Zurück in die Zukunft

Gedanken zum 1. Mai

Dies Jahr ist alles anders. Keine Kundgebungen, keine auf Fahnen geschwenkten Parolen. Sogar die Randale fiel aus.  Nicht, dass ich jemals dabei gewesen wäre, nicht beim Fahnenschwenken und nicht bei der Randale, aber die Meldung gehörte zum Datum wie der Christbaum zu Weihnachten. Das war ´normal´. Ein viel bemühtes Wort in diesen Tagen, und ich mag es eigentlich nicht. Es steckt so viel ´Norm´ drin und so viel Ausschließlichkeit.

Noch immer führen wir ein Leben im Ausnahmezustand, und der fängt an ´normal´ zu werden. Kurz ist mal alles übereinander gepurzelt und völlig verschoben liegen geblieben. Und wenn die Sehnsucht noch so groß ist – es ist einfach nicht machbar, es wieder so hinzubekommen, dass es ist wie vorher. Es gibt ein Davor und Danach, und sie sind halt nicht gleich.

Massenveranstaltungen wird es für längere Zeit nicht geben, und einige Regeln des Social Distancing werden uns genauso lange bleiben. Das gefällt mir nicht, aber ich nehme es hin. Während der Pest hat man ewig gebraucht, bis man draufkam, dass es besser ist, es leckt nicht jeder am Kelch mit dem Messwein. Der war bis dahin durch die Reihen gewandert. Seither gibt es den Wein nur noch für den Geistlichen. Nach der Pest gab es neue Glaubensrichtungen, Erfindungen und Wirtschaftsstrukturen – eine neue Kultur.

Es geht eben nicht ´zurück´. Soll es auch nicht. Es gibt ja Gründe für das Auftauchen einer Seuche. Die übergroße Nähe von Mensch und Tier, Armut, Enge und mangelnde Hygiene….

Trump behauptet jetzt, wider bessres Wissen, denn sein Geheimdienst hat es ihm anderes berichtet – es verwundert mich nicht, dass auch er so ein Verschwörungstheoretiker ist – das Virus sei aus einem chinesischen Labor entwichen. (Selbst wenn es so wäre – dann braucht es dieselben Bedingungen, um sich zu verbreiten). Es wäre halt so geschickt, man hätte den einen Schuldigen. Dann könnte man dem die Rechnung schicken und im Übrigen weitermachen wie bisher. Alles alles – nur nicht neu denken.

Dabei ist so eine Seuche eine Zäsur. Ich WILL überhaupt nicht ´zurück zu normal´. Und es regt mich auf, wenn Verantwortliche so tun, als ginge das. Die Dinge sind verschoben, und sie werden neu zusammengesetzt, es kommen neue Teile hinzu, alte fallen weg.

Dies ist ein guter Zeitpunkt, neue Wege einzuschlagen. Dem Unfug im Weißen Haus die Gefolgschaft kündigen zb..  Handel treiben, aber fair. Nicht mehr jeden Vorteil für sich selbst  nutzen. Global denken und agieren, auch auf regionaler Ebene. Die Wirtschaft so strukturieren, dass sie eine nachhaltige Existenz der Menschen auf dem Planeten erlaubt.

Anstatt mit nervtötender Unerschütterlichkeit nur hilflos eine zerschlagene ´Normalität´ wiederaufnehmen zu wollen, könnte man neue Thesen und Parolen zur Diskussion stellen. Let´s talk about it. Wohin soll´s gehen?  Keiner braucht eine Panik. Aber es darf schon auch Umstände geben, die mal aus der Ruhe bringen. Es ist was passiert, wir müssen neu nachdenken. Es ist nicht immer Zeit für Ruhe. Manchmal ist auch Zeit für Umbruch, und da rumort´s und knirscht´s im Gebälk. Den Mut dafür sollte man schon aufbringen, wenn man angemessen reagieren will. So zu tun, als wäre nichts gewesen, als ginge das – ´zurück zu normal´- ist nicht angemessen.  Eine Zäsur ist eine Zäsur. Das darf schon rüberkommen

Die Autoindustrie will Milliardenhilfen und Abwrackprämien, und das – versteht sich  – unabhängig von der Antriebsart. Als hätte man nicht auch dort schon lange gewusst, dass es neue Wege der Mobilität geben muss. Der Individualverkehr insgesamt kann so nicht mehr funktionieren.  Wirtschaft und Handel müssen sich grundlegend verändern.

Das bedingungslose Grundeinkommen könnte jetzt helfen. Es darf bescheiden sein, aber wenn keiner Angst um seine Grundbedürfnisse haben muss, lassen sich auch ganze Branchen umbauen.  Auch nach der Pest hat sich der Arbeitsmarkt verändert. In England wurde die Leibeigenschaft abgeschafft. Es ist Zeit unser Verständnis von ´Arbeit´ und ´Schaffen´ zu überdenken. ´Ich arbeite, also bin ich – was wert´ – so´n Quatsch. Deswegen liegt noch lange nicht jeder auf der faulen Haut. Viele Leute schaffen ganz gerne und haben großartige Ideen. „Geschäftsmodelle überdenken“ hat  Frau Merkel das mal genannt. Bitte – gern! (Sie hat das gesagt in Bezug auf Griechenland und die anderen ungeliebten Kinder der EU, aber was da passt, passt auf alle). Und bezahlen tut das das reiche Prozent. Oder die reichsten zehn Prozent. Die werden das nicht wollen, aber es ist ja nicht so, dass sie nicht auch was bekämen dafür – auch sie leben dann in einer besseren Welt. Arm müssen sie deswegen nicht werden. Aber dies Ausmaß an Reichtum ist ohnehin absurd.

Weg vom ´mehr mehr mehr´. Stattdessen weniger – für alle. Und für die, die sehr viel haben, eben auch sehr viel weniger. Kein Egoismus mehr, kein ´alles unsers´, ´alles mein´s´. Das ist auch gut fürs Gemüt. Dann reicht sehr viel weniger, um glücklich zu sein.

Ich will nicht ´zurück zu normal´. Ich will in eine bessere Welt, in ein besseres, geläutertes  ´Normal´.