Von Siebenschläfern, Merkel in den Bergen, Urschreien und anderem

Man reist und sagt ´Urlaub´, und darin schwingt Erholung, Entspannung, Entschleunigung und süßes Nichtstun mit, so quasi ein Nicht-Erleben an einem schönen Ort. Und dann war es halt doch mehr Reise als Erholung, und mehr Neu als Nicht-Erleben. ein Trip ins Unbekannte voller Herausforderungen , und der Ort WAR wunderschön, und er barg seine Abenteuer. Und so sollte es auch sein – erholen kann man sich zuhause auf dem Sofa wieder!

Die ersten Tage teilten wir das Haus mit einer Freundin mit Kind, und schon alleine diese Kombination ist neu und bedurfte Übung und Diplomatie. Keine Ahnung, wie gut es derzeit um mein diplomatisches Geschick  bestellt ist. Wir kamen so durch, und alle hatten, momentanen Befindlichkeitsstörungen zum Trotz, eine gute Zeit. Denke ich mal. Das muss genügen.

Manche Themen verfolgen einen ja wie Schnaken in der Abenddämmerung – Standarts und Hygiene. Als ob es im Job nicht genügte. Herrje. Was soll´s – ein bisschen Staub hier, ein paar Spritzer oder Kalkflecken da – ein verlassenes Bergdorf ist kein Ferienresort und unser Haus nicht wie vom Superhost bei Booking.com. Auf dem Balkon – linkss thronten die Berge über, rechts strahlte Chiavenna golden unter mir – vergaß ich sowieso Raum und Zeit und fühlte mich wie im Fünf-Sterne-Hotel. Das Haus gehört Freunden, die es in Ferien und Urlauben renoviert haben, und die es netterweise eben mit Freunden und Bekannten teilen. Den Roomservice besorgt jeder selbst. Wir waren ein bisschen beschäftigt bis alle zufrieden sein konnten.

Der Nachbar aus der Stadt unten, der ins Dorf hochkommt in seine Datsche, erzählte, die tropische Schwüle sei neu. Klimawandel und so. Wir wurden eingeladen auf einen Sekt für mich und Eis für die Kinder, und ich erfuhr, dass man sogar hier Merkel für alles Ungemach in der Welt verantwortlich macht.  

Danke Merkel. Arme Angela. Hätte ich auch nicht gedacht, dass ich das mal noch schreibe.

Neuerdings gucken wir zuallererst ins Klo, und Martha sagt ´ist niemand drin´, und dann erst setzt sie sich. Und hinterher Deckel runter! Nie vergessen! Nie nie nie!  Zu präsent ist uns das Siebenschläferkind, das wir zuerst, als nur die Nasenspitze rausguckte, für eine Ratte hielten, weil´s für eine Maus zu groß war. Aber der Schock wich schnell dem Mitleid, da saß kein gefährliches Beißtier, das uns mit Viren und Krankheiten torpedieren wollte, sondern ein kleines Wesen in schockschwerer Not. War wohl auf der Suche nach Wasser hineingeplumpst. Die pure Verzweiflung  blickte da aus der Schüssel, unmöglich, nicht davon berührt zu sein. Und wenn es hundertmal eine Ratte sein sollte –  es war eine Ratte in Not.  Die lange Hose angezogen,  Boots und Jacke, im Keller nach Handschuhen gesucht, einen Stock und eine Schaufel mitgenommen. Und die Taschenlampe.  Das Tierlein schien zu schwach oder es steckte fest – am Stock jedenfalls konnte es sich nicht heraushangeln. Also doch die Schaufel. Und es legte sich darauf und ließ sich rausheben, und sank schlaff  auf den Boden, und der Schwanz war buschig, nicht nackt wie bei einer Ratte, und also war es ein Siebenschläferkind, ein furchtbar erschöpftes.                      Reglos lag es am Türrahmen; ich verstand´s – das war ein Schock;  es würde erstmal  Ruhe brauchen. Stunden später aber sah ich es im Schein der Taschenlampe zitternd im Grass liegen.  Oh je. Das sah nicht gut aus. Und also nahm ich es hoch, wickelte es in ein Handtuch und legte es in der Dusche auf den warmen Holzboden. Da sollte es entweder ein sanftes Ende oder aber Erholung finden. Ob wir es mit heim nehmen sollten? Auf dass es ein Heim fände in der Kommode, die eigentlich für Ratte Rosi gedacht war? Wir könnten Steine und Äste mitnehmen und Höhlen bauen, und im Herbst Nüsse und Kastanien sammeln und Bucheckern.   Am nächsten Morgen hatte sich die Frage erübrigt – es war nicht mehr da. Vielleicht hat es sich erholt und ist heimgekehrt zu seinen Lieben? Wir hoffen es inbrünstig.

Immerhin hat es sich das schönste stille Örtchen ausgesucht, das wir kennen. So sehr gefiel es uns, dass wir es bisweilen bewohnten wie ein Wohnzimmer. Nachts, wenn kein Kind mehr alleine aufs Klo geht, zogen wir gemeinsam in kleiner, eingeschworener Kolonne durch den schwarzen Garten hinab, Anton, Martha und ich, und jeder trug eine Taschenlampe, wenigstens einer von uns einen Stock. Falls doch wieder der Fuchs vor uns stehen würde, der vermutlich mehr Angst vor uns hatte als wir vor ihm, aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste – so fühlten wir uns sicherer. Und es machte auch mehr Spaß. Den Garten ausgeleuchtet wie Sherlock Holmes eine alte Burg, die Türklinke gedrückt – leicht anheben, sonst klemmt´s – schnell rein und Türe zu. Einer führte durch die Sitzung, die anderen fläzten in Klappsesseln vor der Felswand, und so richteten wir im Geiste weiter ein und bauten aus. Ein Königreich von einem Örtchen.                           

Baden am Lago di Mezzola, und dolce vita im Fluss am Wasserfall. Es war sonnig und heiß, und Familien machten Picknick, und Kinder tauchten unter den Kaskaden, und das Wasser blitzte und funkelte, der Wasserfall rauschte betörend im Hintergrund – da war kein Halten mehr – da musste man rein, und sei´s mit Kleidern.  Was ein Spaß! Nie war Planschen schöner. Und hindurch getaucht unter einer Kaskade, hinterm Vorhang aus Wasser kniend, da schrie´s die Freude laut heraus. Dafür allein lohnte die Reise.

Auf dem Heimweg ein Besuch bei ehemaligen Nachbarn in Oberndorf am Lech. Würd´s einen normal nie hinverschlagen, eine Ebene im Krater Donau-Ries, der Meteorit lässt sich noch erahnen. Ein Schlafdorf, in dem kaum jemand unterwegs ist, ein stilles Dorf, lauter kleine Wohnidyllen, manche akkurat angelegt mit Kies ums Haus, gestutzten Buchsbäumchen und Wimbledonrasen, Trampolin nicht zu vergessen, manche wild verwachsen, mit Sonnenblumen und alten Zwetschgenbäumen und wenn´s Platz hat, sogar mit Pferdestall. Die Anwesen sind groß, ein jeder darf sich ausbreiten. Arzt und Apotheke gibt es nicht, aber einer bietet Männerseminare an, mit Urschrei und so, eine andere Yoga/Meditation und Lebensberatung, im Dorfladen, der mit viel Bio und Regional glänzt, liegen Flyer aus für Biodancekurse, der neueste Hit aus Irgendwo, von wegen der inneren Mitte, dem eigenen move und groove und so, und die Wirtin unserer Pension, die mein mitgebrachtes Treibholz im Kofferraum entdeckt hat, erzählt von Waldwächtern, (von denen sie einen gefunden hat – er steht als Baumwurzel im Flur des unteren Gästetraktes), die man um Erlaubnis bittet, bevor man den Wald betritt. Großartig! I love it. Wie prosaisch kommt mir Rottweil vor dagegen. Und es wundert mich auch gar nicht mehr, mit welchem Gleichmut alle hinnehmen, dass das Dorf seit Monaten aufgerissen ist und es für mindestens genauso lange noch sein wird: immer wieder hebt ein Bagger einen Graben aus, macht irgendwas, schüttet wieder zu, dasselbe am anderen Tag an anderer Stelle, um Wochen später zurückzukommen und da weiterzumachen, wo er schon mal war, und keiner weiß, wenn er morgens das Haus verlässt, ob er abends wieder gleich reinkommt.

Oberndorf am Lech. Echt eine Reise wert. Wer hätte das gedacht.

Eine tolle Reise war´s. Viel erlebt, es schön gehabt. Und dann Heimkommen. Daheim sein. Wir verlassen die Bude auf Tage hin so gut wie nicht. Mei is des schee.

Ein Gedanke zu “Von Siebenschläfern, Merkel in den Bergen, Urschreien und anderem

  1. Rainer Hartwich August 19, 2019 / 10:06 pm

    Hallo Beate, Danke für die schöne Beschreibung der normalen Dinge des Lebens. Leider realisiere ich selbst erst gegen Ende eines stressigen Berufslebens, dass ich das über viele Jahre auf der Jagd nach scheinbar Wichtigerem versäumt habe, nun ist sie weg, die Zeit. Liebe Grüße nach Rottweil, Rainer

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s