Good vibrations – eine Sammlung

Ich bin noch immer befasst mit meiner Übung, gute Momente zu sammeln, jeden Tag mindestens einen festzuhalten.  Es gibt Tage, da gelingt das ganz locker. Wenn ich morgens aufwache, und das Erste, das ich höre, ist „ich liebe dich“. Ist mir vergangene Woche passiert. Kann ein Tag besser beginnen? So eindeutig ist es freilich selten. Neulich habe ich lange gegrübelt und wusste am Schluss wenigstens, was ich NICHT wollte – es ging um Zwischenmenschliches. Vielleicht gilt auch das als ´gut´. Schlecht und Gut liegt ja mitunter verblüffend nah beisammen. Mal wieder die Stadt von oben gesehen. Das war gut. Zum arabischen Essen eingeladen gewesen und im Gespräch auf Weltreise gegangen. Auch gut. In einer Situation ruhig und überlegt geblieben, in der ich schon aus der Haut gefahren bin. Super! Bin ich stolz drauf. An anderen Tagen muss ich mich sehr anstrengen. An Tagen wie diesem heute zum Beispiel, wenn ich alleine aufwache und die komplette Trostlosigkeit des Daseins zuschlägt, mit Schneeregen im März, wo das Herz nach Frühling verlangt, und stattdessen eine Wettervorhersage die Sonne auf Tage hinaus hinter die Wolken verbannt….

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Von fehlender guter Laune und Albernheiten

Der Kopf ist voller Themen. Ich bekomm´s kaum sortiert. Das hat bestimmt auch damit zu tun, wie deprimierend manche Themen sind, und wie aussichtslos.

Ich habe mit Leuten zu tun, die sich nicht an Spielregeln halten und kann mich dem nicht entziehen. Meganervig.

Richtig übel sind Krankheiten. Da gibt es Leute, mit denen ich alt werden und die ich nicht leiden sehen will. Und die Suche nach Therapien ist die nach der Nadel im Heuhaufen. Zum Heulen.

Anderen klebt die Kacke am Schuh, und die wandert mit jedem Schritt mit, und ich kann nicht helfen. Tut mir so leid.

In manchen Aufgaben habe ich das Gefühl, täglich wie Sysiphos einen Felsblock den Berg hinauf zu schieben, nur damit er abends wieder runterollt und am nächsten Tag dasselbe ansteht. Auch oft frustig.

………

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Eine Wette auf die Zukunft

Harte Wochen! Und statt Erleichterung kommt´s nur immer noch dicker. Aber ein Ende scheint absehbar. Irgendwann ist auch wieder Frühling, und man kann mehr nach draussen verlagern, und außerdem wird geimpft, und dann ist irgendwann gut. Das hoffe ich, ich habe auch vor, mich impfen zu lassen.

Bald ist Corona Geschichte. Dann geht man wieder zur Tagesordnung über – und zu Politik as usual. Ich weiß nicht mehr – eine Bundestagsdebatte, glaube ich, war es, bei der es um eine Corona-Vermögensabgabe ging. Da sagte Frau Merkel zu den Kosten dieser Pandemiebekämpfung, das bezahle zukünftiges Wachstum. Diese Kosten belaufen sich je nach Rechnung auf Tausende Milliarden  bis zu eineinhalb Billionen, nur für Deutschland.  Das ist ein Betrag, vor dem man Respekt haben kann. Dies mag es leichter machen, von vornherein und kategorisch zu erklären, dass vorhandenes Guthaben und die Gegenwart dafür also nicht in Anspruch genommen wird.

Trotzdem finde ich das ungeheuerlich. Keine Vermögensabgabe? Die Zukunft soll die Pandemiekosten bezahlen?

Wir streiten  hier um sehr diesseitige und auf unsere eigene Generation bezogene Leiden. Da ist eine Pandemie – wohlgemerkt entstanden auch unter den Bedingungen eines ungebremsten Wachstumsglaubens – und die Überlegung, wie man damit verfährt…..

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Ein kleiner Mann

Er wohnt nicht weit von mir, um ein paar Ecken, doch trotz der Nähe sehen wir uns manchmal länger nicht, und wenn schließlich, dann bleibt es meist beim kurzen ´Hallo´. Heute sehe ich ihn im offenen Fenster, er blickt auf und mich direkt an, hält inne in seiner Bewegung und signalisiert ´Reden´. Gut, ich bleibe stehen. Er hält den Lappen in der Hand, auf dem Büffet steht ein Eimer dampfenden Wassers. Sein Oberkörper ist leicht vornüber gebeugt, die Schultern hängen nach vorn, was ihn kleiner und gedrungener wirken lässt als er ohnehin ist. Das Haar ist schütter, das Gesicht zerfurcht, der Kopf ist eingezogen als regnete es. Das tut es nicht, die Sonne scheint, aber die erreicht ihn selten. Die dunkelste und klammste Wohnung hat er, klagt er, eine Stadtwohnung im Erdgeschoß, mit Blick auf Mauern und Hauswände aus jedem Fenster. ´Lichtdurchflutet´ ist in der Tat anders. Er ist recht nett eingerichtet – für einen quasi Junggesellen. Da war mal was, lange her, aber ich kenne ihn nur solo. Früher, denk ich, lebten Junggesellen auf Matratzen auf dem Boden, zwischen Magazinen, Plattensammlungen, verstreuten Tellern und Kleiderhäufen. Naja, wir sind alle in die Jahre gekommen. Die gut Gestellten besitzen heute Kaffeevollautomat und Induktionsherd, und sie kochen frisch und sterneverdächtig. Bei diesem hier geht’s bescheidener zu, es riecht nach Maggi und schlechtem Öl, und am Tisch steht nur ein einziger Stuhl. Auf Besuch eingerichtet ist man hier nicht.  Geschieden ist er, schon lange, die Kinder sind anderswo groß geworden und sie melden sich selten. „Ist alles nicht so geschickt gelaufen“, meint er, wenn das Gespräch auf Familie kommt, und zieht den Kopf dann noch etwas tiefer. Aufgaben, die schwierig sind und Zweifel mit sich bringen, so schließe ich aus seinen Erzählungen, begegnet er mit Furcht und Fluchtgedanken. Übersichtliche Arbeiten und klare Ansagen sind ihm das Liebste. Das ist nur nicht mehr so einfach, in diesen aufgewühlten, krisengeschüttelten Zeiten.

Der Herbst drückt ihm aufs Gemüt, die Tage sind zu kurz und zu lang zugleich, die nassen Blätter kleben am Trottoir, und die vorüberfahrenden Autos sprühen feine, aschgraue Regentröpfchen an seine Fenster. Er ist am Putzen. Das Leben ist voller Widrigkeiten und auch viele kleine geben zusammen eine große. Eine satte Prise Depression liegt in seiner Stimme, auch wenn er sich um Tapferkeit bemüht. „Man muss ja“. Das Leben ist voller Müssens. Und das selbst in diesen Zeiten, in denen die Natur sich in den Winterschlaf begibt und die Städter zwischen Quarantäne und Kurzarbeit wechseln. „Besorgen Sie sich schöne Lichter“, sage ich. Eine Stehlampe ersetzt die Sonne nicht, aber auch ihr Licht tut gut. „Ach. Jaa“, ich höre das Nein im Ja, und ein ´bringt doch auch nichts´. Düsternis macht sich ungehindert breit bei ihm, es ist ein Elend. Weihnachtsmärkte sind abgesagt; die vielen Lichter, die Musik und der Geruch nach Glühwein – ja, er hat ja Recht. Das konnte einem den Winter schon etwas schmackhafter machen.  Wenngleich ich persönlich immer fand, die Kombination von süßem, klebrigem Wein in dicken Tassen und Schupfnudeln auf Papptellern ist zum Einen schon optisch kaum zu toppen und zum andern auch nur für robuste Mägen. Dem Gourmet stehen da vermutlich die Haare zu Berge. ´Geröstetes Kraut auf Buabaspitzle´- man will das Bild nicht weiter vertiefen. Dazu braucht´s tatsächlich einen Schuss Hochprozentiges im Wein. Dass es danach mit dem Abstandhalten nicht mehr so einfach ist, liegt auf der Hand; so gesehen kann ich Marktabsage und Alkoholverbot durchaus nachvollziehen.

Ach, er wäre sowieso bloß mal so durchgelaufen, sagt er. Er hat ja sowieso kein Geld. Immer nur Zeitverträge und Leiharbeitsfirmen, und zwischendurch wieder das Jobcenter. Und jetzt Corona, und alles hat zu, und er kommt nicht mehr raus, und da bricht es aus ihm, und ich will eigentlich weiter gehen, ich bin in Eile, aber das verbietet sich.

Depressionen begleiten ihn schon lange, und dass es ihn jetzt erwischt, das war ja klar, sagt er. Der letzte Job war auch wieder befristet und ist jetzt zu Ende. Und wer stellt jetzt schon ein, wo alles auf Kurzarbeit ist. „Die im Jobcenter, die machen jetzt Homeoffice. Aber sobald die wieder in ihren Büros sitzen, geht´s wieder los, mit Schreiben und Aufforderungen und Druck. „Bewerben Sie sich hier und da“, die unmöglichsten Jobs zu den unmöglichsten Bedingungen. Sonst wird gekürzt.“ Mit Vollzeit hat er grade mal 1000 Euro netto, sagt er. „Und wenn sie jetzt wieder einstellen, dann sind´s wieder Leiharbeitsfirmen, und die drücken weiter, und am Ende sind´s kaum neun Euro die Stunde, und fahren muss man dafür eine halbe Stunde bei Tag und bei Nacht und bei jedem Wetter. Und wehe, man ist mal krank, dann ist´s mit einer Festanstellung sowieso gleich vorbei.“ Er WAR öfter mal krank. Das war auch schon anders; er ist gelernter Handwerker und hat seine Arbeit gehabt und jahrein jahraus geschafft. Aber dann kamen die Probleme. Es lief nicht alles geradeaus, und das hat ihn mitunter gebeutelt, und die Dinge schlagen ihm halt schnell auf Gemüt und Magen. So hat es in den letzten Jahren immer wieder Jobwechsel, Kranksein und Phasen von Arbeitslosigkeit gegeben.  Hat er es mal mit einer Therapie versucht?, frage ich. Er mag zu den Leuten gehören, die dazu ein empfindliches Verhältnis haben; ´Therapie´; es gibt ja Leute, die setzen das sofort mit einer Diagnose ´spinnt´ oder ´hysterisch´ gleich. „Es hat ja jeder so seine Baustellen, auf denen was im Argen liegt“, erläutere ich, um die Hürde niedrig zu halten. Er war in einer. „Ach, das bringt ja auch nichts. Die verschreiben Medikamente, und mit denen ist es ein bisschen besser, aber weg ist es nicht, und man ist wie neben sich.“ Irgendwann hat er sie abgesetzt. Wenn er sich schon vergiftet, sagt er, dann will er wenigstens, dass es ihm auch gut geht damit und er sich gesund fühlt. Scharfe Logik, denke ich. „Früher“, sagt er, „da haben sich die Ärzte Zeit genommen. Da hat man zwei, drei Stunden warten müssen. Aber WENN man dann dran war, dann hatte die Frau Doktor eine dreiviertel Stunde Zeit. Und schon dadurch ging es besser.“ Heute wartet er kürzer, aber er ist nur fünf Minuten drin und bekommt halt ein Rezept mit. Wozu also hingehen. Und dann sei mal einer eingeschlafen. Das ist natürlich bitter. Das Wasser dampft im Eimer, der Mann redet als hätten all die Worte keinen Platz mehr in ihm und drängten gewaltsam raus. Aber ich kenne ihn auch anders; er scheint mir keiner, der das Herz auf der Zunge trägt. Und dann ist das bitter – vor dem Therapeuten sitzen, reden und erzählen und sich offenbaren, und das Gegenüber schläft ein. „Man braucht Energie für so was. Das kostet ja Kraft“, sagt er. Klar! Dem Therapeuten gehört der Stuhl unterm Hintern weggezogen. Dann war er in Selbsthilfegruppen. Das war ganz gut. „Aber die haben ja jetzt alle zu – wegen Corona.“  Es gibt nichts mehr, sagt er. Und da schlucke ich. Das ist so einer der Punkte, die ich nicht verstehe. Man kann doch nicht einfach dichtmachen und zumuten und den Leuten die Hilfen verweigern, die sie brauchen, um die Zumutungen auszuhalten. Offenbar gibt es keine anderen Konzepte als ersatzlos zu streichen. Das kann´s doch nicht sein. Aber offenbar doch. Zuletzt war er in Reha. Obwohl ich einen anderen Eindruck habe, sagt er, sie habe nichts gebracht. Jetzt sei er ´gesund geschrieben´; er lacht; „so was geht. Gesundschreiben. Es sei alles Einbildung.“ „Käme nicht eine Frührente in Frage?“ will ich wissen. Er geht stramm auf die Sechzig zu, und ich denke, wenn einer eh so geplagt ist und offenbar nirgends richtig gebraucht wird -. ´Hätten doch alle was davon. Dann könnt er sich besser um seine alten Eltern kümmern, und vielleicht ehrenamtlich was machen; er ist handwerklich geschickt und WILL ja was tun. „Das wird nichts. Das wollen alle. Die Wartezimmer sind voll.“ Wieder lacht er bitter. „Lauter Ausländer. Hier nie groß eingezahlt, wollen aber alle in Frührente. Und für DIE muss man andere Geschichten auftischen – dafür muss man lügen. Das schaff ich nicht. Die Lüge muss man ja durchziehen. So einfach ist das alles nicht mehr. Die gucken schon, dass man sich zum Schaffen schleppt bis zuletzt.“ Ich nehme den Ausländerverweis unwidersprochen hin, und das ´Lügen´ ebenso, obwohl es mich beides stört. Solche Pauschalisierungen und Vereinfachungen sind auch verkehrt. Ich denke ans bedingungslose Grundeinkommen, und wie viel Gift das aus Leuten und System nehmen würde. Ich sage nichts. Dies ist seine Geschichte. Er sagt, er sei müde. Dann soll er sich halt hinlegen, entgegne ich. Er hat ja Zeit. Man muss es sich doch nicht schwerer machen als notwendig. Aber das getraut er sich nicht. „Der Körper gewöhnt sich dran, und dann fordert er es ein, und dann schaff ich es nicht mehr ohne. Und was ist, wenn ich dann wieder ein Gschäft habe? Dann pack ich das nicht. Davor hab ich Angst, und also lege ich mich nicht hin.“ Er steht morgens früh auf, hält sich irgendwie auf den Beinen und verkneift sich den Mittagschlaf. Kein Internet. Das hat er nicht. Und das ist vermutlich gut so; „die lügen uns alle an“ ist er überzeugt. Keiner „da oben“ meint es wirklich gut. Hätte er Internet, er wäre Verschwörungsanhänger. Er hält sich an feste Rhythmen und feste Abläufe und ist bemüht alles recht zu machen und das erwartet er genau so von anderen auch. Deswegen hat er gelegentliche Reibereien in seiner Hausgemeinschaft. Ich kann´s mir gut vorstellen – ein bisschen kleinlich und engstirnig kommt er schon rüber. Aber mangelnde Disziplin kann man ihm sicher nicht vorwerfen.

Neulich hatte ich eine Suppe vorbei gebracht. Die habe ihm geschmeckt. Er bedankt mich und gibt mir die gespülte Dose. Er tut mir ja leid. Ich sehe seine Not schon länger und verstehe seine Ängste, und ich denke, so kann man mit den Leuten nicht umgehen. Sein Durchhaltewille ist wirklich das Einzige, was er den Herausforderungen dieser Zeit noch entgegenzusetzen hat. Nur, dies Fazit, das er selbst zieht, darin folge ich ihm nicht. ´Die Ausländer´ sind´s für ihn, und die, die nicht schaffen wollen, und die, die rücksichtslos sind und über die Stränge schlagen uswusf – in seinen Schuldzuweisungen werden sie alle geschützt von ´den Großen´, die ihn ´kleinen Mann´ nicht hören. Auch das nimmt er tapfer und mit bitterem Lachen; „muss man halt weitermachen“. Er taucht den Lappen ins Wasser und wringt ihn aus.  Vielleicht ist das so. Ich weiß es nicht. Vielleicht hören ´die Großen´ wirklich nicht. Kann schon sein. Aber dass ´Ausländer´ und ´Flichtling´ größeren Schutz genießen, das stimmt sicher nicht.

Auf Lesbos wurde ein von der UN als vorbildlich gelobtes, selbstverwaltetes Flüchtlingslager brutalst geräumt. In dem Lager waren Schwangere, Familien mit kleinen Kindern, schwer Traumatisierte, Behinderte, und Opfer von Folter. Mitarbeitern der dort tätigen Organisationen wurde Zugang und jede Hilfe verwehrt. Die Leute wurden in das Lager Kara Tepe gebracht, das ebenfalls bis Dezember geräumt werden soll. Das macht mich sprachlos, und ich denke  wie Greta Thunberg wegen des Klimawandels „how dare you“. Wie kann man nur.

https://www.kindernothilfe.de/presseuebersicht/pressemeldung-uebersicht/pressemitteilungen-2020/griechenland-pikpa-geraeumt

Unter anderen Umständen könnten wir alle Ausländer und Flüchtlinge sein, irgendwo. Es ist fies, Not gegen Not auszuspielen. Und es hilft auch keinem. Unser Wirtschaftssystem ist menschenverachtend. Und so lange das so bleibt, bleiben auch die Krisen. ´Weitermachen´, das ist es ja eben. Das tun auch Politik und Wirtschaft, als passierte nichts und drängte nichts zum Umdenken.

„Das sind keine Probleme von uns“, sagt er und lacht sein kurzes, scharfes Lachen, „die machen eh, was sie wollen“. Die Großen und die Kleinen. Den einen die Wollens, den andern die Müssens, so einfach sei das. Er beginnt die Fenster zu wischen, und ich denk, vielleicht kann man das so sehen. Aber man kann es nicht unwidersprochen so stehen lassen. Ich gehe weiter. Ich will darüber nachdenken. Widersprüche wollen schließlich gut durchdacht und vorbereitet sein.

Ich steige aus

Ich steige aus. Ich habe keinen Nerv mehr, nicht für diesen zweiten Lockdown, nicht für die Wahl in Amerika, nicht für den Vorsitz der CDU, den ein eitler und von sich eingenommener Gockel unbedingt meint haben zu müssen, nicht für die stümperhafte und komplett ignorante Art und Weise, wie mit den Krisen dieser Welt umgegangen wird.

Da wird regelmäßig das Artensterben festgestellt, in immer größerem, dramatischerem  Ausmaß, einen Rückgang der Fluginsekten um bis zu 97%, das muss man sich mal geben, und Bauernpräsident und Landwirtschaftsministerin beglückwünschen einander für den prima new Deal, der die EU-Subventionen weiter nahezu auflagenlos und störungsfrei fließen lässt, wie immer ohne Rücksicht auf Verluste. Und dann ein schwindendes Ansehen beklagen. Ja soll  man denn noch dankbar sein?

Der Vergleich ist überspitzt, zugegeben, aber das kommt mir vor wie der züchtigende Lehrer von vorvorvorgestern, der Respekt und Dankbarkeit einfordert, weil die Schläge es anscheinend ja nur gut meinen. Diese Agrarindustrie ist nicht das Treiben einer verantwortungsvollen Bauernschaft, sondern es schädigt das Land, auf dem wir alle leben.

Und in Rottweil denkt man darüber nach, für die Landesgartenschau ein paar weitere Grünflächen für neues Wohnen zu versiegeln, dort, wo die Insekten am Liebsten sind, am Wasser und in Hecken. Der Leerstand in der Stadt bleibt was er ist, Fasnetwohnungen, Baustellen bis zum Warten auf die Abrissgenehmigung, oder einem Handel vorbehalten, der dem Wandel hinterher hechelt; neues Wohnen in der Stadt ein Fragezeichen.

Was muss eigentlich geschehen, dass Politik mal umsteuert? Dass neu gedacht wird? Ich fass es nicht.

Der Irrsinn ist maßlos. Ein komplett verquerer amerikanischer Präsident, Diktatoren in der Türkei und in Osteuropa, Kriminelle an der Macht in Südamerika. Und in der arabischen Welt verwechselt man Täter mit Opfern. Ich verstehe diesen Aufruhr nicht. Opfer, in Frankreich, sind ein französischer Lehrer und drei christliche Kirchenbesucher. Täter sind jeweils islamistische Fundamentalisten. Punkt. Und so lange die nicht als Täter gelten und dafür verurteilt werden, solange die wie Helden hochgehalten werden, auch und gerade von arabischen Politikern und Klerikalen, denke ich mir, so lange kann es kein friedliches Zusammenleben geben, nicht aus bösem Willen nicht, sondern wegen fehlender Kompatibilität. Frankreich ist eine abendländisch –westliche Demokratie, die strikt zwischen Kirche und Politik trennt und viel auf Meinungsfreiheit gibt, was in dieser Kultur Karikaturen einschließt über allerhand Würdenträger von Göttern, Propheten, Engeln und Teufeln, Kaisern und Königen bis hin zu Präsidenten und sich selbst überschätzenden Männern. Das ist in Frankreich so und in Deutschland auch. Das muss wissen und aushalten, wer da lebt. Im andern Fall, wenn man das nicht akzeptieren kann, wäre man gut beraten, darüber nachzudenken, ob man nicht in ein Land gehen will, in dem die Werte und Gesetze herrschen, die man sich wünscht. In Arabien dürfen Karikaturen verboten sein. Deren Sache. Aber keiner kann schließlich seine eigenen Regeln mitbringen und sie dem Land, in das man geht, überstülpen wollen. Was ist das für ein Unfug? Das müssten die arabischen Herrscher ihren Leuten sagen. Das tun sie nicht und also heizen sie selbst immerzu weiter auf. Von wegen, sie seien einer Hasskultur ausgesetzt. Auch da wird Ursache und Wirkung verwechselt. Gute Güte, das kann doch nicht so schwer sein zu kapieren. Hier herrscht neben Meinungsfreiheit auch ein anderes Verständnis von Respekt. Ein Witz gilt nicht unbedingt als Respektlosigkeit, sondern als kritische Auseinandersetzung, und er ist Selbstschutz – worüber ich lachen kann, dem fühle ich mich gewachsen. Ich will keine Götter, die mich niederknüppeln. Wer das will – bitte. Der Glaube ist frei.  Aber das muss schon jeder für sich selbst entscheiden dürfen.

Überhaupt – dieses ewige Rumgeflenne über verletzte Gefühle. Und das beileibe nicht nur von Muslimen – das ist universell en vogue. Alle sind andauernd gekränkt, wegen irgendeiner Lappalie. Gute Güte. Wenn jeder wirklich so empfindsam wäre, wie er da behauptet und sich selbst so verhielte, wie die zarten Saiten es demzufolge nahelegen, dann sähe die Welt anders aus.

Charlie Hebdo – keep it up! Ich bin mit Euch.

Zu uns ins Haus kommt manchmal eine Frau zu Besuch, die jedes Mal was rumzustänkern hat, und die sich dann beschwert, dass es stinke. Jetzt wird unentwegt gelüftet, und es zieht wie Hechtsuppe. Die rümpft die Nase, meint, sie sei was Bessres und weiß sich dabei noch nicht mal einigermaßen zu benehmen. Wer macht denn so was – in fremde Häuser gehen und sich mokieren, was alles nicht gefällt? Kein Verstand, kein Benehmen. Aber Respekt einfordern. Das hat man ja gern.

Meine eigene Laune war schon mal besser, zugegeben. So gesehen ist es ganz okay, jetzt in den Lockdown zu gehen und mich zurückzuziehen. Aber es nervt mich auch. So viele Einrichtungen haben so gute Hygienekonzepte entwickelt, und jetzt sollen die allesamt nichts wert sein. Theater, Konzerte, Kinos, Hotels und Restaurants sind dicht, während die Infektionen anderswo stattfinden. Ich versteh´s nicht. Kontakte reduzieren, ja freilich, aber doch eher dort, wo es keine Hygienekonzepte gibt, im Privaten, im öffentlichen Verkehr, in Bussen, Zügen und Flugzeugen, und bei der Arbeit, wo eben doch auch Köpfe zusammengesteckt werden und der Mundschutz häufig am Kinn hängt. Mundschutz, sagen einige, sei wie ein Maschendrahtzaun als Fliegengitter – komplett wirkungslos. Ich weiß es nicht. Ich denke, eine gewisse Wirkung wird´s schon haben. Und es tut mir nicht weh. Wenn es nur ein kleines bisschen hilft, soll´s recht sein. Die Wut dagegen und der Umstand, dass dieses Stück Stoff als Inbegriff fehlender Freiheit gilt,  das scheint mir doch reichlich überzogen. Jetzt ist eine Querdenkendemo ohne Maske genehmigt worden, das versteh ich auch nicht. Wir waren im Schwimmbad in Überlingen, da gibt es einen Strudel, in dem man sich im Kreis herumtreiben lassen kann, die Kinder lieben ihn. Den gab es diesmal nicht, weil, wie der Bademeister sagte, es schwierig sei, unter diesen Bedingungen den Mindestabstand einzuhalten. Die Kinder waren enttäuscht, aber uns war das vollkommen logisch. Und das soll auf einer Querdenkendemo anders sein? Dort ist Abstandhalten dann ganz easy? Ich bin gespannt.

Da wird einerseits so beherzt regiert und dann gekuscht vor irgendeiner blödsinnigen Wut. So kommt man nicht durch Krisen. Mit seiner Wut muss jeder selbst fertig werden. Wut ist wie Angst ein mieser Ratgeber. Und wenn einer tobt ohne Sinn und Verstand, dann muss man ihn toben lassen. Man kann ihm doch nicht darin folgen! Auseinandersetzung kommt besser ohne aus. Siehe oben. Und mir geht auch dies Geschwafel vom ´Aufwachen´ auf den Zeiger. Es sind doch eher diese völlig verquer Denkenden die Tiefschläfer, die nicht aufwachen und sehen wollen. Irgendwas an dem Traum, den sie träumen, ist offenbar zu geil. Sie träumen sich ja geradezu in eine Diktatur. Sie träumen sie herbei und sich hinein, und sie stritten ab, etwas damit zu tun zu haben, wenn der Traum sich anschicken wollte, in Erfüllung zu gehen. Manche Träume gehen nämlich in Erfüllung, gerade die schlechten tun das. Wenn einer vom Unfrieden träumt, dann bekommt er ihn leicht. Und seltsamerweise lassen sich solche Träume ziemlich detailgetreu träumen, wie Bausätze quasi. Was andersherum weniger funktioniert – die guten Träume tun sich schwerer. Eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Politik – komplette Fehlanzeige. Nur ein Beispiel. Und man sieht es auch an der Sache mit den Märchenprinzen und Traumfrauen. Unzählige Male geträumt und so selten gefunden. Ein Sechser im Lotto ist vermutlich häufiger.

Wir denken überhaupt nicht mehr gemeinschaftlich und setzen Freiheit mit Eigennutz gleich. Wir fürchten um eine Wirtschaftsform, die produziert um der Kapitalvermehrung willen, nicht für den Bedarf. Und wir sind unfähig umzudenken und die Politik unfähig umzulenken.

Ich geh jetzt in den Lockdown und reduziere. Kein Problem. Und ich werde das Netz durchkämmen auf der Suche nach Karikaturen, die mich lachen lassen und mir die Qual nehmen angesichts des Irrsinns dieser Wel. Und wenn ´s die Götter sind, die mich lachen lassen.

Und hier noch ein Link zum Text einer mir lieben und teuren Bloggerfreundin, Lachmitmaren, über die fehlende Kommunikation in dieser Corona-Politik

https://wordpress.com/read/blogs/163593389/posts/611

„Die zweite Welle“

Coole Schlagzeile, cooler Titel. Raunt einem entgegen von jeder Straßenecke und hört sich an wie aus einem Spielfilm, und im Geiste sehe ich Sturmfluten und Zivilisationen, die von tosendem Grau verschlungen werden. Und gleich darauf sehe ich die Ostsee, die Kinder hinter den Wellenbrechern, wie sie sich fröhlich hineinwerfen, kurz verschwinden, wieder auftauchen, und ich weiß, sie können locker stehen, wo sie sind, aber im Auge behalten will ich´s doch. Ich bin noch immer nicht ganz zurück von der Reise, noch immer ein wenig dort, die Füße im Sand, vor mir weites, glitzerndes Blau, und die Themen vermischen sich, die Wellen und Corona, die Reise und die Demos, das Rauschen am Ufer und die Diskussionen um Weihnachtsmärkte.

Die Demo. Es gibt immer wieder welche, aber keine hat so eingeschlagen wie diese eine Ende August in Berlin. Ich weiß nicht – ein bisschen war das wie in den Achtzigern die Menschenkette. Es gab unzählige Aktionen damals gegen den Nato-Doppelbeschluß, aber keine war so bewegend wie die Menschenkette. Schon davor beherrschte sie jedes Gespräch, wer geht hin, wer nicht, und noch heute freue ich mich, wenn ich jemandem begegne, der auch dort war, und dann tauscht man sich aus an welcher Stelle man gestanden hat, ob die Reihe doppelt oder dreifach war, und das Lied geht mir wieder durch den Kopf – „die Zeit ist reif für ein Nein“, ein simpler Text, aber eine eingängige Melodie, als Kanon gesungen; ich habe damals erst aufgehört zu singen als ich längst wieder daheim war, die Euphorie hat mich begleitet bis zum Zähneputzen. Gebracht es nichts, die Waffen sind stationiert worden, der Kalte Krieg nahm seinen Gang. Das tut mir heute nicht mehr weh, was  eigentlich nicht passt, weil nach wie vor viel zu viele Waffen an viel zu viele Orte verteilt sind. Aber die Menschenkette war klasse, ich spüre sie heute noch.

Vielleicht verhält es sich mit der Demo am 29. August ähnlich – ich weiß es nicht, ich war nicht dabei. Nicht in Berlin. Aber auch diese Demo war davor Bestandteil sehr vieler Gespräche und man unterschied in die, die hingingen, und jene, die das nicht taten, und wer weshalb und weshalb nicht. Egal auf welcher Seite, jeder war in Rechtfertigungsnot. Ich habe Leute getroffen, die hingehen wollten und im Vorfeld bereits empört waren, man werfe sie mit Nazis in einen Topf. Ja wen wundert´s – auch wenn´s wenige waren, die Nazis waren laut und gaben den Ton mit an, und man marschierte Seite an Seite damit. Natürlich kann man sich davon nicht einfach distanzieren, diesen Pakt ist man eingegangen, diese Brücke hat man geschlagen.

Die AHA-Regeln leuchten mir prinzipiell vollkommen ein, und ich folge ihnen weitestgehend. Den Mundschutz trage ich so nebenbei, dass ich manchmal  vergesse, dass ich ihn trage. Abstand ist auch gebongt, wobei ich auch keine Haken schlage; ich will nicht, dass wir einander wie einer Gefahr begegnen. Außerdem braucht jeder Leute für konsequentes  Brechen dieses Gebots. Trotzdem ist vermutlich gerade  tatsächlich nicht die Zeit für Massenveranstaltungen in großen Hallen, wo man sich gegenseitig den Atem ins Genick pustet. Ich empfinde mich als kritisch, aber nicht als ´dagegen´. In manchen Überlegungen konnte ich  mich dennoch mit den Demonstrierenden verständigen. Infektionszahlen hin oder her – das Gesundheitssystem ist gerade beileibe nicht überlastet, also sehe ich keinen Grund für schärfere Maßnahmen. Ganz im Gegenteil. Zwar sehe ich, dass Corona weit mehr ist als eine leichte Grippe und mitunter lange und echt fiese Schäden nach sich zieht. Aber man muss ja tatsächlich abwägen zwischen Infektionsschäden und den Schäden, die die Beschränkungen mit sich bringen. Und die sind auch nicht ohne. Ich verstehe den Zweifel an der zwingenden Notwendigkeit so mancher Maßnahme. Manche Regel, bzw deren Handhabung, ist bisweilen hirnrissig und eine bloße Zumutung, und aus einigen Plexischeiben  spricht die reine Hilflosigkeit. Ich würde mir mehr situativ angepasstes Entscheiden wünschen. Und an einem Sterbebett soll egal sein, wer aus welchem Haushalt kommt, dasselbe beim Gebären. Kinder werden in der Wohnung nicht Quarantäne-isoliert, im Zweifel bleiben die Geschwisterkinder und die Eltern auch daheim – krankgeschrieben. Solche Sachen.                        Ich verstehe den Verdruss über dies Von-oben-herab-bestimmen, das ganze Themenfelder ausklammert. Auch  erschrecke ich über Größenordnungen und Prioritäten. Große Konzerne bekamen viel Geld und fingen nach dem Lockdown scheinbar einfach da wieder an, wo sie aufgehört hatten, so als wäre nichts gewesen. Eltern von schwerbehinderten Kindern jedoch, die nicht mehr betreut werden konnten wie zuvor, die also von den Eltern rundum versorgt wurden, die bekamen nichts, und Künstler darben bis heute, weil es nicht lohnt, vor halbbesetzten Hallen zu spielen.

Ich wäre dafür, Wege zu finden, wie mit der Seuche zu leben ist. Ich gehe davon aus, sie wird uns lange bleiben, denn noch ist weder Therapie noch ein Impfstoff gefunden und auch wenn es den gibt – ich kenne kaum jemanden, der schreit ´ich zuerst´. Und in der ganzen Zeit wird geboren und gestorben, geheiratet, Jubiläum gefeiert, uswusf, und es wird kreativ geschafft und gesponnen. Außerdem wird es nicht die letzte Seuche sein.  Es wäre ein guter Zeitpunkt um nachzudenken über eine neue Form des gesellschaftlichen Zusammenhalts und des verträglichen Wirtschaftens. Dazu liest man bisweilen kluge Abhandlungen im Feuilleton und Gesellschaftsteil, aber in der politischen Debatte kommt das nicht vor, und eigentlich auch nicht in den Gesprächen allerorten. Diese Sau wird nicht geschlachtet, die will jeder weiter mästen.

Wir saßen am 28. August im Zug nach Berlin. Dort stiegen wir um in den IC nach Rügen. Der Zug war voll, die reservierten Plätze waren doppelt reserviert gewesen, jemand saß schon in ´unserem´ Familienabteil, so mussten wir im Großraumwagon Plätze suchen, die also nicht beisammen und auch nicht sehr bequem waren. Die Nacht war kurz, und früh am Morgen lockerten wir die Glieder beim Spaziergang zum Bordrestaurant. Die Demo war spürbar. Hinter uns saßen zwei Schwaben,  die hingingen und sich schon mal einstimmten. Merkel sei an allem Schuld, die allermeisten Wissenschaftler hätten nicht alle Tassen im Schrank, AKK sei eine ´Hackfresse´, und Verteidigungsminister sollte ein General sein, und sowieso – „wie kann die Merkel bestimmen über unsere Kinder, die hat ja selbst keine“. Nichts in Gespräch oder Ausstattung deutete darauf hin, dass die beiden selbst welche hatten. Und echt – WENN sie welche hätten, dann wären die zu bedauern; denn reflektiert wäre diese Vaterschaft eher weniger. Für gesichert aber halte ich, dass ihre Fantasie nicht ausreicht, sich vorzustellen, dass andere mehr Fantasie haben könnten. Mir ist eine Verteidigungsministerin, die sich die Schrecken des Krieges vorstellen kann, lieber als ein General, der zeigen will, was er draufhat. Und ob eigene Kinder oder nicht – niemand muss Mutter sein, um Verantwortung für andere zu spüren. Und dann diese Wortwahl. ´Hackfresse´. Garstiger geht´s kaum. Wir ließen die Demo erstmal rechts liegen und fuhren weiter.

Sie war Thema gleich des ersten Abends auf Rügen. Wer war, wer nicht, und wieso und weshalb. Ein paar waren in Berlin gewesen, aber „nicht dort!“. Einer hatte keine Zeit gehabt, einer zeigte Sympathie, einige nicht. Der Mann meiner Nachbarin am Lagerfeuer war dort; „manche Maßnahmen gehen einfach zu weit“, verteidigte sie. Und da konnte ich zustimmen, das finde ich ja auch. Sie samt und sonders für obsolet zu erklären, wie dies Querdenkengedöns das tut, das allerdings geht nur mit Geringreden bis Leugnen und wird der Situation genauso wenig gerecht wie überzogene Verbote und Schließungen. Ein Mal grob quer drüber ist dies Querdenken – gegen jegliche Beschränkung, gegen das Gros der Wissenschaftler, gegen staatliche Macht an und Regeln an und für sich – differenziert und komplex gedacht dünkt mich das nicht.  Corona hat unter Bevölkerungen, Politikern, Wissenschaftlern und sämtlichen Entscheidern global Verunsicherung ausgelöst. Jeder weiß ein bisschen was, aber keiner genug um Sicherheit behaupten zu können. Und einfach die eine Hälfte wegsperren, damit die andere Hälfte sich in nichts beschränken muss, das kann´s auch nicht sein. Also IST Vor – und Rücksicht geboten, und darin agiert man hierzulande beileibe nicht am schärfsten, wenn man mal so in andere Länder schaut. Die Strategie ist strittig, aber zumindest klar und nachvollziehbar. (Vergleich https://www.zeit.de/arbeit/2020-08/corona-krise-israel-protest-gastronom-tel-aviv)  Es geschieht, auch hier, eine Menge Mist, auch tragischer Mist. Trotzdem plädiere für eine gewisse Fehlertoleranz. Und Wut macht sowieso nichts besser. Und das ist es auch, das mich so stört an ´der Demo´. Die Verachtung und der Hass, die da mitschwingen. Auch in den Achtzigern gab es Beleidigungen; Kohl hatte alle möglichen Schimpfnamen, und Strauß beflügelte die Schmähfantasie. Diesem war das schnurzegal, und Kohl drückte sich einen Klops Butter rein, damit glitt alles Weitere geschmeidig an ihm ab. Allem Schimpf und aller Schande zum Trotz – ihre Gültigkeit aber hatten sie, und man stellte nicht die Position in Frage, die sie bekleideten. Staatliche Macht muss sich rechtfertigen, immer wieder, auch da gehe ich mit. Aber ich stelle sie nicht grundsätzlich in Frage.  So gesehen empfinde die Verachtung, die aus dieser Demo mir entgegenwaberte, eher als Voraussetzung für den Protest denn als Folge einer konkreten, ungehörten Forderung.

Ich hab da freilich gut reden – ich kann leicht vertrauen. Ich habe gegen staatliche Institutionen prozessiert, auch gegen Verwaltungsgerichte, die den Staat mit ausmachen. Manche Regeln sind komisch und manche Handlungen strittig. Aber Staat als solches habe ich noch nie als feindlich wahrgenommen. Ich musste noch nie Angst haben an einer Grenze erschossen zu werden oder weil irgendwem meine Hautfarbe oder Herkunft nicht passt. Das ist global betrachtet durchaus keine Selbstverständlichkeit, sondern sogar ziemlich klasse. Und eben weil das eigentlich klasse ist, weigere ich mich, irgendeine braune, blaue, quergedachte oder sonst eine Verachtung zu übernehmen.

„Der Osten hat nach der Wende drei Jahrzehnte im Schnelldurchlauf aufgeholt und ist sehr kreativ geworden“, beschrieb mir einer der Rügener WG die Gemütslage im Land, „mit dem Lockdown und den Auflagen ist diese Kreativität auf Eis gelegt. Damit kommt man nur schwer klar“. Das verstehe ich. Im Osten scheint die Wirtschaft etwas kleinteiliger, Großkonzerne, die ganze Landstriche prägen, fehlen weitestgehend, stattdessen sieht man überall verstreut charmante Oasen der Selbstbehauptung, kleine Werkstätten und Läden, Kooperativen und Initiativen. Da ist leicht vorstellbar, wie übel es aufstößt, wenn dieser Kreativität der Boden entzogen wird. Und das gilt für Rügen und für den Osten und für Berlin und für den Rest der Welt genauso.

In der WG wohnt auch eine Frau, die hauptberuflich bastelt, wunderschöne Mobile aus Treibgut zum Beispiel. Eines hängt jetzt in der Wohnung unter uns fürs Katerpflegen. Sie verbringt die Sommer auf Rügen, die Winter in Gengenbach, wo der Weihnachtsmarkt vier Wochen lang dauert. Dieses Jahr muss sie sich Sorgen machen. Findet der Weihnachtsmarkt nicht statt, fehlt ihr die Hälfte ihres üblichen Jahreseinkommens. Ein bisschen glich ich vorab aus und kaufte ihr so viele Souvenirs ab, wie ich vorhatte zu verschenken.

Ein paar Abende später war der Mann meiner Lagerfeuernachbarin zurück aus Berlin und man saß wieder am Lagerfeuer.  Ich verstand, was sie an ihm fand. Er war nicht unattraktiv, wirkte kühn und verwegen, und noch Meter entfernt war das Feuer zu fühlen, das in ihm brennt. Er erinnerte mich an Che Guevara; dabei war er Sachse und sah ganz anders aus – brünetter Seitenscheitel, die Haare glatt und halblang, 70er-Jahre-Look, und vielleicht war es genau dieser – der durch nichts zu erschütternde, selbstbewusste Esprit der 70er, der ihm anhaftete wie Che Guevara halt auch, (der einen durchaus ambivalenten Nachruf geniest)., Er habe sich selbst ein Bild machen wollen, sagte der sächsische Che; die Informationen der Mainstreammedien reichten nicht aus – wobei ich nicht recht wusste, wovon er sprach, denn Radio oder Fernsehen sah ich nicht und auch keine Zeitung, und also schätze ich, war das Informationsmedium das Internet, und so große Verdienste dies auch hat – als Quelle der Wahrheit würde ich es nicht propagieren.  Gute Reden seien das gewesen, gute Infos. Und eine Menge Leute habe er getroffen, alle total gut drauf, ein Friedensfest sei das gewesen.  Ein paar Krawallos, okay, die auch, aber im Übrigen sei es eine tolle Stimmung  gewesen auf der Demo. Nachts ein Hin und Her mit der Polizei, ob man nun ein Camp errichten dürfe auf der Straße oder nicht, am Ende habe er sich in einen Park gelegt und sei am Morgen aufgewacht  zwischen lauter Leuten, die wie er irgendwann einfach genug gehabt hatten.

Früher, führte er aus, sei er härter drauf gewesen. Da habe er so eine Todesverachtung gehabt für seine Umwelt, es alles so scheiße gefunden, dass er dafür gewesen sei, rundum die Welt in Grund und Boden zu bombardieren, so lange, bis sie unterginge in einem einzigen gigantischen großen Feuerball. „Hait bin isch ooch a bissi milde“, meinte er. Der totale Overkill ist es nicht mehr, aber „ääne Monarschie wär et schon“, mit ihm als König, und er befreite letztendlich und entließe alle in die selbstverantwortete Eigenständigkeit.  

Ich war froh am Feuer zu sitzen, mich fröstelte.

Dann stand er auf, der sächsische Che, und ich dachte, jetzt hält er eine Rede und bläst zur Revolution, zu Klassenkampf und Sturz der Eliten, für Freiheit und Future, aber er verabschiedete sich, er war müde. Auch Helden brauchen ihren Schlaf, gerade die.

Da bin ich echt froh, dass Che milde geworden ist, und nicht König. Scheint ja doch immer schwierig mit diesen alleinherrschenden Mächtigen, die sich einen Plan machen für die Menschen ´unter ihnen´ und beleidigt sind, wenn die sich nicht dran halten. Und bisschen blöde ist das ja eigentlich auch. Keine Macht den Misanthropen. Es gibt ein paar Wesenszüge, mit denen, meine ich, sollte man nicht regieren dürfen; Selbstüberhöhung und Menschenverachtung gehören dazu. Der sächsische Che hat eine nette Familie – soll er sie genießen und glücklich sein.

Ich würde gerne demonstrieren. Mit Künstlern, die Rahmenbedingungen wollen, innerhalb derer sie  auftreten können. Mit Angehörigen und Bewohnern von Pflegeheimen, damit Angebote und Verbindungen zur Außenwelt nicht ersatzlos gestrichen, sondern Alternativen geschaffen werden. Mit Hebammen, die Müttern und deren Babys intensiver beistehen wollen. Mit Sterbebegleiterinnen, die Sterbende besser begleiten wollen. Mit Passagieren, die Platz und Frischluft in Zug und Bus wollen. Mit Reiseveranstaltern, die ihre Reisen verkaufen wollen. Mit Artisten, die Zirkus machen wollen. Mit Schaustellern, die ihre Fahrgeschäfte aufbauen wollen. Und mit Bastlerinnen, die auf Weihnachtsmärkten verkaufen wollen. Ich will unbedingt, dass der Weihnachtsmarkt in Gengenbach stattfindet. Ich will hin, und ich will eine Freundin mitnehmen, die quasi-heimatliche Gefühle mit der Stadt verbindet. Wir würden Mundschutz tragen und Abstand halten, am Stand, in der Achterbahn, im Zirkuszelt, im Konzert, überall, das Ding tut nicht weh, und wir würden uns hinterher die Hände waschen.

Außerdem würde ich für nachhaltige Politik und Gemeinwohlökonomie demonstrieren.  Und wenn´s Verzicht bedeutet. Wir sind die Babybommer, wir sind die Generation, die grad maßgeblich entscheidet. Die meisten von uns kennen Verzicht, Dinge, die man denken, aber nicht haben kann. Hat sich deshalb wer unfrei gefühlt? In den 70ern ist kaum jemand in den Urlaub geflogen; Schuhe mussten gepflegt werden, damit sie lange hielten, Schnitzel gab es an Sonntagen, und weggeworfen wurde nur Müll, nicht Sachen, die extra dazu gemacht und gekauft wurden. Wir sind ja völlig meschugge, alle zwei Jahre ein neues Handy, ein neues Tablet, einen neuen PC zu brauchen. Wir sind völlig meschugge, stapelweise Tshirts für drei Euro das Stück zu kaufen, nur um sie nach dem dritten Waschen zu entsorgen. Wir sind meschugge, jeder ein eigenes Häuschen mit Doppelgarage und eigenem Spielplatz und zwei bis drei Autos je Haushalt zu brauchen. Und wenn die Wirtschaft das braucht – dass alle haufenweise Sachen kaufen, die keiner braucht – dann muss sich die Wirtschaft ändern, auch wenn wer arbeitslos wird. Was würde denn passieren? Es gäben mehr und schneller Firmen auf, als neue geschaffen werden. Vermutlich. Manche kämen gut durch. Viele andere würde vermutlich Stütze benötigen. Der Lebensstandard sänke, aber flächendeckend und gemeinsam, was es erträglich machte. Und es müsste umverteilt werden, was einigen sicher nicht passt, aber was soll´s. Von einer Welt, die am Stock und zugrunde geht, hat auch der volle Geldsack nichts. Was ist denn so schlimm an Veränderung und Umbruch und Krise und Verzicht? Woher dieser horrende Schiß? Noch nie eine Krise erlebt? Nie gescheitert? Ging immer alles geradeaus?  

Ich will nicht kleinreden. Das ist schon starker Tobak. Aber er ist nicht stärker als der, den man vor einigen Jahren Griechenland und anderen Ländern zumutete, als man von ´Hausaufgaben machen´ sprach, von ´Geschäftsmodellen ändern´; ganze Länder sollten, mussten das tun, mal eben Land, Leute und Wirtschaft umkrempeln.  

Auch wenn man schreit, was das Zeug hält – es hilft nicht, und Schreien kostet viel Puste, die man anderweitig nötiger braucht. So wie´s die letzten Jahrzehnte ging, kann´s halt nicht weitergehen, so schön es auch wäre. Hat man wirklich geglaubt, das ginge – immer mehr, immer besser? Hat man das wirklich geglaubt? Dass es immer bergauf, nie bergab geht, immer nur in eine Richtung?  Raus aus der Wohlfühlblase. Es geht erstmal runter, aber dann geht es auch wieder rauf. Arschbacken zusammen, einander Hände gereicht  und Schritt für Schritt beherzt durch. Das Beste draus machen, jeden Tag neu. Es muss schon seeehr dicke kommen, damit man einem Tag so gar nichts Positives abgewinnen kann, und diese Tage stehen meist unter einem ganz anderen Stern und haben mit wirtschaftlichen oder politischen Rahmenbedingungen wenig zu tun. Wir reden hier nicht von ´Existenz´, und wenn, dann fälschlich. Wir reden hier von Broterwerb und Konsum, und das geht auch anders. Und keiner muss verhungern, erfrieren oder verzweifeln. Es mag rumpeln in der Kiste und auch mal wehtun, aber das geht vorbei, und hinterher ist die Lage eine andere. Die Dinge besser machen – dafür würde ich demonstrieren, mit Lied und Friedensfest und Camp und Kette.

Aber auch wenn das nicht geschieht oder zu wenige es tun – es ändert nichts daran, dass es ganz bestimmt so kommen wird, dass die Schuhe wieder gepflegt werden und Fleisch Luxus ist, dass man Klamotten aufträgt und weiterreicht, dass nicht jeder ein Eigenheim baut und Autos uncool sind. Es wird so kommen, bin ich überzeugt, denn wie soll es anders sein. Es kommt zwangsläufig. Weil die Erde bald nicht mehr hergibt und die Gesellschaften auch nicht. Dann kommt der Wandel, vielleicht etwas später, aber brutaler. Den, den man selbst einläutet, den hat man auch souveräner in der Hand.

Eine globale Menschenkette wäre schöner.

Verwunderliches aus dem Ländle

rottweil

Im Kreistag empfinden es die Freien Wähler als stigmatisierend, dass die Hauptschüler weniger Eigenanteil an ihren Bustickets zahlen. Jetzt sollen sie also entstigmatisiert und ihr Anteil angeglichen werden, wodurch die Tickets für die Gymnasiasten billiger, die für die Hauptschüler teurer werden. Ich bin sicher, die sind darüber echt froh und fühlen sich gleich besser.

Der Bundesinnenminister will keine Untersuchung von rassistischen Tendenzen in der Polizei. Die seien eh verboten, also müsse man sie auch nicht untersuchen.

Nach der Randale in Stuttgart will die Polizei auch im familiären Umfeld der Täter ermitteln. Und weist jeden Verdacht, das könnte eine Form von ´racial profiling´ sein zurück. (Es hatte geheißen, viele der Täter seien Migranten.) Solche Untersuchungen seien Usus und selbstverständlich. Zusammen mit Scharfmacher-Parolen wie „mit aller Härte“  und dergleichen bekommt solches Ermitteln aber schon mehr als nur ein Gschmäckle.

Vertrauen ist mir lieber als Misstrauen. Aber wo´s nicht geht, geht´s nicht.

Gedanken zum und am 8. März

Bin ich also ein Gutmensch.

Manchmal lasse ich mich auf Facebook -Diskussionen ein. Meist vermeide ich es oder blockiere solche Posts.  Weil sie so ätzend sind und das Diskutieren darüber so müßig. Und weil es sich halt auch scheiße anfühlt. Manchmal mach ich´s. Weil ich etwas nicht so stehen lassen will und den Nerv übrig habe, meine Wohlfühlblase zu verlassen.

Diesmal war es eine Fotomontage,  eine auf den Betrachter zu fliehende Menschenmenge und darüber der Spruch, bald müsse man selbst flüchten.  Darunter zig Kommentare, bei denen einem übel werden konnte.  ´Wir´ und  ´die´. Die nichts schaffen wollten, die kriminell seien, und wir, die wir so fleißig seien, es verdient besser hätten, die wir nichts zu sagen hätten – dieser ganze Rotz. Mir dreht sich da der Magen rum, und ich will eigentlich bös werden. Aber das bringt auch nichts. Also deutlich, aber höflich gehaltene Kommentare und Richtigstellungen meinerseits. In dem Zusammenhang eben dann der ´Gutmensch´ und ob ich einen Teddy wollte.

Danke. Ich habe einen.

(Eben wollte ich ein Foto von diesem Kommentar  machen, so eine Art Auszug aus einem screenshot. Da war der ganze Post weg. Ich habe nachgefragt und erfahren, dass er auf Mahnung von Facebook entfernt wurde).

Also einmal ´wir´.

Wir haben in all diesen globalen Deals Vorteile auf unserer Seite und nutzen und genießen sie.  Wir  genießen Wohlstand und Frieden und eine Gesellschaft, die uns weitestgehend sein lässt was wir sein wollen. In Kriegen wird geraubt und vergewaltigt, und das systematisch,  das machen alle Kriegführenden so, und je länger jemand damit lebt oder aufwächst, je mehr lernt er das. Und wir produzieren fleißig die Waffen, mit denen anderswo Krieg geführt wird.  Wir machen Profit und halten den Wohlstand für verdient. Ja haben denn die, die da in Not sind, ihr Los ebenfalls verdient? Das unterstellen wir damit doch. Nein!  Und  wir drehen uns weg, wenn wir mit den Folgen  unserer Privilegien konfrontiert werden und bilden uns noch ein, was Bessres zu sein.

Das ist absolut ekelhaft.  

Und es sind nicht nur die krätzigen Rechten, die sich daran noch laben. Wir sehen alle zu wie Leute an der Grenze zur EU um ihr Leben ringen. Wir sehen zu und getrauen uns nicht das Richtige zu tun. Aus Angst vor den krätzigen Rechten. Oder aus Feigheit, weil wir Angst haben was zu verlieren.

Verlieren kann man immer was. That´s life. Deshalb müssen wir uns doch aber nicht vor Angst in die Hosen machen. Wir sind doch fleißig, und schlau! Außerdem haben wir im Überfluss und können abgeben, ohne dass irgendwer hier Not leiden müsste. Und wer sagt überhaupt, dass immer dieselben die Reichen sind? Oder die Mächtigen. Gibt es da ein göttliches Recht oder was?

Das ist rassistisch, wenigstens feudal. Wie dieser abgebrührte Kaiserenkel, der Besitztümer zurückfordert und Wohnrechte und ernsthaft denkt, das wäre ehrlich erworben und stünde ihm zu, als ´Enkel von´, einem wohlgemerkt, der am Drücker war, als ein ganzer Kontinent und eine ganze Generation dem Erdboden gleich gemacht wurde, und als Neffe von einem, der beim nächsten noch schlimmeren Kriegen und Treiben auch auf der Seite der Macht war. Dieser Enkel lässt sich noch als kaiserliche Hoheit anreden und will Schlösser zurück. Geht’s noch? Soll dankbar sein, dass es ihm noch so gut geht, dass es zu goldenen Wasserhähnen und diesem ganzen restlichen herrschaftlichen Luxus  reicht.

Solche Machtfülle und solcher Reichtum ist NIE ehrlich verdient. Kann es nicht sein. Es gibt keine Stundenlöhne, mit denen man es aus eigener Kraft zu Milliarden bringen. Das ist immer auch Ellbogen und Hartherzigkeit, und  die Rücken anderer. Und wenn man am Schreibtisch sitzt und Geld aus Geld macht, dann auch. All das ist Schläue, keine reale Leistung.

Schlau darf man sein, zweifellos. Das ist eine Gabe. Aber wer sagt, dass sie berechtigt alle anderen aufs Kreuz zu legen, Leute, die andere Talente haben?

Teilen. Einfach helfen.

Hier wird gefastet. Und bis in ein paar Wochen gedenkt man Kreuzigung und Auferstehung und so, für den, der für uns gestorben ist. So heißt´s. Ich will überhaupt nicht, dass wer für mich stirbt. Keiner, damals nicht und heute nicht.  Ich will meine Nächsten lieben und auch die weiter weg und überhaupt den ganzen Planeten. Jawohl, so ein Gutmensch bin ich. Weil – was ist denn das Gegenteil davon? Wie lautet das? Und ist das etwas, das man ernsthaft und guten Grundes wollen kann?

Ich sähe gerne, wenn Rottweil  zum sicheren Hafen würde. Ich bin sicher, wir hätten gewonnen. Weil man einfach das Richtige tut und nicht verkorkst das Egoistische verteidigt.

Einfach das Richtige tun. Weshalb tut man sich damit so schwer? Und weshalb mitunter gerade die, die Recht und Ordnung und Werte und all das so plakativ vor sich hertragen?

Frieden wollen heißt nicht nur, aber auch, bereit sein zu teilen.

Und zum internationalen Tag der Frauen

In Portugal ist der ganz klasse. Da ist Feiertag und der ganze weibliche Teil einer Familie, alle Generationen und Verwandtschaftsgrade, feiern miteinander.  

Ich war gestern mit den Freundinnen weg.

Wir haben einander Neuigkeiten erzählt und allerhand beratschlagt. Es ging unter anderem  um Frauen im Job, und Männer dazwischen, die streiten, und Frauen, die den Streit übernehmen und einander nicht beistehen. Und es ging darum, welche davon als Feministin gelten und weshalb. Es ging um die Frage „Was ist für uns Feminismus“.

Selbstbestimmung, klar. Und Gleichheit aller. Und Solidarität. Feminismus bedeutet, dass Frauen einander beistehen.

An der Grenze zu Griechenland sitzen auch Frauen fest, im Matsch, und Mädchen, und Mütter, die ihre Kinder auch in Frieden und Geborgenheit großziehen wollen, Frauen, die jetzt auf offenem Feld schlafen, zwischen Männern, die auch nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht.

Seien wir solidarisch. Helfen wir.

Fördern und Fordern

Zum Mittagessen über die Buschbrände in Australien gelesen. Zum Dessert ging es im Radio um das Artensterben.  Ausserdem war gestern der 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Und eine rechtextreme Vereinigung ist  verboten worden. Ich sollte froh sein darüber, nicht  ´warum jetzt erst? ´ fragen;  aber es konnten nun alle mit viel Geruhsamkeit alles in Sicherheit bringen, was man da gerne haben wollte. Egal – 54rf vermutlich ist es eh gehopst wie gesprungen – diese Ärsche lösen sich wegen eines Verbots ja nicht in Luft auf. Es bleibt zum Kotzen.

Ich bereite  derweil die Fasnet vor und genieße die Banalitäten des Alltags. Narrentag in Überlingen. Das Gastgeschenk steht auf der Kommode und riecht nach Alte-Tanten-Parfum.

Es gibt immer wichtigere Themen. Wo es um alles geht, gibt es immer wichtigere Themen. Trotzdem geht mir diese Messerattacke im Jobcenter nicht aus dem Kopf. Ich hatte mit dieser Einrichtung auch schon Kontakt und bekam solche ´Vorladungen´. Kann gut sein, ich kenne die niedergestochene Frau.

Im Schwabo lese ich, der Täter soll ´psychisch krank´ sein und es sei ´schockierend´, dass er sich sozial engagiert habe. Verstehe ich nicht. Was soll denn daran schockierend sein, wenn einer sich sozial engagiert. Auch Ärsche engagieren sich.  Und weshalb psychisch krank? Aus den Zitaten konnte ich das nicht herauslesen. Anders – ja. Voll schräg. Meinetwegen  nicht ´normal´.- Aber ´nicht normal´ ist doch nicht gleich ´krank´, will ich mal wagen zu behaupten. Nur weil jemand eine Norm definiert, ist nicht alles, was diese sprengt, krank. Dieser Mann gehört nicht in die Psychiatrie – er gehört entwaffnet. Ich würde sagen, er ist einfach ´scheiße drauf´, richtig richtig scheiße. Nichts ist verlockender und einfacher als der eigenen schlechten Laune zu folgen. Nichts befriedigt schneller.  Kommt dann noch eine Prise Eitelkeit dazu, wird´s verschwurbelt. Krank ist das noch lange nicht. Nur eklig und ätzend.

Ich habe keine schlechte Erfahrungen mit dem Jobcenter an der Steig gemacht. Über die Schreiben – ´Einladungen´ an ´Kunden´ – habe ich mich gleichwohl auch schon geärgert. Man heißt ´Kunde´, aber die Wortwahl gefällt nur denen, die nichts damit zu tun haben. Der Rest weiß, was Sache ist. Im internationalen Vergleich kann sich das deutsche Sozialsystem sicher sehen lassen. Ideal ist es trotzdem nicht. Und das spürt, wer es beansprucht. Ich würde lieber  von ´Klient´ sprechen. Klient, das klingt nach Anwaltskanzlei, nach schwerem Schreibtisch und dem Duft von Leder und Papier, und es lässt davon träumen, dass einem da jemand zur Seite steht. Unser Sozialsystem lebt aber gefühlt davon, dass der Kunde sich scheiße fühlt. Scham macht gefügig. Und wenn es stimmt, dass auch in Deutschland das reichste Prozent mehr besitzt als fast 90 % der ärmeren, (sagt Oxfam) und wenn man sich ganz problemlos vorstellen kann, wie Kriminelle wie die Beteiligten bei CumEx ganz nonchalant Kassen plündern, und wie der Justizapparat das so irritierend vorsichtig verfolgt und ahndet, und wenn man überdies ahnt, wie effektiv reiche Lobbyarbeit wirklich und wahrhaftig funktioniert, und wie arschig die Arschkarten der Anderen dadurch werden, weil wo die Trümpfe so lässig aus dem Ärmel flattern, die Arschkarten dem entsprechen müssen, weil  das Spiel so funktioniert – da wirken manche Schreiben der Sozialbehörden  dann schon sehr provokant. Es hängt ja doch zusammen.  Man könnte den Korb auch niederer aufhängen. Nicht in jedem Schreiben eine Liste der Drohungen, und das selbst dann, wenn  der ´Kunde´  seinen Aufgaben durchaus nachkommt. Und vielleicht  doch mal ein Hinweis darauf, dass eine persönliche Situation irgendwie eine Rolle spielen darf. Stattdessen – nichts dergleichen. Krankheit und Tod. Oder Unfall mit Totalschaden. Sonst hat man gefälligst zu erscheinen. Punkt und Basta. Rechtshilfebelehrungen 2 DinA4 Seiten.  Und Vorwürfe. „Sie haben zu Unrecht bezogen“ – wenn das Jobcenter sich verrechnet hat oder man mehr verdient hat als kalkuliert.  Unrecht! Hab ich betrogen oder was? Da frage ich mich dann auch „geht´s noch?“ . Und ich habe das auch schon die Dame am anderen Ende der Telefonleitung oder auf der anderen Seite des Schreibtisches gefragt, und die weisen diese Art Sprache dann von sich und das völlig zu Recht. SIE haben das nicht geschrieben. SIE haben das nicht so formuliert. Sie sind nur gezwungen umzusetzen. Mit ihrer Intention hat das wenig zu tun.

Ich habe Interviews gelesen und ´Expertenratschläge´ über mehr und bessere Sicherheitsvorkehrungen bei den Sozialbehörden. Mag alles stimmen. Ich würde andere Schreiben aufsetzen. Mehr und bessere Textbausteine anbieten. Individueller bearbeiten. Und generell darüber nachdenken, ob es nicht auch hilfreich wäre, wenn der Kunde sich nicht systematisch so scheiße fühlen müsste.

Herrje. ´Normal´ ist eine Illusion. Weshalb nicht auch die Unnormalen mitnehmen.  Selbst dann, wenn sie nicht schillernd und witzig daherkommen, selbst dann, wenn sie dem eigenen ästhetischen Empfinden spotten.  Nur weil sie da sind mitnehmen. Alle mitnehmen. Einfach nicht so kleinlich sein.

Ich verteidige nicht. Der Angreifer gehört in den Knast. Der hat Übles im Sinn. Auf diese Art Rebellion wartet nichts Gescheites. Wer einen Funken Liebe im Herzen hat, die weiter fühlt als bis zu ´ich´ und ´Vaterland´ und so´n Scheiß, der hat dafür kein Verständnis. Trotzdem  wünsche ich mir, dass auch die Anschreiben an diese anders  aussähen .

Ich wünsche der Frau des Jobcenters gute Besserung. Ich hoffe nicht, dass ich sie wiedersehe. Aber ich will ihr gerne sagen, dass sie bestimmt einen guten Job gemacht hat, und dass es nicht an ihr liegt.