Am Wasser II

Es wird Abend; ich muss nach Hause.

Checker Tobi fällt mir ein.  Das ist ein Kika-Star, der prima Wissenssendungen macht und mords beliebt ist. Jetzt hat er einen ganzen Kinofilm rausgebracht, wir waren drin. Ich fand ihn toll.

Am Anfang kämpfen Piraten; Checker Tobi  fällt ins Wasser und findet eine Flaschenpost. Darauf ein Rätsel.

Er soll in das Herz der Erde blicken. Den achtfüßigen Bären wecken. Im Gedächtnis der Erde lesen … Zuletzt den Schatz Indiens finden. Dann hat er das Geheimnis unserer Welt gelüftet.

Das Wasser ist der Schatz Indiens.

Man sieht Checker Tobi durch einen Slum gehen, der eng und voll ist wie ein gigantischer Bienenstock. In manchen Gassen sieht man kaum den Himmel. Überall verteilt stehen Fässer. Ein Mal am Tag kommen Tankwagen in den Slum und verteilen Wasser.

Eine Zeitungsmeldung ein paar Tage her und die Bilder aus dem Film decken sich.

In Indien hat es mancherorts über 50 Grad Celsius. Die Tankwagen werden  jetzt mit Polizeigewalt geschützt. Sie sind schon überfallen worden.  Leute prügeln sich um die letzten Tropfen.

Und ich laufe  durch ein Neubaugebiet und an drei Kindern vorbei;  jedes Haus hier hat Villenqualität. Die Buben  spritzen mit Wasserpistolen, die ihrerseits  nach der  Devise ´ groß, größer, am Größten´ gekauft scheinen,  die Mauer an.  Ein Porsche-SUV fährt vorbei, man redet durchs offene Fenster, es sind Eltern.

Meine Kinder machen das auch, mit Wasserpistolen spritzen, und sie haben mächtig Spaß daran¸ darüber mokiere ich mich nicht. Und über den SUV will ich mich auch nicht auslassen; mir hat sich noch nie die Frage gestellt, ob ich einen will.

Trotzdem berührt mich das Bild.

Wir alle betreiben Globalisierung als Rosinenpicken.  Wir denken nicht global, oder wir tun es, aber zu wenig, geschwiege denn fühlen wir so.

Wir müssten uns als ´Familie Mensch´  sehen. Und teilen.  Reichtum und Armut, sind, wenn sie eine gewisse Dimension nach oben wie nach unten nicht durchbrechen, ja durchaus relativ. Es könnte so leicht sein –

Aber dann komme ich heim und mache das Radio an, und es geht um Krieg, und ich denk an die Waffenschmieden im Kreis, und daran, dass sich alle einig scheinen, dass mit  ´richtig´ keine Wahl zu gewinnen ist.  Man muss gar nicht arg weit weg oder zurück gucken – das aggressivste Geschrei macht das Rennen.

Und jetzt muss ich aufhören. Jetzt ist mir übel.

Ach, war das schön, da am Wasser.

Am Wasser

Die Sonne wirft Glitzer, das Grün strahlt. Das Wasser gurgelt und plätschert, darüber surren Myriaden von Insekten. Ein Fischreiher segelt vorüber,  ganz majestätisch. Seehr schön. Und besser hier als am Teich vom Rottenmünster. Dort hat einer den ganzen Teich geleert, das konnte nicht mal die Ordensschwester verhindern, die bisweilen schwarz drohend am Ufer stand und verjagte.

In diesem Kanal zwischen Felswand und Wald, Himmel und Flußbett darf er.

Ich sitze auf den Steinen am Ufer und gucke, und der Blick sinkt und wird immer kleiner. Zwischen den Steinen steht Wasser. In solch einem Minitümpel dreht  es sich im Kreis, um einen kleinen Kiesel herum, der geformt ist wie ein Tafelberg. Und im Strudel drehen sich winzig kleine Pünktchen, Sand, oder Erde, oder Kleinstlebewesen. Und ich stelle mir vor, wie die Welt für sie aussieht. Für die ist dieser Tümpel  ist eine ganze Welt, und der kleine Kiesel ein Koloss. Die Lache ein Ozean, das Blätterdach darüber die dunkle Weite des Universums.

Wasser. Wo alles begann.

Tröstlich. So lange es so etwas gibt, ist nicht alles verloren.

Vom Einzeller im Wasser zum Kriechen an Land. Weshalb sollte sich das nicht wiederholen lassen. Die Vorzeichen wären anders, freilich. Vielleicht wären dann alles Zyklopen, oder Zweibeiner sähen aus wie die Olchies.

Ach – müßig. Und am Ende doch nicht wirklich erquicklich.

Ich will ein Ende schließlich gar nicht denken.