(kein) Inselfeeling

Ich habe Urlaub gebucht. Mit dem Zug an die Ostseeküste. Rügen. Das ist ein Stück Weg; so lange haben meine Kinder noch nie Mundschutz getragen. Aber ich würde behaupten – das ist die Reise wert. Ich freue mich riesig und habe den hilfsbereiten Damen im Reisebüro – die Buchungsseiten der Bundesbahn überfordern mich völlig – zum Dank handgefertigte Pralinen gekauft. Mir selbst habe ich ein Glas Prosecco am Kappelenhof genehmigt – das Ticket in der Tasche ist ein Grund zu feiern. Die Sonne im Gesicht wird die Stadt zur Insel im Meer, und das leise Rauschen vom Ufer der Hochbrücktorstraße lullt alle Sorgen ein. Das Leben ist schön.

Dann ist der Prosecco  leer, der Geldbeutel auch, ich gehe. Eine Nachricht auf dem Handy, jemand fragt nach den Hausaufgaben. Ach ja – die schon wieder. Der Große geht wieder täglich in die Schule, und zuverlässig vergällen uns das frühe Aufstehen und die Hausaufgaben wieder einen nicht unbeträchtlichen Teil des Tages. Eine Neun-Uhr-Schule, die bis mittags um drei geht und ohne Hausaufgaben heimlässt – das wär´s! Für die Kleine werden der Abschied vom Kindergarten und die Einschulung vorbereitet. Sie hat ihre erste Zahnlücke und erlebt zwischen diesen Meilensteinen des Großwerdens regelmäßige eigene Höhen und Tiefen. Es würde mich nicht wundern, wenn ich irgendwann im Rückblick diese ganzen Jahre als eine Abfolge unterschiedlichster Pubertäten ansehen würde.  Irgendwo schafft´s immer. Trotzdem sind eigentlich alle guter Dinge und grundfröhlich. Und so lange das so ist, will ich nicht zu laut jammern.

Ich laufe an Zeitungsständern vorbei und der Artikel vom Vormittag fällt mir ein, und die Nachrichten vom Vortag, und die der letzten Tage und Wochen. Es gibt zu viel Kinderleid in der Welt. Viel zu viel und viel zu schlimm. Und das wird gleichmütiger hingenommen als Krieg, Klimawandel, Wirtschaftskrisen und Corona. Das geschieht und kommt in den Nachrichten. Und damit sollen wir einfach leben. Das geht nicht.

Am Vortag habe ich in den Nachrichten Meldungen von etlichen am Unabhängigkeitstag in den USA getöteten Kindern gehört. Wenigstens zwei waren demnach aus vorbeifahrenden Autos erschossen worden. Ich habe etwas davon am Abend im Internet wiedergefunden ohne danach gesucht zu haben, und denke mal, es ist was Wahres dran. Im Vorbeifahren abgeknallt. Mein Verstand weigert sich das gedanklich zuzulassen. Aber ich schließe es nicht aus. Die Welt dreht sich täglich und dreht täglich durch. Und täglich wird über Normalität geredet und keiner weiß mehr, was ´normal´ eigentlich ist. Waffen produzieren bis über sämtliche Ohren und hetzen und Unfrieden schüren und dann werden Kinder einfach abgeknallt und das soll man als Kollateralschaden und ´normal´ hinnehmen. Geht’s noch?  

(Die lautesten ´Macher´ machen am wenigsten neu. Kann das sein? Trump, der Macher, gibt die Schuld an diesen toten Kindern allen, nur nicht den Waffen, deren Industrie er eben NICHT antasten will und auch nicht der aggressiven Stimmung, die er schafft.  ´Machen´ ist bei ihm und Konsorten gleich ´das Alte durchziehen´,  um nur ja nichts verändern oder sogar neu schaffen zu müssen.)

Immer wieder, hier und da,  habe ich über verstümmelte Mädchen und versklavte Buben gelesen, und dann eben, am Vormittag in der hiesigen Tageszeitung, diesen Artikel über Kindesmissbrauch in Deutschland. Solche Artikel lese ich meist nicht, sie machen mich fertig. (An dieser Stelle meinen allergrößten Dank an die, die ermitteln, meine Hochachtung, meinen Respekt. Es gibt viel Übel auf der Welt, aber manches sprengt auf eine Weise die Vorstellungskraft, dass es kaum auszuhalten ist. Möge den Ermittelnden alles zuteil werden, was es braucht, um auszuhalten). Es ist ja nicht bloß die bloße sexuelle Neigung. Wollen kann man viel. Es ist die Niedertracht, die Grausamkeit und das skrupel – und hemmungslose Austoben von Gewalt gegenüber Schutzlosen, das zwischen den Zeilen durchdringt und den Boden wegzieht. Dieser Artikel jedenfalls war kein Bericht mit vage angedeuteten Ungeheuerlichkeiten, es war  ein Interview mit einem Polizisten und handelte von Verfolgung und Aufklärung.

Sieben bis acht Anläufe braucht es im Durchschnitt; sieben bis acht Mal erzählt ein Kind, zum Teil vermutlich auch unterschiedlichen Personen, von einem erlittenen Missbrauch, bevor ihm geglaubt und geholfen wird. Sieben bis acht Mal. Im Durchschnitt. Das allein ist ungeheuerlich. Jeder weiß, dass es das gibt, und so unvorstellbar es auch bleibt in seiner Monstrosität – jeder weiß, dass das keine Einzelfälle sind, sondern sich wie eine Seuche auszubreiten scheint und nicht selten in ganzen Netzwerken organisiert wird. Ein Virus, das sich verbreitet. Das weiß man. Und dann wird dem Opfer nicht geglaubt. Weil man das Böse, Grausame Schlimme, Unvorstellbare nie in den eigenen Reihen sehen will. ´Bei uns doch nicht!´

Doch. Das glaube ich schon. Auch bei uns. Auch hier. Möglich ist es überall. Weshalb sollte es nicht hier geschehen. Es ist abstrus. Es ist  – es fehlen die Worte – böse, krank, beides, irre. Ich weiß es nicht. Aber es ist. Und das darf es nicht.

Jedes Jahr kommen Zahnärzte in die Kindergärten, und in die Schulen kommen Sport-, Drogen-, allerhand Beauftragte. Das ist so weit so gut. Aber ich stelle mir  vor, dass von der Krippe bis zum Abitur jedes Jahr jemand in alle Einrichtungen kommt, in der Kinder und Heranwachsende sind, jemand, der dem Kind aufs erste Mal glaubt und Hilfe im Gepäck hat. Das ist sicher schwierig, und es gibt Unmengen von Institutionen, die überhaupt keinen Nerv für derlei Überlegungen haben. (Ich will mich nicht darüber auslassen. Aber es sind oft religiös motivierte Institutionen, die mit dem Glauben an die Unschuld argumentieren, die vor derlei Themen geschützt werden müsse und die dann mitunter ihren eigenen Schindluder damit treiben). Man muss auch  nicht die kindliche Unschuld zerstören; man kann über Liebe erzählen, und darüber, dass die zwischen Kind und Erwachsenem anders aussieht als zwischen Erwachsenen. Man kann über Geheimnisse reden, die zwei miteinander haben können, die aber Verrat und Gemeinheit sind, wenn nicht beide gleich gut wissen, worauf sie sich eingelassen haben.

Man kann über Zahnpflege reden; weshalb sollte man nicht auch über – sagen wir – Intimpflege reden können und darüber, was wo hindarf und wann und wie und wann nicht. Ich weiß nicht, wie man das am Geschicktesten verpackt, altersgerecht. Aber ich weiß, dass kindliche Unschuld es aushält auch mit schwierigen, nicht unbedingt altersgemäßen Themen konfrontiert zu werden, solange  Sprache und Aufgabe altersgemäß bleiben. Themen fragen nicht nach Alter, Themen verlangen nur unterschiedlich.

Ich weiß es nicht. Aber das Thema hat mir nun diesen Text abgerungen, und das, obwohl ich so frohgemut am Inselfeeling gestartet bin.

Manche Themen kann man sich nicht raussuchen.

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