Coronazeit

10.04., April, Karfreitag

Der Papst predigt und segnet im leeren Petersdom. Gab´s auch noch nie. Voll krass.

In Deutschland gibt es viele bestätigte Infektionen, aber das Gesundheitssystem ist durchaus nicht überlastet und die allerallermeisten werden wieder gesund. Gestorben sind noch nicht allzu viele. Diese verschlingende Welle scheint uns nicht zu treffen. In anderen teilen der Welt sieht´s da ganz anders aus. Italien, Spanien – da gehen die Särge aus, und in Amerika wird Corona auch zur Tragödie. Da sterben überwiegend Schwarze und Latinos, was ich ungeheuerlich finde. Corona trennt zwischen arm und reich. Einen schweren Verlauf nimmt es eben doch bei vielen, auch jüngeren; dann hängt es vom Beatmen ab, ob man übersteht oder nicht. In den ganz armen Ländern bahnt sich ebenfalls Furchtbares an. Dies Virus in engen Slums – ich will es mir eigentlich nicht vorstellen. Ganz fürchterlich entwickelt sich die Lage in den Flüchtlingslagern in Griechenland. Beschämend ist kein Ausdruck. Wenn es ein Gebilde namens Europa geben soll, dann macht es sich hier so dermaßen schuldig, dass es jedes Recht verwirkt, jemals wieder über Recht und Unrecht zu urteilen. Wie können wir das nur zulassen? Fies finde ich auch, wenn jetzt eigenes Versagen undoder Themenfremdes mit Corona begründet wird. In Ungarn hat man die Verfassung mal eben umgeschrieben und den Ministerpräsidenten mit autokratischer Macht ausgestattet. In den USA beschuldigt Trump die WHO, die schuld sei, dabei war ER es, der lange nicht ernst nahm, (außerdem wurde er vom Geheimdienst bereits letztes Jahr im November gewarnt), und in der EU streitet man wie gewohnt über Geld. Die italienische Regierung verlangt Coronabonds.

Nun weiß ich darüber zu wenig um dafür oder dagegen zu sein. Grundsätzlich bin ich immer für eher mehr Solidarität und Gemeinsamkeit als für weniger. Aber von einer Regierung, die sonst so europafeindlich ist, in der Klemme nach europäischem Zusammenhalt zu verlangen, empfinde ich dann als schäbig, wenn nicht mal der Ansatz eines Eingeständnisses damit einhergeht, dass man sich getäuscht und auch Fehler gemacht hat. Niemand hat diese Seuche so kommen sehen. Aber auch in Italien hat man erstmal die Augen verschlossen und lieber die Saison laufen lassen, was, so stelle ich mir das vor, die rasante Verbreitung mitverursacht hat. Und wenn das Gesundheitssystem so funktioniert wie manche andere der Institutionen in Italien, dann ist es nicht sonderlich krisenfest. Ich liebe Italien, aber ich habe nie diesen Widerspruch zwischen Mafia und Bigotterie verstanden, zwischen DolceVita und Korruption, Hochkultur und Banalität. Nichtfunktion und Heuchelei kann man nicht zur nationalen Besonderheit stilisieren wollen.

Schön hätte ich gefunden, Deutschland hätte Beatmungsgeräte ausgeliehen. Hier sind welche übrig, und solange sie das sind – man kann ja ausleihen auf Widerruf. Mache ich mit manchen Sachen auch; macht man so, wenn man sich nahe steht.

Die Diskussion, wie es hier weitergehen woll, finde ich wenigstens zum Teil verfrüht. Kann man nicht erstmal Fazit ziehen? Es geht darum, wie man möglichst schnell möglichst viel aufholt, damit jeder Rubel, der es jetzt nicht konnte, wenigstens später rollt. Dabei könnte man auch mal nachdenken, ob es danach nicht anders weitergehen könnte, nachhaltiger, fairer. Und langsamer. Wen ich treffe, sagt dasselbe: die Ruhe tut gut. Ein paar Gänge runterschalten, nicht so hetzen und auf allen Baustellen zugleich sein müssen. So viele genießen das. Und kaum einer klagt über das, was fehlt. Es geht auch bescheidener. Mancher Verzicht ist am Ende ein Gewinn. Und es würde dem Thema gerecht – diese Seucha hat auch mit unserer Lebensweise zu tun. Da kann man doch nicht einfach zurück zu vorher wollen.

Gestern mussten die Kinder und ich lachen. In den Spätnachrichten kam die Meldung, die EU hat ein 500-Milliarden-schweres Wirtschafts-und Finanzprogramm beschlossen. „500 MIlliarden Euro!“, sagte die Kleine staunend, sie ist sechs, die Zahl kann sich keiner von uns vorstellen. Und dann mussten wir lachen. Was für irre Summen – . Die Kinder entstammen einer Wirtschaft, aber es war durchaus nicht nur das der Grund, weshalb der Große, 8, sagte „500 Milliarden – weshalb braucht man dann eigentlich noch eine Wirtschaft?“ Stimmt. Da könnte man auch hinsitzen und es mal gut sein lassen.

Ein mehr oder weniger regelmässiges, nicht ganz tägliches Coronazeit-Tagebuch gibt es unter https://beatekalmbach.home.blog/corona/ in der Kopfzeile.

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