Ausnahmezustände

Es ist Corona-Zeit

Ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus. Das ist neu. Boah.  Ich kenne keinen, der einen kennt, der einen kennt, der sowas schon mal erlebt hat.

Das Leben ist lahm gelegt.

„Vermeiden Sie unnötige Kontakte!“

Fällt mir einigermaßen leicht.  Ich bin gerne mit mir und meinen Kindern allein. Und es gibt ja social media, und streaming, und allerhand häusliche und familiäre Vergnügungen. Es war auch schon anders – es gab schon Zeiten, da hätte mir diese erzwungene Isolation schwer zu schaffen gemacht, und ich kann gut nachvollziehen, dass es das heute bei vielen tut.

Was heißt schon ´nötig´? Das gehen die Definitionen weit auseinander.

Meine Kinder empfinden es als schier unfassbaren Einschnitt, wenn sie keine Freunde mehr treffen können. Und ich verstehe sie. Die Großen, die gehen arbeiten, nach wie vor, sie gehen einkaufen, reden hier und machen da – nur das Nötigste, freilich, aber sie haben Kontakt zu ähnlich gestellten. Den haben die Kleinen nun nicht mehr. Mitunter gar nicht mehr. Das ist nicht leicht zu nehmen, auch mit Spazierengehen, Spielzeug und Internet nicht. Irgendeine Form des Austauschs und Abgleichs braucht´s auch für die, die zu klein sind zum Chatten und dergleichen, zum kontaktlosen Kontakt.

Mit den Kindern war ich am Wochenende noch auf dem Spielplatz. Diese Woche dürfen wir schon nicht mehr. Letzte Woche traf der Sohn noch den Nachbarsbuben. Ob er das nächste Woche noch kann, kann ich ihm nicht versprechen.

Ich war alleine spazieren. Mache ich eh am Liebsten, dann kann ich ungestört meinen Gedanken nachhängen. Von der Haustüre weg brauchte es ein paar Straßenecken, bis ich den ersten Mitmenschen sah. Die Stadt oberhalb des schwarzen Tores war wie ausgestorben, in der oberen Hauptstraße schließlich war es ruhig wie an einem Sonntag im August.  Und überall Schilder ´geschlossen´.

Ich traf ein paar Bekannte, drei Leute, die sich ebenfalls zufällig getroffen hatten und sich unterhielten. „Wenn jetzt noch zwei dazukommen, stehen wir so weit auseinander, dass wir Platz brauchen bis auf die andere Straßenseite!“ Irgendwann rufen wir uns nur noch aus der Ferne zu.  (Oder wir singen wie die Italiener – das ist wundervoll!)

Bei entgegenkommenden Spaziergängerpaaren tritt eins hinter den anderen und man läuft Kolonne, so dass man beim aneinander-Vorbeikommen den nötigen Sicherheitsabstand einhält. 

An der Kasse wurde ich heute dagegen gerügt. Ich hatte mich nicht vordrängeln wollen. Ich hatte die Dame, die so weit weg stand, nur nicht als das Ende der Schlange erkannt.

„ Flatten the curve!“  Vorweg – ich verstehe den Sinn all dieser Maßnahmen und befolge sie, ergeben, aber nicht gerne, bisweilen zähneknirschend.  Aber ich befolge sie – weitestgehend. Es gibt immer eine gewisse Spannbreite, in der Regeln ausgelegt werden können. In den diversen Diskussionen in Whatsapp-Gruppen und Chats liege ich schnell im Clinch mit den Hardlinern, deren Kontakte außerhalb des direkten familiären Umfeldes auf Null gefahren sind. Null. Niemand. Nichts mehr  Alles  darüber Hinausgehende gilt als ´unnötig´. Damit  tu ich mich zugegeben schwer. Vorauseilender Gehorsam ist mir kaum gegeben. Immer hat es ein doppeltes und dreifaches ´Nein´ und eine gute Begründung gebraucht, damit ich folgen konnte. Und ´Einschränken´ ist nunmal nicht ´Streichen´. 

Das Gesundheitssystem muss die Erkrankungen auch verschaffen können. Das leuchtet ein. Es soll niemand mit einem ernsten Verlauf dieser oder einer anderen Krankheit auf Hilfe verzichten müssen, weil das System überlastet ist. Aber deshalb kann ich doch zum Beispiel die alten Eltern nicht auf Wochen und Monate hinaus ihrem Schicksal überlassen. Das wäre das Gegenteil von Zusammenhalt. 

Auch Isolation hat ihre Grenzen.

Ich habe  beim Gesundheitsamt angerufen. Die sagten nicht „Sie dürfen“, aber sie sahen die Problematik – und überlassen die Entscheidung mir. Immerhin. Und ich entscheide, ich gehe. Ich war nicht in einem Risikogebiet, habe keine Symptome, war nicht mit einem Menschen in Kontakt, der welche hatte oder gar positiv getestet  wurde, und wenn ich darüber hinaus ein paar hygienische goldene Regeln berücksichtige – dann kann ich – eingeschränkt – das auch tun.

´Systemrelevant´.  Ein Wort, bei dem ich ein komisches Gefühl bekomme., weil ich nichts als irrelevant einstufen will., und weil es viele Systeme gibt, die am Laufen gehalten werden wollen. Systemrelevant für unser gesellschaftliches, als Staat organisiertes Leben ist vieles. Nach den Eltern gucken empfinde ich als absolut systemrelevant.

Und mein Sohn würde sagen, Kinder treffen ist absolut systemrelevant, für sein System ist es das.

Zum Teil stellt uns die gesamtgesellschaftliche Quarantäne vor durchaus  auch vor willkommene Aufgaben. Kino ist zu, Freizeitpark ist zu, Schwimmbäder, Indoorspielplätze – alle diese Sachen, die regelmäßig gewünscht werden und ein Vermögen kosten, sind zu, und es ist nicht Mutters Schuld und Kleinlichkeit, sondern mit guten Gründen verordnet. So gesehen perfekt. Das Angebot wird bescheidener, und gleichzeitig vielfältiger, weil Tätigkeiten in Betracht kommen, die im sonstigen Angebot meist den Kürzeren zogen.

Oder homeschooling. Ein interessanter Versuch, vor allem mit dem Jungen, der alle Müssens, die mit der Schule üblicherweise zusammenhängen, verabscheut. Letzt geht´s ums reine Lernen und die Bereitschaft dazu. Ich bin gespannt, wie wir das hinbekommen.

Aber allzu lange können wir auf Kinderkontakte nicht verzichten. Eine Ausgangssperre gar wäre ein Horror. Und da fängt bei mir die Unsicherheit an. „Zwei bis drei Wochen“ „hieß es. Aber  abgesagt werden Veranstaltungen bis in den Sommer hinein, und wappnen tut man sich für eine Erkrankungswelle, deren Zenit noch lange nicht überschritten ist.  Wie lange soll diese Isolation denn anhalten?

Kinder, so habe ich gelesen, stecken sich eher bei Erwachsenen an als ihrerseits diese anzustecken, und eine Infektion überwinden sie in aller Regel leicht.

Ein großes Problem in diesem „Was darf man alles nicht“ und was überhaupt noch, ist ja, dass es so schwierig ist, sich testen zu lassen. Man wolle die Infizierten UND  gleichzeitig Gefährdeten weil Vorerkrankten oder Schwachen möglichst schnell herausfiltern – getestet wird nur, wer Symptome aufzeigt und auf irgendeine Weise risikobehaftet ist. Und das verstehe ich nun nicht.  So geschieht es doch gerade, dass viele infiziert sind, es nicht wissen, und andere anstecken, ohne dass einer einer Risikogruppe angehört hat. Von irgendwoher kommen die täglichen Infektionen, und ich schätze mal, aus dem ganz normalen Umfeld.  Wenn aber jeder rätseln muss – war mein Hüsteln und das Kratzen im Hals heute früh vielleicht ein Anzeichen, habe ich nur einen sehr schwachen Verlauf? Oder wie war das gestern mit meiner Müdigkeit und dem Kopfweh? –  dann kann man auch nicht vernünftig entscheiden, wie man sich verhalten soll, und es gehen Leute zur Arbeit, die das nicht sollten, und die andererseits aber auch nicht unkollegial sein wollen, und andere, wie eben Kinder oder Alte, werden in die völlige Isolation gezwungen, und ein Großteil des öffentliches Diskurses kommt zum Erliegen .

Es gibt diese Tests. Und sie sind bezahlbar. Das habe ich in der Welt gelesen, die ja nun als konservativ und seriös gilt. Die Tests würden nicht zuletzt wegen föderaler Unstimmigkeiten  ungeschickt verteilt bzw eben nicht verteilt. Keine Ahnung. Wenn das stimmt, plädiere ich in diesem Zusammenhang für eine Neuordnung!

Echt! Das mit diesen Tests, die nicht zu bekommen sind, ist sehr daneben.

Da liegt ist eine wunderbare, beeindruckende Entschlusskraft in dieser Zeit. Die finde ich großartig! Die würde ich mir in manch anderen Zeiten und Krisen auch wünschen, beim Umweltschutz etwa, beim Klimawandel und bei der Bekämpfung von Fluchtursachen. Kollektiv die Notbremse ziehen – Geht doch!

Und so beherzt, wie da jetzt entschieden und gehandelt wird – wenn man mit etwas mehr Ehrgeiz auch dafür sorgte, dass sich, wer unsicher ist, auch testen lassen kann, dann würde es das Ganze leichter verdaulich machen.  Sicherheit hilft zur Selbstverantwortung. Auch das empfinde ich als systemrelevant. Es soll ja eben  „nicht leichtfertig, und nur temporär“ auf die Lebensqualität gedrückt werden   – so waren Frau Merkels Worte. 

Ich vertraue den Bestimmenden durchaus. Ich bin sicher, sie wissen, was sie tun und haben gute Gründe. Manchmal verstehe ich nicht. Der Ablauf der Geschehnisse  und die Informationen verwirren mich bisweilen und werfen mehr Fragen auf als sie beantworten. Dabei gestehe ich zu, dass die Situation für alle neu ist und man auf nicht sehr viel Erfahrung zurückgreifen kann.  Und ich stelle zur Debatte und lasse mich aufklären. Aber erst einmal vertraue ich und halte es nicht mit Verschwörungstheorien. Lesen tu ich sie allerdings manchmal – schon wegen des Unterhaltungswertes:  die Pharmaindustrie war´s. Die wollen mehr Umsatz. Oder ein in China entwickelter, versehentlich entwichener Virus. Oder das war in Russland, oder in den USA, oder in Israel. Oder er ist eingeschleppt und angehängt – dazu eine Liste aller derer, die immer die Ersten sind, auf die man zeigt und die man ausgrenzt. Und – auch nicht ohne – die Finanzindustrie steckt dahinter: weil man nämlich ein neues Finanzsystem einführen will, und dazu müssen die Zentralbanken abgeschafft werden, und weil das nicht so mir nichts dir nichts geht, muss man einen Notstand ausrufen und das wird also jetzt eingetütet, und dann kommt ein crash, und ein neuer Goldstandart, und ein Schuldenschnitt, und mit dem kommt dann auch der Frieden überall.  Nur die EU wird noch zerschlagen und es wird zwangsgeimpft und jeder bekommt einen Chip. Aber dann ist alles wieder gut.

Uff. Da muss man auch erst drauf kommen.

(Ich habe das von jemandem, den ich ausgesprochen lieb habe, dessen Thesen ich gleichwohl mit allerhöchster Vorsicht genieße. Demnach wäre auch die Erde eine Scheibe. Also – bei aller Liebe…)

Ich stelle nur fest, dass keiner mehr über die zwischen der Türkei und Griechenland feststeckenden Flüchtlinge spricht. In diesen ganzen Krisengesprächen der EU-Spitzen war das offenbar nicht mehr Thema. Die Leute sind einfach immer noch dort. Und hier gilt die Parole „Abschotten“, und jeder findet es völlig in Ordnung und vernünftig und angebracht und richtig. „Vermeiden Sie unnötige Kontakte“ und „Grenzen zu“ – das macht Corona mit uns, und wir beschwören den Gemeinsinn und die Solidarität  und den Schutz unserer Lieben.

Und Ostern fällt aus und wenigstens nageln wir keinen ans Kreuz.

Ein Trost – Es wird ein Leben nach Corona geben.

Ich habe eine Freundin umarmt.  Ohne Küsschen, und auch nur ganz schnell und flüchtig  und mit nur homöopathischem Haut-an-Haut-Kontakt. Und heimlich, nach Blick links und Blick rechts. Wir WOLLTEN einfach. (Getrauen sich eigentlich Liebespaare noch einander zu küssen und so? Ich bin nicht betroffen, aber ich wüsste es gern). 

Eins steht fest, nach dem „Vermeiden Sie!“ muss was andres kommen. Vielleicht besteigt statt Frau Merkel Lena Meyer-Landrut den Ring, mit pinken, zum Turm auftoupierten Glitzerhaaren und verkündet trollsmässigen Knuddelalarm. Und die Glücksbärchis gehen Streife und überprüfen, dass er auch eingehalten wird. Muss ja keiner übertreiben. Make it, but make it safe.

Ich habe auch über die spanische Grippe gelesen. Die hat nach dem ersten Weltkrieg ein Mehrfaches an Toten gefordert als es sie in diesem gab, wo die Überlebensdauer an der Front im Schnitt 14 Tage betrug – dann musste der Nachschub anrollen. Das muss man sich mal vorstellen. Es war von bis zu 50 Millionen Toten weltweit die Rede. Das muss ein übler Virus gewesen sein, und er traf auf von vornherein dezimierte, erschöpfte, gequälte Bevölkerungen und darniederliegende Gesundheits – und Versorgungssysteme. Man wundert sich ja, dass es keine zwanzig Jahre später wieder genug Leute für einen neuerlichen Krieg gab. Die goldenen Zwanziger. Nicht nur in den schillernden Städten – anscheinend hat man es sich allerorten ein bisschen nett gemacht.

Nach der Pest, die die Bevölkerung glatt halbiert hat, erzählt eine Freundin, ist sie wiederum explodiert, und die Lebensfreude feierte neue Blüten. Damals – es hat wohl jemand als übertrieben empfunden – entstanden die Polizey –Ordnungen.

Nach Corona. Man darf gespannt sein. Ob bloß ein wenig geläutert und um eine Erfahrung reicher. Oder gechipt und geimpft und neu verstaatlicht und alle mit Nuggets in der Börse. Oder wir staunen wieder, weil gar nichts zusammengebrochen ist wie befürchtet, und weil man ganz neue Qualitäten entdeckt hat. Vielleicht wird auch einfach nur wieder mehr geküsst.

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