Ich sitze in der Stadt, still und nichts tuend, und kann
nicht anders, als ein Gespräch mitzuhören, das nebenan stattfindet, wo offenbar
eine kleine Balkonparty stattfinden soll, die aber deutlich Start – und
offenbar auch andere Schwierigkeiten hat.
Es geht ausgiebig um ´was es wo zu kaufen gibt´, über Malle und einen Urlaub in der Türkei, den der viel sprechende junge Mann, Sohn der Gastgeberin, im letzten Jahr erlebte. Beschwert hat er sich dort, weil es Risse in Fließen gab und irgendwas tropfte, und auch sonst war es „gar nicht vom Feinsten“ und „Luxus pur“, wie er das von 5 Sternen doch erwartet hatte. Und ich denke, ´hey Mann – türkische Sterne! Mit türkischen Standarts´. Worüber regt er sich denn auf? Er erzählt von Pool, Bar, gedecktem Büffet und Meer vor der Haustür, alles zusammen zum Schnäppchenpreis. Daheim ist man doch auch kein Krösus. Wo also liegt das Problem?
Im Verständnis!
Über die Klimaschützer regt er sich auf. Da wird er richtig
brutal. Die will er alle tot sehen. Die
hiesige Gastronomie regt ihn auf; ´Bruchbuden´, ´Absteigen´, ´Löcher´ , findet
er, sind´s. Wohlgemerkt, ein Hochwohlgeborener und Besserverdiener spricht
da nicht, sondern einer mit ganz banaler Maloche. Und dann natürlich Merkel. Über
DIE muss man sich RICHTIG aufregen. Die muss weg, und mit ihr alle ihre
Kumpanen, und auf jeden Fall die, die sie ins Land gelassen hat, und alle, die
irgendwann mal irgendwas gut fanden von ihr.
Und immer wieder geht´s um die Gäste, die eingeladen sind und nicht kommen oder zu kurz bleiben. Man sitzt zu viert, gedeckt ist für ein Dutzend und mehr. Die Party ist ein Flop.
Und das ist das Einzige, das mir an dem unfreiwilligen Lauschen gefällt.
Ist doch tröstlich, wenn manch ein Blödsinn und manch eine Rohheit allein steht. Wenn dann die Gäste wegbleiben.
Ich bin satt. ´Ist ne Menge nicht so toll gelaufen in
letzter Zeit. Aber was soll´s. Das Leben geht weiter. Also raus und auf zu
neuen Taten.
Gestern in der Stadthalle gewesen. Die Stadt lädt ein, die Agenda 2030 steht an, „Rottweil. Gemeinsam. Weiter. Denken“. Und irgendwie purzeln die Buchstaben ziemlich durcheinander. Wer dort war, weiß, was ich meine: eine große Leinwand, darauf der Slogan, und daneben fallen die Schlagworte in großen bunten Buchstaben wie Wackersteine nieder. Mir wird jetzt noch ganz blümerant.
Die Veranstaltung selbst war ganz gut. Fand ich. Man
konnte seine Wünsche auf bunte Sticker schreiben und auf eine am Boden
ausliegende Luftaufnahme – die war toll! – kleben. Oder wahlweise, wenn die
Karte voll war, oder man den Wunsch nicht einem Ort zuordnen konnte, auch auf
eine der Stellwände. Jede Stellwand ein Thema/eine Kategorie, jede Kategorie
eine Farbe. Mir ging es wie meiner Tochter – ich wollte jede Farbe wenigstens
ein Mal benutzt haben.
Was mich einzig stört, ist die Zahl. 2030.
Was ich will, will ich jetzt.
2030 – das ist ja noch weiter als 2028, diese andere Jahreszahl,
das Jahr der Landesgartenschau, die Zahl, der sich jetzt schon alles
unterordnet.
Ich habe nichts gegen die Landesgartenschau. Und auch
nichts gegen die Hängebrücke, den Turm, ein Amphitheater, einen Neckarstrand,
die Touris, all das. Aber ich habe jetzt zwei kleine Kinder, und ich wohne
jetzt in der Stadt.
Und es war diese Woche, Dienstag, dass wir am
Mädelesbrunnen zum Picknick verabredet waren. Der Mädelesbrunnen ist an so
einem brütend heißen Sommertag, wie der Dienstag einer war, der nahezu perfekte
Ort. Das Blätterdach zwar nicht ganz geschlossen, aber weit genug, es gibt immer Schatten, und die
Sonne kommt auf Umwegen. Der Brunnen schmuck, und flach, und kühl – und versifft.
Auch Ärsche mögen schöne Orte. Ob Mädelesbrunnen oder
Kriegsdamm, Nägelesgraben oder der Brunnen am alten Spital – Kippen, Scherben,
Müll, Flaschen und nur deren Hälse.
Natürlich, man kann sagen, man muss da nicht sein. Aber
keiner von uns hat an diesem Abend den Nerv weiterzuwandern, zumal die
Hoffnung, anderswo einen Platz mit ähnlichen Qualitäten, bloß sauberer, zu finden, mager ist. Dieser Platz ist unser
Pool, unser Trampolin im Garten, Baumhaus und Versteckspielwiese. Dies ist Nachbarschaft
und im Sommer verlängertes Wohnzimmer.
Und wenn ich auch Eltern bewundere und beneide, deren Kinder einem „aber nur die Füße!“ oder „nicht nass machen!“ folgen – bei meinen funktioniert das nicht, egal, wie gut die Argumente sind, egal, wie vehement mein ´Stop!´. Nach den Füßen kommt der ganze Rest, und trocken sind am Ende nur die Schuhe, die draußen geblieben sind. Die man hätte anziehen sollen, was man nicht tun wollte.
Wohlgemerkt, es sind liebe, brave Kinder. Nur übermütig
halt, und lebhaft.
Ich gehe den Brunnen ab, warne vor den Scherben, die an
einer Stelle draußen liegen, nach drinnen guck ich da leider gar nicht – an dieser
Stelle sind sie nämlich auch drin – ansonsten sehe ich nur nicht eben
appetitliches, aber ungefährliches Zeug – und wende mich, müde von so
allerhand, dem Picknick zu. Und so gehen Übermut und Vertrauensseligkeit,
Gelassenheit und Müdigkeit, und eben assige Arschlochmässigkeit eine
verhängnisvolle Allianz ein. Das Picknick findet statt, und auch das Planschen –
bis die Kleine in eine zerbrochene Flasche tritt, sich quasi im Aussteigen mit
dem eigenen Körpergewicht darauf drückt – schreit – und nicht mehr aufhört.
Danach das ganze Programm. Schreien und blutdurchtränkte
Geschirrtücher. Ein Notruf. Blaulicht und Martinshorn. Eine Fahrt im Krankenwagen
zur Notaufnahme in der Heliosklinik. Dort ein Arzt, der fragt, was geschehen
ist. Das ist vermutlich ein so ein Punkt, den er abarbeiten muss, weil es im ´Standart´
festgeschrieben steht, jener fixen Tätigkeitsabfolge, an die man sich zu halten
hat, ob es Sinn macht, oder nicht. Hier macht es keinen Sinn. Denn der Arzt versteht weder Deutsch noch
Englisch, was die Krankenschwester dazu zwingt, das Geschehen aufzumalen.
Das Mädchen schreit derweil und blutet.
Das soll nun keine Beschwerde sein. Das gesamte Personal der
Notaufnahme war kompetent und tat sicher sein Bestes, und auch dieser
zuständige Arzt hat seinen Beruf ganz bestimmt mit den hehrsten Motiven und der
allergrößten Motivation ergriffen und seinen Abschluss mit Bravour gemeistert.
Aber so platziert kann auch der Allerbeste nicht sein Bestes geben. Und das ist
nicht seine Schuld. Ich verstehe nicht, weshalb ein Gesundheitssystem eine Aktiengesellschaft
sein muss, die auf Gewinnmaximierung angelegt ist. Die die Ärzte dort einkauft, wo sie billig
sind.
Irgendwie verlieren wir alle. Das Kind will nicht genäht
werden. Der Arzt kommt nicht zu Potte.
Aber was sein muss, muss sein, zur Not mit Vollnarkose. Dazu aber fehlt
es hier an Kapazität, wir werden nach Villingen gebracht.
Stunden auf der Notaufnahme dort.
Wir sitzen im Gang, die Kleine mittlerweile im Rollstuhl,
das Tuch unter ihr ist blutrot. Irgendwann wird es nicht mehr, und sie lässt
sich in den Schlaf singen. Und ich sitze und staune. Ich bin mitten drin.
Ich stelle
mir vor, es braucht schon eine ziemliche Kuttel und eine nicht zu knappe Portion
Fatalismus, um hier zu arbeiten und sich dies über einen längeren Zeitraum
hinweg zu geben. Ein langer Gang voll Drama und Trubel. Ein Gang, der vollsteht
mit belegten Liegen und besetzten Rollstühlen auf der einen Seite, und
allerhand Gerätschaften und Computertischchen auf der anderen. Und sehr viel spielt
sich eben hier, in diesem Gang ab. Breite Schiebetüren mit Warnschildern weisen
in Schockraum 1 bis 5 und in Behandlunsgzimmer 1 bis WeißderKuckuck. Und zwischen Schockraum und normalem Behandlungszimmer
ein Treiben wie im Film. Alle tragen Blau und eilen umeinander, rufen sich zu,
die Patienten dazwischen, sie sind die Statisten im Film. „Hast du Herr X
gesehen? Ist schon jemand bei Frau Y?“. Mappen rutschen von einem hohen Stapel
auf den Boden, werden aufgehoben, rutschen wieder, werden wieder aufgehoben,
wieder, und wieder. Der Stapel ist zu hoch, der Tisch zu klein. Manchmal wird
jemand vom Gang in einen Raum geschoben, Schockraum oder kleineres Behandlungszimmer.
Ich halte mein Mädchen fest, damit sie nicht vom Rollstuhl rutscht. Es tut mir
im Rücken weh. Die Unterlage ist auf den Boden gefallen. Es kommt ein ´echter´,
weil dringender, unaufschiebbarer Notfall; ein 18Jähriger, der einen
Motorradunfall hatte, mit Notarzt, mit Sauerstoffmaske; die Leute vom OP kommen
in Grün und voller Montur dazu. Schockraum 1. Eine Mutter mit Säugling weint.
Das Baby hat sich verschluckt und aufgehört zu atmen. Aber da schreit es, und
also lebt es. Die Mutter heult grad weiter. Ich tät sie gerne in den Arm
nehmen. Ich kann´s so gut verstehen.
Am Ende wird
der Fuß genäht. Bei örtlicher Betäubung. Mein Mädchen schreit und heult und
tobt, und ich halte den gesunden Fuß, damit der nicht den Arzt tritt, der die Nadel
führt.
Irgendwann
ist zu, und ich trage sie raus, von dem ganzen Sedativum ist sie schlabbrig wie
Gummi und kaum zu halten.
Jetzt heißt
es hoffen, dass die Wunde gut heilt und die Fäden gezogen werden können bis zum
Tag unserer geplanten Abreise. Wir wollen in die Berge.
Tags darauf
auf dem Rathaus angerufen. Der Mann war nicht unnett, durchaus nicht. Und
humorvoll. Sie haben 50 Brunnen zu versorgen. Und sie kümmern sich halt erst um
die touristisch relevanten. Als wäre die Stadt ein Freilichtmuseum. Im Übrigen
würde ER Vodka nur noch in Plastikflaschen verkaufen. Und was das Spielen im Wasser
angeht – irgendwann wird sicher ein Wasserspielplatz gebaut, spätestens bis zur
Landesgartenschau. Für meine Kinder ist das zu spät? Nu denn – dann halt für
die Enkel.
Und da sind
wir also beim Ausflugsort Rottweil, und all diesen Agenden, in denen das Hier
und Jetzt irgendwie zu kurz kommt.
Nächstes Mal
frage ich früher nach – damit auch die abseits gelegenen Brunnen gereinigt werden.
Damit sie gar nicht erst so versiffen. Ich will den Ärschen nicht das Feld
überlassen. Und den Touris auch nicht. Ich will hier wohnen und mit den Kindern
zuhause sein.
Und wir
passen künftig besser auf. Das soll uns eine Lehre sein.
Das werden
wir tun, ich hab´s fest vor. Ein bisschen eine Wehmut ist dabei. Es ist ein
Schritt weg vom unbeschwerten Vertrauen. Das stinkt mir daran. Vorsicht ist
auch Abkehr vom Vertrauen.
Wenn man
nicht mehr barfuß planschen kann, ist dies ein anderes. Ähnlich, wenn man sich
nicht mehr frei ins Spielen, Träumen, Lieben fallen lassen kann, dann ist auch
dies anders. Vorsicht verändert Geschichten. Und das haben wir den Ärschen zu
verdanken, die gar nicht mehr wissen, wie sich benehmen. Einer macht die
Scherben. Wenn ein anderer hineintritt, hat er Pech gehabt. Ist doch scheiße.
„Schule schwänzen für die Zukunft ist wie Bomben legen für den Frieden“, sagt Reimond Hoffmann von der Afd.
Er muss es wissen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass er so manches verpasst hat – damals.
Streiken ist nicht Schwänzen. Ein Streik will Aufmerksamkeit, ein Schwänzen möglichst nicht. Und weil´s die Aufmerksamkeit erhöht, wird provoziert. Weiß man eigentlich in der Afd. Und Bomben legen für den Frieden ist Unfug, in der Tat, nichtsdestotrotz leider dennoch gängige Praxis. Die meisten Kriege werden so begründet.
Und wieder dieser bescheuert altkluge Zeigefinger – „was soll denn mit der Wirtschaft werden? Wie, ihr jungen, dummen, Leute, wollt Ihr denn das bezahlen?“
Yep! Let´s talk about money. Es ist ja nicht so, dass es zu wenig Geld gibt im Land, und in der Welt. Es ist nur sehr konzentriert verteilt, und einige, die ungestört weiterverdienen wollen, hocken drauf. Und über die Rechnung, die kommt, wenn man nicht umdenkt, hat man noch gar nocht geredet. „Wie, ihr alten dummen Leute, wollt Ihr das bezahlen?“, könnte man zurückfragen. Wird man keine Antwort bekommen; es gibt nämlich keine, zu hören bekommt man nur beschwichtigende Ausflüchte – diese Rechnung darf schlicht nicht interessieren.
Effekthascherei?
Seien wir nicht so abgebrüht. So unlauter und billig ist das hier nicht. Natürlich sind die Methoden auf Effekt angelegt; man will ja was erreichen. Und man appelliert an die Angst, an Verantwortung, an Moral, ja – ans große Ganze. Ans Eingemachte. Weil man das so empfindet – es geht gerade ans Eingemachte. Ans Existenzielle. Und da lieber Effekthascherei, jawohl, wenn man es denn unbedingt so nennen will, als ewig dieselbe abgebrühte, stereotype Haltung gegenüber allem, was geschieht. Wenn einer sich von gar nichts mehr aus der Ruhe bringen lässt, wenn einen gar nichts mehr juckt – dann darf man da auch Ignoranz und Kaltblütigkeit unterstellen.
Dann lieber Effekthascherei.
Und was die Glaubwürdigkeit angeht – ja – ein weites Feld. Ich verzichte auf eine Gegenrechnung – wo überall in der Politik, in der Wirtschaft, im Glauben, im sozialen Miteinander A gesagt und B gemacht wird, wie und von wem. Ich weiß nicht, ob irgendwer der Anwesenden auf der letzten Demo gerade erst von Mallorca zurück war. Ich habe nicht mit allen gesprochen, aber die, mit denen ich gesprochen habe, waren alles Leute, denen es Ernst ist.
Es wird bisweilen so getan, als wäre sie was Schlechtes,
die Angst. Etwas, das man unbedingt überwinden muss. Etwas, das nur die
Schwachen betrifft. Pustekuchen. In erster Linie will Angst ja schützen. Das
leuchtet jedem ein, wenn´s um die rote Ampel geht, an der man hält, oder das
Sprungbrettverbot im Freibad für die, die nicht schwimmen können. Als
Ratgeber der Politik – das ist in der Tat neu.
Sie treibt alle um, irgendwie. Die einen haben Angst vor
dem Weltuntergang, die anderen vor jeder
Art Veränderung. Vor Verlusten. Ums
tägliche Schnitzel.
Angst ist immer blöd. Kaum ein Gefühl fühlt sich so übel
an wie Angst. Finde ich. Und entweder leide ich sie ungehemmt, oder ich halte
mir sie nach Kräften vom Hals, mit leicht esoterisch angehauchtem Geschwurbel
von wegen ´nichts in der Welt geht verloren´, also auch nichts Gutes. Alle gute
Energie bleibt. Weswegen es oberste Bürgerspflicht ist, möglichst viel Freude
und Glück in die Welt zu bringen. Und am Ende wird alles gut. Wenn es noch
nicht gut ist, ist es noch nicht zu Ende. uswusf.
Andere beten. Es läuft wohl aufs Gleiche hinaus.
Seelenhygiene.
Es gab in meinem Lebenslauf mal eine angstfreie Zeit,
komplett angstfrei; keine Angst um nix und niemanden, nicht um Karriere, nicht
um Reichtümer, nicht um Familie und Lieben, nicht ums eigene Leben – es war ein gnadenvoller Zustand. Ich
habe mich durchaus nicht benommen wie das Wildschwein im Maisacker, aber den
Gang der Dinge, so schlimm er daherkommt, den konnte ich gleichmütiger und ohne
dies quälende Bauchweh betrachten. Bei allem, was das Leben heuer ausmacht, was
mich beglückt und erfüllt – diesem Zustand trauere ich nicht selten nicht wenig
nach.
Trotzdem gebe ich Greta Thunberg darin recht: alle
sollen Angst haben, jedenfalls diejenige
vor dem ökologischen Kollaps. Alle, die Macht haben – Politiker und Bosse auf
jeden Fall – sollen diese Angst haben.
Ohne sie sollte man gar keine Politik mehr machen dürfen und keine
Entscheidungen fällen, die auch nur im Entferntesten Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft
haben.
Es gibt so viele sichtbare Belege, und Erkenntnisse und
Warnungen ernstzunehmender Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen, die die
Welt kurz vor dem Kollaps sehen, dass daran zu zweifeln mir anrüchig
erscheint. Nichts gegen Hoffnung und
Optimismus – aber Ignoranz ist schon viel zu lange am Drücker. Da kann man als
Eltern oder Großeltern schon ein komisches Gefühl in der Magengegend haben,
wenn man an die Zukunft der Kinder denkt. Meine Tochter redet vom Kinderbekommen, und
ich rechne hoch, wie alt sie bei welcher Prognose sein wird, und schweige betreten. Ich
weiß nicht was ich sagen soll. Es kommt mir vor wie lügen; ich verschweige
etwas, und ich fühle mich nicht gut dabei.
Es ist Zeit wegzugehen von dem Prinzip „mehr Reichtum“. Alle
Politik, alles Streben ordnet sich dem unter – „mehr Reichtum“. Das ist irre. Wir haben zum Wegwerfen! Was
also soll das? Darum darf es nicht mehr gehen. Es darf auch weniger sein. Und es bedeutete dennoch ´besser leben´.
Ich glaube, das ist mehrheitsfähig. Man stelle sich das
vor – eine Wahl, die nicht mit Versprechungen von ´mehr´ gewonnen wird, sondern
mit Ehrlichkeit und einer europäischen Variante von „Yes we can“.
Man stelle sich vor, was da für eine Politik möglich
wäre. Ein Traum.
Klar – jeder empfindet seine eigenen Zumutungen. Aber keiner ist wirklich frei davon. Jedem wird etwas abverlangt, worauf er
keine Böcke hat. So isses. Dann mutet einem das Leben, das
Zusammenleben, und die Rücksicht auf nachfolgende Generationen eben etwas zu.
So what? Was ist verkehrt daran?
Ich persönlich rege mich mehr auf über das schlechte
Funktionieren der Bahn und über das miese Angebot des öffentlichen Personennahverkehrs , und
über immer billigere Kurzstreckenflüge, als über Dieselmotoren. Wer ein altes
Auto hat, muss, ginge es nach mir, nicht verschrotten. Neuproduzieren ist nicht unbedingt die
ökologischste Lösung. Und auch ich stelle nicht gleich um auf vegan, wenn ich
die industrielle Massenproduktion von immer mehr und immer billigerem Fleisch sofort
abschaffen will.
Aber ich würd sie abschaffen! Und Fleisch wäre wieder so
teuer, dass man es nur zu Festtagen isst.
Ist doch nicht schlimm. Essen wir Soja und Getreide
selber und nicht die Sau. Kann auch lecker sein, und ist gesünder.
Und damit das denen, denen jeder Verzicht ein Anschlag
auf die menschliche Würde ist, etwas annehmbarer wird, würde ich andererseits
Verbote lockern und Sachen erlauben, die Spaß machen.
Legalize-
Tanzen an hohen christlichen Feiertagen zum Beispiel.
Das mag wiederum religiösen Gefühlen widerstreben und dem Einen oder
Anderen sauer aufstoßen. Man darf dabei aber sehen, dass die Kirche als
Institution oft sich selbst über den Glauben gestellt hat und die Wahrung der
eigenen Interessen wichtiger war als religiöse Grundsätze. So gesehen hat man diese Gefühle also selbst
zur Disposition gestellt. Ich unterstelle eine gewisse Übung.
Man kann den Feiertag ja behalten, und wer nicht tanzen
will, muss nicht.
Ich würde freies
Campen erlauben – okay, vielleicht nicht überall – und coolere öffentliche
Plätze einrichten, gerne auch in der Innenstadt, wo junge Leute sich aufhalten
können, ohne dass das jemanden zu stören hat.
Ich würde Streetworker einstellen, die für Leben im
Revier sorgen.
Und ich würde stattlich gesponserte Ferienanlagen
anbieten für Leute mit kleinem Budget. Meer für alle, auch ohne Tui und Malle.
Statt Klimaanlagen gäbe es hitzefrei, und die Schule
würde später anfangen. Spielen wäre Pflicht-.
Sport und Musik wären Hauptfächer, und in der Mittagspause gäb´s auf Schulhöfen
und in Parks, in Aulen und Mensen, Kantinen und Großraumbüros Yoga für alle,
oder Kickboxing, für die, die es lebhafter mögen….
Ach – mir tät so einiges einfallen, was gut und gerne
Schnitzel und Flugreise ersetzt.
Endlich hab ich es geschafft, dabei zu sein. Bin mächtig
stolz. Die erste Demo seit Jahren. Hat
gut getan, sollte man viel öfter machen.
Und dann erfahre ich, dass das, was am Morgen noch als heimatloser Satz über die Tastatur schlich, einen handfesten Rahmen hat:
Am Morgen dachte ich noch, mit dem Kopf bei ´Backfire for
Max´, es sei ja doch eigentlich beschämend, wie weit weg in Rottweil die ganzen
Waffenschmieden im Kreis dünken. Wie
wenig das interessiert. Wie gleichgültig
das hingenommen wird. Rottweiler Technik tötet auf der ganzen Welt. Wir leben seelenruhig und gut davon.
Es stimmt nicht. Es wird überhaupt nicht gleichgültig
hingenommen. Von wegen Seelenruhe. Am Morgen war eine Demo am
Duttenhoferdenkmal, weil Heckler und Koch seine Hauptversammlung im Neckartal hatte.
Protestlieder wurden gesungen, Schilder geschwenkt, Symbolleichen auf den Boden
gelegt. Den angebotenen Kaffee abgelehnt – kein ´Blutespresso´! Ich hab´s nur
nicht mitbekommen. Da sieht man´s mal. Sich über allgemeine Gleichgültigkeit
mokieren und dann – seelenruhig – im Alltagsblues die Demo verpennen. och koomm
Dafür mittags bei Friday for future Lärm gemacht, marschiert,
Parolen geschmettert, mich aufs Pflaster gelegt, zugehört.
Es ist schon toll, was diese Jungen da auf die Beine
stellen. Und toll, mit wieviel Geist und Elan, und Humor, da Veränderung
eingefordert wird.
Abkehr vom Protegieren des Autoverkehrs. (Ich finde auch widersinnig, was ich just an diesem Tag in der Zeitung gelesen habe: dass das Busfahren wieder teurer wird. NOCH teurer. 2,20 für eine Kurzstrecke, über 4 für ein Tagesticket – das ist happig, und das bei teils miesen Zeiten und Anbindungen).
Nachhaltiger – und
gesünder – leben, weniger Fleisch. Oder gar keins. Vegan.
Ich hatte nicht gewusst, dass weltweit betrachtet die Fleischproduktion
mehr Co2 freisetzt als aller Verkehr zusammen, und auch nicht, dass Butter
eines der klimaschädlichsten Lebensmittel ist. Muss ich drüber nachdenken. Und
vielleicht doch mal Hafermilch probieren oder so was.
Second hand trading. Kein Problem für uns.
Und vor Allem Dranbleiben. Reden, Diskutieren, Demonstrieren,
Provozieren, Argumentieren…
Sommertheater im Bockshof. Ein lauer, sonniger Abend, alle scheinen einen
Grund zu haben, gut gelaunt zu sein. Und alle nutzen den auch.
Backfire for Max.
Ich bin mit einer der Schauspielerinnen befreundet – ich bin mehr als nur voreingenommen. Ich gebe zu, mein Star steht von Vornherein fest. Und ich habe die schweren Stiefel an – ich weiß schon vor Beginn, dass ich am Ende begeistert trampeln werde.
Das fällt mir dann nicht schwer. Max von Duttenhofer
müsste ich bei allem Genie widerwärtig finden – wäre er nicht so klasse. Gleich
geht´s mir mit dem Teufel, mit dem ich später die Ehre habe einen Wein zu
trinken. Gab´s auch noch nie. Mit dem Diener wirble ich innerlich mit, die
Damen finde ich allesamt hinreißend.
´Backfire for Max´ ist heftig, krass, witzig und gescheit. Die Vorstellung ist ein voller Erfolg, der Applaus fulminant. Dennoch höre ich nach Ende hier und da ein ´Aber´.
Es ist ein Stück Rottweiler Geschichte, und es
schmeichelt nicht, was gut so ist – wenn Kunst sich anbiedert, ist´s auch nix.
Auch schwer verdaulich darf es sein. Finde ich. Dem Einen ist´s lang, dem
anderen plakativ, jemand fühlt sich in seiner lokalpatriotischen Ehre
gekränkt.
Kann ja alles sein. Kann ich nicht beurteilen, kenn ich
mich nicht aus, ich denk nur so rum: selbst wenn es schwer verdaulich wäre – das
Stück – lang und plakativ, und selbst wenn es eine Ehre kränkte, auch wenn
einem der Hintern weh täte, der Kopf rauchte, der Magen grimmte – es darf ein
Stachel bleiben; das Stück darf das, und
es ist deswegen und trotzdem toll!
Das Lied der Arbeiterinnen trieb mir Tränen in die Augen.
Und auch das find ich gut. Ein Blick in die Welt, sei´s
Geschichte oder Gegenwart, darf weh tun.
Aus Zeiten als Kellnerin im Badhaus meine ich mich zu
erinnern, dass die Wahrheit noch viel grausamer war.
Eine Aufgabe bestand darin, die Luft im Saal zu beobachten – wenn die zu rosa wurde, war zu viel explosiver Staub in der Luft, und der Saal musste geräumt und gelüftet werden. Solche Produktionspausen wurden freilich möglichst vermieden, und so füllte die rosa Wolke lange unangefochten Lungen und Poren.
Bis das Badhaus gebaut wurde wuschen sich die
ArbeiterInnen das Gift im Neckar ab, sommers wie winters. Im Sommer ist das
Neckartal ein angenehm schattiges Plätzchen, im Winter kann es grimmig kalt sein.
Wenn man sich im Neckar stehend wäscht, ist es das ganz sicher.
Damals wie heute – bei den Einen floriert das Geschäft,
und in prächtigen Palästen werden glanzvolle Gesellschaften gegeben, und auf
der anderen Seite ist das Elend groß.
Der Pulverfabrik wurden, trotzdem die Not drückte, die
ArbeiterInnen knapp. Der Bau des
Badhauses etwa war weniger ein Akt der
Barmherzigkeit als der Versuch, die Arbeitsbedingungen wenigstens pro forma überlebenstauglich zu gestalten. Es hatte sich herumgesprochen,
dass man nicht alt wurde, wenn man in diese Fabrik ging. Und so waren es die
Ärmsten der Armen, die keine Wahl hatten, und Strafgefangene, die sich nicht
wehren konnten, die es traf. Deren Not
als selbstverschuldet erklärt wurde. Um die sich keiner scherte.
Damals wie heute – der Schnellste und Rücksichtsloseste macht das Rennen. Die Zeche zahlen andere.
Es ist zum Weinen.
Und dennoch muss es nicht gänzlich die Laune verderben. Wir haben´s schließlich nicht geschaffen, ich jedenfalls nicht. Ich will mich dennoch meines Lebens erfreuen. Aber wenn mir zum eigenen Glück das Unglück der Anderen vor Augen geführt wird, dann ist das okay. Und das brachte ´Backfire for Max´ prima zusammen – Stachel und Freude.
Ich hatte einen tollen Abend. ´Kann´s nur empfehlen.
Der ist neu. Der war gestern noch nicht da! Und fast wär sie drüber gefahren, das heißt – nicht drüber – dazu ist er viel zu hoch – sie hätte die Achse von Papas Auto verbogen. Mindestens. Und sie hätte mächtig Ärger bekommen – nicht mit ihrem Vater, sondern mit dem Steinbesitzer.
Das will ich auch sehen.
Dieser Steinbesitzer wohnt in einer Reihenhaussiedlung am Stadtrand. In Viererblöcken stehen winzige Häuschen beidseitig der Straße akkurat aufgereiht, In den sechziger und siebziger Jahren sahen sie alle gleich aus, waren erst holzverkleidet, später mit Eternit. Und in fast jedem Haus wohnten wenigstens zwei Kinder. Die konnten von Haus zu Haus über kniehohe Zäunchen einfach wegrennen. Und alle Kinderzimmer waren in den Häusern dieselben Räume, und alle waren sie fast identisch eingerichtet, weil es für die Kombination Schrank/ Tisch/ Bett eigentlich nur eine einzige Stellmöglichkeit gab. Die Initiatorin dieses Beitrags hat es als kleines Kind mal geschafft versehentlich im falschen Bett einzuschlafen. Keiner wusste, wo sie war, alle haben sie gesucht. Sie selbst bemerkte erst, dass sie im Nachbarhaus war, als sie wieder aufwachte. Für ein müdes kleines Mädchen war ein Haus wie das andere.
Heute sieht jedes anders aus, sie haben Wintergärten, Terrassen und Dachgauben, sind weiß und orange, himmelblau und dunkelrot, haben Fassaden aus Holz, Putz, oder, wo noch die alten Bewohner drin sind, Eternit.
Und dann ist da dieses eine, das aussieht wie eine kleine Trutzburg. Es
ist das Eckhaus,, mit dem der Viererblock schließt, es hat drei Außenseiten,
und der Garten ist etwas größer.
Die Fassade schlicht weiß. Der Carport blendet von Weitem, die Wand zum Nachbarn ist aus Aluminium. Die Gartentür sieht aus wie aus massivem Stahl; sie ist mit Code verschlossen. Der Boden ist mehrfach versiegelt, Pflastersteine, Kies, Mauern – da getraut sich kein Graßhalm her. Der Garten ist zum Teil umzäunt mit bestimmt drei Meter hohen dicken Bohlen, und wo nicht das, dann stattlicher Maschendraht. Auch im Garten ist alles gepflastert und bebaut. Ein bisschen Grün kommt von Kunstlaub, das wie eine Tarnkappe eine Trennwand bedeckt, die eine Mauer verdeckt, die den Zaun verdeckt – alles ist doppelt und dreifach, verplombt und versiegelt, dicht dichter am dichtesten.
Über der Haustür hängt eine Kamera, sie nimmt den Eingangsbereich auf
und ganz bestimmt den stahlbedachten Carport und das winzige Eck zum Nachbarstellplatz
hin., wo die Aluwand aufhört und zwanzig Zentimeter ungeschützter Grenze zum
Nachbargrundstück liegen.
Lagen.
Bis da jetzt also dieser Stein steht. Mit daumendicker Kette und
Vorhängeschloss gesichert, genau am Eck, und halt eben so, dass man sich den Hacken
anstößt oder stolpert, wenn man nicht damit rechnet. Oder das Auto plattfährt,
wenn man in Eile oder mal eben ungeschickt ist.
Die Initiatorin dieses Textes denkt, besorgt um Seelen – und Hausfrieden
ihrer alten Eltern, vielleicht kann man den Stein breit stellen, dann wäre er
etwas niederer und träfe nur den Reifen, WENN er träfe. Und der Rollator
stürzte auch nicht gleich drüber. Sichersicher, alle tun ihr Bestes um keinen Zentimeter
des Grundstücks zu betreten, aber vielleicht gelingt´s mal nicht.
Dann sieht sie, dass er innen am Boden festgeschraubt ist. Mit einer Schraube,
an der man einen 7,5Tonner aufhängen könnte.
Wow!
Darf man so was neurotisch nennen?
Und wenn der nun auf seiner Kamera sieht, dass man das in Augenschein
genommen hat – gilt das als Provokation?
Als Nächstes kommt die Kavallerie.
Wegen nichts. Wegen zwei alten Leutchen, die versehentlich mal einen Pflasterstein touchieren könnten.
Checker Tobi fällt mir ein. Das ist ein Kika-Star, der prima
Wissenssendungen macht und mords beliebt ist. Jetzt hat er einen ganzen
Kinofilm rausgebracht, wir waren drin. Ich fand ihn toll.
Am Anfang kämpfen Piraten; Checker Tobi fällt ins Wasser und findet eine Flaschenpost. Darauf ein Rätsel.
Er soll in das Herz der Erde blicken. Den achtfüßigen Bären wecken. Im Gedächtnis der Erde lesen … Zuletzt den Schatz Indiens finden. Dann hat er das Geheimnis unserer Welt gelüftet.
Das Wasser ist der Schatz Indiens.
Man sieht Checker Tobi durch einen Slum gehen, der eng
und voll ist wie ein gigantischer Bienenstock. In manchen Gassen sieht man kaum
den Himmel. Überall verteilt stehen Fässer. Ein Mal am Tag kommen Tankwagen in
den Slum und verteilen Wasser.
Eine Zeitungsmeldung ein paar Tage her und die Bilder aus
dem Film decken sich.
In Indien hat es mancherorts über 50 Grad Celsius. Die Tankwagen werden jetzt mit Polizeigewalt geschützt. Sie sind schon überfallen worden. Leute prügeln sich um die letzten Tropfen.
Und ich laufe
durch ein Neubaugebiet und an drei Kindern vorbei; jedes Haus hier hat Villenqualität. Die
Buben spritzen mit Wasserpistolen, die
ihrerseits nach der Devise ´ groß, größer, am Größten´ gekauft
scheinen, die Mauer an. Ein Porsche-SUV fährt vorbei, man redet
durchs offene Fenster, es sind Eltern.
Meine Kinder machen das auch, mit Wasserpistolen
spritzen, und sie haben mächtig Spaß daran¸ darüber mokiere ich mich nicht. Und
über den SUV will ich mich auch nicht auslassen; mir hat sich noch nie die
Frage gestellt, ob ich einen will.
Trotzdem berührt mich das Bild.
Wir alle betreiben Globalisierung als Rosinenpicken. Wir denken nicht global, oder wir tun es,
aber zu wenig, geschwiege denn fühlen wir so.
Wir müssten uns als ´Familie Mensch´ sehen. Und teilen. Reichtum und Armut, sind, wenn sie eine gewisse
Dimension nach oben wie nach unten nicht durchbrechen, ja durchaus relativ. Es
könnte so leicht sein –
Aber dann komme ich heim und mache das Radio an, und es
geht um Krieg, und ich denk an die Waffenschmieden im Kreis, und daran, dass
sich alle einig scheinen, dass mit ´richtig´
keine Wahl zu gewinnen ist. Man muss gar
nicht arg weit weg oder zurück gucken – das aggressivste Geschrei macht das
Rennen.
Ein Hüttenwochenende an Pfingsten, samt Kindergeburtstag und Disco.
Die Diskokugel ist kaputt, ich pack stattdessen
Knicklichter ein, drei Päckchen. Die kommen immer gut an und machen auch eine
tolle Lichtshow.
Und so kommt es – eine Menge Kinder haben eine Menge Spaß
damit, und das ziemlich lang. Zugegeben, auch Streit, „wieso hat der drei, ich
nur zwei?“ , „ich will aber ROSA!“ oder
„das war meines!!“ Der Streit vergeht
wieder. Und ich pack die Stäbchen weg.
Und dann gibt es nochmal Streit. Wie ich so einen Mist kaufen und gleichzeitig Texte übertitelt mit ´Friday for future´ schreiben kann. Ich gebe zu, ich fühlte mich nicht wenig angegangen.
Es hatten so viele Kinder Freude. Und wir behalten die
immer als Bauset. Die lassen sich auch
ohne Leuchten an – und auseinanderstöpseln. An Gruschd, der so durch die Bude
wandert, ist dies noch lange nicht der Bescheuertste
Ich strenge mich ja an: wir kaufen second hand,
budgetbedingt, aber auch aus Überzeugung. Wir essen wenig Fleisch und Wurst und
wenn dann Bio, wir benutzen Rad und öffentliche Verkehrsmittel, soweit praktikabel, ansonsten leihen wir ein
Auto aus, was selten geschieht. Wir
heizen nicht zum Fenster raus und trennen den Müll. Derzeit versuche ich von
Plaste auf Glas umzusteigen, Mehrweg statt Wegwerf; aktuell wird das geeignete
Behältnis für den Kindergartenjoghurt ausprobiert und diskutiert.
Die Kinder haben zu viel dennoch; viel zu viel Zeug. Das seh ich auch, und „ich will“ wird oft befriedigt, auch bei Gruschd. Aber wir Großen gönnen uns auch Gruschd – irgendwelches Dekozeug, Lichter, Schmuck und Firlefanz. Sachen, die man nicht notwendig braucht. Jeder von uns hat das. Sollen wir uns jetzt jedes einzelne Ding vorrechnen?
Dabei können die Kinder sich bescheiden, meine.
Durchaus. Das haben sie drauf. Sie wissen,
es gibt Sachen und Veranstaltungen, die sie nicht haben können. Und das geht in
Ordnung.
Dennoch sollen sie sollen nicht aufwachsen mit Schwere
und Verzicht, sondern mit einem freudigen ´ich will´ – mit Vernunft, ja.
Was in der Welt ist, was man sieht, muss man auch wollen
dürfen. Ein kategorisches ´Nein´ allem gegenüber, was mir nicht ins Konzept
passt, scheint auch in dieser Hinsicht wenig hilfreich.
Sie verstehen zunehmend Zusammenhänge und Bilder, besser als ich in ihrem Alter. Ich war acht Jahre alt bei Ende der chinesischen Kulturrevolution, und neun im ´deutschen Herbst´. Ich hab die Bilder keinen Pfennig verstanden. Sie sind fünf und sieben. Sie wissen, es gibt ´Krieg´ und ´Flucht´ und ´Klima´ und Umweltverschmutzung, die bei meinen Kindern Weltverschmutzung heißt, was ich auch gut finde. Sie kennen all das und öffnen sich den Gedanken
Herrje. an den Stäbchen geht die Welt jetzt nicht zugrunde.
An Leuten die zu viel Schwere und Furcht im Herzen
tragen, schon eher.
Wer hat das gesagt? – „Es muss nicht JEDER ALLES richtig
machen. Jeder etwas.
Die Sonne wirft Glitzer, das Grün strahlt. Das Wasser
gurgelt und plätschert, darüber surren Myriaden von Insekten. Ein Fischreiher
segelt vorüber, ganz majestätisch. Seehr
schön. Und besser hier als am Teich vom Rottenmünster. Dort hat einer den
ganzen Teich geleert, das konnte nicht mal die Ordensschwester verhindern, die bisweilen
schwarz drohend am Ufer stand und verjagte.
In diesem Kanal zwischen Felswand und Wald, Himmel und
Flußbett darf er.
Ich sitze auf den Steinen am Ufer und gucke, und der
Blick sinkt und wird immer kleiner. Zwischen den Steinen steht Wasser. In solch
einem Minitümpel dreht es sich im Kreis,
um einen kleinen Kiesel herum, der geformt ist wie ein Tafelberg. Und im
Strudel drehen sich winzig kleine Pünktchen, Sand, oder Erde, oder
Kleinstlebewesen. Und ich stelle mir vor, wie die Welt für sie aussieht. Für
die ist dieser Tümpel ist eine ganze
Welt, und der kleine Kiesel ein Koloss. Die Lache ein Ozean, das Blätterdach
darüber die dunkle Weite des Universums.
Wasser. Wo alles begann.
Tröstlich. So lange es so etwas gibt, ist nicht alles
verloren.
Vom Einzeller im Wasser zum Kriechen an Land. Weshalb
sollte sich das nicht wiederholen lassen. Die Vorzeichen wären anders,
freilich. Vielleicht wären dann alles Zyklopen, oder Zweibeiner sähen aus wie
die Olchies.
Ach – müßig. Und am Ende doch nicht wirklich erquicklich.