemacht haben. Sie leben in Sulz. Soviel weiß ich. Vielleicht würde ich Sie, wenn man auf einem Stadtfest ebenda zufällig nebeneinander stünde, ganz nett finden, wenn man ins Gespräch käme und sich unterhielte über den letzten Urlaub, die Familie, den Job, Schule oder Fronleichnamsmärsche – (ich weiß nicht, wie hoch die Chance ist, dass es so wäre, aber ich will es immerhin nicht ausschließen) – wahrscheinlich würde ich Sie als ´anders unterwegs´ empfinden, aber das entscheidet ja erstmal nicht über Sym- und Antipathie. Wenn die Rede auf Ihre Parteimitgliedschaft und politische Haltung käme, würde es allerdings und wenigstens schwierig.  Argumentationen und andere Blickwinkel verlange ich mir ab auszuhalten, beim Pöbeln hört es auf, (Definition gegoogelt: pöbeln = jemanden in der Öffentlichkeit durch freche, beleidigende Äußerungen provozieren).

Ich und mit mir ein starkes Dreiviertel der Bevölkerung kann und will Ihr Hetzen und Poltern einfach nicht leiden. Und das schlägt sich nieder in Theaterstücken, in Zeitungsartikeln, in Liedern, in Blogbeiträgen, im Bucheinkauf und in vielem anderen. Damit müssen Sie leben. Oder aufhören so zu poltern.

Mit freundlichen Grüßen

Beate Kalmbach

Abgestimmt

20 und mehr. Es ist ein Graus.

Die Afd jetzt also eine ´Volkspartei´. Vielleicht streichen wir einfach mal dies Wort –´ Volks´. Eine Partei, die mehr als zwanzig Prozent hat. Schlimm genug, auch ohne Volk.

Ich verstehe ohnehin nicht, was genau das sein soll – ein Volk. Als wäre das ein in sich geschlossenes Gebilde.  Und wenn ich auch vage erahne, was gemeint sein könnte, so versteh ich immer noch nicht, weshalb es ein ´deutsch´ braucht um eine Identität zu besitzen. Ein wenig armselig ist das ja schon.

Es ist schon erstaunlich, dass es eine Partei schafft, sich also als ´volksnah´ zu stilisieren, die es nicht schlecht mit den Großkopfeten hat, mit Von und Zus,  Millionären, Industriellen und Großgrundbesitzern. Das sind die, die nie genug haben, denen man gut und gerne unterstellen will, dass es nur darum geht, noch wichtiger und größer zu sein, und die mit dem Stimmvolk umgehen wie Feudalherren.  „Sei mein und ich lass dich leben.“  Wie mies muss man drauf sein, dass man auf die simpelsten Knöpfe drückt, um Stimmen zu bekommen.

SIE sind es, die mit der Angst schaffen. Angst vor Fremden, Angst vor Abstieg, Angst vor Fakten, vor Verboten, Angst vor diesem und jenem, um die  Wurststulle, den Zwerg im Garten und um die eigene Identität. Da lästert man in einem fort über Klimaschützer und Leute, die eine nachhaltigere Politik fordern, wirft  Panikmache und Lügen vor, dabei  ist dies eine durchaus reflektierte Angst und basiert auf geprüften Erkenntnissen,  und dann drückt man selbst viel fiesere Knöpfe.  

Angst verändert das Denken. Weshalb man freilich gleich so übel Nazi sein muss, das erschließt sich mir nicht. Das ist dann schon unterste Schublade. Aber so ist das. Wenn einer ein Drecksack ist, dann steckt er damit gerne andere an. Das ist infektiöser als Grippe. Ein Mal herzhaft in den  Äther genießt, schon hat man das Elend verbreitet. Und wo zu viele Drecksäcke beisammen sind, ist halt auch das Leben bald so – da wird in den Dreck gezogen, was nicht niet- und nagelfest ist. Dann ist´s doppelt leicht, den Leuten ihre Unzufriedenheit schmackhaft zu machen.

Freilich –  bei vielen mag sich berechtigter Frust breitmachen. Kein Job, keine Kohle, keine Anerkennung, alles ist düster, alles scheiße, alles zum Draufhauen. Man hat vom Leben auf die Fresse bekommen, ist gekränkt und fordert jetzt einen Platz an der Sonne. Das ist legitim. Das kann ich verstehen.  Und verstehen kann ich auch, dass man eigentlich zurückschlagen will.

Aber bitte wen? So einfach gibt es keinen Schuldigen.

„Zuhören!“ „Ernst nehmen!“  Gilt als Gegenrezept. Wird immer wieder mahnend verlangt. Als wären die schuld, die anders ticken, einfach, weil sie keinen Nerv auf ein so geballtes Selbstmitleid und dumpfes Poltern haben.

Ich weiß nicht – muss man wirklich? Wer gehört und ernst genommen werden will, der sollte es selbst schon auch ernst meinen mit der politischen Auseinandersetzung und nicht sofort „Lüge“ und „Verrat“ schreien, wo ihm ein Argument nicht passt.

Man kann Trost anbieten, Erleichterung und neue Möglichkeiten. Die Gekränktheit zur Maxime politischen Handelns machen kann man nicht. Und wer seine Möglichkeiten nicht sehen will, dem ist auch nur bedingt zu helfen. Der eine ergreift seine Möglichkeit, der andre nicht, der macht halt Stunk.

Der Rest muss es wohl aushalten. Einfach aushalten. 27 Prozent gegen 73. Beeindrucken lassen muss er sich nicht.  

Balkongespräche

Ich sitze in der Stadt, still und nichts tuend, und kann nicht anders, als ein Gespräch mitzuhören, das nebenan stattfindet, wo offenbar eine kleine Balkonparty stattfinden soll, die aber deutlich Start – und offenbar auch andere Schwierigkeiten hat.

Es geht ausgiebig um ´was es wo zu kaufen gibt´, über Malle und einen Urlaub in der Türkei, den der viel sprechende junge Mann, Sohn der Gastgeberin, im letzten Jahr erlebte. Beschwert hat er sich dort, weil es Risse in Fließen gab und irgendwas tropfte, und auch sonst  war es „gar nicht vom Feinsten“ und „Luxus pur“, wie er das von 5 Sternen doch erwartet hatte. Und ich denke, ´hey Mann – türkische Sterne! Mit türkischen Standarts´. Worüber regt er sich denn auf? Er erzählt von Pool, Bar, gedecktem Büffet und Meer vor der Haustür, alles zusammen zum Schnäppchenpreis. Daheim ist man doch auch kein Krösus. Wo also liegt das Problem?

Im Verständnis!

Über die Klimaschützer regt er sich auf. Da wird er richtig brutal.  Die will er alle tot sehen. Die hiesige Gastronomie regt ihn auf; ´Bruchbuden´, ´Absteigen´, ´Löcher´ , findet er, sind´s.  Wohlgemerkt,  ein Hochwohlgeborener und Besserverdiener spricht da nicht, sondern einer mit ganz banaler Maloche. Und dann natürlich Merkel. Über DIE muss man sich RICHTIG aufregen. Die muss weg, und mit ihr alle ihre Kumpanen, und auf jeden Fall die, die sie ins Land gelassen hat, und alle, die irgendwann mal irgendwas gut fanden von ihr.

Und immer wieder geht´s um die Gäste, die eingeladen sind und nicht kommen oder zu kurz bleiben. Man sitzt zu viert, gedeckt ist für ein Dutzend und mehr. Die Party ist ein Flop.

Und das ist das Einzige, das mir an dem unfreiwilligen Lauschen gefällt.

Ist doch tröstlich, wenn manch ein Blödsinn und manch eine Rohheit allein steht.  Wenn dann die Gäste wegbleiben.

Fridays for Future

Effekthascherei?

https://www.schwarzwaelder-bote.de/inhalt.rottweil-klimanotstand-eine-effekthascherei.149fe49e-cbd4-4eb1-b0c5-ad1d72b44b0a.html

„Schule schwänzen für die Zukunft ist wie Bomben legen für den Frieden“, sagt Reimond Hoffmann von der Afd.

Er muss es wissen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass er so manches verpasst hat – damals.

Streiken ist nicht Schwänzen. Ein Streik will Aufmerksamkeit, ein Schwänzen möglichst nicht. Und weil´s die Aufmerksamkeit erhöht, wird provoziert. Weiß man eigentlich in der Afd. Und Bomben legen für den Frieden ist Unfug, in der Tat, nichtsdestotrotz leider dennoch gängige Praxis. Die meisten Kriege werden so begründet.

Und wieder dieser bescheuert altkluge Zeigefinger – „was soll denn mit der Wirtschaft werden? Wie, ihr jungen, dummen, Leute, wollt Ihr denn das bezahlen?“

Yep! Let´s talk about money. Es ist ja nicht so, dass es zu wenig Geld gibt im Land, und in der Welt. Es ist nur sehr konzentriert verteilt, und einige, die ungestört weiterverdienen wollen, hocken drauf. Und über die Rechnung, die kommt, wenn man nicht umdenkt, hat man noch gar nocht geredet. „Wie, ihr alten dummen Leute, wollt Ihr das bezahlen?“, könnte man zurückfragen. Wird man keine Antwort bekommen; es gibt nämlich keine, zu hören bekommt man nur beschwichtigende Ausflüchte – diese Rechnung darf schlicht nicht interessieren.

Effekthascherei?

Seien wir nicht so abgebrüht. So unlauter und billig ist das hier nicht. Natürlich sind die Methoden auf Effekt angelegt; man will ja was erreichen. Und man appelliert an die Angst, an Verantwortung, an Moral, ja – ans große Ganze. Ans Eingemachte. Weil man das so empfindet – es geht gerade ans Eingemachte. Ans Existenzielle. Und da lieber Effekthascherei, jawohl, wenn man es denn unbedingt so nennen will, als ewig dieselbe abgebrühte, stereotype Haltung gegenüber allem, was geschieht. Wenn einer sich von gar nichts mehr aus der Ruhe bringen lässt, wenn einen gar nichts mehr juckt – dann darf man da auch Ignoranz und Kaltblütigkeit unterstellen.

Dann lieber Effekthascherei.

Und was die Glaubwürdigkeit angeht – ja – ein weites Feld. Ich verzichte auf eine Gegenrechnung – wo überall in der Politik, in der Wirtschaft, im Glauben, im sozialen Miteinander A gesagt und B gemacht wird, wie und von wem. Ich weiß nicht, ob irgendwer der Anwesenden auf der letzten Demo gerade erst von Mallorca zurück war. Ich habe nicht mit allen gesprochen, aber die, mit denen ich gesprochen habe, waren alles Leute, denen es Ernst ist.