Backfire for Max

Sommertheater im Bockshof.  Ein lauer, sonniger Abend, alle scheinen einen Grund zu haben, gut gelaunt zu sein. Und alle nutzen den auch.

Backfire for Max.

Ich bin mit einer der Schauspielerinnen befreundet – ich bin mehr als nur voreingenommen. Ich gebe zu, mein Star steht von Vornherein fest. Und ich habe die schweren Stiefel an – ich weiß schon vor Beginn, dass ich am Ende begeistert trampeln werde.

Das fällt mir dann nicht schwer. Max von Duttenhofer müsste ich bei allem Genie widerwärtig finden – wäre er nicht so klasse. Gleich geht´s mir mit dem Teufel, mit dem ich später die Ehre habe einen Wein zu trinken. Gab´s auch noch nie. Mit dem Diener wirble ich innerlich mit, die Damen finde ich allesamt hinreißend.

´Backfire for Max´ ist heftig, krass, witzig und gescheit. Die Vorstellung ist ein voller Erfolg, der Applaus fulminant. Dennoch höre ich nach Ende hier und da ein ´Aber´.

Es ist ein Stück Rottweiler Geschichte, und es schmeichelt nicht, was gut so ist – wenn Kunst sich anbiedert, ist´s auch nix. Auch schwer verdaulich darf es sein. Finde ich. Dem Einen ist´s lang, dem anderen plakativ, jemand fühlt sich in seiner lokalpatriotischen Ehre gekränkt. 

Kann ja alles sein. Kann ich nicht beurteilen, kenn ich mich nicht aus, ich denk nur so rum: selbst wenn es schwer verdaulich wäre – das Stück – lang und plakativ, und selbst wenn es eine Ehre kränkte, auch wenn einem der Hintern weh täte, der Kopf rauchte, der Magen grimmte – es darf ein Stachel bleiben;  das Stück darf das, und es ist deswegen und trotzdem toll!

Das Lied der Arbeiterinnen trieb mir Tränen in die Augen.

Und auch das find ich gut. Ein Blick in die Welt, sei´s Geschichte oder Gegenwart, darf weh tun.

Aus Zeiten als Kellnerin im Badhaus meine ich mich zu erinnern, dass die Wahrheit noch viel grausamer war.

Eine Aufgabe bestand darin, die Luft im Saal zu beobachten – wenn die zu rosa wurde, war zu viel explosiver Staub in der Luft, und der Saal musste geräumt und gelüftet werden. Solche Produktionspausen wurden freilich möglichst vermieden, und so füllte die rosa Wolke lange unangefochten Lungen und Poren.

Bis das Badhaus gebaut wurde wuschen sich die ArbeiterInnen das Gift im Neckar ab, sommers wie winters. Im Sommer ist das Neckartal ein angenehm schattiges Plätzchen, im Winter kann es grimmig kalt sein. Wenn man sich im Neckar stehend wäscht, ist es das ganz sicher.

Damals wie heute – bei den Einen floriert das Geschäft, und in prächtigen Palästen werden glanzvolle Gesellschaften gegeben, und auf der anderen Seite  ist das Elend groß.

Der Pulverfabrik wurden, trotzdem die Not drückte, die ArbeiterInnen knapp.  Der Bau des Badhauses etwa war  weniger ein Akt der Barmherzigkeit als der Versuch, die Arbeitsbedingungen  wenigstens pro forma überlebenstauglich zu  gestalten. Es hatte sich herumgesprochen, dass man nicht alt wurde, wenn man in diese Fabrik ging. Und so waren es die Ärmsten der Armen, die keine Wahl hatten, und Strafgefangene, die sich nicht wehren konnten, die es traf.  Deren Not als selbstverschuldet erklärt wurde. Um die sich keiner scherte.

Damals wie heute – der Schnellste und Rücksichtsloseste macht das Rennen. Die Zeche zahlen andere.

Es ist zum Weinen.

Und dennoch muss es nicht gänzlich die Laune verderben. Wir haben´s schließlich nicht geschaffen, ich jedenfalls nicht. Ich will mich dennoch meines Lebens erfreuen.  Aber wenn mir zum eigenen Glück das Unglück der Anderen vor Augen geführt wird, dann ist das okay.  Und das brachte ´Backfire for Max´ prima zusammen – Stachel und Freude.

Ich hatte einen tollen Abend. ´Kann´s nur empfehlen.

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