The day after

The times, they are changing.

Auf manchen Festen waren wir schon in großer Besetzung, ein halbes Dutzend Erwachsene und fast ein Dutzend Kinder. Samstagnachmittag waren wir zu viert auf dem Stadtfest, drei Kinder und ich, und jedes zog in eine andere Richtung, zu dieser Flohmarktdecke, zu den Waffeln, zur nächsten voll beladenen Decke, zum Bonbononkel, zu Pommes, zu Fanta und Erdbeerbowle, zu Hüpfburg und Kinderschminken. Hoch und runter, keine Stelle ausgelassen.

Um fünf waren sie durch, und das wäre meine Chance gewesen, endlich selbst nach etwas zu essen zu gucken, oder ein Glas zu trinken, mit irgendwem, den ich schon lange nicht mehr getroffen habe. Aber dann platzte der Stiel von Marthas Luftballonblume, nachdem er zuvor schon mal aufgegangen und tränenreich zurück zur Reparatur gebracht worden war. Außerdem noch die Bowle verschüttet, weil so viel Wespen dran gewesen waren. Was zu viel ist, ist zu viel! Martha wollte heim! Sofort! Und die anderen beiden stimmten ihr sehr überzeugend zu. Dann gegen ihre Neigung zu bleiben, wäre Folter gleichgekommen .

Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Da saß ich also jetzt am offenen Küchenfenster. Allein, eine Tasse heißen Wassers in der Hand. Unter mir strömten die Leute vor zum Schwarzen Tor, ich hörte die Musik der Waldtorbühne und das ganze Rauschen der feiernden Menschenmenge, derweil spielten die Kinder mit dem erstandenen Second-hand-Spielzeug im Wohnzimmer, und ich hatte Hunger . Mit meiner Laune stand es nicht zum Besten. Ist das so, wenn man alleine ist mit Kindern? Man sitzt allein am Küchenfenster, die Party vor der Nase und doch weit weg?

Nee. Oder? 

Zugegeben, ich hatte mir auch schon mehr Mühe gegeben mit Gesellschaft. Wäre man zu mehreren unterwegs gewesen, wär´s anders gelaufen. Und manchmal genieße ich unsere Dreisamkeit ja sehr, auch wenn sie da zu viert war – das 4. Kind ist uns vertraut seit ihren ersten Krabbelbemühungen. Und ein bisschen hat es sich auch einfach so ergeben, und ich habe so laufen lassen.  Dies Mal waren die Einen in offizieller Mission und Amt und Würden unterwegs, andere arbeiteten oder hatten keine Lust auf Party. Jemand ist weggezogen, und jemand hat uns die Freundschaft gekündigt. Ja, auch das gibt es. „Krasser Scheiß“, würde meine Freundin dazu sagen. Stimmt. Wenn ich mir eine solche Geschichte  hätte ausdenken wollen, wäre ich nicht darauf gekommen. Krasser Scheiß. Naja. The times, they are changing. Dann halt so. Trotzdem hatte ich uns vor meinem inneren Auge auf der Strasse tanzen gesehen, rumrennend und mit Leuten stehend, in jedem Fall lauthals lachend und vielleicht sogar dezent beschwipst. Ich träumte die Leichtigkeit eines heimeligen Sommernachmittags mit einem Aperol bei Pinoccio, wenn das einzig Schwere darin besteht, die Wespen von den Schokoladenschnuten fernzuhalten. Stadtfest  – so –  nur noch praller.

Stattdessen war das Wetter eher so – naja – mittel, und war den Kindern null nach tanzen, und habe ich auch niemanden getroffen, mit dem ich unbedingt was hätte trinken wollen, nach dem dritten Glas vielleicht, aber es gab ja nicht mal das erste.  Und zu essen gab´s die Reste vom Vortag.

Ach. Was soll das Hadern. Fenster zu und gut. Ich BIN ja nicht alleine. Da sind ja eben die Kinder, und drum herum eine Menge Leute, die uns nahestehen. Im Moment halt grad alle anderswo. Kann´s geben. Hat man halt die eine Party nicht gefeiert. Was soll´s. Es gab schon so viele, und es wird auch wieder welche geben.  Sei´s drum.

Und dann wollten die Kinder eine Dvd sehen , und ich war quasi ´übrig´. Den Film kennen wir in – und auswendig, und ich habe schließlich nicht immer To-do-Listen in peto für den Fall, dass eine Party platzt.  Und also wieder Fenster auf, und da war noch immer und sogar noch lauter als zuvor die Musik und das Rauschen, und mir fiel die Lösung ein:  sie sind ja nicht mehr soo klein, und das befreundete Kind ist sogar noch ein Jahr älter. Sie können telefonieren, und sie finden locker zur Bühne um die Ecke – falls was wäre.  Ich könnte einfach eine Weile gehen.

Den Kindern Salzstängel gebracht und Saftschorle, instruiert, welche Nummer sie zu wählen hätten, wo ich zu finden wäre, dass sie nicht die Türe aufmachen, GabelMesserSchereLicht  und so, dann „habt Ihr verstanden?“

Drehte sich Martha um: „mir ein Wurstbrot!“. Und sofort die Augen wieder zum Film.

Hä?

Irgendwas ist da durcheinander gekommen. Ich  rückte gerade, machte das blöde Wurstbrot, und ging.  

Es war die Stunde der Mantics.  Der Verve der 70er Jahre, hemmungslos und unschuldig. Ein Mann und zwei Frauen sangen Karaoke. Wow! Immer mal was Neues. Es war mir nicht bewusst gewesen, dass so was in dieser Form  bühnentauglich ist. War es aber.  Rock und Pop querbeet, mal voll getroffen, mal eine zarte Spur daneben, aber immer volles Rohr und mitreißend stimmgewaltig.  Der Mann ausgiebig solariumsgebräunt, das weiße Hemd blendete mit den Sneakers um die Wette; Muckibude, bestimmt  – die Klamotten saßen stramm. So auch bei den Damen, die  eine Augenweide waren; opulent, blond, schrill, aber nicht plakativ  und echt echt cool; da schöpft jemand gerne aus den Vollen, da schreit die Lebensfreude aus allen Poren. Wer schlecht drauf ist, ist selbst schuld.

The Mantics – you saved my party. So klasse!

Gefeiert haben wir dann daheim, die Kinder und ich, mit Saft und Keksen, rosa Prinzessinnenkleidern und leuchtenden Ritterschwertern, Michael Jackson und der auf dem Flohmarkt erstandenen Discokugel.

Gut auch, dass es immer zwei Tage sind. Und dass Regen nicht unbedingt die Party ins Wasser fallen lässt. Es gab sie noch, die Plaudereien hier und da, die Drinks, die Luftballons von OmaOpa, das Essen von einem der Stände, und das Tanzen vor der Bühne. Schön war´s.

Sommer 19

War es das jetzt?

Bitte nicht! Ich bin noch nicht soweit. Herrje, so lang und so sonnig kann ein Sommer kaum sein, dass ich mal satt davon werde. 2018 ging. Sommer von April bis Oktober. Da sehnte sogar ich mich am Schluss nach tagelangem Schmuddelwetter, damit man mal wieder ruhigen Gefühls in der Bude bleiben und haushalten konnte. 2018 ging. Und das war eine Katastrophe. Wetter-/Klimatechnisch. 2003 ging auch. Hitze wochenlang. Auch das galt als Katastrophe. So rein wettermäßig habe ich anscheinend einen Faible für die Katastrophenjahre. Sollte ich mal drüber nachdenken.

Sei´s wie´s will – auf jeden Fall  jetzt nochmal alles auskosten, rausholen, was rauszuholen geht.  Die Kinder sind bei Papa. Am Wochenende allein noch mal einen Abend im eigenen Hof verbracht, anderntags eine Freundin besucht, eine Nacht im Eschachtal, unter Sternen eingeschlafen, eine Radtour nach Hause, hinter mir der Schwarzwald, vor mir die Schwäbische Alb, alles in Sonne getaucht, daheim die Tasche gepackt, für die Cabrioletfahrt an den Rhein.

Auf das Cabrioletfahren hatte ich mich echt gefreut. Hab gedacht, ich werd mich fühlen wie Grace Kelly an der Corniche. Hatte das Kopftuch entsprechend umgebunden und die Sonnenbrille auf. Und ich war wirklich gewillt die Fahrt zu genießen. In den Kurven rutschte es von einer Arschbacke auf die andere, aber egal, auch das kann ja lustig sein. Und dann wurd mir bei 150 kmh eben doch zunehmend mulmig, und sowieso, wenn sich dabei Hände vom Lenkrad lösten und in der Handtasche nach dem Lippenstift angelten, oder im Fußraum nach dem Sprudel, und in der Zwischenablage nach dem Handy, wenn Augen hierhin und dahin schweiften und der Abstand zum Vordermann so kurz wurde, dass ich ohne Fahrtwind hätte rüberspucken können. Und dann hielt für gefühlt einen Kilometer eine Hand das Handy über die Armatur unter die Frontschutzscheibe und machte ein Selfie von uns beiden, darauf die Eine lachend mit schickem Hut und rotem Lippen, die Andre mit Tuch und Sonnenbrille, Falten auf der Stirn, Kräuselkinn und deutlich angespanntem Zug  um den Mund. Das mit Grace Kelly hat eher nicht geklappt. Naja. Die Assoziation war sowieso ziemlich verwegen.

Rheinschwimmen ist großartig. Kaum ist man mit den Füßen drin, ziehts auch schon. Man geht weiter rein, das Wasser ist frisch und kühl und klar, man fängt an zu schwimmen und denkt, man hat´s voll im Griff, und plötzlich merkt man, wie der Fluss einen hat, wie rasant er einen mit sich trägt. Er hat einen voll gepackt. Man muss sich schon anstrengen, um wieder Richtung Ufer zu kommen. Gegen den Strom geht gar nicht. Ich ließ mich mittragen, mal auf dem Rücken, mal auf dem Bauch.  Ich schwamm mit dem Strom, komischer kamen mir mitunter trotzdem Wellen entgegen, und es hob und senkte mich, während ein ausgesprochen hübsches Dörfchen vorüberzog. Dabei war ich es, die glitt. Ich dachte, ich geh mal Richtung Ufer, nur um zu testen, wie´s geht. Gar nicht so einfach. In die Uferbefestigungsmauer sind Stiegen und Geländer eingelassen. Den  ersten Ausstieg erwischte ich nicht, die Strömung war zu stark und trug mich weiter, ich nahm die nächste, und schlug mir das Knie auf. Man muss erst mit dem Fuß gegenhalten. Aha! Ich lief zurück und ging weiter oben nochmal rein. Nächster Versuch. Scheiß auf das bisschen Blut. Der Rhein ist nicht der Amazonas, hier hat es keine Piranjas. Diesmal schwamm ich die volle Länge. Frühzeitig  vor der Brücke hängte ich mich an zwei reife Damen, dachte, was die können, kann ich auch, und ordnete mich nach ihnen rechts ein, glitt vorsichtig am Brückenfuß entlang, gleich dahinter ging’s rein in den Bootsanlegeplatz und hoch zur Straße. Zurück zum Strandbad. Und so wiederholte sich das noch einige Male.

Wir tranken zum Schluß jede ein alkoholfreies Weizen, kein Alk!, wenigstens, und fuhren in der Abendsonne zurück. Ich strengte mich an, locker zu bleiben. Meinen Schiss hatte ich auf der Hinfahrt zaghaft erwähnt und wenig Erfolg damit gehabt. Und also ging´s eh nicht anders – mitgehangen mitgefangen. Manchmal muss man vertrauen, ob man will oder nicht. Und schön war´s  auch trotz und mit Muffensausen. Grace Kelly an der Corniche spiele ich halt nicht mehr so schnell.

Zum Wochenanfang nochmal Freibad. Am Dienstag zum Stausee. Mittwoch? Gleich nochmal – bevor es vorbei ist.

Mir graut davor. Ich will mir den Herbst schön denken, mit buntem Laub und Kastanien, prächtig blühenden Astern und Morgennebel.  Es fällt mir nicht leicht. Ich denk mir, nach dem Sommer ist vor dem Sommer, nach der Reise sollt´ man gleich die nächste planen, ich überlege Bergtouren und Badeurlaube. Und einen Kurztrip dazwischen. Ich war noch nie in Heidelberg, und Mannheim kenne ich auch nicht. Geht alles mit dem Zug. Bestimmt. Obwohl – bei der Bahn weiß man ja nie -. Oder Ulm. Da kenn ich wen. Meine Gästin vom Narrentreffen.

Apropos. Daheim ist´s auch schön. Stadtfest. Das ist doch ein brauchbarer Trost! Es gab da mal eins, da war eine Riesensause hinterm Münster, zwischen Schuhmacher Auch, der damals noch ´Kunst und Handwerk´ war, und Weinstube Russ. Und in einem anderen Jahr spielte eine Band hinter der alten Post, die ich heute noch in den Eingeweiden spüre. Die war toll!

Stadtfest. Heuer mit Kindern. Und es wird eher die Hüpfburg im Sonnensaal und der Flohmarkt um Schwarzes Tor und Münsterplatz. Und für mich wieder ketchupverschmierten Wecken, übriggeblieben von Marthas heißer Roter, statt gebratenen Sardinen von den Portugiesen. Und wir sind unterwegs mit OmaOpa. Die treffen auch alte Bekannte und sorgen außerdem für Luftballons und Gruschd. Ach, und dann spielt eine Band, die ich unbedingt sehen will, „not´jacob“. Weißbrot Reggae. Ich bin gespannt. Im Übrigen gibt´s ein Fanta hier, ein Schorle da, viele Plaudereien  und Trubel ringsum – ich freu mich drauf.