Es mag nicht der beste Zeitpunkt sein – die Zeit des
fröhlichen Spielplatzsandelns ist bald vorüber. Im Rumgucken ist Advent. Aber nach dem Sommer ist immer auch VOR dem
Sommer, das nächste Jahr bringt wieder schöne Tage. Und die Mühlen von Politik
und Verwaltung mahlen bisweilen langsam. Ich kalkuliere mit ein bisschen
Vorlauf.
„Rottweil hat 50 Brunnen zu versorgen“, sagte mir erst im
Juli der Herr im Rathaus, der dafür zuständig ist.
Das sind doch hervorragende Voraussetzungen für einen
Spielplatz mit Wasserzugang und – spielen. Städte mit weniger Brunnen haben so
was – tolle Anlagen mit Gräben und Rädern, Pumpen und Kanälen, Sand und
Rindenmulch und Erde. Ich meine, wir kennen alle Spielplätze der Stadt; einen
mit Wasser haben wir – außer im Freibad, und der gehört nicht in die Liste der
frei zugänglichen Spielplätze – nicht entdeckt.
Am Nägelesgraben fließt zwischen Grünstreifen und
Busbahnhof ein hübsches Rinnsal, oben am Zufluss eingefasst in Stein und
Pflaster, unten naturnah bepflanzt, und – mit ein bisschen Abstand – sich durch
blühende Schotterwiesen schlängelnd. Nasse Füße sind erlaubt, Bauen nicht, so
viel ist sicher.
Selbstverständlich sind die Blumen nicht zum Pflücken und
der Kies nicht zum Bauen da. Wenn was herausgerissen wird, dann nicht von den
Kindern. Das habe ich zumindest noch nie gesehen, und wir sind oft da. Aber was
für ein städtebaulicher Irrsinn ist das: das Sandelzeug ist im Gepäck, im
Zweifel auch Gummistiefel und Matschhose. Und dass Wasser und Sand
zusammengehören, und alles mit Erde vermischt eine wunderbare Matschepampe
gibt, das weiß jedes Kind. Und die allermeisten lieben das auch. Hat sich einer
der Stadtplaner mal vorgestellt, wie schwer das sein kann, ein spielendes Kind
davon abzuhalten, zusammenzubringen was zusammengehört? Der Sand will in den
Bachlauf und unter irgendeiner Hecke wird Baumaterial gesucht. Hat sich einer der
Verantwortlichen mal Gedanken darüber
gemacht, was für eine Zumutung dies dicke rote „STOP!“ für Eltern bedeutet?
Es wäre ein – stelle ich mir vor – überschaubarer Aufwand,
aus dem Bachlauf ein Wasserspiel zu machen. Ist ja alles schon da.
Man müsste nur wollen, und weggehen von dem ´nimmt man in
die Planung 2028 mit rein´. Es gibt auch heute Kinder, die daran Freude hätten.
Und man dürfte ein Mal NICHT so konsequent und alles
überlagernd jegliches Trachten aufs touristische Wohlbefinden und schmucke
Aussehen anlegen.
Die Bushaltestelle nebenan ist wirklich adrett. Grün
überdacht, bunt, ein cooles Klohäuschen, ein stattlicher Rottweiler, schöne Bilder.
Gut gelungen, echt wahr. Die Kinder reiten ab und zu auf dem Rottweiler und
spielen und bauen im Übrigen glatt dran vorbei. Tourist und Kind sind sich überhaupt nicht
gegenseitig im Weg.
Und wenn einer sich doch stören sollte an Geschrei und wildem Treiben, an bis zu den Knöcheln in der Matschepampe steckenden Füßen und an dreckverspritzten Klamotten, wenn ihm zuwider liefe, dass er halt nicht an einem parkähnlichen Areal aussteigt, sondern bei einem Spielplatz, dann sei ihm empfohlen, er möge einfach weggucken. Das müssen die Kinder und Eltern nämlich auch, wenn weiter unten an dem weit profaneren Klocontainer an manchen Tagen die Schlange niemals zu Ende ist und Tourist um Tourist herauskommt und die nassen Hände in der Luft wedelt.
Man ist nicht in einem Freilichtmuseum. Man ist in einer bewohnten Stadt.
Ich mag meinen Job. Rundum. Naja, fast immer. Fast! Mal piesakte es schon hier, mal holperte es da – ich nehme an, das ist so, egal, was man wo tut. Mal ging ich schon fröhlich hin und verstimmt heim, mindestens genauso oft war es aber auch anders herum. So alles in allem meine ich das große Los gezogen zu haben. Von all den Jobs, die´s bis jetzt gab, ist das einer der besten.
Diese
Woche hat es mir besonders gefallen.
Es
war Herbstfest im Pflegeheim. Es ist ein psychiatrisches Pflegeheim für Männer
und Frauen zwischen 30 und hochbetagt. Im Grunde ist es wie ´draußen´ auch –
jeder ist in seinem eigenen Film, jeder hat seinen eigenen Vogel, nur krasser. Im
Festsaal wurde geladen zu Apfelschorle, Eis, Salzbrezeln und Tanz. Ein singender
Wirt hatte eine stattliche Playbackanlage aufgebaut.
Ich
habe mich in Diskotheken aufgehalten, war auf Konzerten, bei Partys und
Festivals – überall, wo getanzt wird. So was wie da habe ich noch nie erlebt.
Nicht die winzigste Spur von Herumlungern um die Tanzfläche, nicht das
geringste Zögern ´wer tut den ersten Schritt´. Kaum hatte meine Chefin die Musik angesagt,
und kaum hatte der Musiker auf ´play´ gedrückt und kamen die ersten Töne aus
den Boxen, stand die Erste auf, und mit ihr der ganze Rest – alles, was sich
irgendwie auf den Beinen halten konnte. Die Tanzfläche war nach den ersten zehn
Takten voll. Was sich bewegen konnte, bewegte sich, klassisch in Formationspaartanz,
oder sich einfach an den Händen haltend, und wenn es nicht aufging, dann bildeten
sich Kreise zu dritt, viert, wie es sich ergab und passte, oder es bildeten
sich lange Polonaisen. Rollstühle wirbelten umeinander, und wer sonst nicht
aufstehen wollte oder konnte, schunkelte; kaum jemand, der still saß, und
selbst die waren´s zufrieden.
Ein
Bewohner, der im Rollstuhl mehr liegt als sitzt und nur noch schwer den Oberkörper bewegen kann, war in Wacken und hob
die Hände wie zu Nirvana. Udo Jürgens oder Kurt Cobain – wo ist der
Unterschied.
Singen
kann er wirklich, der Wirt; souverän und mit beeindruckender Ausdauer
schmetterte er Schlager um Schlager, und alle strahlten, alle waren dabei,
viele sangen mit. Zwei Stunden lang, mit nur kurzen Rauch – und Trinkpausen. Chapeau.
Ich
war das erste Mal dabei. Ich arbeite normal nur vormittags, was die Art der Tätigkeiten
einschränkt. Auch in einem Pflegeheim tanzt man eher nachmittags. Es war ein
ganz anderer Blick auf die Bewohner, ein ganz neues Erleben.
Nicht
alle, aber viele sind schon sehr in ihrer eigenen Welt und nur wenig dem Außen
zugewandt, und wenn, dann schnell überfordert davon. Man will sie im Diesseits
halten. Weil es meist nicht so toll ist für den, der sich im eigenen Innern
verirrt. Und man will Bindungen schaffen, halt so was ganz normales, von ´Mensch
zu Mensch´, dass eben NICHT jeder so ganz für sich in seinem eigenen Film
spielt. Man will Wege in die Welt ebnen.
An
diesem Nachmittag taten sich völlig neue, ungeahnte Pfade und (Zu-)Gänge auf. Ein
großes fettes WOW.
Nach den Maultaschen leerte sich der Saal bald, nur ein paar Bewohner waren noch da und wir vom Personal, die die Tische abräumten. Und ich dachte, das war es nun. Feierabend. Aber dem aus Wacken fehlte was. Er begann zu singen, und schnell verstanden singender Wirt und erfahrenere Kolleginnen, was er sang, und also sangen alle mit und der Wirt drückte nochmal auf ´play´. Sierra madre, mit Inbrunst. Ein letzter Kreis, eine letzte Runde.
Kleine Zwischenbilanz der guten und weniger guten
Begebenheiten seit Wiedereintritt in den Alltag
Das nicht so Gute zuerst
einen Schlüssel verloren
zu viel Geld ausgegeben
versehentlich statt mit Shampoo mit Spülung die
Haare gewaschen. Ausgesehen wie zehn Tage nicht geduscht
auf der ug. Vernissage keine Häppchen mehr
bekommen
mit den To-do-Listen gleich wieder hinterher
gehinkt
die Vorsätze gleich wieder schleifen lassen
zu einer blöden Kuh nicht blöde Kuh gesagt,
wobei ich mir nicht sicher bin, ob das nicht sowieso eher in die untere
Kategorie der guten Begebenheiten gehört
den Termin für einen Elternabend erfahren, der stattfindet, wenn ich definitiv nicht kann,
und also hat sich die Frage nach einer eventuellen Kandidatur für den
Elternbeirat erübrigt. Auch hier bin ich mir nicht sicher, ob das nicht genauso
gut unten aufgeführt sein könnte
Gut gelaufen
den Schlüssel wiedergefunden
bei dieser sehr lustigen Vernissage mit anschließender Atelier-Party gewesen, was nun eigentlich ja gerade NICHT Alltag ist. Aber es war am Dienstag der ersten Schulwoche, und also darf das hier stehen
mich mit Musik im Kopfhörer in die Bilder hineingeträumt. Fly me to the moon. Aber gerne!
einem älteren Herrn einen Kopfhörer mit Stehblues gereicht und ihn mit Hardrock wiederbekommen. Und das, obwohl jeder Kopfhörer nur einen einzigen Song eingespeichert hatte. Mir ein absolutes Rätsel.
Der befangene Weinhändler und die Psychiaterin im Nervenkostüm. Selbstbildnisse und nackte Frauen. Grüne Schwaben und Jesus am Kreuz. Mein Favorit `Das ist Jazz´ trug schnell einen roten Kleber. Aber das entschlossene Mädchen auf der FridaysforFuture-Demo täte mir auch gefallen.
statt der Häppchen ein weiteres Glas Sekt bekommen
zusammen mit einer rotäugigen Exil-Berlinerin in der Werkstatt und im Schaufenster getanzt, und kurz war die Reeperbahn in Rottweil oberhalb vom Schwarzen Tor
einen IT- und Socialmedia-Entwicklungshelfer kennengelernt
ich fange an, an Engel zu glauben
mir wieder einen Akkuschrauber und diverses Werkzeug gekauft. Selbst ist die Frau. (Ich verdänge die Frage nach der Ökobilanz)
Job gut
gelaufen
Kindergarten gut gelaufen
Erster Schultag gut gelaufen
erster Besuch des neuen Schwimmkurses gefiel
Na bitte. Geht doch!
Da fällt mir auf – das Positive überwiegt – dicke!
So kann´s weitergehen.
Die Ausstellung von Frank Burkard in der Volksbank kann ich
übrigens nur empfehlen. Läuft noch bis Anfang Oktober.
Auf manchen Festen waren wir schon in großer Besetzung, ein
halbes Dutzend Erwachsene und fast ein Dutzend Kinder. Samstagnachmittag waren
wir zu viert auf dem Stadtfest, drei Kinder und ich, und jedes zog in eine
andere Richtung, zu dieser Flohmarktdecke, zu den Waffeln, zur nächsten voll
beladenen Decke, zum Bonbononkel, zu Pommes, zu Fanta und Erdbeerbowle, zu Hüpfburg
und Kinderschminken. Hoch und runter, keine Stelle ausgelassen.
Um fünf waren sie durch, und das wäre meine Chance gewesen,
endlich selbst nach etwas zu essen zu gucken, oder ein Glas zu trinken, mit irgendwem,
den ich schon lange nicht mehr getroffen habe. Aber dann platzte der Stiel von
Marthas Luftballonblume, nachdem er zuvor schon mal aufgegangen und tränenreich
zurück zur Reparatur gebracht worden war. Außerdem noch die Bowle verschüttet,
weil so viel Wespen dran gewesen waren. Was zu viel ist, ist zu viel! Martha
wollte heim! Sofort! Und die anderen beiden stimmten ihr sehr überzeugend zu. Dann
gegen ihre Neigung zu bleiben, wäre Folter gleichgekommen .
Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Da saß ich
also jetzt am offenen Küchenfenster. Allein, eine Tasse heißen Wassers in der
Hand. Unter mir strömten die Leute vor zum Schwarzen Tor, ich hörte die Musik
der Waldtorbühne und das ganze Rauschen der feiernden Menschenmenge, derweil
spielten die Kinder mit dem erstandenen Second-hand-Spielzeug im Wohnzimmer,
und ich hatte Hunger . Mit meiner Laune stand es nicht zum Besten. Ist das so,
wenn man alleine ist mit Kindern? Man sitzt allein am Küchenfenster, die Party
vor der Nase und doch weit weg?
Nee. Oder?
Zugegeben, ich hatte mir auch schon mehr Mühe gegeben mit
Gesellschaft. Wäre man zu mehreren unterwegs gewesen, wär´s anders gelaufen. Und
manchmal genieße ich unsere Dreisamkeit ja sehr, auch wenn sie da zu viert war –
das 4. Kind ist uns vertraut seit ihren ersten Krabbelbemühungen. Und ein
bisschen hat es sich auch einfach so ergeben, und ich habe so laufen lassen. Dies Mal waren die Einen in offizieller
Mission und Amt und Würden unterwegs, andere arbeiteten oder hatten keine Lust
auf Party. Jemand ist weggezogen, und jemand hat uns die Freundschaft
gekündigt. Ja, auch das gibt es. „Krasser Scheiß“, würde meine Freundin dazu sagen.
Stimmt. Wenn ich mir eine solche Geschichte hätte ausdenken wollen, wäre ich nicht darauf
gekommen. Krasser Scheiß. Naja. The times, they are changing. Dann halt so. Trotzdem
hatte ich uns vor meinem inneren Auge auf der Strasse tanzen gesehen, rumrennend
und mit Leuten stehend, in jedem Fall lauthals lachend und vielleicht sogar
dezent beschwipst. Ich träumte die Leichtigkeit eines heimeligen
Sommernachmittags mit einem Aperol bei Pinoccio, wenn das einzig Schwere darin
besteht, die Wespen von den Schokoladenschnuten fernzuhalten. Stadtfest – so – nur noch praller.
Stattdessen war das Wetter eher so – naja – mittel, und war
den Kindern null nach tanzen, und habe ich auch niemanden getroffen, mit dem
ich unbedingt was hätte trinken wollen, nach dem dritten Glas vielleicht, aber
es gab ja nicht mal das erste. Und zu
essen gab´s die Reste vom Vortag.
Ach. Was soll das Hadern. Fenster zu und gut. Ich BIN ja
nicht alleine. Da sind ja eben die Kinder, und drum herum eine Menge Leute, die
uns nahestehen. Im Moment halt grad alle anderswo. Kann´s geben. Hat man halt
die eine Party nicht gefeiert. Was soll´s. Es gab schon so viele, und es wird auch
wieder welche geben. Sei´s drum.
Und dann wollten die Kinder eine Dvd sehen , und ich war
quasi ´übrig´. Den Film kennen wir in – und auswendig, und ich habe schließlich
nicht immer To-do-Listen in peto für den Fall, dass eine Party platzt. Und also wieder Fenster auf, und da war noch
immer und sogar noch lauter als zuvor die Musik und das Rauschen, und mir fiel
die Lösung ein: sie sind ja nicht mehr
soo klein, und das befreundete Kind ist sogar noch ein Jahr älter. Sie können
telefonieren, und sie finden locker zur Bühne um die Ecke – falls was wäre. Ich könnte einfach eine Weile gehen.
Den Kindern Salzstängel gebracht und Saftschorle,
instruiert, welche Nummer sie zu wählen hätten, wo ich zu finden wäre, dass sie
nicht die Türe aufmachen, GabelMesserSchereLicht und so, dann „habt Ihr verstanden?“
Drehte sich Martha um: „mir ein Wurstbrot!“. Und sofort die
Augen wieder zum Film.
Hä?
Irgendwas ist da durcheinander gekommen. Ich rückte gerade, machte das blöde Wurstbrot, und
ging.
Es war die Stunde der Mantics. Der Verve der 70er Jahre, hemmungslos und
unschuldig. Ein Mann und zwei Frauen sangen Karaoke. Wow! Immer mal was Neues.
Es war mir nicht bewusst gewesen, dass so was in dieser Form bühnentauglich ist. War es aber. Rock und Pop querbeet, mal voll getroffen, mal
eine zarte Spur daneben, aber immer volles Rohr und mitreißend stimmgewaltig. Der Mann ausgiebig solariumsgebräunt, das
weiße Hemd blendete mit den Sneakers um die Wette; Muckibude, bestimmt – die Klamotten saßen stramm. So auch bei den
Damen, die eine Augenweide waren; opulent,
blond, schrill, aber nicht plakativ und
echt echt cool; da schöpft jemand gerne aus den Vollen, da schreit die
Lebensfreude aus allen Poren. Wer schlecht drauf ist, ist selbst schuld.
The Mantics
– you saved my party. So klasse!
Gefeiert haben wir dann daheim, die Kinder und ich, mit Saft
und Keksen, rosa Prinzessinnenkleidern und leuchtenden Ritterschwertern, Michael
Jackson und der auf dem Flohmarkt erstandenen Discokugel.
Gut auch, dass es immer zwei Tage sind. Und dass Regen nicht
unbedingt die Party ins Wasser fallen lässt. Es gab sie noch, die Plaudereien
hier und da, die Drinks, die Luftballons von OmaOpa, das Essen von einem der
Stände, und das Tanzen vor der Bühne. Schön war´s.
An manch einem Tag begegnet einem ein Sammelsurium an Themen,
und es scheint, als hängen sie alle zusammen. Donnerstag war so einer.
Eine Frau mittleren Alters – ledig, kinderlos, und seit
etlichen Jahren krank – vermisst den Sinn des Lebens und eine Aufgabe, eine
Wichtigkeit der eigenen Existenz.
Was soll ich da sagen? Wer auf der Welt ist, soll sich
seines Lebens möglichst erfreuen. Genügt inhaltlich vollkommen, finde ich. „Good
vibrations!“ Die Energie, die uns
hauptsächlich ausmacht, die sollte halt eine gute sein, und, so stelle ich mir
das gerne vor, die bleibt auch, wenn der Rest schon verwest ist. Zudem hängt der
Wert eines Menschen nicht von Erfolg oder Produktivität ab, sondern davon, wie
er andere berührt. Sie ist wichtig für MICH; ich lerne von ihr. Und ich
empfinde sie als der Welt zuträglicher als so manch anderer. Und da muss ich
nicht weit gucken:
Bei der Zeitungsrunde vorgelesen, und erläutert, dass in
Großbritannien jetzt ein Boris Johnson Premierminister ist, und dass der das
Parlament in Zwangspause schickt und also de facto entmachtet, um einen
Austritt Englands aus der EU ohne neue Regelungen zu ermöglichen. Johnson, ein
Typ wie eine Schießbudenfigur. In Amerika wütet Trump. Muss man gar nix zu
sagen. Im Osten regiert, so scheint´s,
der blanke, hirnamputierte Männlichkeitswahn. Im Nahen Osten werden neue Kriege
vorbereitet, während kleine Kinder
Hungers sterben in den bereits laufenden.
Und Deutschland liefert freudig Waffen.
Auch wenn die eine oder andere Frau bei all dem mitmischt –
im Großen und Ganzen ist das eine Männergeschichte.
Und es regiert die Wut und nicht das Denken.
Und dann wirft man Frauen Gefühlsduselei vor!
Vor dem Mittagessen aus einem Buch der Patientenbibliothek
zitiert:
„Fallt den Männern in den Arm, ihr Frauen, wenn sie die Welt
zerstören wollen.“
Papst VI hat das gesagt. In einer katholischen Kleinstadt
darf man den zitieren. Da ist das ein Wort, das gilt. Ich finde auch, wo er
Recht hat, hat er Recht!
„Genießen Sie das Wochenende und sorgen Sie für good
vibrations“, sagte ich zu der Frau ohne Aufgabe, und sie lachte und nickte. Und
ich glaube, der Ratschlag hat ihr gefallen. Wir waren in den Achtzigern auf
denselben Demos und bei denselben Konzerten, wir kennen dieselben Lieder und
mögen beide gestrickte Pulswärmer und bunte Stulpen und so Zeug.
Am Nachmittag dann mit dem Hund anderer Leute spazieren
gewesen, während Martha mit der Tochter des Hauses spielte. Die Mutter ist eine
vielbeschäftigte Frau, und so ist das eine Win-win-Situation – der Hund und ich
haben unseren Auslauf, Martha ihre Freundin, und die Mutter einen Job weniger.
Und ich lief durch Sonnenblumenfelder und überlegte, was das
alles geben soll.
Wie fühlt es sich an, wenn ein Krieg heraufzieht? Nicht
einer, der weit weg ist, sondern einer, den man riecht, spürt, und hört. So?
Sie dürfen nicht gewinnen. Sie dürfen nicht durchkommen
damit.
Aber wie stoppt man das?
„Good vibrations“. Klar! Das ist´s!
„Das ist ja wohl auch gesponnen!“ – ich höre schon das altkluge Nörgeln. Als ob
man mit good vibrations gegen Bomben ankäme. Das mag schon sein, das haut nicht
hin. Aber Bomben gegen Bomben machen auch nichts besser.
Unterlaufen statt bekämpfen. Einfach nicht mitmachen.
Scheißegal, was grad als guter Ton gilt – ein anderes Lied singen! Egal auch,
wer was für notwendig erklärt – nicht
mitziehen. Selbst bestimmen, was notwendig ist.
Es ist ja so: auch good vibrations unterliegen
Notwendigkeiten. Good vibrations
brauchen Liebe. Und good vibrations
spüren, wo sie bedroht sind, wo Zwietracht gesät und Hass geschürt wird.
Bestimmt wettern gerade deshalb die Hetzer und Kriegstreiber gegen alles, was
irgendwie nach ´Gutmensch´ aussieht. (Ein Irrsinn sowieso, dass das ein
Schimpfwort sein soll).
„Wir sind dazu berufen, die Liebe zu übertreiben“, sagte
Papst Paul VI außerdem.
Na bitte!
Male love, not war.
Ein Lebenszweck ist erreicht, wenn man den good vibrations folgt.
Ich sollte mir öfter Blumen in die Haare flechten.
Die Afd jetzt also eine ´Volkspartei´. Vielleicht streichen wir einfach mal dies Wort –´ Volks´. Eine Partei, die mehr als zwanzig Prozent hat. Schlimm genug, auch ohne Volk.
Ich verstehe ohnehin nicht, was genau das sein soll – ein
Volk. Als wäre das ein in sich geschlossenes Gebilde. Und wenn ich auch vage erahne, was gemeint
sein könnte, so versteh ich immer noch nicht, weshalb es ein ´deutsch´ braucht
um eine Identität zu besitzen. Ein wenig armselig ist das ja schon.
Es ist schon erstaunlich, dass es eine Partei schafft, sich also als ´volksnah´ zu stilisieren, die es nicht schlecht mit den Großkopfeten hat, mit Von und Zus, Millionären, Industriellen und Großgrundbesitzern. Das sind die, die nie genug haben, denen man gut und gerne unterstellen will, dass es nur darum geht, noch wichtiger und größer zu sein, und die mit dem Stimmvolk umgehen wie Feudalherren. „Sei mein und ich lass dich leben.“ Wie mies muss man drauf sein, dass man auf die simpelsten Knöpfe drückt, um Stimmen zu bekommen.
SIE sind es, die mit der
Angst schaffen. Angst vor Fremden, Angst vor Abstieg, Angst vor Fakten, vor Verboten,
Angst vor diesem und jenem, um die
Wurststulle, den Zwerg im Garten und um die eigene Identität. Da lästert
man in einem fort über Klimaschützer und Leute, die eine nachhaltigere Politik
fordern, wirft Panikmache und Lügen vor,
dabei ist dies eine durchaus
reflektierte Angst und basiert auf geprüften Erkenntnissen, und dann drückt man selbst viel fiesere Knöpfe.
Angst verändert das Denken. Weshalb man freilich gleich so übel Nazi sein muss, das erschließt sich mir nicht. Das ist dann schon unterste Schublade. Aber so ist das. Wenn einer ein Drecksack ist, dann steckt er damit gerne andere an. Das ist infektiöser als Grippe. Ein Mal herzhaft in den Äther genießt, schon hat man das Elend verbreitet. Und wo zu viele Drecksäcke beisammen sind, ist halt auch das Leben bald so – da wird in den Dreck gezogen, was nicht niet- und nagelfest ist. Dann ist´s doppelt leicht, den Leuten ihre Unzufriedenheit schmackhaft zu machen.
Freilich – bei vielen mag sich berechtigter Frust
breitmachen. Kein Job, keine Kohle, keine Anerkennung, alles ist düster, alles scheiße,
alles zum Draufhauen. Man hat vom Leben auf die Fresse bekommen, ist gekränkt
und fordert jetzt einen Platz an der Sonne. Das ist legitim. Das kann ich
verstehen. Und verstehen kann ich auch,
dass man eigentlich zurückschlagen will.
Aber bitte wen? So einfach
gibt es keinen Schuldigen.
„Zuhören!“ „Ernst nehmen!“ Gilt als Gegenrezept. Wird immer wieder mahnend verlangt. Als wären die schuld, die anders ticken, einfach, weil sie keinen Nerv auf ein so geballtes Selbstmitleid und dumpfes Poltern haben.
Ich weiß nicht – muss man wirklich? Wer gehört und ernst genommen werden will, der sollte es selbst schon auch ernst meinen mit der politischen Auseinandersetzung und nicht sofort „Lüge“ und „Verrat“ schreien, wo ihm ein Argument nicht passt.
Man kann Trost anbieten, Erleichterung
und neue Möglichkeiten. Die Gekränktheit zur Maxime politischen Handelns machen
kann man nicht. Und wer seine Möglichkeiten nicht sehen will, dem ist auch nur
bedingt zu helfen. Der eine ergreift seine Möglichkeit, der andre nicht, der
macht halt Stunk.
Der Rest muss es wohl aushalten. Einfach aushalten. 27 Prozent gegen 73. Beeindrucken lassen muss er sich nicht.
Bitte nicht! Ich bin noch nicht soweit. Herrje, so lang und so sonnig kann ein Sommer kaum sein, dass ich mal satt davon werde. 2018 ging. Sommer von April bis Oktober. Da sehnte sogar ich mich am Schluss nach tagelangem Schmuddelwetter, damit man mal wieder ruhigen Gefühls in der Bude bleiben und haushalten konnte. 2018 ging. Und das war eine Katastrophe. Wetter-/Klimatechnisch. 2003 ging auch. Hitze wochenlang. Auch das galt als Katastrophe. So rein wettermäßig habe ich anscheinend einen Faible für die Katastrophenjahre. Sollte ich mal drüber nachdenken.
Sei´s wie´s will – auf jeden Fall jetzt nochmal alles auskosten, rausholen, was
rauszuholen geht. Die Kinder sind bei
Papa. Am Wochenende allein noch mal einen Abend im eigenen Hof verbracht, anderntags
eine Freundin besucht, eine Nacht im Eschachtal, unter Sternen eingeschlafen,
eine Radtour nach Hause, hinter mir der Schwarzwald, vor mir die Schwäbische
Alb, alles in Sonne getaucht, daheim die Tasche gepackt, für die Cabrioletfahrt
an den Rhein.
Auf das Cabrioletfahren hatte ich mich echt gefreut. Hab gedacht, ich werd mich fühlen wie Grace Kelly an der Corniche. Hatte das Kopftuch entsprechend umgebunden und die Sonnenbrille auf. Und ich war wirklich gewillt die Fahrt zu genießen. In den Kurven rutschte es von einer Arschbacke auf die andere, aber egal, auch das kann ja lustig sein. Und dann wurd mir bei 150 kmh eben doch zunehmend mulmig, und sowieso, wenn sich dabei Hände vom Lenkrad lösten und in der Handtasche nach dem Lippenstift angelten, oder im Fußraum nach dem Sprudel, und in der Zwischenablage nach dem Handy, wenn Augen hierhin und dahin schweiften und der Abstand zum Vordermann so kurz wurde, dass ich ohne Fahrtwind hätte rüberspucken können. Und dann hielt für gefühlt einen Kilometer eine Hand das Handy über die Armatur unter die Frontschutzscheibe und machte ein Selfie von uns beiden, darauf die Eine lachend mit schickem Hut und rotem Lippen, die Andre mit Tuch und Sonnenbrille, Falten auf der Stirn, Kräuselkinn und deutlich angespanntem Zug um den Mund. Das mit Grace Kelly hat eher nicht geklappt. Naja. Die Assoziation war sowieso ziemlich verwegen.
Rheinschwimmen ist großartig. Kaum ist man mit den Füßen drin, ziehts auch schon. Man geht weiter rein, das Wasser ist frisch und kühl und klar, man fängt an zu schwimmen und denkt, man hat´s voll im Griff, und plötzlich merkt man, wie der Fluss einen hat, wie rasant er einen mit sich trägt. Er hat einen voll gepackt. Man muss sich schon anstrengen, um wieder Richtung Ufer zu kommen. Gegen den Strom geht gar nicht. Ich ließ mich mittragen, mal auf dem Rücken, mal auf dem Bauch. Ich schwamm mit dem Strom, komischer kamen mir mitunter trotzdem Wellen entgegen, und es hob und senkte mich, während ein ausgesprochen hübsches Dörfchen vorüberzog. Dabei war ich es, die glitt. Ich dachte, ich geh mal Richtung Ufer, nur um zu testen, wie´s geht. Gar nicht so einfach. In die Uferbefestigungsmauer sind Stiegen und Geländer eingelassen. Den ersten Ausstieg erwischte ich nicht, die Strömung war zu stark und trug mich weiter, ich nahm die nächste, und schlug mir das Knie auf. Man muss erst mit dem Fuß gegenhalten. Aha! Ich lief zurück und ging weiter oben nochmal rein. Nächster Versuch. Scheiß auf das bisschen Blut. Der Rhein ist nicht der Amazonas, hier hat es keine Piranjas. Diesmal schwamm ich die volle Länge. Frühzeitig vor der Brücke hängte ich mich an zwei reife Damen, dachte, was die können, kann ich auch, und ordnete mich nach ihnen rechts ein, glitt vorsichtig am Brückenfuß entlang, gleich dahinter ging’s rein in den Bootsanlegeplatz und hoch zur Straße. Zurück zum Strandbad. Und so wiederholte sich das noch einige Male.
Wir tranken zum Schluß jede ein alkoholfreies Weizen, kein
Alk!, wenigstens, und fuhren in der Abendsonne zurück. Ich strengte mich an,
locker zu bleiben. Meinen Schiss hatte ich auf der Hinfahrt zaghaft erwähnt und
wenig Erfolg damit gehabt. Und also ging´s eh nicht anders – mitgehangen mitgefangen.
Manchmal muss man vertrauen, ob man will oder nicht. Und schön war´s auch trotz und mit Muffensausen. Grace Kelly
an der Corniche spiele ich halt nicht mehr so schnell.
Zum Wochenanfang nochmal Freibad. Am Dienstag zum Stausee. Mittwoch?
Gleich nochmal – bevor es vorbei ist.
Mir graut davor. Ich will mir den Herbst schön denken, mit buntem Laub und Kastanien, prächtig blühenden Astern und Morgennebel. Es fällt mir nicht leicht. Ich denk mir, nach dem Sommer ist vor dem Sommer, nach der Reise sollt´ man gleich die nächste planen, ich überlege Bergtouren und Badeurlaube. Und einen Kurztrip dazwischen. Ich war noch nie in Heidelberg, und Mannheim kenne ich auch nicht. Geht alles mit dem Zug. Bestimmt. Obwohl – bei der Bahn weiß man ja nie -. Oder Ulm. Da kenn ich wen. Meine Gästin vom Narrentreffen.
Apropos. Daheim ist´s auch schön. Stadtfest. Das ist doch
ein brauchbarer Trost! Es gab da mal eins, da war eine Riesensause hinterm
Münster, zwischen Schuhmacher Auch, der damals noch ´Kunst und Handwerk´ war, und
Weinstube Russ. Und in einem anderen Jahr spielte eine Band hinter der alten
Post, die ich heute noch in den Eingeweiden spüre. Die war toll!
Stadtfest. Heuer mit Kindern. Und es wird eher die Hüpfburg im Sonnensaal und der Flohmarkt um Schwarzes Tor und Münsterplatz. Und für mich wieder ketchupverschmierten Wecken, übriggeblieben von Marthas heißer Roter, statt gebratenen Sardinen von den Portugiesen. Und wir sind unterwegs mit OmaOpa. Die treffen auch alte Bekannte und sorgen außerdem für Luftballons und Gruschd. Ach, und dann spielt eine Band, die ich unbedingt sehen will, „not´jacob“. Weißbrot Reggae. Ich bin gespannt. Im Übrigen gibt´s ein Fanta hier, ein Schorle da, viele Plaudereien und Trubel ringsum – ich freu mich drauf.
Jetzt ist er eh vorbei. Schade. Wir haben ihn echt gern, den Ferienzauber.
Dies Jahr aber hatten wir kein Glück damit. Das ganze Jahr pendeln wir zwischen Hausen und Rottweil hin und her und weisen im Schnitt ein Mal wöchentlich auf den Wasserturm, und Martha fragt „wann ist wieder dies Fest?“. Das ganze Jahr freuen wir uns auf diese zweieinhalb Wochen, und dann hat Martha ihre Verletzung am Fuß, die sie vollkommen immobil macht, und kurz darauf sind wir verreist. Und als wir zurück sind, isses rum.
Ein einziges Mal hat´s geklappt. Und das ging in die Hose.
Ich hatte die Kinder bei ihrem Papa abgeholt. Eh eine
Situation, in der wir alle drei kurz Zeit brauchen, uns zu akklimatisieren.
Martha ließ sich aufs Festgelände tragen und zum Kinderschminken in die Schlange setzen,
Anton wollte erstmal ins Zelt im Kinderbereich. Da wird viel gebastelt, und das
macht er gerne, und wenn nicht das, dann gibt es dort eine Menge Spiele und
Ecken, in denen man sich beschäftigen kann. Besser formuliert – gab´s. Dies Mal stand er etwas ratlos herum. Das Regal
mit den Spielen fehlte, auch keine Bücher, und für einen siebenjährigen Jungen
auch nicht wirklich Spielzeug. Und am Basteltisch ging es an diesem Tag um
Blumen und Herzen. Er ist beim Basteln flexibel, aber Blumen und Herzen – naja –
das ist halt zu sehr ´Mädchen´, für seinen Geschmack. Draußen fehlten die
Hängematten im Gebüsch, die es im Vorjahr gab, und das Einzige, das Jungen in
seinem Alter so trieben, war kicken im eingezäunten Kickbereich. Das macht er
halt aber nicht so gerne. Kicken – einfach nich so sein Ding. Federball, Tischtennis,
Boccia oder Frisbee – geht alles, nichts gegen Wurf – und Ballspiele, aber Kicken
ist es halt eher nicht.
So stand er also rum und wusste nichts recht anzufangen. „Was
kann ich denn da machen?“ Da entdeckte ich die Werkbank in der Ecke. Wunderbar.
„Komm, wir gucken mal!“. War er sofort dabei. Werkeln ist wie basteln, nur
besser. Und wir standen kaum da und guckten mal in Kisten und Schubladen, da
kam ein junges Mädchen und wies darauf hin, dass diese Werkbank nicht zur Verfügung
stehe.
„Was? Wieso?“
Daran wird nur gearbeitet, wenn sie, die Mitarbeiterinnen des
Ferienzaubers, daran einen Programmpunkt anbieten.
„Soll das jetzt nur
zum Angucken da sein? Ist doch Käse.“
So sei es eben.
Mag sein, nee, war ganz bestimmt so, dass ich recht heftig
reagiert habe. Es war nicht die beste Zeit des Jahres. Es war so einiges zusammengekommen,
das an den Nerven zerrte, Marthas Verletzung setzte dem nur noch eine
dramatische Krone auf. Ich war aggro, und urlaubsreif. Man hätte dasselbe freundlicher und gelassener
rüberbringen können. Zugegeben. Aber ich war auch nicht von Sinnen! Ich wusste
schon noch, was man sagen kann, was nicht, und worum es ging. Was kann ein
siebenjähriger Junge hier tun? Ist irgendwie nix im Angebot, nicht, wie in den
letzten Jahren. Und das Einzige, das wirklich interessant wäre, soll jetzt
nicht zur Verfügung stehen. Was soll das denn?
Sie könne nichts dafür, sagte das junge Mädchen.
Weiß ich. Aber sie könne es weitergeben.
Sie könne nichts dafür, sagte das junge Mädchen.
Weiß ich. Aber sie könne es weitergeben.
Das wiederholte sich mehrere Male. Schließlich gingen wir
raus, das Mädchen ging zurück zum Basteltisch und Anton traf einen Freund, mit
dem er durch Wald und Gartenanlage stromerte. Martha war geschminkt und wollte
jetzt basteln, für sie sind Herzen und Blumen prima, und ich stand bei ihr, als
die Dame kam, die das Zelt leitet.
Ich gehe mal davon aus, sie war wie ich urlaubsreif. Passt
ja in die Zeit. Durchaus auch aggro stellte sie sich mit vorgebeugtem
Oberkörper, die Hand in die Hüfte gestützt vor mich und blickte mich
angriffslustig an.
Wie ich dazu komme, ihre Mitarbeiterin anzugreifen.
Hab ich nicht, es ging um die Werkbank.
Ihre Mitarbeiterin habe sich aber angegriffen gefühlt.
Das tut mir leid. Es ging um die Werkbank. Und darum, dass
es anders als in den letzten Jahren keine Spiele, Bücher undoder Spielsachen
für auch etwas größere Jungs gibt.
Das sei aber komisch. Dann sei mein Sohn ja wohl der erste
Junge, der nichts findet. (So´n Unterton
schwingt mit, was dem denn fehlt.)
Pah! Musste das jetzt
sein?
Ich will nicht mit Ihnen streiten!, sagte ich.
Ich mit Ihnen schon, sagte sie. Sie verteidige ihre
Mitarbeiterin.
Okay! Ich brachte mich in Position, reckte das Kinn ein wenig vor – dann soll´s so sein. Dann stünden hier jetzt also zwei Kampfhühner einander gegenüber! Eine Prise Komik hatte die Szene. „Ich habe die Mitarbeiterin zwar nicht angegriffen und finde auch völlig in Ordnung, dass sie, was ich ihr aufgetragen habe, auch tatsächlich weitergegeben hat, aber wenn es nun irgendwie persönlich sein soll und jede wen hat, den es zu verteidigen gilt – okay, dann verteidige ich meinen Jungen! Mit dem alles in Ordnung ist! Der nur nicht so gerne kickt und lieber Jungensachen bastelt!“ Komm mir wer blöd – pah!
Aber weil es ja wirklich nicht um junge Mädchen oder kleine
Buben ging, wiederholte ich, was ich zuvor schon gesagt hatte. Dass dies Jahr kein Regal dastand mit einem
Sammelsurium an Spielen und Büchern, und dass ich Käse fand, dass die Werkbank
nur zum Angucken da sein sollte.
Sie will nicht jedes Jahr neu einkaufen, sagte die Dame.
Versteh ich nicht. Dafür gibt´s doch sicher ein Budget. (Und
sowieso – wenn man zweidrei Mal bei Aktion Eine Welt im alten Moker war, hat
man einen ganzen Container voll Spielen und Zeug, für wenig Geld).
Sie kaufeja ein. Erst an diesem Mittag haben die Mädchen vom
Schminken gesagt, sie bräuchten wieder Farben. Das besorgt sie!
Ja. Klar. Prima! So ist das vermutlich auch gedacht. Aber
weshalb nicht Spiele? Logisch ist auch da Verschleiß und Schwund. Aber so ist
das halt. Dafür gibt es ein Budget.
Wem es nicht passt, der müsse ja nicht herkommen. Sagte sie.
Oh! Das fand ich jetzt aber auch nicht sehr nett.
Natürlich MUSS man nicht. Man will aber. Weil´s einem halt
auch gefällt am Wasserturm. Ich weiß es nicht genau – aber ich meine, der Ferienzauber
war einst ein Projekt der Stadt, und vom
MUM, was auch irgendwie ein städtischer Verein war oder ist, geplant und
durchgeführt, und zwar als Ferienangebot für alle, groß und klein, männlich, weiblich, oder divers, Schlagerfan
oder Folkfreak , wohlhabend oder mit
eher dünnerem Geldbeutel. Alle halt. Irgendwann übernahm als professioneller Veranstalter
die Trendfactory, die selbstverständlich ein auf Gewinn gepoltes Unternehmen
ist, und das ruhig auch sein soll. Daran ist nichts auszusetzen. Ich nehme ja leicht hin, dass jeder Besuch
wenigstens zwanzig Euro kostet, weil sowohl ich als auch jedes Kind wenigstens ein
Getränk und an einem Stand etwas zu
essen kaufen will, was kostenbedingt bei uns eher Pommes und Heiße Rote sind,
weil Lachs und Veggieburger zu teuer. (Das
zweite Getränk ist Wasser aus der mitgebrachten Trinkflasche, und anstelle
eines Besuchs des Süßigkeitenstandes führe ich eine Packung Kekse mit.) Nichtsdestotrotz ging ich aber stets davon
aus, dass der ursprüngliche Gedanke, dass der Ferienzauber ein Angebot für alle
sein soll, weswegen es auch städtische Zuschüsse gibt, weiterhin Gültigkeit
hat. Und also darf auch entsprechend investiert werden.
Nicht?
Es ging so hin und her. Der Ton immer zwischen ´persönlich´
und dem eigentlichen Thema schlingernd. Alles wiederholte sich ein paar Mal. Am
Ende fragte ich „sind wir jetzt quitt?“ Das schienen wir zu sein, und es war auch „selbstverständlich“
kein Problem, die Werkbank zu benutzen, „solange
Sie dabei bleiben“. Freilich. Das war mir klar und war auch zu keinem Zeitpunkt
anders vorgesehen. Wir bastelten dann Männchen aus Korken.
Und beim Heimgehen erinnerte ich mich, wie ich als junges Mädchen in Sydney in einer Sandwichbar gearbeitet habe, im Queen-Victoria-Building. Der erste richtige Job meines Lebens. Ohne workpermit, weil es das damals noch nicht gab, man jobbte eher so ein bisschen illegal. Schon allein das lässt einen sich angreifbar fühlen. Jede Sandwichrezeptur trug einen anderen Namen, es gab eine Queen Elizabeth-Kombination, Prinz Edward und Charles, Princess Anne und King George. Dutzende Namen und Kombinationen, wahlweise auf white oder wholemeal, double oder oneslice. Und ich weiß nicht mehr, hab ich das Fleisch einer Queen Mary auf einen Prinz Philipp gepappt oder white statt wholemealbread verwendet – eine Kundin machte mich rüde an, weil ich sie zwei Mal falsch verstanden hatte. „Is that too thick for you?“, blaffte sie unter anderem. DAS war persönlich angegriffen. Ich fühlte mich schrecklich blöde. Damals hätte ich mir eine solche Chefin wie die Dame auf dem Ferienzauber gewünscht, die sich schützend vor mich stellt. Die Chefin, die ich hatte, war nur unwesentlich älter als ich und grinste schadenfroh. Fand ich voll fies. Ich kam darüber hinweg mit einem herzlichen, gedachten ´blöde Kuh´ und noch ein paar Worten mehr aus dieser Kategorie.
Die Welt ist in einem desaströsen Zustand. Friedlos und
aufgewühlt. Und wir sind zu schnell beleidigt. Wir nehmen zu persönlich. Wir
trennen nicht zwischen Thema und eigener Person. Und stellen das eigene Interesse immer
zuoberst.
Man reist und sagt ´Urlaub´, und darin schwingt Erholung, Entspannung, Entschleunigung und süßes Nichtstun mit, so quasi ein Nicht-Erleben an einem schönen Ort. Und dann war es halt doch mehr Reise als Erholung, und mehr Neu als Nicht-Erleben. ein Trip ins Unbekannte voller Herausforderungen , und der Ort WAR wunderschön, und er barg seine Abenteuer. Und so sollte es auch sein – erholen kann man sich zuhause auf dem Sofa wieder!
Die ersten Tage teilten wir das Haus mit einer Freundin mit Kind, und schon alleine diese Kombination ist neu und bedurfte Übung und Diplomatie. Keine Ahnung, wie gut es derzeit um mein diplomatisches Geschick bestellt ist. Wir kamen so durch, und alle hatten, momentanen Befindlichkeitsstörungen zum Trotz, eine gute Zeit. Denke ich mal. Das muss genügen.
Manche Themen verfolgen einen ja wie Schnaken in der Abenddämmerung – Standarts und Hygiene. Als ob es im Job nicht genügte. Herrje. Was soll´s – ein bisschen Staub hier, ein paar Spritzer oder Kalkflecken da – ein verlassenes Bergdorf ist kein Ferienresort und unser Haus nicht wie vom Superhost bei Booking.com. Auf dem Balkon – linkss thronten die Berge über, rechts strahlte Chiavenna golden unter mir – vergaß ich sowieso Raum und Zeit und fühlte mich wie im Fünf-Sterne-Hotel. Das Haus gehört Freunden, die es in Ferien und Urlauben renoviert haben, und die es netterweise eben mit Freunden und Bekannten teilen. Den Roomservice besorgt jeder selbst. Wir waren ein bisschen beschäftigt bis alle zufrieden sein konnten.
Der Nachbar aus der Stadt unten, der ins Dorf hochkommt in seine Datsche, erzählte, die tropische Schwüle sei neu. Klimawandel und so. Wir wurden eingeladen auf einen Sekt für mich und Eis für die Kinder, und ich erfuhr, dass man sogar hier Merkel für alles Ungemach in der Welt verantwortlich macht.
Danke Merkel. Arme Angela. Hätte ich auch nicht gedacht, dass ich das mal noch schreibe.
Neuerdings gucken wir zuallererst ins Klo, und Martha sagt ´ist niemand drin´, und dann erst setzt sie sich. Und hinterher Deckel runter! Nie vergessen! Nie nie nie! Zu präsent ist uns das Siebenschläferkind, das wir zuerst, als nur die Nasenspitze rausguckte, für eine Ratte hielten, weil´s für eine Maus zu groß war. Aber der Schock wich schnell dem Mitleid, da saß kein gefährliches Beißtier, das uns mit Viren und Krankheiten torpedieren wollte, sondern ein kleines Wesen in schockschwerer Not. War wohl auf der Suche nach Wasser hineingeplumpst. Die pure Verzweiflung blickte da aus der Schüssel, unmöglich, nicht davon berührt zu sein. Und wenn es hundertmal eine Ratte sein sollte – es war eine Ratte in Not. Die lange Hose angezogen, Boots und Jacke, im Keller nach Handschuhen gesucht, einen Stock und eine Schaufel mitgenommen. Und die Taschenlampe. Das Tierlein schien zu schwach oder es steckte fest – am Stock jedenfalls konnte es sich nicht heraushangeln. Also doch die Schaufel. Und es legte sich darauf und ließ sich rausheben, und sank schlaff auf den Boden, und der Schwanz war buschig, nicht nackt wie bei einer Ratte, und also war es ein Siebenschläferkind, ein furchtbar erschöpftes. Reglos lag es am Türrahmen; ich verstand´s – das war ein Schock; es würde erstmal Ruhe brauchen. Stunden später aber sah ich es im Schein der Taschenlampe zitternd im Grass liegen. Oh je. Das sah nicht gut aus. Und also nahm ich es hoch, wickelte es in ein Handtuch und legte es in der Dusche auf den warmen Holzboden. Da sollte es entweder ein sanftes Ende oder aber Erholung finden. Ob wir es mit heim nehmen sollten? Auf dass es ein Heim fände in der Kommode, die eigentlich für Ratte Rosi gedacht war? Wir könnten Steine und Äste mitnehmen und Höhlen bauen, und im Herbst Nüsse und Kastanien sammeln und Bucheckern. Am nächsten Morgen hatte sich die Frage erübrigt – es war nicht mehr da. Vielleicht hat es sich erholt und ist heimgekehrt zu seinen Lieben? Wir hoffen es inbrünstig.
Immerhin hat es sich das schönste stille Örtchen ausgesucht, das wir kennen. So sehr gefiel es uns, dass wir es bisweilen bewohnten wie ein Wohnzimmer. Nachts, wenn kein Kind mehr alleine aufs Klo geht, zogen wir gemeinsam in kleiner, eingeschworener Kolonne durch den schwarzen Garten hinab, Anton, Martha und ich, und jeder trug eine Taschenlampe, wenigstens einer von uns einen Stock. Falls doch wieder der Fuchs vor uns stehen würde, der vermutlich mehr Angst vor uns hatte als wir vor ihm, aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste – so fühlten wir uns sicherer. Und es machte auch mehr Spaß. Den Garten ausgeleuchtet wie Sherlock Holmes eine alte Burg, die Türklinke gedrückt – leicht anheben, sonst klemmt´s – schnell rein und Türe zu. Einer führte durch die Sitzung, die anderen fläzten in Klappsesseln vor der Felswand, und so richteten wir im Geiste weiter ein und bauten aus. Ein Königreich von einem Örtchen.
Baden am Lago di Mezzola, und dolce vita im Fluss am Wasserfall. Es war sonnig und heiß, und Familien machten Picknick, und Kinder tauchten unter den Kaskaden, und das Wasser blitzte und funkelte, der Wasserfall rauschte betörend im Hintergrund – da war kein Halten mehr – da musste man rein, und sei´s mit Kleidern. Was ein Spaß! Nie war Planschen schöner. Und hindurch getaucht unter einer Kaskade, hinterm Vorhang aus Wasser kniend, da schrie´s die Freude laut heraus. Dafür allein lohnte die Reise.
Auf dem Heimweg ein Besuch bei ehemaligen Nachbarn in Oberndorf am Lech. Würd´s einen normal nie hinverschlagen, eine Ebene im Krater Donau-Ries, der Meteorit lässt sich noch erahnen. Ein Schlafdorf, in dem kaum jemand unterwegs ist, ein stilles Dorf, lauter kleine Wohnidyllen, manche akkurat angelegt mit Kies ums Haus, gestutzten Buchsbäumchen und Wimbledonrasen, Trampolin nicht zu vergessen, manche wild verwachsen, mit Sonnenblumen und alten Zwetschgenbäumen und wenn´s Platz hat, sogar mit Pferdestall. Die Anwesen sind groß, ein jeder darf sich ausbreiten. Arzt und Apotheke gibt es nicht, aber einer bietet Männerseminare an, mit Urschrei und so, eine andere Yoga/Meditation und Lebensberatung, im Dorfladen, der mit viel Bio und Regional glänzt, liegen Flyer aus für Biodancekurse, der neueste Hit aus Irgendwo, von wegen der inneren Mitte, dem eigenen move und groove und so, und die Wirtin unserer Pension, die mein mitgebrachtes Treibholz im Kofferraum entdeckt hat, erzählt von Waldwächtern, (von denen sie einen gefunden hat – er steht als Baumwurzel im Flur des unteren Gästetraktes), die man um Erlaubnis bittet, bevor man den Wald betritt. Großartig! I love it. Wie prosaisch kommt mir Rottweil vor dagegen. Und es wundert mich auch gar nicht mehr, mit welchem Gleichmut alle hinnehmen, dass das Dorf seit Monaten aufgerissen ist und es für mindestens genauso lange noch sein wird: immer wieder hebt ein Bagger einen Graben aus, macht irgendwas, schüttet wieder zu, dasselbe am anderen Tag an anderer Stelle, um Wochen später zurückzukommen und da weiterzumachen, wo er schon mal war, und keiner weiß, wenn er morgens das Haus verlässt, ob er abends wieder gleich reinkommt.
Oberndorf am Lech. Echt eine Reise wert. Wer hätte das
gedacht.
Eine tolle Reise war´s. Viel erlebt, es schön gehabt. Und dann Heimkommen. Daheim sein. Wir verlassen die Bude auf Tage hin so gut wie nicht. Mei is des schee.
Ich liebe den August, in dem das Leben so innehält. Viele
sind verreist, die Stadt ist manchmal wie leer gefegt, die Grillen zirpen bis
in die Gassen hinein, und in der Hitze wird alles langsam und träge, und ein wenig
besinnlicher.
Sommer. Die schönste Zeit des Jahres. Und mehr als an Silvester
geht es im Sommer um Ende und Neuanfang. Schulkarrieren beginnen oder hören
auf, Studien und Ausbildungen fangen an, man nimmt den einen, großen Jahresurlaub,
und es gilt als Pflicht eines jeden ordentlichen Arbeitnehmers, alles, alles zu
tun, was gut tut, nur ja nicht an den Job zu denken. Abstand! heißt die Parole.
Wunderbar.
Ende und Anfang auch bei uns. Ein paar Leute sind weggezogen oder haben unsere Umlaufbahn anderweitig verlassen. Unser Sonnensystem sortiert sich neu. Es werden neue Mieter ins Haus ziehen, mit Kind, was klasse ist, wir werden eine Ratte haben, sie soll weiblich sein und aller Wahrscheinlichkeit nach Rosi heißen und in einer ausrangierten Kommode wohnen. (Für Tipps, wo man eine solche Rosi herbekommen könnte, sind wir dankbar). Und ich will endlich regelmäßig ins Aikido und mal blicken, wie´s geht. Und der Verschlag auf dem Speicher wird ausgemistet werden. Bestimmt!
Aber davor verreisen wir. Die Wunde der Kleinen heilt, die
Fäden werden bis dahin hoffentlich gezogen sein, die Koffer stehen bereit.
Cranna. Norditalien. Bei Chiavenna, der erste größere Ort nach dem Splügenpass.
Letztes Mal ist der Große dort den Berg hochgerannt. Ich wundere mich heute noch, wie er das
geschafft hat. Wir könnten diesmal ein Wettrennen machen; ich werde verlieren,
so viel ist sicher, aber wenigstens weiß ich dann, worum es geht. Wir werden in
der Hängematte liegen bis der Hintern vom Liegen weh tut, wir werden unter
Wasserfällen baden und in Maronenwäldern
wandeln. Wir werden Pizza essen und Rotwein trinken , ich zumindest, über
Märkte schlendern und so gut wir können dolce vita genießen.
Und so sitz ich und träum und bin im Kopf schon dort, und mein Blick wandert aus dem Fenster hoch zum Hochturm und wieder zurück zum Koffer und fällt dabei auf die Maske aus Nepal, die missbilligend auf mich niederblickt. Wie ein Turban sitzt eine Schlange darauf und züngelt von oben herab. Daneben zwei balinesische Schnitzereien, filigrane Gesichter, die mehr mit sich selbst als allem anderen beschäftigt sind, auf dem Kopf tragen sie kleine Pagoden. Schiller ist ernst wie immer, und die Narren warten auf acht Uhr (für Nicht-Eingeweihte: um acht Uhr in der Früh beginnt in Rottweil der Narrensprung). Und ich starre auf sie, und sie ignorieren mich, und es kommt mir vor wie früher, als ich lauschte, wann die Tür ins Schloss fiel, ´sturmfrei´, und ganz genau so warten sie jetzt – ´wann gehen sie´ – und kaum sind wir weg, da werden sie zu neuem Leben erwachen. Und die Schlange umschmeichelt Schiller, der winkt lässig ab; der dichtet Versuchung, er erliegt ihr nicht.
„In den öden Fensterhöhlen/Wohnt das Grauen/Und des Himmels Wolken schauen/Hoch hinein“. Es wabert im Giebel.
Schiller schielt ungerührt auf die Balinesen, aber die interessieren sich nur für sich selbst. Meines Bruders Büste blickt souverän und dezent amüsiert von oben herab; er wartet ab, was geht und mischt dann später mit. Die nackte Frau darunter aber setzt sich sofort auf und geht rüber zu den Narren, und die geraten völlig außer sich, ihre Schantle-Schirme verheddern, und alle eilen völlig verwirrt in das mystische Südseeparadies nebenan. Verirren sich dahin. Die Schemen aus Mutters Bürobild kommen hinzu, und der nackte, liegende Mensch dreht sich endlich mal auf den Rücken. Das Schwarzwaldmädel verliert im Gewimmel seinen Hut, und der sonst übliche arrogante Gesichtsausdruck entgleist. Und am Ende ist´s ein heilloses Tohuwabohu und alle sind aus dem Rahmen gefallen und keiner weiß mehr, wo er hingehört. Und sie rasen durch die Wohnung, reißen Sockenpaare auseinander und verteilen alte Zeitungen auf dem Fußboden, der Schreibtisch wird noch unordentlicher als sonst, und dann gucken sie, ob noch was im Kühlschrank ist, oder noch Gin zum Tonic im Haus.
Ob ich daheimbleiben sollte?
Vielleicht hat mir auch nur der letzthin gesehene Film –
´Nachts im Museum´ – nicht gutgetan.